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Freitag, 15. Juli 2016

Nachrufe sind auch nicht mehr das, was sie mal waren

Es wird einfach zuviel gestorben. Das ist ein Gedanke, der im Jahr 2016 wohl schon so Manchem durch den Kopf gegangen sein mag. Im laufenden Kalenderjahr wurden bereits Pierre Boulez, David Bowie, Alan Rickman, Glenn Frey ("The Eagles"), Lord George Weidenfeld, Paul Kantner ("Jefferson Airplane"), Maurice White ("Earth, Wind & Fire"), Roger Willemsen, Boutros Boutros-Ghali, Umberto Eco, Peter Lustig, Nikolaus Harnoncourt, Nancy Reagan, Keith Emerson ("Emerson, Lake & Palmer"), Guido Westerwelle, Johan Cruyff, Hans-Dietrich Genscher, Prince, Margot Honecker, Muhammad Ali, Götz George, Bud Spencer, Michael Cimino und Elie Wiesel - um nur einige zu nennen - von der Erde abberufen. Zuletzt meldeten die Medien kurz nacheinander den Tod zweier noch junger TV-Moderatorinnen - und mit "noch jung" meine ich "nur wenig älter als ich". Jana Thiel, bekannt als Sportmoderatorin beim ZDF-Morgenmagazin, wurde 45 Jahre alt, Miriam Pielhau ("taff" u.a.) sogar nur 41 Jahre. Beide hatten Krebs. 


Da ich kaum fernsehe und mich weder für Sport noch für Lifestyle-Magazine sonderlich interessiere, verbinde ich mit den beiden letztgenannten Namen nicht sehr viel. Dennoch kann ich die große öffentliche Anteilnahme an ihrem Tod durchaus nachvollziehen - besonders angesichts ihres Alters. Todesfälle in ungewöhnlich jungen Jahren wirken einfach besonders verstörend. "Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig" - dieses Psalmwort (Psalm 90,10) hat, auch wenn die Zahlenangaben hierzulande in Hinblick auf die Entwicklung der durchschnittlichen Lebenserwartung wohl leicht nach oben zu korrigieren wären, im Großen und Ganzen nach wie vor seine Berechtigung. Stirbt ein Mensch im hohen Alter, werden diejenigen, die den Verstorbenen geschätzt oder geliebt haben, zwar wohl den Verlust betrauern, können aber Trost darin finden, dass das Leben des Menschen nun einmal endlich ist und der Moment des Abschieds früher oder später kommen musste. Stirbt ein Mensch erheblich früher, wird die Trauer verstärkt durch das dumpfe Gefühl, der Verstorbene sei gewissermaßen um ein Stück Lebenszeit betrogen worden, das ihm vermeintlich zugestanden hätte. Dass die Nachricht vom Tod relativ junger Menschen - ob es nun Prominente waren oder einfach Namen, über die man zufällig in den Todesanzeigen in der Lokalpresse stolpert - häufig auch Menschen tief betroffen macht, die zu den Verstorbenen gar keine besondere Beziehung hatten, hat sicher auch damit zu tun, dass solche Todesfälle einen unvermittelt an die eigene Sterblichkeit erinnern - etwas, woran man nicht gern denkt

Der Tod Miriam Pielhaus ist noch einmal besonders traurig dadurch, dass sie eine vierjährige Tochter hinterlässt. -- Jemand, der Miriam Pielhau persönlich kannte, ist der Comedian Oliver Kalkofe. "Wir kannten uns viele Jahre und haben zahlreiche lustige und schöne Stunden miteinander verbracht und uns immer gefreut, wenn sich unsere Wege wieder einmal kreuzten, ob nun beruflich oder privat", schreibt er auf Facebook. "Trotz ihrer Krebsdiagnose vor ein paar Jahren hat sie nie aufgegeben und immer weiter gekämpft - und nicht nur ich dachte wohl, sie hätte diesen Kampf auch gewonnen. Heute müssen wir wieder einmal lernen, dass der Krebs ein feiges Arschloch ist, keine Fairness kennt und keine Gerechtigkeit." 

