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Freitag, 14. April 2023

Der seltsame Fall der eingekerkerten Nonne, Teil 16

Hand aufs Herz, Leser: Nach dem "Cliffhanger" am Ende der letzten Folge dieser Artikelserie gibt's bestimmt den einen oder die andere unter Euch, die es deutlich mehr interessieren würde, wie es mit dem "Kloster der Verdammten" in Sir John Retcliffes "Biarritz" weitergeht, als die schlecht konstruierte Handlung von Dr. Rodes "Barbara Ubryk"-Roman weiterzuverfolgen; und wenn ich ehrlich bin, hätte ich selbst ebenfalls erheblich mehr Lust, da weiterzumachen, wo ich in der letzten Folge aufgehört habe. Aber da macht der alte Fuchs Retcliffe mir und Euch einen Strich durch die Rechnung: Kaum eine Seite nachdem ich einen Cliffhanger eingebaut habe, setzt er selbst einen. Das Gespräch zwischen Tonelletto und Chevigné über das "Kloster der Verdammten" wird abrupt unterbrochen, als im Lager der Briganten Streit darüber ausbricht, wie mit den Gefangenen aus den Reihen der piemontesischen Armee verfahren werden soll. Da die Gegenseite zwei gefangene Freischärler kurzerhand aufgeknüpft hat, wird nach einigem Hin und Her der Beschluss gefasst, dass im Gegenzug auch die Briganten zwei ihrer fünf Gefangenen hinrichten, und die Gefangenen müssen darum würfeln, wer von ihnen mit dem Leben davonkommt. Dann tritt die Freischar den Rückzug vor der anrückenden Übermacht der Feinde an, und an dieser Stelle leistet sich der Verfasser erst mal einen Exkurs über die allgemeine militärisch-politische Lage in Italien zum Zeitpunkt der Handlung. Insgesamt dauert es 62 Seiten, bis die Briganten ihr Lager am Fuße jener Felsen aufschlagen, auf denen das Kloster der Verdammten thront, und ich denke, es ist nur recht und billig, dass wir diese Zäsur nutzen, um uns erst einmal anzuschauen, wie es derweil mit "Jovita von den Engeln" weitergeht. 

Die gute Nachricht ist, dass auch hier die Handlung, die in den zuletzt untersuchten drei Kapiteln doch arg ins Stocken gekommen war, allmählich wieder Fahrt aufnimmt. Es beginnt damit, dass im Kloster die Wahl der Priorin ansteht und die bisherige Amtsinhaberin Lidwina der intriganten Schwester Zitta unterliegt. Für Jovita wird das Leben im Kloster dadurch noch schwieriger: War schon die bisherige Priorin ihr nicht gerade wohlgesonnen, steht Zitta ihr noch erheblich feindseliger gegenüber. Hinzu kommt, dass Schwester Paula, Jovitas einzige Freundin und Vertraute im Kloster, schwer erkrankt und bald darauf stirbt. Sicherlich würde der Tod dieser Nebenfigur den Leser stärker berühren, wenn der Autor sich im Vorfeld etwas mehr Mühe gegeben hätte, sie als Charakter interessant zu machen, aber das ist insgesamt nicht seine Stärke: Die meisten seiner Romanfiguren, darunter sogar ausgesprochen wichtige, haben lediglich eine Handlungsfunktion, aber keine Persönlichkeit. Auch die Rivalität zwischen Lidwina und Zitta ist infolge dieses Mangels nicht so interessant, wie sie theoretisch hätte sein können. 

Das für den weiteren Handlungsverlauf entscheidende Ergebnis dieser Entwicklungen ist jedenfalls, dass Jovita im Kloster zusehends isoliert ist und desto schutzloser den Nachstellungen des schurkischen Beichtvaters Gratian ausgeliefert ist. Dieser will sie zu einer förmlichen Eheschließung überreden (und das LVIII. Kapitel heißt folgerichtig auch "Eine Ehe im Kloster"); was er damit bezweckt – außer vielleicht, Jovitas letzten Widerstand zu brechen, diese Ehe dann auch zu "vollziehen" –, bleibt unklar, denn der Mönch müsste ja wissen, dass eine solche Eheschließung kirchenrechtlich ungültig ist. Jovita hingegeben weiß das möglicherweise nicht. Ihren Bedenken begegnet Gratian, wie wir es schon in der vorigen Leseetappe erlebt haben, mit allerlei "theologischen Spitzfindigkeiten" (S. 863), die der armen Jovita zu hoch sind, weshalb sie "bald durch die Wucht der von Gratian ihr vorgeführten Gründe bezwungen" wird (ebd.). "Christus ist der Bräutigam der Seele, aber nicht des Leibes", erwidert er auf ihren Einwand "Christus ist allein mein Bräutigam. Wie könnte ich neben ihm einen Mann besitzen?" (S. 862); und weiter führt er aus: "[D]er Geist kann tugendhaft bleiben, wenn auch der Körper nach den Begriffen der gewöhnlichen Menschen sündigt. Der Geist nämlich gehört Gott, der Körper der Welt, und jedem von diesen beiden muß sein Theil werden" (S. 863). 

