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Donnerstag, 2. August 2018

Komm, wir treffen uns in der Ebene von Oh No!

Neulich war ich mit Frau und Kind für ein paar Tage im Wallfahrtsort Altötting. Natürlich waren wir in der Gnadenkapelle und noch in ca. fünf anderen Kirchen, aber der hauptsächliche Anlass für diesen Trip bestand darin, dass am Samstag, dem 28. Juli, in der Basilika St. Anna das "Meet Mission Manifest" stattfand -- eine Art Konferenz für Leiter geistlicher Gemeinschaften und Neuevangelisations-Initiativen, zu der die Initiatoren des Anfang Januar auf der MEHR-Konferenz vorgestellten "Mission Manifest" eingeladen hatten. 


Ich muss an dieser Stelle anmerken, dass die Reaktionen auf die zehn Thesen des "Mission Manifest", die ich unmittelbar nach deren Veröffentlichung in den Sozialen Medien mitbekommen habe - insbesondere auf Twitter, wo ich einigen Accounts "liberaler" bzw. "progressiver" Jungtheologen folge - für mich ein echter Augenöffner waren. Zunächst hatten die zehn Thesen auf mich nämlich den Eindruck gemacht, auf eine entschiedene "Big Tent"-Strategie hin ausgerichtet zu sein; will sagen: Sie schienen mir im Großen und Ganzen so offen und inklusiv formuliert zu sein, dass nahezu jeder darunter verstehen könnte, was er möchte, und somit kaum jemand etwas Grundsätzliches daran auszusetzen haben könnte. Aber da hatte ich mich gründlich getäuscht. Zahlreiche Reaktionen, die ich zu Gesicht bekam, lagen irgendwo zwischen Spott und blankem Entsetzen, und besonders verblüffte es mich, dass die Ablehnung sich nicht bloß auf Details bezog - etwa, dass das Manifest nicht in gendersensibler Sprache verfasst war oder dass unter den Hauptinitiatoren keine Frauen waren -, sondern ganz grundsätzlich beim Missionsbegriff ansetzte. Bei einem Verständnis von Mission nämlich, das davon ausgeht, dass es eine in und durch Jesus Christus offenbarte Wahrheit gibt und dass Christen dazu aufgerufen sind, diese Wahrheit den Menschen mitzuteilen, die sie noch nicht kennen. Um's mal auf Angloamerikanisch auszudrücken: How is this even controversial? Nun, ich musste feststellen, dass diese Auffassung nicht wenigen Menschen, die im kirchlichen Dienst tätig sind oder eine solche Tätigkeit zumindest anstreben, von Grund auf fremd, verdächtig und anrüchig ist. Das hatte ich mir so nicht vorgestellt. 

Nun gut: Zu der Veranstaltung am Samstag trafen sich jedenfalls Menschen, die, wie man annehmen darf, mit diesem Missionsverständnis keine Probleme haben; rund 300 Personen -- Laien, Ordensleute und Priester, Frauen und Männer, jung und alt und auch vom allgemeinen äußeren Erscheinungsbild bunt gemischt. Einige gute Bekannte waren darunter, dazu auch einige, die meine Liebste und ich bisher nur via Facebook kannten und nun also auch mal offline kennenlernen durften. Das gut acht Stunden dauernde Veranstaltungsprogramm umfasste Lobpreis, Impulsvorträge, Diskussionen, ein vom örtlichen Bischof Stefan Oster zelebriertes Pontifikalamt und Eucharistische Anbetung. Zu den namhaften Rednern der Konferenz (und Konzelebranten des Pontifikalamts) zählte, nebenbei bemerkt, auch der Abt des Benediktinerklosters Einsiedeln, Urban Federer, der gemeinhin eher dem "progressiven" Kirchenflügel zugerechnet wird und von dem man munkelt, er habe das Manifest ursprünglich eher "aus Versehen" unterzeichnet und dafür aus dem "eigenen Lager" allerlei Anfeindungen einstecken müssen. 

