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Mittwoch, 15. Februar 2017

Zeit für einen geistlichen Klimawandel! (Teil 2)

Die MEHR-Konferenz ist schon seit über einem Monat vorbei, und noch immer bin ich meinen Lesern die Fortsetzung meiner Reflexionen über dieses Ereignis bzw. die geistlichen Impulse schuldig, die - speziell für mich persönlich - von der Konferenz ausgegangen sind. Da trifft es sich gut, dass ich unlängst im "Kreis junger Erwachsener" der Pfarrei St. Antonius in Berlin-Friedrichshain einen Vortrag über meine Endrücke von der MEHR-Konferenz habe halten dürfen. Einerseits habe ich für diesen Vortrag natürlich auf Passagen meiner bisherigen Blogartikel zur MEHR zurückgegriffen; andererseits und umgekehrt kann ich aber nun wiederum Teile meines Vortragsmanuskripts verbloggen, in denen es um Aspekte geht, zu denen ich mich hier bisher noch nicht oder nur andeutungsweise geäußert habe. 



Vorweg etwas zur Untermauerung meiner in meinem letzten Beitrag zu diesem Thema geäußerten Einschätzung, dass wir geistliche Aufbrüche, wie sie beispielsweise aus der MEHR-Konferenz hervorgehen können, dringend brauchen: Als ich den besagten Vortrag vorbereitet habe, hatte ich eine Art Halbwachtraum, und darin habe ich einen ungefähr 1m x 50 cm x 20 cm großen Kanister aus halb durchsichtigem weißem Plastik gesehen, auf dem "SINN" stand. Aber in dem Kanister war nichts drin. Und ich glaube, so geht es vielen Leuten, die in die Kirche gehen, weil sie hoffen, dort einen Sinn zu finden -- dann aber keinen finden. Zum Beispiel auch, wenn man Theologie studiert – was ich zu meinem Glück nie gemacht habe, aber ich kenne so einige Betroffene. Denen wird erst mal beigebracht, was in der Bibel, und erst recht in der Lehre der Kirche, so alles (angeblich) nicht stimmt. Zum Beispiel "lernen" sie, dass Jesus gar nicht der Sohn Gottes war und die Auferstehung nur irgendwie symbolisch zu verstehen ist, und so weiter – und irgendwann ist der Kanister dann leer. Und wenn man dann feststellt, in diesem Behälter sollte eigentlich ein Sinn stecken, aber ich finde ihn nicht, dann kommt man ganz leicht auf die Idee: 
Dann muss ich den Sinn eben selber machen. 
Und daher - so vermute ich zumindest - kommt dieser ganze sozialpolitische Aktionismus, der seit ungefähr 40 Jahren in den großen Kirchen grassiert. Erst war es das Waldsterben und der Saure Regen, dann kam die Anti-Atomkraft-Bewegung und dann der Klimawandel, und Parallel dazu der Feminismus und der Kampf "gegen Rechts", und heute sind es Gender Mainstreaming und Refugees Welcome. Wohlgemerkt: Ich will gar nicht behaupten, dass das keine wichtigen Themen wären, zu denen es nicht auch aus christlicher Perspektive eine Menge zu sagen gäbe; aber dazu müsste man erst mal darüber reden, worin diese christliche Perspektive eigentlich besteht. Und da hakt's dann vielfach -- weil der Glaube und auch das Glaubenswissen so verkümmert sind, dass es den Anschein hat, das ganze sozialpolitische Engagement erfülle letztlich die Funktion einer Ersatzreligion

Vor diesem Hintergrund habe ich es als sehr wohltuend empfunden, dass es in den diversen Vorträgen auf der MEHR eigentlich immer um ganz grundlegende Fragen ging: Wer ist eigentlich dieser Gott, wer ist Jesus Christus, und was hat das alles eigentlich mit mir zu tun, welche Konsequenzen hat das für mein Leben? Die Antworten, die auf diese Fragen gegeben wurden, waren gar nicht besonders neu oder originell: Im Wesentlichen wurde zu diesen Fragen nichts Anderes gesagt als was die Kirche schon immer gelehrt hat. Nur dass man das in der Kirche bzw. im kirchlichen Umfeld heute vielfach nicht mehr in dieser Deutlichkeit und Klarheit zu hören bekommt. Oft - auch das habe ich schon mehr als einmal angesprochen - ist es ja so, wenn man zu Veranstaltungen von kirchlichen oder kirchennahen Vereinen oder Verbänden geht, dass da entweder überhaupt nicht von Gott die Rede ist, oder wenn doch, dann vielfach nur in einer so distanzierten und verklausulierten Form, dass man den Eindruck hat, die Leute rechnen eigentlich gar nicht damit, dass Gott wirklich existiert - wirklich in DEM Sinne, dass Er in der Welt und im Leben von Menschen WIRKT. 

