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Freitag, 19. Februar 2016

Heiliger Schacht Konrad, bitte für uns!

Ich hätte ja gedacht, nach dem "Ökumenischen Pilgerweg für Klimagerechtigkeit" könne es nicht mehr schlimmer kommen, aber, o doch, es kann. Für die diesjährige Fastenzeit hat sich das Bistum Hildesheim etwas ganz Besonderes für all Jene ausgedacht, die der Meinung sind, die hauptsächliche (wenn nicht einzige) Aufgabe der Kirche sei es, sozialem, politischem oder speziell ökologischem Engagement ein spirituelles Mäntelchen umzuhängen: den "Kreuzweg der Schöpfung"

Man möchte es für einen Scherz halten. 

Es ist aber keiner. 

Also gut, dann stellen wir uns mal ganz dumm und fragen mal so: Wat is'n Kreuzweg? -- Die Wikipedia, die man wohl als eine nicht ausgeprägt dunkelkatholische Quelle betrachten kann, definiert den Kreuzweg als "einen der Via Dolorosa ('schmerzensreiche Straße') in Jerusalem, dem Leidensweg Jesu Christi nachgebildeten Wallfahrtsweg wie auch eine Andachtsübung der römisch-katholischen Kirche, bei der der Beter den einzelnen Stationen dieses Weges folgt". Laut einer Instruktion der Kongregation für Ablässe und Reliquien (Congregatio indulgentiarum et sacrarum reliquiarum) vom 3. April 1731 sollen in jeder katholischen Kirche Kreuzwegbilder bzw. -stationen ausgestellt sein, aber natürlich gibt es nach wie vor auch Kreuzwegprozessionen unter freiem Himmel, oft über erhebliche Wegstrecken hinweg. Etwa seit dem 17. Jahrhundert umfasst der Kreuzweg üblicherweise 14 Stationen:
1. Jesus wird zum Tode verurteilt
2. Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern
3. Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz
4. Jesus begegnet seiner Mutter
5. Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen
6. Veronika reicht Jesus das Schweißtuch
7. Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz
8. Jesus begegnet den weinenden Frauen
9. Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz
10. Jesus wird seiner Kleider beraubt
11. Jesus wird an das Kreuz genagelt
12. Jesus stirbt am Kreuz
13. Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt
14. Der heilige Leichnam Jesu wird in das Grab gelegt. 
An den einzelnen Kreuzwegstationen halten die Teilnehmer inne, knien nieder und beten. Diese Form des Kreuzwegs wurde 1731 von Papst Clemens XII. als kanonisch anerkannt und mit einem Ablass verbunden. Seit 1964 findet alljährlich am Karfreitag ein Kreuzweg mit dem Papst am Kolosseum in Rom statt, mit jährlich wechselnden Andachtstexten zu den einzelnen Stationen, die seit 1984 eigens zu diesem Anlass verfasst werden.

Domenichino (Domenico Zampieri, 1581-1641: Jesus fällt unter dem Kreuz. Bildquelle: Wikimedia Commons.
Kurz und schlicht zusammengefasst: Beim Kreuzweg geht es um die Vergegenwärtigung der Passion Jesu Christi. - Worum aber geht es beim Schöpfungs-Kreuzweg des Bistums Hildesheim? Zunächst einmal gibt es hier nur acht Stationen - zwei in Hannover, drei in Langwedel und drei in Salzgitter. Dabei ist es offenbar nicht vorgesehen, die insgesamt immerhin 264 Kilometer zwischen den einzelnen Stationen zu Fuß zurückzulegen; obwohl, Zeit genug wär', denn die Termine der Stationen an den drei genannten Orten liegen jeweils eine Woche auseinander.

Los geht's, wie gesagt, in Hannover, und zwar am kommenden Sonntag, dem 21. Februar. "Zum Auftakt der Aktion [...] predigt der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil in der Kirche St. Heinrich in Hannover. Das Thema seiner Predigt wird sein: Flüchtlinge und Fluchtursachen." Da drängt sich erst mal die Frage auf: Warum? Warum predigt in einer katholischen Kirche ein Politiker, noch dazu einer, der, wie Tante Wiki weiß, "Anfang der 1980er-Jahre aus der Kirche ausgetreten" ist? - Nun, keine Bange, die Frage "Warum?" wird sich uns im Folgenden noch oft genug stellen. -- Von der St.-Heinrich-Kirche geht es dann zum Maschsee, Hannovers beliebtestem Naherholungsgebiet; "[d]ort angekommen wird es nach einem kurzen feierlichen Abschluss des Tages um 16:30 Uhr Gelegenheit zur Begegnung geben." Na, Begegnung ist natürlich immer gut! Und das war's dann auch schon für den ersten Tag des Schöpfungskreuzwegs.

Eine Woche später trifft man sich an der Freilichtbühne Holtebüttel in Langwedel im Landkreis Verden, um der 4.500 unter Karl dem Großen hingerichteten heidnischen Sachsen zu gedenken von dort über die Friedhofskapelle in Schülingen zur evangelischen Kapelle in Völkersen zu pilgern. In letzterer spricht "Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, über die Problematik der Erdgasförderung" - na, wenn das keine wirksame Selbstkasteiung für die Zuhörer ist! Überhaupt wird die theologische Brisanz der Erdgasförderung ja allgemein oft unterschätzt. Immerhin: "Nach dem Vortrag sind die Teilnehmer zu heißen und kalten Getränken im Gemeindehaus in Völkersen eingeladen." Na dann Prost.