Schließlich gibt Jovita also "ihre Einwilligung zur Abschließung einer geheimen Ehe mit Gratian", wenn auch nur unter der Bedingung, "daß ein anderer Pater die kirchliche Einsegnung vornehmen müsse" (S. 864). Diese Forderung bringt Gratian in keine große Verlegenheit: "Keine Katze hat es je der andern verübelt, daß sie Mäuse fing" (ebd.), folglich findet der verdorbene Pater recht problemlos einen Mitbruder, der bereit ist, ihm "den erwünschten Dienst" zu leisten – nämlich "den Pater Alfons, der in der Welt Jedediah Pumpkins geheißen hatte" (ebd.). – Halten wir bei diesem auffälligen Namen einmal inne und fragen uns: Wo haben wir den schon mal gehört bzw. gelesen? Richtig: im Prolog-Kapitel "Die beiden Manuscripte". Da wird geschildert, wie der Erzähler bei einem Trödler in London verschiedene Papiere erwirbt – u.a. "[t]agebuchartige Notizen eines Mönches [...] in lateinischer Sprache" sowie "Briefe, [...] deutsch und polnisch geschrieben" (S. 14)–; und dieser Trödler trägt eben den Namen Jedediah Pumpkins. Auf die Frage des Erzählers, wie er "zu diesen Schriften gekommen" sei, erwidert Pumpkins, das sei "eine lange und traurige Geschichte" (ebd.); er sucht ihn am nächsten Abend auf, um ihm diese Geschichte mitzuteilen, und der Erzähler resümiert: "Was der Mann mir erzählt, was ich in meinen Manuscripten gelesen, es ergänzt sich wechselseitig. Ich hatte in wenig Stunden des Merkwürdigen, Unerhörten, des Wunderbaren so vieles erfahren[,] ich hatte so tiefe Blicke gethan in das Leben gewisser Klassen von Menschen und Dinge gehört, von welchen ich weder selbst eine Ahnung hatte noch wovon sich die Welt etwas träumen läßt" (S. 15). Dass der Autor nun, nachdem von diesen angeblichen schriftlichen und mündlichen Quellen des Romans seit Hunderten von Seiten keine Rede mehr gewesen ist, den Namen dieses Trödlers erneut ins Spiel bringt, lässt darauf schließen, dass er sich allmählich mit der Notwendigkeit konfrontieren wird, seine Geschichte "rund zu kriegen": Geht man davon aus, dass jede Lieferung des Romans drei Druckbogen, also 48 Seiten, umfasste, dann sind wir bereits am Ende der 18. Lieferung angelangt; der Vorrede des Verlegers zufolge war der Roman ursprünglich auf 20 Lieferungen angelegt, und die Nonne ist noch nicht mal richtig eingekerkert; es ist nicht so recht absehbar, wie der Autor sich da herauswinden will. Aber immerhin versucht er es; wir werden noch sehen, dass die Bemühungen, lange Zeit vernachlässigte und beinahe in Vergessenheit geratene Handlungsfäden fortzuspinnen, in den nächsten Kapiteln zunehmen. 

Wenn von jenem Pater Alfons, den Gratian dazu ausersehen hat, ihn mit Jovita zu trauen, gesagt wird, er habe "in der Welt Jedediah Pumpkins geheißen", dann soll der Leser sich dabei wohl denken, dass dieser Ordensgeistliche später aus seinem Orden austrat, seinen weltlichen Namen wieder annahm, in London Trödler wurde und in dieser Eigenschaft den Autor mit Insiderwissen über den Fall Barbara Ubryk versorgte. Aber das strapaziert die Glaubwürdigkeit dann doch sehr. Das fängt bereits mit der Frage an, wie jemand, den schon sein Name als "richtigen Engländer" (S. 11) kennzeichnet, Ordenspriester in Russisch-Polen wird; zudem behauptet Jedediah Pumpkins auf S. 13, er könne nicht lesen – was für den Inhaber eines Ladengeschäfts schon unglaubwürdig genug sein mag, für einen ehemaligen Mönch und Priester aber wohl erst recht. 

