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Samstag, 20. April 2013

Wer sich in die Bar begibt, bekommt darin Rum

Über den methodistischen Erweckungsprediger John Wesley (1703-1791) ist die folgende Anekdote überliefert: Da er mit aller Welt in Frieden lebte, gedachte Wesley des Wortes Jesu "Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet" (Mt 5,11) und war zerknirscht, dass ihm die Gnade des Verfolgtwerdens versagt blieb. In seiner Not wandte er sich an den HERRN, indem er unter freiem Himmel zum Gebet niederkniete. Ein Passant, der dieses sah, wurde daraufhin von unheiligem Zorn gegen den Frömmler ergriffen und warf einen Stein nach ihm. Der Stein fuhr haarscharf am Kopf des Betenden vorüber, John Wesley aber dankte dem HERRN für die prompte Erfüllung seines Gebets, sprang auf und ging frohgemut wieder an sein Werk.

So lustig diese Anekdote - die wahr oder auch nur gut erfunden sein mag - zunächst einmal wirkt, sie hat doch einen ernst zu nehmenden Kern. Dass es dem Christen aufgegeben ist, sein Kreuz auf sich zu nehmen und Christus nachzufolgen, wird ja beispielsweise auch Papst Franziskus nicht müde zu betonen. Da kann man schon mal auf den Gedanken kommen, man mache womöglich etwas falsch, wenn man als Christ keinerlei Beschimpfung, Verachtung und Beschimpfung erfährt. Wobei: In den Zeiten sozialer Netzwerke dürfte sich das Problem für viele Christen erledigt haben.

Andererseits ist die Erfahrung, dass man sich nahezu zwangsläufig Feinde macht, wenn man öffentlich für seine Überzeugungen einsteht, aber auch kein "Privileg" von Christen. Winston Churchill wird gern mit dem Satz zitiert: "Du hast Feinde? Gut. Das bedeutet, dass du in deinem Leben für etwas eingetreten bist." Ein ermutigender Satz, zweifellos. Insofern gibt es für Menschen, die für ihre Überzeugungen eintreten, durchaus Schlimmeres, als dafür angefeindet werden. Und zu diesem Schlimmerem gehört, an prominenter Stelle: Beifall von der falschen Seite.

Die fatale Logik "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" kann zu abstrusen Allianzen führen; man muss das aber nicht unbedingt mitmachen. Wer zu irgendeinem Thema öffentlich seine Meinung sagt, muss darauf gefasst sein, dass eine einseitige, verzerrte oder vergröberte Wahrnehmung seiner Äußerungen nicht nur zu aggressivem, der Sache völlig unangemessenem Widerspruch führen kann, sondern auch zu aggressiver und der Sache völlig unangemessener Zustimmung. Nicht jeden, der einen für seinen Verbündeten hält, möchte man auch als Verbündeten haben.

So erging es mir kürzlich, als ich mal wieder eine kleine Recherche zu der Frage unternahm, auf welchen Wegen Leser auf meinen Blog aufmerksam werden. Dabei stellte fest, dass einer meiner Blogbeiträge auf einem Wordpress-Blog mit dem Titel Aufwachen! ... bevor es zu spät ist verlinkt wurde (den ich hier meinerseits nicht verlinke, aber wer ihn sich mal ansehen möchte, wird ihn schon zu finden wissen). Der Blogtitel prangt in roter Schrift auf schwarzem Grund - ein Farbschema, das man aus anarchistischen bzw. "autonomen" Kreisen kennt, aber das ist entweder Zufall oder aber gezielte Irreführung. Die aus dem Blogtitel sprechende brennende Sorge des Autors gilt dem deutschen Vaterlande - das er bedroht sieht, durch Migranten, den Islam, Linke und Grüne, "Gutmenschen" und den Euro. Was hat das nun alles mit mir zu tun?

Wie sich zeigte (und mich im Grunde nicht sehr überraschte), war es die Bandito-Rosso-Hausverbots-Affäre, die den Autor des Aufwachen!-Blogs auf mich aufmerksam gemacht hat - und ihn zu einem Beitrag mit dem Titel "Wo Abtreibungsgegner zu 'Nazis' gemacht werden..." inspiriert hat. Der Beitrag beginnt mit einer leicht vergröberten, im Wesentlichen aber zutreffenden Nacherzählung meines Erlebnisses in der besagten Autonomen-Kneipe - und geht dann dazu über, dieses Geschehen mit von "Gutmenschen-Wirte[n]" verhängten Lokalverboten für Rechtsextreme zu vergleichen und die Störaktionen gegen den "Marsch für das Leben" mit Protesten gegen NPD-Demos auf eine Stufe zu stellen. Mit anderen Worten, der Autor tut genau dasselbe, was er in der Artikelüberschrift den Linken vorwirft: Er wirft mich mit Nazis in einen Topf.

