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Donnerstag, 7. Juni 2018

Das Trojanische Gender-Schaukelpferd erreicht die Wesermarsch

Mit Blick auf meinen anstehenden Trip nach Nordenham und Butjadingen - halb Familienurlaub, halb Buchvorstellungs-Tournee - habe ich kürzlich mal wieder damit angefangen, den Lokalteil der Nordwest-Zeitung aufmerksam zu verfolgen. Und so stolperte ich jüngst über einen Artikel mit der Überschrift "Die Welt ist nicht nur pink und blau". Man kann sich vorstellen, worum es geht: gendersensible Erziehung in KiTas und Kindergärten. Jetzt also auch in der beschaulichen Wesermarsch. Seufz. 

Symbolbild: Welches dieser beiden Kinder sieht diskriminierter aus?
(Bildquelle hier; Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0

"Geschlechterrollen sind tief in unseren Köpfen und in der Gesellschaft verankert", heißt es in dem Artikel: 
"Und das fängt bei Kindern an. 'Wir müssen weg von Stereotypen', fordert deshalb die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Wesermarsch, Ursula Bernhold. 'Wir müssen Kindern möglichst viele Chancen eröffnen, ihnen Vorschläge machen, sie weniger bewerten, sie ermutigen sich mehr auszuprobieren und ihnen Vielfalt aufzeigen.'" 
Das klingt natürlich alles total lieb und harmlos. "Chancen eröffnen" will man den Kindern, "ermutigen" will man sie. Wer könnte etwas dagegen haben? Nun, zum Haken an der Sache komme ich noch. Erst mal aber weiter im Text: 
"Ursula Bernhold will [...] einen Umdenkprozess anschieben. Sie will weg von geschlechtertypischen Bildern und Verhaltensformen hin dazu, dass sich Kinder unabhängig von einem geschlechtertypischen Korsett entwickeln können. Weil dann am Ende Mädchen selbstverständlicher gut in Mathe sind und mit Begeisterung technische Berufe ergreifen und Jungs im Dienstleistungssektor und in Care-Berufen ihre Stärken und Vorlieben ausspielen können." 
Halten wir hier zunächst mal fest, dass es letztlich darum geht, die Kinder hinsichtlich ihrer Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt zu optimieren. Ich räume allerdings ein, dass im Zeitalter des Spätkapitalismus bzw. der "Kontrollgesellschaft" (Deleuze) vielleicht nicht Jedem unmittelbar einleuchtet, wieso das etwas Schlechtes sein sollte. Dann also mal anders gefragt: Warum brauchen wir eigentlich partout mehr Mädchen in technischen Berufen, und wieso sollen Jungen "im Dienstleistungssektor und in Care-Berufen [...] Stärken und Vorlieben ausspielen", die sie überhaupt nicht haben

Nun habe ich ja, auch wenn mir das Mancher unterstellen wird, nicht bis gestern auf einem Baum gelebt und weiß sehr wohl, wie diesbezüglich die Theorie lautet: Es wird unterstellt, wenn die Kinder nicht von klein auf dazu konditioniert würden, sich stereotypen Geschlechterrollenerwartungen anzupassen, dann würden sich viel mehr Mädchen für technische Berufe und viel mehr Jungen für "Care-Berufe" interessieren, als das bisher der Fall ist. 

Und genau diese Annahme ist falsch

Das sage ich deshalb mit so dreister Überzeugung, weil ich, wie der Zufall es wollte, nur wenige Tage vor dem Erscheinen dieses NWZ-Artikels über einen von dem Psychologen und Kinderarzt Leonard Sax verfassten Blogartikel auf der Website des Institute for Family Studies in Charlottesville, Virginia, gestolpert bin, der sich mit geschlechtsspezifischem Spielverhalten von Kleinkindern befasst und den schönen Titel "Of Boys and Toys" ("Von Jungen und Spielzeugen") trägt. 

