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Mittwoch, 27. Mai 2015

Was ist eigentlich aus der Populären Front geworden?

Die sitzt da drüben, wie sich wohl Jeder erinnern wird, der den Monty Python-Klassiker „Das Leben des Brian“ kennt. Der Film bezieht einen nicht geringen Teil seiner Komik aus der Darstellung von Flügelkämpfen zwischen verschiedenen Widerstandsgruppen gegen den „römischen Imperialismus“: Jede dieser Gruppen, deren Namen sich nur minimal voneinander unterscheiden und die darum permanent miteinanderverwechselt werden, betrachtet sich als die einzig legitime Vertreterin des Widerstands gegen die Römer, die konkurrierenden Gruppen werden als „Spalter“ beschimpft. Als die Volksfront von Judäa sich endlich dazu aufrafft, revolutionär tätig zu werden, statt in konspirativen Wohnungen endlos über den Wortlaut realitätsferner Resolutionen zu debattieren, und sich anschickt, die Frau des römischen Statthalters Pontius Pilatus zu entführen, trifft sie auf ein Kommando der Kampagne für ein freies Galiläa, das denselben Plan hat. Sofort wollen sie übereinander herfallen, aber Brian ermahnt sie: „Lasst uns gemeinsam kämpfen gegen den gemeinsamen Feind!“ Woraufhin die Aktivisten beider Gruppen begeistert ausrufen: „Die Judäische Volksfront!“
Nein“, beharrt Brian, „die Römer!“

Wie gewisse charakteristische Formulierungen in den internen Hinterzimmerdebatten der Volksfront von Judäa unverkennbar deutlich machen, wird hier speziell das Gebaren diverser linksradikaler Splittergruppen satirisch aufs Korn genommen, und wer sich wie ich ein paar Jahre lang im linksalternativ-autonomen VoKü- und Hausprojekt-Milieuherumgetrieben hat, der kann bestätigen, dass die Darstellung gar nicht mal so sehr übertrieben ist. Was freilich nicht heißt, dass es vergleichbare Denk- und Verhaltensmuster in weltanschaulich anders orientierten Gruppierungen nicht auch gäbe.

Zu was für Verzettelungen dieses politisch-ideologische Sektierertum führen kann, war unlängst sehr schön im Vorfeld der Verleihung des Peter-Singer-Preises für Strategien zur Tierleidverminderung an, genau, Peter Singer zu beobachten. Der australische „Bio-Ethiker“ Singer, Professor für Ethik an der renommierten Universität Princeton, ist einerseits bekannt für seinen Einsatz für Tierrechte, andererseits aber für seine unverhohlene Ablehnung der Idee einer bedingungslosen, unantastbaren Menschenwürde. Denkt man sich ein wenig in den Präferenzutilitarismus hinein, der das gedankliche Rückgrat von Singers Ethik bildet, dann stellt man fest, dass beides eng miteinander zusammenhängt. Geht man ganz evolutionär-biologistisch davon aus, dass der Mensch letztlich auch nur ein – meinetwegen besonders hoch entwickeltes – Säugetier ist, dann kann, so Singer, in ethischer Hinsicht zwischen Menschen und (anderen) Tieren kein prinzipieller, sondern nur ein gradueller Unterschied gemacht werden. Der Vorrang des Menschen- vor dem Tierrecht kann demnach kein absoluter, sondern nur ein relativer sein; im Klartext heißt das, dass unter bestimmten Umständen einem gesunden Tier ein größeres Lebensrecht zukommt als einem kranken Menschen. Und so gelangt Singer mit kühler Folgerichtigkeit zu dem Schluss, Euthanasie und Säuglingstötung seien gutzuheißen. Unter bestimmten Voraussetzungen, wie gesagt.

