Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Mittwoch, 7. März 2018

Gemeindeaufbau statt "Churchhopping" -- Es tut sich was!

Ich muss ein schockierendes Geständnis machen: Ich war ein "Churchhopper". Jahrelang. Statt regelmäßig in derselben Pfarrei zur Messe zu gehen, ging ich mal in diese, mal in jene -- und, mit Erröten und Erblassen sei's gesagt: manchmal gar nicht. Okay, letzteres ist schon länger her. An Sonn- und gebotenen Feiertagen irgendwo zur Messe zu gehen, wenn ich nicht gerade krank bin, kriege ich seit einigen Jahren durchaus ziemlich lückenlos hin. Aber mich fest einer Gemeinde zuzuordnen, gar so etwas wie eine "geistliche Heimat" in einer bestimmten Pfarrei zu sehen, hat mir lange widerstrebt.

Dass ich oft in unterschiedlichen Pfarreien die Messe besuchte, hatte zum Teil praktische Gründe - z.B. den, dass ich jahrelang sonntags arbeiten musste, was dazu führte, dass ich mal vor Dienstbeginn in eine Kirche ging, die ungefähr auf halbem Weg zu meinem Arbeitsplatz lag, und mal samstags abends in einem Teil der Stadt, in dem ich dann anschließend noch "ausgehen" wollte -, aber rückblickend denke ich doch, der Hauptgrund war ein anderer: Ich hatte - nicht zuletzt auch als Folgeerscheinung meiner Jugend in einer überalterten, in sich zerstrittenen, geistlich stagnierenden Diasporagemeinde - einfach keinen Bock auf Gemeindeleben. Es ging mir diesbezüglich ähnlich, wie Rod Dreher es in der Benedict Option beschreibt
"Im ersten Jahrzehnt meines Lebens als erwachsener Christ verließ ich die Kirche, sobald der Gottesdienst vorbei war. Mit den Leuten dort in Kontakt zu kommen interessierte mich nicht. Nur Jesus und ich, das war alles, was ich wollte und brauchte – jedenfalls dachte ich das. Man könnte sagen, ich war nicht interessiert daran, an ihrer Pilgerschaft teilzunehmen; ich zog es vor, ein Tourist in der Kirche zu sein – und war geistlich zu unreif, um zu begreifen, wie schädlich das war." 
Auch als ich meine Liebste kennenlernte, änderte sich das zunächst nicht, denn ihr ging es diesbezüglich nicht so grundsätzlich anders als mir. Als wir jedoch anfingen, konkrete Heiratspläne zu schmieden, kam ich eines Tages zu dem Schluss: "Spätestens wenn wir Kinder haben, muss das anders werden." Es war klar, dass wir uns nach der Heirat eine gemeinsame, größere Wohnung würden suchen müssen, und meine Liebste hatte auch schon eine recht präzise Vorstellung davon, wo in Berlin sie nach einer Wohnung suchen wollte; also begannen wir nach unserer Rückkehr von unserem gemeinsamen Jakobsweg damit, regelmäßig in der Pfarrei unseres Wunsch-Stadtteils in die Messe zu gehen, auch schon bevor wir tatsächlich dort wohnten. Die Wohnung, die wir dann schließlich fanden, liegt nur wenige Minuten Fußweg von der Pfarrkirche - nennen wir sie mal "St. X" - entfernt.



Und was soll ich sagen? Nachdem ich noch vor wenigen Jahren der Aussage "Die Pfarrei, wie wir sie kennen, ist dem Untergang geweiht, und das ist auch gut so" vermutlich begeistert zugestimmt haben würde, bin ich inzwischen ein ausgesprochener Fan des Prinzips Ortspfarrei. Und das nicht etwa, weil hier in St. X alles so super wäre. Das ist es durchaus nicht, wenngleich ich hier immerhin ziemlich Vieles ziemlich gut finde - gut genug, um es weiter verbessern zu wollen. Unter diesem Blickwinkel betrachtet hat selbst das, was nicht so gut ist, etwas durchaus Motivierendes an sich. Man muss sich nur erst einmal klar machen, dass man ideale Zustände ohnehin nirgends antreffen wird, und schon verliert das "Churchhopping" seinen Reiz; viel sinnvoller ist es, da, wo man ist, sein Möglichstes zu tun, um die Zustände ein bisschen idealer zu machen. Wie eine oft (und wohl fälschlich) Mahatma Gandhi zugeschriebene Lebensweisheit sagt: "Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst!" G.K. Chesterton benutzt das skurrile Beispiel eines Mannes, der sich wünscht, die ganze Welt wäre blau - und der daher alles um ihn herum blau anzustreichen beginnt. Nach menschlichem Ermessen ist nicht damit zu rechnen, dass er sein Ziel einer ganz und gar blauen Welt jemals erreichen wird; und dennoch: Selbst wenn er pro Tag nur einen einzigen Grashalm blau anmalt, wird er - so betont Chesterton - die Welt schließlich blauer (und damit in seinem Sinne besser) hinterlassen, als er sie vorgefunden hat. Würde er sich hingegen jeden Tag aufs Neue entscheiden, in welcher Farbe er die Welt anstreichen möchte, würde er überhaupt nichts erreichen.

