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Montag, 26. September 2016

Religion, Familie, Sexualität und der "sanfte Totalitarismus" des Staates

Ehrlich gesagt finde ich den Erzbischof von Philadelphia, Charles J. Chaput OFMCap, ja schon allein deshalb cool, weil er Indianer ist. Er gehört dem Stamm der Potawatomi an und war bei seiner Weihe im Jahr 1988 erst der zweite Native American, der in den USA Bischof wurde; seit 1997 ist er der erste US-amerikanische Erzbischof mit diesem ethnischen Hintergrund. Extrem cool. Man verzeihe mir meine etwas naive Indianerromantik - daran sind natürlich meine Lektürevorlieben aus meiner Kindheit und Jugend schuld, aber das geht mir ja nicht alleine so

Aber davon mal ganz ab: Ich habe in den letzten zwei, drei Jahren immer mal wieder mit Interesse öffentliche Äußerungen dieses Erzbischofs zu Fragen der kirchlichen Lehre wie auch zu gesellschaftspolitischen Fragen zur Kenntnis genommen und hatte stets den Eindruck: Das ist ein Guter. Kürzlich sah ich nun auf Twitter, dass jemand einen Link zu einer Ansprache von Erzbischof Chaput geteilt und mit dem Hinweis versehen hatte: "LEST DAS UND TEILT DAS. IHR WERDET FROH SEIN, ES GETAN ZU HABEN." Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. 

Es handelte sich um eine Ansprache im Rahmen der Tocqueville Lectures an der katholischen University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana - über das Thema "Sexualität, Familie und die Freiheit der Kirche - Authentische Freiheit in unserem emanzipierten Zeitalter". Und ich muss sagen, der Tweet hatte mir nicht zuviel versprochen. Die Ansprache ist wirklich großartig, weshalb ich sie hier auszugsweise wiedergeben (und einige Anmerkungen hinzufügen) möchte. 

Der Erzbischof von Philadelphia berührt in dieser Ansprache eine Reihe unterschiedlicher Aspekte, aber man kann sagen, das übergeordnete Thema der Rede sei das Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Ein wichtiges Thema, wie ich finde - auch und nicht zuletzt hierzulande. Ich hatte in Diskussionen zu dieser Frage schon häufig den Eindruck, Viele, die besonders vehement auf das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche pochen, meinen damit in Wirklichkeit die Unterwerfung der Kirche unter den Staat oder die prinzipielle Verdrängung von Religion aus dem öffentlichen, also politischen Raum ins rein Private hinein. Das ist aber etwas völlig Anderes, als was der Begriff eigentlich meint. Doch hören wir erst einmal dem Erzbischof selbst zu.

