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Montag, 17. August 2015

Das Dienstagsgrauen II - Eine Reise ins Stammhirn der Autorin

"Max war erfrischend anders. Er hatte keine Meinung."

Das ist einer der Momente, in denen einem die Liebste das Buch, das man ihr am Krankenbett vorliest, mit den Worten "Das steht da doch nicht wirklich!" impulsiv aus der Hand reißt. 

Aber das steht da wirklich. Es steht auf S. 134 der Dienstagsfrauen von Monika Peetz. Ja, ich habe mich, obwohl schon die ersten 80 Seiten so mies waren, entschlossen, es weiter zu lesen - oder, genauer: es der Liebsten weiter vorzulesen, die weiterhin an ihrem Bänderriss laboriert. Nicht dass sie das Buch weniger bekloppt fände als ich - eher im Gegenteil -, aber immerhin kann ich sie aufheitern, indem ich die Dialoge mit verstellter Stimme intoniere und hin und wieder die Adjektive und Adverbien in den Sätzen vertausche.
"Mit einer erschöpften Geste lud er die fünf simplen Pilgerinnen ein, auf seinem Anhänger Platz zu nehmen." (S. 81)
"...bis ein himmlisches Telefonklingeln die markerschütternde Ruhe durchschnitt" (S. 99).
"Das nervöse Dauerklingeln seines Telefons machte sie zusätzlich penetrant." (S. 117)
"Arbeiter der ungewöhnlichen Autowerkstatt schoben ihre besseren Baseballmützen nach hinten, um einen öligen Blick auf die danebenliegende Damenformation zu haben." (S. 123)
"Dorthin, wo es peinlich war und man keine stillen Landsleute traf." (S. 125)
"Von den Balken der Häuser sahen grässliche Frauen und schöne Bestien auf Eva herab." (S. 137)
"Quäkend wechselte sie die Hand, als eine ungehaltene Autohupe sie vom Weg jagte." (S. 142)
"Bevor sie die heisere Tat ausführen konnte, bremste das Gefährt mit imposantem grauem Quietschen vor einem industriellen Steinbau mit kecker Ausstrahlung." (S. 145)
"In jeder Frauenzeitschrift las man, dass entsetzliche Beziehungen feste Nebenwirkungen hatten wie Tennissocken unter dem Sofa, sexuelle Zahnpastatuben und offene Monotonie." (S. 154)
Solche kleinen Tricks verbessern den Stil des Romans ungemein. - Nein, ich blogge nicht deshalb erneut über dieses Buch, weil es nach den ersten 80 Seiten besser geworden wäre. Soweit möglich, ist es eher noch schlechter geworden. Am Ende des ersten Viertels hatte sich angedeutet, dass die Angaben in Arnes Pilgertagebuch - oder, wie die genitivscheue Monika Peetz es ausdrücken würde - im Pilgertagebuch von Arne - vorne und hinten nicht stimmen. Bei der Ankunft in der Auberge Sainte Marie am Ende des ersten Pilgertages verdichten sich die Verdachtsmomente, aber kurz darauf verliert die Autorin komplett den Faden und braucht weitere rund 80 Seiten, um ihn wiederzufinden. Zugegeben, so etwas passiert auch erheblich talentierteren Schriftstellern. Karl May zum Beispiel, in seinem legendären Orientzyklus. Der dritte Band, Von Bagdad nach Stambul, ist über weite Strecken grandios; aber kaum haben Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar den asiatischen Teil des damaligen Osmanischen Reiches verlassen und den europäischen betreten, geht dem Erzähler die Luft aus. Über Hunderte von Seiten eiert er herum und behilft sich mit Anekdötchen, die sich inhaltlich und formal eher an seinen frühen Humoresken und Dorfgeschichten orientieren, nur dass sie nicht im Erzgebirge spielen, sondern in Bulgarien. Erst mit dem Auftreten des Heiligen Mübarek, einer der originellsten Schurkengestalten Mays, nimmt die Handlung wieder Fahrt auf. -- Allerdings muss ich anmerken, dass Karl May selbst in seinen schwächsten Momenten immer noch um Längen besser ist als Frau Peetz auf der Höhe ihres, ahem, "Könnens". Im zweiten Viertel der Dienstagsfrauen hat der geneigte Leser vielfach den Eindruck, dass die Verfasserin beim Schreiben nur mehr ihr Stammhirn benutzt, sich rein assoziativ von einem platten Episödchen zum anderen hangelt und jegliche Bemühungen um inhaltliche und formale Stimmigkeit fahren lässt. Die ohnehin nicht durch besondere Stringenz glänzende Handlung fasert nun völlig aus, und auch an logischen Anschlussfehlern mangelt es nicht: So lässt Eva auf S. 111f. ihr Handy bei der Wirtin der Auberge Sainte Marie, um fürderhin nicht mehr von den ständigen Anrufen ihrer Familie behelligt zu werden; aber auf S. 146 erfährt man, dass sie seither trotzdem täglich zu Hause angerufen hat.

