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Freitag, 29. Januar 2016

Mit den Bösen werden wir schon fertig, aber die Guten machen mir angst

Eins vorweg: Ich habe den unlängst zum "Unwort des Jahres" gekürten Begriff "Gutmensch" nie besonders gemocht, geschweige denn selbst verwendet. Er klang mir immer zu sehr nach Häme und Zynismus. Zudem wurde und wird er für mein Empfinden oft allzu undifferenziert verwendet. Menschen, denen die Idee sozialer Verantwortung fremd ist, benutzen ihn gern, um jedwedes Engagement für notleidende und benachteiligte Mitgeschöpfe verächtlich und lächerlich zu machen - "Gutmensch" als beleidigend gemeintes Synonym für "(Möchtegern-)Weltbverbesserer" - wobei: der Begriff "Weltverbesserer" wird ja ebenfalls nicht selten mit abwertendem Unterton verwendet. Andere beziehen den Begriff "Gutmensch" auf Personen, die sich auf penetrante Weise im Glanze einer behaupteten moralischen Überlegenheit sonnen - und diese warten zuweilen auch mit Zitaten von Geistesgrößen des letzten oder vorletzten Jahrhunderts auf, die belegen sollen, dass der Begriff ursprünglich in diesem Sinne geprägt wurde. Was nichts daran ändert, dass die häufige Verwendung des Begriffs im erstgenannten Sinne ihn missverständlich macht. Als eine Teilmenge derjenigen, die im letzteren Sinne als "Gutmenschen" bezeichnet werden, kann man solche Zeitgenossen betrachten, die ein bestimmtes Bündel politischer, vor allem gesellschaftspolitischer Standpunkte auf eine Weise vertreten, die die Auffassung erkennen lässt, es könne oder dürfe dazu keinen legitimen Gegenstandpunkt geben. Die ihre Meinung also nicht als Meinung vertreten, sondern als Inbegriff des Guten und Wahren - und Andersdenkende nicht überzeugen, sondern aus dem Diskurs ausschließen und verdammen wollen. 

Letzterer Typus tummelt sich in jüngster Zeit tatsächlich immer auffälliger in sozialen und anderen Medien, aber diese Leute als "Gutmenschen" zu bezeichnen, finde ich fast schon verharmlosend. Denn die sind gefährlich. Und zwar gefährden sie ironischerweise genau das, was sie zu verteidigen vorgeben: eine tolerante, plurale und offene Gesellschaft. 

Das "Bündel politischer Standpunkte", von dem ich oben andeutungsweise sprach und das neben der Migrationspolitik vor allem Familien- und Sozialpolitik, Gender Mainstreaming, "Sexuelle Vielfalt" und politisch korrekte Sprache betrifft, wird vielfach - von Anhängern und Gegnern gleichermaßen - als "links" verortet, aber zumindest bei einem Teil dieser Standpunkte habe ich meine Zweifel an dieser Zuordnung. Was zugegebenermaßen daran liegt, dass ich insgesamt immer mehr daran zweifle, dass die Kategorien "rechts" und "links" zur Einordnung politischer Positionen heutzutage noch sinnvoll anwendbar sind. Was ja kein Wunder ist, wenn man bedenkt, dass diese Kategorien aus dem 19. Jahrhundert stammen. Schaut man sich z.B. die Sitzordnung der Fraktionen der Frankfurter Nationalversammlung von 1848/49 an, kann man feststellen, dass viele Standpunkte, die damals "links" waren, heute als "rechts" gelten. Wie es dazu gekommen ist, lässt sich natürlich historisch nachvollziehen, aber es scheint mir doch diskutabel, ob man Begriffe, deren Bedeutung sich in einem Zeitraum von gut eineinhalb Jahrhunderten so sehr gewandelt hat, nicht lieber aufgeben und durch neue Begriffe ersetzen sollte. Zumal die Klassifizierung bestimmter politischer Standpunkte als "links" es den Anhängern dieser Standpunkte ermöglicht, ihre Gegner als "rechts" zu klassifizieren. Was einerseits natürlich nicht mehr als logisch ist, andererseits aber, aufgrund einer deutschen Besonderheit, problematisch. 