Da es sich um eine politische Vorlesungsreihe handelte, überrascht es nicht, dass Erzbischof Chaput in seiner Ansprache auch auf die bevorstehende Präsidentschaftswahl in den USA eingeht. Er tut dies mit bemerkenswert scharfen Worten: 
"Ich werde in diesem Monat 72 Jahre alt. Seit 1966 gehe ich wählen – das sind jetzt exakt 50 Jahre. Und in diesem halben Jahrhundert haben  noch nie beide großen Parteien gleichzeitig derart mit Makeln behaftete Präsidentschaftskandidaten aufgestellt. Der Wahlkampf zwischen Nixon und McGovern im Jahr 1972 war nah dran, aber das Jahr 2016 übertrifft ihn noch.
Gott allein kennt das Herz der Menschen, daher möchte ich annehmen, dass beide führenden Kandidaten für das Weiße Haus gute Absichten haben und hinter der Fassade ihres öffentlichen Erscheinungsbildes ein passables Maß an persönlichem Anstand aufweisen. Aber gleichzeitig glaube ich, dass beide Kandidaten sehr schlechte Aussichten für unser Land bedeuten, wenn auch in unterschiedlicher Weise. Der eine Kandidat ist in den Augen sehr vieler Leute ein säbelrasselnder Demagoge mit mangelhafter Impulskontrolle. Und die andere Kandidatin ist – wiederum in den Augen sehr vieler Leute – eine kriminelle Lügnerin mit einem einzigartigen Fundus an abgenutzten Ideen und falschen Prioritäten." 
Wenn sich solcherart der Eindruck ergibt, man habe bei den anstehenden Wahlen lediglich die Wahl zwischen Pest und Cholera, dann ist das selbstverständlich ein schwerwiegendes Problem für die Demokratie als ganze - weil es demokratische Partizipation von vornherein als sinnlos erscheinen lässt. Erzbischof Chaput merkt dazu an: 
"Vieles an der aktuellen politischen Lage lädt zu Zynismus ein. Aber als Christen haben wir diese Option nicht. Wir können uns den Luxus des Zynismus nicht leisten." 
Er nennt verschiedene Gründe für diese Einschätzung, von denen ich hier nur die für mein Empfinden wichtigsten wiedergebe: 
  • "Wenn Christen sich aus dem öffentlichen Raum zurückziehen, werden andere Menschen mit weitaus schlechteren Absichten das nicht tun. Und der sicherste Weg, Leid über unser Land zu bringen, besteht darin, sich diesen Leuten nicht entgegenzustellen – in der öffentlichen Debatte und auch in der Wahlkabine." 
  • "Das Wesen des christlichen Lebens – daran erinnert uns Papst Franziskus – ist Hoffnung und Freude, nicht Verzweiflung. Unsere Entscheidungen und Handlungen machen einen Unterschied. Wie Benedikt und Johannes Paul II. vor ihm sieht auch Franziskus in der Politik, wenn sie auf richtige Weise betrieben wird, ein Instrument der Gerechtigkeit, Wohltätigkeit und Barmherzigkeit. Der Beruf des Politikers ist wichtig, denn wenn er auf gute Weise ausgeübt wird, kann er die Gesellschaft, der er dient, veredeln."
  • "Christen sind nicht von dieser Welt, aber sie sind definitiv in dieser Welt. Der Hl. Augustinus sagte, unsere Heimat ist die Stadt Gottes, aber um dorthin zu gelangen, müssen wir die Stadt des Menschen durchqueren. Auf diesem Weg haben wir die Pflicht, die Welt besser zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben. Eine Möglichkeit, dies zu tun – so unvollkommen sie auch sein mag – ist die Politik." 
Wahlen, so resümiert der Erzbischof von Philadelphia, sind wichtig - aber gleichzeitig betont er, dass er mit seinen Ausführungen auf Grundsätzlicheres hinaus will als nur auf die diesjährige Präsidentschaftswahl. Und dieses Grundsätzlichere betrifft - so möchte ich anmerken - nicht allein die USA; es betrifft in nicht geringerem Maße beispielsweise auch Deutschland, wo die Politikverdrossenheit ja ebenfalls ein dramatisches Ausmaß erreicht hat. 
"Wir haben, so scheint es, als Nation einen Punkt erreicht, an dem unser politisches Denken und unser politisches Vokabular erschöpft sind. Der tatsächliche Einfluss, den wir als Individuen auf die Regierung und die politische Klasse haben, die uns zu repräsentieren beansprucht […], ist so geringfügig, dass daraus Gleichgültigkeit oder Wut entspringt." 
Der Befund klingt vertraut. Was aber folgt daraus, besonders für Christen?
"Deshalb muss das politische Engagement von uns Christen mehr sein als eine Suche nach besseren Kandidaten, besseren politischen Maßnahmen oder schlaueren Parolen. Die Aufgabe, eine Gesellschaft zu erneuern, erfordert ein viel langfristigeres Denken als bloß alle paar Jahre zur Wahl zu gehen. Und es erfordert eine andere Sorte Mensch. Es erfordert, dass wir eine andere Sorte Mensch sind.
Augustinus sagte, es sei sinnlos, sich über die Zeit zu beklagen, in der man lebt – denn wir selbst sind diese Zeit. Daraus folgt, dass wir, um das Land zu verändern, zunächst einmal uns selbst ändern müssen." 