Aber wer ist eigentlich dieser Max aus dem obigen Zitat? Von dem war doch bisher nie die Rede?

Richtig. Max wird erstmals auf S. 99 erwähnt, als Kiki, die jüngste der fünf Dienstagsfrauen, auf ihrem Handy die Fotos durchsieht, die sie am ersten Pilgertag gemacht hat, und dabei über vor der Pilgerreise aufgenommene Fotos stolpert, die sie zusammen mit diesem Max zeigen - einem dreizehn Jahre jüngeren Mann, mit dem sie eine Affäre gehabt hat. Entschlossen löscht Kiki alle Fotos von Max von ihrer Speicherkarte. Aber wie der Leser sich denken kann, war's das noch nicht. Auf S. 115, als Kiki gerade "halb nackt durch den Garten" der Auberge Sainte Marie springt - "[b]raun gebrannt die nackten Beine, wohlpropotioniert die Figur, verführerisch der Anblick" -, kreuzt Max leibhaftig auf. Er ist ihr nachgereist. Kiki ist entsetzt - besonders, als er auf S. 118 beiläufig seinen Vater erwähnt. Wer mag wohl sein Vater sein, wenn Kiki auf dessen Erwähnung so allergisch reagiert? Der Leser ahnt es, und schon auf der nächsten Seite wird es ihm Schwarz auf Weiß bestätigt: Max' Vater ist Kikis Chef, das ist, neben dem Altersunterschied, der Hauptgrund, weshalb Kiki diese Affäre beenden wollte. Zum Schlussmachen gehören aber bekanntlich zwei, und Max weigert sich beharrlich, Kikis Trennungswunsch zu akzeptieren. So dackelt er fortan den Dienstagsfrauen auf ihrem Pilgerweg hinterher wie ein gut erzogener Hund und lässt sich nicht davon beirren, dass Kiki ihn komplett ignoriert.

