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Sonntag, 19. Februar 2017

Na, alle wach?

Gestern erschien auf The Cathwalk ein "Weckruf" unter der Überschrift "#SineDubia - wir gehen mit Papst Franziskus" (der Grammatikfehler - die Präposition "sine" regiert den Ablativ - wurde inzwischen zu #SineDubiis korrigiert). Anliegen dieses Aufrufs ist es, Schmähungen und Verdächtigungen gegen Papst Franziskus, insbesondere im Zusammenhang mit seinem nachsynodalen Schreiben "Amoris Laetitia", zurückzuweisen. Mein Name erscheint in den Reihen der Erstunterzeichner. 

Der Text hat unmittelbar nach seinem Erscheinen scharfe Kritik hervorgerufen, auch von Seiten lieber und geschätzter Freunde. Ich kann diese Kritik in Teilen nachvollziehen. 

Der wohl gewichtigste Kritikpunkt lautet, der "Weckruf" greife die Kardinäle Brandmüller, Burke, Carraffa und Meisner, die die "Dubia" zum Schreiben "Amoris Laetitia" formuliert und - nach längerem Ausbleiben einer Antwort des Papstes - veröffentlicht haben, frontal an und stelle jegliche kritische Anfragen an die Amtsführung des Papstes unter den Generalverdacht mangelnder Papsttreue. 

Tatsächlich muss ich einräumen, dass ich die im "Weckruf" enthaltene Formulierung "wir distanzieren uns ausdrücklich von den Dubia" als unglücklich empfinde. Ich hätte mir gewünscht, dass der Text klarer herausstellt, dass nicht die "Dubia" selbst das Problem sind, sondern deren Instrumentalisierung durch Papstgegner. Insofern ist auch der Titel des "Weckrufs" problematisch, weil er die Aufmerksamkeit genau auf diesen Punkt lenkt - und damit von anderen, (wie ich finde) wichtigeren Aspekten des Aufrufs ablenkt

Auch darüber hinaus hätte ich mir an manchen Stellen einen nuancierteren Tonfall gewünscht - schon allein um zu vermeiden, dass Personen, die mit der Kritik (so wie ich sie verstehe) gar nicht gemeint sind, sich angegriffen fühlen. Ein Teil der Reaktionen auf die Veröffentlichung des "Weckrufs" hat meine diesbezüglichen Bedenken bestätigt. 

Wenn ich das also bereits vorausgesehen habe: Warum habe ich dann unterschrieben? 

Darauf gibt es eine einfache und eine komplizierte Antwort. Die einfache lautet: weil ich das grundsätzliche Anliegen des "Weckrufs" trotz einzelner Kritikpunkte richtig und wichtig finde. 

Schauen wir uns trotzdem auch noch die komplizierte an. 

Als mir der Text erstmals vorgelegt wurde, habe ich zunächst um Bedenkzeit gebeten. Theoretisch hätte ich nun vielleicht eine Liste von Änderungsvorschlägen bzw. -wünschen erstellen können, von denen ich meine Zustimmung abhängig mache; aber erstens war dazu nicht genug Zeit, und zweitens schätze ich meinen Einfluss auf die Initiatoren nicht als so groß ein, als dass ich annähme, dieses Vorgehen hätte etwas geändert. Somit blieb nur die Entscheidung: Unterschreiben oder NICHT unterschreiben. 

Ich hätte, wie ein geschätzter Bloggerkollege, nicht unterschreiben und dann ausführlich darüber bloggen können, wo ich dem Aufruf zustimme und wo nicht. Das wäre möglicherweise "klug" gewesen. Dass selbiger Bloggerkollege nun auf Facebook ergrimmt gegen Jene vom Leder zieht, die sich - wie ich - für den umgekehrten Weg entschieden haben - erst zu unterschreiben und dann notwendige Differenzierungen nachzuliefern -, empfinde ich zwar als stillos und beleidigend, aber hey - Vieles, was ich so schreibe, wird auch von Manchem als stillos und beleidigend empfunden werden. C'est la vie

Und nun erzähl' ich Euch mal was, Freunde: 
Zum Teil habe ich den "Weckruf" unterschrieben, OBWOHL ich dabei Bauchschmerzen hatte. 
Und zum Teil habe ich den ""Weckruf" unterschrieben, WEIL ich dabei Bauchschmerzen hatte. 

