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Mittwoch, 15. Mai 2013

The Rabbit Diaries, Pt. IV

Es ist bestimmt in Gottes Rat, dass jeder, der ein Haustier hat, früher oder später mit dessen Sterblichkeit konfrontiert wird. So ein kleiner pelziger Hausgenosse kann einem schnell ans Herz wachsen, aber Hund, Katze, Meerschweinchen oder eben Zwergkaninchen haben leider eine recht überschaubare Lebenserwartung, verglichen mit der eines Menschen. Und irgendwann heißt es dann Abschied nehmen.

Es läge jetzt nahe, zu behaupten, dass ich mir deshalb nie ein Haustier zugelegt habe; aber eigentlich glaube ich nicht, dass das der entscheidende Grund war. Ehrlich und selbstkritisch gesagt scheue ich wohl noch mehr als den irgendwann zu erwartenden Trennungsschmerz die Kosten, den Zeit- und Arbeitsaufwand, kurz: die Verantwortung der Haustierhaltung. So richtig "Generation Maybe"-mäßig halt. -- Diejenigen Leser, die "Huhn meets Ei..." schon etwas länger verfolgen, werden sich aber vielleicht erinnern, dass ich letzten Sommer gleichwohl für ein paar Wochen die Betreuung zweier Kaninchen übernommen hatte - und dass das durchaus eine schöne und bereichernde Erfahrung für mich war. Man hätte denken können, ich hätte, nachdem die kleinen Nager und ich uns einmal aneinander gewöhnt hatten, den Kontakt zu ihnen so einigermaßen aufrecht erhalten; eigentlich hatte ich das auch vor, aber irgendwie ist es nicht dazu gekommen. Ihre Besitzerin - nein, Moment: Der Begriff "Besitz" ist im Grunde keine zutreffende Bezeichnung für das Mensch-Kaninchen-Verhältnis; sagen wir also lieber: "ihre Mutti" - sehe ich zwar einigermaßen regelmäßig, zumeist jedoch in der Bar, in der sie ein paar Abende pro Woche arbeitet. Da bleiben die Kaninchen natürlich schön zu Hause. Immerhin, vor ein paar Monaten habe ich Flocke und König Friedrich dann doch mal wieder gesehen: Da habe ich, zusammen mit sechs oder sieben anderen Freiwilligen, Kaninchenmutti Kati beim Umzug geholfen. Die Kaninchen waren schon einen Tag vorher in die neue Wohnung eingezogen, sie saßen in ihrem Laufstall und beobachteten uns mit der ihnen eigenen distanzierten Neugier beim Umzugskistenschleppen. Wenn es ihnen zu unruhig wurde, verzogen sie sich in ihre Schlafhöhle. Auf jeden Fall war es schön zu sehen, dass die beiden Nager den Wohnungswechsel offenbar gut überstanden hatten - nachdem Kati schon letztes Jahr die Befürchtung geäußert hatte, speziell für Flocke, die bereits im für ein Zwergkaninchen geradezu greisenhaftenm Alter von neun Jahren stand, könne ein Umzug in eine andere Wohnung zu viel Stress bedeuten.


Vor ein paar Tagen nun allerdings teilte Kati mir betrübt mit, es gehe mit Flocke zu Ende: Die in jüngeren Jahren sehr agile Kaninchendame könne sich kaum mehr bewegen, fresse auch nicht mehr, es sei denn, sie werde gefüttert, und auch dann nur widerwillig. "Ich fand, du solltest das wissen", sagte Kati, "es betrifft dich ja irgendwie auch." Das stimmte. Wie ich später erfuhr, vermutete die Tierärztin einen Bandscheibenvorfall; mit Sicherheit wäre dies nur durch Röntgen zu diagnostizieren gewesen, aber davon hatte die Ärztin abgeraten. Typische Fluchttiere wie Kaninchen kann man nämlich praktisch nicht ohne Narkose röntgen, und dann wäre es fraglich gewesen, ob Flocke die Narkose überleben würde.

Kati rang sich schließlich, mit einiger Mühe, dazu durch, das treue Tier von seinem Leiden erlösen zu lassen. Hinterher rief sie mich an, und wir verabredeten uns zu einem kleinen Flocke-Gedächtnis-Umtrunk.

Als wir uns trafen, hatte Kati sich, wie sie sagte, bereits gründlich ausgeheult und war nun einigermaßen gefasst. Im Grunde, sagte sie, war sie sogar ganz froh, dass Flocke es nun überstanden hatte – hatte aber gleichzeitig ein schlechtes Gewissen ob solcher Gedanken und fragte sich, ob das eine moralisch vertretbare Haltung sei. Ich redete ihr diesbezüglich gut zu, Kati schilderte mir ihren Abschied von Flocke und ging dann dazu über, von allerlei lustigen Begebenheiten zu erzählen, die sie in all den Jahren mit Flocke erlebt hatte.