Damit, das Gemeindeleben in St. X in unserem Sinne etwas "blauer" zu machen, haben meine Liebste und ich schon früh angefangen - durch die Gründung des "Mittwochsklubs", der übrigens gerade sein einjähriges Bestehen feiert. Dabei war uns im Grunde von Anfang an klar, dass ein einmal im Monat stattfindender offener Koch-Abend nur ein erster Schritt sein konnte. Aber um mehr zu machen als das, mussten wir uns erst einmal in der Gemeinde einleben -- und Ideen sammeln.

Bis Ende letzten Jahres waren schon so ein paar Ideen zusammengekommen, aber was uns noch weitgehend fehlte, war eine Strategie, um nicht als "Leute, die neu in die Gemeinde kommen und hier alles auf den Kopf stellen wollen" dazustehen. Und dann erschien im Pfarrbrief ein Aufruf der beiden Gemeindereferentinnen zur Bildung einer Projektgruppe für ein "Projekt Neuzugezogene". In dem Text hieß es:
"Als getaufte Christinnen und Christen sind wir aufgerufen die Botschaft Jesu in die Welt zu tragen. Wie können wir Fernstehenden unserer Gemeinden diese Botschaft neu erschließen, wie können wir Neuzugezogenen Wege in unsere Gemeinschaft aufzeigen?"
Das klang ja gut, fand ich -- gut genug, um meine tiefsitzenden Vorurteile gegen den Berufsstand der Gemeindereferentinnen beiseite zu schieben und den beiden eine Mail zu schreiben, des Inhalts, meine Frau und ich würden uns gern in eine solche Projektgruppe einbringen. Wochen zogen ins Land, und es erfolgte keine Antwort. Okay, vielleicht warteten die Gemeindereferentinnen erst einmal darauf, dass sich noch weitere Interessenten meldeten; vielleicht hatten sie um Weihnachten herum auch insgesamt zu viel anderes zu tun. (Ich habe zwar, ehrlich gesagt, nur etwas unscharfe Vorstellungen davon, womit eine Gemeindereferentin ihren Arbeitsalltag verbringt, aber immerhin sind die beiden Damen gemeinschaftlich für einen aus vier Pfarreien mit insgesamt sieben Kirchen bestehenden Pastoralen Raum zuständig - da wird wohl einiges an Arbeit zusammenkommen.)

Anfang des neuen Jahres fuhren wir jedenfalls erst mal zur MEHR-Konferenz nach Augsburg, wo uns besonders der kanadische Priester James Mallon mit seinem Konzept zur geistlichen Erneuerung "ganz normaler Pfarrgemeinden" begeisterte. Genau unser Thema!, sagten wir uns. Ich kaufte mir daher gleich Father Mallons Buch "Wenn Gott sein Haus saniert" und las es mit großem Interesse. Auch wenn ich nicht in absolut allen Punkten mit Father Mallon einverstanden bin, kann man seinem Buch eine Vielzahl ausgezeichneter Anregungen entnehmen, und ich kann es insgesamt nur empfehlen!

Inzwischen las meine Frau das "Mission Manifest". Demnächst werden wir die Bücher wohl mal untereinander tauschen müssen.

Nach unserer Rückkehr von der MEHR schrieben wir den Gemeindereferentinnen jedenfalls unverdrossen eine neue Mail - und diesmal kam recht prompt eine Antwort. Die Terminfindung für ein erstes Projektgruppentreffen zog sich dann allerdings noch ein Weilchen hin, und in der Zwischenzeit ereignete sich noch etwas anderes: eine Sitzung des "Lokalausschusses" von St. X.

