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Donnerstag, 4. April 2013

Juckreiz auf den Trommelfellen

Ich kann es nicht leugnen: Als gelernter Literaturwissenschaftler habe ich ein leidenschaftliches, mitunter fast schon libidinöses Verhältnis zur Sprache, das manchen meiner Mitmenschen zuweilen befremdlich erscheint. Wenn ich mich (was nicht ganz selten vorkommt) darüber echauffiere, dass bestimmte Formulierungen, Redewendungen oder grammatikalische Konstruktionen im allgemeinen Sprachgebrauch derart um sich greifen, dass sie schließlich quasi gewohnheitstrechtlich als korrekt akzeptiert werden, und darauf beharre, dass sie, auch wenn sie womöglich sogar in den Duden aufgenommen werden (Zitat Heinz Rudolf Kunze: "Der Duden! Früher ein penibler Landvermesser - heute der Shell-Atlas des landläufigen Lallens!"), nichtsdestoweniger schlicht falsch seien, wird mir gern mit mildem Tadel vorgehalten, Sprache sei schließlich etwas Lebendiges und entwickle sich. Gut und schön. Ob aber jede Veränderung die doch irgendwie nach Verbesserung klingende Bezeichnung Entwicklung verdient, wage ich von Fall zu Fall zu bezweifeln. Und wem daran liegt, dass unsere Sprache auch zukünftig noch in der Lage sein möge, sowohl poetische als auch analytisch-wissenschaftliche Äußerungen hervorzubringen, der täte in meinen Augen gut daran, die Entwicklung der Sprache nicht gänzlich den Produzenten von RTL-Reality-Soaps zu überlassen und den Wortschatz und die Grammatikkenntnisse von Acht- und Neuntklässlern an Integrierten Sekundarschulen nicht zum alleinigen Maßstab sprachlicher Korrektheit zu erheben. Sonst ist die Sprache irgendwann nicht mehr wirklich lebendig, sondern bestenfalls noch untot.

Ich übertreibe natürlich gerade fürchterlich. Ich hätte, statt eine derart apokalyptische Einleitung zu wählen, auch einfach zugeben können, dass ich diesen Beitrag aus lauter Spaß an der Freude schreibe, weil ich gerade Lust darauf habe und mit einem anderen Artikel, an dem ich schon länger arbeite, gerade nicht recht von der Stelle komme. Der von mir sehr geschätzte Max Goldt hat in mehreren seiner feinsinnigen und humorvollen Glossen Listen von Begriffen und Redewendungen aufgestellt, die man seiner Meinung nach tunlichst nicht verwenden sollte, und dasselbe möchte ich hier auch mal tun. Ich bin übrigens nicht in allen Fällen mit Max Goldt einer Meinung. Das ist eine durchaus wichtige Feststellung. Es geht hier nicht darum, die politisch korrekte durch eine ästhetisch korrekte Sprache zu ergänzen oder zu konterkarieren - was in der Theorie eine reizvolle Vorstellung, in der Praxis aber wohl doch eher ein Krampf wäre. Man tut gut daran, sich einzugestehen, dass solche Listen von "Dingen, die man nicht sagt" nur bedingt als allgemeine Regeln taugen; sie beruhen sehr stark auf individuellem Geschmack und Empfinden. Ich glaube, dass auch Max Goldt sich dessen sehr bewusst ist; zumindest verwendet er einige der Begriffe, die er an anderen tadelt, durchaus auch mal selbst - und das geht mir nicht anders. Deswegen verabscheue ich diese Begriffe nicht weniger - eher sogar mehr. Denn das ist eben das Perfide an dieser "Entwicklung" von Sprache: Bei bestimmten Ausdrücken erinnert man sich womöglich noch, wann und von wem man sie das erste Mal gehört hat und dabei befremdet dachte "Sowas sagt man doch nicht"; aber plötzlich griff diese Ausdrucksweise dann immer weiter um sich, und man lief Gefahr, sich daran zu gewöhnen. Irgendwann ist es dann soweit, dass diese Begriffe Anstalten machen, aus dem passiven in den aktiven Wortschatz hineinzuwuchern. Und da gilt es dann in aller Entschiedenheit einen Riegel vorzuschieben! Daher genug der Vorrede und ran an den Speck:

sukzessive.