Wenngleich ich an einigen von Kalkofes Ansichten und seiner Art, sie zu äußern, Mancherlei zu kritisieren habe, will ich ihm in seine Trauer - an deren Aufrichtigkeit zu zweifeln ich keinen Grund sehe - nicht hineinreden. Über 18.000 Facebook-"Likes" machen zudem deutlich, dass er nach Auffassung vieler Menschen die richtigen Worte gefunden hat. Aber etwas an dem zuletzt zitierten Satz finde ich über den konkreten Anlass hinaus denkwürdig - nämlich die Art, wie hier eine Krankheit personifiziert wird. Krebs, du Arschloch. Ähnliches liest man durchaus öfter in Trauerbekundungen, wenn jemand an Krebs gestorben ist. Ich will das nicht tadeln, aber mir scheint doch, dass daraus das Bedürfnis spricht, jemandem die Schuld an dem betrauerten Todesfall geben zu können. Wenn etwas Schlimmes passiert, dann muss doch jemand schuld daran sein. Es kann doch nicht sein, dass so etwas "einfach so" passiert. Bezeichnend sind auch einige der Nutzerkommentare unter Kalkofes Statement. "Da frage ich mich immer wieder", schreibt jemand, "was wäre, wenn wir all die Gelder und Kapazitäten, die wir jetzt in Rüstung und Entwicklung noch 'besserer' Waffen stecken, in medizinische Forschung, Frühentdeckung und bessere Bekämpfung von Erkrankungen wie Krebs etc. investieren würden." Mit anderen Worten: Es darf doch nicht sein, dass es in unserer hochentwickelten Zivilisation immer noch tödliche Krankheiten gibt. Und wenn es sie doch gibt, dann muss jemand schuld daran sein. Am besten dieselben Leute, die auch sonst nichts als Not und Elend über die Menschheit bringen. Also zum Beispiel die Leute, die Waffen produzieren. 

Kalkofe gibt in seinem Statement keinem Menschen die Schuld, aber dafür spricht er über den Krebs, als wäre dieser eine Person. Beim Lesen dieses Satzes beschlich mich unvermittelt das Gefühl, dass Kalkofe, wenn er den Krebs anklagt, bewusst oder unbewusst eigentlich Gott meint. Dass GOTT ein feiges Arschloch ist, keine Fairness kennt und keine Gerechtigkeit. Einige Facebook-Nutzer, die sein Posting kommentierten, hatten anscheinend ähnliche Assoziationen. "Das Leben ist nicht fair!", klagt einer. "Und deswegen kann ich auch nicht an irgendeinen Gott glauben, der einem kleinen Kind die Mutter nimmt..." - "Es gibt keinen", bekräftigt ein Anderer, "keinen lieben Gott, keinen der zuhört wenn man die Hände faltet und zum Himmel spricht. Über uns gibt es das Universum, sonst nichts..." 

Nun, wenn das tatsächlich so wäre - wenn über uns nur das Universum wäre, sonst nichts -, dann gäbe es allerdings auch niemanden, bei dem man sich beklagen bzw. den man anklagen könnte. Dann gäbe es niemanden, der "einem kleinen Kind die Mutter genommen" hat - dann wäre eine tödliche Krebserkrankung etwas ganz Natürliches, ein rein biologischer Vorgang, der auf die Lebensumstände dessen, den sie trifft, und die Gefühle der Hinterbliebenen keine Rücksicht nimmt. Das Universum ist gleichgültig. 

Das will aber offenkundig kaum jemand ernsthaft glauben, jedenfalls nicht im Moment der Trauer und der Wut, die einen Ansprechpartner braucht. Gott anzuklagen und gleichzeitig zu bekunden, man glaube nicht an Ihn, ist ein offenkundiger Widerspruch: Sich von Gott abzuwenden, weil Er nicht das tut, was man von Ihm erwartet oder wünscht, ist auch eine Form von Glauben - zwar kein Glauben AN Gott im religiösen Sinne, aber doch der Glaube, dass da irgendwo ein Gott sein müsse, den man verantwortlich machen kann. Und weil man wütend auf Ihn ist, weil Er das Schlimme zugelassen hat, mit dem man hadert, versucht man Ihn zu bestrafen, indem man verkündet, man glaube nicht an Ihn. 