Der Artikel von Sax ist ausgesprochen aufschlussreich; das geht schon damit los, dass er den Leser darüber aufklärt, dass die Annahme, geschlechtsspezifisches Verhalten von Kindern sei ein Ergebnis stereotyper Rollenerwartungen bzw. -zwänge - was den Lesern der Wesermarsch-Lokalausgabe der NWZ ja gerade als brandheiße neue Erkenntnis verkauft wird - tatsächlich ein ziemlich alter Hut ist: Sax berichtet, man habe ihn diese Theorie bereits während seines Promotionsstudiums an der University of Pennsylvania gelehrt, und das war in den 1980er Jahren. 
"Mir wurde beigebracht, ein zweijähriger Junge spiele deshalb lieber mit Lastwagen als mit Puppen, weil sein Verhalten von einem als Gender-Schema bezeichneten Syllogismus gesteuert werde, der in etwa so aussieht:
1. Ich bin ein Junge.
2. Jungen spielen mit Lastwagen und nicht mit Puppen.
3. Also spiele ich mit Lastwagen und nicht mit Puppen." 
Dazu merkt Dr. Sax an:
"Diese Theorie hat eine Reihe von sehr problematischen Aspekten, aber ihr größtes Problem ist, dass die Tatsachen ihr widersprechen. Die Kinderpsychologin Lisa Serbin und ihre Kollegen fanden bei einer Studie über Jungen und Mädchen im Kleinkindalter heraus, dass kleine Kinder - insbesondere Jungen - kaum eine Ahnung davon haben, welchem Geschlecht sie angehören [...]. Wenn Kinder unter zwei Jahren sich selbst oder andere Kinder einem Geschlecht zuordnen sollen, erzielen sie Ergebnisse, die nur geringfügig über der Zufallswahrscheinlichkeit liegen.  
Gleichwohl stellte Serbins Forschungsgruppe fest, dass die Vorlieben der Kinder für bestimmte Spielzeuge in diesem Alter bereits fest ausgeprägt ist. Wurde ein Junge vor die Wahl zwischen einem Lastwagen und einer Puppe gestellt, entschieden sich die meisten Jungen für den Lastwagen. Tatsächlich war die Präferenz der Jungen zugunsten des Lastwagens sogar stärker ausgeprägt als die Präferenz der Mädchen zugunsten der Puppe. Das sollte Anhänger der Gender-Schema-Theorie eigentlich ins Grübeln bringen, denn 18 Monate alte Mädchen können sich selbst und andere Kinder mit höherer Wahrscheinlichkeit korrekt einem Geschlecht zuordnen, als gleichaltrige Jungen das können. Wenn die Gender-Schema-Theorie zuträfe, müssten die Mädchen eine ausgeprägtere Vorliebe für geschlechtstypisches Spielzeug aufweisen, weil sie in diesem Alter mit höherer Wahrscheinlichkeit wissen, dass sie Mädchen sind. In Wirklichkeit ist es aber umgekehrt.  
Eine weitere, von der Kinderpsychologin Anne Campbell geleitete Forschungsgruppe untersuchte Kleinkinder im Alter von neun Monaten und kam zu ähnlichen Ergebnissen. Neun Monate alte Jungen zeigten eine ausgeprägte Vorliebe für 'Jungenspielzeug' wie Bälle, Züge und Autos. Neun Monate alte Mädchen bevorzugten 'Mädchenspielzeug' wie Puppen und Kinderwagen, wobei die Vorlieben der Mädchen - wiederum - nicht so eindeutig ausgeprägt waren wie die der Jungen. Campbells Studie ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil sie klar aufzeigt, dass neun Monate alte Säuglinge überhaupt keine Vorstellung davon haben, welchem Geschlecht sie angehören. Das heißt, Jungen und Mädchen zeigen geschlechtsspezifische Vorlieben für bestimmte Spielzeuge, lange bevor sie überhaupt ein Verständnis von 'Geschlecht' haben. [...] Mit anderen Worten, 18 Monate alte Jungen entscheiden sich nicht dafür, lieber mit Lastwagen zu spielen als mit Puppen, weil sie wissen, dass sie sich so verhalten 'sollen'. Sie entscheiden sich für den Lastwagen, weil sie gern mit Lastwagen spielen wollen." 
[Übersetzung von mir.]

Soweit also Leonard Sax. Und was will die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Wesermarsch nun dagegen tun?
"Für Kindergärten wird beispielsweise empfohlen, Kinderküche und Werkbank nebeneinander zu platzieren und geschlechtstypisches Spielzeug zu durchmischen. Erfahrungen damit hätten gezeigt, dass Mädchen und Jungen dann mehr zusammen spielen, dass die Jungen ihre sozial-emotionalen Kompetenzen verbessern und die Mädchen bessere Ergebnisse im räumlichen Denken erzielen konnten." 
Na gut. Kann man machen. Klingt ja einigermaßen harmlos. Aber ich deutete ja bereits an, dass ich da einen Haken sehe. Auch wenn man sagt, man wolle den Kindern ja nur Angebote machen, ihnen "Chancen eröffnen" undsoweiter, und auch wenn man das vielleicht sogar tatsächlich so meint, steht doch zu befürchten, dass das in der Praxis darauf hinausläuft, einen gewissen Druck auf die Kinder auszuüben, sich gerade nicht "geschlechtskonform" zu verhalten. Und wenn, was angesichts der oben zitierten Forschungsergebnisse zu erwarten steht, mit reiner Freiwilligkeit nicht die erwünschten Ergebnisse erzielt werden, wird sich dieser Druck erhöhen. Da muss man gar keine böse Absicht unterstellen; so etwas passiert einfach.