Wie dem auch sei: Trotz einiger Bedenken vollzieht Pater Alfons die heimliche Trauung Gratians mit Jovita und schärft den Brautleuten – bzw. vor allem wohl der Braut – ein: "Die Ehe bleibt giltig, wenn sie öffentlich oder heimlich vollzogen wird, in Gegenwart Gottes allein oder im Beisein mehrerer Zeugen. Was hier gebunden wird, ist auch im Himmel gebunden" (S. 867). Jovita gibt ihr Jawort "mit kaum hörbarer Stimme" (ebd.) und vernimmt gleich darauf eine "innere Stimme", die ihr zuruft: "Was hast Du gethan? Verbrecherin, Du hast gesündigt wider den Heiligen Geist!" (S. 868). Kaum ist die Trauung vorüber, da verabschiedet Gratian sich auch schon – indem er erklärt, er habe "Befehl erhalten, heute nach Krakau abzureisen, um dem dortigen Frauenkloster unseres Ordens einen Erlaß des Generals zu überbringen" (ebd.). Es läge nahe, auch diese Wendung im Zusammenhang damit zu sehen, dass der Autor einen Dreh zu finden versucht, seine Geschichte zu einem sinnvollen und mit den bekannten Fakten des realen Falles der Barbara Ubryk (die ja schließlich im Krakauer Karmel eingekerkert war) übereinstimmenden Abschluss zu bringen. Desto irritierender wirkt es, dass Gratian dann tatsächlich gar nicht nach Krakau reist, sondern im Warschauer "Karmeliter-Kloster St. Josef" bleibt und dort acht Tage "theils auf dem Chore, theils in der Klosterbräuerei" zubringt (S. 872). Anscheinend soll dieses Manöver dazu dienen, einerseits Jovita, andererseits aber auch die neue Priorin über seine wahren Absichten zu täuschen, aber was er damit letztlich bezweckt, bleibt unklar – und was der Autor damit bezweckt, erst recht. – Während Gratians vermeintlicher Abwesenheit vertritt ihn Pater Alfons als Jovitas Beichtvater und rät ihr, "den Pater Gratian soviel als möglich zu meiden und ihm nur bedingt zu trauen" (S. 870), aber sie befolgt "seinen gut gemeinten Rath nicht; sie war bereits zu weit von Gratian auf Abwege geführt worden, und trug das Bewußtsein in sich, daß sie sich nicht mehr aus den Fesseln, in die er sie geschlagen habe, losmachen könne" (ebd.). 

Das LIX. Kapitel trägt die Überschrift "Von Kreuzerhöhung bis Ostern" und ist somit nach einem Zeitraum im Kirchenjahr benannt, der "[n]ach den Vorschriften der heiligen Theresia [...] der strengen Buße und Abtödtung gewidmet sein" soll, wobei die "Geißelung [...] die Hauptrolle" spielt (S. 873). "Die Priorin Zitta legte großes Gewicht auf die Beobachtung der vorgeschriebenen Disciplin [...] und insbesondere Jovita züchtigte sich auf Anrathen des Beichtvaters mit solchem Eifer, daß ihre Gesundheit darunter ernstlich zu leiden anfing" (ebd.). – Trotz des rapide knapper werdenden Raums, der ihm für den Abschluss seiner Erzählung noch bleibt, und obwohl er dieses Thema schon in Kapitel LIII recht ausführlich behandelt hatte, lässt sich der Autor die Gelegenheit zu einigen Exkursen über die Bußpraxis der (Selbst-)Geißelung nicht entgehen. So beruft er sich u.a. auf den "fromme[n] und gelehrte[n] Abbé Boileau" – d.i. Jacques Boileau (1635-1716), Doktor der Theologie an der Sorbonne und Bruder des klassizistischen Dichters Nicolas Boileau –, der "in seiner oberhirtlich approbirten Streitschrift de disciplinis" nachgewiesen habe, "daß diese Geißelungen gerade das Gegentheil von dem bewirkten, was man damit erreichen wollte": 