Der erste Vortrag des Tages kam jedoch von Johannes Hartl und drehte sich um das Thema "Entmutigung". Es gibt von ihm einen längeren Vortrag zu diesem Thema auf YouTube, und ohne diesen bislang in Gänze angehört zu haben, gehe ich mal davon aus, dass sein etwa halbstündiger Impuls beim "Meet Mission Manifest" im Wesentlichen eine gekürzte Fassung davon war; einzelne Passagen hatte ich allerdings auch schon bei der MEHR 2017 in Hartls Vortrag "Erwecke die Helden" gehört, aber das macht gar nichts: Bestimmte Aussagen kann man sich ruhig öfter anhören. 


Wie dem auch sei: Johannes Hartl stützte seine Ausführungen zum Thema "Entmutigung" auf die Kapitel 2-6 des Buches Nehemia, die er als "eine der wichtigsten Bibelstellen über Leitung" bezeichnete. Worum geht's? Nehemia will die zerstörte Stadtmauer Jerusalems wieder aufbauen. "Ich sehe den Status quo, ich benenne das Problem und schlage eine Lösung vor - und lade andere ein: Macht mit!", fasste Hartl das Leitungskonzept Nehemias zusammen. Dann verwies er auf Nehemia 2,19
"Als aber Sanballat, der Horoniter, Tobija, der Knecht von Ammon, und der Araber Geschem davon hörten, verspotteten sie uns und sagten verächtlich: Was soll das, was ihr da macht? Wollt ihr euch etwa gegen den König auflehnen?" 
"Wisst ihr, wer diese Leute sind, dieser Sanballat, dieser Tobija und Geschem?", fragte Hartl das Publikum. "Nein? Ich auch nicht. Aber genau darum geht's: Sobald jemand anfängt, etwas zu machen, tauchen plötzlich Leute auf, von denen man noch nie etwas gehört hat, und haben was dagegen." Hartl zeigte auf, wie Sanballat, Tobija und Geschem in den folgenden Kapiteln unterschiedliche Strategien anwenden, um Nehemia von seinem Werk abzubringen: Sie verdächtigen seine Motive, sie versuchen ihn lächerlich zu machen, indem sie seine Erfolge kleinreden, sie versuchen ihn von seiner Aufgabe abzulenken und von seinen Mitstreitern zu isolieren. In Nehemia 6,2 schlagen Sanballat und Geschem, um Nehemia von seiner Arbeit wegzulocken, vor: "Komm, wir wollen uns in Kefirim in der Ebene von Ono treffen." Johannes Hartl scherzte: "Das klingt schon nicht gut: die Ebene von Oh No. Da darf man nie hingehen."

Halblaut sagte ich zu meiner Liebsten, "Komm, wir treffen uns in der Ebene von Oh No" wäre möglicherweise ein gutes Motto für die ganze Veranstaltung, aber das war nur mein reflexhafter Sarkasmus, mit dem ich mich in einem von Charismatikern dominierten Umfeld gegen einen meinem norddeutschen Naturell widerstrebenden Gefühlsüberschwang abzuschirmen pflege. Tatsächlich fand ich Hartls Impuls nicht nur unterhaltsam, sondern auch sehr hilfreich. Mit Entmutigungen unterschiedlichster Art bekommt man es ja leicht zu tun, wenn man sich beispielsweise anschickt, einer Pfarrei, die sich innerlich schon darauf eingerichtet hat, die nächsten 10-20 Jahre nur noch ihren eigenen Niedergang zu verwalten, neues Leben einzuhauchen. Habe mir daher fleißig Hartl-Sätze notiert, wie zum Beispiel:
  • "Letztendlich ist es egal, ob das, was du tust, in deinen eigenen Augen großartig ist. Es kann trotzdem eine wichtige Funktion im Plan Gottes erfüllen." 
  • "Gebet ist die Quelle von allem, aber Gebet dient nicht dazu, sich vor Wagnissen zu drücken und in die Introversion zurückzuziehen." 
  • "In der Waffenrüstung Gottes gibt es keinen Rückenschutz. Wenn du wegläufst, bist du verwundbar." 
Es folgte eine sogenannte "Best Practice-Runde" (ich kann und kann und kann diesen Marketing-Sprech nicht ausstehen, aber mich fragt ja mal wieder keiner) mit Leitern verschiedener Initiativen oder Gemeinschaften (darunter auch der schon erwähnte Abt Urban, an dessen Beitrag ich aber keine besonders präzisen Erinnerungen habe). Ausgesprochen interessant fand ich den Beitrag von Fra' Georg von Lengerke vom Malteserorden, der die Bedeutung der vier Grundvollzüge der Kirche - Verkündigung (martyria), Liturgie, Diakonie und Gemeinschaft (koinonia) - betonte und sich dabei eines sehr starken Bildes bediente: In Lateinamerika habe er mal einen jungen Mann namens Pablo kennengelernt, der ein Autowrack gefunden und mit viel Mühe wieder fahrtüchtig gemacht habe; allerdings habe dieses Auto nur drei Räder gehabt, ein viertes Rad sei nicht aufzutreiben gewesen. Damit das Auto trotzdem fahren konnte, habe Pablo eine der vier Ecken des Wagens mit einem Sandsack beschwert, damit die diagonal gegenüberliegende Ecke in der Luft hing. "Das ging, aber wirklich gut ging es nicht." In diesem Sinne, so Fra' von Lengerke, müssten auch innerkirchliche Gemeinschaften, Initiativen und Werke darauf bedacht sein, auf allen vier Rädern zu fahren und nicht nur auf dreien: Hilfswerke etwa stünden stets in der Versuchung, die Diakonie mit dem Sandsack zu beschweren und dafür die martyria in der Luft hängen zu lassen; ebenso gebe es aber auch Strömungen innerhalb der Kirche, in denen es umgekehrt sei.