Abstrakt und nüchtern betrachtet ist Peter Singer ein äußerst illustratives Beispiel dafür, wie man von einem moralisch an sich richtigen Impuls – hier: dem Widerspruch gegen grausame Behandlung von Tieren – zu durch und durch amoralischen und menschenverachtenden Schlussfolgerungen gelangen kann. Was nun in den letzten Tagen und Wochen anhand der Reaktionen auf die Ankündigung, Peter Singer solle in der Berliner Urania einen nach ihm selbst benannten Preis verliehen bekommen, sehr spannend zu beobachten war, war, wie Personen oder Personengruppen, die mit den Prämissen von Singers Ethik grundsätzlich übereinstimmen, sich darüber in die Haare kriegten, bis zu welchem Punkt man die logischen Konsequenzen aus diesen Prämissen noch mittragen kann oder darf.

Die erste Eskalationsstufe bestand in der Formierung eines Aktionsbündnisses „Kein Forum für Peter Singer!“, das für den Abend der Preisverleihung, den 26.05., zu einer Protestkundgebung vor der Urania aufrief – und dafür mit einem Plakatmotiv warb, auf dem ein junger Gorilla den Stinkefinger zeigt. Eine feinsinnige Anspielung auf Singers Einsatz für die Rechte von Menschenaffen. Die Ikonographie des Plakats bietet bereits einen Anhaltspunkt, aus welcher ideologischen „Ecke“ die Initiatoren des Aktionsbündnisses kommen: „antifaschistisch, antisexitisch,emanzipatorisch... die Guten halt“. Die URL der „Kein Forum für Peter Singer!“-Website lautet „no218nofundis.wordpress.com“, und das hat seinen Grund: Wie man einem Informationstext in der Seitenleiste entnehmen kann, war dies ursprünglich mal ein Blog des Bündnisses gegen den Marsch für das Leben.

Halten wir das kurz mal fest: Eine Website, die ursprünglich der Propagierung eines „Rechts auf Abtreibung“ und der Mobilisierung von Protesten gegen den Lebensschutz gewidmet war, wird umgewidmet zum Protest gegen einen Vorkämpfer von Abtreibung und Euthanasie. Ein bemerkenswerter Vorgang – aber wer glaubt, da hätten sich Saulusse zu Paulussen gewandelt, der wird schnell eines Besseren belehrt: Das Aktionsbündnis lässt weiterhin keine Gelegenheit ungenutzt, gegen die Lebensschutzbewegung zu polemisieren, und erklärt: „Auf der Protestkundgebung sind 'Lebensschützer' ausdrücklich nicht willkommen!“

Halten wir auch das mal fest: Zwar empört sich das Aktionsbündnis zu Recht darüber, dass Peter Singer „Behinderten Menschen das Recht auf Leben und andere fundamentale Menschenrechte“ abspricht – spricht aber im selben Atemzug just dieselben Rechte ungeborenen Menschen ab, sobald diese ihrer Mutter irgendwie ungelegen kommen. Und Lebensschützer sind mindestens genauso superkackeekelig wie Peter Singer selbst. – Diese kognitive Dissonanz, die es den „Aktionsbündnis“-Leuten ermöglicht, zwar Singers Relativierung von Menschenwürde und Lebensrecht abzulehnen, gleichzeitig aber ein „Recht auf Abtreibung“ zu postulieren, fiel derweil auch Anderen auf, doch dazu später.

