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Mittwoch, 18. Juli 2018

Alle Bienlein sind schon da

Henning Wessels, der Vorsitzende des Imkervereins Jade-Weser, ist ein vielbeschäftigter Mann: Während meines jüngsten, gerade mal eine Woche dauernden Aufenthalts in der schönen Wesermarsch stand sein Name mehrmals aus verschiedenen Anlässen (die freilich alle etwas mit Imkerei zu tun hatten) in der Zeitung -- in beiden Lokalzeitungen, genauer gesagt. Ziemlich umfangreich berichteten sowohl die Nordwest-Zeitung als auch die Kreiszeitung Wesermarsch am 21. Juni über das "Blühstreifenprogramm des Landes Niedersachsen" -- am Beispiel der Ländereien des 30jährigen Landwirts Christoph Geil. Das ist übrigens derselbe, der hinter dem ambitionierten Bauprojekt auf der Sillenser Dorfwurt steckt, das ich hier neulich mal erwähnt habe. Überhaupt ein umtriebiger junger Mann. Bereits 2015 hat er dem CVJM-Sozialwerk Wesermarsch den Hof Oegens im Butjadinger Ortsteil Waddens abgekauft, 2017 dann, zusammen mit seinem Bruder, das ehemalige Schulhaus des Nordenhamer Ortsteils Phiesewarden erworben, um darin Mietwohnungen und eventuell auch Büroräume einzurichten. Außerdem organisiert er Beer-Pong-Turniere. Irgendwie sagt mir mein kleiner Finger, wenn es mittelfristig mit einem Benedikt-Options-Projekt (oder mehreren) in Butjadingen und/oder Nordenham klappen soll, dann wäre Christoph Geil jemand, den man dafür ins Boot holen sollte. Ich habe zwar nicht die geringste Ahnung, wie er's - gretchenfragenmäßig ausgedrückt - "mit der Religion hält", aber Unternehmungsgeist hat er offenbar reichlich, und irgendwie würde man schon auf einen Nenner kommen. Da bin ich optimistisch. 

Aber bleiben wir erst mal bei den Bienen. "Auf insgesamt 45 Hektar Land (ein Teil gehört einem Nachbarbetrieb) in Butjadingen und Nordenham", so las man's in der NWZ, "hat Christoph Geil Blühflächen angelegt, um Insekten und Wildtieren Nahrung und Deckung zu bieten." Ausgesät wird auf diesen Flächen eine sogenannte "Imkermischung" aus "Alexandrinerklee, Phacelia, Buchweizen, Ölrettich und Sonnenblumen". "Die Blühflächen müssen mit einem Imker abgestimmt, beraten und von ihm attestiert werden" -- nämlich oben besagtem Henning Wessels.

"Natürlich nutzt der Landwirt nicht gerade seine ertragreichsten Äcker als Blühstreifen", räumt der NWZ-Artikel ein:
"'Die Flächen hier liegen an einer Wurth. Die Bereiche sind sehr feucht', sagt er. Auch ungünstig geschnittene Stücke sind landwirtschaftlich schwer nutzbar. 'Ich hab ein paar Dreiecke, da war eine Blühfläche einfach sinnvoll', sagt Christoph Geil.
Für die Blühfläche bekommt er eine Entschädigung von 700 Euro pro Hektar vom Land und eine Flächenprämie der EU, berichtet er. Davon müsse man die Ausgaben für Saatgut, Pacht und die Arbeitszeit, die er investiert, abziehen. 'Und ich habe natürlich auf diesen Flächen einen Produktionsausfall. Ein bisschen Idealismus gehört schon dazu', sagt er lachend. Die Flächen sind über das Jahr für Insekten und für Wildtiere wie Hasen und Fasane, die in dem hohen Gras Deckung finden, reserviert." 
Ich sag's ja: Guter Mann, allem Anschein nach. "Der Umweltaspekt ist in der Landwirtschaft ein bisschen verloren gegangen", sagt er:
"Kühe seien auf immer höhere Leistung gezüchtet, entsprechend müssen die Weideflächen mehr energiereiches Futter bieten, für Blumen sei kein Platz. Chemischer Pflanzenschutz, Lichtverschmutzung in Großstädten (für nachtaktive Insekten ein Problem), der Verlust von Naturraum und eine geringere biologische Vielfalt sind Gründe für das Insektensterben." 
Und das Insektensterben ist ein hochaktuelles Thema in der Wesermarsch, wenn man der Lokalpresse Glauben schenken darf. Laut einem Kurzbericht der Kreiszeitung vom 23. Juni ("Geld für den Schutz von Insekten") sind Maßnahmen gegen den Rückgang der Insektenpopulation ein besonderes Anliegen der örtlichen Bundestagsabgeordneten Susanne Mittag (SPD). "Sinkt die Zahl und die Artenvielfalt weiter, verändert sich unser Ökosystem dramatisch", wird die Politikerin zitiert. "Es ist fünf vor zwölf und wir müssen handeln, sonst stehen wir bald mit Staubwedeln auf Leitern, um noch Äpfel und Kirschen im eigenen Garten zu haben." Gleich darauf erfährt man, dass Frau Mittags Parteifreundin, Bundesumweltministerin Svenja Schulze (wir haben eine Bundesministerin, die Svenja heißt? Echt jetzt?), als "Sofortmaßnahme [...] fünf Millionen Euro pro Jahr für den Insektenschutz" locker macht. Was würden wir bloß ohne die SPD machen.