Diese deutsche Besonderheit ist fast schon zu offensichtlich, um sie auszusprechen: Fast überall, wo die Begriffe "links" und "rechts" zur Unterscheidung politischer Positionen verwendet werden, werden sie als zwei gleichermaßen legitime Flügel des politischen Meinungsspektrums aufgefasst - legitim insoweit, wie sie sich innerhalb des verfassungsgemäßen Rahmens bewegen. In Deutschland ist das nicht so. Hier bedeutet "rechts" im allgemeinen Sprachgebrauch nahezu automatisch "rechtsextrem" und wird mit der ideologischen Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus assoziiert. Wenn jemand - wie es z.B. Erika Steinbach einmal unternahm - behauptet, der Nationalsozialismus sei eigentlich eine linke Bewegung gewesen, wird dieser Jemand öffentlich ausgelacht, anstatt dass sich mal die Mühe gemacht würde, diese Aussage auf die darin enthaltenen Spurenelemente an Wahrheit zu untersuchen. Nein, nein und nochmals nein: Die Nazis waren rechts, und wer rechts ist, ist ein Nazi. Punktum. 

Exemplarisch deutlich wurde dies jüngst in einer Kolumne der taz zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. An prominenter Stelle, nämlich kurz vor Schluss, fanden sich da die Sätze:
"Wer hierzulande für Pegida auf die Straße geht, wer AfD wählt, wer Hasskommentare in sozialen Medien schreibt, wer Unterkünfte für vertriebene Menschen anzündet, der tut das in der Nachfolge des industriellen Massenmords an den Juden. Das muss man wissen." 
(Nicht ganz deutlich wird aus dem Kontext, ob es sich dabei um ein indirektes Zitat des Publizisten Jürgen Roth oder um des taz-Redaktuers eigene Ansicht handelt.) 

Keine Frage: Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte sind abscheuliche Verbrechen. Die PEGIDA ist, nach allem, was ich so von dieser Bewegung mitbekomme, ein Sammelbecken für allerlei mehr oder weniger wirre, mehr oder weniger extreme und gefährliche Verschwörungstheorien und Ideologeme. Auch für das Gemisch aus deutschnationalem Pathos und Wirtschaftsliberalismus, mit dem die AfD sich vielfach hervortut, hege ich keinerlei Sympathie. In Online-Diskussionen fallen mir viele (nicht alle!) Sympathisanten der AfD ebenso wie die der PEGIDA durch hasserfüllte Sprache und dumpfe Vorurteile auf. Dennoch: Zu behaupten, jeder PEGIDA-Demonstrant und jeder AfD-Wähler betreibe eine Fortsetzung des nationalsozialistischen Holocaust mit anderen Mitteln, ist absurd und empörend. 

(Interessant ist übrigens, dass ganz allgemein von "Hasskommentare[n] in sozialen Medien" die Rede ist, so als kämen solche ausschließlich aus einem politischen und weltanschaulichen Lager. Das unterscheidet sich ganz erheblich von meiner Wahrnehmung.) 

Klar ist: Wer einen oder mehrere politische Gegner in der Nachfolge eines massenmörderischen Terrorregimes verortet, der sagt damit: Mit solchen Leuten kann man nicht diskutieren - die muss man bekämpfen. Eine Botschaft, die bei Vielen auf fruchtbaren Boden fällt - und auf vielerlei Art in die Tat umgesetzt wird. So gab es im vergangenen Jahr 42 Anschläge auf AfD-Parteibüros; Vertreter dieser Partei erhalten Morddrohungen, ihre Autos werden angezündet, und im beschaulichen Karlsruhe wurde jüngst auf einen AfD-Plakataufsteller geschossen. In weiten Teilen der Öffentlichkeit wird das, sofern man es überhaupt zur Kenntnis nimmt, achselzuckend hingenommen: "Die" hätten es ja nicht besser verdient, das seien schließlich geistige Brandstifter, die den rechtsextremen Mob zu Gewaltverbrechen gegen Migranten und andere Minderheiten anstachelten. Derweil nutzen Politiker der etablierten Parteien ihren Einfluss auf die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, um die AfD aus TV-Debatten auszuschließen. Anstatt sich inhaltlich mit dieser Partei auseinanderzusetzen, versuchen sie lieber, sie durch "eine Änderung des Parteiengesetzes finanziell aus[zu]trocknen"

