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Mittwoch, 23. Dezember 2015

Das Dienstagsgrauen IV: Judith hat einen Eisprung und Caroline platzt die Kniearterie

Siedend heiß fiel mir kürzlich ein bzw. auf, dass ich meinen Lesern immer noch den vierten und letzten Teil meiner Rezension von Monika Peetz' postfeministischem Pilgerroman Die Dienstagsfrauen schuldig bin. Und dass seit dem dritten Teil der Buchbesprechung schon über drei Monate ins Land gegangen sind. So geht das aber nicht! Bis Weihnachten muss ich damit durch sein! Also, frisch ans Werk. 

Theoretisch wären, wie schon bei den bisher verbloggten Leseetappen, nochmals etwa 80 Seiten des Peetz-Romans zu bewältigen. Tatsächlich handelt es sich bei den letzten 20 Seiten aber im Wesentlichen um einen ausgedehnten Epilog, der zwar die Voraussetzungen dafür schafft, dass die fünf Dienstagsfrauen nach Bewältigung ihres Lourdes-Abenteuers mehr oder weniger frohgemut zu neuen Ufern aufbrechen können (d.h. zur Verfilmung, zur Fortsetzung, zur Verfilmung der Fortsetzung etc. ad nauseam), aber für mein analyseleitendes Interesse sind diese letzten 20 Seiten weitestgehend überflüssig. Der logische Zielpunkt der Handlung ist Lourdes - und wie Caroline, "die Kluge" unter den Protagonistinnen, auf S. 279 so richtig reflektiert: "Es würde ein 'Vor Lourdes' und ein 'Nach Lourdes' geben". Das "Nach Lourdes" beginnt auf S. 299 und interessiert mich, von einzelnen Details abgesehen, nicht die Bohne. 

Auffallend an der vierten Leseetappe ist es, dass sich im Vergleich zu den drei vorangegangenen die Anzahl der parallelen Handlungsstränge erheblich reduziert - was zumindest teilweise erfreulich ist. Eva hat ihren persönlichen Handlungsstrang schon kurz nach Beginn von Leseetappe 3 vorläufig zum Abschluss gebracht, wieder aufgegriffen wird dieser erst "nach Lourdes"; bis dahin darf sie sich auf die Rolle der treuen Freundin von allen konzentrieren. Kiki hat ihre Abwehrhaltung gegen Max' Avancen kurz vor Ende von Etappe 3 endlich aufgegeben, folglich haben die beiden Hübschen fortan nicht mehr viel zu tun - außer natürlich, als frisch verliebtes Pärchen allen auf die Nerven zu gehen, am meisten aber dem Leser. Und Estelle schrumpft im letzten Viertel des Romans geradezu zur Randfigur - was schade ist, da über weite Strecken sie es war, die den Roman für den Leser erträglich gemacht hat. Nur noch ein paar wenige gelungene Gags bleiben ihr. Somit konzentriert sich die Handlung nunmehr weitestgehend auf Caroline und Judith. Und endlich, endlich wird nun das Geheimnis von Arne gelüftet, wobei sich - Achtung, Spoiler-Alarm! - herausstellt, dass dieses in Wirklichkeit das Geheimnis von Judith ist. 

Wir erinnern uns: Bei der Marienprozession im Dorf Les Angles hat Caroline einen Sanitäter getroffen, von dem sie erfahren hat, dass Arne seine letzten Urlaube bei jemandem namens Dominique verbracht hat. Obwohl es unklar ist, ob Dominique ein Männer- oder ein Frauenname ist, steht nun der Verdacht im Raum, Arne habe eine Affäre gehabt. Judith reagiert auf diese Mitteilung ihrer Freundinnen hysterisch und wirft Caroline an den Kopf, sie solle sich lieber Gedanken über ihre eigene Ehe machen.

Durch diese Andeutung verunsichert, ruft Caroline ihren Anwaltskollegen Paul Gassner an, da dieser bei seinem bislang einzigen Auftritt im 5. Kapitel (inzwischen sind wir bei Kapitel 59) ebenfalls undeutliche Anspielungen auf Carolines Eheleben hatte fallen lassen. Was Caroline bei diesem Telefonat erfährt, wird dem Leser aber vorerst nicht verraten.

Stattdessen taucht Judith mitten in der Nacht bei Eva auf, die vor Sorge wegen des Streits zwischen ihren Freundinnen sowieso nicht schlafen konnte, und überredet sie, zusammen mit ihr Dominique aufzusuchen (die Adresse hat Caroline von dem Sanitäter bekommen). "Es sind vier Kilometer. Wenn wir jetzt aufbrechen, sind wir zum Frühstück dort" (S. 245). Eva ist zunächst skeptisch, willigt aber ein. "Wenn Arne mich betrogen hat...", sinniert Judith unterwegs. "Ich will die Wahrheit wissen, Eva" (S. 249). Eva wiegelt ab: "Arne ist tot. Was ändert das?" - "Alles. Alles. Alles", erklärt Judith und klingt dabei "fast heiter" (ebd.).

In der Tat ändert sich kurz darauf "Alles!", allerdings nicht so, wie Judith sich das gedacht hat. Dominiques Adresse entpuppt sich als eine Herberge für schwer kranke Lourdes-Pilger, und Dominique selbst ist nicht, wie Judith zunächst annimmt, die adrette Krankenschwester, die ihnen die Tür öffnet ("Die Frau brach in donnerndes Gelächter aus. Sie konnte sich kaum beruhigen, so absurd fand sie Judiths Idee"; S. 250) und die fortan "Nichtdominique" genannt wird (S. 252), sondern vielmehr "ein groß gewachsener Mann um die siebzig. Ein Kerl wie ein Baum mit kurz geschorenen grauen Stoppelhaaren, scharfen Linien im Gesicht und kraftvollen Bewegungen" (S. 253). Nicht gerade das, was Judith sich unter einer Nebenbuhlerin vorgestellt hat. Warum aber behandelt Dominique Judith, als diese sich als Arnes Witwe (bzw. als die Witwe von Arne, wie es in Peetz-Deutsch wohl heißen müsste) zu erkennen gibt, so betont schroff und abweisend - wenn es doch gar keine Affäre gab?

Nun ja, es gab eine.

Nur war nicht Arne derjenige, der sie hatte.

"Alles hat er seiner Frau verziehen", poltert Dominique. "Sogar den Liebhaber." Dieser sei obendrein "sein eigener Hausarzt" gewesen - was Eva schier nicht glauben kann, denn: "Arne war bei Philipp in Behandlung, dem Mann einer Freundin" - genau: Carolines Mann. "Philipp. Genau. So hieß der Mann", bestätigt Dominique ungerührt. Angesichts dieser Enthüllungen ergreift Judith die Flucht: "Sie knallte gegen eine Helferin mit einem Tablett. Tassen zerschellten auf dem Boden, Eier platzten" - stellen wir uns das einmal bildlich vor. Oder vielleicht doch lieber nicht. (Alle Zitate S. 255.)

Halten wir fest: Judith, die "Spirituelle" und "Suchende" der fünf Dienstagsfrauen, die trauernde Witwe, die verletztliche, zerbrechliche, reh- bzw. kuhäugige Judith, hat ihren todkranken Mann betrogen, und dies auch noch mit dem Mann ihrer besten Freundin, der zu allem Überfluss der behandelnde Arzt ihres Mannes war. Was für eine Sympathieträgerin! Treffend reflektiert Eva: "Das hier war nicht die Lösung ihrer Probleme. Das war der Supergau" (S. 255).