Ich muss (oder möchte, auch wenn es mir irgendwie leid tut) an dieser Stelle wieder einmal auf meine Heimatgemeinde St. Willehad in Nordenham verweisen. Wie schon erwähnt, wurde dort ungefähr parallel zum Abschlussgottesdienst der MEHR-Konferenz, am Fest Taufe des Herrn, ein Radiogottesdienst für den NDR produziert und live ausgestrahlt. Im zweiten Teil meines Erlebnisberichts von der Konferenz schrieb ich: 
"[I]n gewissem Sinne verstärkten sich die absolut trostlose Grottigkeit dieses Radiogottesdienstes und meine Begeisterung über die MEHR gegenseitig."
Für diese Formulierung musste ich von einem Nordenhamer Leser scharfe Kritik einstecken: 
"Was für ein Hochmut...Kannst Du Dir nicht vorstellen, dass die Leute dort es einfach gut machen wollten, was wenn die Aufnahmeleitung mit der Stoppuhr daneben steht, nicht einfach ist? Sich darüber zu erheben ist sehr billig[.]"
Hier liegt nun allerdings ein massives Missverständnis vor. Dass "die Leute dort es einfach gut machen wollten", daran zweifle ich überhaupt nicht. Um die, sagen wir mal, "technische" Qualität der Gottesdienstgestaltung geht es mir aber auch gar nicht. Nicht viel später war ich in St. Antonius bei einer Vesper mit Eucharistischer Anbetung; da war der Psalmengesang der Gemeinde melodisch teilweise ziemlich wacklig, und die Messdienerin, die dem Zelebranten zum Eucharistischen Segen das Pluviale umhängte, stellte sich etwas ungeschickt an (was, wenn es eine Live-Übertragung in Funk oder Fernsehen gegeben hätte, dem Aufnahmeleiter vermutlich zu dem einen oder anderen grauen Haar verholfen hätte) - aber hat mich das gestört? Nicht die Bohne! Es war trotzdem eine schöne und würdige Feier. Ebenso hätten mich auch beim Nordenhamer Radiogottesdienst ein paar schiefe Töne vom Cäcilienchor oder der Musikgruppe "Jubilate" nicht sonderlich gestört; meine Einschätzung, hier könne man "der Volkskirche beim Abnippeln" zusehen, bezog sich vielmehr auf die gähnende geistliche Leere, die dieser Gottesdienst ausstrahlte. Das illustriere ich am besten mal durch ein paar Auszüge. 