Dramatisch ist das vor allem für Jungen; einerseits, weil sie, wie wir oben gesehen haben, in Hinblick auf geschlechtsspezifische Rollenerwartungen weniger anpassungsfähig sind als Mädchen, andererseits aber auch, weil es ihnen im Kosmos von KiTa, Kindergarten und Grundschule häufig an positiven männlichen Rollenvorbildern fehlt. Das kann dazu führen, dass die Jungen "lernen", dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist, weil sie Jungen sind.

Letzteres ist übrigens nichts Neues. Schon in meiner eigenen Grundschulzeit habe ich bei weiblichen Lehrkräften zuweilen (auch wenn ich es damals noch nicht so hätte ausdrücken können) eine gewisse Tendenz dazu beobachtet, alle Kinder zu Mädchen erziehen zu wollen. In jüngerer Zeit habe ich mich oft darüber gewundert, dass junge Männer - mit "jung" meine ich in diesem Kontext: signifikant jünger als ich - so zickig reagieren, wenn man sie in einer verbalen Auseinandersetzung mal etwas härter anfasst.  Zickig im Sinne von "gleichzeitig weinerlich, überheblich und unterschwellig boshaft". Inzwischen lautet meine Theorie: Das kommt daher, dass ihnen in der Grundschule oder schon im Kindergarten beigebracht wurde, sie dürften sich nicht prügeln. Folglich haben sie ihr Konfliktbewältigungsverhalten an dem gleichaltriger Mädchen orientiert -- weil die nämlich bemerkenswerterweise nie Ärger bekommen haben.

Noch weiter verschärft wird dieses Problem dadurch, dass die Tabuisierung offener Aggression heutzutage nur noch für Jungen gilt. Bei Mädchen gilt es als Empowerment, aggressives Verhalten zu tolerieren oder sogar zu unterstützen. Ich habe in den vergangenen Monaten mehrfach zu verschiedenen Personen gesagt, dass ich froh bin, eine Tochter zu haben. Denn: "Wenn ihr später mal jemand doof kommt, kann sie dem eins aufs Maul geben. Als Junge dürfte sie das nicht." Und diese Äußerung meine ich nur zur Hälfte scherzhaft. Na gut, vielleicht zu 60 Prozent. Vielleicht sind es aber auch nur 40.

Zugegeben, das führt jetzt alles ein bisschen weit. Halten wir dennoch als Kernaussage fest: Erziehungsmethoden, wie die Gleichstellungsbeauftragte Ursula Bernhold sie für die KiTas und Kindergärten der Wesermarsch propagiert, laufen letztlich darauf hinaus, Kindern ein geschlechtsspezifisches Verhalten, das für sie natürlich wäre, abzutrainieren. Dass man so etwas als "gendersensibel" bezeichnet, ist eigentlich bitterer Hohn: Sensibel ist daran überhaupt nichts. Tatsächlich ist der Gesamtbereich "Gender Mainstreaming" - und das meine ich nicht im verschwörungstheoretischen Sinne - ein groß angelegtes sozialpsychologisches Massenexperiment, dessen Folgen überhaupt nicht absehbar sind. Dr. Sax verweist auf einen Vers des altrömischen Dichters Horaz: Naturam expellas furca, tamen usque recurret. Man kann die Natur mit einer Mistgabel vertreiben, aber sie wird zurückkehren.


Kommentare:

  1. >>In jüngerer Zeit habe ich mich oft darüber gewundert, dass junge Männer - mit "jung" meine ich in diesem Kontext: signifikant jünger als ich - so zickig reagieren, wenn man sie in einer verbalen Auseinandersetzung mal etwas härter anfasst. Zickig im Sinne von "gleichzeitig weinerlich, überheblich und unterschwellig boshaft".

    Rein interessehalber:

    Bin (u. a.) ich gemeint?

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    1. Nö. Deine Kommentare würde ich manchmal (!) als "besserwisserisch" bezeichnen, nicht aber als "weinerlich, hochnäsig und unterschwellig boshaft". :)

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    2. Hochnäsig und unterschwellig boshaft hätte ich bei aller Selbstkritik auch nicht vermutet, aber bei "weinerlich" wäre ich mir nicht so sicher gewesen.