Übrigens auch für das Handlungsgerüst des Romans. Man fragt sich, in welchem Stadium des Schreibprozesses die Autorin auf diese abgefahrene "Lösung" verfallen ist. Denn der ursprüngliche Handlungsaufbau - Judith, in tiefer Trauer um ihren verstorbenen Mann, erhofft sich Trost, Seelenfrieden und Erleuchtung von einer spirituellen Reise auf den Spuren des Tagebuchs von Arne, will stellvertretend für ihn den Weg zu Ende gehen, den er selbst aufgrund seiner Krankheit nicht mehr vollenden konnte, und bringt ihre Freundinnen, allen voran Caroline, dazu, sie auf diese Reise zu begleiten - ergibt in der Rückschau plötzlich absolut keinen Sinn mehr. Und Arne? Der ist zumindest vor dem Ausbruch seiner tödlichen Krankheit tatsächlich gepilgert und hat dabei Dominique kennengelernt, einen "belgische[n] Exbanker" (S. 257), der sich das Pilgern zur neuen Lebensaufgabe gewählt hatte: "Zwei Deppen, die zwischen Rhein und Mosel Jakobsmuscheln suchten", erinnert Dominique sich grimmig. "Wir haben kein Wort miteinander geredet. Bis wir nach ein paar Tagen feststellten, dass wir im selben Tempo laufen" (S. 256). Dominique wollte, dass Arne mit ihm bis Santiago de Compostela geht; "Aber nein, er musste zu dieser Frau zurück" (S. 254). Und das Pilgertagebuch? "Arne wollte Judith zeigen, dass er noch immer der starke Mann ist, in den sie sich verliebt hatte", erklärt Dominique. "Am Anfang pilgerte er wirklich. Später tat er nur noch so, als setze er seine Pilgerreise unermüdlich fort" (S. 256). Nachdem Dominique nach der Rückkehr aus Santiago die Krankenherberge kurz vor Lourdes eröffnet oder übernommen hatte, in der sich diese Enthüllungen abspielen, verbrachte Arne seine Urlaube dort. Das fingierte Tagebuch hat er demnach nur für Judith geschrieben - und es trotzdem sorgsam vor ihr verborgen und sich noch auf dem Sterbebett den Kopf darüber zerbrochen, wie er verhindern könnte, dass es ihr in die Hände fällt?!?

Zugegeben: Menschen verhalten sich manchmal widersprüchlich und tun sinnlose Dinge. Im wirklichen Leben. Aber nicht alles, was im wirklichen Leben vorkommen kann, kann man in einer Romanhandlung als glaubwürdig durchgehen lassen. Okay, Judith hat Arne betrogen, Caroline hintergangen und auch ihre übrigen Freundinnen nach Strich und Faden angelogen. Aber Frau Peetz hat ihre Leser belogen, und das ist noch weit verwerflicher.

(Immerhin hat sie aber eine Erklärung dafür parat, warum Judith die Konfrontation mit Dominique gesucht und so die Enthüllung des Geheimnisses forciert hat - und legt diese Erklärung Eva in den Mund: "Es hätte dir gefallen, wenn Arne eine Geliebte gehabt hätte. Es hätte deine Schuld kleiner gemacht" [S. 259].)

Doch zurück zum Handlungsverlauf. Nach der Begegnung mit Dominique fordert Eva kategorisch, Judith müsse Caroline die Wahrheit sagen. Ihre kläglichen Rechtfertigungsversuche unterbindet sie barsch: "Ich habe genug von deinem Selbstmitleid" (S. 260) - und spricht damit dem Leser aus der Seele. Caroline hat inzwischen durch ihr Telefonat mit dem Kollegen Gassner erfahren, dass ihr Mann eine Affäre hat - ahnt jedoch nicht, dass es sich dabei um Judith handelt. Und tatsächlich ist Judith offenbar nicht Philipps einzige Geliebte - denn wie Caroline in Erfahrung gebracht hat, verbringt er unter dem Vorwand eines Hausärzteseminars "ein paar romantische Tage mit seiner Tussi" (S. 266), während die Dienstagsfrauen pilgern. Da hat Judith ja nun ein Alibi. Diese doppelte Untreue Philipps führt dazu, dass Judiths erster zaghafter Versuch, sich mit Caroline auszusprechen, in slapstickhaftes Aneinandervorbeireden mündet - und gibt Judith obendrein Gelegenheit, wieder einmal das zu tun, was sie am besten kann: sich als Opfer zu fühlen. Sie ist "entsetzt", als ihr aus Carolines Worten klar wird, dass Philipp noch eine Andere hat: "Die Empörung, die sich in ihrem Bauch zu einer Riesenwut zusammenballte, war ehrlich und aufrichtig" (S. 266). "Dieses treulose Schwein", schimpft Judith (ebd.) und droht: "Ich bringe ihn um" (S. 267). Caroline missversteht diese eifersüchtige Wut als freundinnenhafte Solidarität und ist gerührt: "Ich danke dir, Judith. Ich bin froh, dass du meine Freundin bist". Und Judith hat doch tatsächlich die Stirn, darauf doppeldeutig zu erwidern: "Wir haben beide den Mann verloren. Das verbindet". - "Sie meinte jedes Wort, das sie sagte", betont die Autorin (ebd.).

In ihrem selbstgerechten Zorn geht Judith sogar so weit, Philipp am Telefon eine Szene zu machen:
"Du bist ein Arsch, Philipp [...]. Caroline verdient etwas Besseres als dich. Jede Frau verdient etwas Besseres als dich. Ich Idiot habe Arne beinahe verlassen. Um mit dir zu leben. Philipp, du kannst mich mal." (S. 271) 
Allerdings wird sie, als Fluch der bösen Tat, bei diesem Telefonat von Caroline belauscht. Und damit ist der Ofen dann natürlich aus. Im Folgenden wird der Leser, sofern er bis hierher noch nicht entnervt das Handtuch geworfen hat, staunend Zeuge, wie eheliche Untreue auf postfeministische Art verarbeitet wird. Und zwar von zwei Seiten, nämlich von Seiten der Betrogenen und der Betrügerin. Und, welche Überraschung: Eine verhält sich bescheuerter als die Andere.

Judith setzt zunächst einmal ganz darauf, von den Anderen Verständnis für ihre Situation einzufordern.  "Was hätte ich machen sollen?", erwidert sie auf Evas Vorwürfe. "Es ist passiert. Ich konnte niemandem die Wahrheit sagen. Arne war todkrank" (S. 259). Dann schiebt sie die Schuld auf Philipp:
"Wäre es nicht Philipps Aufgabe, Caroline die Wahrheit zu sagen? Er war mit Caroline verheiratet. Nicht sie. [...] Man weiß doch, dass Frauen in schwierigen Lebenssituationen empfänglich sind für jede kleine Aufmerksamkeit. Alle Frauen verlieben sich in ihren Arzt, Psychiater oder Friseur. [...] Philipp hatte ihre schwache Position ausgenutzt." (S. 262) 
Und schließlich schreibt sie sogar Caroline eine Mitschuld zu:
"Das mit Philipp tut mir aufrichtig leid. Aber ich bin nicht die Einzige, die gelogen hat. [...] Willst du mir erzählen, dass du nie gemerkt hast, dass deine Ehe in der Krise steckt? [...] Du hast dir was vorgemacht, Caroline. [...] Ich habe einen Fehler gemacht. Aber man kann nur in ein Haus eintreten, wenn die Tür offen ist." (S. 283) 
Unter solchen Umständen kann man es Caroline kaum verübeln, dass sie schlicht keine Lust hat, sich mit Judith auseinanderzusetzen:
"Sie konnte sich ausrechnen, wie so etwas ausging. Judith würde in Tränen ausbrechen und das verletzte hilfsbedürftige Reh geben. Und am Ende war sie es, die Judith trösten musste. [...] Judith war eine Serienlügnerin. Immer gewesen. Sie hatte Kai hintergangen, Arne betrogen und die Freundschaft der Dienstagsfrauen mit Füßen getreten. Und schaffte es gleichzeitig, sich als hilfloses Opfer zu verkaufen. [...] Nein, Caroline wollte nicht vernünftig sein. Sie hatte genug vom Terror der Schwachen, den Judith bis zur Perfektion beherrschte." (S. 277f.) 
So richtig das alles ist, macht es Caroline dennoch nicht sonderlich sympathisch, dass sie auf die Erkenntnis, von Judith betrogen worden zu sein, zunächst mit pubertärer Zickigkeit ("'Wusstet ihr eigentlich, dass Judith eine Affäre mit meinem Mann hat?', fragte Caroline im Plauderton und biss genussvoll in ihr Brötchen. [...] 'Noch jemand, der mit meinem Mann geschlafen hat?', erkundigte sie sich interessiert" - S. 274) und dann mit infantiler Regression reagiert: "Und jetzt wollte sie kindisch sein" (S. 277). Als Judith mit ihr zu reden versucht, hält sie sich "die Ohren zu" (S. 276) - sodass selbst Judith anmerkt: "Das ist kindisch, Caroline. Können wir nicht wie zwei Erwachsene miteinander reden?" (ebd.). Gleichzeitig ist Judith aber selbst kindisch genug, "[b]eleidigt" zu sein, dass sie kein "versöhnliches Zeichen" von Caroline empfängt (S. 279). "Gibt es eigentlich Seminare, in denen man aufarbeiten kann, dass man sich schlecht fühlt, weil man die Ehe der Freundin ruiniert hat?", spottet Caroline. "Ein Ehebrecherinnenseminar" (S. 282). Das klingt nach einer der vernünftigsten Ideen des ganzen Buches.