Im Unterschied zum Pfarrgemeinderat sind die Lokalausschüsse der einzelnen Kirchenstandorte keine gewählten Gremien, sondern stehen allen interessierten Gemeindemitgliedern offen. Im Vorfeld der jüngsten Sitzung des Lokalausschusses St. X wurden nun im Anschluss an die Sonntagsmesse Flyer verteilt, die für eine rege Beteiligung an der Sitzung warben -- mit dem Argument, eine lebendige Gestaltung des Gemeindelebens sei eine Aufgabe aller Gemeindemitglieder. Das fand ich vom Ansatz her (natürlich) gut, aber als ich spontan anfing, mir ein paar Gedanken zu notieren, zu denen dieser Einladungs-Flyer mich angeregt hatte, wurde unversehens ein zweiseitiges Thesenpapier daraus. Vielleicht könnte/sollte man das in die anstehende Sitzung einbringen, sagte ich mir und mailte das Schreiben vorab an die Lokalausschuss-Vorsitzende. Die fand es gut und setzte es prompt auf Punkt 1 der Tagesordnung. Ich füge es hier in nur geringfügig überarbeiteter Gestalt ein: 

„Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen!“ (1. Petrus 2,5)

I. Der Stand der Dinge
Wie steht es um das Gemeindeleben in St. X? Mir als noch relativ neuem Gemeindemitglied fällt da zunächst allerlei Positives auf. Es gibt zwei Sonntags- und drei Werktagsmessen, wöchentlich Eucharistische Anbetung, Vesper und Rosenkranzgebet, es gibt aktive Gruppen wie die Kolpingsfamilie und die Legio Mariae, es gibt Glaubensgespräche, Bibelteilen und einmal im Monat den „Sonntagstreff“ nach der Messe. Das ist nicht wenig, und es ist alles andere als selbstverständlich.  
Gleichzeitig entsteht aber auch der Eindruck, dass die diversen Aktivitäten in der Gemeinde auf zu wenige Schultern verteilt sind. Das bringt eine ganze Reihe von Problemen mit sich. Zunächst einmal besteht die Gefahr, dass gerade die aktivsten und engagiertesten Gemeindemitglieder überfordert und frustriert werden, wenn sie den Eindruck haben, dass sie zu wenig Unterstützung und Wertschätzung erhalten oder dass einfach „immer alles an ihnen hängen bleibt“. Hinzu kommt: Auch beim besten Willen kann es jederzeit passieren, dass der eine oder andere „Aktive“ sich aus privaten, beruflichen oder gesundheitlichen Gründen einfach nicht mehr so sehr engagieren kann wie bisher, und dadurch können Lücken entstehen, die schwer zu schließen sind.  
Ein Problem ganz anderer Art besteht darin, dass, wenn die Gemeindeaktivitäten im Wesentlichen von „immer denselben Leuten“ bestritten werden, sich im Wesentlichen auch „immer dieselben Leute“ davon angesprochen bzw. angezogen fühlen. „Neue Leute“ erreicht man am besten durch neue Leute. Das ist ein Dilemma, denn irgendwo muss man ja anfangen.  
Aus all diesen Gründen ist es gut und richtig, dass der Einladungs-Flyer zur Lokalausschusssitzung betont hat, es liege in der Verantwortung aller Gemeindemitglieder, das Gemeindeleben mitzugestalten. Wie aber motiviert man die bisher „weniger aktiven“ Gemeindemitglieder zur Mitarbeit?