Miriam Pielhau selbst hat das übrigens anders gesehen. Noch vor wenigen Wochen hat sie dem Radiosender FFH ein Interview gegeben, in dem sie über ihre Krebserkrankung sprach - und über ihren Glauben an Gott. Dieser Glaube, so erklärte sie, habe ihr in der Krankheit große Kraft gegeben: "Ich habe dann häufig das Zwiegespräch mit Gott gesucht. Manchmal auch stirnrunzelnd, weil ich fand, dass das, was in den vergangenen Jahren passiert war, eigentlich schon genug war." Das Hadern mit Gott ist etwas, das auch und gerade gläubige Menschen sehr wohl kennen - das sieht man schon im Alten Testament, beispielsweise in einigen Psalmen (etwa Psalm 10, 13, 2274, 77 und 88) und ganz besonders im Buch Ijob. Aber gerade dieses Buch lehrt auch: "Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?" (Ijob 2,10). Wie die evangelikale Nachrichtenagentur idea berichtet, hat Miriam Pielhau schon nach ihrer ersten Krebserkrankung in einer Fernsehsendung erklärt: "Der liebe Gott hatte einen anderen Plan mit mir und wollte, dass ich das durchkämpfe und dann zu dem Menschen werde, der ich heute bin." 

Nun ist sie aber doch am Krebs gestorben. Heißt das, dass Gott sie betrogen, im Stich gelassen hat? Mancher mag es so sehen, aber ich bezweifle, dass sie selbst es so gesehen hat. Ihre eigenen Aussagen über ihre Krankheit und über ihren Glauben an Gott machen auf mich vielmehr den Eindruck, dass dieser Glaube für sie nicht nur eine Stütze in der Krankheit war, sondern dass umgekehrt auch ihre Krankheit ihren Glauben gestärkt hat. Für Skeptiker mag es schwer zu verstehen und noch schwerer zu akzeptieren sein, aber es ist ein bei gläubigen Menschen nicht selten zu beobachtendes Phänomen, dass ihr Glaube gerade durch Leiden wächst und reift. Und ein solcher gereifter Glaube kann Menschen dann auch dazu befähigen, ihr Leben ganz in Gottes Hände zu legen und es schließlich auch klaglos zu akzeptieren, wenn Gott das Leben, das Er ihnen gegeben hat, wieder von ihnen zurückfordert.

Großes Aufsehen - zumindest im "katholischen Internet" - erregte vor einigen Wochen der Tod einer argentinischen Nonne: Schwester Cecilia Maria vom Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen in Santa Fé starb am 22. Juni im Alter von 43 Jahren an Lungenkrebs. Was diesen Todesfall so bemerkenswert machte, waren die Fotos aus den letzten Lebenstagen der Ordensfrau, die um die Welt gingen. Denn auf allen diesen Fotos lächelt sie - mehr noch, ihr Gesicht scheint geradezu von innen heraus zu leuchten. Sie sieht auf diesen Bildern ganz und gar nicht aus wie eine todkranke Frau; sie wirkt heiter, gelassen, ja sogar glücklich. Infolge ihrer Krankheit konnte Schwester Cecilia Maria schon seit einigen Monaten nicht mehr sprechen und kommunizierte daher mit Hilfe schriftlicher Notizen; zu ihren letzten Äußerungen gehörten die Sätze: "Ich bin sehr zufrieden - überwältigt von dem Wirken Gottes durch das Leiden und davon, dass so viele Menschen für mich beten."

Diese heitere Gelassenheit im Angesicht des Todes ist bewegend und beeindruckend, aber es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn es auf die Veröffentlichung dieser Bilder und ihrer Geschichte auch negative, sogar wütende Reaktionen gegeben hätte. Denn für Nichtgläubige, für die es keine Hoffnung über den Tod hinaus gibt, stellen Menschen wie Schwester Cecilia Maria eine massive Provokation dar.