Bei alledem ist übrigens zu betonen, dass Trauer um den Verlust ihres Mannes in Carolines Reaktionen nicht die geringste Rolle spielt; es dreht sich alles nur um ihr gekränktes Ego. Was Reflexionen über ein eventuelles eigenes Versagen freilich nicht ausschließt: "Was habe ich falsch gemacht?" (S. 269). Als sie noch nicht weiß, dass ausgerechnet Judith die heimliche Geliebte ihres Mannes ist, versucht Caroline
"sich vorzustellen, wie die Frau war, mit der Philipp sich eingelassen hatte. Der Anwalt hatte sie als klein und zierlich beschrieben. Mädchenhaft fast. War es das, was Philipp angezogen hatte? Das Gefühl, als Beschützer gebraucht zu werden?" (S. 270) 
Auch nachdem sie Judiths Telefonat mit Philipp belauscht hat, macht sie sich insgeheim weiterhin ähnliche Gedanken:
"Warum waren sie noch zusammen? Was verband sie außer fünfundzwanzig Jahren Vergangenheit, einem Familienstammbuch, einer gemeinsamen Hypothek und einem Kühlschrank, der abwechselnd befüllt und gemeinschaftlich geleert wurde?" (S. 273) 
Man könnte meinen, das wäre ja schon Einiges, aber nach postfeministischer Auffassung fehlt da wohl die knisternde Spannung, das Abenteuer. Obwohl Caroline Wert auf die Feststellung legt, dass sie und Philipp "[a]nders als viele Ehepaare, die auf die Silberhochzeit zusteuerten", immer noch Sex miteinander haben (S. 272). Aber wie dem auch sei: Das Eheversprechen als solches ist offenkundig nicht viel wert. Von wegen "in guten wie in schlechten Tagen". Man muss dem Partner jederzeit etwas bieten können, muss für ihn attraktiv bleiben, sonst verliert man ihn. So stellt Caroline schließlich fest: "Judith hatte recht: Es hatte eine Tür gegeben, die offen stand" (S. 309).

Hat Caroline an diesem Punkt also ihren Frieden mit Judith gemacht, ist sie umso empörter, als ihr Mann beteuert, "[d]as mit Judith" habe ihm "nichts bedeutet" und er sei "wohl in der Midlife-Crisis" (ebd.):
"Judith hatte die Verantwortung übernommen. [Hat sie? Muss ich wohl verpasst haben.] Caroline war dabei, den eigenen Anteil am privaten Desaster einzugestehen. Und ihr Ehemann berief sich auf Hormone, denen ein Mann nach den besten Jahren hilflos ausgeliefert sei. Wenn es wenigstens Liebe gewesen wäre. Etwas Großes. Eine Naturgewalt. Aber Philipp kam mit der Midlife-Crisis." (ebd.) 
Merke: Wenn schon betrogen werden, dann aus einem großen, tragischen Motiv heraus. Liebe als Naturgewalt, als Springflut, die alle Dämme fortreißt, das ist eine Vorstellung, mit der die postfeministischen Superweiber etwas anfangen können, dafür würden sie selbst ohne mit der Wimper zu zucken Mann, Kinder, Freundinnen und Bausparvertrag im Stich lassen. Aber doch nicht für so etwas Banales wie die Midlife-Crisis! (Die im Übrigen mit Hormonen überhaupt nichts zu tun hat. Andererseits: Wenn Hormone keine Naturgewalt sind, was denn dann? Aber lassen wir das.) Im Übrigen triggert Philipps armseliges Verhalten Carolines weibliche Solidarität mit Judith an: "Es gefiel ihr nicht, wie er über ihre Freundin redete. Als ob Judith nicht zählte" (ebd.). Es bleiben letztlich die postfeministischen Kernsätze: Männer sind Schweine, man kann nicht mit ihnen und nicht ohne sie leben, beim nächsten Mann wird (hoffentlich) alles anders, wahre Freundschaft gibt es nur unter Frauen... Äh, war da was...? Egal. 

Gesonderte Erwähnung verdient es, dass Caroline sich auf dem Höhepunkt der Infantilitätsphase ihrer Auseinandersetzung mit Judith - in Kapitel 68 - eine dramatische Verletzung zuzieht. Judith, der in Sachen Selbstinfantilisierung so leicht niemand etwas vormacht, will zum Zwecke der Wiedergutmachung Carolines Rucksack tragen [*], doch die verweigert das: "Judith war nicht nett, sie wollte nett gefunden werden" (S. 278). Beim nun folgenden Gerangel um den Rucksack stolpert und fällt Caroline und schürft sich das Knie auf. "Das Blut quoll unaufhörlich hervor, färbte die Hose vom Knie bis zum Unterschenkel" (ebd.). Nun könnte man sagen, der Unterschenkel fängt ja direkt unter dem Knie an, also ist "vom Knie bis zum Unterschenkel" keine allzu weite Strecke, ja im Grunde sogar gar keine; aber die Formulierung klingt doch eher nach einem total blutdurchtränkten Hosenbein. Womit Frau Peetz gewissermaßen anatomisches Neuland betritt, denn bei einer so stark blutenden Wunde müsste schon eine Hauptarterie verletzt sein. Mir wäre aber nicht bekannt, dass eine solche am Knie verläuft. Nur gut, dass eine kundige Ärztin zur Stelle ist - nämlich Eva.

Überhaupt ist es immer wieder Eva, die in dieser Phase der Romanhandlung sowohl Caroline als auch Judith zur Seite steht - mal beratend, mal ermahnend und zurechtweisend, mal tröstend. Als vierfache Mutter hat sie zweifellos Erfahrung in solchen Dingen. Aber genau da liegt auch schon wieder eine heimliche Tücke des Romans. Eva entpuppt sich immer deutlicher als die einzige der fünf Protagonistinnen, die gleichermaßen über gesunden Menschenverstand verfügt als auch das Herz am rechten Fleck hat - aber die Autorin kann es nicht lassen, sie aufgrund ebendieser Eigenschaften immer und immer wieder als "langweiliges Hausmütterchen" (S. 284) zu karikieren. Eine gute Ehefrau, gute Mutter und gute Freundin zu sein, mag ja gut und schön sein, aber als alleiniger oder hauptsächlicher Lebensinhalt ist das, der Weltanschauung des Postfeminismus zufolge, uncool. Das finden auch und sogar besonders diejenigen, die von diesen Eigenschaften Evas profitieren - also ihre in emotionale Katastrophen verstrickten Freundinnen. Und, ja, auch die Autorin. Die braucht einen Charakter wie Eva zwar dringend, um ihre verkorkste Geschichte zu einem halbwegs befriedigenden Abschluss zu bringen, aber wirklich leiden kann sie sie nicht. War Evas durch den Flirt mit Igor bzw. Jacques angestoßene Bekehrung zum postfeministischen "Selbstverwirklichungs"-Credo von vornherein nur halbherzig gewesen, so gewinnt, je näher man Lourdes kommt, die "Biederkeit" in ihr wieder die Oberhand - eben weil genau diese Züge Evas erzähltechnische Funktion ausmachen. Es ist nur allzu bezeichnend, dass die Autorin ihr nach Lourdes, als es nicht mehr darauf ankommt, eine postfeministische Radikalkur verpasst: Evas ganze Familie tanzt an, um sie aus Lourdes abzuholen, und zunächst freut sie sich und verlebt "einen großartigen Tag mit ihrer Familie" (S. 303). Aber dann merkt sie: Das ist eine Falle. Ihr Mann und ihre Kinder wollen sie nur wieder für sich vereinnahmen, wieder ins Joch des Hausfrauendaseins sperren.
"Sie fühlte sich wie eine Alkoholikerin, die soeben aus der Reha entlassen worden war und nun ängstlich jede Versuchung aus dem Weg räumte. Es war alles zu frisch. Zu neu. Die veränderte Eva viel zu zerbrechlich. Wenn sie jetzt mit nach Hause kam, würde in drei Tagen alles beim Alten sein." (S. 305) 
Und das kann ja niemand wollen! Also entschließt sich Eva spontan, nicht mit ihrer Familie nach Hause zurückzukehren, sondern weiterzupilgern - allein, und diesmal sogar auf dem richtigen Jakobsweg, nach Santiago de Compostela und, wie man am Schluss erfährt, noch darüber hinaus bis zum Kap Finisterre. Von dort kommt im letzten Kapitel "eine adrette, frisch aussehende Eva" (S. 314) zurück: "Mit dem modischen Mantel und ohne nachlässigen Pferdeschwanz wirkte sie zehn Jahre jünger. [...] Sie hatte kein Gramm abgenommen, aber sie versteckte ihre Rundungen nicht mehr" (S. 315). Und siehe da, die "neue Eva" plant sogar einen Wiedereinstieg ins Berufsleben! Zwar hat sie seit 15 Jahren keine Berufspraxis, keine Fortbildungen mitgemacht etc., aber was macht das schon, wenn man Beziehungen hat: "Die Ärztin, du weißt schon, mit der ich die letzten hundertzwanzig Kilometer gepilgert bin" (ebd.). Merke: Für Manche, wie Dominique, besiegelt das Pilgern den Ausstieg aus Karriere und bürgerlicher Existenz, aber das heißt nicht, dass man es nicht auch als Einstieg benutzen könnte. So geht Postfeminismus, Baby: Tout est possible, nur langweilig darf man nicht sein.