"Wenigstens ist die Geißelung der Lenden um so gefährlicher, als die Krankheiten des Geistes mehr zu fürchten sind, als die des Körpers. Die Anatomen bemerken , daß die Lenden sich bis zu den drei äußeren Muskeln der Hinterbacken erstrecken, dem großen, mittleren und kleinern, so daß darin drei Zwischenmuskeln enthalten sind, oder ein einzelner, welchen man den dreiköpfigen Muskel, triceps, nennt. Hieraus folgt nun ganz nothwendig, daß, wenn die Lendenmuskeln mit Ruthen oder Peitschenhieben getroffen werden, die Lebensgeister mit Heftigkeit gegen das os pubis zurückgestoßen werden und unanständige Bewegungen erregen. Diese Eindrücke gehen sogleich in das Gehirn über, malen hier lebhafte Bilder verbotener Freuden, bezaubern durch ihre trügerischen Reize den Verstand, und die Keuschheit liegt in den letzten Zügen" (S. 874). 
Es ist vielleicht nicht uninteressant, darauf hinzuweisen, dass diese Ausführungen in den Kontext einer kritischen Darstellung der mittelalterlichen Laienbewegung der Flagellanten gehören und dass dem Verfasser Boileau schon von Zeitgenossen vorgeworfen wurde, er nutze die historische Kritik als Deckmantel für Pornographie. Was das betrifft, kann man wohl sagen, dass der Romanautor entschlossen in seine Fußstapfen tritt. 

Carl von Marr: Die Flagellanten (1889; gemeinfrei

Nun aber mal zurück zur Romanhandlung – die an dieser Stelle wieder einmal mit einem konkreten Datum markiert ist: Die in der Überschrift von Kapitel LIX angesprochene Bußzeit beginnt am 14. September 1844, demnach ist Barbara alias Jovita bereits 27 Jahre alt und somit nach damaligen Maßstäben schon über die Blüte ihrer Jahre hinaus, und im Kloster ist sie schon seit ungefähr zwei Jahren. Im Rahmen der bereits angesprochenen Bußübungen lässt "Jovita [...] sich auf Wunsch des Beichtvaters [...] die Hände auf den Rücken binden und von der Priorin Zitta geißeln. Pater Gratian hatte [...] dieser insgeheim aufgetragen, diese Gelegenheit zur Abkühlung ihrer unversöhnlichen Gefühle gegen Jovita zu benützen" (S. 875). Was er sich von dieser grausamen Behandlung Jovitas verspricht, bleibt unklar, wenig überraschend sind hingegen die handfesten Folgen: "Bald darauf begann Jovita zu kränkeln. Sie fiel öfter in Ohnmachten und zeigte große Schwäche. Ihr Aussehen wurde sehr leidend, und sie sprach sich selbst gegen die Priorin aus, daß ihre Gesundheit durch die oftmaligen und starken Geißelungen zerüttet werde" (ebd.). Da die Priorin um ihren Ruf bei den Schwestern fürchtet, erlässt sie Jovita in Absprache mit dem Beichtvater weitere Geißelungen und lässt sie zur Erholung in der Klosterapotheke arbeiten. Dadurch kommt Jovita – erstmals seit ihrem Eintritt ins Kloster, wie es scheint – wieder mit der Außenwelt in Berührung, denn "[v]iele Bewohner der Stadt bezogen ihre Arzneien aus der Klosterapotheke, weil sie in thörichtem Aberglauben dieser einen größeren Segen und eine gewisse Weihe zuschrieben" (S. 877). So kommt es, wie es kommen muss: Unter den Kunden der Apotheke "befand sich ein junger Mann" mit "schwarzen stechenden Augen"; "ein feines Lächeln umspielte seinen Mund [...], und der schwermüthige Zug, welcher sich auf seinem Gesichte ausprägte, zog sie besonders an. Ein bescheidenes Bärtchen umsproßte die Oberlippen, die Wangen fingen erst an mit zartem Flaum sich zu bedecken, und ein Grübchen saß allerliebst im Kinne. Die Schnüre, die seine Brust verzierten, ließen vermuthen, daß der schmucke junge Mann ein Student war" (ebd.). Kurz, wir haben es mit einem "edlen Polen" zu tun, wie er im Buche steht und wie auch Jovitas bzw. Barbaras Vater Kasimir einer war, als er ihre Mutter kennenlernte: und wie wir uns erinnern, lebte ihre Mutter zu diesem Zeitpunkt ebenfalls in einem Kloster. Man könnte hier von einem Motivreim sprechen – einem Stilmittel, das Heinz Stolte anhand höfischer Romane des Mittelalters beschrieben hat, das aber z.B. auch Sir John Retcliffe oder Karl May gern zur Gliederung ihrer ausufernden Fortsetzungsromane einsetzten. Denkbar erscheint es aber auch, dass in einer früheren, unabhängig vom realen Fall der Barbara Ubryk entstandenen Entwurfsfassung des Romans Elka und Jovita nicht Mutter und Tochter, sondern mitsamt ihren jeweiligen Freundinnen und Vertrauten Therese und Paula gleichzeitig im selben Kloster beheimatet waren und die sie betreffenden Handlungsstränge parallel zueinander erzählt wurden. – Während dies naturgemäß spekulativ bleibt, nutzt der Autor Jovitas Begegnung mit dem jungen, gutaussehenden Apothekenkunden alsbald dazu, an einen anderen früheren und fast schon in Vergessenheit geratenen Handlungsstrang anzuknüpfen: Der junge Mann, Woicech Zarski, entpuppt sich nämlich als Adoptivsohn jener Familie, die während des Polnischen Aufstands von 1830/31 die damals 13jährige Barbara, als diese bei Barrikadenkämpfen verwundet worden war, bei sich aufgenommen und gesundgepflegt hatte. Freilich könnte man hier mit Lone Starr aus "Spaceballs" fragen "Wozu macht uns das?", und hier wie dort müsste die Antwort lauten "Genaugenommen zu gar nichts": Zu dem Zeitpunkt, als Barbara im Haushalt eines Fabrikarbeiters von ihren "in der Schreckensnacht des 29. Novembers" erlittenen Verletzungen genas, gehörte Woicech noch gar nicht zu dessen Familie. Vielmehr hatten der Arbeiter und seine Frau einen Sohn namens Paul gehabt, der auf den Barrikaden fiel, während Woicech "in derselben Nacht [s]einen Vater verlor und als Doppelwaise in der Welt stand", weshalb der Arbeiter ihn "an Kindesstatt" annahm (S. 880). Weiter berichtet Woicech: 