Die eigentliche Hauptfigur dieses zweiten Viertels der Dienstagsfrauen ist jedoch Eva, die Trägerin des Mutterkreuzes in Bronze - äh, ich meine: vierfache Mutter. Entschuldigung. Dass sich bei mir im Zusammenhang mit dieser Romanfigur permanent Nazi-Assoziationen einstellen, begann schon auf S. 11, wo sie als "Jungärztin Eva" betitelt wurde. Ich fand, das wäre ein prima Titel für einen NS-Propagandafilm gewesen: Hitlerjunge Quex, SA-Mann Brand, Jungärztin Eva - hat doch alles irgendwie den gleichen Sound, oder? Wahrscheinlich hat mich auch der Film Schtonk! irgendwie beeinflusst ("Die übermenschlichen Anstrengungen der letzten Tage verursachen mir Blähungen im Darmbereich, und Eva sagt, ich habe Mundgeruch"). Das eigentlich Bemerkenswerte ist aber, dass es der Autorin, was die Nazi-Assoziationen angeht, offenbar genauso geht wie mir. Wenn von Eva die Rede ist - und nur dann -, verfällt Frau Peetz bei der Schilderung der Strapazen der Wanderung regelmäßig in ein auffallend martialisches Vokabular: Wenn Eva sich selbst Mut zuspricht, dann sind das Durchhalteparolen (S. 104); wenn sie schimpft, ist es eine Schimpfkanonade (S. 110). Bei dem Versuch, die Auberge Sainte Marie heimlich durch die Hintertür zu verlassen, muss sie den Inhalt ihres Wanderrucksacks als Waffe (S. 109) einsetzen, um einen Sieg (S. 110) über ein im Grunde ziemlich harmloses Hausschwein namens Rosa zu erringen (nebenbei bemerkt: Seit wann haben Schweine eigentlich feuchte Nasen?). Als sie in der Auberge de la Paix die Bilder der früheren Bewohner betrachtet, findet sich darunter wie selbstverständlich auch ein Bild von "Soldaten in Uniformen des Zweiten Weltkriegs" (S. 148); und selbst beim Sinnieren über die Redensart "für kleine Königstiger [müssen]" fällt ihr unversehens ein, dass Königstiger "der Spitzname eines Wehrmachtspanzers aus dem Zweiten Weltkrieg" war: "Eva hatte keine Idee, was Hitlers Expansionsdrang mit einer Notdurft zu tun haben sollte" (S. 135). Während die vier anderen Protagonistinnen sich mehr oder weniger rasch auf die körperlichen Herausforderungen des Pilgerns einstellen, "kämpfte Eva mit sich" (S. 136); und dies - "Ihr Kampf", so zu sagen, oder, wie Frau Peetz es wohl formulieren würde, "Der Kampf von ihr" - nimmt, wie gesagt, große Teile des zweiten Romanviertels ein. Wenn Eva verbissen registriert "Die Pyrenäen lagen vor ihr" (S. 137), stellt man sich unwillkürlich vor, dass auf der anderen Seite die Russen im Hinterhalt liegen: "Die Gegner hielten sich verborgen" (S. 139). Erstaunlicherweise ist es dennoch kein russischer Schützenpanzer, der Eva aufgabelt, als sie nicht mehr weiter kann, sondern nur "ein dreirädriger knallroter Mini-Pick-up" (ebd.), und der Mann am Steuer heißt auch nicht Igor, sondern Jacques (S. 140); aber immerhin erzählt er ihr von der Bärenjagd (S. 144).

So amüsant man das alles finden mag, so ärgerlich ist es im Grunde doch, dass der Autorin all diese Nazi-Klischees ausgerechnet in Verbindung mit einer Figur einfallen, die sich aus dem Kreis der Protagonistinnen vor allem durch ihre Rolle als treusorgende Hausfrau und Mutter von vier Kindern (sowie durch ein gewisses Übergewicht) heraushebt. Nebenbei bemerkt ist sie auch die einzige praktizierende Katholikin auf dieser Pilgerreise. Als sie glaubt, nicht mehr weiterwandern zu können, schickt sie "ein Stoßgebet zum Himmel" (S. 138), als dessen prompte Erfüllung ihr das Auftauchen des schon erwähnten Mini-Pick-ups erscheint. Dass dessen Fahrer ausgerechnet Jacques, also Jakobus, heißt, scheint dies zu bestätigen, und Eva strahlt, "als wäre ihr die Mutter Gottes persönlich erschienen" (S. 142). Aber ist diesem vermeintlichen Himmelsboten wirklich zu trauen? - In der Auberge de la Paix, in die er Eva bringt, entdeckt sie ein Bild, "das Jacques inmitten eines Dutzends von Männern in langen roten Roben zeigte. Was mochte das für eine merkwürdige Vereinigung sein, der Jacques angehörte? Gab es noch immer Geheimbünde in dieser Gegend? Besonders heilig wirkten die Männer nicht" (S. 148) - und auffälligerweise tragen sie "eine glasierte, runde Tonschale an einem grünen Band um den Hals" (ebd.)...

Ach du Scheiße! Die ADEPTEN DER SCHALE! Ich bin im falschen Buch! 