Von dieser Feststellung ausgehend, kommt Erzbischof Chaput zunächst einmal - etwas überraschend, aber so sehr dann doch nicht, wenn man drüber nachdenkt - auf das Thema Sex zu sprechen. Kirchenkritisch oder entschieden antiklerikal eingestellte Personen werfen ja gern mal die rhetorisch gemeinte Frage auf, inwieweit zölibatär lebende Priester überhaupt kompetent seien, etwas zum Thema Sex zu sagen; darauf gibt Chaput eine äußerst bestechende Antwort: 
"Ich bin seit 46 Jahren Priester. In dieser Zeit habe ich etwas mehr als 12.000 persönliche Beichten gehört […]. Wenn man – wie es die meisten Priester tun – Tausende von Stunden seines Lebens damit verbringt, sich die Fehlschläge und Verletzungen im Leben von Menschen anzuhören – von Männern, die ihre Frauen verprügeln, Frauen, die ihre Männer betrügen, von Pornographie-, Alkohol- und Drogensüchtigen, von Dieben, von Hoffnungslosen, von Selbstzufriedenen und Selbsthassenden –, dann bekommt man einen ziemlich guten Einblick in die Welt, wie sie wirklich ist, und in die Auswirkungen dieses Zustands auf die menschliche Seele.
Der Beichtstuhl ist realer als jede Reality-Show – und zwar deshalb, weil niemand zusieht. Nur du, Gott und die Beichtenden sind da, und das Leiden, das sie mitbringen.
Für mich als Priester ist das auffälligste Charakteristikum der vergangenen fünf Jahrzehnte die gewaltig ansteigende Zahl von Menschen – Männern wie Frauen –, die Promiskuität, sexuelle Gewalt und sexuelle Verwirrung als gewöhnlichen Teil ihres Lebens bekennen, sowie die massive Rolle der Pornographie im Zerstören von Ehen, Familien und sogar den Berufungen von Priestern und Ordensleuten.
In gewissem Sinne ist das gar nicht überraschend. Sex ist kraftvoll. Sex ist attraktiv. Sex ist ein elementares Verlangen und ein elementarer Instinkt. Unsere Sexualität ist auf intime Weise damit verknüpft, wer wir sind; wie wir nach Liebe und Glück suchen; wie wir die tiefgreifende Einsamkeit im Leben überwinden; und, für die meisten Menschen, damit, wie wir ein kleines Stück Beständigkeit in der Welt und ihrer Geschichte beanspruchen, indem wir Kinder bekommen.
Der Grund dafür, dass Papst Franziskus die 'Gender-Theorie' so entschieden ablehnt, liegt nicht allein darin, dass ihr die wissenschaftliche Grundlage fehlt – wenngleich sie dieses Problem zweifellos hat. Die Gender-Theorie ist eine Form von Metaphysik, die die Natur der Sexualität untergräbt, indem sie die Komplementarität von Männlich und Weiblich leugnet, die in unsere Körper eingeschrieben ist. Auf diese Weise attackiert sie einen elementaren Baustein menschlicher Identität und Sinngebung – und, darüber hinausgehend, die Fundamente menschlicher Sozialordnung.
Doch kehren wir zurück in den Beichtstuhl. Dass man im Sakrament der Beichte die sexuellen Sünden der Leute zu hören bekommt, ist an und für sich nichts Neues. Aber die Bandbreite, die Ausgefallenheit, Gewaltsamkeit und Zwanghaftigkeit dieser Sünden ist es sehr wohl. Dabei muss man bedenken, dass zur Beichte ja nur diejenigen kommen, die bereits ein gewisses Empfinden von Richtig und Falsch haben; die zumindest vage begreifen, dass sie ihr Leben ändern und Gottes Barmherzigkeit aufsuchen müssen." 
Damit wären wir bei einem wichtigen Stichwort angekommen: Barmherzigkeit - das Motto des von Papst Franziskus ausgerufenen Heiligen Jahres, und zugleich mehr als nur ein Motto
"Das Wort Barmherzigkeit verdient nähere Betrachtung. Barmherzigkeit ist eine der kennzeichnenden und schönsten Eigenschaften Gottes. Zu Recht ruft Papst Franziskus uns in diesem Jahr dazu auf, sie in unserem eigenen Leben zu verwirklichen. Unglücklicherweise jedoch kann dieses Wort allzu leicht missbraucht werden, um der schweren Aufgabe der moralischen Beurteilung auszuweichen. Barmherzigkeit bedeutet nichts - nichts als eine Übung in Sentimentalität - ohne ein klares Verständnis moralischer Wahrheit.
Wir können niemandem Barmherzigkeit zeigen, der uns nichts schuldet - der nichts Falsches getan hat. Barmherzigkeit setzt einen zuvor geschehenen Akt des Unrechts voraus, der behoben werden muss. Und die Wiederherstellung von Gerechtigkeit erfordert ein grundlegendes System höherer Wahrheit über den Sinn des Menschseins und über menschliches Handeln. Sie verlangt ein Verständnis von Wahrheit, das bestimmte Dinge als gut und andere als böse definiert -  die einen als Leben spendend, die anderen als zerstörerisch. 
Warum ist das so wichtig? - Die Wahrheit über unsere Sexualität ist, dass Untreue, Promiskuität, sexuelle Verwirrung und massenhafte Pornographie menschliche Wracks erzeugen. Rechnen wir diese zerstörerische Wirkung hoch auf Millionen von Menschen über einen Zeitraum von fünf Jahrzehnten – und betrachten dazu die unsinnigen Behauptungen der Medien über die vermeintliche Unschuld zwangloser und beiläufiger Sexualkontakte und die angeblich glücklichen und zufriedenen Kinder einvernehmlicher Scheidungen. Was dabei herauskommt, ist das, was wir heute haben: eine dysfunktionale Kultur frustrierter und verletzter Individuen, die zunehmend unfähig zu dauerhaften Bindungen, Selbstaufopferung und ausdauernder Nähe sind – und zudem unwillig, sich der Realität ihrer Probleme zu stellen." 
