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Dienstag, 19. Januar 2016

Augen, Mund und Hände täuschen sich in Dir

"[M]ein Glaube erzählt von Weite und Freiheit, von Liebe und Größe." Nein, das ist kein NGL-Liedtext; das ist ein Zitat aus der gestrigen Standpunkt-Kolumne auf katholisch.de mit dem kämpferischen Titel "Gemeinsame Eucharistie jetzt!", verfasst von meiner Twitter- und Facebook-Freundin Gudrun Lux. Darin bezeichnet sie es als "traurig", "dass wir Menschen, die in unseren Gemeinden mit uns feiern, die eucharistische Gastfreundschaft verweigern (sollen)" - womit sie den Umstand meint, dass evangelische Christen in der katholischen Heiligen Messe nicht zur Kommunion zugelassen sind. Einen Umstand, den sie darauf zurückführt, dass "krampfhaft versucht wird, an [einer] Überlieferung festzuhalten, die so weit weg ist von den Menschen". Sie räumt ein, sie "verstehe - systemimmanent denkend - die Argumente, die die Trennung begründen"; schließlich habe sie "Theologie studiert". "Und doch steht mein Glaube dagegen, an dieser Trennung festzuhalten."
 
Was sollen wir nun hierzu sagen? Persönlich ist mir Gudrun - das möchte ich betonen, ehe ich meine Messer auspacke - ausgesprochen sympathisch. Das geht mir auch mit einigen anderen (wenn auch wenigen) Bekannten so, die in Glaubens- und Kirchenfragen ähnliche Ansichten vertreten wie sie. Was nichts daran ändert, dass mir die liberalkatholische Denke partout nicht in den Kopf will.
 
Systemimmanentes Denken - so suggeriert das obige Zitat - ist etwas, das es zu überwinden gilt, wenn man vorankommen will; und das "System", von dem dabei die Rede ist, ist die Lehre der Kirche. "Systemimmanent" betrachtet sind die katholische Eucharistie und das evangelische Abendmahl sehr verschiedene Dinge; sie sehen zwar äußerlich ähnlich, ja - sofern nicht, besonders auf evangelischer Seite, mal wieder mit formalen "Innovationen" experimentiert wird - verwechselbar aus, aber sie bedeuten substanziell Unterschiedliches. Als studierte Theologin weiß Gudrun das natürlich, aber: das ist "so weit weg [...] von den Menschen"! -- Wenn damit gemeint ist, dass viele Christen das unterschiedliche Eucharistie- bzw. Abendmahlsverständnis der katholischen, lutherischen und reformierten Lehre nicht nachvollziehen können, dann ist da wohl etwas Wahres dran. Aber müsste die Antwort darauf dann nicht eher darin bestehen, den Menschen das, was ihre jeweilige Konfession in dieser Frage lehrt, verständlich zu machen, anstatt schlicht zu konstatieren, dass diese theologischen Fragen im individuellen Glaubensleben vieler Christen de facto keine Rolle spielen? Und kann man sich wirklich auf den sensus fidei der Gläubigen berufen, wenn zuvor jahrzehntelang die Katechese vernachlässigt wurde?
 
Man mag sich fragen: Wie hoch ist wohl der Prozentsatz der Katholiken - in Deutschland, in Europa, weltweit - , die tatsächlich an die Realpräsenz Christi in der Eucharistie glauben, die kirchlichen Vorschriften zum würdigen Kommunionempfang kennen und befolgen? Wenn man sich hierzulande in einer beliebigen katholischen Pfarrei ansieht, wie viel da zur Kommunion gegangen und wie wenig gebeichtet wird, kann man da seine Zweifel haben (sollte aber andererseits auch nicht vorschnell urteilen - man kann den Leuten schließlich nicht ins Herz sehen). Wie mag es bei den Lutheranern aussehen, zu deren Bekenntnis schließlich auch der Glaube an die Realpräsenz, wenn auch nicht ganz im selben Verständnis wie bei den Katholiken, gehört, die aber dennoch seit 1973 eine Abendmahlsgemeinschaft mit den Reformierten haben, deren Abendmahlsverständnis ein völlig anderes ist? Ich möchte mal die Behauptung wagen, hätte eine breite Mehrheit der Christen aller Konfessionen die Glaubenslehre ihrer jeweiligen Kirche bzw. Gemeinschaft wirklich verinnerlicht und akzeptiert, dann würde sich die Frage der gemeinsamen Eucharistie gar nicht stellen. Dann würden die Gläubigen, auch ohne dass man es ihnen "verbieten" müsste, gar nicht bei der jeweils anderen Konfession zur Kommunion bzw. zum Abendmahl gehen wollen - sowohl aus Treue zum eigenen Glauben als auch aus Respekt gegenüber dem Glauben der Anderen.
 
