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Mittwoch, 22. August 2012

Pack die Badehose ein, die Sintflut ist da!

Ich habe einen skurrilen neuen Follower auf Twitter: Ohne dass ich sagen könnte, womit ich das verdient habe, folgt mir seit gestern Abend ein Account namens Bibel und 2012. Auf den ersten Blick fand ich den Namen leicht sonderbar und speziell das "und" darin irgendwie deplatziert, aber bei näherem Hinsehen wurde schnell offensichtlich, was es mit dem Namen dieses Accounts - der auf eine gleichnamige Website verweist - auf sich hat: Er bezieht sich auf den nicht zuletzt durch Roland Emmerichs Film 2012 (der von der NASA zum "absurdesten Science-Fiction-Film" gewählt wurde) beförderten Hype um den angeblich im Maya-Kalender prophezeiten Weltuntergang im Jahr 2012. Zwar hätte man denken können, nachdem Wissenschaftler die Behauptung, das am 21.12.2012 anstehende Ende des Maya-Kalenderzyklus bedeute den Weltuntergang, schlüssig widerlegt haben, wäre das Thema so langsam mal "durch", aber nix da: Nun hat man sich schon so auf den Weltuntergang gefreut hat, lässt man sich das doch nicht durch schnöde wissenschaftliche Erkenntnisse kaputt machen. Wenn die Maya als Gewährsleute des bevorstehenden Weltendes unsichere Kantonisten werden, müssen eben andere herhalten.Der alte Nostradamus zum Beispiel. Die Hopi-Indianer. Die Zulu. Der "Bibel-Code". Und zur Not sogar die Weissagungen des Malachias. So ist halt für jeden was dabei.

Der Weltuntergang hat also Hochkonjunktur dieses Jahr, und der Accountname "Bibel und 2012" soll also wohl in etwa heißen: "Alle reden vom Weltuntergang - was sagt die Bibel dazu?" Eine berechtigte Frage, auf die man eine kurze Antwort geben könnte: "Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater" (Mt 24,36). Das ist aber wohl Manchem ganz einfach zu langweilig, oder auch zu unsicher. Menschen, die es trotz dieses Schriftworts gern etwas genauer wissen wollen oder auch genauer zu wissen meinen, gibt es auch nicht erst seit gestern. William Miller, ein Baptistenprediger aus Massachusetts, aus dessen Anhängerschaft schließlich die Siebenten-Tages-Adventisten hervorgingen, prophezeite den Anbruch der Apokalypse zuerst für 1843, dann für 1844, schließlich für 1845, danach gab er es auf, neue Termine anzusetzen. Charles Taze Russell, der Gründervater der Zeugen Jehovas, errechnete den Anbruch der Endzeit für das Jahr 1914, und seine Anhänger glauben auch bis heute, dass die Endzeit 1914 angebrochen sei. Dies nur die bekanntesten Beispiele.

Und der Betreiber der "Bibel und 2012"-Website und des dazugehörigen Twitter-Accounts? Der gehört offenbar auch zu jenen, die sich auf die Apokalypse freuen, denn auch seiner Homepage ist zu lesen: "Im Fall der Entrückung steht diese Domain zur freien Verfügung..."

Zu meinen weiteren Ausführungen empfehle ich etwas musikalische Untermalung. Diese hier zum Beispiel.


Die "Entrückung" (engl. rapture) der Auserwählten Gottes von der Erde hatte der US-Radioevangelist Harold Camping zwar schon für den 21.05.2011 vorausgesagt, aber wer wird so kleinlich sein...