Das hat - so betont Erzbischof Chaput - auch gravierende politische Konsequenzen:
"Menschen, die nicht willens sind, ihre Begierden zu beherrschen, werden zwangsläufig von ihnen beherrscht – was letztlich darauf hinausläuft, dass sie von jemand Anderem beherrscht werden. Menschen, die zu schwach sind, feste und dauerhafte Beziehungen zu unterhalten, sind auch zu schwach, frei zu sein. Früher oder später unterwerfen sie sich einem Staat, der ihren Narzissmus und ihre Unreife mit seinen eigenen Formen sozialer Kontrolle kompensiert." 
Die Vorstellung, dass schwache, unreife und von ihren Begierden beherrschte Individuen sich freudig der sozialen Kontrolle eines neo-totalitären Staates unterwerfen, mag auf den ersten Blick wie dystopische Science Fiction anmuten - aber der Erzbischof geht auf diesen Punkt später noch genauer ein, und wir werden sehen, dass es sich bei dieser Einschätzung keinesfalls um eine phantastische Schreckensvision handelt, sondern um ganz nüchterne Gesellschaftsanalyse. Zunächst aber betont Erzbischof Chaput den hohen und bedrohten Wert der Familie:  
"Menschen, die zu ängstlich oder zu selbstbezogen sind, um neues Leben willkommen zu heißen, Kinder zu gebären und in einer liebenden Familie aufzuziehen und sie Tugend und moralischen Charakter zu lehren, schreiben sich selbst aus der Geschichte der Menschheit heraus. Das macht es so besorgniserregend, dass so viele junge Erwachsene aus der Generation der 'Millennials' sich dagegen wehren, Kinder zu bekommen.
Die Zukunft gehört Menschen, die an etwas außerhalb ihrer selbst glauben und die diesem Glauben entsprechend leben und sich dafür aufopfern. Sie gehört Menschen, deren Denken und deren Hoffnung generationsübergreifend ist. […] Schwache und selbstsüchtige Menschen begründen schwache und selbstsüchtige Ehen. Schwache und selbstsüchtige Ehen resultieren in zerbrochenen Familien. Und zerbrochene Familien tragen zu einem sich immer weiter ausbreitenden Kreislauf der Dysfunktionalität bei. Sie erzeugen mehr und mehr verletzte, beschädigte Individuen. Eine unübersehbare Menge an statistischem Material zeigt, dass Kinder aus zerbrochenen Familien in erheblich stärkerem Maße von Armut bedroht sind, schlechtere Bildungschancen haben und stärker zu emotionalen und psychischen Problemen neigen als Kinder aus intakten Familien.
Die Familie ist der Ort, an dem Kinder lernen, was es heißt, Mensch zu sein. Dort lernen sie, andere Menschen zu respektieren und zu lieben; sie sehen, wie ihre Eltern sich für das gemeinsame wohl des Haushalts aufopfern; und sie entdecken ihren Platz in einer Familiengeschichte, die größer ist als sie selbst. Kinder aufzuziehen, ist eine schöne, aber auch eine schwere Aufgabe. Es ist eine Aufgabe für hingebungsvolle und von Selbstsucht freie Eltern. Und Eltern brauchen die Freundschaft und Unterstützung anderer, gleichgesinnter Eltern. Man braucht Eltern, um ein Kind aufzuziehen – und keine Legion professioneller Fachleute, so hilfreich diese in bestimmten Situationen auch sein können." 
Halten wir einen Moment inne und stellen uns vor, ein deutscher Bischof würde so etwas sagen. Wobei: Das gab's ja schon. Wir erinnern uns an die Reaktionen in der Öffentlichkeit. Doch Erzbischof Chaput setzt noch eins drauf:  
"Nur eine Mutter und ein Vater können die Intimität mütterlicher und väterlicher Liebe gewährleisten. Viele alleinerziehende Eltern vollbringen heroische Anstrengungen, ihre Kinder gut zu erziehen, und dafür verdienen sie Bewunderung und Lob. Aber nur eine Mutter und ein Vater können einem Kind jene einzigartige Form menschlicher Liebe bieten, die in Fleisch und Blut verwurzelt ist; jene Form von Liebe, die auf wechselseitiger Unterordnung und Selbsthingabe beruht und aus der Komplementarität des Geschlechtsunterschieds hervorgeht.
Es gibt wohl keine Eltern, die diesen Anspruch in vollkommenem Maße verwirklichen. Einige scheitern dramatisch daran. Und nur allzu oft begünstigt die moderne Lebensrealität in unserem Land dieses Scheitern. Aber schon allein dadurch, dass sie es versuchen, geben Eltern eine absolut grundlegende Wahrheit an die nächste Generation weiter: die Wahrheit, dass Dinge wie Liebe, Glaube, Vertrauen, Geduld, Verständnis, Zärtlichkeit, Treue und Mut tatsächlich wichtig sind – dass sie die Grundlage für ein wahrhaft menschliches Leben bilden." 
Im weiteren Verlauf seiner Ansprache kommt Erzbischof Chaput auf konkrete Bedrohungen der Familie zu sprechen - und auf deren politische und soziale Ursachen:  
"Zweifellos kommen einige der schlimmsten Gefährdungen des Familienlebens von außerhalb des Zuhauses: in Form von Arbeitslosigkeit, schlechter Bezahlung, Kriminalität, schlechten Wohnverhältnissen, chronischer Krankheit und schlechten Schulen.