Damit soll nicht gesagt sein, dass der Glaube an Gott zuverlässig und unbedingt die Angst vor dem Tod ausschaltet. Vor dieser Angst ist niemand gefeit - selbst Heilige nicht. Bei tief gläubigen Menschen äußert sich die Todesangst zuweilen als eine spezifische Form des Glaubenszweifels: Was, wenn ich mich getäuscht habe? Wenn alles umsonst war? Wenn ich mein Leben einer Illusion gewidmet habe, und nun ist alles vorbei? -- Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., erinnerte in seiner Einführung in das Christentum an die Hl. Thérèse von Lisieux - "die liebenswerte, scheinbar so naiv-unproblematische Heilige", "die scheinbar in ungefährdeter Sicherheit Geborgene" -, die kurz vor ihrem Tod von schweren Zweifeln heimgesucht wurde:
"»Die Gedankengänge der schlimmsten Materialisten drängen sich mir auf«. Ihr Verstand wird bedrängt von allen Argumenten, die es gegen den Glauben gibt; das Gefühl des Glaubens scheint verschwunden, sie erfährt sich »in die Haut der Sünder« versetzt. Das heißt: In einer scheinbar völlig bruchlos verfugten Welt wird hier jählings einem Menschen der Abgrund sichtbar". 
Man könnte sagen, diese Form der Todesangst sei der letzte Trumpf, den der Teufel ausspielt, um noch im allerletzten Moment Gott eine Seele zu entreißen, die bereits auf dem Weg zu Ihm ist. Nicht umsonst kennt die Katholische Kirche spezielle Schutzpatrone gegen die Todesangst und Gebete um Beistand in der Todesstunde; nicht umsonst wird im Ave Maria, einem der gängigsten Gebete der katholischen Christenheit, gebetet: "Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes". Und auch in der Komplet, dem Abendgebet der Kirche, beten wir nicht nur um eine ruhige Nacht, sondern auch um ein gutes Ende.


Kommentare:

  1. Muß sein:

    Aber dieses breitere, abenteuerlichere christliche Universum hat ein letztes Kennzeichen, das schwierig auszudrücken ist; doch als Abschluß dieser ganzen Angelegenheit will ich versuchen, es auszudrücken. All die ernstzunehmenden Kritikpunkte an der Religion betreffen die Frage, ob ein Mensch, der verkehrtherum geboren wurde, feststellen kann, wann er wieder richtigherum gedreht worden ist. Das ursprüngliche Paradox des Christentums ist, daß die gewöhnlichen Umstände der Lage des Menschen nicht die gesunden oder sinnvollen oder sinnvollen sind; daß das Normale selbst abnormal ist. Dies ist zuinnerst die Philosophie vom Sündenfall.

    In dem interessanten neuen Katechismus von Sir Oliver Lodge waren die ersten beiden Fragen: „Was bist du?“ und „Was ist dann der Sündenfall?“ Ich amüsierte mich (erinnere ich mich) sehr dabei, meine eigenen Antworten auf die Fragen hinzuschreiben, aber ich fand bald heraus, daß es sehr zerbrochene und agnostische Antworten waren. Auf die Frage „Was bist Du?“ konnte ich nur antworten „was weiß ich; das weiß Gott allein“. Und auf die Frage „Was bedeutet 'Sündenfall'“ konnte ich in vollem Ernst antworten: „Daß ich, was immer ich auch sei, jedenfalls nicht ich selbst bin.“ Dies ist das erste Paradox unserer Religion; etwas, das wir nie in irgendeinem vollständigen Sinne gekannt haben, ist nicht nur besser als wir, sondern sogar unserer Natur mehr entsprechend als wir. Und es gibt keine Prüfung dafür, außer die bloß vorgestellte, mit der diese Seiten begannen, die von der Gummizelle und der offenen Tür. Erst seit ich die Orthodoxie kenne, kenne ich den geistigen Befreiungsschlag. Aber zusammengefaßt hat das eine spezielle Anwendung, und zwar auf die ultimative Idee der Freude.