Doch noch einmal zurück zu Judith. Wir sind es aus den vorangegangenen Leseetappen bereits gewöhnt, dass die Fährnisse der Esoterik-Expertin unter den fünf Dienstagsfrauen stets deutlich religiös oder zumindest "spirituell" grundiert sind. Und dies gilt natürlich auch und erst recht, wenn es um Judiths Schuld geht. So wird ihr spiritueller Selbsterfahrungstrip nach Lourdes nachträglich zum Bußgang uminterpretiert: "Das ist die Schuld, Eva. Die Schuld, die ich hier ablaufe" (S. 259). Auch an die Begegnung mit dem "dämonische[n] Pilger" (S. 293) aus Kapitel 41 wird erneut erinnert: "Inzwischen hatte sie begriffen, dass sie keine Angst vor dem Pilger hatte, sondern vor ihren eigenen Geheimnissen" (S. 294). Nur steckt auch hier schon wieder ein Widerspruch. Wenn Judith sich - aus Angst "vor ihren eigenen Geheimnissen" - ihrer Schuld nicht gestellt hat, dann konnte die Pilgerreise nach Lourdes auch kein Bußgang sein. Tatsächlich haben wir es hier mit einem ganz zentralen Problem zu tun. "Ohne Beichte keine Erlösung", hatte der unheimliche Pilger Judith eingeschärft (S. 178); nun resümiert sie: "Sie hatte gebeichtet. Doch die Erlösung war nicht gekommen" (S. 294). Interessant. Hat sie gebeichtet? Nun gut, es ist nicht auszuschließen, dass sie zwischen der Ankunft in Lourdes und dem Besuch der Grotte einen Priester konsultiert hat, aber aller Wahrscheinlichkeit nach ist das so nicht gemeint. Sondern vielmehr, dass sie Caroline gegenüber "reinen Tisch gemacht" hat (S. 293). Aber das ist nicht nur formal keine Beichte, sondern auch von der geistigen Haltung her nicht. Denn wie wir oben gesehen haben, hat Judith Caroline gegenüber hauptsächlich darauf gesetzt, sich zu rechtfertigen - sich also zu ent-schuldigen in dem Sinne, dass sie ihre Schuld relativiert, anstatt sie vorbehaltlos anzuerkennen. So wird ihr natürlich keine "Absolution" (S. 286) zuteil. Ganz am Ende, nach Lourdes, findet Judith dann doch noch einen adäquaten Weg der Buße für ihre Verfehlungen - sie arbeitet mehrere Monate lang ehrenamtlich in Dominiques Krankenherberge -, und so wird dann schließlich auch alles gut, und Judith wird wieder in den Kreis der Dienstagsfrauen aufgenommen. Dennoch bleibt der Eindruck bestehen, dass nicht allein Judith, sondern auch die Autorin den Unterschied zwischen Selbstrechtfertigung und Bitte um Vergebung nicht verstanden hat (und viele Leser ihn ebenfalls nicht verstehen werden). Es scheint heutzutage ein verbreitetes, kaum hinterfragtes Verständnis von "Entschuldigung" zu sein, dass man Schuld, und damit auch die Verantwortung für sein eigenes Tun, tendenziell leugnet: Ich habe das eigentlich gar nicht gewollt, ich konnte nicht anders, ich bin da so reingerutscht ("hineingeschlittert, S. 264), ich hatte eine schwere Kindheit. Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen (Genesis 3,13). Man vergleiche dies mit der Haltung des Verlorenen Sohnes: "Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein" (Lukas 15,18f.). Diese Haltung besagt: Ich erkenne meine Schuld an, ich weiß, dass ich keine Vergebung verdiene, ich kann nur um sie bitten. Wie ich schon an anderer Stelle schrieb: Das Bedürfnis, die eigene Schuld zu relativieren oder zu leugnen, ist eine natürliche, vielleicht unvermeidliche Konsequenz, wenn man an die Möglichkeit unverdienter Vergebung, also Gnade, nicht glaubt. "Solche Zweifel", sagte Pater Jacek Mleczko einmal bei einer Predigt in der Herz-Jesu-Kirche in Prenzlauer Berg, "kommen vom Teufel."