II. Wenn du ein Schiff bauen willst...  
Der besagte Flyer setzt darauf, seinen Adressaten vor Augen zu halten, was es in dieser Gemeinde alles gibt, was nur durch das freiwillige Engagement von Gemeindemitgliedern ermöglicht wird, und regt dazu an, sich bewusst zu machen, was es bedeuten würde, wenn diese Dinge – Kirchenschmuck, festliche Liturgien, diverse Veranstaltungen – wegfallen würden. Das scheint zunächst einmal ein guter Ansatz zu sein; was aber, wenn die, denen die genannten Dinge wirklich wichtig sind – jedenfalls wichtig genug, um selbst etwas dafür zu tun –, genau diejenigen sind, die sich schon jetzt engagieren? In diesem Fall müsste man bei den übrigen Gemeindemitgliedern erst einmal ein Bewusstsein dafür schaffen, warum diese Dinge ihnen wichtig sein sollten.  
Da ich nicht in die Köpfe anderer Leute hineinschauen kann, spreche ich hier mal von mir. Zum ersten Mal zu einer Lokalausschusssitzung gegangen bin ich, weil mehrere Personen mich gezielt dazu eingeladen hatten; und zwar mit dem Argument, es solle in der Sitzung um das Thema „offene Kirche“ gehen. Das war mir wichtig, und deshalb ging ich hin; ein erheblich größerer Teil der Sitzung drehte sich dann allerdings um Fragen wie wer auf welchem Parkplatz parken darf und wer sich darum kümmert, Toilettenpapier nachzufüllen. Dass so viel Zeit und Energie auf solche Fragen verwendet wurde, war für mich zunächst mal eher demotivierend, um nicht zu sagen abschreckend.  
Unlängst habe ich nun das Buch „Wenn Gott sein Haus saniert“ von dem kanadischen Priester James Mallon gelesen, das sich um die Frage dreht, wie eine „ganz normale“ Pfarrgemeinde missionarisch werden kann; und ich war einigermaßen verblüfft, festzustellen, dass in diesem Buch neben vielen anderen Dingen auch von Toilettenpapier die Rede war. Was will ich damit sagen? Dafür zu sorgen, dass die zum Pfarrsaal gehörenden Toiletten mit allem Notwendigen ausgestattet sind, ist an und für sich keine besonders inspirierende und motivierende Aufgabe, und erst recht ist es nicht besonders inspirierend und motivierend, in Gremiensitzungen lang und breit darüber zu debattieren; aber trotzdem ist es eine notwendige Aufgabe, insoweit sie einem größeren Ziel dient. Daraus folgere ich: Wir müssen mehr über dieses Ziel reden, wenn wir uns selbst und andere dazu motivieren wollen, auch „undankbare“ Aufgaben zu übernehmen. Der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupery schrieb: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen [...], sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

III. Wozu machen wir das alles? 
Das zentrale Ziel kirchlichen Handelns – der Zweck, für den die Kirche existiertwird im Matthäusevangelium in Kapitel 28, Vers 19f. formuliert: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ Wenn es um die Frage geht, welche Aktivitäten in einer Pfarrgemeinde unbedingt notwendig und welche vielleicht eher verzichtbar sind, dann gilt es zu fragen, inwieweit sie (direkt oder indirekt) dem Ziel dienen, Menschen zu Jüngern Jesu zu machen – oder was man gegebenenfalls anders machen müsste, um diesem Ziel besser dienen zu können.  
Gleichzeitig liegt es auf der Hand, dass man nur dann Andere für dieses Ziel wird begeistern können, wenn man sich selbst voll damit identifiziert. Das ist kein einmaliger Entschluss, sondern es erfordert, die eigene persönliche Beziehung zu Christus permanent zu pflegen und zu vertiefen.