Erst einmal: Wie nennt man eigentlich diese je nach charakterlicher Disposition und Amtsverständnis des Zelebranten mal mehr, mal weniger programmatische (und mal mehr, mal weniger ausufernde) Ansprache nach dem Eröffnungssegen? Gibt es dafür überhaupt eine offizielle Bezeichnung? Na, nennen wir sie mal "Begrüßung". 
"Liebe Mitchristen, liebe Hörerinnen und Hörer,
das heutige Fest der Taufe Jesu erinnert an die eigene Taufe. Im Wasser des Gottesgeistes hat uns Gott Seine Annahme und Liebe zugesagt. Im Bund der Taufe bestätigt Er unsere Menschenwürde, die jedem Menschen unbedingt zusteht - auch dem Nichtgetauften. Das ist die Freude des heutigen Tages." 
Achso?! -- Dass die Menschenwürde auch Nichtgetauften zusteht, ja klar, keine Einwände. Aber wieso braucht es dann die Taufe, um diese Menschenwürde zu bestätigen? Inwiefern soll DAS "die Freude des heutigen Tages" sein? Wird die Predigt dieses Rätsel auflösen? 
"Liebe Mitchristen, liebe Kommunionkinder, liebe Hörerinnen und Hörer,
'Du bist mein geliebter Sohn!' - Welcher Junge strahlt nicht, wenn er diese Worte von Vater oder Mutter hört? Oder das Mädchen, das von den Eltern hört: 'Du bist meine geliebte, unsere geliebte Tochter!'?"
"Wenn Eltern das sagen, meinen sie: 'Du gehörst zu uns. Wir lieben dich. Wir freuen uns, dass du da bist.' Das Kind weiß sich geborgen und angenommen. Auch das Jesuskind hat sich von Anfang an geliebt gefühlt von Maria und Josef. [...] Und Maria und Josef haben ihm die Liebe Gottes, die Liebe zu Gott von Anfang an vermittelt. Und so zieht es Jesus immer stärker zu diesem Gott des Lebens, zu dem er betet, von dem er hört, der ihm so nahe gebracht wird von Maria und Josef und anderen." 
Momentchen mal - wird hier gerade die Göttlichkeit Jesu geleugnet? That's Adoptianism, Patrick! Spätestens hier hätte eigentlich die erste Tomate fliegen müssen. 
"Und je weiter er wächst, umso sicherer wird in ihm die Erkenntnis: Ich bin von Ihm gerufen und von Ihm in besonderer Weise erwählt. Sodass er sich dann - er ist schon 30 - entscheidet, [sich] im Jordan von Johannes dem Täufer taufen zu lassen. [...] Und dann: Der Geist Gottes, in Gestalt einer Taube, kommt herab auf ihn und zeigt ihm die Gegenwart Gottes. Und dann diese Stimme aus dem Himmel, die Stimme Gottes. 'Du bist Mein geliebter Sohn, an dem Ich Gefallen gefunden habe.' Es wird ihm durch und durch gegangen sein, liebe Mitchristen!" 
Mir geht's ebenfalls durch und durch, liebe Leser. Aber sowas von. -- Ich überspringe hier mal ein größeres Stück der Predigt; besser wird's nämlich nicht. Wohl aber schlimmer: 
"Wir leben doch in einer Welt der Gegensätze: Da sind Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft, Menschenfreundlichkeit, und zugleich erfahren wir auch eine verstörende Brutalität und Aggressivität und menschenverachtendes Verhalten. Es gibt Überfluss und es gibt Mangel. Menschen, denen es gut geht, und andere, die nicht ein noch aus wissen mit ihrem Leben." 
Und der Rasierpinsel liegt immer noch im Klo. 
"Die Eltern wünschen sich, dass sich ihr Kind dem Leben, dem Guten zuwendet. Dass es seine Menschlichkeit entfaltet, und sie spüren, dass das mit der Hilfe Gottes besser [!] gelingt, als wenn sie diesen Glauben und dieses Vertrauen nicht haben. Dafür steht Jesus - Jesus der Christus, und seine gelebte Menschenfreundlichkeit." 
Ich glaube, es hackt. 
"Jesus ist Vorbild und Weggefährte für uns Christen. [...] Heute sind wir hier zur Messfeier gekommen, um uns von Jesus inspirieren, stärken zu lassen." 
Na schön. Aber ist das schon ALLES? - Wie so viele schlechte Predigten enthielt auch diese Predigt durchaus so einige Aussagen, die für sich selbst gesehen nicht unbedingt falsch sind, die aber dadurch, dass ihnen etwas Wesentliches fehlt, im Endergebnis schief und fragwürdig werden. So entsteht ein halbwahres, bedarfsgerecht zurechtgestutztes - nein, sagen wir geradeheraus: verkrüppeltes -, harmloses, politisch korrektes und letztlich ganz diesseitig ausgerichtetes Kuschelchristentum, das keinen Hund hinter dem Ofen hervorlockt. Manchmal möchte ich laut schreien: "Wenn Ihr den Leuten nicht MEHR zu bieten habt als DAS, dann lasst es doch einfach! Macht den Laden dicht, dann können wir alle sonntags ausschlafen." Aber im Ernst gesagt ist das natürlich keine Option. Solange das Opfer der Eucharistie gefeiert wird, ist eine Heilige Messe eine Heilige Messe, und wenn man, um an der Feier der Eucharistie teilnehmen zu können, erst mal einen grottigen Wortgottesdienst ertragen muss, dann muss man da als treuer Katholik eben durch. Aber was wird aus dem Glauben derer, die in Sachen Verkündigung immer nur diese fade Wassersuppe vorgesetzt bekommen? 