Ein Thema für sich war allerdings der Umstand, dass Flocke noch einen weiteren trauernden Hinterbliebenen hinterlassen hat: ihren Käfiggefährten König Friedrich. Kaninchen sind gesellige Tiere, sie können nicht gut allein leben; artgerechte Haustierhaltung erfordert es daher, dass man sie immer mindestens zu zweit hält. Somit sieht Kati sich nun vor die Alternative gestellt, sich entweder in absehbarer Zeit ein weiteres Kaninchen zuzulegen ("Aber ich weiß nicht, ob ich das auf lange Sicht will. Dann stirbt irgendwann wieder eins, und das Ganze geht von vorne los…") oder den putzigen kleinen Friedel in fremde Hände abzugeben ("Wenn ich jemanden kennte… äh… kennte?" – Ich nickte. – "Also, wenn ich jemanden kennte, der einen Bauernhof hat oder so etwas, wo Friedel richtig viel Auslauf hätte und andere Tiere um sich herum, dann könnte ich ihn guten Gewissens abgeben. Ich glaube, Robby hat sowas Ähnliches wie einen Bauernhof – aber Robby sieht aus wie jemand, der kleine Hasen zum Frühstück verputzt! Auf einen Haps! – Ich will niemandem was unterstellen, aber er sieht einfach so aus!"). Keine leichte Entscheidung, deshalb riet ich ihr, sich damit etwas Zeit zu lassen. Klar war ihr jedenfalls eines: "Ganz ohne Haustier geht es nicht. Ich brauch' so ein kleines Wesen bei mir zu Hause, das ich bemuttern kann. Sonst werd' ich schwanger!" Lassen wir das mal so stehen.

Neben solchen Erwägungen zeigte dieses Gespräch aber auch, dass der Tod eines Haustiers reichlich Anlass bietet, sich allerlei Gedanken über das Leben, den Tod und das Leben nach dem Tod zu machen – nicht nur auf das Tier bezogen, sondern auch auf sich selbst. Wenn man sich - und sei es nur zum eigenen Trost - das Jenseits für Kaninchen als eine Art "Ewige Hoppelgründe" mit Wiesen voller bestem Klee vorstellt, dann liegt es nahe, sich auch zu fragen, was für ein Jenseits man denn für sich selbst erwartet bzw. erhofft. Kati gab zu Protokoll, sie sehe das für sich persönlich "eher buddhistisch". Dass ich als Katholik da anderer Auffassung bin, musste ich ihr gegenüber nicht eigens ausführen und muss es wohl auch hier und jetzt nicht. Meine Gedanken kreisten - ohne dass ich sie aussprach - eher um eine andere Frage: Wie verhält sich denn der Katholizismus zur Vorstellung eines "Hopperlhimmels" für Kaninchen? - Insbesondere in christentumskritischen Tierschützerkreisen ist die Meinung weit verbreitet, der christliche Glaube lehre, dass Tiere keine Seele haben. Wenn man sich zu dieser Frage ein wenig beliest, kann man aber schnell feststellen, dass das gar so eindeutig nicht ist: Tatsächlich gewinnt schon seit längerer Zeit unter Theologen verschiedener christlicher Konfessionen die Auffassung, dass Tiere sehr wohl eine Seele haben, mehr und mehr Zustimmung. Hiervon ausgehend könnte man unschwer argumentieren: Wenn Tiere eine Seele haben, dann kommen sie ganz bestimmt in den Himmel - weil sie, anders als Menschen, nicht sündigen können: Sie handeln ihrer Natur entsprechend, ohne freien Willen, damit aber zugleich auch ohne Verlockung zum Bösen.

Daran schließt sich freilich eine weitere diffizile Frage an: die Frage nach den Rechten, die man den Tieren zubilligen müsse, wenn man voraussetzt, dass sie eine Seele haben wie wir. Den Fleischesser und Lederschuhträger in mir könnte diese Frage radikalen Tierrechtsaktivisten gegenüber schon in einige Erklärungsnot bringen; tatsächlich kreisten meine Gedanken - veranlasst durch aktuelle Debatten über Sterbehilfe - aber hauptsächlich um einen ganz anderen Aspekt: Ist es zu rechtfertigen, aktive Sterbehilfe für Menschen kategorisch abzulehnen, gleichzeitig das Einschläfern schwer kranker Tiere aber gutzuheißen? Diese Frage hat mich so gefühlte eineinhalb Tage lang durchaus ernsthaft beschäftigt, aber endlich fand sich eine Antwort: Dass das Tier eine Seele hat, bedeutet nicht zwingend, dass es eine Seele wie wir hat. So unterschied etwa der Hl. Thomas von Aquin zwischen der anima sensitiva der Tiere und der intellektuellen, also vernunftbegabten Seele des Menschen. Ganz konkret gesagt: Sowohl aus theologischer wie aus biologischer Sicht kann man davon ausgehen, dass das Kaninchen nicht über das Kaninchensein reflektiert. Es hoppelt herum und frisst. Wenn es das nicht mehr kann, ist sein ganzer Lebensinhalt dahin. In freier Wildbahn würde es in diesem Zustand vermutlich entweder verhungern oder gefressen werden. Ein Mensch kann im Leiden Sinn finden, kann daran wachsen; ein Kaninchen kann das nicht. Laut Gen 1,26 u. 28 hat Gott die Tiere der Verantwortung der Menschen übergeben, daher hat der Mensch auch das Recht, ein schwer krankes oder verletztes Tier von seinem Leiden zu erlösen; einem Mitmenschen gegenüber hat er dieses Recht nicht.