Früher sagte man dafür gern "peu à peu", das klang ein bisschen frivol, auf eine tantig-schrullige Art - zumindest dann, wenn man es wie ich hauptsächlich aus dem Mund frivol sein wollender schrulliger alter Tanten gehört hat. Vermutlich genau deswegen ist dieser Begriff heutzutage auch out. Stattdessen sagt man "sukzessive". Okay, das stammt aus dem Lateinischen, was man im Grunde ja gern schön finden würde. Das für deutsche Augen und Ohren etwas fremd wirkende -e am Ende deutet darauf hin, dass es sich um ein Adverb handelt. Fein. Aber würde irgendjemand "intensive" sagen, wenn er "intensiv" als Adverb verwenden will? "Ich habe mich intensive mit dieser Frage auseinandergesetzt"? Das würde einem doch garantiert als Fehler angekreidet werden. Ich weiß, das ist kein Argument. In Wirklichkeit ist "sukzessive" ein total korrekter und untadeliger Begriff. Ich mag ihn nur einfach nicht.

Und wo wir schon bei aus dem Lateinischen übernommenen Adverbien sind, kommen wir gleich mal zu

realiter.

Das bedeutet ja eigentlich nichts anderes als "tatsächlich" oder "in Wirklichkeit", klingt aber eleganter. Außer wenn es falsch betont wird. Also auf den ungeraden Silben, mit dem Hauptakzent auf der Drei. Bitte merken: realiter wird auf den geraden Silben betont, mit dem Hauptakzent auf der Zwei! Ich muss da immer an Harald Schmidt denken, der in einer Verstehen Sie Spaß?-Sendung einmal ein jazzig angehauchtes Klavierstück zu Gehör brachte und es dem Studiopublikum streng verwies, falsch mitzuklatschen: "Eins und Drei ist Stadl, Zwei und Vier ist Blues." Und überhaupt: Selbst wenn man weder von Blues noch von Latein eine Ahnung hat, sollte man bemerken können, dass ein falsch betontes realiter klingt wie Vor- und Nachname einer mythologischen Gestalt, nur dass mythologische Gestalten in der Regel keinen Nachnamen haben. Rhea Liter, die Gattin des Titanenfürsten Kronos Kubikmeter. Und ihre vier unehelichen Kinder Hekto, Dezi, Zenti und Milli.

Ganz ganz schlimm ist übrigens auch

der nicht-reflexive Gebrauch von "erinnern".

Ich erinnere das. Wirklich? Ich nicht. Dass die gute alte Grammatikregel "Wer brauchen nicht mit 'zu' gebraucht, der braucht es gar nicht zu gebrauchen" langsam aber sicher der Vergessenheit anheimfällt, ist mindestens ebenso bedauerlich wie das schwindende Wissen um den Unterschied zwischen "scheinbar" und "anscheinend", zwischen "das gleiche" und "dasselbe", zwischen "her" und "hin"; aber der nicht-reflexive (und gleichzeitig präpositionsfreie) Gebrauch von "erinnern" ist wirklich eine Pest. Liebe Leute, schreibt es euch hinter die Ohren: Man kann jemanden an etwas erinnern, man kann sich an etwas erinnern, aber man kann NICHT etwas erinnern. Im Englischen geht das, okay, aber da sind to remember und to remind schließlich zwei grundverschiedene Verben, auch wenn zu befürchten steht, dass die "ich erinnere das"-Sager sie kaum werden unterscheiden können. Mit anderen Worten, "ich erinnere das" ist ein missverstandener, halbgarer Anglismus. Und übrigens kein

Anglizismus.

