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Dienstag, 22. November 2016

Warum der Schuh beim Gehen enger wird


Neulich war ich mit meiner Liebsten in einem Fachgeschäft für Outdoor- und Trekking-Bedarf. Nicht etwa, dass wir schon wieder unsere nächste große Pilgerreise planen; die kommt zwar bestimmt, aber dafür wird die für den diesjährigen Jakobsweg angeschaffte Ausrüstung wohl noch vorhalten. Nein, meine Liebste wollte sich bloß einen Wintermantel kaufen. Genauer gesagt hatte sie ihn bereits online bestellt und zum Abholen in die Filiale liefern lassen. 

Am Info-Schalter, an dem meine Liebste ihren Mantel in Empfang nehmen wollte, prangte ein Veranstaltungshinweis: In ein paar Wochen findet in dem Laden eine Buchvorstellung statt. Christine Thürmer spricht über ihr Buch "Laufen. Essen. Schlafen." Inhalt des Buches laut Titel-Unterzeile: "Eine Frau, drei Trails und 12.700 Kilometer Wildnis."
"Das ist wahrscheinlich ein wesentlich besseres Buch als alle handelsüblichen Bestseller über den Jakobsweg", meinte meine Liebste. Diese Einschätzung überraschte mich, und ich fragte sie, was sie dazu veranlasse, das zu vermuten.
"Weil es um existenzielle Erfahrungen beim Wandern geht", erklärte sie, "und nicht um spirituelle Erfahrungen beim Pilgern - beschrieben von Leuten, die den Unterschied dazwischen nicht kennen beziehungsweise nicht verstehen."

Das schien mir ein recht schlüssiger Gedanke, aber ich blieb dennoch skeptisch gegenüber der Qualität des Buches. "Ich schau mal, ob man da mal einen Blick rein werfen kann", sagote ich, denn der Outdoor- und Trekking-Laden hatte eine ziemlich umfangreiche Bücher-Abteilung. Überraschend umfangreich für mein Empfinden. Das Buch von Christine Thürmer fand ich darin jedoch nicht. Dafür allerlei anderen Kram aus dem Gesamtbereich "Spiritualität und Gedöns".




"Wie kommt es eigentlich", sagte ich zu meiner Liebsten, die inzwischen ihren neuen Mantel anprobiert hatte, "dass es in einem Laden für Wanderbedarf zwar Bücher vom Dalai Lama und auch sonst so allerlei über Buddhismus und Co. gibt, aber nichts Christliches -- nicht mal sowas wie Anselm Grün?" 

"Das liegt wohl daran", meinte sie, "dass das moderne Trekking-Wesen in der Hauptsache von den Hippies erfunden wurde." 

"Sicher", beharrte ich, "aber was ist denn mit den christlichen Hippies?" 

"Die gibt es nicht", erwiderte meine Liebste (in einem Tonfall, der zu erkennen gab, dass das nicht ihre Ansicht, sondern die unterstellte Ansicht der Betreiber von Fachgeschäften für Hippiebedarf ausdrücken sollte). "Die hat es noch nie gegeben." 

"Doooch, wohl hat es die gegeben!", widersprach ich. "Wobei, okay, die meisten von denen sind wohl in irgendwelchen para-christlichen Sekten gelandet oder Anselm Grün geworden." 

Nun aber mal im Ernst: Wo sind all die christlichen Hippies hin, wo sind sie geblie-hie-ben? Na ja, zum Teil wahrscheinlich bei Freakstock. Müsste ich wohl auch mal hin, zu Recherchezwecken. Aber ich wollte eigentlich gerade ernst werden. Tschullijung. Freakstock hin oder her, die großen Kirchen - und mich interessiert dabei natürlich in erster Linie die Katholische - müssen sich schon mal fragen lassen, warum sie so viele junge (oder zumindest mal jung gewesene), "alternativ" orientierte Leute, die auf der Suche nach Transzendenzerfahrungen sind, schlichtweg nicht erreichen. Was macht eigentlich die kirchliche Jugendarbeit so? Das ist als offene Frage gemeint, ich weiß tatsächlich nicht besonders viel darüber, jedenfalls längst nicht so viel, wie ich gern darüber wissen möchte. Man sage es mir bitte gleich, wenn ich mich täusche, aber kann es sein, dass die kirchliche Jugendarbeit zwar viel in Richtung sozialen und politischen Engagements unternimmt und "anbietet", aber vergleichsweise wenig Spirituelles? Könnte es sein, dass man da mal die Prioritäten überdenken müsste? 

Ein anderer Gedanke kam mir etwas später, und da weiß ich nun auch nicht, wie ich damit umgehen soll. Es erscheint nämlich durchaus plausibel, dass der christliche Glaube gerade für die viel beschriebene Generation Maybe erheblich sperriger ist als spirituelle Konzepte aus fernöstlicher Tradition. Der Glaube an Jesus Christus verlangt und bedingt, an eine ganze Menge anderer Dinge nicht zu glauben. Man kann durchaus montags und mittwochs Buddhist sein und dienstags und donnerstags was Anderes, das stört Buddha nicht sonderlich. Christsein hingegen verlangt eine Entscheidung

Man sollte aber wohl die Hoffnung nicht aufgeben, dass der Generation Maybe das habituelle Zurückscheuen vor verbindlichen Lebensentscheidungen irgendwann mal selbst langweilig wird...



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