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  2. Man sagt, das Heidentum sei eine Religion der Freude und das Christentum eine des Leids; grad so gut könnte man sagen, das Heidentum sei reines Leid und das Christentum reine Freude; diese Konflikte bedeuten nichts und führen zu nichts. Jeder Mensch muß in sich sowohl Freude als auch Leid haben; interessant ist nur, wie die zwei Dinge ausbalanciert und verteilt sind. Und das wirklich Interessante ist folgendes: Der Heide war (im großen und ganzen) freudiger und umso freudiger, je mehr er sich der Erde näherte, aber trauriger und umso trauriger, je mehr er sich dem Himmel näherte. Die Fröhlichkeit des Heidentums in Bestform, wie in dem spielerischen Wesen eines Catull oder Theokrit, ist in der Tat eine ewige Fröhlichkeit, die eine dankbare Menschheit nie vergessen soll oder wird. Aber es ist eine Fröhlichkeit über die Tatsachen des Lebens; nicht über seinen Ursprung. Dem Heiden sind die kleinen Dinge süß wie die kleinen Steinchen, die aus dem Berg ausbrechen, aber die weitläufigen Dinge so bitter wie das Meer. Wenn der Heide in den Kern des Universums blickt, ist er mit Kälte geschlagen. Hinter den Göttern, die bloß despotisch sind, hocken die Schicksale, die tödlich sind. Nein, die Schicksale sind schlimmer als tödlich; sie sind tot.

    Und wenn die Rationalisten sagen, daß die antike Welt aufgeklärter war als die christliche, haben sie von ihrem Standpunkt aus ganz recht. Denn wenn sie „aufgeklärt“ sagen, meinen sie verdunkelt mit unheilbarer Verzweiflung. Es ist gänzlich richtig, daß die antike Welt moderner als die christliche war. Das Band, das ihnen gemeinsam ist, ist daß die Alten und die Modernen gleichermaßen unglücklich über die Existenz, über Alles, waren, während die Leute im Mittelalter von allen Dingen wenigstens darüber froh waren.

    Ich gestehe frei zu, daß die Heiden wie die modernen nur über Alles unglücklich waren – sie mögen ganz vergnügt über alles andere gewesen sein. Ich gestehe zu, daß die Christen des Mittelalters nur mit Allem im Frieden waren – sie waren im Krieg mit allem anderen. Aber wenn wir unser Augenmerk richten auf den primären Angelpunkt des Kosmos, dann gab es mehr kosmische zufriedenheit in den engen und blutgetränkten Gassen von Florenz als im Theater von Athen oder dem offenen Garten Epikurs. Giotto lebte in einer düsteren Stadt als Euripides, aber in einem fröhlicheren Universum.

    Die Menschen sind mit Masse gezwungen gewesen, fröhlich über die kleinen Dinge zu sein, aber traurig über die großen. Nichtsdestoweniger (so stelle ich trotzig mein letztes Dogma auf) ist es beim Menschen nicht vorgesehen, daß das so ist. Der Mensch ist mehr er selbst, der Mensch ist menschlicher, wenn die Freude in ihm das Grundlegende und die Trauer das Oberflächliche ist. Die Melancholie sollte ein unschuldiges Zwischenspiel, eine zarte und flüchtige Geisteshaltung sein; Lobpreis der andauernde Puls der Seele. Pessimismus ist bestenfalls ein emotionaler Halb-Urlaub; die Freude die aufrührerische Arbeit, von der alle Dinge leben.

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  3. Aber gemäß dem anscheinenden Zustand des Mannes, wie ihn der Heide oder der Agnostiker sieht, kann dieses primäre Bedürfnis der menschlichen Natur nie erfüllt werden. Die Freude sollte von ausdehnender Art sein, aber beim Agnostiker muß sie konzentriert werden, muß sich an eine Ecke der Welt klammern. Die Trauer sollte von konzentrierter Art sein, aber beim Agnostiker wird ihre Wüstenei in eine undenkbare Ewigkeit hinein verbreitet. Und dies ist, was ich „verkehrtherum geboren werden“ nenne. Vom Skeptiker sagt man mit recht, er kehre das Unterste zuoberst, denn seine Füße tanzen nach oben in müßigen Extasen, während sein Hirn im Abgrund ist. Dem modernen Menschen sind die Himmel genaugenommen unter der Erde. Die Erklärung ist einfach: er steht auf dem Kopf, und das ist ein recht schwaches Standbein. Aber wenn er seine Füße wiedergefunden hat, wird er es wissen.