      Besserwisserisch, klar. Nur manchmal? ;-)

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    3. Na was schreiben Sie den böses? Ist das wirklich harmlos? ich bin mal von einer Blogbetreiberin zur Hölle verwünscht worden, mit einem gehässigen "schön warm da unten",´das ist für mich bisher die Spitze "christlicher Ausfälle"

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  2. Als kleines Mädchen wollte ich ein Auto zum Spielen. Allerdings wollte ich das offensichtlich nur, weil meine Brüder Autos hatten. Auch wollte ich ein “Auto“, während meine Brüder sich natürlich bestimmte Automarken wünschten. Bevorzugt gespielt habe ich dann doch mit Puppen. Mit denen kann man ja auch reden.

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  3. Ich bin immer wieder fasziniert davon, dass wir uns immer natürlicher ernähren, Bio-Lebensmittel boomen, niemand Gentechnik will, unsere Haus- und Nutztiere möglichst artgerecht gehalten werden, eine wirtschaftliche Nutzung von Naturschutzgebieten zu grössten Aufschreien führt (ANWR) - aber vielfach festgestellte Unterschiede zwischen den Geschlechtern abtrainiert werden müssen. Die dürfen dann nämlich nicht "natürlich" sein.

    Interessante Zeiten.

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    1. Wahrlich interessant. Der Müll wird getrennt. Die Geschlechter wirft man in eine Tonne.

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  4. Lustig das heute hier zu lesen. Ich habe gestern mit einem Buch von Dr. Sax angefangen- "Why Gender Matters" - Hochinteressant.
    Und dann Frage ich mich... was wenn das nächste Kind ein Junge wird?

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  5. Die zäumen das Pferd ja völlig falsch herum auf - das Problem ist ja nicht unterschiedliche männliche und weibliche Tendenzen (und dass die existieren, kann jeder bestätigen, der Kinder hat), sondern die höhere Wertigkeit, monetäre Entlohnung, Macht und Prestige, die mit "männlichen" Berufen am oberen Ende des Spektrums verbunden sind.
    Wenn ein natürliches Interesse daran, Mutter zu sein und Kinder selbst zu betreuen, Kranke zu pflegen und Kleinkinder zu erziehen genauso gewürdigt, geschätzt und entlohnt würde wie ein natürliches Interesse daran, Autoteile zu entwerfen oder Unternehmen aggressiv nach vorne zu bringen, hätten wir kein Problem. Aber unter den gegebenen Umständen würde ich mir auch wünschen, dass meine Tochter ein größeres natürliches Interesse an Werkbänken hätte als an Babies.

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  6. Schönen guten Tag. Ich habe das Buch von Rod Dreher schon auf Englisch gelesen und nun auch Ihre Übersetzung auf Deutsch in Händen. Ich finde das sehr gelungen und textsicher - werde eventuell auf amazon.com eine Rezension schreiben. Zum interessanten Thema hier: ich finde es beachtlich, dass Leute wie Sax, Kutschera oder auch Harald Eia genau das machen, was sie den Ideologen der Gendertheorie vorwerfen - sie vermischen wissenschaftliche Erkenntnisse und Ideologie. Genau das ist das Problem an der Sache, die letztlich eine Querschnittsmaterie ist. Ein Beispiel aus meinem Bereich: es ist wissenschaftlich klar erwiesen, dass eine 20-jährige Frau 34 % mehr Aufwand betreiben muss um ein Kilogramm Muskelmasse zuzunehmen als ein 20-jähriger Mann. Das ist die naturwissenschaftliche Erkenntnis. Die Frage ist nun welche Schlüsse ich daraus ziehe - soll eine Frau verzichten Kraft zu trainieren weil sie dazu nicht befähigt ist oder soll sie mehr trainieren um aufzuholen? Letzteres ist eine ideologische Deutung und hat mit der wissenschaftlichen Tatsache nichts zu tun. Man sollte das nicht vermischen. Bei Sax gibt es ein ähnliches Problem - es ist schon klar, dass ein 18 Monate alter Säugling nicht weiß ob er männlich oder weiblich ist - Tatsache ist aber dass die Eltern es wissen - und dass sie natürlich unbewußt Einfluss ausüben. Der Beihnahe-Namensvetter von Sax - Oliver Sacks hat das in seinem Beispiel über das "Kluge Hans" Phänomen sehr gut zusammengefasst. Meiner Meinung nach gibt es wissenschaftlich nachweisbare angeborene Präferenzen der Geschlechter - die große Frage ist aber ob man diese durch Erziehung und gesellschaftliche Maßnahmen fördern soll oder nicht. Und welche Wertigkeit ich Fähigkeiten, bei denen Frauen präferiert sind, im gesellschaftlichen Kontext gebe.

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