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Samstag, 7. September 2019

Dein Tegelprojekt, mein Tegelprojekt

Eigentlich sollte ich wohl etwas über meinen Trip nach Vorarlberg zur "Woche der Begegnung" in der Erlöserpfarre Lustenau schreiben, aber ehe ich dazu komme, will ich erst mal etwas anderes loswerden. Als ich nämlich am Dienstag nach Berlin zurückkehrte, das heißt, am Flughafen Tegel landete und von dort aus mit dem Bus Richtung Kurt-Schumacher-Platz fuhr, fielen mir beim Blick aus dem Busfenster nacheinander zwei Plakatwände ins Auge, auf denen für das "Tegelprojekt" geworben wurde. Was das sein sollte, ging aus der Werbung nicht so richtig hervor, aber die Plakate waren bunt und sahen nach Spaß aus, es waren junge Leute darauf abgebildet --- und Roboter. Okay, die Roboter hätten mir zu denken geben können. Haben sie aber zunächst nicht, oder kaum. Auf jeden Fall machte der Name "Tegelprojekt" mich neugierig. Es gibt das "Berlinprojekt" und, wohl aus diesem hervorgegangen, das "Kreuzbergprojekt", das sind beides so hippe, urbane, "sucherorientierte" Freikirchen; hätte ja sein können, dass das "Tegelprojekt" ein weiterer Ableger davon ist. Ein Blick auf die Website tegelprojekt.de belehrte mich jedoch eines Besseren: Es geht bei diesem Projekt um die Nachnutzung des Flughafengeländes

Der offenkundige Haken an der Sache ist natürlich, dass eine solche Nachnutzung erst dann ernsthaft in Angriff genommen werden kann, wenn der Flugbetrieb in Tegel eingestellt wird. Nach aktuellem Planungsstand soll das ein halbes Jahr nach Inbetriebnahme des BER der Fall sein, also NIE. Aber trotzdem ist es durchaus interessant, sich anzuschauen, was die "Tegel Projekt GmbH" so alles plant. Soweit ich es überblicke, besteht das Projekt im Wesentlichen aus zwei Komponenten: einem "Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien", genannt "Urban Tech Republic", und einem neuen Wohnviertel, dem "Schumacher Quartier"

Und siehe, nur einen Tag nach meiner Rückkehr nach Berlin fiel mir - und zwar bei Durchsicht eines Stapels neu eingegangener Bücherspenden für unser Büchereiprojekt - eine großformatige Hochglanz-Broschüre über die geplante "Urban Tech Republic" in die Hände. Das ist dann wohl ein ZEICHEN. Gut, die Broschüre ist von Dezember 2015 und gibt den damaligen Planungsstand wieder, aber so viel hat sich seither ja, aus oben angedeuteten Gründen, nicht getan. Ohnehin besteht die Broschüre größtenteils aus Bildern, garniert mit peppigen Slogans.

Symbolbild. 
So muss ein Pfarrfest aussehen, dann klappt's auch mit den Nachbarn
Kuckuck! 
Der Flyer fügt sich gut ins Design ein, oder? 
Die Urban Tech Republic soll, wie gesagt, "ein Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien" werden -- also für all das, 
"was die Metropolen des 21. Jahrhunderts am Leben erhält: der effiziente Einsatz von Energie, nachhaltiges Bauen, umweltschonende Mobilität, Recycling, die vernetzte Steuerung von Systemen, sauberes Wasser und der Einsatz neuer Materialien."
(Aha, daher also die Roboter. Mit dem 21. Jahrhundert ist es allerdings so eine Sache, denn das dürfte annähernd zur Hälfte rum sein, ehe die Urban Tech Republic fertig ist. Lohnt sich das dann überhaupt, oder sollte man nicht lieber gleich was fürs 22. Jahrhundert bauen?) 