Nun, gegen die Macht des Teufels haben wir Katholiken ja eine mächtige Fürsprecherin in Gestalt der Allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria, auf deren "Territorium", wenn man so will, sich die Romanhandlung mehr und mehr zubewegt. Nur sind die Dienstagsfrauen eben nicht katholisch - bis auf Eva, die, als sie in Kapitel 60 vor Sorge nicht schlafen kann, im Lourdes-Magazin liest:
"Die Zeitschrift für Wallfahrende des dritten Jahrtausends hatte nur ein Thema. Das historische Lourdes zu Zeiten der Erscheinungen, die Visionen der Bernadette, Wunderheilungen und Pilgerströme. [...] Eva zweifelte keine Sekunde daran, dass die Geschichte sich so zugetragen haben musste. Warum sollte das Mädchen die Unwahrheit sagen? Wer sollte ihr den komplizierten Satz der sechzehnten Erscheinung eingeflüstert haben: 'Que soy era Immaculada Councepciou'. So was dachte sich kein ungebildetes Arbeiterkind aus. Das Wasser von Lourdes hatte Menschen geheilt. An Leib und Seele. Die Magie [!] des Ortes würde ihre Herzen erreichen. Hoffte sie." (S. 244) 
Es ist der Autorin leider zuzutrauen, dass sie mit dieser Passage lediglich die Naivität der biederen Eva illustrieren will. Jedenfalls gibt es schon auf der nächsten Seite einen nahezu blasphemischen Kontrapunkt zu diesen Betrachtungen:
"Im Türrahmen stand eine mysteriöse Dame. Sie trug ein weißes Kleid und einen weißen Schleier. Das flatternde Gewand war in der Taille mit einem Gürtel festgezurrt.
'Ich bin's', flüsterte die Mariengestalt. Das klang eher nach Judith als nach der unbefleckten Empfängnis. Sie war in ein weißes Bettlaken gehüllt. [...]
'Ich dachte, ich hätte eine Erscheinung', empörte sich Eva. 'Tu das nie wieder.'" (S. 245) 
Einen besonders bemerkenswerten "Draht" zur heiligen Jungfrau entwickelt jedoch ausgerechnet die kühle, nüchterne, religiös unmusikalische Caroline. Das hatte sich gegen Ende der dritten Leseetappe, bei der Marienprozession in Les Angles, bereits angekündigt und setzt sich nun fort. "Nur eine verwitterte Mariengestalt aus Stein war Zeuge ihrer Verwirrung", heißt es auf S. 240, und diese Marienstatue ist es auch, die Caroline dazu veranlasst, ihren Anwaltskollegen anzurufen: "Die Mariengestalt nickte ihr beinahe unmerklich zu. Caroline beschloss, dass es egal war, ob es eine banale Lichtreflexion oder reine Einbildung war. Die Frau aus Stein hatte recht" (S. 241). Als Caroline, nachdem sie die Nummer bereits gewählt hat, doch wieder Zweifel bekommt, heißt es fast trotzig: "Caroline bemühte sich, nicht in Richtung Maria zu sehen. Sie brauchte kein göttliches Zeichen, um zu wissen, dass es richtig war, sich und anderen Fragen zu stellen" (S. 242). Weitere übernatürliche Erscheinungen bleiben zunächst aus; aber das ist im Grunde nicht schlimm, da es bereits feststeht, dass die Dienstagsfrauen zum Abschluss ihrer Reise ein Date mit der Allerseligsten Gottesmutter haben:
"Sie würden bei der allabendlichen Lichterprozession im Wallfahrtsbezirk ihrem Pilgerweg ein feierliches Ende setzen. 'Ihr sollt in Prozessionen kommen', hatte Maria durch Bernadette wissen lassen. Und die Dienstagsfrauen würden kommen." (S. 289) 
Der Eindruck, den der Wallfahrtsort auf Carolines Freundinnen macht, ist allerdings ausgesprochen gemischt. Für Lästerzunge Estelle ist Lourdes schlicht das "Disneyland der Katholiken" (S. 290) - eine Einschätzung, die durch allerlei erwartbare Schilderungen von Devotionalienkitsch und Kommerz untermauert wird. Zudem fühlt Estelle sich durch den Anblick der zahlreichen schwer kranken bzw. behinderten Pilger unangenehm berührt: "Man fühlt sich fast schon schuldig, wenn man nicht wenigstens am Stock geht" (S. 292). Küken Kiki fragt ihren Stecher Max unschlüssig: "Sollen wir das heilige Wasser holen?", und der erwidert flapsig: "Du fragst einen Atheisten. Im Flugzeug glaube ich an Gott. Nach der Landung erheblich weniger." Worauf Kiki salomonisch beschließt: "Wenn es nicht hilft, schaden kann es auch nicht" (S. 291). Eine populäre Einstellung, zweifellos, aber sogar Judith bemerkt, dass das Quatsch ist. Die weiß nämlich, dass Wunder nur dem begegnen, der an sie glaubt. In der Grotte von Lourdes trifft sie ein schwerbehindertes Mädchen und dessen Eltern wieder, denen sie schon in Dominiques Pilgerherberge begegnet war - und stellt fest:
"Das Ehepaar wirkte ganz anders als vor ein paar Tagen [...]. Das Graue war aus ihren Gesichtern verschwunden. Sie sahen entspannt aus, beinahe fröhlich. Der Gesundheitszustand des Kindes hatte sich kein bisschen verändert. Und trotzdem wirkten ihre Mienen heller." (S. 295) 
Ein 'Wunder light' also, keine spektakuläre Krankenheilung, aber irgendwie besser geht's den Eltern eben doch, wenn schon nicht dem kranken Kind. - Unmittelbar zuvor hatte Judith sich noch gefragt,
"warum Maria sie nach Lourdes geholt hatte. Maria, die aus ihrer Nische in der Felswand auf Wallfahrer und schaulustige Touristen herabsah, blieb stumm, so wie sie den ganzen Weg stumm geblieben war. Die spirituelle Erhebung des Pilgers blieb ihr auch in der Grotte von Lourdes versagt." (S. 294) 
Nicht so Caroline:
"Caroline war ergriffen von dem zarten Marienlied, das aus den Lautsprechern klang. [...] Das verhaltene Marienlied schwoll an zu einem mächtigen Chor [...]. Beim Refrain reckten sich die abertausend Kerzen [...] in den sternenlosen Abendhimmel.
Caroline verschmolz im Lichtermeer der Kerzen und in dem Lied, das sie warm umfing. Sie konnte es nicht verleugnen: Sie, die nie hatte pilgern wollen und die mit dem Katholizismus nichts am Hut hatte, war ergriffen von der Stimmung des Abends und der Magie [!] des Platzes um die große Basilika. [...]
Und da war wieder die Mariengestalt, die durch die Menge getragen wurde. Und diesmal schien sie Caroline offen zuzulächeln. Tränen liefen über Carolines Gesicht. [...] Sie weinte und lachte gleichzeitig.
Es war egal, was an der Geschichte von den Visionen der Bernadette stimmt. Es war egal, was die Souvenirgeschäfte um den heiligen Bezirk aus Bernadette und Maria machten. Das, was sie an diesem Abend auf dem Platz erlebte, hatte seine eigene Wahrhaftigkeit. Hier ging es nicht um unverständliche Dogmen und spektakuläre Heilungen. Hier ging es um die kleinen Gesten der Menschlichkeit. [...] Vielleicht waren das die wirklichen Wunder, die man mit nach Hause trug." (S. 297f.) 
Tja - alte Fußballerweisheit: Was zählt, is' auf'm Platz. Dogmen, Wunder, was soll's: Das Erlebnis ist entscheidend. Deswegen nimmt Caroline aus Lourdes als "wichtigste[s] Mitbringsel" "eine hölzerne Marienstatue" mit nach Hause,
"wie sie in Lourdes tausendfach und billig zu kaufen war. Massenware made in Fernost. Und doch ging ein magischer [!] Glanz von ihr aus, der das dunkle Zimmer erhellte. Beweisbar war das nicht. Aber das war Caroline denkbar egal. Maria hatte sich in ihre Biografie eingeschrieben. Und dafür musste sie weder glauben noch katholisch sein." (S. 310) 
Nun ja: Mit "weder...noch..." bezeichnet man eigentlich Gegensätze, aber ich will Frau Peetz hier nicht unterstellen, dass sie "glauben" und "katholisch sein" tatsächlich als Gegensätze sieht. Ich unterstelle vielmehr, dass sie eigentlich meinte "dafür musste sie nicht glauben, geschweige denn katholisch sein". Aber dass ihr für solche sprachlichen Feinheiten das Gespür fehlt, hat sie ja schon vielfach bewiesen. Weiterhin unterstelle ich, dass die Ironie, die darin liegt, dass Caroline ihre persönliche, auf den individuellen Bedarf zugeschnittene Do-It-Yourself-Alltagsspiritualität mit Hilfe von "Massenware made in Fernost" verwirklicht, der Autorin komplett entgangen ist. In der Welt der Dienstagsfrauen kommt es schließlich nicht darauf an, woran man glaubt; Hauptsache, es bringt ein bisschen "Magie" in ein ansonsten dunkles Zimmer. Oder Leben.

-- Was soll man nun abschließend zu diesem Buch sagen? Es ist grottenschlecht geschrieben, sprachlich wie auch erzähltechnisch; es offenbart eine abscheuliche Gesinnung, eine tief verwurzelte Feindschaft gegenüber dem gesunden Menschenverstand sowie einen völligen Mangel an Verständnis für den katholischen Glauben oder für Religion im Allgemeinen. Es ist ein Fall für die Altpapiertonne. Und ich werde ganz gewiss kein weiteres dieser Autorin lesen.



[* Immerhin scheint sich Judith hier an ihren katholischen Religionsunterricht zu erinnern, den sie, obwohl konfessionslos, zwangsweise mitmachen musste (wie man auf S. 174 erfahren hat). Für jemand anderen den Rucksack zu tragen wird nämlich in einer Geschichte des für die Erstkommunionkatechese konzipierten Kinderbuchs "Fromme Geschichten für kleine Leute" von Josef Quadflieg, Düsseldorf 1956, als Bußübung erwähnt.] 

Samstag, 19. Dezember 2015

St. Willehad: Ein offener Brief und ein geschlossenes Kapitel

Das Bischöflich Münstersche Offizialat für die Katholische Kirche im Oldenburger Land mit Sitz in Vechta ist ein weltweit einmaliges kirchenrechtliches Konstrukt, das seine Entstehung der deutschen Kleinstaaterei vor 1871 verdankt: Bei der Säkularisierung des Fürstbistums Münster infolge des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 war ein Teil des so genannten Niederstifts dem Herzogtum (ab 1815 Großherzogtum) Oldenburg zugeschlagen worden, gehörte kirchenrechtlich jedoch weiterhin zu Münster. Durch die von Papst Pius VII. 1821 erlassene Bulle De salute animarum wurde auch die katholische Bevölkerungsminderheit der übrigen Landesteile Oldenburgs der Jurisdiktion der Diözese Münster unterstellt; im Jahr 1830 handelten dann der Großherzog von Oldenburg und Vertreter des Heiligen Stuhls die so genannte "Konvention von Oliva" aus, die vorsah, dass für die Katholiken des Oldenburger Landes eine dem Bischof von Münster direkt unterstellte, aber weitgehend eigenständige Kirchenbehörde geschaffen werden sollte - eben das Offizialat in Vechta, dessen Offizial seit 1973 zugleich auch Weih- und Regionalbischof ist. 