Ich bin nicht erbaut.

Bei näherem Hinsehen - und das finde ich dann schon wieder beruhigend - zeigt sich allerdings, dass der Autor sich nur scheinbar auf meine Seite stellt. Im letzten Absatz geht er dann unvermittelt dazu über, mich scharf zu attackieren: "Ein Christ, der die Linkspartei wählt oder linksautonome Strukturen unterstützt (und sei es durch den Besuch einer sog. Volxküche), ist wie ein Schaf, das dem Metzger hilft, das Schlachtmesser zu schärfen!" Herzlichen Dank.

Sagen wir es ganz deutlich: In der linksautonomen Kneipenszene begegne ich einerseits oft Menschen, die Einstellungen und Überzeugungen vertreten, die ich - teils aus religiösen, teils auch noch aus ganz anderen Gründen - nicht teilen kann; und wenn ich sehe, wie auf Flyern oder in Inschriften an Toilettenwänden zu Gewalt gegen Rechte aufgerufen wird (was es zweifellos umgekehrt genauso gibt, aber an den Treffpunkten der "anderen Seite" verkehre ich nun mal nicht), dann denke ich mir zuweilen: Das ist doch eigentlich nur ein Bandenkrieg, in dem die ganze ideologische Rechts-Links-Zuordnung nur einen notdürftigen Vorwand darstellt, um dem gegenseitigen Aufs-Maul-Hauen den Anschein eines höheren Ziels zu geben. Selbstverständlich gefällt mir das nicht. Genauso - und tendenziell eher öfter - treffe ich in diesen Kreisen aber auch Menschen, die ich schätze und mag, die mich ebenso respektieren wie ich sie und deren ehrliches Engagement für eine "bessere Welt" - wie sie sie sehen - ich auch da anerkennen kann, wo ich inhaltlich nicht damit übereinstimme. Zuweilen neige ich - in Anlehung an einen Satz von Chesterton - zu der Auffassung, dass die politischen Vorstellungen der radikalen Linken im Grunde nur "verrückt gewordene christliche Ideale" sind - "verrückt geworden" insofern, als sie durch die verloren gegangene Verankerung im Glauben ihren inneren Zusammenhang, ihr Maß und ihr Ziel verloren haben und darum allerorten ins Kraut schießen. Darüber kann man diskutieren - wenn man nicht gleich vor die Tür gesetzt wird, aber das ist mir ja bislang nur einmal passiert. Mit Rechtspopulisten vom Schlage des Aufwachen!-Bloggers, die die Welt nicht verbessern, sondern lediglich den Angehörigen der eigenen Rotte die besten Plätze darin sichern wollen, möchte ich hingegen nicht diskutieren. Was die mich können, bitte ich an einschlägiger Stelle im Götz von Berlichingen nachzulesen...

Kommentare:

  1. Ich bewundere Dich mal ne Runde. Grenzenlos. Und ohne jede Ironie.
    Und zwar dafür, daß Du einen solchen Artikel mit noch frischer Irritation schreibst, und er klingt an keiner Stelle so, daß man auf Worte wie "selbstmitleidig" kommen könnte. Mir ist das heute nicht so gelungen und jetzt bin ich auch noch ein bißchen neidisch, zu allem Überfluß. ;-)

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  2. Monika schreibt:

    @KingBear, Du scheinst jemand zu sein, mit dem ich vielleicht diskutieren kann, wieso der rechte Extremismus schlimmer ist als der linke. Vor 40 Jahren mußte ich die umgekehrte Diskussion führen. Gegen einen Lehrer damals; da er keine große Lust auf Streit hatte, wurde nur mein Vater informiert, der mir das erst vor ein paar Jahren erzählt hat.

    So wie ich Dich in Deinem letzten Absatz verstanden habe, ist an den Linken vorzuziehen, daß sie eine bessere Welt für alle Armen, Verfolgten und Bedrückten wollen - außer natürlich Banker, Industrielle, Bischöfe, weiße männliche Politiker, und so weiter - ich finde da die rechte Ideologie erheblich einfacher. Eine bessere Welt für alle im eigenen Land.

