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Freitag, 17. April 2026

Vorlesestoff spezial: Indianerbücher

Zum Gedenktag der Hl. Kateri Tekakwitha 

"Deutscher sein, hieß auch Indianer sein... wir waren ja mit Indianerbüchern aufgewachsen". Diese Sätze stammen von keinem Geringeren als Heiner Müller (1929-1995), den Tante Wikipedia als "eine[n] der wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts" und eine der "bedeutendsten Schriftstellerpersönlichkeiten der DDR" rühmt; und ich kann nur sagen, auf meine Generation traf das noch weitgehend zu. Vor Jahren habe ich mal in einem Artikel zum Thema "was ich als Kind so alles gelesen habe" ein bisschen selbstironisch überspitzt behauptet, es koste mich "[b]is heute [...] Überwindung, Bücher lesen zu sollen, in denen weder Indianer noch Piraten noch Außerirdische vorkommen" ("Aber die gute Nachricht ist: Zu einer Promotion in Germanistik hat es auch so gelangt"); dort habe ich auch zu Protokoll gegeben, dass ich in meiner Kindheit und frühen Jugend "bestimmt so um die 20 bis 30 Bände Karl May" gelesen habe, und wenngleich das natürlich nicht alles Indianerbücher waren, machten diese doch einen bedeutenden Teil aus. – Wenn ich mir indes die Lektürevorlieben heutiger Kinder und Heranwachsenden ansehe, drängt sich mir doch massiv der Eindruck auf, dass Drachenreiter, paranormal begabte Waisenkinder und alle möglichen Arten von Gestaltwandlern den edlen Rothäuten von einst entschieden den Rang abgelaufen haben. 

‐- Wer an dieser Stelle den Zusatz "sofern Kinder heutzutage überhaupt noch lesen" erwartet, dem sei gesagt, dass ich diese spezielle Spielart von Kulturpessimismus nicht teile. Die Klage darüber, dass "die Kinder heutzutage" angeblich nicht mehr lesen, ist meiner Einschätzung zufolge nur wenig jünger als die, dass sie zu viel lesen, und mit beidem ist in aller Regel nur gemeint, dass sie das Falsche lesen. Das war in meiner Kindheit so, in der Kindheit meiner Eltern und wahrscheinlich auch schon in Heiner Müllers Kindheit. Tatsache ist, es gibt heute genauso wie früher Kinder, die viel lesen, und Kinder, die wenig (oder vielleicht auch, zumindest freiwillig und aus eigenem Antrieb, gar nicht) lesen. Das ist nicht in erster Linie ein Zeitphänomen; 's war immer so, 's war immer so. 

Da aber mein Jüngster mit seinen fünf Jahren noch nicht selber liest und auch die Achtjährige sich zum Schlafengehen immer noch gern vorlesen lässt, habe ich natürlich einen gewissen Einfluss auf den Lesestoff meiner Kinder und unternehme von Zeit zu Zeit behutsame Versuche, meine eigenen Lektürevorlieben sozusagen auf sie abfärben zu lassen. Mit Karl May bin ich ihnen bisher allerdings noch nicht gekommen, das hat vielleicht noch ein bisschen Zeit. Wenn ich mich richtig erinnere, war das erste Indianerbuch, das ich meinen Kindern vorgelesen habe, "Der Clan des Bären" von William Mayne – bitte nicht verwechseln mit Jean M. Auels Steinzeit-Softporno "Ayla und der Clan des Bären"! –, das meine Liebste mit in die Ehe gebracht hat. Maynes Buch (Originaltitel "Drift", erstmals erschienen 1985) hat mit klassischen Lederstrumpf- oder Winnetou-Abenteuer wenig gemein; es erzählt die Geschichte eines weißen Jungen, der gemeinsam mit einem Indianermädchen auf einer Eisscholle von seinem Zuhause weggetrieben wird, in der Wildnis von zwei erwachsenen Indianerinnen aufgelesen und nach einer gefahrvollen und entbehrungsreichen Wanderung schließlich nach Hause zurückgebracht wird. Das Bemerkenswerteste an diesem Buch ist seine Erzählstruktur: Zunächst wird die Handlung aus Sicht des weißen Jungen geschildert, und erst an dem Punkt, an dem man meinen könnte, das Buch könnte jetzt zu Ende sein, wird die Perspektive des zwischenzeitlich totgeglaubten Indianermädchens nachgeliefert – wodurch der Junge sich als "unzuverlässiger Erzähler" herausstellt, der entscheidende Teile der Handlung nicht mitbekommen oder falsch verstanden hat. Trotz dieses raffinierten "Twists" ist die Handlung des Buches über weite Strecken spröde, zäh und teilweise geradezu deprimierend, und es wundert mich nicht unbedingt, dass die Lektüre meine Kinder nicht unmittelbar zu Fans des Genres "Indianerbücher" gemacht hat. 