An der Uni Bremen läuft derweil, wie die Kreiszeitung bereits am 20. Juni berichtete, ein ambitioniertes Projekt zur Beobachtung der Aktivitäten von Bienenvölkern: Das Projekt Bee Observer. Die Daten, die man mit diesem Projekt zu gewinnen hofft, sollen dabei helfen, "dem Bienenschwund [zu] begegnen":
"Die Bienenbeuten, wie die Imker die Behausungen nennen, sollen mit Sensoren ausgestattet werden, um Daten über den Zustand im Inneren zu gewinnen. [...] Jeder Bienenstock steht auf einer Waage. Einige Kabel führen aus dem Gehäuse heraus und münden in eine kleine Plastikbox, die am Gestell eine[r] jeden Behausung angebracht ist. Darin befindet sich ein Minicomputer, der die Messdaten zu Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Akustik und Luftströmung am Flugloch erfasst."
Die Zeitung hebt hervor, das Projekt setze
"auf Beteiligung der Bevölkerung und gemeinsames Forschen. Als sogenanntes Citizen-Science-Projekt (Bürgerwissenschaft) wird es für drei Jahre vom Bundesforschungsministerium gefördert. Das heißt: Wissenschaftler arbeiten explizit mit Bürgerinnen und Bürgern zusammen. Bei 'Bee Observer' sind Imker ebenso im Boot wie die sogenannte Maker-Szene. 'Das sind Menschen mit unterschiedlichsten beruflichen Hintergründen, die sich aus reinem Enthusiasmus heraus zusammenfinden und ihr Knowhow einbringen." 
Maker-Szene, so so, aha. Ist ja interessant. Kennt man da jemanden?

Die Überschrift des Kreiszeitungs-Artikels lautet übrigens "Algorhythmen für die Bienen"; ob das ein raffiniertes Wortspiel sein soll, bleibt unklar, im Artikeltext ist das Wort "Algorithmen" jedenfalls richtig geschrieben.

Aber kehren wir der mondänen Wissenschaftsmetropole Bremen den Rücken und wenden uns wieder der beschaulichen Wesermarsch zu. Dort scheint nämlich die Hobby-Imkerei trotz der Probleme mit Bienen- und allgemeinem Insektensterben geradezu zu boomen. Die Mitgliederzahl des Imkervereins Jade-Weser hat sich "in den letzten Jahren fast verdoppelt", verrät die Kreiszeitung im Rahmen eines in der Ausgabe vom 22. Juni erschienenen Interviews mit dem Vereinsvorsitzenden Henning Wessel, der zu Protokoll gibt: "In diesem Jahr bilden wir durch unseren qualifizierten Lehrgangsleiter [...] mehr als 50 Jungimker aus." Das Interview flankiert einen ganzseitigen Bericht über zwei Imker aus Butjadingen und Nordenham, die für die Qualität ihres Honigs mit Medaillen ausgezeichnet worden sind ("Süßer Erfolg für Wesermarsch-Imker"). Einer von ihnen, Carsten Läßig, "gehört zu den Imkern, die [...] neben Honig auch Wachskerzen herstellen".

Ich möchte übrigens nicht ausschließen, dass die Häufung von Artikeln mit Imkereibezug in der Lokalpresse mir nur deshalb so auffiel, weil ich ohnehin schon für dieses Thema sensibilisiert war. Aber wie dem auch sei: Am letzten Tag vor der Rückreise nach Berlin fand an meinem früheren Gymnasium ein Schulfest statt, das nicht nur der Einstimmung auf die Sommerferien, sondern auch - wie schon erwähnt - der Präsentation der Ergebnisse einer Projektwoche unter dem Motto "Die Welt der Tiere" dienen sollte. Da ging ich mit Frau und Kind hin, traf sogar einige alte Bekannte, und meine Liebste - die, wie ich bestimmt schon mal erwähnt habe, Lehrerin ist -, urteilte anerkennend, dies sei eins der am ansprechendsten gestalteten Schulfeste, die sie bisher erlebt habe. (Hier ein Pressebericht.) Wie sich zeigte, hatte eine Schülergruppe Honig hergestellt und bot diesen jetzt zum Verkauf an; geleitet worden war diese Projektgruppe von der Schulsekretärin, die diesen Posten auch schon "zu meiner Zeit" innehatte und seit 2016 im Vorstand des Imkervereins Jade-Weser aktiv ist. Sie und somit auch ihre Bienen leben ziemlich weit draußen auf dem Land, der nächste Nachbar ist ein Bio-Bauer (erzählte sie mir) -- dann soll der Honig wohl gut sein. Wir kauften ein Glas. 


