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Sonntag, 23. August 2015

Wer kann das anhören? - Ein (nicht) ganz normaler Sonntag

Bei der Messe in St. Adalbert gab es heute morgen eine Überraschung: Anstelle von Pater Emmanuel Pannier, den ich eigentlich am Altar erwartet hatte, zelebrierte ein Gastpfarrer, Hubert von der Heide aus Delmenhorst. Da kamen bei mir direkt Heimatgefühle auf, denn Delmenhorst ist nur rund 70 Kilometer von meiner Geburtsstadt entfernt. Zur Begrüßung erklärte Pfarrer von der Heide, er sei gerade mit seiner "Firmandengruppe" - rund zehn Jugendlichen, die zusammen mit einer Pastoralreferentin und einer weiteren erwachsenen Begleitperson die vordersten Kirchenbänke besetzten - "auf Berlin-Tour", und nun wollten sie mal einen "ganz normalen Berliner Gottesdienst" in einer "ganz normalen Berliner Kirche" mitfeiern. 

Nun wohl. Man könnte freilich finden, etwas mehr von der Berliner Normalität hätten die Delmenhorster mitbekommen, wenn Pfarrer von der Heide sich mit in die Bank gesetzt oder allenfalls konzelebriert hätte; aber hey - es ist Urlaubszeit, und womöglich kam es den Priestern der örtlichen Pfarrei da ganz gelegen, dass ein Amtsbruder von auswärts die Zelebration übernehmen wollte. Und wenn es mich auch juckt, zu behaupten, der "Delmenhorster Ritus" unterscheide sich nur geringfügig vom "Nordenhamer Ritus", würde das dem guten Pfarrer von der Heide doch ein wenig Unrecht tun. Gerade wenn man bedenkt, dass er mit seinen 70 Jahren eigentlich genau das richtige Alter für einen nachkonziliaren Liturgie-Rebellen hat, gab es an seiner Zelebration verhältnismäßig wenig zu bemängeln. Ja, er handhabte die Liturgie insgesamt etwas freihändiger als die relativ jungen Priester der örtlichen Pfarrei. Seine Gesten und sein Sprachduktus wirkten irgendwie weniger "würdevoll". Ja, er kam ein bisschen allzu viel ins Plaudern über seiner "Berlin-Tour" mit den Firmlingen. Bei der Predigt beging er den Fauxpas, zunächst ausdrücklich und ausschließlich seine "Firmandengruppe" anzusprechen, und erst später fiel ihm ein, sich auch an die örtliche Gemeinde zu wenden. Einige der Firmlinge trugen selbst formulierte Fürbitten vor, und dabei handelte es sich durchweg um Mädchen in Hot Pants. Aber geschenkt. Wirklich ärgerlich war im Grunde nur eines; und gerade das war keine Eigentümlichkeit von Pfarrer von der Heidens Zelebration, sondern betraf - wie ich via Twitter erfuhr - landauf, landab zahlreiche Messen dieses Sonntags, bis hin zum ZDF-Fernsehgottesdienst.

Die Zweite Lesung wurde weggelassen.

Dass die örtliche Gemeinde derartige Kürzungsmaßnahmen nicht gewohnt ist, war unter anderem daran zu erkennen, dass sie, nachdem auf die erste Lesung statt des Antwortpsalms ein Choral gefolgt war (überhaupt wurde die musikalische Gestaltung der Messe fast ausnahmslos mit Chorälen bestritten, die im Gotteslob mit einem kleinen "ö" gekennzeichnet waren, aber immerhin waren sie mitsingfreundlich - und keine NGL...) und der Pfarrer sich hinter dem Ambo postierte, erst einmal sitzen blieb - und sich erst erhob, als es unverkennbar wurde, dass wirklich jetzt schon das Evangelium folgte.

In anderen Gemeinden ist es nicht so unüblich, dass in der Sonntagsmesse eine Lesung weggelassen wird. Meist ist das dann allerdings die Erste, aus dem Alten Testament. Nicht so heute. (Nebenbei bemerkt: Ich weiß nicht, ob der Lektor auch zu den Delmenhorstern gehörte; jedenfalls gab es in der 1. Lesung - Josua 24,1-2a.15-17.18b - einen hübschen Versprecher: die "Amoriter, an deren Strand ihr wohnt" - aber vielleicht habe ich mich auch nur verhört.)