Da wirkt zunächst erst einmal vergleichsweise erfreulich, dass die Netzaktivistin Katharina Nocun, ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, es unlängst unternommen hat, sich kritisch mit dem Programm der AfD auseinanderzusetzen - genauer gesagt: mit ihrem Wahlprogramm für die Landtagswahl in Baden-Württemberg am 13. März. Zu diesem Zweck postete sie 25 Ausschnitte aus diesem Programm, jeweils mit kurzen, knackigen Kommentaren versehen, auf Twitter und veröffentlichte diese 25 Tweets dann auch gesammelt auf ihrem Blog. Diese Vorgehensweise ist allerdings an sich schon bezeichnend. Schließlich ist Twitter ein Medium, das eine aphoristische Kürze erfordert. Wenn Katharina Nocun ihre Auseinandersetzung mit dem AfD-Programm ganz auf diese Form beschränkt, dann zeigt das, dass sie der Auffassung ist, die von ihr herausgegriffenen Zitate jeweils mit einem flapsigen Spruch "erledigen" zu können - eine eingehendere Analyse, so meint sie offenbar, sind diese Thesen nicht wert. 

Folgerichtig lassen sich die meisten ihrer Tweets griffig mit "Boah, sind die blöd!" zusammenfassen. Und natürlich: "Alles Nazis!" Frau Nocun befleißigt sich der bewährten Strategie, das als gegeben vorauszusetzen, was sie eigentlich beweisen will - indem sie jedem Programmpunkt, den sie zitiert, die schlimmstmögliche Deutung unterlegt und dabei fleißig Nazi-Assoziationen ausstreut. Die inhaltliche Richtigkeit ihrer Aussagen ist dabei zweitrangig, aber das bringt die Eigendynamik des Mediums Twitter wohl so mit sich. 

So schreibt sie zum Beispiel: 
"Die AfD will nicht nur die Wehrpflicht einführen sondern auch einen "Tag des Heimatschutzes". Déjà-vu anyone?" 
An dieser Stelle erst einmal ein bisschen Nachhilfe für Frau Nocun: Die Wehrpflicht muss man in Deutschland nicht "einführen", es gibt sie bereits. Sie hat sogar Verfassungsrang. Lediglich die Einberufung von Wehrpflichtigen ist seit März 2011 ausgesetzt. Und dass die Netzaktivistin bei dem Begriff "Heimatschutz" ein "Déjà-vu" hat, dafür kann ja nun niemand was. Anders als Frau Nocun anzunehmen scheint, haben diesen Begriff nicht die Nazis erfunden; er entstand vielmehr um die Wende vom 19. und 20. Jahrhundert und umfasste u.a. so ehrenwerte Ziele wie Natur- und Denkmalschutz. Die AfD versteht laut dem im betreffenden Tweet zitierten Auszug ihres Wahlprogramms unter "Heimatschutz" allerdings die Tätigkeit von "Bundeswehr, Feuerwehren, Polizei und THW". Schlimm? Wer sich an der Begrifflichkeit stört, für den wird es vielleicht eine interessante Neuigkeit sein, dass die Bundeswehr bis 2007 Heimatschutzbataillone unterhielt. In den USA gibt es seit 2002 ein Heimatschutzministerium (Department of Homeland Security); aber ich vergaß, das hat ja George W. Bush eingeführt, und der war ja auch ein Nazi. Allerdings hat das Heimatschutzministerium auch unter Barack Obama das dritthöchste Budget aller US-Ministerien. Auch ein Nazi? Obama? Echt? 