Bildquelle: Catholic Memes auf Facebook
 
Die liberalkatholische Antwort hierauf scheint zu lauten: Wenn größere Kenntnis der Glaubenslehre der jeweiligen Konfession dazu führt, die Gräben zwischen den Konfessionen zu vertiefen, dann ist es besser, die Leute wissen nicht so genau bescheid. Und das ist genau der Punkt, an dem ich nicht mehr mitkomme. Ironischerweise wurde just an dem Tag, an die "Gemeinsame Eucharistie jetzt!"-Kolumne auf katholisch.de erschien, in der Messe 1. Samuel 15,16-23 gelesen; und da heißt es in Vers 22f.: ""Gehorsam ist besser als Opfer, Hinhören besser als das Fett von Widdern. Denn Trotz ist eine Sünde wie Zauberei, und Widerspenstigkeit ist ebenso schlimm wie Frevel und Götzendienst." -- Was hat das mit unserem Thema zu tun? --  Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es unter Nr. 1124: "Der Glaube der Kirche geht dem Glauben des einzelnen voraus, der aufgefordert wird, ihm zuzustimmen." Man hat manchmal den Eindruck, dass dieser Satz zu den ersten gehört, die liberale Katholiken aus ihrer persönlichen Ausgabe des Katechismus gern herausstreichen würden. Sie gehen - explizit oder implizit - lieber davon aus, dass Glaube primär etwas Persönliches und Individuelles sei. Das birgt freilich die Gefahr, die Glaubenslehre der Kirche nur noch als Büffet zu benutzen, von dem man sich nur das auf den Teller schaufelt, was einem schmeckt, und den Rest liegen lässt. -- Seien wir ehrlich; Das ist eine Versuchung, der jeder von uns ausgesetzt ist. Aber es macht schon einen Unterschied, ob ein solcher selektiver Umgang mit Glaubensinhalten jemandem, der der Glaubenslehre der Kirche nach bestem Wissen und Gewissen folgen will, lediglich unterläuft, oder ob man die Lehre der Kirche da, wo man ihr nicht zustimmen mag, explizit verwirft oder für irrelevant für den eigenen individuellen Glauben erklärt.
 
Die Auffassung, jeder könne und solle selbst entscheiden, woran er glauben will und woran nicht, ist zweifellos sehr modern und wirkt sehr tolerant. Die Frage ist allerdings, was bei einem solchen Glaubensverständnis aus der Dimension der Wahrheit wird. Wenn man davon ausgeht, dass Glaubenssätze sich auf eine objektive Wahrheit beziehen, dann können sie nicht zugleich wahr und unwahr sein. Dann kann es auch nicht egal sein, ob man ihnen zustimmt oder nicht. Wenn man hingegen nicht von einer objektiven Wahrheit ausgeht, auf die der Glaube sich bezieht, dann - ja, was dann?
 
