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Freitag, 1. Juli 2016

Der Heilige Geist und der eigene Vogel

Das Schreiben Iuvenescit Ecclesia der Kongregation für die Glaubenslehre "über die Beziehung zwischen hierarchischen und charismatischen Gaben im Leben und in der Sendung der Kirche", das am 14. Juni veröffentlicht wurde, hat, soweit ich es verfolgt habe, bislang noch kein allzu großes Aufsehen erregt. Für mich allerdings war es eine Offenbarung - hatte ich doch gerade erst ein paar Tage zuvor angefangen, mir Gedanken zu machen, wie man durch "Graswurzelinitiativen" etwas frischen Wind in die hierzulande oft doch etwas müde, satt und spießig wirkende katholische Kirchenlandschaft bringen könnte. Irgendwas mit Suppe, Fahrradreparatur und Punkrock, war so in etwa der Stand meiner Überlegungen, ehe ich das Schreiben der Glaubenskongregation las. Das ist zwar - obwohl ich nicht das Charisma der Fahrradreparatur besitze - im Großen und Ganzen immer noch das, was ich mir vorstelle, aber für den theoretischen Über- und Unterbau hat die Lektüre von Iuvenescit Ecclesia doch eine ganze Menge geleistet. 

Unter anderem hat mich dieses Schreiben wesentlich dazu veranlasst, meine Einstellung zum Adjektiv "charismatisch" zu überdenken. Dass dieser Begriff sich im Kontext der Katholischen Kirche nicht ausschließlich oder zwangsläufig auf Gruppierungen bezieht, deren Mitglieder zu uncooler Musik entrückt mit den Armen wedeln, in Zungen reden und live vor Publikum Dämonen austreiben, wusste ich zwar im Prinzip schon vorher, aber Dinge, die man "im Prinzip" schon weiß, haben es ja häufig an sich, dass man erst mal mit der Nase draufgestoßen werden muss, ehe man sie sich wirklich bewusst macht. 

In Iuvenescit Ecclesia wird umfassend ausgeführt, dass der Begriff der Charismen im biblischen Sinne nicht allein "außergewöhnliche Gaben (der Heilung, der Wunderkräfte, der Zungenrede)" (IE 6) umfasst, sondern ganz allgemein solche Gaben für den Dienst an der Kirche, die "der Heilige Geist [...] jedem zuteilt, wie er will" (IE 8, vgl. 1 Kor 12,11) - im Unterschied zu den hierarchischen Gaben, die durch das Weihesakrament und unter Wahrung der Apostolischen Sukzession verliehen werden. Dabei legt das Schreiben der Glaubenskongregation größten Wert darauf, dass hierarchische und charismatische Gaben nicht in Konkurrenz oder Rivalität zueinander stehen, sondern einander vielmehr ergänzen und bedingen.