Das "Herzstück des neuen Technologieparks" soll die "Beuth Hochschule für Technik" werden; "[i]nsgesamt sollen rund 5.000 Studierende den Campus Berlin TXL besiedeln". Na hallo! Über das geplante Wohnquartier liest man derweil, dass "über 5.000 Wohnungen für mehr als 10.000 Menschen" geschaffen werden sollen, und zwar mitsamt den "dazugehörigen Einrichtungen wie Schulen, Kitas, Sportanlagen, Einkaufsmöglichkeiten und viel Grün." Damit nicht genug:
"Lebendige Nachbarschaften entstehen, der Verkehr wird beruhigt, neue Wege werden geschaffen und grüner Raum zum Leben wird gut erreichbar sein." 
Klingt vielversprechend, oder? Auf jeden Fall ist es mal eine Perspektive, die das verbreitete Vorurteil Lügen strafen könnte, Tegel sei ein überalterter Stadtteil und der einzige Wachstumssektor am Ort sei die Altenpflege. 

Die Frage, die sich mir dabei nun aufdrängt, ist, was eigentlich die Kirche unternimmt, um sich auf diese zukünftigen Veränderungen in der Sozialstruktur des Stadtteils einzustellen. Ich ahne allerdings, dass die Antwort auf diese Frage "gar nichts" lautet; und dass nicht nur die Verantwortlichen vor Ort, sondern vielleicht auch einige meiner Leser gar nicht einsehen, wieso die Kirche sich darüber Gedanken machen sollte. 

Okay: Dass Pfarreien als Struktur nicht unbedingt besonders missionarisch ausgerichtet sind, ist ein weit verbreitetes Phänomen, insofern muss man sich nicht unbedingt wundern, wenn die "Tegelprojekt"-Pläne nicht als ein Ruf zu verstärktem evangelistischem Engagement wahrgenommen werden; dazu weiter unten mehr. Aber wie steht es denn um  die Auswirkungen auf die eigene Mitgliederstruktur? Ich meine: Zehntausend Mieter im Schumacher-Quartier --- wenn man davon ausgeht, dass deren konfessionelle Zusammensetzung in etwa dem Berliner Durchschnitt entspricht, könnten darunter ca. 900 Katholiken sein; das wäre, auf den gesamten Pastoralen Raum Reinickendorf-Süd bezogen, ein Zuwachs von 6%. Je nachdem, wo die Mieter im Schumacher-Quartier herkommen, könnten es sogar noch erheblich mehr sein. "Eigentlich müsste man da eine neue Kirche bauen", meinte meine Liebste. Tja: In besseren Zeiten hätte man wahrscheinlich genau das getan. Aber fürs erste wäre wohl schon viel damit gewonnen, wenn man die Kapazitäten und Potentiale der bestehenden Kirchenstandorte besser nutzen würde. Und da sehe ich SEHR viel Luft nach oben, an diversen Stellen. 

Okay, nach dem jetzigen Zuschnitt der Berliner Pfarreien gehört das Flughafenareal zum Territorium von St. Rita. Und wenn die dortigen Gremien bereits an der Sache "dran" sein sollten, dann wüsste ich das nicht. Der Punkt ist, ich glaube es nicht. Und, schonungslos ehrlich gesagt: Erst recht glaube ich nicht, dass, wenn es bereits Pläne für eine pastorale Begleitung des "Tegelprojekts" gäbe - wenn schon nicht innerhalb des Pastoralen Raums Reinickendorf-Süd, dann vielleicht beim Erzbistum -, diese etwas taugen. Konkreter gesagt, wenn es da irgendwelche Pläne gäbe, dann würde ich vermuten, dass die in Richtung niederschwellig-dienstleistungsorientierter "Citypastoral" gehen; und da ist es mir dann schon lieber, wenn es keine Pläne gibt. 

Allein auf die Pfarrei St. Rita bezogen würden 900 neue Katholiken im Schumacher-Quartier übrigens einen Mitgliederzuwachs von fast 27% bedeuten. Nur mal so. Allerdings würde ich mal davon ausgehen, dass die Pfarreien des Raums Reinickendorf-Süd ohnehin längst zusammengelegt sein werden, ehe auch nur ein Mieter in das Schumacher-Quartier einzieht. 