Wer sich mit den Details der biblischen Endzeitprophezeiungen und deren Auslegungen, speziell jenen von fundamentalistisch-protestantischer Seite, noch nicht allzu intensiv auseinandergesetzt hat, der wird mit dem Begriff "Entrückung"/"rapture" erst einmal wenig anzufangen wissen; aber dafür ist ja der Bibel und 2012-Betreiber da, der seine Leser aufklärt: "[W]ir, die Jesus als ihren Retter und Herrn angenommen haben, werden vor Beginn der Endzeit von Jesus in den sicheren Himmel entrückt (siehe 1 Thessalonicher Kapitel 4, Verse 13 – 18). Ehe es hier auf Erden richtig schlimm wird, ruft Jesus uns bei der Entrückung in die Sicherheit des Himmels."

Übrigens legt der Autor sich durchaus nicht darauf fest, dass die Entrückung noch in diesem Jahr stattfinden wird. Überhaupt ist nicht ganz klar zu erkennen, ob er selbst an den Anbruch der Apokalypse im Jahr 2012 glaubt oder lediglich das gesteigerte Interesse an Weltuntergangsprophezeiungen nutzen will, um darauf aufmerksam zu machen, was die Bibel über die Endzeit aussagt. Allerdings geht er sehr entschieden davon aus, dass die Letzten Tage nicht mehr fern sind; darum will er seinen Lesern praktische Hinweise geben, wie sie gerettet werden können - und woran sie den Anbruch der Endzeit erkennen können: Ein Großteil der Beiträge dreht sich um den Abgleich aktueller Nachrichten aus aller Welt mit biblischen Prophezeiungen - vor allem aus der Offenbarung des Johannes, aber auch aus Ezechiel, Daniel und anderen Prophetenbüchern. Und siehe da: Ob es um den "Arabischen Frühling" geht, um die Lage im Nahen Osten oder um die Staatsschuldenkrise in der EU (die als wiedererstandenes Römisches Reich gedeutet wird!) -- allüberall zeigen sich die Vorboten der Apokalypse! Sogar die Meldung, dass "die Bundesregierung im Zusammenhang mit dem Spieler- und Jugendschutz den Zugang und die Benutzung von Geldspielautomaten regulieren will", zählt der Autor zu diesen Vorboten: "Es geht anscheinend immer mehr in Richtung übermächtiger, allwissender Staat bei gleichzeitiger Reduzierung der individuellen Eigenverantwortung und Freiheiten. Genau das, nämlich die Kontrolle des Staates über die Menschen, prophezeit die Bibel für die Endzeit." Das mag man belächeln, aber an anderer Stelle geht es weit weniger lustig zu - etwa wenn subtil angedeutet wird, Obama sei der Antichrist: "[A]m Anfang ist der Antichrist ein sympatischer Friedensstifter, ein glatter und eloquenter Politiker, der es aufgrund seines Auftretens und seiner sprachlichen Beredtheit versteht, die Unterstützung der meisten Menschen zu erlangen. Sie folgen ihm gerne." Erst gegen Ende seiner Herrschaft - sagen wir ruhig: in seiner zweiten Amtszeit - wird der Antichrist sein wahres Gesicht zeigen: "Der Antichrist wird eine so große Not und bisher nicht gekannte Pein verursachen, so daß Menschenschlächter wie Hitler, Stalin und Mao im Vergleich mit dem Antichristen wie Waisenknaben erscheinen."

Spätestens jetzt möchte man doch gerne mal wissen, wer eigentlich hinter Bibel und 2012 steckt. Der Text macht an vielen Stellen den Eindruck, als sei er zwar grammatikalisch weitgehend korrekt, aber etwas unbeholfen und ziemlich wortwörtlich aus dem Englischen übersetzt; etwa wenn wiederholt vom "Zweiten Kommen von Jesus" die Rede ist: Second Coming heißt die Wiederkunft Christi auf Englisch, aber im Deutschen ist dieser Ausdruck eigentlich nicht gebräuchlich; und die Vermeidung des Genitivs durch "von"+Dativ wird zwar auch im Deutschen immer beliebter - Bastian Sick nennt diese Konstruktion in einem seiner Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod-Bücher scherzhaft den "Vonitiv" -, wirkt aber plump und etwas missverständlich, denn das "Kommen von Jesus" könnte schließlich auch bedeuten, dass nicht Jesus selbst kommt, sondern dass jemand Anderes von Jesus (her) kommt. Die "Vonitiv"-Konstruktion findet sich auf der Website und den darauf verweisenden Tweets häufiger; hier zwei Beispiele in einem: "Die Grundsteine vom Neuen Jerusalem (Hauptstadt vom Himmel)" - da kriege ich als leidenschaftlicher Germanist Gänsehaut auf den Trommelfellen!