Im Ernst: In Hinblick auf populär-populistischen Antikatholizismus steht dieser Pilgerroman handelsüblichen Vatikan-Verschwörungs-Thrillern in nichts nach. Da erscheint es nicht ausgeschlossen, dass die rot gewandeten Gestalten auf dem Foto etwas mit den Katharern zu tun haben, auf deren früherem Territorium man sich ja schließlich befindet - was der Roman nicht müde wird zu betonen: Auf S. 125 begegnen die Dienstagsfrauen einer Senioren-Reisegruppe aus Fulda, die sich auf einer Busreise unter dem Motto "Katharer und Katalanen" befindet; und auf S. 136 hält "die wie immer entsetzlich gut vorbereitet[e]" Caroline ihren Freundinnen einen Vortrag über "die Glaubensgemeinschaft der Katharer [...], die vor achthundert Jahren in Gralsburgen ihr geheimes Wissen pflegten, bis der Papst dazu aufrief, sie als Ketzer auszurotten". Katharer gut, Papst böse: Mehr braucht der geneigte Leser nicht zu wissen.

Dass die Protagonistinnen ihrerseits auch eher der Ketzerei als der Rechtgläubigkeit zuneigen, ist ja bereits aus dem ersten Viertel des Romans bekannt, der Leser wird aber immer mal wieder dran erinnert. Insbesondere Judith, auf deren Mist die ganze Lourdes-Pilgerreise ja gewachsen ist, betet in erster Linie ihren verstorbenen Gatten Arne an: "Auch in Frankreich hatte Judith ihren Altar für Arne aufgebaut", heißt es anlässlich der ersten Übernachtung in der Auberge Sainte Marie (S. 98), und am nächsten Morgen hält Judith "ihre Morgenandacht vor dem etwas ramponierten Pseudoaltar von [!] Arne" (S. 105). Man muss einräumen, dass dies aus christlicher Sicht weit weniger anstößig wirken würde, wenn einfach von einer Andachtsecke für Arne die Rede wäre. Vielleicht weiß die Autorin einfach nicht, was ein Altar ist - was umso glaubwürdiger erscheint, wenn man berücksichtigt, dass sie trotz einer gewissen Vorliebe für esoterische Begrifflichkeiten auch nicht weiß, was ein Astralleib ist (ebd.). Andererseits verweist der Umstand, dass auf diesem "Altar" neben einer Kerze, einem Foto von Arne und frischen Blumen auch "ein volles Gas Wein" steht (S. 98), tatsächlich eher auf heidnische Praktiken der Ahnenverehrung. Überhaupt kennen wir Judith ja schon von den ersten 80 Seiten her als die Esoterik-Expertin des Quintetts. "Jede Begegnung mit der Schöpfung ist ein Wunder. Selbst mit der allerkleinsten Kreatur", belehrt sie ihre Freundinnen, woraufhin Estelle, die gerade mittels Insektenspray "eine kleine Kreatur, die sich mitsamt ihrer Großfamilie in ihre Bett versteckt hatte, ins Jenseits" befördert hat, "reumütig" anmerkt: "Wir könnten zum Buddhismus konvertieren [...]. Die glauben an Reinkarnation" (S. 91). Ebendiese Estelle erinnert sich jedoch an anderer Stelle an ihre "Kommilitonen", die "als Rucksacktouristen bei hinduistischen Gurus ihren Seelenfrieden suchten" (S. 141) - und gibt zu erkennen, dass sie schon damals nichts davon hielt. Dem Leser, der seine Gehirntätigkeit bis zu diesem Punkt noch nicht völlig eingestellt hat, fällt an dieser Stelle unwillkürlich Evas Mutter Regine ein, von deren wiederholten Ashram-Aufenthalten er schon früher erfahren hat. Auch Eva selbst kommt immer mal wieder darauf zurück. "Selbstfindung war nie meine Sache. Meine Mutter sucht sich heute noch. Alles hat sie ausprobiert. Überleben mit Mao [!?], esoterischen Tanz, Tantrasex" (S. 110). - Nur mal so nebenbei: Als auf S. 46 schon einmal Mao im Zusammenhang mit fernöstlicher Spiritualität erwähnt worden war, habe ich das für einen Witz gehalten. Nun fange ich an mich zu fragen, ob die Autorin das ernst meint.