Von dieser bemerkenswerten Behörde habe ich am Montag einen Brief bekommen. Ich konnte mir schon denken, worum es ging, aber überrascht war ich doch. 

Das erste Blatt, das ich dem Briefumschlag entnahm, erwies sich als Anschreiben des persönlichen Referenten des Weihbischofs und informierte mich, dass ich mit gleicher Post "einen offenen Brief von Offizial und Weihbischof Heinrich Timmerevers an die Pfarrei St. Willehad in Nordenham" erhalte, "der im Anschluss an die Sonntagsgottesdienste des 3. Advents in der Kirche verlesen" werde (bzw. worden sei, denn als ich den Brief erhielt, war der 3. Advent ja bereits vorbei). 
"Der Brief wird Ihnen zudem persönlich übersandt, da Sie sich zur Situation in der Pfarrei in den letzten Monaten schriftlich oder mündlich gegenüber dem Diözesanbischof und/oder dem Weihbischof und/oder dem Abteilungsleiter Seelsorge im BMO und/oder der Beschwerdestelle o.a. geäußert haben." 
Ein Formbrief also, der offenbar gleichlautend auch an eine unbestimmte Anzahl anderer Personen gegangen ist. Trotzdem war ich positiv überrascht, zum Kreis der Empfänger zu zählen. 

Der Brief des Offizials und Weihbischofs, der sich der auch in diesem Blog ausführlich geschilderten Situation in der Pfarrei St. Willehad Nordenham/Butjadingen/Stadland widmet, umfasst ziemlich genau zwei Seiten; auch die örtliche Presse hat ihn erhalten, und in der Dienstags-Ausgabe der Nordwest-Zeitung ist eine Zusammenfassung erschienen. Ich möchte allerdings anmerken, dass das Schreiben von Weihbischof Timmerevers auf mich durchaus nicht so schroff wirkt, wie es im Pressebericht den Anschein hat. 

In der Sache - dazu, wie es mit der Pfarrei weitergehen soll - enthält der Brief im Großen und Ganzen nichts, was nicht auch schon der Mail zu entnehmen gewesen wäre, die ich vor einigen Wochen vom Offizialatsrat Monsignore Winter erhalten habe. Namentlich, dass Pfarrer Jortzick "nicht auf die Pfarrstelle in St. Willehad zurückkehren" wird; dass bis auf Weiteres "Pfarrer Manfred Janßen als Pfarrverwalter der Leiter der Pfarrei" und damit "auch der Vorsitzende des Kirchenausschusses" ist; dass Pater Alex Mathew zum Kaplan in St. Willehad ernannt wurde und dort "die priesterlichen Dienste sicherstellen" soll, und zwar voraussichtlich so lange, "bis ein neuer Pfarrer sein Amt antritt"; sowie, dass "derzeit intensiv an einer Nachfolgeregelung" gearbeitet wird. -- Auch dass das Offizialat "im neuen Jahr aktiv Unterstützungsangebote für eine Aufarbeitung der aktuellen Situation machen" werde, hatte Monsignore Winter bereits in Aussicht gestellt. Man darf gespannt sein, wie diese Angebote aussehen werden. Aus der Pfarrgemeinde selbst erreichen mich skeptische Stimmen:
"In diesem Frühjahr wurde uns bei einer Veranstaltung im Gemeindehaus von Vechta versprochen, uns zu begleiten, denn zu diesem Zeitpunkt waren die Unstimmigkeiten in der Gemeinde schon vorhanden. Es wurden 'ganz wichtig' Argumente auf einem Flipchart notiert... Man hat versprochen, wiederzukommen. Und was ist passiert? Nichts... Die Gemeinde, sowie auch Pfarrer Jortzick, wurden alleine gelassen. Und alles wurde zu dem, wie es jetzt ist." 
Aber seien wir mal optimistisch, dass es zukünftig anders wird. Schließlich betont Weihbischof Timmerevers in seinem Schreiben, die "Vorgänge und Entwicklungen [...], die in der Gemeinde zu vielerlei Verwerfungen geführt haben", hätten "[m]it dem Amtsverzicht von Pfr. Jortzick noch einmal einen deutlich neuen Schub erhalten, der mich sehr nachdenklich stimmt":
"Nicht wenige Gemeindemitglieder haben ihre Sicht der Dinge, ihre Erlebnisse und Erfahrungen, ihre Enttäuschung und Hoffnung und mitunter auch ihre Wut dem Bischof von Münster sowie mir und einigen meiner Mitarbeiter in Briefen und Telefonaten mitgeteilt. Einige fühlen sich durch die kirchliche Leitungsebene nicht ausreichend wahrgenommen oder gar alleingelassen. Andere haben in der Auseinandersetzung die sachliche Ebene verlassen. Alle jedoch sorgen sich, wie es nun weitergeht. Diese Sorge teile ich!" 
Zwar äußert sich der Weihbischof nicht konkret zu seiner Einschätzung der Ursachen der "Verwerfungen" in der Gemeinde, sondern erklärt lediglich, diese seien "komplex" und es gebe "nicht nur die eine allgemein gültige Perspektive"; im Übrigen vertraue er darauf, "dass alle Beteiligten das Gute wollen". Aber so vieldeutig das auch klingt, scheint es doch einigermaßen offensichtlich, dass der besagte "neue Schub", der im Offizialat für Nachdenklichkeit gesorgt hat, nicht zuletzt in den vielfachen Solidaritätsbekundungen von Gemeindemitgliedern für Pfarrer Jortzick bestanden hat. Es liegt somit nahe, anzunehmen, dass gerade diejenigen Gemeindemitglieder, die in den letzten Wochen und Monaten unter dem Motto "Wir sind Willehad" mit allerlei Aktionen (bis hin zu einer Petition mit über 300 Unterschriften und einer Busfahrt nach Münster) an die Öffentlichkeit getreten sind, diejenigen sind, die bislang "durch die kirchliche Leitungsebene nicht ausreichend wahrgenommen" wurden. Wenn das neue "Nachdenken" im Offizialat also konkrete Ergebnisse nach sich ziehen soll, dann wird man wohl voraussetzen dürfen, dass diese auf eine stärkere Berücksichtigung der Anliegen eben jener Gemeindemitglieder hinauslaufen müssen. Die Frage ist natürlich, wie sich das in der Praxis äußern wird, denn die zentrale Forderung der Initiative "Wir sind Willehad" war es ja bisher, dass Pfarrer Jortzick in der Gemeinde bleiben bzw. dorthin zurückkehren solle, und dieses Thema ist nun einmal endgültig und unwiderruflich vom Tisch. Möglicherweise müssen die "Wir sind Willehad"-Aktivisten sich also erst einmal selbst darüber klar werden, was sie nun wollen. Was genau hat sich in Pfarrer Jortzicks Amtszeit in der Pfarrei St. Willehad zum Besseren verändert, welche positiven Entwicklungen gibt es, die auch unter einem neuen Pfarrer fortgesetzt zu werden verdienen?  Was kann jeder Einzelne in der Pfarrgemeinde dazu beitragen? Darüber wird zu reden sein, und zwar auch mit denen, die auf der "anderen Seite" stehen.