Das sind lebenswichtige Themen mit gravierenden Auswirkungen auf das Leben von Menschen. Und dem katholischen Denken zufolge kommt der Regierung eine Verantwortung zu, solche Probleme zu lindern – aber nicht, wenn die Regierung eine verkrüppelte Vorstellung vom Menschen, von Ehe und Familie zugrunde legt. Nicht wenn eine Regierung willkürlich in das Handeln zivilgesellschaftlicher Institutionen eingreift, die der Öffentlichkeit gute Dienste leisten. Man könnte allerdings behaupten, dass genau diese Beschreibung auf viele Maßnahmen der derzeitigen Regierung in den vergangenen sieben Jahren zutrifft.

Das notwendige Gegengewicht gegen die Einmischungen der Regierung ist eine breite Öffentlichkeit von mündigen Bürgern, die die Autonomie der zivilgesellschaftlichen Sphäre gegenüber dem Staat verteidigen. Das Problem ist jedoch – wie Christopher Lasch schon vor fast 40 Jahren beobachtet hat –, dass ein auf Massenkonsum ausgerichtetes Wirtschaftssystem unselbständige und ichbezogene Konsumenten benötigt und die Menschen entsprechend konditioniert. Dieses Wirtschaftssystem erfordert und erzeugt, wie Lasch es nennt, eine 'Kultur des Narzissmus', achtlos gegenüber der Vergangenheit, obsessiv der Gegenwart verfallen und desinteressiert an der Zukunft.

