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Sonntag, 31. März 2013

Mit Christus im Jordan stehen

Die Katholische Kirche empfiehlt ihren Gläubigen, regelmäßig zur Beichte zu gehen - auch dann, wenn sie nichts besonders Schwerwiegendes auf dem Kerbholz haben, und wenn doch, dann natürlich erst recht. Insbesondere in der österlichen Bußzeit sind Katholiken zur Beichte aufgerufen. Beliebt ist es, am Nachmittag oder frühen Abend des Karsamstags den Beichtstuhl aufzusuchen, um dann von allen Sünden entlastet an der Osternacht-Liturgie, einschließlich Tauferneuerung, teilnehmen zu können.

Ich muss gestehen: Ich war lange nicht da. Viel zu lange. Das Dumme daran ist: Je länger man es aufschiebt, umso schwerer fällt es. Das ist so ähnlich wie mit dem Zahnarzt. Wenn man aus lauter Angst vor dem Bohrer seine Zahnschmerzen so lange wie nur möglich ignoriert, kann man es irgendwann erleben, dass aus ein bisschen Karies, die schnell und leicht hätte behandelt werden können, eine ausgewachsene Wurzelkanalentzündung geworden ist. Au Backe.

Diesen Karsamstag sollte für mich aber definitiv Schluss sein mit dem leidigen Nicht-zur-Beichte-Gehen. Schließlich haben wir Jahr des Glaubens; und dass wir zudem einen neuen Papst haben, der mit praktisch jeder Amtshandlung den schönen Vers "Siehe, ich mache alles neu" (Offb. 21,5) unterstreicht, trug - in Verbidnung mit Mutter Teresas berühmt gewordener Antwort auf die Frage, was sich in der Kirche ändern müsse: "Sie und ich!" - ebenfalls zu meiner Motivation bei. Wenn ich's erst einmal geschafft habe, mich zu überwinden - so sagte ich mir -, gehe ich in Zukunft regelmäßig. Sagen wir, einmal im Monat. Dann hat man bei jedem einzelnen Mal weniger zu beichten, und es fällt leichter.

Eine geeignete Adresse für mein Vorhaben hatte ich schon vor längerer Zeit, buchstäblich en passant, entdeckt: die Kirche St. Clemens in Berlin-Kreuzberg, in unmittelbarer Nähe des Anhalter Bahnhofs. Eine Kirche, die ziemlich versteckt in einem Hinterhof liegt. Meine Entscheidung, ausgerechnet hier zur Beichte zu gehen, war durch einen Schaukastenaushang neben der Hofeinfahrt veranlasst worden:


Man beachte die unterste Zeile: Beichtgelegenheit täglich von 9-24 Uhr?? Da fällt die Ausrede "Da hab' ich keine Zeit" ja wohl schon mal weg!

Ich ging also hin, am Nachmittag des Karsamstags. Mir war ein bisschen übel. Nicht dass ich besonders spektakuläre Sünden auf dem Gewissen gehabt hätte - ich habe niemanden umgebracht, niemanden bestohlen, niemanden durch Falschaussage in den Knast gebracht -, aber wenn man lange nicht bei der Beichte war, kommt doch so einiges zusammen. Aber genau deswegen war ich ja jetzt hier. - Ich hatte mich schon gefragt, wie das eigentlich praktisch funktioniert, dass hier beinahe rund um die Uhr gebeichtet werden kann. Hatte ich mir vorgestellt, dass es eine imposante Warteschlange vor den immerhin drei Beichtstühlen der Kirche geben würde, dann hatte ich mich jedenfalls getäuscht. In den Kirchenbänken saßen oder knieten einige Menschen in stillem Gebet, ein Priester war nirgends zu sehen. Es dauerte eine Weile, bis ich unweit der Eingangspforte einen Klingelknopf entdeckte: "Wenn Sie einen Priester zu sprechen wünschen (Beichte oder Seelsorgegespräch) und kein Priester in der Kirche anwesend ist, klingeln Sie bitte hier."

Der Priester, der bald darauf erschien und mich in den Beichtstuhl bat, stammte dem Aussehen nach vermutlich aus Südindien oder vielleicht Sri Lanka, sprach etwas gebrochen, aber recht gut verständlich Deutsch und erwies sich als ungemein sanftmütig und geduldig. Geduld brauchte er auch, um sich die Liste meiner Verfehlungen anzuhören. Und als ich endlich fertig war, war das erste, was er sagte:

"Heute ist so ein schöner Tag. Heute stehen Sie mit Jesus Christus im Fluss Jordan."

Ich war so bewegt, ich hätte heulen können. Ich glaube, ich hatte wirklich ein paar Tränen in den Augen. Der Priester wies mich auf das Gleichnis vom Verlorenen Sohn hin: Entscheidend sei nicht die Zahl oder Schwere der Verfehlungen, entscheindend sei die Umkehr.  "Wenn Sie umkehren", sagte er, "gibt Gott Ihnen alles zurück, was Sie verloren haben. Er gibt Ihnen ALLES zurück", wiederholte er eindringlich. Er gab mir noch einige ermutigende Worte und eine - wie ich fand - überraschend leichte Bußübung mit auf den Weg, vergewisserte sich, ob ich alles verstanden hätte, was er gesagt hatte, dann sprach er die Absolutionsformel, und ich war entlassen. Ich kann mich allen Ernstes nicht daran erinnern, wann ich mich das letzte Mal so gut, so (im wahrsten Sinne des Wortes) mit mir im Reinen gefühlt hatte.

Erst kürzlich, am Gründonnerstag, hatte ich im Blog Frischer Wind einen Auszug aus einer Ansprache von Bischof Gianfranco Girotti über das Selbstverständnis und die Aufgaben der Beichtväter gelesen und insgeheim gedacht: So, wie das da dargestellt wird, klingt es ja fast zu gut, um wahr zu sein. Jetzt kann ich sagen: Nein, es ist tatsächlich so.

Bei Nichtkatholiken, und zum Teil wohl auch bei Katholiken, wird die Praxis der Beichte ja vielfach als unverständlich, wenn nicht gar als verdächtig betrachtet. Wie ich u.a. aus persönlichen Gesprächen weiß, herrscht vielfach die Auffassung, in der Beichte würde man so zu sagen sein Sündenkonto wieder auf Null setzen, um anschließend fröhlich weitersündigen zu können, bis das Konto erneut einen kritischen Stand aufweist und man erneut zur Beichte muss. Von Außen betrachtet liegt diese Auffassung ja auch nahe: Den Menschen, der, von der Last seiner Sünden befreit, aus dem Beichtstuhl kommt und fortan nie wieder sündigt, müsste man mir erst mal zeigen. Der Satz Jesu an die Ehebrecherin, die er vor der Steinigung bewahrt hat - "Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!" (Joh 8,11) -, behält aber auch dann sein Gewicht, wenn man weiß, dass man diesem Anspruch niemals völlig gerecht werden kann. Ich möchte sagen: Wenn man das Sakrament der Beichte mit dem nötigen Ernst angeht, kann die Erfahrung der Vergebung einem nicht nur den Willen, sondern auch die Kraft vermitteln, fortan ein besserer Mensch zu sein. Und wer mir das nicht glaubt, der muss es ausprobieren...

In diesem Sinne: Ein frohes Osterfest!

Kommentare:

  1. Danke für diesen schönen Bericht - ja, das macht Mut zum Ausprobieren.

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  2. Herzlichen Glückwunsch und alles Gute! :-)

    Ich bin bekennender Beicht-Fan und freu mich immer über gute Nachrichten.

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