Sehr ermutigend finde ich es in diesem Zusammenhang, dass Weihbischof Timmerevers in seinem Brief - ähnlich wie schon Offizialatsrat Winter in seiner Mail an mich - den Eindruck macht, den Weg zu einer Versöhnung der zerstrittenen Gruppierungen in der Pfarrgemeinde nicht in erster Linie in Verwaltungsakten, sondern vor allem im Gebet, in den Sakramenten und in der Besinnung auf Jesus Christus zu suchen. Gleich im einleitenden Absatz seines Briefes hebt der Weihbischof den Advent als die Zeit hervor, "in der wir Christen in besonderer Weise in der Haltung der Erwartung leben, in Erwartung unseres Herrn Jesus Christus, der die Menschen zusammenführt und der unser Friede ist". Und abschließend betont er:
"Ich weiß, mit wie viel Engagement und Herzblut viele von Ihnen ihren Glauben in einer intakten und geschwisterlichen Gemeinschaft leben möchten. Für dieses Zeugnis bin ich sehr dankbar. Solche geschwisterliche Weggemeinschaft kann auch tatsächlich wieder gelingen, wissen wir doch Jesus Christus an unser aller Seite, der uns in diesen Tagen besonders nahe kommen will. 
In dieser Zuversicht wünsche ich Ihnen in diesem Advent viel Kraft und Mut, aufeinander zuzugehen und Versöhnung zu wagen. Dann wird Weihnachten werden, auch und gerade in unseren Herzen." 
Daneben bittet Weihbischof Timmerevers die Adressaten seines Briefes, "den Dienst von Pfarrer Janßen und P. Alex anzunehmen und ihre Arbeit aufrichtig zu unterstützen" - eine Bitte, der ich mich nur anschließen kann.

Pfarrer Jortzick feierte seine letzte Messe in St. Willehad am Christkönigssonntag, dem 22. November - in einer voll besetzten Kirche und mit zehn Messdienern.

(Foto: Initiative "Wir sind Willehad") 
Und am 4. Dezember fand in der St.-Willehad-Kirche ein ausverkauftes Weihnachtskonzert mit Patricia Kelly statt - auf Initiative der Vorsitzenden des Fördervereins des St.-Willehad-Kindergartens, Verena Hilker. Vom Erlös des Konzerts gehen rund 1.500 € an den Förderverein, der davon eine Wasserspielanlage für den Außenbereich des Kindergartens finanzieren möchte.

Die Gottesdienstordnung für die Weihnachtstage hat die Pfarrei St. Willehad auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht: Am Heiligabend soll es zwei Krippenfeiern (in Nordenham und Burhave), eine Nachmittags-Festmesse in Rodenkirchen und eine nächtliche Christmette in Nordenham geben, am 1. Weihnachtstag zwei Festmessen in Nordenham, davon eine in polnischer Sprache, und am 2. Weihnachtstag eine Festmesse in Burhave. Viel zu tun für Pater Alex und Diakon Christoph Richter, der übrigens jüngst zusammen mit dem Organisten Sebastian Wegener eine CD mit Weihnachtsliedern aufgenommen hat. Alles in Allem finde ich es recht schade, dass ich dieses Jahr erstmals nicht über Weihnachten in Nordenham sein werde; aber im neuen Jahr fahre ich bestimmt bald mal wieder hin. Einstweilen beobachte ich die dortigen Entwicklungen weiterhin aufmerksam aus der Ferne - und fühle mich veranlasst, zum Abschluss dieses Artikels einen Satz zu wiederholen, den ich in letzter Zeit schon öfter geschrieben habe:

Es bleibt spannend in St. Willehad.


Sonntag, 6. Dezember 2015

Ist ja nur Internet! - Das Bistum Münster, Facebook und der Hl. Nikolaus

Allmählich habe ich wirklich die Faxen dicke.

Nach der letzten größeren Auseinandersetzung um die zwischen Substanzlosigkeit, Kitsch und Esoterik changierenden Morgenimpulse auf der Facebook-Seite des Bistums Münster konnte man sich für kurze Zeit der Hoffnung hingeben, das Social-Media-Team des Bistums habe sich die Kritik zu Herzen genommen und zeige Willen zur Besserung. Auf der Seite erschienen tatsächlich, sogar an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen, explizit christliche Inhalte - Gebete, geistliche Hymnen, Bibelzitate, Worte von Heiligen. Aber wie es scheint, war das nur so 'ne Phase - bald war man wieder auf dem Niveau von Blumebildern und Susanne-Niemeyer-Gedichten angekommen. Gestern dann, am 5. Dezember, gab es einen Morgenimpuls mit einem Zitat des heiligen Kirchenvaters Laotse. Äh nein, Moment. Laotse - der Name bedeutet "alter Meister" - war der Überlieferung zufolge ein chinesischer Philosoph des 6. Jhs. v. Chr. und Begründer des Taoismus; seit dem 2. Jh. wird er als Gott verehrt. Aber na ja. Christentum, Taoismus... kann man ja mal verwechseln. 

Am Abend beglückte die Seite ihre Abonnenten dann mit einem Foto von einem Stiefel - und dazu gab's den Text: "Die Vorbereitung ist abgeschlossen! Der Stiefel steht draußen, der Nikolaus kann kommen!" - Na gut, nichts gegen Brauchtum. Schön wär's nun natürlich gewesen, wenn man in der Münsteraner Social-Media-Abteilung den Gedenktag eines der populärsten Heiligen der Kirchengeschichte zum Anlass genommen hätte, den Lesern ein paar Hintergründe zur Vita dieser faszinierenden Gestalt nahe zu bringen. Vorlagen dafür könnte man im Netz zur Genüge finden (z.B. hier und hier). Dabei hätte man ganz zwanglos auf die Christenverfolgungen unter Diokletian, auf die "Konstantinische Wende", das 1. Konzil von Nicäa und die Auseinandersetzung mit dem Arianismus eingehen können. Na ja: hätte man. Wenn man denn gewollt hätte. 

Stattdessen verlinkte die Seite ein von der Diözese Rottenburg-Stuttgart auf YouTube veröffentlichtes Video mit dem Titel "Wieviel Nikolaus steckt in dir?" und kommentierte dies mit den Worten: 
"Der heilige Nikolaus ist dafür bekannt, dass er sich für die Menschen einsetzte, besonders für Kinder. Wir können das heute auch tun. Je mehr wir uns heute um unsere Mitmenschen kümmern, desto mehr Nikolaus steckt in uns. Versuchen wir es doch einmal!" 
In dem Video sieht man einen jungen Mann bei einer Reihe alltäglicher Verrichtungen; und jedesmal, wenn er sich bewusst dazu entscheidet, Anderen etwas Gutes zu tun, verwandelt er sich ein bisschen mehr in den Heiligen Nikolaus. Mit anderen Worten, der geneigte Zuschauer sieht dem Protagonisten des Kurzfilms dabei zu, wie er durch gute Werke zum Heiligen wird. Äh, was war das noch gleich? Ach ja: Pelagianismus. (Nicht wenig bezeichnend erscheint es übrigens, worin in diesem Filmchen der erste Schritt zur Heiligkeit besteht: im Kauf von Bananen mit Fair-Trade-Siegel nämlich.)

Das blieb allerdings nicht der einzige Beitrag der Bistumsseite zum Thema "Nikolaus": Etwa drei Stunden später erschien dort ein weiteres Video; und dieses zeigte -- eine Anleitung, wie man "das Haus vom Nikolaus" zeichnet!

Wer nun meinte, blöder könne es nicht mehr kommen, sah sich alsbald eines Besseren (oder Schlimmeren) belehrt: Weitere drei Stunden später teilte die Bistumsseite - mit dem einleitenden Hinweis "Psst, wir verraten euch ein bislang streng gehütetes Geheimnis. Aber nicht weitersagen!!" - einen Beitrag der Seite "Twitterperlen":  
"Das Wort Advent steckt in Fahrradventile. Dieses Geheimnis hat die Kirche lange gehütet. Warum auch immer." 
Dieser ursprünglich am 28. November auf Twitter gepostete Spruch ist mir in den letzten Tagen schon öfter im Internet begegnet, was auch kein besonders großes Wunder ist, da der Tweet bislang stolze 468mal "retweetet" wurde. Es spricht auch nicht unbedingt etwas dagegen, ihn lustig zu finden. Aber auf der offiziellen Facebook-Präsenz eines Bistums finde ich ihn dann doch etwas deplatziert. Oder, sagen wir  so: Ein kleines Spässken ab und an würde ich den Münsteraner Social-Media-Mitarbeitern schon gönnen. Wenn sie denn wenigstens dazwischen mal etwas Gehaltvolleres brächten. Liegt ihnen aber anscheinend nicht. 