Dasselbe Prinzip der schlimmstmöglichen Assoziation wendet Frau Nocun auch angesichts der AfD-Forderung an, in den Schulen "Unterrichtsdisziplin einzufordern und konsequent durchzusetzen":
"Die AfD möchte der Jugend von heute wieder ordentlich Disziplin einbläuen. Die Frage ist nur: Wie. *schauder*" 
Hm. Hat sich die Piratin in letzter Zeit mal an einer Schule umgesehen? Und zwar möglichst nicht an einer Privatschule in Beverly Frohnau oder ähnlichen Wohlstandsghettos, sondern beispielsweise an einer Integrierten Sekundarschule in einem "Problemkiez"? Hat sie mal mit Lehrern gesprochen? Gibt es nicht vielleicht Gründe für die Auffassung, mehr Disziplin an Schulen sei dringend notwendig? Vielleicht - aber wenn die AfD das fordert, dann ist damit bestimmt der Rohrstock oder Schlimmeres gemeint, denn wie wir wissen, sind das ja Nazis.

Folgerichtig interpretiert Katharina Nocun den Programmpunkt "Bürgerarbeit statt Hartz IV" - im Wahlprogramm definiert als "Ausübung gemeinnütziger Arbeit durch Langzeitarbeitslose" - als Forderung nach "Zwangsarbeit unter Mindestlohn". Dazu, welche Assoziationen der Begriff "Zwangsarbeit" auslöst und wohl auch auslösen soll, muss ich wohl nichts mehr sagen - zu "unter Mindestlohn" dann aber doch. Im AfD-Wahlprogramm ist von "ca. 30 Wochenstunden" und "ca. 1.000 EUR monatlich" die Rede. Der gesetzliche Mindestlohn für 30 Wochenstunden liegt bei 1.105 Euro monatlich. Wenn man bedenkt, dass in der zitierten Passage beide Zahlenangaben mit einem "ca." versehen sind, dann kommt das ja so einigermaßen hin.

Daneben wirft Frau Nocun der AfD auch vor, sie werbe "offen für die politische Beeinflussung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten". Dazu ist zunächst einmal anzumerken, dass die in den Länderparlamenten vertretenen Parteien - und um eine Landtagswahl geht es hier ja - über die Rundfunkräte de facto einen gewissen Einfluss auf die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten haben. Interessant ist nun doch eigentlich eher, wofür die AfD diesen Einfluss, wenn sie ihn denn bekommt, ihrem Programm zufolge nutzen will: nämlich dafür, dass "Ehe und Familie positiv dargestellt werden".