Neulich war uns allerdings – nachdem wir zuerst die Reihe "Die geheime Drachenschule" und dann auch die "Harry Potter"-Reihe zu Ende gelesen hatten – der aus der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Stadtteilbibliothek ausgeliehene Lesestoff vorübergehend ausgegangen, was uns veranlasste, erst mal zu schauen, was unsere eigenen Bestände noch so hergaben. Und da fiel nun die Wahl unserer Kinder unter mehreren Vorschlägen auf Anna Jürgens "Blauvogel, Wahlsohn der Irokesen" – neben Liselotte Welskopf-Henrichs "Die Söhne der Großen Bärin" wohl der klassische Indianerroman der DDR; dazu sei erwähnt, dass die spezifische DDR-Variante der Indianerthematik in Literatur und Film ein Spezialthema meines geschätzten Hochschullehrers Thomas Kramer ist, von dem ich einiges darüber gelernt habe, aber selbst gelesen hatte ich die entsprechenden Primärtexte bisher nie, und folgerichtig war ich nun auch sehr gespannt. Ich glaube übrigens, dass es vor allem unser Jüngster war, der es durchsetzte, "Blauvogel" auf die Leseliste zu setzen, aber letztlich gefiel das Buch dem Tochterkind besser als ihm. Wie das Leben manchmal so spielt. 

Die Handlung von "Blauvogel" ist vor dem historischen Hintergrund des in der US-amerikanischen Geschichtsschreibung als French and Indian War bezeichneten, aus europäischer Perspektive als Teilkonflikt des Siebenjährigen Krieges betrachteten Kolonialkriegs zwischen Engländern und Franzosen in Nordamerika von 1754-63 angesiedelt: Der neunjährige Sohn einer englischen Siedlerfamilie in Pennsylvania gerät auf einer Kundschaftermission in die Gefangenschaft von Indianern; statt jedoch, wie er befürchtet, am Marterpfahl hingerichtet zu werden, wird er von einem Häuptling der Irokesen als Ersatz für dessen verstorbenen Sohn adoptiert. Nach anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten (und einem Fluchtversuch) lebt er sich doch recht bald so gut bei den Irokesen ein, dass er, als nach dem Ende des Krieges die siegreichen Engländer von den Indianern die Auslieferung aller weißen Gefangenen fordern, gar nicht mehr zurück will. Als er dennoch zu seiner Familie zurückgebracht wird, zeigt sich, dass die Lebensweise der Weißen ihm zutiefst fremd geworden ist; daher läuft er schließlich davon und kehrt zu den Irokesen zurück. Im Nachwort betont die Autorin, dass es – auch wenn die Romanhandlung in den konkreten Einzelheiten fiktiv sei – ähnliche Fälle tatsächlich gegeben habe. 