Den Vortrag des gastgebenden Bischofs Stefan Oster zum Thema "Kirchliche Identität, Maria und die Mission" gibt es auf seiner Website zum Nachhören; ich kann mich daher hier darauf beschränken, einige Details hervorzuheben, die bei mir besonders "hängen geblieben" sind. So beklagte Bischof Oster gleich eingangs einen weit verbreiteten "Beschwichtigungskatholizismus", der sich darin äußere, dass vielen Menschen ihr Bekenntnis zur Kirche eher peinlich sei und sie es beispielsweise mit dem Verweis auf das soziale Engagement der Kirche quasi zu entschuldigen suchen, zugleich aber alle möglichen Vorwürfe, die von außen an die Kirche herangetragen werden, in einer Art vorauseilenden Gehorsams einräumen und dabei "das Thema Glaube eher zurücknehmen". (Ich selbst nenne dieses Phänomen gern "Ja-aber-Katholizismus".) Es genüge nicht, lediglich "die Botschaft Jesu an den Mann bringen" zu wollen: Vielmehr müsse es darum gehen, Jesus selbst zu den Menschen zu bringen. Gerade junge Menschen, so führte er weiter aus, legten Wert auf Authentizität der Verkündigung; da gelte es sich nun allerdings zu fragen: "Wie wird denn ein Mensch authentisch? Kann ich einfach beschließen, morgen authentischer zu sein als ich es gestern war?" Zur Beantwortung dieser Frage verweist er zunächst auf das Beispiel seines Ordensgründers, des Hl. Don Bosco, und dann vor allem auf die Allerseligste Jungfrau Maria. Was auf der Aufnahme nicht zu hören ist, ist der Umstand, dass meine neun Monate alte Tochter die Ausführungen des Bischofs darüber, wie die Fürsorge für ein kleines Kind die Herzen der Eltern verwandle, sehr passend akustisch untermalte; sehr eindrucksvoll fand ich auch Bischof Osters Gollum-Imitation (ca. Minute 14 der Aufnahme).


Dann gab's erst mal Mittag, und zwar in Form von "Selbstverpflegung in den umliegenden Gasthöfen". Uns verschlug es in denselben Gasthof wie die Initiatoren der Konferenz, allerdings saßen wir draußen auf der Terrasse und die VIPs drinnen an einer großen Tafel. Trotzdem hatte ich im Laufe der Mittagspause Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch mit Johannes Hartl, der mich bei dieser Gelegenheit Bischof Oster vorstellte, den meine Liebste dann auch gleich um einen Segen für unsere kleine Tochter bat. Dass ich dem Bischof eigentlich ein Exemplar der "Benedikt-Option" überreichen wollte und er mir sagte, das Buch habe er bereits, habe ich ja schon berichtet.