Und damit sind wir bei einem Kernthema angekommen: Mehr als die Hälfte der 25 Zitate, die Frau Nocun aus dem AfD-Programm zur Landtagswahl in Baden-Württemberg herausgepickt und kommentiert hat, drehen sich im weitesten Sinne um Familien- und Geschlecherpolitik. --  Ich gebe zu, ich habe das Programm über diese Ausschnitte hinaus nicht gelesen. Ich weiß daher nicht, ob diese Auswahl einen repräsentativen Eindruck vermittelt, aber ich könnte mir vorstellen, dass der Bereich Familienpolitik tatsächlich einen Hauptschwerpunkt dieses Programms bildet. Vergessen wir nicht, dass das grün-rot regierte Baden-Württemberg infolge der Kontroversen um den "Bildungsplan 2015" und dank der Mobilisierungstätigkeit des Bündnisses Demo für Alle das bundesweit vorrangige Schlachtfeld in Sachen Familien- und Genderpolitik ist. Da liegt die Vermutung nahe, dass die AfD gerade auf diesem Gebiet Wähler aus dem bürgerlich-konservativen Milieu für sich zu gewinnen hofft. Dementsprechend spiegeln aber eben viele der familienpolitischen Thesen, die Katharina Nocun in ihrer Tweet-Serie aufs Korn nimmt, keine genuinen oder gar exklusiven AfD-Positionen wider, sondern einfach klassisch konservative Positionen. Und da wird es nun interessant - denn während ich, aus weiter oben genannten Gründen, an und für sich keinerlei Interesse daran habe, die AfD in Schutz zu nehmen, werde ich umso hellhöriger, wenn im Zuge des "Kampfes gegen Rechts" zum allgemeinen Angriff auf alles geblasen wird, was konservativ ist.
"Die 60er haben angerufen & wollen ihr verstaubtes Familienbild zurück: Wahlprogramm from hell made by AfD."
Dieser Tweet fasst Frau Nocuns Haltung zu den familienpolitischen Thesen des von ihr untersuchten Wahlprogramms bereits recht griffig zusammen. Ihre Strategie besteht darin, konservative Standpunkte lächerlich zu machen, ohne zu begründen, was daran so lächerlich sein soll. So als wäre diese Lächerlichkeit evident. Der konkrete Anlass für den obigen Kommentar war übrigens die Aussage, es sei "nicht akzeptabel", dass "derzeit mehr als jede dritte Ehe in Deutschland geschieden" werde: "Von den Betroffenen wird eine Scheidung oft als persönliche Katastrophe erlebt." Lächerlich? - Ein probates Mittel ist es natürlich auch, Aussagen, die man kritisieren möchte, erst einmal grob zu verzerren:
"AfD will Jugendliche vor Inhalten bewahren die zu 'Promiskuität' verleiten. Was heißt das? Kein Sex vor der Ehe?"
Wie witzig. - Die Ablehnung einer Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften mit der Ehe, "da nur die Ehe zwischen Mann und Frau eine Familie begründen kann" - was CDU und CSU übrigens genauso sehen -, kommentiert Katharina Nocun wie folgt:
"In der Retro-AfD Welt geht Familie nur in der Ehe zwischen Mann und Frau. Wie traurig- Familie ist da wo Liebe ist!" 
Ganz ehrlich: Ich kann dieses Geplärre über "Liebe" in diesem Zusammenhang nicht mehr hören. Liebe ist Privatsache. Ob Menschen, die eine Partnerschaft miteinander eingehen wollen, einander lieben oder nicht, geht den Staat und damit den Gesetzgeber nichts an. Was Ehe und was Familie ist, hingegen sehr wohl - da Artikel 6 des Grundgesetzes festschreibt, diese Institutionen stünden "unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung". Ohne Zweifel haben die Väter und Mütter des Grundgesetzes bei der Formulierung dieses Satzes eine Vorstellung von Ehe und Familie im Auge gehabt, die heute Vielen als "verstaubt" erscheinen mag. Der Versuch, die Begriffe Ehe und Familie "zeitgemäß" umzudefinieren, liefe mit Blick auf Art. 6 GG geradezu auf eine Verfassungsänderung durch die Hintertür hinaus. Inhaltlich mag man davon halten, was man will, aber besonders demokratisch ist dieses Verfahren nicht gerade.

Ähnlich lapidar behandelt Katharina Nocun die Forderung, "dass jedes Kind darin gestärkt wird, sein biologisches Geschlecht anzunehmen":
"Als hätte man eine Wahl wie man fühlt..." 
Stimmt: Die hat man natürlich nicht. Genauso wahr ist es aber, dass Gefühl - bzw. Gefühl allein - nicht die beste Basis für weit reichende Entscheidungen ist. Schon allein, weil Gefühle so wankelmütig sind. Nicht nur, aber besonders bei Kindern. Geschlechtsdysphorie - ein Gefühl der Unzufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht, die Vorstellung, man wäre glücklicher, wenn man ein anderes Geschlecht hätte - ist ein bei Kindern in vorpubertärem Alter gar nicht so seltenes Phänomen, aber bei den meisten geht das wieder vorbei. Eine schwierige Phase ist es aber natürlich in jedem Fall. Sollte da die Auffassung, es sei besser, die Kinder darin zu stärken, ihr biologisches Geschlecht anzunehmen, als sie als transgender einzustufen und womöglich auf eine Geschlechtsumwandlung vorzubereiten, nicht zumindest erwägenswert sein?