Näher vor unserer Haustür, in der Gorkistraße, entsteht derzeit "Berlins schönste Fußgängerzone". Dort sind zwar, soweit ich sehe, keine Wohnungen, sondern "nur" Gewerbeflächen geplant, aber auch so etwas trägt ja nicht unerheblich zum Strukturwandel im Stadtteil bei. Fragen wir erneut: Wie geht die örtliche Kirchengemeinde damit um? Und erneut lautet die wahrscheinlichste Antwort: Gar nicht






Es liegt nicht an bösem Willen und auch nicht im strikten Sinne an Inkompetenz, sondern vielmehr daran, dass die Leute von vornherein nicht so weit denken. Es liegt schlichtweg außerhalb ihres Horizonts, dass eine Ortspfarrei mehr oder etwas anderes tun könnte (geschweige denn müsste) als das volkskirchliche Standardprogramm 'runterzuspulen: regelmäßige Gottesdienste für die schrumpfende Kerngemeinde und lebensabschnittsbezogene Familienfeiern für distanzierte Kirchensteuerzahler. Ach so, es ziehen neue Leute in unser Gemeindegebiet? Na, wenn die was von uns wollen - zum Beispiel heiraten oder ein Kind taufen lassen -, dann werden sie sich schon bei uns melden. -- Im Ernst: Es wird ja nicht einmal der Versuch unternommen, Leuten, die nur zu solchen Anlässen ausnahmsweise mal in der Kirche auftauchen, dazu zu motivieren, auch mal ohne einen solchen Anlass wiederzukommen. Wie sollte man dann erwarten, dass jemand auf die Idee käme, etwas für Leute zu tun, die von sich aus überhaupt nicht in der Kirche auftauchen, ja womöglich nicht einmal Kirchensteuer zahlen? 

Aber seien wir mal nicht so negativ: Möglicherweise - könnte doch sein! - ist genau das der Grund, weshalb der Herr meine Liebste und mich ausgerechnet nach Tegel geführt hat. Jedenfalls scheint mir, es war kein Zufall, dass ich auf das "Tegelprojekt" aufmerksam geworden bin, als ich gerade vor Motivation und Inspiration strotzend aus Lustenau zurückkam. In diesem Herbst werden bei uns der Pfarrgemeinderat und der Kirchenvorstand neu gewählt, und ich ringe schon seit Monaten mit mir, ob ich da kandidieren sollte -- wenigstens für den Pfarrgemeinderat; Finanzen verwalten ist eher nicht so meins. Freund Rod meint zwar, es sei ein Zeichen von Masochismus, für den Pfarrgemeinderat zu kandidieren, und ich weiß, dass er mit dieser Meinung nicht allein steht; aber ich schätze, ich werde das tun müssen. Schon allein, um eine Leitbilddebatte anzustoßen. Dabei bin ich, wie regelmäßige Leser wissen werden, eigentlich überhaupt kein Fan von "lokalen Pastoralplänen" u. dergl.; mein Eindruck ist, dass derartige Konzeptpapiere eine Tendenz zu hohlem Phrasengeklingel aufweisen und schlimmstenfalls als Ersatz dafür dienen, tatsächlich etwas zu tun. Aber ganz ohne ein Leitbild geht es wohl auch nicht. Auch Father James Mallon empfiehlt in seinem Buch "Wenn Gott sein Haus saniert"
"Wenn eine Pfarrei keine formulierte Vision hat, dann sollte sie damit beginnen. [...] Fragen Sie die Leiter Ihrer Pfarrgemeinde, ob sie wissen, was die Vision ist. Wenn Sie erstaunt angeschaut werden, fragen Sie, wohin die Pfarrei sich bewegt. Wenn man Sie anschaut, als wären Sie verrückt, dann müssen Sie damit beginnen, eine formulierte Vision zu entwickeln" (S. 337). 
Anstelle von Leitbildern, die "meistens viel zu lang, verworren und [...] vage" seien, empfiehlt Father Mallon Zielerklärungen, die "kurz und genau" sein müssten, sich also möglichst in einem Satz ausdrücken lassen sollten (S. 338). Mir würde da ja so etwas vorschweben wie "Unser Ziel ist es, den Menschen in unserem Stadtteil die Begegnung mit Jesus Christus in Wort und Sakrament zu ermöglichen und eine Gemeinschaft zu bilden, deren Mitglieder sich gegenseitig darin unterstützen, im Glauben und in der Liebe zu wachsen". Und dann müsste man alle Aktivitäten der Pfarrei danach evaluieren, ob sie diesem Ziel dienen oder nicht oder wie sie diesem Ziel besser dienen könnten. 