Nach dem Mittagessen ging es dann weiter mit Kleingruppen-Diskussionen, die ich mir ehrlich gesagt allerdings kleiner und diskussionsförmiger vorgestellt hatte. Nun gut, schon die sehr begrenzte Zeit, die für diesen Programmpunkt vorgesehen war, ließ erwarten, dass es sich dabei bestenfalls um kollektives Brainstorming handeln konnte. Wenn sich dabei dann aber einzelne Teilnehmer aggressiv in den Vordergrund drängen, wird es nicht einmal das. -- Ehe ich die letztere Anmerkung näher ausführe, muss ich aber erst mal einen Exkurs vom Stapel lassen.


Am Tag vor dem "Meet Mission Manifest" war ich in einer Facebook-Gruppe in eine Diskussion über gewisse Eigenheiten mancher (oder vieler?) charismatischer Christen hineingeraten; diese Diskussion hatte mit dem Event in Altötting gar nichts zu tun, sondern entzündete sich an einem auf kath.net erschienenen Interview mit zwei Leuten von einer Jüngerschaftsschule in Salzburg. Mir ging der Tonfall, in dem die jungen Lüü da redeten, erheblich auf den Keks, aber das war weit eher eine Frage des subjektiven "Geschmacks" (ich sagte ja schon: norddeutsches Naturell und so) als eine substantielle Kritik an charismatischer Frömmigkeit. Ich sag's mal so -- auch auf die Gefahr hin, mir gleich innerhalb mehrerer Segmente meiner Leserschaft Ärger einzuhandeln: In gewisser Hinsicht geht es mir mit der Charismatischen Bewegung so wie mit der Traditionalistischen Bewegung. Ich bringe ihrem jeweiligen geistlichen Anliegen grundsätzlich Sympathie entgegen und kann auch ihrem jeweils spezifischen "Frömmigkeitsstil" (wenn ich das mal so nennen darf) nach anfänglichem Fremdeln durchaus Einiges abgewinnen; gleichzeitig beschleicht mich zuweilen das Gefühl, beide Bewegungen haben eine gewisse Tendenz dazu, ziemlich gruselige Leute anzuziehen. Jenseits persönlicher Vorlieben und Abneigungen bin ich durchaus der Überzeugung, dass die Kirche sowohl die Traditionalistische als auch die Charismatische Bewegung braucht -- und auch, dass diese Bewegungen einander brauchen, um einander zu ergänzen und gegebenenfalls zu korrigieren. Leider ist Letzteres keinesfalls garantiert, wenn diese Gruppierungen aufeinandertreffen. Es kann auch passieren, dass sie sich auf eine Weise ergänzen, die ich als "worst of both worlds" bezeichnen würde. Damit meine ich eine spezifische Verbindung von charismatischer Schwärmerei mit einem Faible für (vorzugsweise kirchlicherseits noch nicht offiziell anerkannte) Marienerscheinungen und sonstige Privatoffenbarungen, wundertätige Medaillen und quietschbunte Andachtsbildchen. Veranstaltungen, die auf diese Klientel zugeschnitten sind, stelle ich mir in etwa vor wie Fatima-Sühnenacht plus Zungenrede, Ausdruckstanz und Heilungsgebet. Also so, dass Unkundige, wenn sie sich dort hineinverirren würden, sich womöglich nicht ganz sicher wären, ob sie nicht vielleicht bei irgendwelchen obskuren Okkultisten gelandet sind. Okay, ich übertreibe. Ich schätze, dieses leicht überzeichnete Bild, das ich da gerade zu zeichnen versucht habe, ist sehr wesentlich von einer Person geprägt worden, die ich in meinen Teenagerjahren in meiner damaligen Pfarrgemeinde kannte (und die damals zufällig auch meine Augenärztin war). Und nun hatte ich das Pech, ausgerechnet mit einer Frau in eine Gar-nicht-mal-so-Kleingruppe zu geraten, die mich fatal an diese Augenärztin erinnerte. Diese Frau dominierte das Gruppengespräch von der ersten Sekunde an, pries ihr eigenes Projekt in den höchsten Tönen, verteilte Flyer und hatte keinerlei Hemmungen, Wortbeiträge anderer Teilnehmer in verächtlichem Tonfall abzubügeln. Da hatte ich dann schon bald keine Lust mehr, mich zu beteiligen.