Dass an diesem Sonntag jedoch die Zweite Lesung ausgelassen werden würde, hätte man allerdings ahnen können. Genauer gesagt: Manche haben es geahnt.



Als Zweite Lesung wäre heute nämlich Epheser 5, 21-32 dran gewesen:
"Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus. Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie Christus, dem Herrn; denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche.
Ich weiß nicht, wie diese Stelle in der Bibel in gerechter Sprache lautet, und ich habe ehrlich gesagt auch keine Lust, das zu überprüfen. Aber es liegt auf der Hand, dass eine Bibelstelle, die von Unterordnung der Frauen unter die Männer spricht, konfliktträchtig ist. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass diese Lesung bei manchen Hörern die Reaktion herausfordern würde, aus diesen Worten des Apostels Paulus spreche die ganze tief verwurzelte Frauenfeindlichkeit der Kirche - oder zumindest, mit weniger Furor ausgedrückt, ein Geschlechterrollenverständnis, das nicht mehr zeitgemäß sei. 

Dazu könnte man - müsste man wohl sogar - Einiges sagen; mehr als ich, als Nichttheologe, hier so ad hoc dazu sagen kann. Ein paar Anmerkungen seien mir dennoch gestattet. Der letzte Satz des Zitats ist zweifellos von zentraler Bedeutung für das Verständnis der Bibelstelle: Dem Apostel geht es darum, dass die christliche Ehe das Verhältnis zwischen Christus und Seiner Kirche widerspiegeln soll. So ist die Forderung, die Frauen sollten sich ihren Männern unterordnen, wie die Kirche sich Christus unterordnet, untrennbar verknüpft mit der Forderung, die Männer sollten ihre Frauen so lieben, wie Christus die Kirche liebt. Eine Geringschätzung von Frauen lässt sich darin nun gerade nicht erkennen; eine unterschiedliche Rollenzuschreibung an Männer und Frauen allerdings schon. Wie man sich zu dieser Forderung des Apostels verhält, was sie unter den Bedingungen der heutigen und hiesigen Gesellschaft praktisch bedeutet, darüber wäre, wie gesagt, zu reden. Problematisch ist es hingegen, wenn überhaupt nicht darüber geredet wird - wenn der Auseinandersetzung mit dem Sperrigen dieser Bibelstelle ausgewichen wird, indem man die Lesung einfach weglässt. Wem ist damit geholfen? In der Bibel stehen diese Sätze schließlich trotzdem drin. 

Umso ärgerlicher ist dieses Zurückscheuen vor der Kontroverse, wenn man bedenkt, dass das Evangelium des heutigen Sonntags - Johannes 6,60-69 -  eigentlich dazu einlädt, gerade das Schwierige und Sperrige der Lesung in der Predigt zu thematisieren. "Viele seiner Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?" Diese Reaktion der Jünger auf die Lehre Jesu sollte uns heute recht bekannt vorkommen: Bei aller theoretischen Hochschätzung der Meinungsfreiheit trifft man auch heute in gesellschaftlichen Debatten immer mal wieder auf die Auffassung, bestimmte Ansichten seien unerträglich und man könne sie nicht anhören. Und das betrifft, sehr passend zu den Worten des Apostels Paulus an die Epheser, nicht zuletzt auch Äußerungen über Geschlechterrollen. So gab es unlängst Bestrebungen, das Schulamt der Stadt Düsseldorf zur Absage einer Lesung der feminismuskritischen Publizistin Birgit Kelle in der Aula eines Gymnasiums zu bewegen; und wenig später wurde eine Folge der WDR-Talkshow Hart aber fair, in der Kritik am Gender Mainstreaming geübt wurde - und an der, wie es der Zufall wollte, ebenfalls Birgit Kelle beteiligt war - wegen "Sexismusvorwürfen" aus der Mediathek gelöscht.

Nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ich habe nicht die Absicht, Birgit Kelle mit dem Apostel Paulus oder gar mit Jesus Christus auf eine Stufe zu stellen. Ich will auch nicht behaupten, dass die Thesen Birgit Kelles (oder meinetwegen der ebenfalls an der inkriminierten Plasberg-Sendung beteiligten Sophia Thomalla) zum Thema Geschlechterrollen mit dem biblischen Geschlechterverständnis deckungsgleich wären. Bezeichnend ist aber das Empörungspotential, das diesem Thema offensichtlich anhaftet - und die bedenkliche Tendenz, konfliktträchtige Standpunkte hierzu möglichst gar nicht erst laut werden lassen zu wollen, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Das Tagesevangelium des heutigen Sonntags - in dem es, zugegebenermaßen, inhaltlich eigentlich um ganz Anderes geht - lehrt uns jedenfalls Eines: Schwierige, sperrige, unpopuläre Aussagen, die Widerspruch erwarten lassen, auszusparen - um so zu vermeiden, dass die verbliebenen Jünger (auf heutige Verhältnisse übertragen heißt das: diejenigen Kirchenmitglieder, die sonntags noch in die Messe kommen) "auch weggehen" -, ist nicht der Weg Jesu. Und deshalb kann und darf es auch nicht der Weg der Kirche sein. 


Kommentare:

  1. „Es wurde bisher grundsätzlich immer nur die Wahrheit verboten.”
    (Friedrich Nietzsche, Philosoph)
    Nicht nur für chancenlose "Gender-Forschung" muss die Wirtschaft Geld verfügbar machen, sondern leider auch für die negativen Folgekosten des angewandten Genderismus. Denn ein wenig ungesund für Frauen, Mütter und Kinder scheint Gender Mainstreaming schon zu sein. Zum Beispiel das Negieren bedeutsamer und dem Mann überlegener weiblicher Eigenschaften mit der Folge, dass häufig der Body nur noch wichtig und die an sich höhere weibliche Depressionsneigung noch gesteigert wird. Vergessen der für Sprach- und Kognitiventwicklung wichtigen frühkindlichen Mutterbindung (infolge des frühen flüssigkeitsgekoppelten Hörens des Foeten im Mutterleib) mit der Folge von Sprach-, Lese- und Rechtschreibstörungen durch Fremdbetreuung. Probleme durch Cortisolausschüttung (gefährliches Stresshormon) und Schlafmangel mit entsprechendem Wachstumshormonmangel von Krippenkindern mit Hippocampusminderung (Lernmaschine des Gehirns).
    Erschreckende Zunahme von Depressionen auch bei Kindern und Jugendlichen.
    [siehe „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ in: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 6. Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2015: ISBN 978-3-9814303-9-4 (http://www.amazon.de/Vergewaltigung-menschlichen-Identität-Irrtümer-Gender-Ideologie/dp/3) und „Es trifft Frauen und Kinder zuerst – Wie der Genderismus krank machen kann“, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2015: ISBN 978-3-945818-01-5 (http://www.amazon.de/trifft-Frauen-Kinder-zuerst-Genderismus/dp/394581801X)

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  2. Und was genau sollen diese "überlegenen weiblichen Eigenschaften", die angeblich negiert werden, genau sein? Die Fähigkeit besser putzen und abwaschen zu können? Im Übrigen sind extrem patriarchalische Systeme wesentlich gefährlicher für Frauen als extremes "Gender Mainstreaming".

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    1. Vorsicht, den Satz mit dem Putzen und Abwaschen könnte manch eine Frau in den falschen Hals kriegen... ;-)

      Was "extrem patriarchalische Systeme" angeht: Unterdrückung und Entrechtung von Frauen durch Männer, wie sie in Teilen der Welt bis heute geltendem Recht entspricht, würde ich gerade *nicht* als "patriarchalisch" bezeichnen. Ich weiß, diese Begrifflichkeit hat sich eingebürgert, aber ich halte sie für falsch. "Patriarchalisch" war eigentlich mal ein eindeutig positiv besetzter Begriff...

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