Es hat vielfach den Anschein, dass heutige Pastoralstrategen meinen, eine klare und unverkürzte Verkündigung von Glaubenswahrheiten sei den Menschen heutzutage einfach nicht mehr zuzumuten. Dass diese Einschätzung irrig ist, ja, dass eine klare und auch herausfordernde Glaubensverkündigung heute wie zu allen Zeiten begeistern kann, war auf der MEHR sehr schön zu sehen. Ich möchte hier mal einige Kerngedanken der dort gehörten Vorträge und Predigten skizzieren, von denen ich meine, dass man sie in der Kirche und allgemein im "kirchlichen Umfeld" viel zu selten in dieser Deutlichkeit zu hören bekommt:  
  • Ja, es stimmt: Wir alle sind von Gott unendlich geliebt. Und zwar so sehr geliebt, dass Er Seinen Sohn zu unserem Heil hat sterben lassen. 
  • Durch Jesu Tod und Auferstehung sind wir von Sünde und Tod erlöst, das heißt: Das "Werk unserer Erlösung" (um es mal in liturgischer Sprache auszudrücken) ist bereits vollbracht, wir müssen es nicht selbst vollbringen. Das könnten wir nämlich gar nicht. Denken wir mal zurück an den Anfang, an den Kanister, wo SINN draufsteht – es könnte auch HEIL draufstehen, das würde den Kern der Sache eigentlich genauer treffen. Der Kanister ist nicht leer, wir müssen ihn nicht selbst füllen. 
Hier droht nun freilich ein Missverständnis. Das wurde mir unlängst im Rahmen einer langen Diskussion deutlich, die ich mit jemandem führte, den ich im Anschluss einer Open-Mic-Lesung in einer Buchhandlung kennen lernte. Der Standpunkt meines Gesprächspartners lässt sich in etwa so zusammenfassen: Wenn Christus uns Menschen bereits erlöst hat (und wir selbst zu dieser Erlösung gar nichts beitragen konnten), wieso reden wir dann überhaupt noch über Sünde und mühen uns damit ab, ein gottgefälliges Leben zu führen? Erstens können wir Gerechtigkeit vor Gott sowieso nicht durch unser Tun und Lassen erreichen, und zweitens müssen wir es ja auch nicht, denn Christus hat uns ja erlöst. Darauf kann man zunächst mal erwidern (und habe ich erwidert): Dass die Sünde, obwohl Christus sie am Kreuz prinzipiell besiegt hat, dennoch nicht aus der Welt ist, das sieht man doch mit bloßem Auge. Hinzuzufügen wäre: Gerade weil Gott die Menschen (und zwar alle) unendlich liebt, kann es Ihm nicht gleichgültig sein, wenn Menschen einander und sich selbst Schaden zufügen; und es kann Ihm auch nicht gleichgültig sein, wenn Menschen sich von Ihm und Seiner Liebe abwenden. Aber das tun Menschen nach wie vor, und da kommt der Begriff der Sünde ins Spiel. Nun liegt es auf der Hand, dass mein Gegenüber fragen kann und wird: Wenn die Sünde nach wie vor in der Welt ist und Menschen nach wie vor sündigen, was bedeutet es dann, zu sagen, dass Christus die Sünde besiegt habe? Ich gebe zu, die Frage ist knifflig, und ihr so gründlich nachzugehen, wie sie es verdient, würde hier und jetzt den Rahmen sprengen; kurz und schlicht gesagt würde die Antwort lauten: Gott hat uns Menschen frei geschaffen, und diese Freiheit beinhaltet, dass wir die durch Christus bewirkte Erlösung annehmen können oder auch nicht

Was mich übrigens daran erinnert, was Pater Cantalamessa in seinem Vortrag auf der MEHR zu der bekannten Stelle aus dem Jakobusbrief zum Thema "Glaube ohne Werke ist tot" (vgl. Jak 2, 14-26) ausgeführt hat; ich paraphrasiere mal: Zu der durch Christus bewirkten Erlösung kann der Mensch aus eigener Kraft nichts beitragen. Ein Kind kann auch nichts aus eigener Kraft dazu beitragen, dass es gezeugt wird. Wenn das Kind aber geboren ist, dann muss es anfangen zu atmen, sonst stirbt es. Ebenso kann auch die von Gott geschenkte Gnade der Erlösung im Menschen verkümmern und sterben, wenn der Mensch nicht ihr gemäß handelt