Das Thema Insektensterben stand derweil im Mittelpunkt einer anderen Projektpräsentation; dort war unter anderem eine Anleitung zum Bau eines "Insektenhotels" zu bewundern.



Was ein "Insektenhotel" ist, wie so etwas aussieht und wozu es sinnvoll ist, habe ich übrigens erstmals auf dem Langen Tag der Stadtnatur erfahren, über den ich ja auch schon etwas gebloggt habe; und wie die Konditionierung von Wahrnehmung halt so funktioniert: Seitdem begegnen mir Insektenhotels quasi auf Schritt und Tritt. Sogar im Garten meiner Mutter hängt eins.

Kommen wir nun zu der entscheidenden Frage: Warum interessiert mich das alles so? -- Nun, ich bin ja schon länger der Meinung, Kirchengemeinden sollten, statt über "Bewahrung der Schöpfung" lediglich im Frauenkreis und womöglich noch in der Firmkatechese zu diskutieren, lieber einen Garten anlegen. Dass man dadurch endlich auch mal Leute, denen das Diskutieren nicht so liegt, die dafür aber praktisch veranlagt sind, für die Mitarbeit in der Pfarrei gewinnen könnte, wäre nur ein Vorteil unter vielen. Honig aus eigener Herstellung könnte ein Verkaufsschlager auf dem Pfarrfest (und darüber hinaus) sein, und "Wir bauen ein Insektenhotel" wäre sogar im Rahmen der Kinderkatechese ein machbares Projekt. Ich meine das übrigens alles völlig ernst.

Und wohlgemerkt stellen die bis hierher genannten Punkte gewissermaßen nur die Minimallösung für, nennen wir's mal Urban Parish Gardening dar; also das, was praktisch immer und überall mit überschaubarem Aufwand realisierbar wäre. Für ein Kräuterbeet und/oder ein Beet mit insektenfreundlichen Wildblumen dürfte so ziemlich jede Pfarrgemeinde, selbst mitten in der Großstadt, irgendwo Platz haben, und falls nicht, kann man immerhin Kapuzinerkresse auf dem Balkon und/oder Pilze und Chicorée im Keller anbauen. Ein Insektenhotel passt an jede Häuserwand, und Bienenzucht soll, wie ich mir habe sagen lassen, in der Stadt sogar tendenziell besser funktionieren als in von landwirtschaftlicher Monokultur geprägten Gegenden, da es eine größere Bandbreite blühender Pflanzen gibt.

Klar: Eine #BenOp-Landkommune auf einem ehemaligen Bauernhof in Butjadingen hätte in dieser Richtung noch ganz andere Möglichkeiten. Aber ich würde behaupten, selbst in einem durchschnittlich großen Pfarrgarten wäre so einiges möglich, wenn man's mit einem ausreichenden Maß an Kreativität, Enthusiasmus und Knowhow anginge. Wie die "sogenannte Maker-Szene" eben. Spannend fände ich ja zum Beispiel - ich deutete es schon mehrfach an - ein Permakultur-Projekt. Nach allem, was ich bisher über Permakultur weiß - was zugegebenermaßen nicht viel ist -, spielen dabei auch Insekten eine wichtige Rolle. Aber erst mal müsste ich mich gründlicher in das Thema einlesen. Beim besagten Langen Tag der Stadtnatur habe ich neben anderem Infomaterial ein Exemplar einer Zeitschrift mit dem vielversprechenden Titel Permakultur Magazin abgegriffen, aber leider habe ich seither festgestellt, dass dieses Heft derart vollgestopft mit sprachlichem, politisch-ideologischem und esoterisch-neopaganem Bullshit ist, dass man ein ganzes Arsenal an Rot- und anderen Farbstiften braucht, um da eine gewisse Übersichtlichkeit herzustellen und an die praxisrelevanten Informationen ranzukommen. Und das ist ein Langzeitprojekt: Bislang bin ich damit bis auf Seite 6 (von 60) vorgedrungen. Ich werde über den Fortschritt meiner Bemühungen berichten...



Kommentare:

  1. Apropros "Fortschritt Deiner Bemühungen": Wie geht's der eingesperrten Nonne?

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  2. Am Paderborner Dom gibt es inzwischen Bienen (und weitere Tiere):
    https://www.erzbistum-paderborn.de/38-Nachrichten/23169,Paderborner-Dom-ist-Gotteshaus-mit-eigenem-%D6kosystem.html

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