Ich war nie ein besonderer "Fan" von Papst Franziskus und bin es auch jetzt noch nicht. Meine Idealvorstellung davon, wie ein Papst sein sollte, ist nun mal stark von Benedikt XVI. geprägt. Nicht selten reagiere ich auf Äußerungen von Papst Franziskus (zumindest in der Form, wie sie in den Medien kolportiert werden; darauf komme ich noch) und auf den Stil seiner öffentlichen Selbstdarstellung mit Befremden. Und genau deswegen habe ich den Text des "Weckrufs" sehr selbstkritisch gelesen. 



Zunächst mal: Eine Hermeneutik des Misstrauens und des Verdachts, wie sie in zahlreichen Äußerungen über die Amtsführung des Papstes zu beobachten ist, ist hochgradig ansteckend. Es ist schon schlimm genug, wenn man in der Sonntagsmesse einen Priester vor sich hat, von dessen Rechtgläubigkeit man nicht gänzlich überzeugt ist, und während der Begrüßungsworte und der Predigt mit zusammengekrampften Zehen (oder noch anderen Körperteilen) denkt: Gleich sagt er bestimmt was Häretisches. Wenn man dasselbe über den Papst denkt, ist das ein noch erheblich größeres Problem. Und genau das wird durch die im "Weckruf" beklagte "argwöhnische und pessimistische Mentalität, die sich im katholisch-konservativen Lager in den letzten Jahren eingeschlichen hat", sowie dadurch, dass in bestimmten Kreisen "selektiv und stets negativ über Papst Franziskus berichtet" wird, gefördert. Nicht selten spüre ich diese ansteckende Wirkung an mir selbst. 

Sodann: Kritik am Papst - gleich aus welcher Richtung sie kommt - ist nicht selten von einer Haltung der Besserwisserei geprägt; konkret: der (mehr oder weniger bewussten) Auffassung, man selbst wisse ganz genau und besser als der Papst, was die Kirche braucht bzw. was gut für sie ist. Hier fragt der "Weckruf" zu Recht: "Wissen wir vielleicht gleich viel oder sogar mehr als der Papst über sämtliche disziplinarische Angelegenheiten in den Orden oder in der Kurie?" Eine ehrliche Antwort kann eigentlich nur lauten: Nö, wissen wir nicht


Ebenfalls sehr stark angesprochen hat mich die Ermahnung, "dass Papst Franziskus vollumfänglich das Recht hat, unbequeme Worte auch an diejenigen zu richten, die bisher vielleicht unbequeme Worte nicht gewohnt waren": "Wer, wenn nicht der Papst, hat das Recht dazu, auch die vermeintlich 'gerechten Söhne' zu ermahnen?" Das Stichwort "gerechte Söhne" fällt im "Weckruf" mehrmals. Und in der Tat, die Versuchung, so zu denken, zu sprechen und zu handeln wie der ältere Bruder im Gleichnis vom Verlorenen Sohn, betrifft jeden von uns. Es kann nur heilsam und nützlich sein, sich diese Versuchung bewusst zu machen. 

Schließlich beklagt der "Weckruf" eine "Eigendynamik, die unter konservativen Katholiken entfesselt wurde: da man keinesfalls liberal oder weichlich sein will, übertrumpft man sich gegenseitig in einem immer starreren Rigorismus und Rubrizismus." Auch das ist eine reale Gefahr, und auch da braucht man gar nicht mit dem Finger auf Andere zu zeigen: Es genügt ein Blick in den Spiegel. 