Und übrigens:
"Habe ich schon erwähnt was die AfD vom Recht auf Abtreibung hält?" 
Hier ist wieder einmal Nachhilfe angebracht: Ein "Recht auf Abtreibung" gibt es nicht und kann es nicht  geben. Dass Frau Nocun das nicht weiß, wundert mich nicht besonders, aber gerade deshalb ist es mir wichtig, das zu betonen. Das Bundesverfassungsgericht hat mehrfach bekräftigt, dass der Staat die Pflicht hat, das Lebensrecht ungeborener Kinder zu schützen. Inwieweit die geltende Rechtslage dieser Vorgabe gerecht wird, ist eine andere Frage. Was sagt denn die AfD dazu?
"Die Alternative für Deutschland [...] wendet sich gegen alle Versuche, Abtreibungen zu bagatellisieren, sie staatlicherseits zu fördern oder sie gar zu einem 'Menschenrecht' zu erklären. Schwangeren in Not müssen konkrete Hilfen angeboten werden, damit sie sich für ihr Kind entscheiden können." 
Ja, und was soll daran nun bitte falsch sein? -- Es tut mir wirklich herzlich leid, dass es gerade die AfD ist, die so etwas in ihrem Programm stehen hat, aber in diesem Punkt - unbeschadet aller berechtigten Kritik an anderen Positionen dieser Partei - hat sie einfach zu hundert Prozent Recht! -- Katharina Nocun hingegen findet Abtreibung offenbar prima und Abtreibungsgegner jedenfalls doof. Etwas weiter unten behauptet sie:
"Den demographischen Wandel will die AfD durch weniger Abtreibungen bewältigen. Gott, wirf Hirn vom Himmel!" 
Letzterem Wunsch möchte man sich fast anschließen, wenn auch mit einer abweichenden Wurfrichtung. Denn entweder kann Frau Nocun vor lauter Voreingenommenheit selbst nicht sinnerfassend lesen, oder sie baut darauf, dass ihr Publikum das nicht kann. Der obige Tweet stellt nämlich diejenige Passage des AfD-Programms, auf die er sich bezieht, komplett auf den Kopf: Tatsächlich steht dort, zur Lösung der demographischen Probleme Deutschlands bedürfe es eines kinderfreundlicheren gesellschaftlichen Klimas (wörtlich: einer "Willkommenskultur für Kinder" - ich würd' mal sagen, diese Formulierung ist Geschmackssache), und dieses würde zugleich "auch [!] eine Reduzierung der viel zu hohen Abtreibungszahlen mit sich bringen". Drücken wir's mal formelhaft aus: "Maßnahme x ist notwendig für A und kann gleichzeitig auch B bewirken" ist nicht dasselbe wie "Wir wollen A durch B erreichen". Aber wen kümmert schon Logik.

Dafür, dass die AfD - offenkundig in Hinblick auf den schon erwähnten Bildungsplan 2015 - vor einer "volkserzieherische[n] Überhöhung von nicht heterosexuellen Menschen" warnt, hat Katharina Nocun nur ein Wort: "Paranoia". Ebenso die Einschätzung, Frauenquote und Gleichstellungsbeauftragte führten zu einer "Diskriminierung von männlichen Stellenbewerbern": "Paranoia". Und diese Diagnose stammt, wohlgemerkt, von einer Frau, die hinter jedem Kieselstein die Wiederkehr des Nationalsozialismus wittert.