Insbesondere ging es mir gegen den Strich, dass diese Dame kritische Anmerkungen zu den Zuständen in Pfarreien oder ganzen Bistümern (oder der institutionalisierten Gestalt der Kirche überhaupt) wiederholt als "Gejammer" abqualifizierte. Ein Echo dieser Haltung glaubte ich wahrzunehmen, als beim Zusammentragen der Ergebnisse der Gruppengespräche eine andere Gruppe es geradezu als Regel postulierte, dass man "nicht kritisieren" solle. Das sei "ganz wichtig". Gemeint war das offenbar im Sinne von "Lasst tausend Blumen blühen": Man solle missionarische Aufbrüche, auch wenn man möglicherweise Vorbehalte gegenüber bestimmten Erscheinungsformen derselben habe, erst mal wachsen lassen, statt sie gleich mit Kritik zu ersticken. Da ist sicherlich etwas Richtiges dran, ebenso wie auch an der Feststellung, es könne schädlich sein, seinen Blick allzu sehr auf Negatives zu fixieren. Aber gerade das "Diskussions"-Verhalten der erwähnten Wiedergängerin meiner früheren Augenärztin macht deutlich, zu was für paradoxen Konsequenzen es führen kann, wenn man diese Haltung auf die Spitze treibt: nämlich dazu, dass diejenigen ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, die Kritik üben. Oder anders ausgedrückt: dass der Überbringer der schlechten Nachricht geköpft wird. Denken wir an Nehemia: Dem Beschluss zum Wiederaufbau der Stadtmauer geht die Feststellung voraus, dass die Mauer kaputt ist -- und dass das schlecht ist. Was, wenn da nun Leute gekommen wären, die gesagt hätten: "Och, Nehemia, immer musst du alles so negativ sehen. Ist doch schön, dass die Mauer offen ist. So können die Leute von draußen viel leichter zu uns kommen." (Ich meine das nicht politisch.)

Ironischerweise hielt als nächstes Pater Karl Wallner OCist, der missio-Nationaldirektor für Österreich, einen Vortrag, den man nach den Maßstäben der Augenärztinnen-Wiedergängerin durchaus als pures "Gejammer" hätte ansehen können -- den ich aber ganz hervorragend fand, und zwar gerade weil er ein schonungsloses Bild der Lage des christlichen Glaubens in unseren Breiten zeichnete. So verwies er auf die aktuelle Shell-Studie zum Thema "Jugend und Religion", aus der beispielsweise hervorgeht, dass nur 9% der jungen Katholiken in Deutschland beten; bei den jungen Muslimen seien es 80%. "Diesen schmerzhaften Realismus müssen wir zulassen", erklärte Pater Karl und verwies auf den Hl. Thomas von Aquin, der gelehrt habe, das erste Heilmittel gegen die Traurigkeit sei die Wahrheit. "Ich möchte es wirklich mit etwas Dramatik sagen: Es hängt von uns ab, wie es weitergeht", betonte Pater Karl. Ich frage mich, ob er die "Benedikt-Option" kennt; sein Vortrag wies jedenfalls auffallende Übereinstimmungen mit den Thesen Rod Drehers auf.

Den letzten Programmpunkt vor dem abschließenden Pontifikalamt bildete die Vorstellung des "YOUCAT for Kids" durch den Projektleiter Bernhard Meuser. Seine Weltpremiere wird dieser neue Kinderkatechismus erst beim katholischen Weltfamilientreffen haben, das vom 21.-26. August in Dublin stattfindet; aber die deutschsprachige Ausgabe liegt bereits vor, und an die Teilnehmer des "Meet Mission Manifest" wurden Freiexemplare verteilt. Ich habe in den letzten Tagen recht ausgiebig in dem Buch geblättert und kann sagen: Es ist sehr gut. In erster Linie ist der Kinderkatechismus offenbar dafür konzipiert, dass Eltern ihn zu Hause mit ihren Kindern lesen und darüber hinaus das nötige Rüstzeug daraus beziehen, um mit ihren Kindern über religiöse Fragen sprechen zu können, die diese unweigerlich früher oder später stellen werden. Meine Liebste und ich denken darüber hinaus aber auch schon über Möglichkeiten nach, dieses Buch für die Arbeit in der Pfarrei einzusetzen. Zum Beispiel haben unsere lieben Gemeindereferentinnen unlängst die Gründung eines Elternkreises ins Gespräch gebracht; da wär's doch schön, wenn der nicht nur dafür genutzt würde, dass die Eltern zusammen Kaffee trinken, während die Kinder miteinander spielen. Auch als Angebot vor oder neben der Erstkommunion-Vorbereitung könnte man sich einen "YOUCAT for Kids"-Lese- und Gesprächskreis vorstellen. Na, schauen wir mal.