Besonders traumatisch für Eva scheint das Aufkreuzen ihrer Hippiemutter bei der "Kommunion" - gemeint ist die Erstkommunion - "von Evas Erstgeborenem David, die groß gefeiert wurde", gewesen zu sein: "Evas Mutter war fassungslos, dass ihre Tochter eine Familientradition [!!] hochhielt, aus der sie sich mühsam freigekämpft hatte" (S. 94). "Zwischen Regine und der streng katholischen Familie von [Evas Mann] Frido [...] kam es zu unschönen Wortwechseln" - denn Regine hat ein ausgewachsenes "katholisches Kindheitstrauma aufzuarbeiten" und kann es "so gar nicht nachvollziehen, dass die Tochter, die sie zu Weltoffenheit erzogen hatte, ihrem Enkel David so etwas Dogmatisches wie eine Kommunion zumutete" (S. 95).
"Alleine die Beichte [...]. Ich musste mich als Kind sogar für die Sünden entschuldigen, an die ich mich nicht mehr erinnerte. Immer diese Angst. Gott weiß schon, was du zu beichten haben wirst, bevor du etwas getan hast." (ebd.) 
Bloß gut, dass so eine Pilgerreise - wenngleich auch dabei immer mal wieder die Rede vom "Ringen um Sündenerlass" (S. 81) ist - so total undogmatisch ist, heutzutage jedenfalls. "Es gibt so viele Jakobswege und alle führen nach Santiago de Compostela", verkündet Küken Kiki fröhlich (S. 90) - als habe sie momentan vergessen, dass sie und ihre Freundinnen eben gerade nicht dorthin unterwegs sind. Sondern nach Lourdes. Nicht wissen können das natürlich die "spöttisch amüsiert[en] Beobachter am Wegesrand, von denen die Autorin meint: "Vermutlich konnten sie gerade noch nachvollziehen, dass man nach Graceland pilgerte, zur letzten Ruhestätte von Elvis. Aber zum Grab eines Apostels laufen, der seit zweitausend Jahren tot war?" (S. 123) Nur gibt es in Lourdes, anders als in Santiago, eben gar kein Grab eines seit zweitausend Jahren toten Apostels. Die Autorin weiß das natürlich, und mit ihr weiß es auch Caroline, die Kluge unter den fünf Protagonistinnen. Die Marienstatue in einer Mauernische der Auberge Sainte Marie, wo die Dienstagsfrauen übernachten, ist den Schilderungen der Hl. Bernadette Soubirous über die "Dame" nachempfunden, die ihr erschienen ist: "Maria war dargestellt als weiß gekleidete Dame, deren fließendes Kleid mit einem blauen Gürtel festgehalten wurde. Auf jedem Fuß trug sie eine goldene Rose" (S. 85). Diese Statue veranlasst Caroline, darüber zu reflektieren, was sie über die Marienerscheinungen von Lourdes "im Internet nachgelesen" hat:
"Richtig einleuchtend fand Caroline die Geschichte der Bernadette nicht. 'Ich verspreche Ihnen nicht, Sie in dieser Welt glücklich zu machen, wohl aber in der anderen", soll die Erscheinung dem Kind mitgegeben haben. Da war man als Maria natürlich fein raus, denn so etwas entzog sich jeder Nachprüfbarkeit." (ebd.) 
Weiterhin meint Caroline, es sei "ein merkwürdiger Zufall, dass die rätselhafte Erscheinung in Lourdes so gut in das vier Jahre zuvor verabschiedete [!] Dogma von der unbefleckten Empfängnis Marias passte" (S. 86) - räumt allerdings ein, dass sie dieses Dogma "nicht verstand":
"Unbefleckte Empfängnis bezog sich nämlich nicht auf Jesus. Es ging um Maria selbst. In dem Dogma hatte Pius IX. als Glaubensgrundsatz fixiert, dass nicht nur [!?] Jesus das Produkt einer Jungfrauengeburt gewesen sei. Durch einen Akt göttlicher Gnade war auch Maria vom ersten Moment an von der Erbsünde ausgenommen. Auch wenn die Schwangerschaft von Jesu Großmutter Anna ansonsten ganz natürlich war. Caroline runzelte die Stirn: Normaler Geschlechtsverkehr? Und trotzdem eine unbefleckte Empfängnis? Um so etwas zu verstehen, musste man wohl katholisch sein" (ebd.). 
Nun ja, vielleicht. Vielleicht reicht es aber auch schon, nicht wie selbstverständlich davon auszugehen, dass Geschlechtsverkehr Befleckung sei - oder diese Auffassung gar der Kirche zu unterstellen. (Mehr dazu bei Josef Bordat.) - Später am Abend setzt Caroline ihre Reflexionen fort:
"Die Jungfrau Maria belächelte sie milde. Die hatte gut lachen. Dabei war sie es gewesen, die die Menschen aufgerufen hatte, zu der Grotte in Lourdes zu pilgern. 'Sagen Sie den Priestern, dass man in Prozessionen hierherkommen und eine Kapelle bauen soll', hatte Maria der Bernadette bei ihrem dreizehnten Auftauchen mitgeben. Nach der achtzehnten Erscheinung blieb Maria verschwunden und ließ die Menschen mit dem alleine, was sie ihnen eingebrockt hatte" (S. 96f.). 
Unter solchen Voraussetzungen ist es nicht weiter erstaunlich, dass die Marienerscheinungen von Lourdes im weiteren Verlauf des Romans nur mehr für fade Witzeleien gut sind. Als Kiki vom plötzlichen Auftauchen ihres Hals über Kopf verlassenen Lovers Max überrumpelt wird, heißt es "So ähnlich musste die kleine Bernadette sich gefühlt haben, als ihr die Jungfrau Maria erschien" (S. 116); und als Eva sich geneigt zeigt zu glauben, dass das Verhältnis zwischen Kiki und Max rein beruflich sei, spottet Estelle: "Du glaubst sicher auch an die unbefleckte Empfängnis" (S. 119).