Besonderes Augenmerk richtet das Schreiben auf die Rolle geistlicher Gemeinschaften und Bewegungen in der Kirche und für die Kirche. In Abschnitt 17 heißt es:
"Unter den charismatischen Gaben, die vom Geist frei verliehen werden, gibt es sehr viele, die von einem Mitglied der christlichen Gemeinschaft angenommen und gelebt werden, ohne dass es dafür eine besondere Regelung braucht. Wenn es sich aber um ein Ursprungs- oder Gründungscharisma handelt, bedarf es einer spezifischen Anerkennung, damit dieser Reichtum sich in rechter Weise in der kirchlichen Gemeinschaft artikuliert und getreu in der Zeit weitergegeben wird." 
Solche charismatischen Gründungen werden vor dem Hintergrund der Feststellung, dass "[i]n unseren Tagen ist die Aufgabe, das Evangelium wirksam weiterzugeben, besonders dringend" ist (IE 1), entschieden gewürdigt: "Kirchliche Bewegungen und neue Gemeinschaften zeigen, wie ein bestimmtes ursprüngliches Charisma Gläubige versammeln und diesen helfen kann, ihre eigene christliche Berufung und ihren Lebensstand im Dienst an der kirchlichen Sendung ganz zu leben" (IE 16). Gleichzeitig wird aber auch die Notwendigkeit betont, gründlich zu prüfen, ob es sich tatsächlich um Charismen handelt, die im Dienst der Kirche stehen. Die Kriterien für die kirchliche Anerkennung charismatischer Bewegungen bzw. Gemeinschaften, die in Abschnitt 18 genannt werden, erscheinen mir so wichtig, dass ich sie hier in nur leicht gekürzter Fassung wiedergeben möchte: 
a) Primat der Berufung jedes Christen zur Heiligkeit. Jede Gemeinschaft, die aus der Teilhabe an einem echten Charisma hervorgeht, muss immer ein Werkzeug der Heiligung in der Kirche und darum der Stärkung in der Liebe und einer authentischen Ausrichtung auf die Vollkommenheit in der Liebe sein.
b) Einsatz für die missionarische Ausbreitung des Evangeliums. Die authentischen Charismen sind „Geschenke des Geistes, die in den Leib der Kirche eingegliedert und zur Mitte, die Christus ist, hingezogen werden, von wo aus sie in einen Evangelisierungsimpuls einfließen“. Auf diese Weise müssen sie [...] einen „missionarischen Elan“ bezeugen, „der sie immer mehr zu Subjekten einer neuen Evangelisierung macht“.
c) Bekenntnis des katholischen Glaubens. Jedes Charisma muss Ort der Erziehung zum Glauben in seiner Fülle sein und „die Wahrheit über Christus, die Kirche und den Menschen im Gehorsam zum Lehramt, das sie authentisch interpretiert“, annehmen und verkünden. [...]
d) Zeugnis einer wirklichen Gemeinschaft mit der Kirche. Dies beinhaltet eine „kindliche Abhängigkeit vom Papst, dem bleibenden und sichtbaren Prinzip der Einheit der Universalkirche, und vom Bischof, dem sichtbaren Prinzip und Fundament der Einheit in der Teilkirche“. Dazu gehören auch die „aufrichtige Bereitschaft, ihr Lehramt und ihre pastoralen Richtlinien anzunehmen“, sowie [...] der „Einsatz in der Katechese und die pädagogische Fähigkeit, Christen zu formen“.
e) Wertschätzung und Anerkennung anderer Charismen der Kirche in ihrer gegenseitigen Komplementarität. Daraus ergibt sich auch die Bereitschaft zur gegenseitigen Zusammenarbeit. [...]
f) Annahme von Zeiten der Erprobung in der Unterscheidung der Charismen. Weil die charismatische Gabe „die Bürde einer Neuheit im geistlichen Leben für die ganze Kirche“ mit sich bringen kann, „die auf den ersten Blick auch unbequem erscheinen mag“, zeigt sich ein Kriterium der Echtheit in der „Demut im Ertragen von Widerständen: Die rechte Beziehung zwischen einem echten Charisma, der Dimension des Neuen und dem inneren Leiden schafft einen dauernden historischen Zusammenhang zwischen dem Charisma und dem Kreuz“. [...]
g) Vorhandensein von geistlichen Früchten. Dazu gehören etwa Liebe, Freude, Friede, eine gewisse menschliche Reife (vgl. Gal 5, 22); ein „noch intensiveres Leben mit der Kirche”, ein größerer Eifer für „das Hören und die Betrachtung des Wortes Gottes”; die „erneute Freude am Gebet, an der Kontemplation, am liturgischen und sakramentalen Leben; der Einsatz für das Aufblühen von Berufungen zur christlichen Ehe, zum Priestertum, zum geweihten Leben“.
h) Soziale Dimension der Evangelisierung. Man muss anerkennen, dass das Kerygma dank des Impulses der Liebe „einen unausweichlich sozialen Inhalt“ besitzt: „Im Mittelpunkt des Evangeliums selbst stehen das Gemeinschaftsleben und die Verpflichtung gegenüber den anderen“. [...] Wichtig ist diesbezüglich „die Motivation zur christlichen Präsenz in den verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und das Schaffen und Leiten von karitativen, kulturellen und geistigen Werken; der Geist der Entsagung und der Armut im Sinn des Evangeliums zugunsten einer hochherzigeren Liebe zu allen“. Entscheidend ist auch der Bezug zur kirchlichen Soziallehre. [...]
Zu beachten ist auch, dass das Schreiben Iuvenescit Ecclesia ausdrücklich "an die Bischöfe der Katholischen Kirche" adressiert ist; somit ist es offenkundig das primäre Anliegen des Schreibens, den Vorstehern der Ortskirchen Impulse für die Zusammenarbeit mit neuen geistlichen Bewegungen bzw. Gemeinschaften zu geben. Die Bischöfe werden ermahnt, die Charismen dieser Bewegungen "mit Freude und Dankbarkeit anzunehmen, sie großherzig zu fördern und sie väterlich und wachsam zu begleiten" (IE 8); sie sollen "jene Gaben in herzlicher Offenheit annehmen, die der Geist innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft erweckt, in der Seelsorge ihnen Rechnung tragen und ihren Beitrag als echten Reichtum für das Wohl aller schätzen" (IE 20). Das finde ich prima. Der für die geistlichen Gemeinschaften zuständige Ansprechpartner in der Deutschen Bischofskonferenz, der kürzlich zum Bischof von Dresden-Meißen ernannte Heinrich Timmerevers, hat angekündigt, sich "in der zuständigen Arbeitsgruppe ausführlich mit diesem Schreiben befassen" zu wollen, und es zur "Lektüre in den Bewegungen und Gemeinschaften" empfohlen