Ich denke, man kann getrost sagen, dass die Stärke von "Blauvogel" weniger in einer mitreißenden Handlung liegt als in der Darstellung der Charakterentwicklung der Hauptfigur: Wie aus dem weißen Siedlerjungen nach und nach ein Indianer wird, das schildert die Autorin geschickt und überzeugend, und das macht das Buch auch zu einer emotional fesselnden und bewegenden Lektüre. – Jedenfalls veranlasste mich dieses Leseerlebnis, nicht in unmittelbarem Anschluss daran, aber doch ziemlich bald danach ein Buch aus dem Regal hervorzukramen, das vor ein paar Jahren als Spende für das Büchereiprojekt in meinen Besitz gelangt war: "Das Mädchen der Mohawks" von Franz Weiser – eine in Romanform gestaltete Biographie der Hl. Kateri Tekakwitha. Die Handlung spielt zwar rund ein Jahrhundert früher als diejenige von "Blauvogel" und um die 800 km weiter nordöstlich, aber immerhin auch bei den Irokesen, wodurch sich so allerlei Parallelen ergeben – was auch den Kindern aufgefallen ist. Was man aus den beiden Büchern etwa über die Bauweise und Einrichtung der Häuser der Irokesen, ihre Familienstruktur, über Feldbau, Jagd, Essenszubereitung usw. erfährt, stimmt nicht in allen Einzelheiten überein, weist aber ein hohes Maß an Übereinstimmung auf – was indes weniger auf gegenseitige Beeinflussung schließen lässt ("Blauvogel" erschien erstmals 1950, "Das Mädchen der Mohawks" 1970) als darauf, dass beide Autoren Geschichte und Kultur der Irokesen gründlich recheriert haben: Die "Blauvogel"-Verfasserin Anna Jürgen, bürgerlich Anna Müller-Tannewitz, war verheiratet mit dem Ethnologen Werner Müller, der umfangreiche Forschungen zur Kultur und Mythologie der nordamerikanischen Indianer betrieb; und Franz Weiser, ein Jesuitenpater, war 1938 von seinem Orden in die USA entsandt worden, um dort die Geschichte der jesuitischen Missionstätigkeit in Nordamerika zu studieren. 

Wo sich die beiden Bücher in ihrer Darstellung der Lebensweise der Indianer auffallend unterscheiden, hat dies in hohem Maße weltanschauliche Gründe. Dabei ist der ideologische Standpunkt von "Blauvogel" durchaus nicht so eindeutig, wie man das als ignoranter Wessi vielleicht von DDR-Literatur erwarten würde: Sicherlich kann man sagen, dass das positive Indianerbild in der DDR antiimperialistisch und antikapitalistisch motiviert war, und wohl auch, dass damit weltpolitisch gegen die USA Stimmung gemacht wurde (die es zur Handlungszeit von "Blauvogel" freilich noch nicht gab, aber der French and Indian War gehört durchaus in den Kontext ihrer Gründungs-Vorgeschichte). Andererseits zeigt sich in der "agrarromantischen" Idealisierung der im Einklang mit der Natur lebenden Indianer, denen die die Natur lediglich unter Nützlichkeitsgesichtspunkten betrachtenden und ausbeutenden weißen Siedler als Negativfolie gegenübergestellt wird, ein antizivilisatorischer Affekt, der sich kaum mit dem technokratischen Fortschrittskonzept des real existierenden Sozialismus vertragen haben dürfte. Ich könnte mir vorstellen, dass mein schon erwähnter Hochschullehrer Thomas Kramer zu diesen Ambivalenzen im Indianerbild der DDR-Populärkultur so allerlei anzumerken hätte. 

Dass die Indianer bei Franz Weiser erheblich weniger idealisiert dargestellt werden, erklärt sich wesentlich durch die Absicht des Autors, zu zeigen, dass die Indianer zu ihrem Heil der christlichen Mission bedürfen. Stellenweise zeigt er sich durchaus offen für das Argument, manches Schlechte, das man bei den Indianern finde, sei auf schlechten Einfluss der Weißen zurückzuführen; so etwa ihr Hang zur Trunksucht, der dadurch gefördert werde, dass die Holländer den Irokesen Schnaps verkaufen. In der Hauptsache bringt Weiser jedoch alles, was er an der Lebensweise der Irokesen kritisiert, mit ihrem heidnischen Götzendienst in Verbindung – die Trunksucht ebenso wie die grausame Hinrichtung von Gefangenen am Marterpfahl (die er als Menschenopfer für den Kriegsgott Areskoi erklärt) und sexuelle Ausschweifungen, von denen allerdings aus Rücksicht auf das jugendliche Lesepublikum nur andeutungsweise die Rede ist. – In "Blauvogel" spielt das Christentum nur ganz am Rande eine Rolle, aber interessant sind diese beiläufigen Erwähnungen doch. So spielt ein Indianermädchen namens Malia eine wichtige Rolle als Adoptivschwester des Protagonisten, der irgendwann einmal auf die Idee kommt, sich über ihren Namen zu wundern, der so ganz anders ist als die Namen der anderen Stammesmitglieder und offenbar nicht aus der Irokesensprache stammt; daraufhin erfährt er (und mit ihm der Leser), ein "Schwarzrock" habe dem Mädchen Wasser über den Kopf gegossen und ihm den Namen Malia gegeben – eigentlich "Maria", aber die Irokesen können das R nicht richtig aussprechen. Kurz vor Ende des Romans, im Zuge der zeitweiligen (erzwungenen) Rückkehr des Protagonisten zu den Weißen, gibt es eine Passage, in der der Pfarrer von Bedford bestürzt feststellt, dass der Junge seine christliche Erziehung fast vollständig vergessen und die Naturreligion der Irokesen angenommen hat. 