Als 1961 John F. Kennedy Präsident wurde, konnte er in der Rede zu seiner Amtseinführung die Amerikaner noch voller Zuversicht dazu aufrufen, 'nicht zu fragen, was euer Land für euch tun kann, sondern zu fragen, was ihr für euer Land tun könnt'. Heute frage ich mich, wie viele von uns diese Worte nicht nur als naiv und anmaßend, sondern geradezu als eine Verkehrung von Prioritäten empfinden würden." 
Dieser grassierende Egoismus, so Chaput, macht letztlich nur umso deutlicher, wie sehr die Gesellschaft starke Familien braucht:
"Wenn wir starke Familien wollen, brauchen wir starke Männer und Frauen, die mit Reife und Liebe solche Familien begründen und bewahren. Und für die Kirche, eine Familie aus Familien, gilt dasselbe."
Mit dieser Feststellung leitet der Erzbischof von Philadelphia zu einer Betrachtung der Rolle der Kirche in Staat und Gesellschaft über - und als deutscher Leser kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, die folgenden Bemerkungen seien auch für die Kirche hierzulande von erheblicher Brisanz:  
"Die Kirche ist stark, wenn ihre Familien und ihre einzelnen Söhne und Töchter stark sind: wenn sie glauben, was die Kirche lehrt, und ihre Botschaft mit Mut und Eifer bezeugen. Sie ist schwach, wenn ihre Mitglieder lau und bequem sind, wenn sie allzu sehr darauf bestrebt sind, nicht anzuecken – oder, frei heraus gesagt, zu viel Angst vor öffentlicher Missbilligung haben – und deshalb nicht im Stande sind, die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist. Die Kirche ist 'unsere' nur in dem Sinne, dass wir zu ihr gehören, dass sie unsere Mutter und Lehrerin in der Familie Gottes ist. Die Kirche gehört uns nicht. Wir gehören ihr. Und die Kirche ihrerseits gehört Jesus Christus, der ihr ihre Freiheit garantiert, ob es dem Kaiser gefällt oder nicht. 
Die Kirche ist frei, selbst inmitten schlimmster Verfolgung. Sie ist selbst dann frei, wenn viele ihrer Kinder sich von ihr abwenden. Sie ist frei, weil Gott tatsächlich existiert, und die Kirche ist nicht abhängig von Zahlen oder Ressourcen, sondern allein von der Treue zum Wort Gottes. Ihre praktische Freiheit jedoch – ihre Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit im Hier und Jetzt, in unserer Gesellschaft – hängt von uns ab."
Eine schwache Kirche - so stellt Chaput im Folgenden fest - ebnet einer weiter oben bereits angedeuteten neuen Form von staatlichem Totalitarismus den Weg:
"In seinem klassischen Werk Über die Demokratie in Amerika stellt Alexis de Tocqueville fest, der Erfolg der amerikanischen Demokratie liege zu einem bedeutenden Teil in der starken Bindung der Amerikaner an ihre Familien und ihren religiösen Glauben begründet. Familien und Kirchen stehen zwischen dem Individuum und dem Staat. Sie schützen die Autonomie des Individuums, indem sie der Macht der Regierung eine Grenze setzen, sich der Neigung des Staates entgegenstellen, bestimmenden Einfluss auf die Gesamtheit des menschlichen Lebens zu beanspruchen. Gleichzeitig führen Familie und Kirche uns aber auch über uns selbst hinaus und lehren uns, uns großmütig mit Anderen und für Andere einzusetzen.  
In dem Maße, in dem Familien und religiöser Glaube an Kraft verlieren, wächst die Macht des Staates. Die Regierung besetzt Stellungen, die von den vermittelnden Institutionen aufgegeben wurden. Das Individuum wird aus seinen traditionellen Bindungen befreit, gleichzeitig aber einem strengeren Herrn unterworfen: dem Staat. Wie schon Tocqueville feststellte, tendiert die Demokratie, wenn sie sich selbst überlassen bleibt, zu einer Art von sanftem Totalitarismus, der selbst die intimsten Belange des Einzelnen, von seinen geschlechtlichen Beziehungen bis hin zu seine religiösen Überzeugungen, dem politischen Prozess unterwirft. 
Wir leben heute in einem Land, in dem Ehe, Familie und traditionelle Religion sämtlich auf dem absteigenden Ast zu sein scheinen. Es erscheint folgerichtig, dass auch die Wertschätzung der Demokratie abnimmt. Nicht einmal 30% der jungen Erwachsenen in den USA betrachten es als unverzichtbar, in einem demokratisch regierten Land zu leben. Fast ein Viertel der seit den 1980er Jahren Geborenen halten Demokratie für eine schlechte Regierungsform. Und fast die Hälfte aller Amerikaner sind einer Umfrage zufolge der Meinung, statt gewählter Regierungen sollten Experten darüber entscheiden, was das Beste für das Land ist. Antidemokratische Einstellungen haben besonders in wohlhabenden Schichten zugenommen. 
Das ist nicht über Nacht passiert, und es war auch kein Unfall. Wir haben uns selbst in diese Lage gebracht, indem wir unser Leben auf einem Haufen Lügen aufgebaut haben. Der innere Kern dieser Lügen wird exemplarisch auf den Punkt gebracht in einem Satz aus der Urteilsbegründung des Obersten Gerichtshofs im Fall Planned Parenthood gegen Casey aus dem Jahr 1992. Als Vertreter der Mehrheitsmeinung schrieb Richter Anthony Kennedy:
'Es gehört zum innersten Kern der Freiheit, das Recht zu haben, seine eigenen Auffassungen über die Existenz, den Sinn, das Universum und das Geheimnis des menschlichen Lebens zu definieren.'
Hier haben wir das perfekte Manifest einer liberal-demokratischen Phantasie: das souveräne, sich selbst erschaffende Selbst. Aber das ist eine Lüge. Diese Vorstellung von Freiheit ist das genaue Gegenteil wahrer christlicher Freiheit. Und in dem Maße, wie wir diese Lüge akzeptieren oder mit ihr kooperieren, werden wir zu Lügnern. 
Das Johannesevangelium mahnt uns, dass die Wahrheit, und nur die Wahrheit, uns frei machen kann. In vollem Sinne menschlich und frei sind wir nur, wenn wir unter der Autorität der Wahrheit leben. In diesem Licht betrachtet, gibt es kein Thema, das uns als Gläubige und uns als Nation so unehrlich und so unfrei dastehen lässt wie das Thema Abtreibung. Menschen, denen dieses Thema unangenehm ist, verweisen gern – und durchaus zu Recht – darauf, dass die katholische Lehre mehr umfasst als nur diesen einen Punkt. Andere dringliche Probleme erfordern ebenfalls unsere Aufmerksamkeit. 'Pro-Birth' zu sein – für das Recht der ungeborenen Kinder, geboren zu werden – ist nicht dasselbe, wie 'Pro-Life', für das Leben, zu sein. Wahrhaft 'Pro-Life' zu sein endet nicht damit, das ungeborene Leben zu verteidigen. 
Aber es beginnt damit und muss damit beginnen. Um einen der berühmtesten Absolventen dieser Universität [ - den Publizisten und Redenschreiber Bill McGurn - ] zu zitieren: Abtreibung ist ‚der Brückenkopf einer grundlegend neuen Ethik, die dem Leben, der Ehe und in zunehmendem Maße auch der Religion, religiösen Bürgern und religiösen Einrichtungen gegenüber feindlich gesonnen ist‘. Abtreibung vergiftet alles. Es kann niemals 'fortschrittlich' sein, ein ungeborenes Kind zu töten oder mit wohlwollender Neutralität zuzusehen, wenn Andere es tun.
Bei jeder Abtreibung stirbt immer ein unschuldiges Leben. Aus diesem Grund kann es niemals ein ethisches Gleichgewicht geben zwischen dem vorsätzlichen Töten durch Abtreibung, Infantizid und Euthanasie auf der einen Seite und Themen wie Obdachlosigkeit, Todesstrafe oder politische Maßnahmen zur Armutsbekämpfung auf der anderen. Nochmals: Alle diese Belange sind wichtig. Aber zu argumentieren oder zu unterstellen, sie hätten dasselbe moralische Gewicht wie die Abtreibungsfrage, wäre eine Entwertung christlichen Denkens." 
Dem Ort und Anlass der Ansprache angemessen, sind diese Reflexionen über das Verhältnis von Kirche, Familie und Staat eingebettet in einige Anmerkungen zum Sinn und Wesen katholischer Universitäten. Schon ziemlich zu Beginn des Vortrags erklärt der Erzbischof seinen Zuhörern: 
"Der große französische katholische Konvertit Leon Bloy sagte einmal, am Ende sei das Einzige, was wirklich zählt, ein Heiliger zu sein. Und genau das ist die höchste Aufgabe einer Institution wie Notre Dame. Es geht nicht darum, Ihnen einen Platz an einer herausragenden juristischen oder medizinischen Fakultät zu verschaffen oder einen tollen Job an der Wall Street – auch wenn das natürlich erstrebenswerte Ziele sind. Nein, es geht darum, Ihnen zu helfen, in den Himmel zu kommen – und das ist kein imaginäres Feenland, sondern ein ewiges Leben in der Gegenwart eines liebenden Gottes. Wenn Sie daran nicht glauben, sind Sie hier am falschen Ort.
Das Leben ist ein Geschenk, kein Unfall. Und der Sinn eines Lebens besteht darin, eine im vollen Sinne menschliche Person zu werden, die Gott kennt und mehr als alles Andere liebt, und diese Liebe gegenüber Anderen ausstrahlt. Das ist die einzige überzeugende Existenzberechtigung einer Universität, die sich katholisch nennt." 
Abschließend kommt er noch einmal darauf zurück:
"Ich hoffe, dass Notre Dame niemals vergisst, das fundamentale Warum ihrer Aufgabe zu reflektieren. Was für eine Art von Erfolg ist wahrhaftiger Erfolg? Ich würde sagen, ein Princeton, ein Stanford und ein Yale gibt es bereits – ein katholisches Pendant dazu brauchen wir nicht. 
Was die Kirche hingegen braucht, ist eine Universität, die die Herrlichkeit Gottes in ein Zeitalter hinein ausstrahlt, das vergessen hat, was es heißt, Mensch zu sein. Was das Volk Gottes heute braucht, ist eine Universität, die die Freude, die Franziskus ausstrahlt, mit der intellektuellen Brillanz Benedikts und dem Mut, der Redlichkeit und Menschlichkeit des großen Johannes Paul vereint. 
Zu Beginn meiner Anmerkungen sprach ich davon, dass die Aufgabe, das Leben unserer Nation zu erneuern, eine neue Art von Menschen erfordert. Dass diese Aufgabe erfordert, dass wir neue Menschen sind. Václav Havel schrieb einmal, die Macht der machtlosen bestehe nicht in klugen politischen Strategien, sondern in der schlichten täglichen Disziplin, in der Wahrheit zu leben und sich den Lügen zu verweigern. Um mit dieser Arbeit zu beginnen, gibt es gewiss keine bessere Gelegenheit als hier und jetzt." 