"In der Schlacht bei Grochow fiel mein zweiter Vater verwundet in die Gefangenschaft der Russen und man hörte nichts mehr von ihm. [...]. Vor drei Jahren kam plötzlich der Vater aus Sibirien zurück, nachdem wir ihn durch dreizehn Jahre als todt betrauert hatten. Die Leiden der Verbannung, die Ueberanstrengungen beim Straßenbau in Sibirien und die weite Heimreise zu Fuß hatten aber seine Kraft gebrochen, und er starb bald darauf. Aus Gram und Harm über seinen Tod befiel die Mutter ein schleichen des Fieber, das endlich in Auszehrung überging und ihrem Leben wohl auch bald ein Ende machen wird" (ebd.). 
Auch hier haben wir es wieder mit einem Motivreim zu tun, schließlich war auch Barbaras Vater Kasimir in der Verbannung in Sibirien und kehrte nach neun Jahren unerwartet zurück. – Die Nachricht von der schweren Erkrankung ihrer einstigen Pflegerin veranlasst Barbara alias Jovita, Woicech bei dessen nächstem Besuch in der Apotheke "ein Briefchen" zuzustecken und ihn "um dessen Besorgung" zu bitten (S. 882); der verliebte Woicech glaubt zunächst, der Brief wäre für ihn, tatsächlich ist er jedoch "an eine Frau von Ubryk" adressiert, d.h. an Barbaras Mutter Elka. Noch am selben Tag sucht Elka Woicechs Adoptivmutter Marika auf und äußert ihre "Freude [...], dieser jetzt die Aufopferung und Wohlthätigkeit, welche sie nach jener Schreckensnacht des 29. November ihrer Tochter Barbara angedeihen ließ, vergelten zu können. Sie bestellte ihr auch sofort einen Dienstboten und versah sie in der großmüthigsten Weise mit Geld" (ebd.).Trotz dieser Fürsorge stirbt Marika wenig später, sodass es bis auf Weiteres den Anschein hat, als hätte dieser Rückgriff auf einen rund 300 Seiten zurückliegenden Handlungsstrang für den weiteren Handlungsverlauf keine weiteren Konsequenzen als die, dass die emotionale Annäherung zwischen Jovita alias Barbara und Woicech dadurch beschleunigt und verstärkt wird. 