Unterstützt wurde der Aufruf des Aktionsbündnisses unter anderem von der Tierschutzpartei(Mensch Umwelt Tierschutz) – womit eine zweite Eskalationsstufe erreicht war, denn die Haltung der Tierschutzpartei zu Peter Singer hat eine komplexe Vorgeschichte. Tatsächlich war es gerade diese Partei, aus deren Reihen die Initiative zur Schaffung eines „Peter-Singer-Preises“ hervorging: Der Stifter des Preises, Dr. Walter Neussel, war ein langjähriges Parteimitglied und hatte auf dem 33. Bundesparteitag der Tierschutzpartei am 08.11.2014 den Vorschlag gemacht, diesen Preis – zu dem er das Preisgeld aus seinem Privatvermögen zur Verfügung zu stellen anbot – als eine von der Tierschutzpartei zu vergebenden Auszeichnung zu installieren. Unterstützt wurde dieses Ansinnen von mehreren Mitgliedern des Bundesvorstandes, darunter Stefan Bernhard Eck, Mitglied des Europäischen Parlaments und damals einer von drei gleichberechtigten Parteivorsitzenden. Eck hatte anno 2006 erhebliches Aufsehen erregt, als er vor der KZ-Gedenkstätte Dachau mit einem Schild mit der Aufschrift „Für Tiere ist jeden Tag Dachau“ demonstriert hatte. Auf dem Parteitag opponierte jedoch die Mehrheit der Delegierten gegen den Namen „Peter-Singer-Preis“, woraufhin Neussel, Eck und einige andere Unterstützer dieses Projekts aus der Partei austraten. Eck behielt jedoch seinen Sitz im Europaparlament und gab als Grund für seinen Parteiaustritt eine zu große Offenheit der Partei für „Personen mit rechtspopulistischem, antiemanzipatorischem oder sogar faschistischem Gedankengut“ an. Für die Verleihung des Peter-Singer-Preises an Peter Singer am 26.05. waren sowohl Neussel als auch Eck als Redner vorgesehen.

Im Jungleblog der linken Wochenzeitung Jungle World, einer 1997 entstandenen Abspaltung von der orthodox-marxistischen Jungen Welt, ging Ivo Bozic am 21.05. hart mit der Tierschutzpartei und anderen Anhängern einer Tierrechtsideologie ins Gericht, die eine „Abkehr vom anthropozentischen Denken“ propagiert und „den Tieren, ebenso wie den Menschen, elementare Grundrechte zuerkennt“: Deren Protest gegen Singer sei inkonsequent und verlogen. „[I]deologischen Tierrechtlern fehlt für eine Kritik an Singer die ethische Grundlage. Sie können nicht Teil der Lösung sein, sie sind das Problem.“ Zwar sei die – von Singer wie auch von anderen Verfechtern der Tierrechtsidee in Frage gestellte – prinzipielle „Grenzziehung zwischen Menschen und Tieren“ zugegebenermaßen „biologisch völlig willkürlich“; dennoch sei sie notwendig: „[D]ass es einen universellen Anspruch der Menschenrechte gibt, ist […] die unabdingbare Voraussetzung dafür, die gleichen Rechte für ALLE Menschen überhaupt einfordern zu können. Alles andere öffnet der Relativierung der Menschenrechte und ihrer Negation Tür und Tor“:
„Wenn es […] keine ethnische und juristische Grenze zwischen Menschen und Tieren gibt, dann kann man über den Wert von behinderten und nichtbehinderten Menschen oder Juden und Arier[n] oder Frauen und Männern ebenso verhandeln wie über den von Fliegen und Gorillas – und eben auch zur dann nur noch von den jeweils favorisierten Kriterien abhängigen Meinung gelangen, bestimmte Menschen hätten weniger Recht zu leben als z.B. Delfine oder Hausschweine.“

Das heißt: letztendlich denkt Peter Singer den Tierrechtsgedanken einfach nur konsequenter zu Ende, als Andere es tun; und wenn diese Anderen dann gegen ihn demonstrieren, dann deshalb, weil sie von den logischen Konsequenzen ihrer eigenen gedanklichen Prämissen zurückschrecken.


Dasselbe gilt natürlich für die Abtreibungsbefürworter. Niemand sah dies klarer als Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der radikal-atheistischen Giordano Bruno Stiftung, der als Laudator für die Preisverleihung vorgesehen war. Dito am 21.05. schrieb er dem Anti-Singer-Aktionsbündnis ins Stammbuch, "die von Peter Singer vorgenommene Unterscheidung zwischen menschlichen Personen und nicht-personalem menschlichen Leben" sei "notwendig" (!), 
"um die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs zu legitimieren. Gibt man nämlich die wertende Unterscheidung zwischen den personalen Interessen der Mutter und den nichtpersonalen Interessen des Embryos bzw. Fötus auf, hat dies zur Folge, dass jeder Schwangerschaftsabbruch als 'Mord' eingestuft werden müsste." 