    Das Christentum befriedigt plötzlich und vollkommen den uralten Instinkt des Menschen, richtigherum zu hängen; befriedigt ihn vor allem darin, daß durch seinen Glauben die Freude etwas Gigantisches und die Trauer etwas Spezielles und Kleines wird. Das Verlies über uns ist nicht taub, weil das Universum ein Idiot sei; die Stille nicht die herzlose Stille einer endlosen und ziellosen Welt. Vielmehr ist die Stulle um uns herum eine kleine, bemitleidenswerde Stille wie die plötzliche Stille in einem Krankenzimmer. Man gestattet uns vielleicht die Tragöde als eine Art barmherzige Komödie: denn die fieberhavte Energie der göttlichen Dinge uns wie eine betrunkene Farce niederschlagen würde. Wir können mit unseren Tränen besser umgehen als mit der ernormen Unbeschwertheit der Engel. So sitzen wir vielleicht in einer sternenbesäten Kammer der Stille, und das Gelächter des Himmels ist so laut, daß wir es nicht hören.

    Die Freude, die die kleine öffentliche Sache des Heiden war, ist das gigantische Geheimnis des Christen. Und sowie ich diesen chaotischen Band abschließe, öffne ich erneut das seltsame kleine Buch, als dem das Christentum kam; und mich beschleicht eine Art Bestätigung. Die enorme Figur, die die Evangelien füllt, erhebt sich in dieser Beziehung wie in jeder anderen über alle die Denker, die jemals sich für groß gehalten haben. Sein Pathos war natürlich, fast schon léger. Die Stoiker, die antiken wie die modernen, sind stolz darauf, ihre Tränen zu verbergen. Er verbarg seine Tränen nie, er zeigte sie bereitwillig auf seinem offenen Gesicht bei jedem alltäglichen Anblick, wie z. B. dem Anblick seiner Heimatstadt aus der Weite [gemeint ist Jerusalem, nicht wirklich Heimatstadt, aber gut]. Doch er verhüllte etwas.

    Feierliche Übermenschen und koloniale Diplomaten sind stolz darauf, ihren Zorn im Zaume zu halten. Er hielt seinen Zorn nie im Zaum. Er schmiß Möbelstücke die Vordertreppen des Tempels hinunter und fragte Menschen, wie sie denn glaubten, der Verdammnis der Hölle entrinnen zu können. Doch er verhüllte etwas.

    Ich sage es mit Ehrfurcht: es gab in dieser umwerfenden Persönlichkeit einen Zug, den man wohl Schüchternheit nennen muß. Es gab etwas, daß er vor allen Menschen versteckte, wenn er auf einen Berg ging, um zu beten. Es gab etwas, daß er dauernd durch abruptes Schweigen und ungestüme Isolation überdeckte.

    Es gab etwas, daß so groß war, daß Gott es uns nicht zeigen konnte, als er auf Erden wandelte.

    Und ich habe mir manchmal gedacht, es war seine Heiterkeit.

    (G. K. Chesterton, Orthodoxy IX)

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  4. So, und nach dem kleinen Chesterton-Exzess stelle ich noch fest, daß die Komplet an dieser Stelle geradezu haarsträubend übersetzt wurde.

    Im Original heißt es: Noctem quietam et finem...

    was für finem? finem bonum? so anspruchslos? neinneinnein...

    ... finem perfectum concedat nobis Dominus omnipotens.

    "Ein vollkommenes Ende". Wer noch mehr provozieren will, kann auch ruhig "ein perfektes Ende" sagen. :-)

    In diesem Sinne: Divinum auxilium maneat semper nobiscum.