IV. Eine Anregung: Das Pfarrzellen-Modell  
Ich möchte daher die Gelegenheit nutzen, um für ein Konzept zu werben, das unlängst auf der Website des Bistums Passau vorgestellt wurde: das Pfarrzellen-Modell. Dieses Modell basiert auf der Überzeugung, dass eine Neubelebung von Pfarrgemeinden, wenn sie fruchtbar sein soll, im Gebet und insbesondere in der Anbetung wurzeln muss. Das Pfarrzellen-Modell besteht aus drei Stufen; die erste ist, dass „Menschen, die Sehnsucht haben nach der Begegnung, nach der Berührung mit Jesus in ihrem Leben“, sich regelmäßig einmal in der Woche zur Eucharistischen Anbetung treffen. Dafür haben wir hier in St. X durch die wöchentliche Anbetungszeit am Freitagnachmittag eigentlich ideale Voraussetzungen. Der nächste Schritt besteht in der Gründung sogenannter „Hausgemeinschaften“, die sich wöchentlich für etwa eineinhalb Stunden „zum Austausch untereinander, zur Betrachtung des Sonntagsevangeliums und zum gemeinsamen Fürbittgebet“ treffen. Und die dritte Stufe besteht darin, dass jedes Mitglied dieser Hausgemeinschaften einen Dienst in der Gemeinde übernimmt, „je nach Begabung und Charisma“.  
Das Modell ist auf Wachstum angelegt; die Bezeichnung „Pfarrzellen“ verweist darauf, dass diese sich nach dem Prinzip der Zellteilung vermehren sollen – wenn eine Kleingruppe zu groß wird, also beispielsweise mehr als zwölf Personen umfasst, teilt sie sich.  
Das alles mag recht anspruchsvoll klingen, aber was haben wir für eine Wahl? Gott hat uns unsere Talente nicht gegeben, damit wir sie im Boden vergraben. Wir sollten darauf vertrauen, dass Gott eine geistliche Erneuerung und Neubelebung unserer Pfarrgemeinden noch mehr will, als wir sie wollen.
Im Lokalausschuss wurde dieses Thesenpapier überwiegend positiv aufgenommen und löste eine durchaus fruchtbare Diskussion aus; beanstandet wurde allerdings die verhältnismäßig wenig praxisbezogene Ausrichtung der Thesen. Nun gut, einige Ansätze zur praktischen Umsetzung der in diesem Papier formulierten Impulse wurden gleich an Ort und Stelle diskutiert; und da zwei Wochen darauf endlich das mehrfach verschobene Treffen mit den Gemeindereferentinnen anstand, beschlossen meine Liebste und ich, den Schwung auszunutzen und zu diesem Treffen eine möglichst breit gefächerte Sammlung von Ideen zur Gemeindeentwicklung mitzubringen, einschließlich solcher Ideen, die sich aus der Diskussion im Lokalausschuss ergeben hatten. Dabei kam so einiges zusammen; ich füge die Liste, fragmentarisch und assoziativ wie sie ist, einfach mal hier ein, in der Hoffnung, dass sie den einen oder anderen Leser dazu inspiriert, einzelne Punkte daraus selbständig weiterzudenken und womöglich in seiner eigenen Pfarrgemeinde zu verwirklichen.  
Brainstorming Gemeindeentwicklung  
Zur Einstimmung:  
„Die Hand des Herrn legte sich auf mich, und der Herr brachte mich im Geist hinaus und versetzte mich mitten in die Ebene. Sie war voll von Gebeinen. Er führte mich ringsum an ihnen vorüber, und ich sah sehr viele über die ganze Erde verstreut liegen; sie waren ganz ausgetrocknet. Er fragte mich: Menschensohn, können diese Gebeine wieder lebendig werden? Ich antwortete: Herr und Gott, das weißt nur du.“ (Ezechiel 37,1-3) 
Ideen/Vorschläge/Anregungen 
  • von Father Mallon gelernt: Neuevangelisierung/Gemeindeerneuerung muss immer mit den Leuten anfangen, die „schon da sind“; denn diese prägen das Klima der Gemeinde und haben somit entscheidenden Einfluss darauf, ob die Gemeinde auf Außenstehende attraktiv wirkt. Diesbezüglich haben wir so einige Baustellen (z.B. „Sonntagstreff“).  
  • „Welcome-Teams“  
  • Bestehende Gruppen und Kreise der Gemeinde besser miteinander vernetzen; notwendig dafür wäre mehr Transparenz bei der Raum- und Schlüsselvergabe. Idealvorstellung: interaktiver Online-Raumbelegungsplan, auf den die Gruppenleiter Zugriff haben. (Bei der Gelegenheit mittelfristig im Auge behalten: neue Website!)  
  • Interaktion zwischen Mitarbeitern/Gremien und „einfachen Gemeindemitgliedern“ (oder solchen, die es werden wollen) ist ausbaufähig.  
  • Was wir bereits tun: „Dinner mit Gott“ des Mittwochsklubs böte sich theoretisch als Erstkontakt-Angebot an, erfüllt diese Funktion aber bisher nicht in befriedigendem Maße. Wie kann man diese Veranstaltung (und andere) intensiver und zielgerichteter bewerben?  
