Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Freitag, 28. August 2015

Real-Life-Filterbubble...

Gestern Abend fand in einem recht hübschen Café in Berlin-Neukölln mit dem originellen Namen k-fetisch (lies: Kaffeetisch) eine Buchvorstellung mit Diskussion statt; die Veranstaltung stand unter dem Motto "Das Kreuz mit der Norm" und war Teil einer Veranstaltungsreihe "'Die zarteste Versuchung...' - Selbstbestimmung im Zeitalter moderner Reproduktionstechnologien", die sich laut Flyer als "Mobilisierung gegen den 'Marsch für das Leben'" versteht; ich hatte auf diesem meinem Blog bereits auf die Veranstaltungsreihe hingewiesen und auch auf Facebook für die Teilnahme geworben, da ich der Meinung war, es könne nicht schaden, das Meinungsspektrum unter den Teilnehmern etwas zu verbreitern. Thema des Abends sollten "queer-feministische" Standpunkte zum Thema Pränataldiagnostik sein.

Ich war ein bisschen früh dran: Als ich das Café betrat, wurden im separaten Veranstaltungsraum noch Stühle gerückt, also suchte ich mir erst mal einen Fensterplatz und bestellte einen Milchkaffee. Der war übrigens wirklich gut, aber ich konnte ihn nicht lange genießen. Es war ein Déjà-vu-Erlebnis, als zwei junge Damen - die Veranstalterinnen, wie sich zeigte - auf mich zukamen und den klassischen Satz äußerten: "Wir müssen mal mit dir reden."

Sie wüssten, dass ich "zu den sogenannten Lebensschützern" gehöre, ließen sie mich wissen. Und dass ich dazu aufgerufen hätte, die Veranstaltung zu stören. - Das hätte ich nicht, widersprach ich; ich wolle mich lediglich an der Diskussion beteiligen. Dass eine der beiden Damen darauf antwortete "Es gibt keine Diskussion", mag ein Lapsus gewesen sein oder einfach missverständlich ausgedrückt; bezeichnend fand ich es allemal. Jedenfalls wurde mir beschieden, man werde meine Teilnahme an dieser Veranstaltung nicht zulassen: "Die Standpunkte, die du auf deinem Blog äußerst, sind weit -- WEIT jenseits jeglicher Diskussion." Und ich wurde aufgefordert, das Lokal sofort zu verlassen. Meinen (bereits bezahlten) Kaffee durfte ich draußen austrinken. 

Nachdem ich den geordneten Rückzug angetreten und in einer Kneipe ein paar Straßen weiter ein Bier bestellt hatte, musste ich erst einmal selbst nachlesen, was genau ich in dem Blogartikel geschrieben hatte, der auf diese Veranstaltungsreihe hinwies. Ergebnis: Ich hatte ausdrücklich dazu aufgerufen, sich "im Sinne demokratischer Streitkultur" produktiv in die Diskussion einzubringen. Das Problem dürfte sein, dass das in diesen Kreisen als Codewörter für "die Meinungsäußerungen der Gegenseite mit Trillerpfeifen übertönen und ggf. Fensterscheiben einwerfen" verstanden wird.  

Eine andere spannende Frage ist, woher die Veranstalterinnen mich eigentlich kannten. Okay, sie hatten offensichtlich meinen Blog gelesen. Woher aber wussten sie, dass ich dieser Blogger war? - Zugegeben, mein Klarname ist kein Geheimnis. Aber ich trug schließlich kein Namensschild. Und es gibt kaum Bilder von mir im Netz, die sich mit meinem Namen in Verbindungen bringen lassen: Gibt man meinen Namen in die Google-Bildersuche ein, findet man erst mal jede Menge Fotos von Leuten, die zufällig genauso heißen wie ich. Kurz und gut: Herauszufinden, wie der Typ aussieht, dessen  Teilnahme an der Veranstaltung man um jeden Preis verhindern muss, erfordert schon einen gewissen Rechercheaufwand. Es sei denn natürlich, ich stehe in einer Art Datenbank unerwünschter Personen der örtlichen Antifa. Was ja auch schon eine interessante Erkenntnis wäre.