Schmidt-Salomons Schlussfolgerung lautete, das Aktionsbündnis gegen Singer sei "auf die Propaganda christlich-fundamentalistischer 'Lebensschützer' hereingefallen" und habe sich "vor den Karren extrem rechter Interessengruppen spannen lassen" (merke: "christlich-fundamentalistisch" und "extrem rechts" ist in Schmidt-Salomons Weltsicht offenbar ein und dasselbe); kurz, es sei "beschämend, dass Linke solch reaktionäre Positionen unterstützen". 

Mit diesen Angriffen auf die Initiatoren des Protests gegen Singer war offenkundig eine dritte, wo nicht gar schon vierte Eskalationsstufe erreicht. Schmidt-Salomons Einschätzung, der Widerstand gegen die Peter Singer zugedachte Ehrung sei in letzter Instanz das Werk "religiöse[r] Strippenzieher", mochte so manchen Christen erfreuen (oder auch darüber trösten, dass weder das katholische Erzbistum Berlin noch die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz es für nötig befunden hatte, sich zur Preisverleihung an Singer zu positionieren); aber die Leute vom Aktionsbündnis waren begreiflicherweise not amused, sich (wörtlich!) "als tumbe Marionetten der christlichen 'Lebensschutz'-Bewegung" dargestellt zu sehen. Daher schlug man auf der "Kein Forum für Peter Singer!"-Seite am 22.05. mit einem "Leser_innenbrief" zurück, dessen Inhalt man füglich mit "Michael Schmidt-Salomon ist doof" zusammenfassen kann. 

Derweil wurde auf der Website des "Fördervereins des Peter-Singer-Preises für Strategien zur Tierleidvermeidung e.V." ein Statement des oben erwähnten Preisstifters Dr. Walter Neussel vorveröffentlicht, das bei der Preisverleihung vorgetragen werden sollte. Darin prangerte Neussel die "Hasstiraden gegen Peter Singer" an, bezeichnete die "seit Jahrzehnten" stattfindenden "Protestdemonstrationen von Behindertenverbänden" gegen den australischen Philosophen als "eine Schande" und erinnerte an den Sonderpädagogen Christoph Anstötz, "der Peter Singer im Jahre 1990 nach Dortmund eingeladen hatte" und später "auf Grund der extremen Anfeindungen seitens der Behindertenverbände gegen ihn Selbstmord begangen" habe. Welche Eskalationsstufe haben wir jetzt erreicht? Fünf? Sechs? Sieben? 

Die größte Bombe platzte jedoch am 25.05., mithin einen Tag vor der Preisverleihung: Michael Schmidt-Salomon distanzierte sich von Peter Singer und sagte die Laudatio ab. - Was war passiert? Einen Tag zuvor war in der Sonntagsausgabe der Neuen Zürcher Zeitung ein Interview mit Peter Singer erschienen, in dem der Philosoph seine Auffassung von Präferenzutilitarismus anhand von Fallbeispielen illustrierte, die sogar Schmidt-Salomon schockierten. So hatte Singer erörtert, dass im Interesse des größeren Glücks der Menschheit sogar die Folterung eines Kindes ethisch "richtig" sein könne, und hatte es als "nicht unbedingt unvernünftig" bezeichnet, wenn alte und kranke Menschen meinten, sich das Leben nehmen zu müssen, um ihren Angehörigen nicht zur Last zu fallen. Schmidt-Salomon entschied daraufhin: "In dieser Situation muss ich die Reißleine ziehen." 