  • Eine (aber sicher nicht die einzige) Möglichkeit: Stadtteilzeitungen.  
  • Gemeinsamer Pfarrbrief für alle Pfarreien des Pastoralen Raums (der zudem nur alle drei Monate erscheint) hat Vor-, aber auch Nachteile. Könnte/sollte ergänzt werden durch Wochenblatt für den jeweiligen Gemeindeteil. Im Gegenzug mündliche Vermeldungen radikal kürzen.  
  • Als zentrales Erstkontaktangebot wäre ein „Nachbarschaftsfest“ (o.ä.) im Sommer geeignet; es sollte nicht „Gemeindefest“ heißen, da das den Eindruck erwecken würde, es wären nur die eingeladen, die schon „dazugehören“. Geeigneter Termin: Ende der Sommerferien (wenn Familien mit Kindern aus dem Urlaub zurückkommen).  
  • Der konsequente nächste Schritt nach einem Erstkontakt-Angebot ist ein Evangelisierungs-Angebot. Ein erprobtes Modell dafür ist der Alpha-Kurs. An einem solchen sollten auch alle teilnehmen, die in irgendeiner Form in der Gemeinde aktiv sind.  
  • Ebenfalls von Father Mallon gelernt: Sakramente als pastorale Chance.  
    • Ehevorbereitung durch Ehepaare (z.B. uns)  
    • Geschenke zur Taufe (altersgerechte Geschenkpakete für die Kinder)  
    • Besuchsdienst für junge Familien  
    • Erstkommunionvorbereitung: Eltern stärker einbinden.  
  • Ein Problem altersgruppenbezogener Gruppenangebote (speziell für Jugendliche): Die Teilnehmer wachsen irgendwann aus der Altersgruppe raus; gibt es dann kein Anschlussangebot, verliert man sie.  
    • Angebote für junge Erwachsene/junge Familien?  
    • Spätestens beim Firmkurs sollte man anfangen, die Jugendlichen parallel auch in altersgruppenunabhängige Gemeindeaktivitäten einzubinden. (Positivbeispiel: der Kennenlerntag mit Flüchtlingen in St. Y im vergangenen Januar.)  
    • Eine anstehende weitere Gelegenheit wäre der vom Lokalausschuss geplante Grundstückpflege-Tag. Gelegenheit, körperlich zu arbeiten und sich schmutzig zu machen.  
    • In diese Richtung weitergedacht: Garten-AG! Auf dem Gelände von St. X gibt es wohl kaum geeignete Flächen, einen Garten anzulegen, aber sicherlich an einem der anderen Standorte. Ein Garten ist gut geeignet, eine langfristige Bindung aufzubauen.  
    • Gelegenheiten, körperlich zu arbeiten und sich schmutzig zu machen, sind nicht nur ein gutes Angebot für Jugendliche, sondern auch für Männer; für die gibt es allgemein zu wenig Angebote, was dazu führt, dass, wenn man mal Männer braucht, keine da sind (Erfahrung vom Weihnachtsbaum-Aufbau). Exerzitien/Wochenendseminare speziell für Männer.  
  • Leitgedanke: Weg von der Dienstleistungsmentalität – mehr Ansprüche stellen! (frei nach John F. Kennedy: „Frage nicht, was deine Gemeinde für dich tun kann, sondern was du für deine Gemeinde tun kannst!“) 
Im Rahmen des Treffens mit den Gemeindereferentinnen konnten gar nicht alle Punkte von dieser Liste angesprochen werden, und es wäre zum Teil wohl auch gar nicht das richtige Forum dafür gewesen. Dennoch verlief auch dieses Treffen in einer angenehmen und konstruktiven Atmosphäre und brachte noch einige weitere Ideen und Anregungen hervor. Unsere Brainstorming-Liste gaben wir den Gemeindereferentinnen mit und mailten sie tags darauf auch an die Teilnehmer der vorangegangenen Lokalausschusssitzung. Der nächste Schritt wird wahrscheinlich sein, sie dem Pfarrgemeinderat vorzustellen... 

Zweifellos ist es eine ganze Menge Holz, was wir auf dieser Brainstorming-Liste zusammengetragen haben, und es ist nicht damit zu rechnen, dass Mitarbeiter und Gremien der Pfarrei "Hurra!" schreien und sich sofort und voller Eifer daran machen, sämtliche Punkte umzusetzen. Wahrscheinlich muss man schon halbwegs zufrieden sein, wenn zwei, drei Punkte aufgegriffen und erste Schritte zu deren Umsetzung unternommen werden. Gleichzeitig und andererseits neige ich aber zu der Ansicht: Das alles ist erst der Anfang. Wenn man erst einmal die ersten Schritte unternommen hat und sieht, dass sie funktionieren, wird man überhaupt erst ein Gefühl dafür bekommen, was noch alles möglich ist. In vier oder fünf Jahren will ich in St. X eine Gemeinde haben, von der ich jetzt noch nicht einmal träumen kann. 



1 Kommentar:

  1. Halt der klassische Fall von dem Guten und Besseren.

    AntwortenLöschen