Hervorzuheben ist übrigens, dass Iuvenescit Ecclesia sich in hohem Maße auf das II. Vatikanische Konzil bezieht - insbesondere auf die Dogmatische Konstitution Lumen Gentium. Es fällt auf, dass die Zitate aus diesem Dokument, die in Iuvenescit Ecclesia enthalten sind, und die Schlussfolgerungen, die die Autoren daraus ziehen, sich zum Teil erheblich von den Visionen bestimmter Kreise unterscheiden, die sich bevorzugt auf den "Geist des Konzils", nicht aber auf seine Dokumente berufen. So betont das Schreiben, die "Gegenüberstellung einer institutionellen Kirche jüdisch-christlicher Prägung und einer charismatischen Kirche paulinischer Art, wie sie von gewissen verkürzenden ekklesiologischen Interpretationen behauptet wurde", finde "im Neuen Testament kein Fundament" (IE 7). Entschieden verworfen werden "zweideutige theologische Sichtweisen [...], welche eine „Kirche des Geistes“ postulieren, die von der hierarchisch-institutionellen Kirche verschieden und getrennt wäre" (IE 11). Iuvenescit Ecclesia unterstreicht entschieden die Rolle der von Christus eingesetzten kirchlichen Hierarchie als Garant der Einheit der Kirche und der Wahrheit ihrer Lehre. Daher hat die kirchliche Hierarchie auch das Recht und die Pflicht, "über die rechte Ausübung der anderen Charismen zu wachen, so dass alles dem Wohl der Kirche und der Sendung zur Evangelisierung dient" (IE 8): Da die Leute nicht unbedingt selbst in der Lage sind, ihren eigenen Vogel zweifelsfrei vom Heiligen Geist zu unterscheiden, muss im Zweifel die kirchliche Hierarchie diese Unterscheidung treffen. 

Nur einen Tag nach der Veröffentlichung des Schreibens der Glaubenskongregation erschien auf katholisch.de, der offiziellen Online-Präsenz der Katholischen Kirche in Deutschland, ein Artikel mit der Überschrift "Warum junge Leute Beichte und Anbetung mögen" - ein Interview mit Beat Altenbach SJ, dem Verantwortlichen für die Berufungspastoral der Schweizer Jesuiten; die Fragen stellte Sylvia Stam von der Katholischen Nachrichtenagentur KNA. Der Artikel liest sich durchaus interessant: Während Pater Beat hervorhebt, die junge Generation habe "eine Sehnsucht nach authentischen, sinnlichen Erfahrungen" und schätze daher die "Sinnlichkeit und Ordnung" der Liturgie, ja, sie habe ein "besonderes Bedürfnis nach dem Heiligen" und bringe diesem "eine gewisse Ehrfurcht" entgegen, macht die Interviewerin den Eindruck, diese Tendenzen in erster Linie als ein Problem zu betrachten - eine "große Herausforderung" für die "Konzilsgeneration". Schon im einleitenden Absatz werden "Anbetung, Mundkommunion, Beichte" als Formen bezeichnet, "von denen sich die Konzilsgeneration befreit [!] hatte". Und nun steht die "Konzilsgeneration" gewissermaßen mit offenem Mund da und fragt sich (betroffen und ein Stück weit fassungslos): Was ist bloß mit den jungen Leuten los? 