Am Rande klang übrigens an, dass - ebenfalls unter Federführung Bernhard Meusers - ein neues "Mission Manifest"-Buch geplant oder angedacht ist; ein "Praxisbuch" soll es werden, und die Teilnehmer des Treffens sollten sich schon mal überlegen, ob sie dazu womöglich etwas beitragen können und möchten. Also, ich möchte auf jeden Fall; insbesondere würde ich gern - nicht theoretisierend, sondern strikt praxisbezogen - Querverbindungen zwischen "Mission Manifest" und #BenOp herausarbeiten. Und nach Möglichkeit ein paar "punkige" Impulse setzen. Auch hier gilt wieder: Schauen wir mal.

Und dann habe ich mir noch einen Satz notiert, von dem ich nicht mehr mit Gewissheit sagen kann, wer ihn eigentlich gesagt hat. Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass ich glaube, ihn schon mal irgendwo gehört zu haben. Vielleicht auf der MEHR, vielleicht aber auch ganz woanders. Der Satz lautete, sinngemäß jedenfalls:
"Die eigentliche Frucht, die ein Apfelbaum hervorbringen muss, ist nicht ein weiterer Apfel, sondern ein weiterer Baum." 
Wer hat's gesagt? Kann mir jemand auf die Sprünge helfen?



Kommentare:

  1. Der Satz mit dem Apfelbaum war von Ralph Heiligtag. Er schreibt hierzu: Ist ja lustig. Das ist mein Zitat.
    Es stammt von Donald A. McGavran, Mitte der 90er Jahre: Understanding Church Growth.
    Ich habe das Zitat aus einem Buch von Christian A. Schwarz übernommen: Die drei Farben der Leiterschaft.

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  2. Ich finde, Kirche wird immer rätselhafter. Wenn “Mission“ schon auf Ablehnung stößt, an was oder wen glaubt man genau?

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  3. Zunächst: danke für diesen lebendigen Erfahrungsbericht aus Altötting für den ich umso dankbarer bin, da ich ha nicht allen Orten gleichzeitig sein, den meine Interessen mir so eingeben.
    Zweitens: Ihr habt die Intention des "Youcat für Kids" (den ich noch unter seinem früheren Arbeitstitel "Kidscat" kenne) voll und ganz erfasst. Es ist eher ein Familienkatechismus (weil ja die meisten Eltern - nicht ihr! - ebenfalls kaum noch Glaubenswissen haben) und als Material zu einer anständigen Erstkommunionvorbereitung kann ich mir kaum was besseres im deutschsprachigen Raum denken.
    Allerdings: Auch wenn ich dein subjektives Unbehagen angesichts mancher Auswüchse im charismatischen "Lager" durchaus nachvollziehen kann, kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen, dass die wenigstens Leute, die ich z.B. in Salzburg kennengelernt habe, zu den "Gruseligen" gehören. Auch ich konnte mir unter "Heilungsgebeten" und "Zungenrede" bis vor wenigen Jahren nichts Anständiges vorstellen und tatsächlich hält sich meine persönliche Erfahrung damit in Grenzen, aber zumindest die Heilungsgebete (das habe ich wenigstens gehört) sind zutiefst und ganz nüchtern katholisch. Da ich häufiger mit den Lorettos zu tun habe, konnte ich die meisten von ihnen als fröhliche, größtenteils normale junge Leute kennenlernen. Ich lasse denen ihr "Gehopse" für Jesus, weil sie mir meinen eher stillen Gebetsstil nicht absprechen. So kommen wir gut klar.
    Zum Thema Medjugorje: Ich beobachte das relativ entspannt von der Ferne. Wenn mir einer super enthuasiastisch davon vorschwärmt, erwähne ich mal kurz die offizielle Stellung der Kirche dazu, das ist dann auch alles.

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