Estelle selbst hat allerdings, wie der Leser staunend erfährt auch eine katholische Vergangenheit: Mit zwölf Jahren war sie auf einer "katholischen Mädchenschule" gewesen - wenn auch, aus Gründen, nur drei Monate lang. "Die Liebe von Jesus Christus" - da ist sie wieder, die Genitivschwäche der Autorin! - "zeigt sich in seiner außergewöhnlichen Opferbereitschaft", hatten die "Nonnen" in der Mädchenschule sie gelehrt; aber Opferbereitschaft war schon damals nicht nach Estelles Geschmack, sodass sie sich - mit zwölf Jahren! - weigerte, "ihre Süßigkeiten mit der ganzen Klasse zu teilen" (S. 158).
"Etwas Anderes aber teilte sie gerne. Zu ihren Konditionen: Gegen einen kleinen Obolus gestattete Estelle ihren Mitschülerinnen einen Blick in ganz besondere Bücher. Estelle unterhielt einen lebhaften Verleih mit den schwül erotischen Liebesromanen, die ihre Mutter heimlich las und im Bügelkorb versteckte." (S. 158f.) 
Gähn. - Aber irgendwie war es ja von vornherein klar: Postfeministische Powerfrauen und Pilgern, das passt nicht - und aus dieser Diskrepanz bezieht der Roman das, was Autorin und wohlwollende Rezensenten für seine Komik halten. - Als sie am ersten Tag der Wanderung, erschöpft und hoffnungslos verfranzt, von einem Viehtransporter aufgegabelt werden, sind die Dienstagfrauen zwar durchaus dankbar für diesen "Akt christlicher Nächstenliebe" (S. 81); ein paar Tage später sieht das jedoch schon anders aus, als zwei Feldarbeiterinnen "mit Migrationshintergrund" ihnen "um jeden Preis etwas Gutes tun" wollen: "Sie glaubten offensichtlich, alle Jakobspilger seien mittellos und auf Almosen angewiesen, und ließen es sich nicht nehmen, ihnen wort- und gestenreich ihre Verpflegung aufzudrängen" (S. 151). Für wohlsituierte "Damen aus der große weiten Welt" (S. 85) ist das natürlich eine Zumutung - als hätten sie das nötig! Wo sie sich doch bereits an der "Backstation eines Intermarché-Supermarktes" mit fettigem croque monsieur vollgestopft haben! Aber da hilft nun alles nichts:
"Sofern Caroline den gebrochenen und dialektgefärbten Sprachfetzen etwas entnehmen konnte, lief es darauf hinaus, dass die beiden der tiefen Überzeugung waren, dass Pilgern zu helfen kaum weniger heilsbringend war, als sich selbst auf den Weg zu machen. Gott merkte sich gute Taten. Ob die Pilger tatsächlich erschöpft, hungrig und hilfsbedürftig waren, spielte in der Gedankenwelt der Feldarbeiterinnen eine untergeordnete Rolle" (S. 151). 
Schlimm, sowas. Aber für etwas sind die Arbeiterinnen am Wegesrand dann doch gut: Als Estelle, die mit ihrem schweren Rollkoffer die Nachhut des Pilgerzuges bildet, ihnen ebenfalls begegnet, sieht sie eine günstige Gelegenheit gekommen, ihr Gepäck zu leichtern - und verschenkt, trotz ihres zuvor beschriebenen Mangels an Opferbereitschaft, bereitwillig "Tiegel und Tuben, Cremes und Augenmaske".
"Die Arbeiterinnen bekreuzigten sich. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass der Lohn Gottes sich so unmittelbar materialisierte. Die Botschaft Mariens, Gläubige erst in einer anderen Welt glücklich zu machen, erwies sich an diesem Tag als leere Drohung" (S. 161). 
Dass die frommen Feldarbeiterinnen mit Migrationshintergrund sich über die abgelegten Kosmetika von Luxusweib Estelle freuen wie Eingeborene über die Glasperlen der weißen Eroberer, erscheint mir in ähnlichem Maße von rassistischem bzw. neokolonialistischem Gedankengut angehaucht wie die Erwähnung von Klöstern, die "nur noch [!] von Philippininnen bewohnt werden", auf S. 136; auf jeden Fall aber macht diese Episode unmissverständlich deutlich, dass Katholizismus nur etwas für Doofe ist. - Unmittelbar im Anschluss an diese Szene beendet die Autorin das Kapitel mit einem Cliffhanger, indem sie dem Leser in Aussicht stellt, er werde endlich Näheres über Das Geheimnis von Arne erfahren.