Und was taten derweil Diejenigen, die gegen die "Ethik" Peter Singers nicht nur halbherzige und inkonsequente, sondern ganz grundsätzliche Einwände haben - weil sie sich zu dem von Schmidt-Salomon so hart gescholtenen Glauben an die "Heiligkeit des Lebens" bekennen und sich für etwas so Grausiges wie die "Rettung des christlichen Menschenbildes" einsetzen? Was, um es auf den Punkt zu bringen, taten die "religiösen Strippenzieher", die "christlich-fundamentalistische[n] 'Lebensschützer'" und "selbsternannte[n] Abtreibungsgegner_innen", die ja auf der Kundgebung des Aktionsbündnisses "ausdrücklich nicht willkommen" waren? - Die beiden großen Kirchen, ich erwähnte es schon, hatten sich zur Singer-Preisverleihung mit keiner Silbe geäußert, geschweige denn dass sie etwa ihrerseits zu einer Protestaktion aufgerufen hätten. So enttäuschend das war: kein Grund, nicht trotzdem hinzugehen und Gesicht zu zeigen. Durch ein bisschen Herumfragen im einschlägig engagierten Freundes- und Bekanntenkreis erfuhr ich - wenn auch etwas kurzfristig - dass der als Veranstalter des alljährlichen Marschs für das Leben bekannte Bundesverband Lebensrecht e.V., vertreten durch die Regionalgruppe des diesem Verband korporativ angehörigen Vereins KALEB e.V., für den Tag der Preisverleihung von 16:30 bis 18:30 Uhr eine Mahnwache vor der Urania angemeldet hatte. Da ging ich hin. 


Foto: (c) Andreas Kobs. -- Weitere Fotos hier.

(Wer mich auf dem Bild sucht, den muss ich enttäuschen: Ich bin nicht drauf, ich stieß erst später dazu.)

Direkt auf dem Vorplatz der Urania - laut einem Bericht der Behindertenorganisation Kobinet "in einem von der Polizei 'geschützten Bereich'" - demonstrierten "die Anderen". Also das Aktionsbündnis. Zusammen mit der an ihren Flaggen weithin erkennbaren Tierschutzpartei sowie Behindertenverbänden, aber eben nicht - wie der Bericht des Humanistischen Pressedienstes es darstellt - "gemeinsam" mit "selbsternannte[n] 'Lebensschützer[n]'", denn die, also wir, waren ja nicht eingeladen und mussten auf der anderen Straßenseite protestieren. Die Anderen waren mehr und lauter als wir, aber wie der einzelne alte Mann, der in der Amphitheater-Szene von "Das Leben des Brian" die Populäre Front repräsentiert, mussten wir uns denn doch nicht fühlen, auch wenn wir von der anderen Seite zwar nicht wortwörtlich als "Spalter", aber doch als so manches Andere beschimpft wurden. Im Großen und Ganzen blieb aber alles friedlich, man verteilte Flyer, kam mit Passanten ins Gespräch. Derweil befand sich der Geschäftsführer von KALEB e.V., Gerhard Steier, in der Urania, um die von den Veranstaltern der Preisverleihung angebotene Möglichkeit zu nutzen, ein kritisches Statement abzugeben. Das "Aktionsbündnis" hatte auf seinem Blog über die Ankündigung dieser Stellungnahme gelästert
"Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass die Singer-Kritiker und das Aktions-Bündnis 'Kein Forum für Peter Singer' nichts mit den Lebensschützern zu schaffen haben, dann ist es wohl das: während wir protestieren, geben sie kritische Stellungnahmen ab." 

(Zugegeben, dass von den bösen, bösen Lebensschützern auch einige vor der Urania auf die Straße gehen würden, konnte das Aktionsbündnis noch nicht wissen oder ahnen, als es diesen Text veröffentlichte. Bemerkenswert sinnfrei wirkt er trotzdem, aber in dieser Hinsicht hat die Seite noch weit Blöderes zu bieten.) 