Das hängt eng zusammen mit einem weiteren Grundgedanken, den ich mir notiert habe: 
  • Gerade weil das Werk unserer Erlösung bereits vollbracht ist, können wir auch als erlöste Menschen leben: frei von Menschenfurcht, frei von der Angst, im Leben "zu kurz zu kommen" oder "etwas zu verpassen". Und nicht zuletzt: frei von der Angst vor dem Tod. Letztlich lassen sich nämlich alle Ängste auf diese eine Angst zurückführen: Wir wissen, dass wir sterben müssen, und das verführt uns zur Sünde - wenn wir versuchen, auf Teufel komm raus alles aus diesem Leben rauszuholen, was geht. Aber das müssen wir nicht - weil Christus den Tod überwunden hat. Und Er hat uns Leben in Fülle zugesagt (vgl. Joh 10,10). 
  • Und schließlich, ganz wichtig: Wenn wir, wie es im 1. Johannesbrief (4,16) heißt, die Liebe Gottes "erkannt und gläubig angenommen" haben, dann sollte es eigentlich ganz natürlich sein, dass wir diese Liebe auch Anderen mitteilen wollen. Das ist im Kern das christliche Verständnis von Mission: Zeugnis abzulegen von der Liebe Gottes. Christus hat uns erlöst, aber gleichzeitig hat Er uns auch in Seine Nachfolge berufen. 
Für mich persönlich war gerade dieser missionarische Impuls ein enorm wichtiger Aspekt der MEHR-Konferenz; und zwar (für mich persönlich, wie gesagt) gar nicht so sehr im Sinne von "Erstverkündigung" in entlegenen Gegenden der Welt (so notwendig selbstverständlich auch das ist), sondern vielmehr im Sinne von Neuevangelisation vor der eigenen Haustür. Von der Notwendigkeit einer neuen Evangelisierung Europas sprach u.a. Pater Cantalamessa in seiner Predigt zum Hochfest Erscheinung des Herrn - und verwies darauf, dass es diese Notwendigkeit in der Kirchengeschichte schon einmal gegeben habe: im 4. und 5. Jh., zur Zeit der "Barbarischen Invasion" (die im deutschen Sprachgebrauch gängige Bezeichnung "Völkerwanderung" fiel der Dolmetscherin wohl auf die Schnelle nicht ein). "Die Situation war gar nicht so viel anders als heute", meinte der Päpstliche Hausprediger - und einige Zuhörer zuckten an der Stelle ganz schön zusammen: political correctness ist was Anderes... Pater Cantalamessa erinnerte an die Taufe Chlodwigs durch den Hl. Remigius im Jahr 498 und zitierte die Worte, die der Bischof von Reims dabei der Überlieferung zufolge gesprochen haben soll: 
"Neige dein Haupt, du stolzer Sicamber, und unterwirf es dem sanften Joch Christi! Bete an, was du verbrannt hast, und verbrenne, was du angebetet hast!" 
Und heute, so Pater Cantalamessa weiter, sei es an der Zeit, zu der säkularisierten westlichen Kultur zu sagen: "NEIGE DEIN HAUPT!" (Pater Cantalamessa predigte auf Englisch, und man muss erlebt haben, wie der sonst so jovial und charmant 'rüberkommende Kapuzinerpater an dieser Stelle ins Mikrofon donnerte: "BOW YOUR HEAD!") 

Auch in dem schon an anderer Stelle einlässlich gewürdigten Vortrag von Ben Fitzgerald nahm die Notwendigkeit eines neuen geistlichen Aufbruchs in Europa eine zentrale Stellung ein; und natürlich war der Missionsgedanke auch in den Vorträgen von Johannes Hartl ausgesprochen präsent. Exemplarisch möchte ich mal eine Passage aus seinem Vortrag "Der Duft der Hoffnung" zitieren:
"Lasst uns Jesus nicht kleinlich lieben. Ich kenne so viele Menschen, die nur überleben wollen. Die mit Jesus nur überleben wollen. [Die wollen,] dass alles sicher ist. Es gibt so wenige Menschen, die sich überhaupt die Frage stellen: Herr, kann es sein, dass Du mich berufst, in die Mission zu gehen in ein schwieriges Land? Kann es sein, dass Du mich berufst, ehelos zu leben für Dich? Kann es sein, dass Du mich berufst, komplett was Anderes zu machen, mich hinzugeben für Dich? Leute: Heute, an diesem Tag, geben Christen ihr Blut für Jesus. Und Jesus ist es wert!" 
Hand aufs Herz: Wann haben wir solche oder ähnliche Töne zuletzt in einer Predigt in der Kirche gehört? 

