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Freitag, 1. Juni 2018

Eine Speisekammer für Viele

Nun wird es aber Zeit, mal wieder was Positives zu berichten. Ich habe hier ja schon ein paarmal thematisiert, dass meine Liebste im Foodsharing-Netzwerk aktiv ist und dass ich sie darin gelegentlich auf unterschiedliche Weise unterstütze -- also etwa, indem ich beim Abholen oder Weiterverteilen "geretteter" Lebensmittel mit anpacke oder was halt sonst so anfällt. Und in dieser Woche gab es nun einen Meilenstein in der Geschichte des Foodsharing-Engagements meiner Liebsten zu vermelden: die Eröffnung eines "Verteilers", für den meine Frau zusammen mit zwei weiteren Freiwilligen innerhalb der Foodsharing-Bezirksgruppe die Betriebsverantwortung übernommen hat. -- Die offizielle Schreibweise lautet übrigens "FairTeiler"; ich persönlich finde diese Art von Wortspielen ja eher oll, aber das ist Geschmackssache und hat keine allzu gravierenden Auswirkungen darauf, was ich inhaltlich von der Sache halte. 

Also, worum geht's? -- Im Wesentlichen besteht der FairTeiler aus einem Vorratsschrank und einem Kühlschrank:  

Das Schleifenband wurde kurz nach der Aufnahme dieses Fotos feierlich durchschnitten. 
Diese beiden Schränke stehen nun in einem Begegnungszentrum für Suchtkranke und psychisch Kranke in Berlin-Reinickendorf, und innerhalb der Öffnungszeiten dieses Zentrums - montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr - kann man dort Lebensmittel einstellen, die man selbst nicht braucht, oder Lebensmittel für den eigenen Bedarf rausnehmen. Oder eben beides. Ganz kostenlos. Mitmachen kann dabei im Prinzip Jeder, ohne irgendeine Form von Registrierung oder Anmeldung. 

Ein paar Regeln gibt es dabei natürlich schon zu beachten. Aber die sind recht übersichtlich. 
Die Betriebs(mit)verantwortung, die meine liebe Frau nun - wie erwähnt - für diese quasi öffentliche Speisekammer übernommen hat, umfasst beispielsweise die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Schränke regelmäßig gesäubert werden und keine Lebensmittel darin vergammeln. Ich sehe es schon kommen, dass ich gelegentlich zur Erfüllung dieser Aufgabe mit-herangezogen werde. Und was soll ich sagen: Ich find's prima. Ich habe es wohl schon mal erwähnt, aber: Gerade die unbürokratische, "graswurzelmäßige" Organisationsform des Foodsharing-Netzwerks finde ich in Hinblick auf aktuelle und künftige #BenOp- und Punkpastoral-Initiativen ausgesprochen inspirierend; und was die inhaltliche Seite angeht: War da nicht mal was mit "die Hungernden speisen"?  Papst Franziskus weist in seiner Enzyklika Laudato Si' darauf hin, dass weltweit "etwa ein Drittel der produzierten Lebensmittel verschwendet wird" und dass "Nahrung, die weggeworfen wird, gleichsam vom Tisch des Armen […] geraubt wird" (LS 50).



Wenn man sich vor Augen hält, was für absurde Mengen an noch genießbaren Lebensmitteln in einer Stadt wie Berlin tagtäglich im Müll landen und wie viele Menschen gleichzeitig und am selben Ort nicht genug zu essen haben, sollte es nicht schwer fallen, eins und eins zusammenzuzählen. Die "Lebensmittelretter" vom Foodsharing-Netzwerk leisten in dieser Hinsicht wirklich Beachtliches -- aber es gäbe noch weit mehr zu tun, wenn sich nur genügend Mitstreiter fänden. Und warum sollten darunter nicht auch (und nicht zuletzt) solche sein, die aus explizit christlicher Motivation heraus aktiv werden? -- Ich habe mal gehört, die evangelische Matthias-Claudius-Gemeinde in Heiligensee plane in ihren Räumlichkeiten einen FairTeiler einzurichten, aber ich bin nicht auf dem neuesten Stand, was daraus geworden ist. Auf katholischer Seite kooperiert beispielsweise das Franziskanerkloster Pankow, das eine Suppenküche für bis zu 500 Obdachlose betreibt, mit Foodsharing. Dieses Kloster liegt übrigens ganz in der Nähe des neu eröffneten FairTeilers; "nah" jedenfalls für Berliner Verhältnisse, nämlich eine S-Bahn-Station weiter stadteinwärts. Ich könnte mir vorstellen, dass man etwa auf der Ebene von "Kreisen und Gruppen" in Pfarrgemeinden eine Menge tun könnte, um solche Einrichtungen zu unterstützen - und das ohne großen organisatorischen Aufwand.

Übrigens sinniere ich in letzter Zeit immer mal wieder über das verbreitete Vorurteil, im weitesten Sinne "sozial und ökologisch" orientierte Projekte und Initiativen im Rahmen der Kirche(n) würden überwiegend oder ausschließlich von Leuten betrieben, die auch in theologischer, liturgischer und/oder allgemein "kirchenpolitischer" Hinsicht eher "progressiv" oder zumindest "liberal" seien. Zuweilen kommt mir der Gedanke, dabei könne es sich um eine Art "self-fulfilling prophecy" handeln -- in dem Sinne, dass eher "strenggläubige" Christen (benutzen wir mal diesen Begriff, um die missverständliche Kategorisierung "konservativ" zu vermeiden) derartigen Projekten gerade infolge dieser Annahme skeptisch gegenüberstehen und sich lieber davon fernhalten. Sofern das tatsächlich der Fall ist, halte ich es für einen Fehler. Es ist ein Kernmerkmal des Christentums, dass Gottesverehrung und Dienst am Nächsten zusammengehören. Das eine gegen das andere auszuspielen, würde eine Verkürzung und Verfälschung der christlichen Botschaft bedeuten -- egal, von welcher Seite das ausgeht.

Ich hätte zu diesem Punkt noch einiges mehr zu sagen, aber ich schätze mal, das verschiebe ich, bis ich mir mal das "Urban Gardening"-Projekt der Herz-Jesu-Priester in Prenzlauer Berg angesehen haben werde. Für jetzt mache ich erst mal einen Punkt.



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