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  5. So jetzt *nochmal* Chesterton, aber diesmal ganz kurz:

    "Der Atheismus ist, nehme ich an, das Extrembeispiel des einfältigen Glaubens. Ein Mann sagt, es gebe keinen Gott; wenn er das wirklich in seinem Herzen sagt, dann ist er diese bestimmte Sorte Mensch, die in der Schrift erwähnt wird; aber jedenfalls, wenn er es gesagt hat, hat er es gesagt, und es scheint, daß es über das Thema weiter nichts zu sagen gibt. Das Gespräch wird, so scheint es höchstwahrscheinlich ermatten.

    Die Wahrheit ist, daß die Atmosphäre der Aufregung, von der der Atheist lebte, eine Atmosphäre erregten und erschütternden Gottglaubens war und überhaupt keine des Atheismus; es war eine Atmosphäre des Trotzes, nicht der Verleugnung. Unehrfurcht ist ein sehr kriecherischer Parasit der Ehrfurcht, und wo diese hungert, hungert auch jene. Nach dem ersten Gewese über die bloß ästhetischen Effekte der Blasphemie verschwindet die ganze Angelegenheit in sein eigenes Nichts. Ohne Gott keine Atheisten."

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  6. Ach ja, nochwas:

    https://www.youtube.com/watch?v=d0Mtlklmna0

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  7. Ich habe mich vor längerer Zeit ausführlich und intensiv mit dem Problem der Organspende und in diesem Zusammenhang mit dem sog. "Hirntod" befasst und darüber intensiv gelesen und recherchiert.
    In diesem Zusammenhang wurde ich auf die sog. "Nahtoderfahrungen" aufmerksam gemacht, die ich bis dahin eher leichthin als eine Art Halluzinationen abgetan hatte.
    Ich las als erstes hierzu das Buch des niederländischen Kardiologen Pim van Lommel "Endloses Bewusstsein" und sah, nun sehr aufmerksam geworden, auch entsprechende Fernsehbeiträge u.a. auf Bibel.tv und lernte so den philosophisch und theologisch gebildeten Pädagogen Jörgen Bruhn kennen, der neben seinen umfangreichen Erfahrungen auf diesem Gebiet sein Buch "Blicke hinter den Horizont" vorstellte. 
    Ich habe es erworben und las es mit meiner Frau zusammen.

    Fazit darin ist, dass es eine nach dem irdischen Tod weiterlebende Seele gibt und viele der aus den Nahtoderfahrungen (NTE) Zurückgekehrten übereinstimmend von ihnen dort widerfahrenen Erlebnissen berichten.
     
    Je nach Vordringtiefe in dieses Gebiet gibt es mehr oder weniger von Bruhn als "Mosaiksteine" bezeichnete Erfahrungen, die die Seelen machen:

    Z.T. sind diese Erfahrungen sogar nachprüfbar, wie akustische Eindrücke oder Erlebnisse der Seele während der sog. "Ausleibigkeit".

    Ein Erlebnis der NTE ist die Begegnung - eher die Schau - mit einem sog. "Lichtwesen", das Bruhn als das "Heilige" bezeichnet und das von den Menschen je nach ihrem Weltbild zu irdischen Lebzeiten unterschiedlich gedeutet wird.
     
    Ich selbst deute es nach den Berichten als Jesus Christus selbst.

    Ein weiterer Mosaikstein der NTE ist die übereinstimmend erfahrene Botschaft, dass es im irdischen Leben einzig und allein auf die [hier geübte] Liebe und auf den Erwerb von Wissen/Erkenntnis ankomme.

    All das kann ich gut mit meinem christlich-katholischen Glauben vereinbaren und integrieren.

    Ich stimme weitgehend jedoch nicht in allem mit dem erkennbar im protestantischen Glauben beheimateten Autor Jörgen Bruhn überein (z.B. nicht darin, was seine Einstellung zur Hölle oder den "christlich-altkirchlichen" Dogmen angeht), aber das gen. Buch ebenso wie auch das von van Lommel empfehle ich jedem wärmstens zu lesen, ehe man sich z.T. sträflich leichtfertig über die Existenz oder Nichtexistenz einer Seele, das Jenseits oder gar über Jesus Christus, den Sohn Gottes, und seine Botschaft auslässt.

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