Nun ist es sicher so, dass ein heroischer Tugendgrad nicht von Jedem zu erwarten oder gar zu verlangen ist. Aber wenn wir von Heroismus reden, ist es recht interessant, was Pater Cantalamessa in seinem Vortrag am vorletzten Konferenztag mit Bezug auf Sören Kierkegaards Gegenüberstellung des "Helden" und des "Poeten" sagte: Ein Held sei jemand, der große Taten vollbringe und sogar den Tod herausfordere; ein Poet dagegen verwirkliche sein Genie in der Bewunderung. "Für uns Christen ist natürlich Jesus dieser Held", führte der Päpstliche Hausprediger aus. "Er hat für uns den Tod besiegt." Nun können wir zwar nicht das tun, was Jesus getan hat - und müssen es ja auch nicht, da Er, siehe oben, es ja schon getan hat -, "aber wir können Seine Poeten sein" - indem wir Seinen Ruhm in die Welt heraustragen, die Begeisterung für Ihn in anderen Menschen wecken.

Auch das ist aber natürlich nicht immer einfach und erfordert Mut. Kierkegaard in allen Ehren, aber ein bisschen was von einem Helden (nach dem Vorbild Christi, versteht sich) muss der Christ wohl auch haben, wenn er missionarisch wirken will. Folglich trug Johannes Hartls Abschlussvortrag den Titel "Erwecke die Helden". Ich lasse hier mal einige Auszüge, die mir besonders gut gefallen haben, für sich selbst sprechen:
"Das ist die Essenz eines Helden: Nicht erst darauf warten, dass alle anderen mitmachen. [...] Ein Held tut das nicht, weil er dafür Applaus erntet, sondern er tut das, weil es richtig ist. Wir haben diese Tugend ein bisschen verlernt: Dinge zu tun, weil sie richtig sind."  
"Wenn du Angriffe bekommst, ist das ein gutes Zeichen. Weil, wenn du ein Soldat bist und hängst irgendwo im Wald rum und schießt immer in eine Richtung, und dann schießt nie jemand zurück -- ist das gar kein so gutes Zeichen. Das ist vielleicht eher ein Zeichen, dass du auf verlorenem Posten oder gegen Windmühlen kämpfst. Wenn jemand zurückschießt, machst du irgendwas richtig."  
"Sterben musst du sowieso. Aber nicht jeder, der stirbt, stirbt aus Liebe. Viele sterben einfach nur bei dem verzweifelten Versuch, möglichst lange zu überleben und möglichst alles mitzunehmen. Du bist zu Größerem berufen als das."  
"Jesus sagt: Ihr seid das Salz der Erde. Glaubst du, dass das Salz in der Suppe schwimmt und sagt: 'Alles um mich rum ist so fad!'? Ihr seid das Licht der Welt! Das Licht, sagt das 'Das ist aber blöd, dass es so dunkel ist überall'? - Dafür bist du dort!"
Und schließlich:
"Wir sind am Ende dieser Konferenz, und das ist auch kein Problem - weil du weißt, was du jetzt zu tun hast. [...] Du bist gesandt. Du bist gerufen. An den Ort, an den du jetzt zurückgehst." 
Tja. "Du weißt, was du zu tun hast", hat er gesagt, der Hartl. Da stellt sich nun die Frage: Weiß ich das? Ich habe das durchaus als eine Anfrage an mich ganz persönlich wahrgenommen: Was tue ich eigentlich für das Reich Gottes? Na gut: bloggen. Man könnte immerhin sagen, das ist schon mal mehr als nichts. Nun lautete das Motto der Konferenz aber ja nicht umsonst MEHR. Wie Weihbischof Wörner in seiner Predigt beim Abschlussgottesdienst der Konferenz sagte: "Es gibt noch viel Luft nach oben – drum sind wir heute hier. [...] Ihr geht anders von dieser MEHR weg, als ihr hergekommen seid." Ähnlich Pater Cantalamessa: "Keiner sollte von dieser Versammlung so nach hause gehen, wie er gekommen ist." Also habe ich mich gefragt, ob ich nicht noch MEHR tun kann. Glücklicherweise hat die Konferenz nicht nur diese Frage aufgeworfen, sondern auch gleich ein paar Anregungen geliefert, wie man sie beantworten kann. Zum Beispiel:


  • MEHR BETEN.
"Alles Große, Gute und Echte wird im Gebet geboren." Das ist eine Grundüberzeugung der Leute vom Gebetshaus Augsburg, und man kann sagen, wenn man sich anschaut, wie sich das Projekt über die letzten Jahre entwickelt hat, dann ist da offenbar was dran. "Das Zentrum des Universums, das Zentrum von allem Sein ist Anbetung", erklärte Johannes Hartl in einem seiner Vorträge, und in einem Anderen: "Echte Reich-Gottes-Frucht wächst im Gebet." Auch Pater Cantalamessa betonte in seiner Predigt zum Fest Erscheinung des Herrn: "Neuevangelisation beginnt in der Anbetung und führt zur Anbetung." (Dass er in besonderem Maße auch von der Eucharistischen Anbetung sprach, kam in der Übersetzung nicht so rüber, denn die Übersetzerin kam erkennbar aus einem evangelisch-freikirchlichen Hintergrund und kannte sich, wie sie selbst zugab, mit Spezifika der katholischen Glaubenspraxis ganz und gar nicht aus.) "Eine der großartigsten Gaben, die der Heilige Geist heute der Kirche gibt, ist ein neues Bewusstsein und ein neuer Hunger nach Anbetung", so Pater Cantalamessa weiter; zudem stellte er klar: Nicht Gott hat es nötig, dass Seine Geschöpfe Ihn anbeten; WIR haben es nötig, denn in der Anbetung Gottes wachsen wir über uns selbst hinaus. -- Ein weiterer wichtiger Gedanke: Der Sinn des Gebets, auch des bittenden Gebets, liegt nicht darin, bei Gott wie beim Weihnachtsmann die Dinge, die man sich wünscht, quasi zu "bestellen"; und auch nicht so sehr, Gott zu erzählen, wie's einem so geht – das weiß Er auch so –, sondern den eigenen Willen mit Gottes Willen in Einklang zu bringen. Und wenn man DAS hinkriegt, dann weiß man auch, was man zu tun hat. 

  • Die leidige Menschenfurcht überwinden.
Ein heikles Thema, besonders für mich – aber sicher auch für viele Andere. Der Witz ist: Man kann das üben. Ich übe es. 

  • Nicht ewig herumtheoretisieren, sondern einfach mal anfangen.
Meine Liebste und ich tragen uns ja schon eine ganze Weile mit Ideen zu einem Projekt, das ich gern etwas augenzwinkernd als "Punk-Pastoral" bezeichne. Der Grundgedanke dabei ist, Anlaufpunkte zu schaffen, um auf eine zwanglose Art Leute zu erreichen, die zwar auf der Suche nach Sinn und Orientierung sind – wir erinnern uns: der Kanister! –, die aber von sich aus eher nicht auf die Idee kommen würden, dass sie die ausgerechnet im christlichen Glauben und konkret in der Katholischen Kirche finden können. Ein paar Ansätze dazu, wie so etwas aussehen könnte, hatten wir wie gesagt schon gehabt, aber noch kein richtiges Konzept. Man kann sagen, ein Grund für uns, zur MEHR-Konferenz zu fahren, war gerade, dass wir uns da Impulse für unser Projekt erhofft haben. Und die haben wir auch bekommen.Vorher war ich noch auf dem Standpunkt gewesen: "Das muss alles noch zu Ende gedacht werden". Jetzt sage ich: Nö, muss es GAR nicht! Lass uns einfach irgendwie anfangen, dann werden wir schon sehen, wohin sich das entwickelt. Unmittelbar nach der Konferenz waren wir beide in der Stimmung, zu sagen: Lass uns SOFORT anfangen. Das ist jetzt über einen Monat her, woran ihr sehen könnt, dass es mit "sofort" nicht so GANZ geklappt hat; aber immerhin haben wir seitdem schon mal ein paar Schritte unternommen, um demnächst loslegen zu können. Genaueres werde ich verraten, wenn es soweit ist.

Viertens und letztens:

  • Keine Angst vor dem Scheitern haben!
Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Das klingt zwar wie ein Postkartenspruch, und ehrlich gesagt ist es auch einer. Aber wahr ist es trotzdem. Außerdem musst du nicht die Welt retten. Das hat Jesus schon getan. 