Schließlich, am 6. März, "steht das geplante Atommüllendlager Schacht Konrad in Salzgitter im Fokus der dritten Kreuzweg-Station. Beginn ist um 15 Uhr an der Infostelle Konrad [...]. Nach einem Stopp am Bundesamt für Strahlenschutz ziehen die Teilnehmer bis zur katholischen Kirche St. Michael [...]. Die Predigt während des Gottesdienstes um 16:15 Uhr hält der Braunschweiger Regionaldechant, Domkapitular Propst Reinhard Heine."

Noch Fragen, Euer Ehren? - Gewiss! Zum Beispiel: Wieso heißt diese Veranstaltung, die heuer übrigens schon zum sechsten Mal stattfindet, Kreuzweg? Die Antwort hierauf ist einfach: "Im Zentrum der dreiteiligen Kreuzwegprozession des Kreuzweges der Schöpfung steht ein übermannsgroßes Kreuz, das die Teilnehmer auf dem Weg schweigend und betend mit sich tragen werden." Aha. Und was soll das Ganze? Darauf haben die Veranstalter keine Antwort; das soll sich der geneigte Leser wohl selbst denken. Na gut, ich versuch's mal. Indem die Verantwortlichen diese Aktion, deren Ziel es ist, "auf die Bedrohung der Schöpfung weltweit und soziale Ungerechtigkeiten in Deutschland hinzuweisen", als Kreuzweg bezeichnen und gestalten, soll offensichtlich das Leiden der Schöpfung in Parallele zur Passion Christi gesetzt werden. Super Idee, weil total sozial und ökologisch? Weil die Kirche ja, um gesellschaftlich relevant zu bleiben, aktuelle Themen aufgreifen muss, die den Menschen auf den Nägeln brennen? Und weil damit einem alten Ritual, das allzu weit weg ist von der Lebenswirklichkeit der Menschen, neues Leben eingehaucht wird? Könnte man sagen. Man könnte aber auch sagen:
Habt Ihr eigentlich noch alle Latten am Zaun? 
Gibt es an verantwortlicher Stelle im Bistum Hildesheim irgendwen, der noch ein Bewusstsein für die heilsgeschichtliche Bedeutung der Passion Christi hat? Der zumindest ein Gefühl dafür hat, dass die Passion Christi als das, was sie tatsächlich ist, viel zu bedeutungsvoll ist, um als bloßes Symbol für Umweltzerstörung und soziale Ungerechtigkeit herzuhalten? - Mehr noch: Indem das Leiden Christi unter der Hand durch das Leiden der Schöpfung ersetzt wird, nimmt die Schöpfung selbst die Stelle des Heilands und Erlösers ein. Das ist, sagen wir's frei heraus, neuheidnischer Synkretismus der schlimmsten Sorte

Ich glaube, ich brauche jetzt erst mal ein paar heiße und kalte Getränke.

Im Übrigen denke ich mir, ich muss jetzt wohl doch mal Laudato si' lesen. Damit ich Antworten parat habe, wenn mir jemand weismachen will, derartige Bestrebungen zur Vergöttlichung der Natur seien ganz im Sinne von Papst Franziskus...


Kommentare:

  1. Das schöne an Andachtsformen wie dem Kreuzweg ist ja unter anderem auch, daß sie für sich selber predigen bzw., auf deutsch gesagt, daß da mal überhaupt nicht gepredigt wird :-)

    Auch der Bischof, wenn er da ist, predigt da nicht. Und ein politischer Amtsträger sollte predigen?

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  2. Vielleicht eignen sich solche bistümlichen Vorhaben als Ideengeber für einen Themenabend im Gruselkabinett.
    So "Gruselnacht für Katholiken" oder so. Mit NGL-Beschallung.

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  3. Ich las fälschlicherweise "Kreuzweg der Erschöpfung", und genauso klingt das Programm auch.

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  4. Wir haben uns übrigens hauptsächlich wegen der schönen traditionellen Kreuzweg-Andacht noch unsere alten Gotteslob-Gebetbücher aufgehoben.

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  5. Im Wesentlich scheint es bei diesem Kreuzweg wohl mehr um eine politische Manisfestation zu handeln als um eine genuin spirituelle Angelegenheit. Die voranschreitende Umweltzerstörung gefährdet aber natürlich auch die Lebensgrundlagen der Menschen insofern ist das natürlich auch ein Thema für die Kirche. Es ist allerdings nichts Ungewöhliches, dass Kreuze zu Veranstaltungen mitgenommen und dort getragen werden, die primär politischer Natur sind -zum Beispiel beim "Marsch für das Leben" bei dem es vorwiegend um eine Änderung des Strafrechts geht.

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    1. Niemand kam allerdings bisher auf die Idee, den "Marsch für das Leben" als "Kreuzweg" zu bezeichnen.

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