Ohne Frage ist Gudrun zuzustimmen, wenn sie feststellt: "Die Trennung der christlichen Konfessionen bleibt ein Skandal." Als hoffnungsvolles Zeichen der Annäherung nennt sie u.a. "die gegenseitige Anerkennung der Taufe"; tatsächlich ist diese gleichzeitig auch eine Verpflichtung. Wer getauft ist, gehört zum Leib Christi. Die Trennung der Christenheit, die Uneinigkeit der Konfessionen fügt dem Leib Christi schwere Wunden zu. Damit kann man sich nicht achselzuckend zufrieden geben. Aber kann der Weg zur Annäherung wirklich darin bestehen, das Trennende einfach zu ignorieren bzw. als "nicht so wichtig" zu deklarieren? Es mag theologische Einzelfragen geben, in denen unterschiedliche Auffassungen kein Hindernis für die Einheit der Christenheit darstellen. Die Frage der Realpräsenz Christi in der Eucharistie gehört jedoch nicht dazu. Diese Frage ist viel zu wichtig, um sie mit "vielleicht" zu beantworten.
 
 
 
 

Kommentare:

  1. Ich finde es übrigens auch nicht "krampfhaft", sich verbindlich am Wort Gottes auszurichten (es zumindest zu versuchen), ganz im Gegenteil. Wissen, daß Gott leiblich anwesend ist und daß Er das auch dann ist, wenn ich nicht aufpasse oder daran zweifle und selbst dann, wenn der Priester zweifelt und die Wandlungsworte nur so sagt, aber nicht glaubt - das finde ich entspannend. Wir dürfen IHN machen lassen, trotz aller Aufgaben, die Er für uns bereithält.

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  2. Ich lobe mir meine Frau (ev.-Luth. Pastorentochter), die offensichtlich viel weiter ist als Frau Lux und jedem Katholiken mit einer ähnlichen Meinung wie Frau Lux ganz klar erklärt, warum sie als ev. Christ auf keinen Fall zur Kommunion gehen darf: Nämlich aus Respekt vor dem Glauben und der Lehre der anderen Konfession. Man kann ja nicht an was teilnehmen, dessen Glauben man nicht teilt.

    Als studierte Theologin sollte sich Frau Lux vielleicht mal mehr bemühen den Glauben und die Lehre der Kirche den Leuten verständlich zu erklären anstatt sie für irrelevant zu erklären. Aber das würde eine vorherige Besinnung und Reform (=wieder Formierung) des eigenen Glaubens bedeuten. Das kann man ja dem Menschen heutzutage nicht mehr zumuten.

    Zu guter Letzt: natürlich ist die Lehre von der Eucharistie "so weit weg [...]von den Menschen". Sie ist ja immerhin Göttlich! Und wer will sich anmaßen das zu ändern? :-)

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  3. Wieder einmal mehr ein Beispiel dafür, dass wir in unserer Gesellschaft allenthalben und allerorts Krisen der Autorität(en) verzeichnen.
    Meiner Einschätzung nach ein Ergebnis der 68er-Kulturrevolution.
    Jeder Polizist, mancher Rettungssanitäter, Schaffner oder Feuerwehrmann kann davon berichten, wie respektlos ja z.T. sogar aggressiv er/sie häufig behandelt wird.
    Es gilt auch für viele Behördenmitarbeiter ( z.B. Sozialämter), die mit Menschen zu tun haben.
    Denken Sie, wie öffentlich herabsetzend über Politiker allgemein bis hin zur Bundeskanzlerin geurteilt wird.
    Auch im Sport ist da keine Ausnahme: Wiederholt wurde berichtet, wie z.B. im Hamburger Amateurfußball Schiedsrichter nach nicht genehm Entscheidungen beschimpft, bedroht und sogar in Einzelfällen physisch angegangen wurden.
    Auch die Kirchenhierarchie ist leider von dieser bedenklichen antiautoritären Entwicklung einer hemmungslosen Kritisierei an jeglicher Autorität, wenn diese mal nicht die eigenr Meinung stützt, nicht ausgenommen:
    Sei es der von Ihnen beschriebene Fall des Nordenhamer Pfarrers oder Bischof Tebartz van Elst, oder aber auch selbst der Papst (einzelne Kommentatoren auf katholisches.info)...

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