Ich habe - ich betone es nochmals - eigentlich nicht die Absicht, hier eine Lanze für die AfD zu brechen; wenngleich es mich wundert, dass von den Positionen dieser Partei, die auch mich ganz erheblich stören, in Frau Nocuns Twitter-Philippika so gut wie nichts vorkommt. Vielleicht stand dazu im Wahlprogramm für Baden-Württemberg einfach zu wenig Verwertbares drin, kann ja sein. Jedenfalls aber muss ich feststellen, dass die ehemalige Piraten-Geschäftsführerin mit der Art und Weise, wie sie das Programm der AfD aburteilt, bei mir das glatte Gegenteil ihrer Intention erreicht. Dazu trägt sowohl der manipulative Charakter ihrer Polemik bei als auch der Umstand, dass sie sich nicht darauf beschränkt, gegnerischen Positionen inhaltlich zu widersprechen, sondern es gleich als ganz und gar inakzeptabel darstellt, dass überhaupt jemand diese Positionen vertritt. Eine geradezu fanatische Feindschaft gegenüber, sagen wir mal, tradierten Familien- und Gesellschaftsmodellen rundet den Gesamteindruck ab. Versuche ich, ex negativo aus dem, was sie ablehnt, abzuleiten, wofür sie eintritt, kommt mir das Grausen. -- Mit alledem steht Katharina Nocun selbstverständlich nicht allein; wäre dem so, dann wären ihre Äußerungen die Auseinandersetzung ja gar nicht wert. Tatsächlich machen aber beispielsweise die aggressiven Kampagnen gegen die Demo für Alle oder den Marsch für das Leben hinreichend deutlich, in welchem Ausmaß konservative Positionen pauschal mit rechtsextremen in einen Topf geworfen werden und so aus dem politisch-gesellschaftlichen Diskurs verbannt werden sollen.


Es lässt sich nicht leugnen: Wir leben in einer Ära des Populismus, der Lagerbildung und der Beißreflexe. Der Populismus eines Lagers heizt den Populismus des entgegengesetzten an; besonnene und differenzierte Äußerungen finden so immer weniger Gehör. Der Populismus der (vermeintlich) Guten aber ist weit gefährlicher als der Populismus der offensichtlich Bösen. Er verspricht ein gutes Gewissen, und dieser Umstand macht ihn verführerischer und darum auch mehrheitsfähiger. So beunruhigend das Grassieren von Hassparolen gegen Migranten, gegen ethnische, sexuelle oder andere Minderheiten, so erschreckend die Ausbrüche realer Gewalt gegen Angehörige dieser Gruppen ohne Zweifel sind: Beim weitaus überwiegenden Teil der Zivilgesellschaft werden sie stets auf Ablehnung und Gegenwehr stoßen. Die Diktatur der Guten hingegen kommt auf leiseren Sohlen. 



Kommentare:

  1. Man mag zur AFD stehen wie man will, aber es ist momentan die einzige Partei, welche die tiefgehende Problematik des Gender Mainstreaming erkannt hat und diese auch artikuliert, ohne Angst die "politische Korrektheit" zu verletzen.
    Denn die beabsichtigte und bisher gut verborgene gesellschaftszerstörende Wirkung von Gender Mainstreaming wird sicher nicht gleich von allen bemerkt werden. Aber bald deutlich werden sollte, dass Gender Mainstreaming auch ein wenig ungesund für Frauen, Mütter und Kinder ist.
    Zum Beispiel das durch die Gleichmacherei begünstigte Negieren bedeutsamer und dem Mann überlegener weiblicher Eigenschaften mit der Folge, dass häufig der Body nur noch wichtig und die an sich höhere weibliche Depressionsneigung noch gesteigert werden. Vergessen der -bei der gleich nach der Geburt geforderten beruflichen Selbstverwirklichung - für Sprach- und Kognitiventwicklung wichtigen frühkindlichen Mutterbindung (infolge des frühen flüssigkeitsgekoppelten Hörens des Foeten im Mutterleib) mit der Folge von Sprach-, Lese- und Rechtschreibstörungen durch Fremdbetreuung.
    Probleme durch Cortisolausschüttung (gefährliches Stresshormon) und Schlafmangel mit entsprechendem Wachstumshormonmangel von Krippenkindern mit Hippocampusminderung (Lernmaschine des Gehirns).
    Erschreckende Zunahme von Depressionen auch bei Kindern und Jugendlichen.
    [siehe „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ in: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 6. Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2015: ISBN 978-3-9814303-9-4 (http://www.amazon.de/Vergewaltigung-menschlichen-Identität-Irrtümer-Gender-Ideologie/dp/3) und „Es trifft Frauen und Kinder zuerst – Wie der Genderismus krank machen kann“, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2015: ISBN 978-3-945818-01-5 (http://www.amazon.de/trifft-Frauen-Kinder-zuerst-Genderismus/dp/394581801X)