Das war aber noch nicht alles. Wenn ich auch selbst nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnte, so gelang es doch Bloggerkollegin Claudia, hineinzukommen; und wie sie später berichtete, wurde mein Auftauchen im k-fetisch sogar in der Anmoderation der Buchvorstellung thematisiert: Man habe bereits "Besuch von einem sogenannten Lebensschützer" gehabt. Sollten sich noch mehr von "solchen Leuten" im Publikum befinden, dann sollten diese sich zu erkennen geben und den Saal verlassen, andernfalls werde man sie, sobald sie sich mit "so einer" Meinung zu Wort meldeten, hinauswerfen.

Das Tragikomische daran ist, dass im Flyer zur Veranstaltungsreihe "lebhafte Auseinandersetzungen in fehlerfreundlicher Atmosphäre" ausdrücklich als erwünscht bezeichnet wurden; und laut dem, was Claudia heute in ihrem im vorigen Absatz verlinkten Blogbeitrag zum Thema berichtet, hätte es in der Diskussion durchaus Anknüpfungspunkte für Lebensschutz-Positionen gegeben, ganz ohne gewollte Provokation und erhobenen Zeigefinger. Theoretisch zumindest. Es ist ja nicht so, dass sich unter den linken Feministinnen alle einig wären über Fragen der Pränataldiagnostik und, damit einhergehend, der selektiven Abtreibung Behinderter. Wären sich alle einig, dann gäbe es ja tatsächlich nichts zu diskutieren. Aber irgendwo muss die Meinungsvielfalt dann eben doch ihre Grenze finden, und ein nicht hinterfragbarer Grundkonsens ist eben, dass Abtreibung ein Frauenrecht sei. Deshalb ist der Marsch für das Leben eine Veranstaltung, die man "verhindern", sprich: "blockieren und sabotieren" müsse. Im Übrigen, so steht's in Claudias Bericht, wurde bei der Anmoderation der Veranstaltung geäußert, Christen verträten die Auffassung, dass "Sexualität kein Ort für Lust und Begehren" sei. Ach, tatsächlich? (Dass das Thema Abtreibung nach christlicher Auffassung nicht primär in den Bereich des 6., sondern des 5. Gebots fällt, sei hier nur am Rande angemerkt.)

Nun gut. Offenbar herrschen in diesen Kreisen z.T. recht verzerrte Vorstellungen darüber, was Menschen umtreibt, die sich für den Lebensschutz einsetzen. Ich würde noch weiter gehen und sagen, dass es Vorurteile und Missverständnisse vermutlich auf beiden Seiten gibt. Nur: Wie sollen diese ausgeräumt werden, wenn die eine Seite sich strikt weigert, mit der anderen auch nur zu reden

Ein Twitter-Bekannter bezeichnete diese Form der Abschottung gegen Andersdenkende treffend als "Real-Life-Filterbubble". Man kennt dieses Phänomen ja aus der Online-Kommunikation: Je nachdem, wie man sich seine Kontakte in Sozialen Netzwerken oder auch die Nachrichtenquellen, denen man z.B. bei Twitter folgt, auswählt, bei Google & Co. personalisierte Sucheinstellungen verwendet und dergleichen mehr - und die jeweiligen Anbieter fördern dies ja ihrerseits durch automatische Personalisierung auf der Basis von Algorithmen -, kann man bis zu einem gewissen Grad sicherstellen, dass man aus dem Netz nur diejenigen Informationen bekommt, die man haben will; d.h., die ins eigene Weltbild passen. In der Offline-Welt, so sollte man denken, ist eine solche Abschottung gegenüber fremden Standpunkten und unerwünschten Informationen tendenziell schwieriger; da lässt sie sich dann eben manchmal nur mit Hilfe von Hausverboten aufrecht erhalten.