Immerhin ist dieses Intermezzo aber ein weiteres Indiz dafür, dass der Autor allmählich die Notwendigkeit sieht, den Knoten seiner Handlung zu schürzen; aber so richtig kriegt er doch nicht den Dreh, und man hat auch nicht den Eindruck, dass er sich dabei sonderlich viel Mühe gibt. Derweil ist der weitere Verlauf des LIX. Kapitels geradezu vollgestopft mit Handlung – so sehr, dass wir wohl nicht so bald Gelegenheiten haben werden, mal in den anderen Roman 'rüberzuschielen und nachzusehen, wie's derweil in den Abruzzen steht. Leider ist von dieser Überfülle an Handlung kaum etwas wirklich auserzählt, sodass das Kapitel sich streckenweise liest wie seine eigene Inhaltsangabe. Vorrangiges Thema des Kapitels ist natürlich die sich entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Jovita und Woicech, aber daneben begibt sich der Autor immer mal wieder auf kleinere oder größere erzählerische Ab- und Umwege, um das Klosterwesen in ein möglichst schlechtes Licht zu rücken. "Das Kloster birgt in seinem Busen alle Laster der Stadt, ohne deren Vorzüge und Vortheile zu besitzen", erklärt er auf S. 885: "Je mehr die moderne Civilisation auf der Bahn der freien Genossenschaft fortschreitet, um so mehr nimmt die mönchische Verbrüderung die Gestalt einer geduldeten Camorra an." Jovitas Tätigkeit in der Klosterapotheke bietet dem Autor Gelegenheiten zur Kritik am "übertriebenen Preis der Medicamente": Diese müssten in der Klosterapotheke "jedenfalls billiger sein" als "in den öffentlichen Apotheken, da das Kloster keine Miethe, keine Beleuchtungskosten, keine Angestellten irgend welcher Art zu zahlen habe, andererseits weit entfernt wie der Kaufmann an einen Gewinn zu denken, sich nur von Gründen der Menschlichkeit leiten lassen müsse" (S. 884). – Während dies kaum mehr als eine Randbemerkung ist, widmet sich der Autor mit deutlich größerer Ausführlichkeit einem "Kirchendiebstahl",  der sich "während der dreijährigen Amtsführung der Priorin Zitta" ereignet (S. 887): In der Klosterkirche wird ein Altarbild der "heilige[n] Jungfrau vom guten Rath" "vollständig geplündert" (S. 886). Das Bild, 
"ein kleines Meisterstück, war in einem Rahmen mit breiten Borduren eingefaßt, das Glas, welches um zwei Zoll abstehend, über das Gemälde her ging, war sonst beständig abgeschlossen und der leere Raum mit kleinen silbernen Bouquets von wundervoller Arbeit ausgefüllt, das Schloß war aufgesprengt worden; man hatte die Bouquets und silbernen Kronen, die seit undenklicher Zeit das Jesuskind und die Jungfrau schmückten, gestohlen. Nicht zufrieden, diese frommen Opfergaben zu rauben, hatte man noch die andern Gegenstände von Werth, die goldenen Ohrgehänge, Ringe, Diademe, Halsbänder und die andern Kleinodien entwendet, wobei das Gemälde überall mit den kleinen Nägeln und Stecknadeln, an denen diese Schmucksachen aufgehängt waren, beschädigt worden war" (S. 886f.). 
"Die öffentlichen Blätter in Warschau erwähnten des Vorfalles", versichert der Autor (S. 887). Zwar ist diese Angabe so vage, dass sich kaum ein Leser die Mühe gemacht haben wird, sie nachzuprüfen; aber ich würde dennoch nicht ausschließen, dass diese Schilderung an einen authentischen Fall angelehnt ist und dass der Autor diese Episode gerade deshalb in seinen Roman aufgenommen hat, weil er damit seinen Anspruch untermauern will, eine wahre Geschichte zu erzählen. Die Funktion, die der Autor diesem Diebstahlsfall für den Fortgang der Haupthandlung zuweist, erscheint jedenfalls, gelinde gesagt, nicht gerade zwingend: Einige böswillige Mitschwestern verdächtigen bzw. beschuldigen Jovita, die Diebin gewesen zu sein, und "in Folge der boshaften Verdächtigungen durch die Schwestern" fällt Jovita wieder in "ihre vorigen Krankheitszustände" zurück, weshalb es ihr schließlich nicht mehr möglich ist, "den Dienst in der Apotheke noch länger zu versehen". Sie wird "daher von der Priorin hievon entbunden, jedoch schon nach wenigen Tagen zur Sakristanin der Klosterkirche ernannt" (S. 888) – was sie indes, in Absprache mit ihrem Geliebten Woicech, ohnehin angestrebt hatte. 