Aber - wollen wir das wirklich wissen?

Nun, man wird sehen.


Kommentare:

  1. Antworten
    1. Weiß ich noch nicht...
      (Muss ich das Ende jetzt etwa auch noch verbloggen?!?)

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    2. (Stell nicht so dumme Fragen!)

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    3. Klares Nein!

      Manchmal frage ich mich, warum angesichts des Berges an Manuskripten, die sich in den Lektoraten türmen, so ein Mist den Weg "von der" Veröffentlichung geht ... die können doch nicht alle noch schlechter sein als dieser Roman?!?

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  2. Ich habe mir eben angetan, beide Folgen Deiner Rezension zu lesen. Also: Die Rezension ist so klasse, daß ich finde, Du solltest den nächsten Band, den mit dem Arne seinem Geheimnis, ruhig auch lesen müssen. Zugleich könnte ich jetzt nach Kenntnisnahme dieses Buches die ganze Nacht lang das Taizé-Kyrie singen (schöner Ohrwurm!) - wenn ich nicht morgen Frühdienst hätte. Denn die pummelige Katholikin in der Blüte ihrer Fünfziger hatte sich felsenfest vorgenommen, ihre elende Arbeitslosigkeit damit notdürftig sinnerfüllend zu machen, daß sie gebrechlichen und dementen alten Menschen ihre karitatiefen Dienste als liebevolle Betreuungsassistentin zugute kommen ließ - wie Mme. Monique es peetzen würde.

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    1. Besser kann man es nicht formulieren. Und Frau Peetz schon gar nicht. ;-)

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  3. Papst: Lest mehr Dante
    http://www.kath.net/news/50419
    :-)

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  4. Bin beeindruckt ob Ihrer Leidensfähigkeit. Dass Sie sich das angetan haben, statt das Buch in die nächste Ecke zu pfeffern oder bei einem einschlägigen Internetanbieter Ihrer Wahl zu verkaufen...

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