Eins ist dabei zu betonen: Wer mich oder auch nur meinen Blog kennt, weiß, dass ich Kontroversen nicht unbedingt scheue. Ich war schon bei unterschiedlichsten Veranstaltungen verschiedenster, sagen wir mal als Oberbegriff, "weltanschaulicher" Ausrichtung und habe mit meinem Standpunkt nicht hinter den Berg gehalten. Ich war mal bei einer Veranstaltung der CDU Alt-Pankow und habe anschließend in ziemlich bissigem Tonfall darüber gebloggt; die CDU Alt-Pankow reagierte darauf mit der Mitteilung, ich sei auch bei zukünftigen Veranstaltungen des Ortsverbands jederzeit willkommen. Ich habe mal einen Artikel über das Institut St. Philipp Neri verfasst, der von Dritten als "Bashing" aufgefasst wurde; dann ging ich mal wieder dorthin und wurde ausgesprochen herzlich empfangen. Das mögen Extrembeispiele sein; aber eine so bedingungslose Diskursverweigerung, so ein totales Abschotten gegenüber anderen Meinungen, wie es in der linksautonomen Szene offenbar üblich ist, habe ich sonst - außer vielleicht bei liberalen evangelischen Theologen ('Tschuldigung, der Seitenhieb musste sein!) - noch nirgends erlebt. Gestern Abend auf dem Heimweg habe ich beschlossen, dass ich das denen nicht mehr durchgehen lassen mag. 

Eine Veranstaltung dieser Reihe - vermutlich sowieso die interessanteste, unter dem Titel "Abtreiben, einfrieren, durchscannen - (Queer-)Feministische Positionen zu Reproduktionstechnologien heute" - kommt ja noch: am 14. September um 19:30 Uhr im Familiengarten (Aile Bahçesi) im Hinterhof der Oranienstraße 34 in Kreuzberg. Da gehe ich selbstverständlich wieder hin. Aber diesmal sollte das Ganze ein bisschen besser organisiert werden - allein kann ich, wie man ja gesehen hat, nicht viel ausrichten. Was wir bräuchten, wären fünf Leute - zehn wären besser, aber fünf würden genügen -, die gemeinsam dort hingehen und es schlicht ablehnen, sich des Saales verweisen zu lassen. Was sollen die Veranstalter*innen dagegen tun? "Die Bullen" rufen? Wohl kaum. Das wäre in diesen Kreisen eine Todsünde. Kurz, die Aufforderung, den Saal zu verlassen, ist gegen passiven Widerstand schlicht nicht durchsetzbar, und somit ergibt sich eine klassische Pattsituation: Entweder man lässt uns an der Veranstaltung teilnehmen wie jeden anderen Gast auch, oder die Veranstaltung wird nicht stattfinden. So einfach ist das. 

Ganz wichtig ist dabei natürlich (und das meine ich auch als Ermahnung an mich selbst): Bleibt ruhig, friedlich und höflich. Greift niemanden persönlich an. Werdet nicht laut. Lasst die Anderen ausreden und geht sachlich auf ihre Argumente ein. Das allein sollte schon genügen, einige vielleicht nicht ganz so ideologisch Verblendete Teilnehmer ins Grübeln zu bringen, ob sie wirklich auf der richtigen Seite stehen. 


Kommentare:

  1. Einen großen Dank für Ihre Arbeit und hervorragenden Artikel - lese ich immer wieder gerne!

    Ihre optimistische Einschätzung bezüglich der Teilnahmemöglichkeit an der nächsten Veranstaltung teile ich übrigens nicht - und das nicht aufgrund eventuell fehlender Mitstreiter. Ich drücke Ihnen aber die Daumen - leider wohne ich selbst weit weg von Berlin...

    Gruß aus Unterfranken
    Michael Wimmer

    AntwortenLöschen
  2. Ich sehe ehrlich gesagt keinen vernünftigen Grund warum Ihnen jemand verbieten können sollte an einer öffentlichen Veranstaltung teilzunehmen. Was Sie allerdings nicht dürfen ist die Veranstaltung zu stören, in dem Sie z.B. versuchen eine Diskussion anzufangen oder Vortragende durch Zwischenrufe stören etc. Aber das wissen Sie wohl ohnehin selbst. Grundsätzlich scheint das Thema ja sehr wohl für kontroversielle Diskussionen geeignet zu sein, insofern finde ich es auch schade, dass der sogenannte "Marsch für das Leben" immer wieder mehr oder weniger gewalttätig gestört wird. Vielleicht wäre eher mal im Vorfeld eine Podiumsdiskussion zwischen beiden Seiten sinnvoller.

    AntwortenLöschen
  3. Klingt sehr ... speziell ... für Menschen, die sich eine bunte Diskussionskultur auf die Fahnen geschrieb3en haben...

    AntwortenLöschen