Es mag als Illustration dafür dienen, wie sehr mein Trip nach Lustenau mich inspiriert und motiviert hat, dass ich auf dem Heimweg, nachdem ich an der Haltestelle Borsigwerke aus der U-Bahn gestiegen war, die mir entgegenkommenden Fußgänger betrachtete und dabei dachte: Ah, look at all the lovely people. Kann es, darf es uns als Christen, uns als christliche Gemeinde gleichgültig lassen, wenn all diese Leute Jesus nicht kennen? Im Grunde könnte man da eine Hausaufgabe für die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Pfarrei -  nicht nur unserer, sondern jeder beliebigen Pfarrei - draus machen: Geht mal in die Fußgängerzone oder ins Shopping-Center, schaut euch die Leute an, die euch da begegnen, und horcht mal in euer Herz hinein, ob da irgendwo der Wunsch ist, diese Leute sollten Jesus kennenlernen. Und wenn ja, dann fragt euch, was ihr dafür tun könnt. 

Dass ich der Meinung bin, wenn die Antwort Nein lautet, sollte man sich fragen, ob man im pastoralen Dienst wirklich richtig ist, muss ich ja nicht unbedingt explizit sagen.


Kommentare:

  1. Wenn ich dann so die Straße lang gehe ~~~~>wer oder was ist JESUS?
    Die LIEBE, ohne die kein Wesen leben könnte
    Das LICHT, ohne das wir die Wahrheit nicht sehen könnten
    Die geistige Nahrung, ohne die wir leblose Materie wären
    Wir alle brauchen JESUS -nur viele vermeiden es aus verschiedenen Gründen, SEINEN Namen zu nennen
    Also muss ich erst mal horchen und fühlen, welche "Sprache" der Mensch, der vor mir steht, spricht. Dann kann ich ihm -für ihn verständlich -von den Wundern erzählen, die uns umgeben, und letztlich sagen :"Schau mal, DAS ist JESUS "
    Kürzlich kam mir eine alte Frau mit Hund und dem üblichen griesgrämigen Gesicht entgegen. Ich lächelte ihren kleinen Hund (offenbar ihr einziger Lebenpartner) an mit dem Gedanken "Du bist ja ein süßer Kerl")
    Da ging plötzlich ein unglaublich glückliches Strahlen über ihr Gesicht -die Welt war heller als zuvor ○○○○○
    Also >>>immer erst Liebe geben und dann reden
    Erst den Boden bereiten,dann die Worte wie SamenKörner drauf streuen ♡

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  2. "Wenn eine Pfarrei keine formulierte Vision hat, dann sollte sie damit beginnen."

    Es ist ja nicht so, dass die Pfarreien hierzulande keine fomulierten Visionen hätten. Ganz oben auf der Agenda in unserer Pfarrei (Bistum Münster) steht die Vision von der "Bewahrung der Schöpfung" (als ob Gott an seiner Schöpfung irgend verloren geben könnte) und die "Rettung des Klimas". "Glas statt Plastik" ist die Vision der Stunde. Vom Wort und Sakrament wurde zuletzt 2011 gesprochen, da war ich noch der Meinung im Pfarreirat mitarbeiten zu "müssen", obwohl ich es nach 20 Jahren eigentlich besser gewusst habe.

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    1. Nur glauben sie an die formulierten Visionen eben genau nicht richtig!
      Wenn dann beim Gemeindefest sich ein Besucherkind an der Scherbe des hingefallenen Bierglases geschnitten hat, sieht die gutes Glas versus böses Plastik Problematik ganz anderes aus.
      Und was die Bewahrungd er Schöpfung angeht, so muss ich da immer denken "Geht es vielleicht auch mal ne Nummer kleiner und der liebe Gott, sofern es ihn gibt, der hat bei der Schöpfung gewusst zu was der Mensch fähig sein wird, der hat da schon Überdruckventile und Regelschleifen (früher in der Frühphase des linken Denkens sprach man vom Umschlagen der Quantität in die Qualität)eingebaut.
      Sollte nun die Pfarrei der Ansicht sein es gäbe keinen Gott, sollte sie konsequent sein und den Laden schlie0n und vielleicht mal wieder Friedrich Engels lesen, ansonsten sind solcherlei Parolen dummes Zeug

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  3. Das Leitwort unserer Pfarrei ist "Du sollst ein Segen sein" aus Gen 12,2.
    Finde ich "kurz und knackig" gut.

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