Es ist ein klares Kennzeichen von Halbbildung, Fremdwörter noch imposanter klingen lassen zu wollen, indem man sie mit überflüssig komplizierten Endungen aufbläht. Max Goldt spottete dereinst weidlich über Leute, die grundsätzlich "Thematik" statt "Thema" und "Problematik" statt "Problem" sagen. Wobei "Thematik" und "Problematik" ja durchaus korrekte und legitime Begriffe sind, die sich in ihrer Bedeutung durchaus (wenn auch nicht ganz einfach) von "Thema" und "Problem" abgrenzen lassen. "Anglizismus" hingegen ist - auch wenn es sich inzwischen eingebürgert hat und als korrekt gilt - schlicht und einfach Bullshit. Das Wort heißt Anglismus, und damit basta.

Nebenbei, da ich den Begriff gerade selbst verwendet habe:

Halbbildung.

Sollte man auch nicht sagen. An der Auffassung, oberflächliche und ungenügend reflektierte Bildung mache die Menschen eher dümmer als klüger, ist ja durchaus was Wahres dran. Aber der Begriff "Halbbildung" erweckt den Eindruck, Bildung sei quantifizierbar, und man könne erst ab einer bestimmten Quantität von "echter" Bildung sprechen, alles unterhalb dieser Grenze sei "Halbbildung" und ergo schlecht. Das ist diskriminierend, elitär und eitel. Eine Runde schämen! (Damit meine ich gerade mich selbst.)

humanitäre Katastrophe.

Blanker Unsinn. Kommt zustande, wenn man Adjektive und Adverbien nicht unterscheiden kann. Ein Ereignis kann in humanitärer Hinsicht eine Katastrophe sein, aber eine Katastrophe ist als solche ganz sicher nicht humanitär.

antialkoholisches Getränk.

Wäre ja ganz schön, wenn es das wirklich gäbe. Am Freitagabend ein bisschen zu tief ins Glas geschaut? Kein Problem, schnell ein, zwei antialkoholische Getränke hinterher, schon ist man wieder stocknüchtern. Hin und wieder wird ja, gerade in der Werbung, der Eindruck vermittelt, das gäbe es tatsächlich. Gibt es aber nicht - ich weiß das, ich habe wirklich alles probiert. - Scherz beiseite: Was mit diesem Schrottausdruck in der Regel gemeint ist, ist "alkoholfreies Getränk". Wenn man - siehe oben unter "Anglizismus" - partout mit Fremdwortkenntnissen glänzen will, kann man auch "analkoholisches Getränk" sagen (und auch hier bitte ganz unbedingt auf die richtige Betonung achten!!). Aber antialkoholische Getränke, nein, die gibt es nicht.

dritte Alternative.

Darauf musste mich - vielleicht, weil das Englische hier tendenziell genauer ist als das Deutsche - mal mein Englischlehrer auf dem Gymnasium aufmerksam machen: Der Begriff Alternative impliziert, dass es genau zwei davon gibt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, Frau Merkel!

Beamtin.
Man sieht es dem Begriff "der/die Beamte" auf den ersten Blick nicht unbedingt an, aber von der Wortbildung her handelt es sich dabei um ein substantiviertes Partizip, ähnlich wie "der/die Delegierte" oder "der/die Abgeordnete". Ja, ich weiß, man sagt nicht "beamt", sondern "beamtet". Demnach würde man eigentlich erwarten, dass es "der/die Beamtete" heißt, aber das klänge wiederum ein bisschen wie gestottert. Wie dem auch sei, der Begriff "Beamtin" ist rein lexisch gesehen ein Monstrum, eine Chimäre. Ein Geschöpf aus dem Laboratorium linguistischer Frankensteine. Ich war auch schon mal bei einer Versammlung, bei der die Anwesende als "liebe Delegierte und Delegiertinnen" begrüßt wurden. Wenn man erst mal so weit ist, kommt als nächstes "Mitglieder und Mitgliederinnen". Und ich verkneife mir wohlweislich sämtliche Zoten, die einem dazu einfallen könnten.