Ein mir aus den Sozialen Netzwerken bekannter Pastoralreferent aus dem Bistum Aachen allerdings reagierte auf diesen katholisch.de-Artikel erst einmal damit, dass er prinzipiell in Frage stellte, ob es überhaupt stimme, dass es unter jungen Menschen ein gesteigertes Interesse an Anbetung und Beichte - oder allgemeiner gesprochen an Ehrfurcht vor dem Heiligen - gebe. Seiner Auffassung nach sei das lediglich der subjektive Eindruck des Pater Beat: "Jugendstudien zeigen was Anderes." Auf meinen etwas flapsig vorgebrachten Einwand, ich wüsste nicht, wieso man Jugendstudien mehr trauen sollte als subjektiven Eindrücken, erklärte er, er selbst habe auch seine subjektiven Eindrücke, und diese seien "komplett gegenteilig". Deshalb - weil subjektive Einschätzungen zu so gegensätzlichen Ergebnissen kämen - brauche man Jugendstudien, "um mehr Aussagekraft zu bekommen". Ich bestritt das: "Ich sehe nicht ein, wieso Studien mehr Aussagekraft haben sollten als subjektive Eindrücke. Der einzelne Mensch wäre mir prinzipiell immer wichtiger als die Statistik." Mein Kontrahent stimmte mir zu: "Mir auch. Deswegen bin ich Seelsorger geworden." Der Punkt, an dem wir uns nicht verstanden bzw. nicht einig wurden, war damit aber natürlich noch nicht ausgeräumt, also präzisiere ich hier und jetzt mal, was ich meinte: Wenn subjektive Einschätzungen zu unterschiedlichen, ja geradezu gegensätzlichen Ergebnissen führen, kann das zum Teil am Wahrnehmungsfilter dessen liegen, der diese Einschätzung vornimmt; es kann (und wird sehr wahrscheinlich) aber auch einfach an der unterschiedlichen empirischen Basis dieser Wahrnehmung liegen, also daran, dass jeder in seinem persönlichen Erfahrungsbereich einen unterschiedlichen Ausschnitt aus der Realität zu sehen bekommen wird. Dann aber sind die jeweiligen Wahrnehmungen, auch wenn sie gegensätzlich sind, jeweils für sich genommen dennoch wahr - und im Zweifel wahrer als eine statistische Auswertung. Wenn alle Teilnehmer einer Untersuchungsreihe im Durchschnitt 1,76 m groß sind, heißt das nicht zwangsläufig, dass auch nur ein einziger Teilnehmer tatsächlich exakt 1,76 m groß ist. Die Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, von denen Pater Beat Altenbach spricht, gibt es. Jugendliche und junge Erwachsene, die sich für Eucharistische Anbetung begeistern, waren z.B. auch beim Nightfever im Rahmen des Katholikentags in Leipzig in großer Zahl anzutreffen. Wenn die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, mit denen mein besagter Social-Media-Bekannter in seiner Seelsorgetätigkeit zu tun hat, anders drauf sind, dann braucht er für diese sicherlich andere Konzepte; man könnte auch sagen: ein anderes Charisma. Denn nach der Lektüre von Iuvenescit Ecclesia bin ich geneigt zu sagen, der Sinn und Wert unterschiedlicher Charismen liege nicht zuletzt darin, diejenigen, denen sie verliehen sind, zu befähigen, unterschiedliche "Zielgruppen" anzusprechen. Ob die eine Gruppe aber nun statistisch größer ist als die andere, würde ich erst mal für eher nebensächlich halten.

Mich persönlich jedenfalls haben gerade die Erfahrungen mit dem Format Nightfever - ob nun in Leipzig oder in Berlin - davon überzeugt, dass es ein enormes Potential gibt, (nicht nur, aber besonders) junge Menschen, die "ein besonderes Bedürfnis nach dem Heiligen", eine Sehnsucht nach Spiritualität haben - die eine Antwort auf diese Sehnsucht aber von sich aus nicht unbedingt in der Katholischen Kirche suchen würden - , an Dinge wie Beichte, Stundengebet und Eucharistische Anbetung heranzuführen. Um dieses Potential auszuschöpfen, braucht es aber unkonventionelle Herangehensweisen - die durchaus auch etwas mit Suppe, Fahrradreparatur und Punkrock zu tun haben können. In diese Richtung möchte ich etwas unternehmen - nach den Sommerferien, gemeinsam mit meiner Liebsten.

Wie wichtig es ist, hier Eigeninitiative zu zeigen - aber auch, mit was für Hindernissen man dabei rechnen muss -, wurde mir erst kürzlich mal wieder deutlich, als mir zugetragen wurde, im "Sachausschuss Liturgie" eines ungenannten Pfarrgemeinde- oder vielleicht auch Diakonatsrats sei die Idee aufgetaucht: "Wir können doch auch mal sowas wie Nightfever machen - aber ohne das mit der Hostie".

Da hat ja wohl jemand überhaupt nichts kapiert.


Kommentare:

  1. zu h): Wieso muß die "soziale Dimension", die gewiß im Glauben als ganzem enthalten ist, in jedem einzelnen Charisma enthalten sein?

    Was ist dann mit dem Einsiedler, der für die Gesamtkirche lediglich betet, aber auch das nur sehr nachrangig macht und hauptsächlich Gott lobt und preist?

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    1. In dem betreffenden Abschnitt ist explizit die Rede von "charismatischen Gaben in Bezug auf kirchliche Vereinigungen". Ich glaube nicht, dass das den Einsiedler betrifft. Gründete er eine Vereinigung, wäre er ja kein Einsiedler mehr.

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  2. Hier gab´s vor kurzem ein "Late night shopping" und dazu parallel ein late nicht praying, mit offener Kirche, Illuminationen, Kerzen und einem anwesenden Priester (für Gespräche, Beichte?) - allerdings ohne das Ding mit der Hostie. Ich hab´s ja lieber mit Monstranz - aber gelungen war das Projekt auch.

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