Die hier angesprochene Gefahr, aus dem Bedürfnis nach Abgrenzung von "liberalen" Strömungen in einen "Konservatismus um des Konservatismus willen" zu verfallen, bringt mich auf einen weiteren Kritikpunkt, der an der Veröffentlichung dieses "Weckrufs" geäußert wurde. Ich fasse ihn mal etwas salopp zusammen: 
"Das hat ja auch der Püttmann unterschrieben, wie könnt ihr mit dem gemeinsame Sache machen, und überhaupt ist das ein gefundenes Fressen für die Liberalen, um einen Keil ins konservative Lager zu treiben - ihr seht ja, was Domradio und katholisch.de und Radio Vatikan daraus machen, das habt ihr jetzt davon." 
Auch dieser Einwand bzw. die Denkweise, aus der er entspringt, ist mir keineswegs fremd, und deshalb ist es erneut auch und nicht zuletzt selbstkritisch gemeint, wenn ich darauf erwidere: Dieser Einwand wurzelt letztlich in einem Lagerdenken, das wir nicht wollen können. Schon Paulus schrieb an die Korinther: 

"Ich ermahne euch aber, Brüder, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn: Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch; seid ganz eines Sinnes und einer Meinung. Es wurde mir nämlich, meine Brüder, von den Leuten der Chloë berichtet, dass es Zank und Streit unter euch gibt. Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus - ich zu Apollos - ich zu Kephas - ich zu Christus. Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden?" (1 Kor 1, 10-13
Klar: Es gibt diese "Lager". Es gab sie damals in Korinth und es gibt sie heute bei uns. Aber wenn man das Lagerdenken überwinden will, kann man nicht darauf warten, dass "die Anderen" es tun. Sondern ICH muss das vermaledeite Lagerdenken überwinden. Und dann kann ich nicht sagen "Person X unterstützt Sache A, also darf ich Sache A nicht unterstützen, weil ich mit Person X nichts zu tun haben will". Angst vor Beifall aus der falschen Ecke ist auch eine Form von Menschenfurcht. Nochmals: Ich weiß selbst, wie sehr ich dazu neige. Ein Grund mehr, dagegen anzugehen. 

Obendrein zeigen ja gerade die Auseinandersetzungen um "Amoris Laetitia" und manche andere umstrittene Aussagen und Initiativen von Papst Franziskus, dass ein eindimensionales Lagerdenken im Sinne von "konservativ vs. liberal" letztlich absurd ist - denn hier sitzen manche liberalen "Reformer", ein großer Teil der säkularen Medien und eine bestimmte Spezies erzkonservativer Papstkritiker im Grunde im selben Boot, auch wenn sie in verschiedene Richtungen rudern (oder das zumindest jeweils von sich selbst glauben). Sie alle neigen dazu, dem, was der Papst sagt oder tut, die denkbar "liberalste" Deutung zu unterlegen und noch darüber hinaus zu spekulieren, was er womöglich noch so alles in der Kirche "revolutionieren" werde - nur dass das für die Einen Ausdruck von Freude und Hoffnung ist, während die Anderen es als Menetekel des drohenden Untergangs an die Wand malen. Demgegenüber eine Position zu formulieren, die sich sowohl zur tradierten Lehre der Kirche als auch zum gegenwärtigen Papst bekennt, erscheint mir dringend geboten. 

Es bleibt der Hinweis auf die Gefahr einer kirchenpolitischen Instrumentalisierung in einem Sinne, den man gerade nicht gewollt hat. Einverstanden, die Gefahr besteht. Diese Gefahr besteht bei allem, was man sagt und tut. Das kann und darf kein Grund sein, überhaupt nichts mehr zu sagen und zu tun. Und schließlich: Müssen wir uns davor wirklich fürchten? -- Das ist, wenn man sich's recht überlegt, eine Grundfrage, die man bei allen Debatten um den Kurs der Kirche unter Papst Franziskus im Hinterkopf behalten sollte: Glauben wir, dass Gott in der Kirche WIRKT? Vertrauen wir auf Seine Zusage, dass Seine Kirche auf festem Grund steht und die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden? 

Lautet die Antwort "ja", sollten wir in der Lage sein, Vieles gelassener zu sehen (was ehrliche, wohlmeinende Sorge und Kritik wohlgemerkt nicht ausschließt). 

Lautet sie "nein", dann... nee, den Satz schreibe ich jetzt nicht zu Ende. 