Und ehe ich hier noch politisch inkorrekter werde, schlage ich schnell mal einen Bogen zurück zum geistigen Vater dieses Beitrags und vollende meine Zehn-Punkte-Liste mit dem Begriff

Wellness.

"Wellness ist wie früher Fitness, nur dass jetzt auch die Seele mitmachen muss." (Max Goldt)

In diesem Sinne wünsche ich meinen Lesern einen entspannten Abend...

Kommentare:

  1. Zu den Mitgliederinnen: Die gibt es schon lange. Und ich habe mir in diesem Zusammenhang mal eine Zote nicht verkniffen und galt fürderhin als chauvinistisch. Ja, ich!
    Und zu den Getränken: Mir hat mal eine Deutschlehrerin auf dem Gymnasium gesagt, es heiße nicht "trockener Alkoholiker" sondern "trockener Antialkoholiker". Sie war nicht der einzige Grund, warum zwischen dem Gymnasium und mir keine dauerhafte Liebe wachsen konnte, aber ein sehr wichtiger.

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  2. Ich bin immer für:

    Der Student
    Die Studentin
    Die Studenten

    Und nix anderes hingekünzelte was sukzessive realiter zu einer humanitären Katastrophe geworden ist, erinnert von einer Beamtin! (Oder so)

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    1. Sehr fein zusammengefasst... Darauf ein garantiert nicht antialkoholisches Getränk!

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    2. Ich habe grad eine Examensarbeit gelesen, in der Thematik, Problematik und in einem ganz schlimmen Fall sogar Verlassung vorkam. Das tat weh.
      Der Konjunktiv für die indirekte Rede ist übrigens ausgestorben oder zumindest vom Aussterben bedroht, was in besagter Arbeit dazu führte, daß der Leser keine Ahnung hatte, ob das nun wiedergegbene Theorie oder eines Gedankengut war.

      Sprache ist etwas präzises, man benutzt es, um damit etwas auszusagen. Wenn man allerdings einfach nur schlau klingende Wörter aneinanderreiht, ist beim beim Star Trek Technobabbel.

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    3. Star Trek Technobabbel hat für mich immer Sinn ergeben. :-)

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  3. Mein persönlicher Allergieauslöser ist "Es kann nicht sein, dass...". Freunde. Oft IST es einfach so, nehmt es zur Kenntnis. Realitätsverweigerung hilft nix! *rolleyes

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  4. Obwohl ich es als Philologiestudent nachvollziehen kann: Ist die Sprache nicht dazu geeignet, vom wesentlichen abzuleiten?
    Jesus war Antirhetoriker. Zumindest wäre er es heute :-)

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    1. Sicherlich ist Sprache - potentiell - "dazu geeignet, vom Wesentlichen abzulenken". Gerade da sehe ich - auch wenn ´mein obiger Beitrag eher humoristisch gemeint war - ein ernsthaftes Anliegen von Sprachkritik: einzuschreiten, wenn Sprache dazu eingesetzt wird, Sachverhalte zu verschleiern, statt das zu tun, was Sprache eigentlich sollte. die Dinge beim Namen nennen.

      In diesem Sinne würde ich sagen. Ob Jesus "Antirhetoriker" war, hängt sehr stark davon ab, was man im Einzelnen unter Rhetorik versteht. Mindestens kann man sagen, dass Er - unter anderem! -sehr wesentlich durch SPRACHE gewirkt hat. In einem Maße, dass man Ihn das Fleisch gewordene WORT GOTTES genannt hat. Und auf Spekulationen à la "Wenn Jesus heute (auf Erden)leben würde, dann wäre Er..." mag ich mich nun wirklich nicht beteiligen - da kriege ich Ausschlag. Nüscht für unjut...

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  5. (darum habe ich den letzten satz auch angefügt ;) )

    danke für deine antwort.

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