Im Unterschied dazu gibt es im Handlungskosmos von Franz Weisers "Das Mädchen der Mohawks" von Anfang an christliche Indianer, die entweder als Sklaven bei den heidnischen Irokesen leben oder in den Stamm eingeheiratet haben und die unbeirrbar an ihrem Glauben festhalten, auch wenn sie jahrelang keinen Priester zu sehen bekommen und die Sakramente nicht empfangen können; und die "Schwarzröcke" – womit hier explizit Jesuiten gemeint sind – erwerben sich durch ihre Weisheit, ihre Tapferkeit, Opferbereitschaft und Integrität den Respekt selbst der eingefleischtesten Heiden. 

Sprachlich sind beide Bücher, zum Teil schon durch ihr Alter, durchaus anspruchsvoll für heutige Kinder, "Das Mädchen der Mohawks" allerdings noch mehr als "Blauvogel"; auch der religiöse Gehalt macht Weisers Buch nicht gerade zu einer locker-leichten Lektüre. Umso bemerkenswerter fand ich es, dass meine achtjährige Tochter recht bald eine innige Zuneigung zur Protagonistin fasste. Als wir ans Ende der Lebensgeschichte der Hl. Kateri Tekakwitha gelangt waren, fragte das Tochterkind sogar, ob wir mal den Reliquienschrein der Heiligen besuchen könnten (der sich in Kahnawaka, einer Mohawk-Reservation am Rande von Montreal, befindet) – was wohl ein klassischer Fall von "theoretisch ja, aber ist halt 'ne Kostenfrage" ist. Gleich darauf fiel es dem Tochterkind ein, zu fragen, ob es vielleicht eine Novene zur Hl. Kateri Tekakwitha gebe. Die gibt's tatsächlich, aber online fand ich sie nur auf Englisch, und außerdem war es eigentlich schon zwei Tage zu spät, um damit anzufangen. Immerhin fand ich ein etwas unbeholfen ins Deutsche übersetztes Gebet zur Hl. Kateri, das wir an diesem Abend anstelle unseres üblichen Gutenachtgebets beteten. 

Angesichts des unerwartet großen Erfolgs des "Mädchens der Mohawk" bei meinen Kindern darf man es wohl als recht erfreulich betrachten, dass ich noch ein paar weitere Bücher mit Indianergeschichten von Franz Weiser im Regal stehen habe – ein Umstand, der ebenfalls dem Büchereiprojekt zu verdanken ist: Ich habe da mal einen ganzen Karton mit vom Freundeskreis Maria Goretti herausgegebenen Taschenbüchern zugesandt bekommen, und unter diesen finden sich Weisers Erzählungen "Watomika, der letzte Häuptling der Delawaren", "Ekom, der Schwarzrock" (über den Hl. Jean de Brébeuf) und "In den Bergen von Montana" (über den Missionar Pieter-Jan de Smet). Die werden dann wohl auch demnächst mal auf unserer Leseliste landen. Erst mal lesen wir jetzt aber ganz was anderes, nämlich ein DDR-Jugendbuch, das mir unlängst in einem Tausch- bzw. Verschenkeregal in die Hände gefallen ist: "Trampen nach Norden" von Gerhard Holtz-Baumert, der wohl hauptsächlich als Schöpfer der klassischen Lausbubenfigur Alfons Zitterbacke bekannt sein dürfte. In "Trampen nach Norden" – erschienen 1975, zwei Jahre später fürs DDR-Fernsehen verfilmt – geht es inhaltlich und stilistisch anders zu als in den Zitterbacke-Geschichten, aber interessant und unterhaltsam ist das Buch allemal; es erscheint durchaus möglich, dass ich auch darüber noch bloggen werde... 


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