Woicech nämlich ist nach dem Tod seiner Adoptivmutter, für die er täglich Medizin gekauft hatte, zunächst weiter regelmäßig in die Klosterapotheke genommen, um Jovita sehen zu können; eine bessere Kontaktmöglichkeit für die Liebenden ergibt sich jedoch, als Woicech, der Theologie studiert, "als Candidat des Priesteramtes im Dienste der Klosterkirche als Kirchendiener angestellt" wird (S. 889). Als Jovita das Amt der Sakristanin erhält und fortan "jeden Vormittag in der Sakristei zubringen und mit Hilfe der Kirchendiener die zum Meßopfer und Altargebrauche nothwendigen Gefäße und Geräthe putzen, bereit halten und überwachen, sowie die Reinlichkeit der Kirche und das Chorläuten besorgen" muss, kann Woicech "ihr hiebei überall an die Hand gehen und ungestörte Unterhaltung mit ihr pflegen" (ebd.). Dann jedoch hecken "Jovitas Feindinnen" (S. 890), ohne von ihrem Liebesverhältnis mit Woicech zu wissen, eine Intrige aus, deren Kernstück darin besteht, einen der anderen Kirchendiener – einen jungen Mann namens Valentin, der sich umso mehr als Opfer anbietet, als er "gemeine Züge" hat und "unwissend und schlecht erzogen" ist (ebd.) – in Jovita verliebt zu machen. "Sie schrieben ihm ein mit dem Namen Jovita unterzeichnetes Billet und spielten es ihm auf irgend einem Wege in die Hände. Sie entwendeten Jovita auch ein Taschentuch und boten es ihm als ein von dieser kommendes Geschenk an" (S. 891). Der Erfolg dieser Maßnahmen bleibt nicht aus: "Thatsache war, daß sich der arme Junge allen Ernstes in Jovita verliebt hatte. Er magerte ab und seine Augen wurden von Tag zu Tag hohler" (ebd.). Zum Eklat kommt es, als "[e]ines Tages, als Jovita im Chore sang, [...] der verliebte Kirchendiener am Altare ohnmächtig" wird: 
"Die Kirche war mit Menschen angefüllt und es gab einen unbeschreiblichen Tumult. Die Priester geberdeten sich in der Sakristei wie toll, die Ministranten lachten einfältig, und die Nonnen [...] riefen um die Wette : 
– Wie lächerlich! Wie einfältig er ist! Die heilige Messe ist in eine Komödie verwandelt! Welche Schande für das Kloster!" (S. 893) 
Es fällt auf, dass diese Episode mindestens ebenso gut wie an diese Stelle der Handlung auch in den Kontext von Elkas Klosteraufenthalt in Kapitel XXI passen würde, schließlich zieht Elka dort gerade durch ihren berückenden Chorgesang die Aufmerksamkeit Kasimirs auf sich. – An der vorliegenden Stelle der Handlung führt dieser Eklat jedenfalls dazu, dass alle vier Kirchendiener, also auch Woicech, ihre Stellung verlieren – wodurch es nun unklar ist, wie Woicech und Jovita es anstellen werden, einander weiterhin zu treffen. Das Kapitel endet mit allerlei düsteren Vorausdeutungen: 
"Schwer und unheilverkündend wie eine düstere Wetterwolke stand ein verhängnißvolles Geschick bereits über dem Haupte Jovitas. Sie dachte nicht daran, daß, wenn die Geißelungen mit der Charwoche zu Ende gingen, neue Geißeln ihrer harrten, die sie bis aufs äußerste martern sollten. 

Das Unglück schreitet schnell." (S. 894) 
So, tut es das. Na, das wollen wir mal sehen – – nämlich in der nächsten Folge dieser Artikelserie! 


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