Kommentare:

  1. Danke.
    Jetzt mag ich die Katholiken doch wieder ein bisschen. Zwischenzeitlich war mir das zu schwer.

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  2. Interessant.

    Einstweilen soviel: Ich kann einfach (und das heißt jetzt erstmal nur, was es heißt) persönlich nicht nachvollziehen, wie man (außer bei Verhandlungen im Geschäftsleben, Koalitionsverträgen, die ausdrücklich als Kompromiß gekennzeichnet sind usf.) auch nur jemals irgendetwas unterschreiben könnte, was nicht a) inhaltlich bis in die einzelne Silbe hinein und bis zum i-Tüpfelchen hinauf der eigenen Meinung entspricht und b) auch fokussierungs- und tonfallmäßig zumindest so nahe an der eigenen Meinung ist, daß man es noch vertreten kann.

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  3. Kann alle Argumente gut nachvollziehen. Seien wir barmherziger miteinander. Doch hat AL sehr viel Verwirrung erzeugt und Spaltungsgefahr vergrössert.

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  4. Ich sehe das, was das Unterschreiben angeht, so wie Imrahil, und ich halte den Weckruf nicht nur für ein bisschen schlecht formuliert, sondern für teilweise einfach inhaltlich falsch oder völlig unzulässig generalisierend. Aber ich kann auch verstehen, wieso Sie oder Frau Sperlich oder Herr Bordat unterschrieben haben. Es stimmt schon, man muss aufpassen, dass man es mit der Papstkritik nicht übertreibt und nicht irgendwann dahin gerät, dass er einem gar nichts mehr recht machen kann und man alles besser zu wissen meint. Na ja, wenigstens scheint das Ganze im Moment im "konservativen Lager" nach meinem Eindruck eher zu einer einigermaßen beruhigten Debatte zu führen als zu einer Spaltung.
    Eins noch zum Thema "gerechte Söhne": Der Vater im Gleichnis hat seinen gerechten Sohn übrigens nicht empört als unbarmherzig ausgeschimpft, sondern freundlich und gütig mit ihm geredet: "Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden." Bei Papst Franziskus hat man manchmal den Eindruck, er schimpft ein bisschen sehr auf Klerus und Kurie und so weiter. Ich hätte jemanden, der ständig kritisiert und nicht auch mal was Anerkennendes über meine Arbeit sagt, ungern als Chef. Aber mein Eindruck davon kann auch trügen, ich verfolge seine Äußerungen nicht so genau. Viele Grüße, Crescentia.

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  5. Das Problem der "Wiederverheirateten" ist ein Problem des Verhältnisses von Staat(-en) und Kirchenrecht. So lautet die Theorie. Man sollte für die Praxis zwar schon einen pastoralen Schritt machen können, aber nicht ohne gleichzeitig in der Theorie entgegenzukommen: Wenigstens die staatliche Ehe nicht mehr Ehe nennen, evtl. seitens der Kirche auch nicht mehr die Leute verpflichten, zuerst standesamtlich zu heiraten, bevor sie das Ehesakrament empfangen; das sollte doch im Zeitalter der Verpartnerungen für ein selbständiges Kirchenrecht keine theoretische Mühe machen. So hätte man für die Zukunft etwas geändert und könnte sich dann bezüglich Vergangenheit und Gegenwart schon barmherzig geben, etwa so, dass man die zivile Wiederheirat als einen gewissen Irrtum der Betreffenden kennzeichnet und nicht zwingend als schuldhaften Ungehorsam gegen die Kirche, ihnen also auch eine Erleichterung zugestehen könnte, weiss allerdings nicht genau wo, viellleicht etwa z. B. bei der Annullierung der alten Ehe.
    Im übrigen danke für den Artikel, sehr lesenswert.

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  6. ZITAT:
    "Als letztlich pathologisches Phänomen bedauern wir aufrichtig eine argwöhnische und pessimistische Mentalität, die sich im katholisch-konservativen Lager in den letzten Jahren eingeschlichen hat, und die nur allzu gut ins Zeitalter von Fake News und Populismus zu passen scheint."