Kommentare:

  1. Besonders interessant finde ich das Zitat von Bill McGurn zur Abtreibung. Das hätte für mich durchaus Erweiterungsbedarf. Mich würde zum Beispiel interessieren, wie McGurn andere ethische Problemen bewertet. Wie - nur um ein Beispiel zu nennen - das Anzetteln völkerrechtswidriger Angriffskriege, bei denen hunderttausende Zivilisten um Leben kommen, oder dem Errichten von Folterlagern. Ist aber sicher alles nicht so schlimm wie Abtreibung. Denn schließlich zahlten ihm ja Präsidenten, die ersteres veranstalteten jede Menge Kohle. Da kann man es nicht so genau nehmen mit der "christlichen Moral" - nicht wahr?

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    1. Sehr geehrte Frau Leitner, die Themen, die Sie in Ihrem Kommentar ansprechen, werden in diesem Artikel nicht behandelt. Ich halte es nicht für unlogisch, eine Person im Bezug auf ein Thema aus Gründen der Zustimmung zur Meinung des Zitierten zu zitieren, jedoch gleichzeitig die Meinung des Zitierten zu einem anderen Thema abzulehnen.

      Damit meine ich auf das Beispiel bezogen folgendes: Die katholische Kirche, beziehungsweise der Autor dieses Artikels, muss nicht zwangsweise der Meinung McGurns im Bezug auf das Thema "Irakkrieg" oder "Guantanamo", worauf ´Sie offensichtlich anspielen, entsprechen, nur weil dies bei einem anderen Thema der Fall ist.

      Gleichzeitig möchte ich ergänzen, dass mein Verständnis der Sünde folgendes zeigt: Abtreibung ist in der Tat genauso schlimm wie "das Anzetteln völkerrechtswidriger Angriffskriege, bei denen hunderttausende Zivilisten um Leben kommen, oder [das] Errichten von Folterlagern", solange es nicht bereut wird, denn die Schuld dieser Vergehen ist ohne Buße und Reue nicht definierbar, sondern reicht in die Unendlichkeit.

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  2. Sehr beeindruckend. Auch wenn ich nicht alle seiner standpunkte teile - eine grandiose Analyse, ein geschliffener text. Danke für das Teilen.

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