Kommentare:

  1. Wenn Ihr mich bei der Punk-Pastoral brauchen könnt - adsum.

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  2. Wobei man sagen muss, dass das Theologiestudium jetzt nicht mehr so schlecht ist, wie es so in den 60ern bis 90ern gewesen sein soll - ich studiere selber Theologie als Nebenfach, und an meiner Fakultät jedenfalls gibt es zwar ein paar häretische Theologen (Neues Testament, Moraltheologie; evtl. Religionspädagogik), aber auch einige überhaupt nicht häretische (an den Lehrstühlen für Dogmatik, Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit oder Kirchenrecht zum Beispiel), und selbst die häretischen oder zur Häresie neigenden Dozenten sind keine Bultmanns oder Loisys mehr. Ich glaube, das Schlimmste haben wir langsam hinter uns :) Viele Grüße, Crescentia

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  3. Grüß Gott! Mir scheint, Sie meinten, es wäre um die Verkündigung richtig bestellt, wenn die Qualität des Radiogottesdienstes hinsichtlich des Inhalts der Verkündigung auf dem Niveau der MEHR-Konferenz wäre. So kommt es jedenfalls zwischen den Zeilen bei mir an.
    Im Zuge der charismatischen Begeisterung scheint dies auch plausibel. Wir alle sind Kinder der Neuzeit und haben damit einen entscheidenden Schlag weg von Luther bekommen, den wir bis heute nicht verarbeitet und meistens auch nicht verstanden haben. Der Punkt liegt im Verständnis von Sünde. In dem Abschnitt ringen Sie ja ein bißchen mit diesem Begriff und kommen da nicht auf eine schnittige Formel. Mit dem Verweis auf den Jakobusbrief und Cantalamessa kommen Sie ins Straucheln. Sie schreiben: «Zu der durch Christus bewirkten Erlösung kann der Mensch aus eigener Kraft nichts beitragen.» Das ist Luther in Reinkultur. Ich möchte nur auf das Problem hinweisen und es nicht lösen, was hier auch viel zu lange dauern würde. Nur das bißchen: Wenn der Mensch als Mensch nichts zu der Erlösung beitragen kann, dann wurde kein Mensch gekreuzigt. Und wenn kein Mensch gekreuzigt wurde, dann hat weder die Inkarnation noch die Auferstehung irgendetwas an dieser Welt verändert. Denn dann wäre Erlösung ein reiner Gnadenakt Gottes, der nichts mit mir zu tun hat. Oder wie Luther es sagt: Am Ende bleibt der Mensch doch noch Feind Gottes.
    Dieser Befund mündet folglich in der evangelischen Forderung eines «geistlichen Aufbruchs in Europa». Das ist nicht mal die halbe Miete. Und darin liegt auch die ganze Kritik an MEHR und Hartl. Gott ist Fleisch geworden, nicht Geist. Ziel des Glaubens ist nicht, irgendwelche Worte zu verkündigen, die in Handlungen münden, sondern Eucharistie, das heißt Seins-mäßige Einheit in Christus, aka Leib Christi aka Kirche, zu werden. Daher ist nicht das gesprochene Wort wichtig (nach den Kirchenvätern bloß ein «flatus voci»), sondern das lebendige Wort, was sich durch den Heiligen Geist im Fleisch verhüllt, das heißt in uns. Die Predigt am Gottesdienst ist daher schnurzpiepegal. Es kommt auf das liturgische, das eucharistische Geschehen an. Insofern hat Cantalamessa recht, wenn er von Anbetung spricht. Er meint damit nicht «Lieder gegen eine Wand singen», sondern in diesem eucharistischen Geschehen im himmlischen Hochzeitssaal Gott verherrlichen. Da trifft es sich auch mit den Vorsätzen. Ein Frageimpuls zum Thema Beten: Juden sagen, ihr Beten ist menschliches Beten. Wir Christen sagen (zumindest die Katholiken und Orthodoxen), daß wir göttlich beten. Was ist der Unterschied?
    Wenn Cantalamessa sagt, daß Gott unsere Liebe nicht braucht, dann sagt er das, weil er Franziskaner ist. So ganz stimmt das aber glaube ich nicht (cf. Joh 19,28).

    Bitte fassen Sie das nicht als Hochmut meinerseits auf. Wir sind alle viatorische zu Gott unterwegs (aka Reise nach Jerusalem xD). LG, Mobbischer

    PS: Wenn Sie sich und Ihrer Liebsten etwas «gönnen» wollen. Dann lesen sie sich gegenseitig folgendes Buch laut vor und reden drüber (ist auch nicht lang): http://www.babykaust.de/08/08-sexual/he/die_ehe_dietrich_von_hildebrand.pdf

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