In seinem rund zehn Minuten langen Redebeitrag betonte Gerhard Steier unter anderem, dass Peter Singers Visionen schon längst ihre Entsprechung in der Realität fänden: 
"Embryos werden zu Schönheitscreme verarbeitet; lebensfähige Babys wurden in der DDR in Wassereimern ertränkt - und heute anderswo auf der Welt -; [...] behinderte Babys werden bei uns mit der Säurespritze ins schlagende Herz vor ihrer Austreibung getötet, und wir nennen das vornehm 'Fetozid'. Und die 100.000 'normalen Abtreibungen stören uns sowieso nicht. Keine Partei im Bundestag will daran etwas ändern, im Gegenteil, es soll noch in diesem Jahr nach den Vorstellungen etlicher Abgeordneter die Mitwirkung am Suizid Ärzten und nahestehenden Personen straffrei erlaubt werden."

Der Humanistische Pressedienst kommentierte: "Gerhard Steier, der jährlich den 'Marsch für das Leben' organisiert, versuchte zwar, sich zurückzuhalten in seiner Rede, konnte aber seinen christlich-fundamentalistischen Background dabei nicht verstecken."

Übrigens gibt derselbe Artikel des Humanistischen Pressedienstes die Zahl der Protestierer vor der Urania mit rund 250 an, darunter nur "einige[] wenige[] Linke[]". Dagegen beziffert kobinet die Teilnehmer an der Kundgebung des Aktionsbündnisses nur auf "an die 100". Jetzt könnte ich behaupten, die anderen 150 wären alle bei der Mahnwache von KALEB gewesen, aber ich will ehrlich sein: So viele waren wir nicht. 

Pünktlich um 18:30 Uhr tauchte die Polizei auf und erinnerte daran, dass die Genehmigung für die Mahnwache nunmehr abgelaufen sei. Das hatte ich so auch noch nicht erlebt. Beim Verlassen des Platzes fiel mir auf der anderen Straßenseite, also bei der Kundgebung des Aktionsbündnisses, ein bemerkenswertes Schild auf: 



Lebensrecht für Alle? Man könnte fast den Eindruck haben, es gäbe doch eine gewisse Basis für eine Verständigung zwischen den Gruppen, die an diesem Abend auf unterschiedlichen Straßenseiten für dieselbe Sache demonstrierten. Aber nüchtern betrachtet stehen die Chancen für eine solche Verständigung wohl eher schlecht. Ich sehe es schon kommen, dass wir im September beim Marsch für das Leben erneut nicht nur physisch auf unterschiedlichen Straßenseiten stehen werden, sondern auch und erst recht ideologisch... 


Kommentare:

  1. Besonders entlarvend finde ich die Aussage über Gerhard Steier, er könne "seinen christlich-fundamentalistischen Background dabei nicht verstecken". Das kann nur jemand sagen, der den "christlich-fundamentalistischen Background" für etwas unzweifelhaft Peinliches und Schlimmes hält, etwas, das man sich müht zu verbergen. Nur gut,daß Gerhard Steier seine Überzeugung gar nicht verbergen will!

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  2. Einmal hin, einmal her, rundherum, das ist nicht schwer...

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  3. Meine Güte, was für ein munteres Sektierertum in der Atheistisch - Marxistischen Szene. Sowas hat Münster natürlich nicht zu bieten, jedenfalls nicht so bunt... Vielen Dank für die schönen Hintergrundinfos, die ich mit Interesse gelesen habe.

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  4. Ein wenig hysterisch scheint mir die Singer Debatte in Deutschland schon, wenn ich zum Beispiel in Ankündigungen lese er rufe zum "Babymord" auf. Aber das nur am Rande. Das christliche Menschenbild geht von einer absoluten Menschenwürde resultierend aus der Gottesebenbildlichkeit aus. Wenn ich diese aber nicht zur Grundlage der Ethik mache (wozu man niemanden zwingen kann) dann wird es auch schwer diese Menschenwürde aus sicher heraus wissenschaftlich zu argumentieren. Und dann ist es auch nicht mehr ethisch z.B. 30 Schimpansen als Versuchstiere zu opfern um das Leben von anenzephalen Kindern zu verlängern. Singer versteckt sich hier nicht sondern er lotet seine Thesen bis in die äußersten Randbereiche aus. In diesen Randbereichen wird allerdings jede Ethik brüchig - auch die christliche.