Das Impressum der Website nennt als Urheber einen Kurt Nane Jürgensen aus Sandpoint/Idaho; der Name klingt recht deutschstämmig, was im Mittleren Westen der USA ja keine Seltenheit ist. Angesichts des Umstandes, dass Mr. Jürgensen im Kartoffelfarmer-Eldorado Idaho zu Hause ist, stehen natürlich prompt sämtliche gängigen antiamerikanischen Klischeevorstellungen Schrotflinte bei Fuß: Wer kennt sie nicht aus diversen Filmen - seien es Spielfilme wie Robert Altmans The Gingerbread Man oder Dokumentationen wie Michael Moores Bowling for Columbine -, diese Landkommunen fanatisch bibelgläubiger Waldschrate, die ihr privates Waffenarsenal für die Teilnahme an der Schlacht von Harmagedon im Wandschrank horten und glauben, die Regierung würde Drogen ins Trinkwasser mischen? - Ganz so ein Hinterwäldler kann Mr. Jürgensen letztlich aber wohl doch nicht sein, immerhin hat er Internetanschluss und recht umfangreiche, wenn auch tendenziös verzerrte Kenntnisse über das politische Weltgeschehen. Und was erst recht nicht ins Bild des evangelisch-freikirchlich geprägten Ultrafundamentalisten passt: Er bedient sich in seinen deutschsprachigen Bibelzitaten der Einheitsübersetzung und gibt als Quelle eine Bibel aus dem Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart, 1980, an!

Dass er gerade diese Bibelausgabe verwendet hat, kann natürlich Zufall sein; man könnte auch - angesichts einer auf der Homepage wiedergegebenen Leserzuschrift des Inhalts "Danke für Ihre Seite! Mein Herz hat oft herzhaft lachen und auch weinen müssen, vielen Dank!" - auf die Idee kommen, das ganze Projekt Bibel und 2012 sei eine groß angelegte Satire. Aber darauf deutet im Grunde wenig hin, außer einem vagen Gefühl, das alles könne doch unmöglich ernst gemeint sein. Und dieses Gefühl kann bekanntlich ganz erheblich trügen.

Kommentare:

  1. Mir klingen diese Weltuntergangsvoraussagen und vor allem die Vorbereitungen darauf (Wie überlebe ich den Weltuntergang? Kartoffeln anbauen und schießen üben!) ein bißchen so, als sei schon geplant, am Abend des 21. Dezember eine rechthaberische Rede zu halten. (Wir haben es euch immer gesagt, aber ihr wolltet ja nicht hören. Ätsch, die Welt geht unter und ihr auch, wir aber nicht!)
    Naja... wir werden es ja sehen, wer sich hinterher die Hände reibt. Leute, die den Weltuntergang im Advent propagieren, kriegen nämlich nichts zu Weihnachten.
    Logisch.

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  2. Also die Denic gibt für die Seite bibel-und-2012.de einen anderen Inhaber an, bzw. eine andere Adresse. Der selbe Inhaber betreibt auch die Seite keine-tricks-nur-jesus.de dort steht die Flensburger Adresse auch im Impressum. Auf der Seite http://www.keine-tricks-nur-jesus.de/2013-09/ich-und-meine-organisation.html erzählt er dann auch noch ein wenig über sich. Einige der Angaben lassen sich auch googeln, also wohl nix mit Mr. Jürgensen im Kartoffelfarmer-Eldorado. ;-)

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