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    1. Ich habe durchaus nicht die Absicht, zu behaupten, linker Extremismus wäre grundsätzlich weniger schlimm als rechter. Jeder Extremismus ist gefährlich, und die Geschichte ist voll von Beispielen dafür, dass, wenn radikale politische Ideologien irgendwo zur Herrschaft gelangen, die Folgen praktisch immer verheerend sind. Wenn man in dem einen oder anderen Fall konstatieren kann, die Ideologen hätten es ja "eigentlich gut gemeint", macht das das Ergebnis nicht besser, sondern eher schlimmer. Wie ich an anderer Stelle schon geschildert habe, wird mir ganz anders, wenn ich sehe, wie linksautonome Hausprojekte dazu neigen, stalinistische Terrorregimes en miniature nachzubauen.

      Das alles ändert jedoch nichts an meinem Respekt und meiner Wertschätzung für den ehrlichen Idealismus nicht weniger Linker, die ich kenne, und meiner Anerkennung ihres Einsatzes für Schwache und Benachteiligte. In diesem Sinne kann ich das, was ich im letzten Absatz des obigen Artikels geschrieben habe, nochmals unterstreichen: In Teilbereichen politisch linker Überzeugung kann man, bei aller z.T. erheblichen ideologischen Verzeichnung und Verzerrung, eine prinzipielle Verwandtschaft mit christlicher Ethik noch erkennen oder erahnen. Von der - sagen wir mal - "postfaschistischen" Rechten würde ich das nicht behaupten. Auch dass diese eine "bessere Welt für alle im eigenen Land" anstrebten, würde ich so nicht unterschreiben. Im eigenen Land leben schließlich auch die, die an allem schuld sind - muslimische Migranten, linke und grüne "Gutmenschen", wahlweise auch Juden, Katholiken, Zeugen Jehovas, Homosexuelle... Der Kreativität beim Aushecken von Feindbildern sind da so gut wie keine Grenzen gesetzt. (Womit ich nicht behaupten will, das wäre bei den Linken grundsätzlich anders.)

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  3. Monika schreibt:

    Vielen Dank für Deinen ersten Absatz der Antwort, genau das wollte ich gesagt haben, konnte es aber nicht so gut formuliert auf den Punkt bringen.

    Deinem zweiten Absatz möchte ich nicht widersprechen. Ich neige im Innersten dazu, Dir recht zu geben. Aber: Es gibt einfach etwas, was mich zur Zeit stört - nicht an Dir, sondern es gibt tatsächlich eine Art "Rechtenverfolgung", Ausbuhen, Geschäfte erschweren, Vermieten von Räumlichkeiten durch Bedrohung verweigern. Und wenn man einem Rechten seine Rechte verweigert, dann geht es mir wie Ulrich Wickert mit den Juden.

    Diese Verfolgung von Meinungsgegnern, das Niedermachen von Personen, weil deren Ansichten nicht genehm sind. Ich finde es macht die Sache nicht besser, daß es gegen die Bösen geht.

    Eigentlich, von meinem Gefühl her, macht es die Sache schlimmer. Den unwahrscheinlichen Fall vorrausgesetzt, ich müßte mich eines Tages entscheiden, in welcher Diktatur ich leben möchte: Eine, die andere unterdrückt, weil sie schlechtere, minderwertige Menschen sind oder eine, die andere unterdrückt, weil sie moralisch unterlegene Menschen sind - ich würde die erstere Diktatur wählen. Sie ist nicht so infam. Sie ist offensichtlich falsch.

    Es wird immer von "unschuldigen" Opfern gesprochen. Natürlich nicht bei Buback und anderen - und das finde ich so schlimm. Wenn jemand die moralische Instanz ist zu bestimmen, wann das Töten und Unterdrücken gerechtfertigt ist weil es der guten Sache dient. Und sich dabei noch gut und rein fühlt, das Schwein.

    Ich kann mich nur nicht so gut ausdrücken wie Du, evtl weil ich das noch nicht alles durchdacht habe oder weil ich es komplexer sehe. Ich hoffe, es wurde doch im Großen und Ganzen verständlich.

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    1. Ich denke schon, dass ich verstehe, was Du meinst - und ich kann dem im Großen und Ganzen nur zustimmen.

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