Ich kann es wieder einmal nur als bemerkenswerte Fügung bezeichnen, dass in der Lectio continua des Jugendkatechismus YouCat, die Prälat Peter Hilger auf seiner Facebook-Seite anbietet, ausgerechnet heute, während ich an diesem Artikel arbeite, Nr. 437 an die Reihe kam: "Wie sollen wir mit Tieren umgehen?" Dort ist zu lesen:

"Tiere sind unsere Mitgeschöpfe, die wir lieben und an denen wir uns freuen sollen, wie Gott sich an ihrem Dasein freut.
Auch Tiere sind fühlende Geschöpfe Gottes. Es ist eine Sünde, sie zu quälen, sie leiden zu lassen und sie nutzlos zu töten. Dennoch darf ein Mensch nicht die Tierliebe über die Menschenliebe stellen."
Etwas ausführlicher - und daher hier von mir auf die im Kontext dieses Artikels relevanten Aspekte zusammengekürzt - heißt es im "großen" Katechismus, Nr. 2416-2418:
"Tiere sind Geschöpfe Gottes und unterstehen seiner fürsorgenden Vorsehung. Schon allein durch ihr Dasein preisen und verherrlichen sie Gott. Darum schulden ihnen auch die Menschen Wohlwollen. Erinnern wir uns, mit welchem Feingefühl die Heiligen, z.B. der hl. Franz von Assisi und der hl. Philipp Neri, die Tiere behandelten.
Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bild geschaffen hat. Somit darf man sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen. Man darf sie zähmen, um sie dem Menschen bei der Arbeit und in der Freizeit dienstbar zu machen. [...]
Es widerspricht der Würde des Menschen, Tiere nutzlos leiden zu lassen und zu töten. [...] Man darf Tiere gern haben, soll ihnen aber nicht die Liebe zuwenden, die einzig Menschen gebührt."
Auf die Frage nach einem Jenseits für Tiere wird hier wohlgemerkt nicht eingegangen, und auch sonst lassen die hier zitierten und nicht zitierten Sätze sicherlich noch reichlich Raum für Fragen und Diskussionen unter christlichen wie auch nichtchristlichen Tierfreunden. Aber ich fühle mich dadurch bis auf Weiteres zufriedengestellt und erhebe abermals mein Glas auf Flocke, einen liebenswerten kleinen Nager...

Kommentare:

  1. Habe mir grade einen Vino Rosso eingeschenkt und trinke auch auf Flocke. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Gott die Tiere so liebt, dass er sie erschaffen hat und dass er immer noch dabei ist. Auch alle anderen Lebewesen. Und wenn wir sie lieben, dann zeigt das, dass wir tatsächlich nach SEINEM Bild geschaffen sind. Ich versuche immer bewusst, mich an jedes Haustier von mir und Freunden zu erinnern. Vielleicht erkenne ich sie im Himmel ja wieder?
    Ein wenig, aber nicht nur scherzhaft gemeint! LG, Mechthild

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  2. Eine Seele, aber andersartig als die menschliche Seele - das gefällt mir sehr.

    Allerdings hatte ich mal einen Kater, der eine gewisse Gemeinheit an den Tag legte. Wenn er faul auf der Couch lag, dann durfte ich nicht zu nahe an ihm vorbeigehen, denn er langte mir dann immer so kräftig eine in den Oberschenkel, dass ich ihn fast von der Couch runterzog. Ich könnte schwören, er hätte dabei gegrinst.

    Wenn er ein Mensch gewesen wäre - er wäre achtkantig rausgeflogen. Als Kater fand ich ihn trotzdem recht liebenswert. Oberschenkelhaken wird also wohl wirklich nicht als Sünde gewertet werden.

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  3. Sicherlich stirbt irgendwann wieder ein Haustier – aber wieviel Freude hat man bis dahin mit ihm.

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