    Wie bitte? Letztendlich ein pathologisches Phänomen? Wir erinnern uns, dass unserem Herrn vorgeworfen wurde, "von Sinnen zu sein". Jesus in der Mitte der Konservativen. LOL!
    Begreift jemand was er da vollumfänglich unterschrieben hat? Das katholisch-konservative Lager ist krank. Nicht teilweise, noch nicht einmal zu dieser Differenzierung ist der Weckruf imstande, sondern komplett pathologisch. Wisst ihr eigentlich, was das für einen konservativen (im besten Sinne) Christen bedeutet? Der Ausschluss von jeglicher Diskussion, mit dem Hinweis auf eine Krankheit. Wenn ich lese dass auch ein Josef Bordat dort unterschrieben hat, fasse ich es noch nicht. Laut Wiki weiß ich dass, die Pathologie ein Teilgebiet der Medizin ist, das sich mit der Beschreibung und Diagnose von krankhaften Vorgängen und Zuständen im Körper beschäftigt. Als konservativer Katholik wünsche ich mir allerdings keine Heilung von meinen krankhaften Vorgängen und Zuständen in meinem Körper. Danke.

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  7. Josef Bordat schreibt: "Aber dennoch: Wenn ich mir so meine Mailbox anschaue, dann sieht es fast so aus, als sollte ich mich nun für die Unterstützung der Sine Dubiis-Geschichte bei jedem Kritiker persönlich verantworten. Und einige schießen in ihrer Kritik deutlich über das Ziel hinaus. Es geht insgesamt zu viel um Personen, zu wenig um Positionen. Zu viel Anmache, zu wenig Argumente."

    Der letzte Satz macht mich stutzig. Unterschreibt er doch folgenden Satz im Weckruf: "
    "Wir bedauern ferner folgende Eigendynamik, die unter konservativen Katholiken entfesselt wurde: da man keinesfalls liberal oder weichlich sein will, übertrumpft man sich gegenseitig in einem immer starreren Rigorismus und Rubrizismus. Da man keinesfalls eine Nähe zur Sünde will, meidet man auch die Nähe zum Sünder."
    Wenn das nicht eine Anmache an die Adresse der konservativen Katholiken ist, weiß ich auch nicht mehr. Ein Argument ist es sicher nicht. Die Nähe zum Sünder meiden? Dann müsste ich alle Spiegel aus meiner Wohnung entfernen und meiner Frau aus dem Wege gehen. Denn, wir sind ja alle Sünder, gell? Das ist, tut mir leid, billige Polemik und durch nichts zu rechtfertigen. Vielleicht bin ich ja pathologisch vorbelastet, eine Unterschrift würde ich dennoch verweigern.

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  8. Aus den Kommentaren auf Cathwalk:
    "Endlich, endlich, endlich! Wie wunderbar, dass es unter den Bloggern und konservativen Kommentatoren auch noch solche gibt, die wahrhaft katholisch sind!"

    oder der: "Danke für Ihren „Weckruf! Sie sprechen mir aus dem Herzen. Ein großer Wurf, wahrhaft römisch-katholisch."

    Ich bin von schlichtem Gemüt, man möge es mir nachsehen. Ich lese: Wahrhaft katholisch ist nur der, der seine Unterschrift unter dem Weckruf setzt. Da muss ich leider draußen bleiben, denn ich habe nicht unterschrieben. Obwohl sich die Verfasser des Weckrufes ganz klar davon distanzieren anderen den Glauben abzusprechen, schalten sie solche Kommentare frei. Ich stelle schmerzlich fest: Wer heute etwa unter ihrem Selbstverständnis nach romtreuen Katholiken Amoris Laetitia in einigen Punkten zumindest als fragwürdig erscheint, muss befürchten, von seinen Glaubensgeschwistern den Glauben abgesprochen zu bekommen. Das weise ich entschieden zurück.
    Mit Unterschrift

    Gerd Franken

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  9. Zunächst mal bitte ich um Nachsicht für die späte Kommentierung (auf die zugegebenermaßen wohl auch niemand ungeduldig gewartet hat), aber das Thema finde ich so spannend, dass ich der Hinzufügung meines Senfes denn doch nicht entraten wollte.