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    1. Ich stimme insoweit zu, dass Singers Argumentation in sich ausgesprochen konsistent ist - und damit ist er als Denker vielen seiner Kritiker klar überlegen. Aus christlicher Sicht sind seine Thesen aber natürlich schon im Ansatz unannehmbar. Gerade deshalb liefert er so zu sagen eine exzellente Vorlage, christliches Menschenbild "auf die Straße zu bringen" - weshalb ich es fast schon schade finde, dass die "phil.cologne" in Köln, wo er am Sonntag hätte sprechen sollen, ihn ausgeladen hat...

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    2. Es mag durchaus sein, dass Singers Thesen für Christen unannehmbar sind und niemand kann einen Christen dazu zwingen sie zu akzeptieren. Trotzdem haben wir Forschungsfreiheit und Singer ist Wissenschafter. Bestrebungen ihm die Publikation seiner Thesen verbieten zu wollen finde ich daher sehr problematisch. Sie mögen durchaus Recht haben, dass Singer polarisiert und damit auch seltsame Allianzen unter seinen Gegnern fördert (diese beschreiben Sie selbst ja sehr plastisch). Ob er sich allerdings dazu eignet "christliches Menschenbild auf die Straße zu bringen" wage ich zu bezweifeln. Denn erstens hat Singer auch sein - völlig unbestrittenen - Verdienste - etwa im Tierschutz. Und anderseits ist die christlichen Ethik in den Randbereichen, in denen sich Singer gerne medienwirksam bewegt, auch nicht so frei von Widersprüchlichkeiten.

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    3. Es fiele mir überhaupt nicht ein, ihm die Publikation seiner Thesen verbieten zu wollen... zumal damit nichts gewonnen wäre. Im Gegenteil, er *muss* sich äußern können - schon allein, damit man ihm widersprechen kann...

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    4. Da teilen Sie meine Gedanken. Ich finde es aus eben diesen Grund völlig abwegig, den "Marsch für das Leben" mit dem Mittel von Protestkundgebungen und diversen unflätigen Beschimpfungen verhindern zu wollen. Vielmehr würde ich es interessant finde, mit den Teilnehmern zu diskutieren und ihre Argumente zu hören. Und ich hätte überhaupt keine Angst davor mit meinen Argumenten im Diskurs unterzugehen.

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  5. Ich kenne mich leider mit Herrn Singer wenig aus, deshalb hier mal die Frage: Wenn er gewissen Tieren eine Ethik zutraut - was ja per se nicht ganz falsch ist, wurde der Mensch doch als Hüter des Garten Eden ins Paradies gesetzt -, wie steht er dann zu den Gewalttaten im Tierreich? Was ist mit Schimpansen zu machen, die die Kinder anderer Affengruppen erschlagen? Mit kannibalistischem Verhalten? Mit Vergewaltigung? Wie steht man zu Carnivoren, dessen Arterhalt vom Tod anderer Tiere abhängt?

    Das sind keine Fragen, die ich smartassig meine, das würde mich wirklich interessieren.

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    1. Es ist in der Tat eines der großen logischen Probleme der Tierrechtsbewegung, dass man - wenn man Tieren Menschenrechte zuerkennt - diesen theoretisch auch Nothilfe leisten müsste - z.B. einem Gnu das von einem Löwen verfolgt wird. Das ist in sich natürlich unsinnig und gegen den Lauf der Natur. Man kann dagegen argumentieren, dass eben nur der Mensch über Vernunft und Bewusstsein verfügt (wie Descartes) und deshalb der - aus der christlichen Ethik gebildete -Menschenrechtsbegriff auch nur in der menschlichen Gesellschaft seinen Platz hat.

