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Samstag, 27. April 2013

"Wo fass' ich dich, unendliche Natur? Euch Brüste, wo?"

In der Orestie des Aischylos (458 v.Chr.) - wie auch in einigen anderen literarischen Bearbeitungen desselben Stoffes - zeigt Klytämnestra ihrem Sohn Orest, als dieser sie auf Befehl des Gottes Apoll erschlagen will, ihre Brüste:
"Mein Sohn! Halt inne! Scheue diese Brust, mein Kind,
Aus der du oft mit deinen Lippen, halb im Schlaf,
Die Muttermilch gesogen, die dich wohl genährt."
(V. 896ff., Übersetzung: Emil Staiger)
Daran musste ich denken, als kürzlich auf Facebook ein Preis für eine halbwegs plausible Beantwortung der Frage ausgelobt wurde, "was das Präsentieren von Geschlechtsmerkmalen mit Befreiung der Frau zu tun hat".  Die Frage bezog sich, wie man sich vorstellen kann, auf die Praxis der Femen, bei ihren, nun ja, "Aktionen" prinzipiell barbusig aufzutreten. Bei dem versprochenen Preis handelte es sich zwar lediglich um ein Bonbon, aber man soll ja auch kleine Dinge zu schätzen wissen. Ich legte mich also einigermaßen ins Zeug und argumentierte unter Verweis auf die Klytämnestra-Orest-Situation, dass die weibliche Brust geradezu idealtypisch die dem Ewig-Weiblichen innewohnende lebensspendende und -erhaltende Kraft symbolisiere, von der schließlich auch der Mann existentiell abhängig sei. Na ja, oder so ähnlich halt.

Vielleicht muss man aber auch gar nicht so weit in die Ferne schweifen. Man könnte sich stattdessen auch an die Blütezeit der Blumenkinder erinnern, als die Jungs ihre Einberufungsbefehle zum Vietnamkrieg verbrannten und die Mädels ihre BHs. Irgendwo scheint es da ja einen Zusammenhang zu geben, zwischen dem Protest der Einen dagegen, in eine Uniform gesteckt zu werden, ein Gewehr in die Hand gedrückt zu bekommen und in einen Krieg geschickt zu werden, von dem sie nicht einmal wissen, worum es da geht und was er mit ihnen zu tun haben soll, und dem Protest der Anderen dagegen, ihren Körper dem Diktat von etwas so Nebelhaftem wie "Anstand" und "Sitte" zu unterwerfen. Es scheint mir ein ganz interessanter Gedanke, dass der Protest der Hippies gegen den Vietnamkrieg primär gar nicht politisch motiviert und auch nicht von einem prinzipiellen Pazifismus getragen war, sondern vielmehr, zusammen mit dem BH-Verbrennen und dem ausufernden Drogenkonsum, einfach Teil einer Jugendbewegung war, die dagegen aufbegehrte, dass "jemand anderes sie gürtet und dahin führt, wohin sie nicht will" (vgl. Joh 21,18). Hat das was mit den Femen zu tun? Vielleicht. Als "Jugendbewegung" im eigentlichen Sinne wird man sie zwar wohl nicht klassifizieren können, aber besonders erwachsen wirkt ihr Verhalten ja nun auch nicht gerade.

In der obbesagten Facebook-Diskussion wurden aber auch noch andere Erklärungsansätze für die habituelle Brustentblößung der Femen angeboten - darunter die, es gehe darum, sich als "sexuell a(ttra)ktiv zu präsentieren, ohne dass die Rezipienten dieser Botschaft darauf affirmativ reagieren dürfen" - was darauf hinausliefe, die Männer zu demütigen, indem man ihnen vor Augen führt, dass sie Sklaven ihrer sexuellen Gelüste und somit auch dem Objekt dieser Gelüste, der Frau eben, von Natur aus unterlegen seien. Klingt zugegebenermaßen auch nicht unplausibel. Andererseits wiederum sei daran erinnert, dass die frühen Protagonisten der Freikörperkultur noch meinten, das Verhältnis der Geschlechter zueinander gerade dadurch entsexualisieren zu können, dass sie den Anblick nackter Körper zu etwas Normalem und Alltäglichen zu machen strebten. Diesen Ansatz muss man wohl als gescheitert betrachten - zumindest in unseren Breiten ist es heute sehr viel einfacher, nackter Körper (auch des anderen Geschlechts) ansichtig zu werden, als es in früheren Jahrhunderten der Fall war, und ich sehe nicht, dass das einen "entsexualisierenden" Effekt hätte -; aber merken wir uns der Vollständigkeit halber auch dieses mögliche Motiv für den Hang zur öffentlichen  Entblößung.

Angesichts dieser Vielzahl möglicher Deutungen könnte man auf die Idee kommen, die Barbusigkeit der Femen sei ein komplexes Symbol; noch wahrscheinlicher ist es aber womöglich, dass sie überhaupt kein Symbol ist, insofern, als sie nichts symbolisiert. Dass sich tatsächlich nichts Anderes dahinter verbirgt als ein kalkuliertes Mittel, möglichst große mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Was ja, wie man mit großer Regelmäßigkeit beobachten kann, bestens funktioniert. Wenn sich mir und anderen dabei die Frage stellt, was das denn bitteschön für eine Botschaft sein soll, die auf nichts verweist als auf sich selbst, dann beweist das womöglich nur, dass wir noch nicht so richtig in der Postmoderne angekommen sind - und das rund ein halbes Jahrhundert nach Marshall McLuhan ("The Medium is the Message"). Traurig, traurig. Andererseits: Vielleicht wollen wir da ja gar nicht hin.

Was man aus den Körperbotschaften der Femen sonst noch so herauslesen könnte, ist eindrucksvoll bei Alipius zu besichtigen.


P.S.: Dank für die Überschrift dieses Artikels geht an einen gewissen J.W. Goethe. Die vielleicht unappetitlichsten Verse, die der alte Germanistenschreck je zu Papier gebracht hat (Faust. Der Tragödie erster Teil. V. 455f.). Chapeau! -- Alternativ hätte ich natürlich auch einen Songtext der Gruppe Fettes Brot variieren können:

"Femen, packt eure Brüste ein! Femen, zieht euch bitte etwas an!"

P.P.S.: "obbesagten" ist kein Tippfehler. Dieses Wort gibt es, es ist nur ein wenig aus der Mode gekommen. Man spricht es mit kurzem O aus. [Germanisten-Klugscheißer-Modus off.]

1 Kommentar:

  1. Nie wurde ein Bonbon so überzeugend errungen!

    Randnotiz zu FKK: aus dem einzigen Grund, daß ich einen nassen Badeanzug am Körper eher unangenehm finde, nutze ich gelegentlich FKK-Strände (oder solche, wo es irgendwie egal ist). Und in der Tat ist blöde Anmache an Badestränden mit Badebekleidung weit wahrscheinlicher als an FKK-Stränden (so zumindest meine Erfahrung). Man könnte meinen, FKK-Strände gehören zu den am wenigsten sexualisierten öffentlichen Orten. Allerdings trifft man dort unter Umständen die Nachfahren der Generation Ascona-Monte Verità, nicht weniger verschroben und tendenziell unangenehm sektiererisch als jene.

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