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  2. Bei den Tweets von Katharina Nocun geht mir spontan ein Satz von William Congreve durch den Kopf:

    She likes herself, yet others hates,
    for that which in herself she prizes;
    and while she laughs at them, forgets
    she is the thing that she despises.

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  3. Danke für den Artikel. Ja, das Problem ist, daß wir es zur Zeit verstärkt mit Äußerungen gegen - ich sage mal vorsichtig und mich jeglicher Wertung enthalten wollend - "konservative" Positionen zu tun haben, die überhaupt nicht argumentieren, nicht überzeugen wollen, sondern nur brandmarken und die eigene Sicht und die "eigenen" Leute selbstbestätigen wollen. Mir scheint, jede Argumentation, die mit "die sind nichts anderes als ...", "die wollen doch nur ..." beginnt, kann nur falsch sein.

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  4. Eine "Ära des Populismus, der Lagerbildung und der Beißreflexe" - das hast Du schön gesagt.
    Mich nervt es furchtbar, daß man zu kaum einem Thema mehr etwas sagen kann, ohne gleichzeitig als Gutmensch und Nazi zu gelten, je nachdem wer es hört.
    Innere Emigration ist keine besonders gute Sache, aber ich sehe sie als einzige Möglichkeit. Allenfalls noch: Kaffee mit Dir und Deiner Holden.

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  5. Hervorragende Analyse! Besonders wertvoll: Sie steht nicht im Dienst der AfD, sondern der Vernunft. Hat man heute selten. LG, JoBo

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  6. Interessanter Artikel. In der Tat ist es so, dass sich die Begriffe "links" und "rechts" im Laufe der Zeit geändert haben. Nach neuerer Definition gilt "links" (ursprünglich die Seite des Bürgertums) als progressiv und revolutionär (im Gegensatz zur "Reaktion"). Zu Ende der k.u.k Monarchie galt deshalb Nationalismus als "links" während heute "no border, no nation" als linkes Programm gilt. Auch die NSDAP könnte man nach der Definition durchaus als "linke" Partei bezeichnen. Führende NSDAP Kader standen in erbitterter Gegnerschaft zum "erzreaktionären" Klerus. Kein Wunder - schließlich stand das christliche Konzept der Menschenwürde, basierend auf der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, in krassem Gegensatz zur NS-Rassenideologie und dem Konzept der Volksgemeinschaft. Die Nazi Ideologie war damit - in den 30ern ein modernes und progressives Konzept. Was sie natürlich nicht gut macht. Die Kurzkritik am Parteiprogramm der AfD scheint mir sehr oberflächlich. Ich bin mir auch nicht sicher ob Twitter hier das richtige Medium ist. Die generelle Tendenz andere Standpunkte zu verulken oder zu dämonisieren sehe ich aber durchaus auch in anderen Zielgruppen - nicht nur bei "linken" Netzaktivisten. Denken Sie nur mal an die wutschnaubenden Blogartikel sobald das Wort "Gender" in den Ring geworfen wird. Nicht nur dass hier von den "Experten" die Begriffe ständig durcheinander gebracht werden (Gender Studies sagt zum Beispiel keines Wegs dass es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt sondern das genaue Gegenteil) - es werden auch Drohszenarien aufgebaut, die einfach durch und durch lächerlich sind. Sollte mir irgendjemand auch nur einen einzigen vernünftig nachvollziehbaren Grund nennen können, warum die unter dem Begriff "Gender" zusammengefassten Theorien und deren praktische Anwendung eine Gefahr für unsere Gesellschaft sein sollten, dann ziehe ich den Hut vor ihm.

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