    Unser Gemeindepfarrer, ein ebenso strenger wie wunderbarer Liturgiker, der über die Jahre zu so etwas wie einem persönlichen Freund geworden ist - soweit so etwas überhauot möglich ist bei einem Engländer aus der Mittelschicht -, dieser Gemeindepfrarrer also, ist ein glühender Bewunderer von Kardinal Burke. Er ist vor zwei Jahren eigens nach Rom gefahren, um Burke predigen zu hören, auf die Papstmesse hat er hingegen damals verzichtet. Ich erwähne das eingangs, um klarzumachen, dass es sich bei unserem Gemeindepfarrer, nennen wir ihn Father John, um einen eher konservativen Priester handelt.

    Dass Father John kein Fan von Franziskus ist (allein die Tatsache, dass da ausgerechnet ein Argentinier auf dem Petrusstuhl sitzt, ist nicht eben leicht zu verdauen für viele englische Katholiken), war von Anfang an klar. Die tiefe Abneigung aber, die dieser sehr prinzipentreue Priester gegen Franziskus hat, wurde mir erst kürzlich klar, als er, nach der 11-Uhr-Messe, zu mir sagte: "Jetzt ist er völlig durchgeknallt" ("He's gone totally bonkers now."). Der Anlass dieser Bemerkung war die Entfernung des Malteser-Großmeisters. Ich dachte zunächst, auch das sei vor allem dem Umstand geschuldet, dass es sich beim besagten Großmeister um einen Briten handelte. Aber je länger wir sprachen, desto klarer wurde mir, dass dieser noch unter Benedikt, den er verehrte, extrem romtreue Mann den derzeitigen Papst wirklich für eine Gefahr für die Kirche hält, die zum Schisma führen könnte. Ich war ehrlich schockiert, als er zum Abschluss meinte "Na, vielleicht schmeißt ihn ja jemand die Treppe runter. Das wäre dringend nötig!"

    Seitdem hat mich mal wieder die Frage umgetrieben, wie viel Gehorsam man dem eigenen Gewissen, wie viel der Kirchenlehre und wie viel letztlich dem Papst schuldet, speziell, wenn diese drei in einem nicht zu leugnenden Widerspruch zueinander stehen.

    Persönliche Abneigungen sollten jedenfalls keine Rolle spielen. Das sagte ich Father John auch (er erwartet von mir als Deutschen nichts anderes als an unhöflichkeit grenzende Direktheit, das hilft). Denn sonst wäre die Sache für mich klar: Kardinal Burkes enger Freund Ben Harnwell vom Dignitatis-Humanae-Institut ist auch ein Kumpel von Trumps alt-right-Strippenzieher Steve Bannon (ebenfalls Katholik übrigens), zwischen Burkes und Bannons Kreisen gibt es also Schnittmengen - das disqualifiziert einen Bischof in meinen Augen persönlich in erheblichem Maße.

    Das heißt aber eben NICHT, dass ich deshalb die von ihm und Meisner (den ich als aus der Diözese Köln Stammender ebenfalls nicht eben von Herzen liebe) und den anderen Kardinälen formulierten Fragen deshalb automatisch verdamme. Sie sind legitim und harren noch immer der Antwort. Das macht es so schwer für mich, einen Heiligen Vater, für den ich viel persönliche Sympathie empfinde, aus voller Überzeugung zu verteidigen.

    Kurz: Ich könnte mich zu so einer Unterschrif nicht durchringen, zumal so ein "Weckruf" dem Kirchevolk ein Mitspracherecht vorgaukelt, das es nicht hat, und das ihm nebenbei bemerkt auch nicht zusteht.

    Was die Dubia aber vor allem, hier in meinem kleinen Londoner Sprengel ebenso wie in der weiten Welt, mal wieder besonders ins Licht gerückt haben, ist eine Sollbruchstelle in der Kirche, die immer weiter aufklafft. Ich bete darum, dass der Heilige Geist sich auf alle Beteiligten senken möge.

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