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  6. Da du deinen Beitrag ja selbst als Beispiel zur Verfügung gestellt hast, liegt es nahe, dir auch noch mal versuchshalber die Frage zu stellen: Gibts denn einen besonderen Grund, dass gerade Singer so viel Aufmerksamkeit (zum Beispiel) aus den christlichen Blogs bekommt, der an mir vorübergegangen ist, oder wie siehst du das? Kann ja sein, dass ich nur gepennt habe, aber an mir wäre der Herr wie auch sein alberner Preis völlig vorbei gegangen, wenn mir nicht ein paar christliche Beiträge in den Feedreader getrudelt wären.

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    1. Hallo Muriel!
      Ich hatte eigentlich angenommen, Peter Singer wäre auch außerhalb "interessierter Kreise" (seien das nun Tierschützer, Behindertenverbände oder Lebensschützer) recht bekannt. Seine Thesen zum Lebensrecht Behinderter lösen meines Wissens schon seit den 80er Jahren immer wieder Kontroversen aus - ich persönlich hatte erstmals Anfang der 90er im Religionsunterricht damit zu tun, und dann wenige Jahre später in meinem Zivildienstlehrgang (Individuelle Schwerstbehindertenbetreuung).
      -- Zu Deiner Frage, warum er gerade von christlichen Blogs so viel Aufmerksamkeit bekommt: Nun ja, mit seiner Unterscheidung von personalem und nicht-personalem menschlichen Leben ist er ein besonders radikaler (man könnte auch sagen: ein besonders konsequenter) Vertreter eines Menschenbildes, das dem christlichen diametral widerspricht. Und gerade diese Radikalität seiner Thesen macht ihn in gewissem Sinne zu einem idealen Gegner. Die Relativierung des Lebensrechts von Menschen, die Singer mit seinem Personenbegriff vornimmt, entspricht ja zum Teil bereits der gängigen Praxis (vgl. z.B. Pränatal- u./o. Präimplantationsdiagnostik und Spätabtreibung von behinderten Föten), aber kaum jemand traut sich, dies so offensiv zu vertreten wie Singer. Da ist eine Preisverleihung an ihn dann einfach ein Anlass für christliche Lebensschützer, deutlich Position zu beziehen.

      Interessant ist aber doch auch, dass der Protest gegen die Preisverleihung - wie oben ausgeführt - zum überwiegenden Teil gerade *nicht* von christlicher Seite kam...

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  7. Singers Ethik entspricht auch im Umgang mit lebend geborenen Schwerstbehinderten bereits der heute gängigen Praxis. Mit dem Unterschied, dass hier halt die (qualvollere) passive Euthanasie gewählt wird. Singer würde zurecht anmerken, dass die aktive Verabreichung einer Kaliumspritze ethischer - weil Leidensvermindernder ist - allerdings ist das in Deutschland verboten. Die Botschaft christlicher Politiker an die Ärzte ist hier - wie in der Sterbehilfedebatte - einfach: "Macht Euch nicht die Finger schmutzig, die verrecken eh von alleine." Ob das besser ist als Singers Ethik lasse ich mal dahingestellt.

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    1. Die Gleichung "leidensvermindernder = ethischer" ist so eine der Prämissen der Singerschen Ethik, die für viele Menschen auf den ersten Blick einleuchtend erscheinen mag, die ich aber für ausgesprochen fragwürdig halte.

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  8. Danke für die Erläuterung. So besonders interessant finde ich die Beobachtung eigentlich gar nicht. Es ist ja nicht so, dass die Differenzierung von (Menschen)Rechten nach Bewusstseinsstadien (in Ermangelung eines treffenderen Begriffs) unter Nichtchristen generell Konsens wäre. Na gut, und dann ist es andererseits doch schon wieder interessant, weil ich es ja wie gesagt generell nicht so einsehe. Auf jeden Fall aber danke ich für die in deinem Beitrag verlinkten Stellungnahmen von nichtchristlicher Seite. Die kannte ich bisher nicht.

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