Erst kürzlich sprach Papst Franziskus den deutschen Bischöfen gegenüber von einer dramatischen "Erosion des katholischen Glaubens" in Deutschland. Zahlreiche Geistliche und Laien, die in den Pfarrgemeinden z.B. im Bereich der Katechese tätig sind, werden diesen Befund bestätigen können: Selbst bei vielen durchaus aktiven Kirchenmitgliedern ist es um eine grundlegende Kenntnis christlicher Glaubensinhalte bzw. der Lehre der Kirche beklagenswert schlecht bestellt. Es besteht ein erheblicher Bedarf an Neuevangelisierung. Man sollte denken, die finanziell zumeist gut ausgestatteten deutschen Bistümer müssten durchaus über die Mittel verfügen, diesbezüglich etwas zu unternehmen. Und eigentlich wären doch gerade die Sozialen Medien ein geeignetes Vehikel, um die Leute, wie es immer heißt, "da abzuholen, wo sie stehen". Aber anstatt auch nur zu versuchen, das missionarische Potential von Facebook oder auch Twitter auszuloten, nutzt man in Münster (und nicht nur dort) diese Netzwerke offenbar lediglich als Spielwiese. Ist ja nur Internet, scheint man zu denken. -- Man stelle sich nur einmal vor, jemand, der wenig bis gar nichts über den christlichen Glauben weiß, würde versuchen, sich auf der FB-Seite des Bistum Münster darüber zu informieren. Was würde der wohl denken? Ich habe nicht den Eindruck, dass das Team, das die Seite gestaltet, sich diese Frage schon mal gestellt hat. 

Allmählich vergeht mir da wirklich jeglicher Humor. Wenn die Social-Media-Präsenz eines katholischen Bistums - oder irgendeiner kirchlichen Einrichtung - nicht für die Glaubensverkündigung genutzt wird, dann gehört sie abgeschafft. 


Freitag, 4. Dezember 2015

"Noch Fragen, Schützenverein?"

Am Freitag letzter Woche erfuhr ich über Twitter, es gebe eine Schießerei vor einer Planned Parenthood-Klinik in Colorado Springs. Mein erster spontaner Gedanke war: Ach du Scheiße

Ich hatte einige Monate zuvor über Planned Parenthood gebloggt. PP ist der mit weitem Abstand größte "Anbieter" von Abtreibungen in den USA; in landesweit rund 700 Kliniken führt das Unternehmen jährlich über 300.000 Abtreibungen durch (also ungefähr alle eineinhalb Minuten eine). Anlass für meinen Blogartikel war eine Reihe von Undercover-Videos einer Lebensschutzorganisation, die enthüllte, dass Planned Parenthood Organhandel mit Körperteilen abgetriebener Kinder betreibt. Derzeit laufen infolge dieser Enthüllungen in mehreren US-Bundesstaaten Ermittlungen gegen PP, staatliche Fördergelder wurden gestrichen. Indessen stellt das Unternehmen sich unverdrossen als Opfer einer Schmutzkampagne dar, und sowohl Präsident Obama als auch seine Wunschnachfolgerin Hillary Clinton stellen sich demonstrativ hinter den sogenannten "Gesundheits(!)dienstleister". 

Bei der Nachricht von der Schießerei in Colorado Springs war mir innerhalb einer Sekunde klar, dass sich hier eine unschätzbare Gelegenheit für Planned Parenthood bot, sich mehr denn je zum Opfer zu stilisieren und die Lebensschutzbewegung in toto als fanatisch, militant und kriminell zu diskreditieren. Und natürlich kam es genau so

Immerhin dauerte es fast eine Woche, bis das auch auf mich zurückfiel - der ich ja mit meinem oben besagten Artikel zu der "Hetzkampagne" gegen Planned Parenthood beigetragen hatte, auch wenn ich wohl mit einiger Gewissensruhe davon ausgehen kann, dass der Attentäter von Colorado Springs nicht zu den Lesern meines Blogs gehört. Worauf es aber natürlich nicht ankommt, schon gar nicht aus Sicht der Lebensschutz-Gegner. Ein/e solche/r hinterließ gestern Abend unter meinem Planned Parenthood-Artikel einen Link zu einem zu diesem Zeitpunkt vier Tage alten Artikel der Süddeutschen Zeitung, versehen mit der Anmerkung: 

"Noch Fragen, Schützenverein?" 

Halten wir fest: Die Lebensschutzbewegung ist ein "Schützenverein". Und ich, der ich zwar kein ordentliches Mitglied irgendeines Lebensschutz-Verbands bin, mich aber zum Anliegen des Lebensschutzes bekenne, schon des Öfteren in diesem Sinne gebloggt habe und bei der einen oder anderen Veranstaltung von Lebensschutz-Gegnern unangenehm aufgefallen bin, gehöre by association diesem "Schützenverein" an und bin somit mindestens indirekt mitverantwortlich für die drei Toten und neun Verletzten von Colorado Springs. Gut zu wissen. 

Nun hatte ich ja inzwischen eine knappe Woche Zeit gehabt, mich umfassend über das Colorado Springs Shooting zu informieren; den im Kommentarbereich meines Blogs verlinkten Artikel der Süddeutschen hatte ich allerdings noch nicht gelesen und holte das nun nach. Und ich muss sagen, wenn der oder die anonyme Kommentator/in meines Blogartikels keine anderen Informationen über den Fall hatte als ebendiesen Artikel, kann man ihm oder ihr kaum einen Vorwurf daraus machen, zu welchen Schlussfolgerungen er oder sie gekommen ist. 

Der Artikel unter der Überschrift "Amoklauf in Frauenklinik" verliert keine Zeit, seinen Lesern zu suggerieren, wie der Vorfall zu bewerten sei: "Ein bewaffneter Mann erschießt in einer Abtreibungspraxis im US-Bundesstaat Colorado drei Menschen. Die Gewalttat zeigt, wie vergiftet das Klima bei diesem Thema ist. Entsteht daraus ein neuer Terrorismus?", lauten die ersten Zeilen. Im weiteren Verlauf übernimmt die SZ konsequent die talking points der PR-Abteilung von Planned Parenthood. Etwa, dass die "meisten Patienten [...] nicht für Abtreibungen zu Planned Parenthood" kämen, sondern sich "über Verhütung und Schwangerschaft beraten und vorsorglich untersuchen" ließen. "Viele der Patienten sind arm." Zum Organhandel-Skandal heißt es lapidar, PP habe "den Vorwurf zurückgewiesen und erklärt, die Aufzeichnungen der Gespräche seien manipuliert worden, um deren Sinn zu entstellen". Weiterhin wird unterstellt, der Todesschütze von Colorado Springs sei nur durch die massiven Sicherheitsvorkehrungen der Klinik daran gehindert worden, ein Massaker im Wartezimmer anzurichten:
"'Abtreibungskliniken müssen außergewöhnliche Sicherheitsvorkehrungen treffen, die bei anderen medizinischen Einrichtungen nicht notwendig sind', erklärte Vicki Saporta, die den Verband 'National Abortion Federation' leitet. 'Dies kann kugelsichere Westen beinhalten, gepanzerte Räume, Überwachungskameras und andere Sicherheitsvorschriften.' In der Klinik von Colorado Springs hätten die gut geschulten Mitarbeiter 'viele Menschenleben gerettet'."
Besonders beeindruckend an dem Artikel der Süddeutschen ist es, dass er zwar einräumt, bezüglich des Motivs des Täters bestehe Unklarheit - darüber aber souverän hinweggeht und erklärt: "Was auch immer Dear am Freitag bewegt hat: Seine Gewalttaten fallen in eine Zeit neuer Kontroversen um Abtreibungen in Amerika." Planned Parenthood-Mitarbeiterin Vicki Cowart wird mit der Aussage zitiert: "Wir teilen die Sorge vieler Amerikaner, dass Extremisten ein vergiftetes Klima schaffen, das den Terrorismus in diesem Land nährt." Weiter wird der Leser darüber informiert, dass "Kliniken wie die von Planned Parenthood und deren Mitarbeiter [...] immer wieder das Ziel von Drohungen, Einschüchterungen und Gewalt geworden" seien:
"In den vergangenen 20 Jahren ist es im Schnitt zu 257 Zwischenfällen pro Jahr gekommen, dazu gehörten überwiegend Landfriedensbruch, Vandalismus und Brandstiftung, wobei auch immer mal wieder [!] Ärzte erschossen wurden, weil sie Abtreibungen vorgenommen hatten, zuletzt 2009 in Kansas. Im Jahr 1994 hat Präsident Bill Clinton ein Gesetz unterschrieben, das Patienten und Angestellte auf dem Weg in die Kliniken schützt, wo sie regelmäßig bedroht und beschimpft werden." 
Fazit: Schlimme Leute, diese Lebensschützer. So ganz allgemein. Angesichts dieses Meisterwerks in Sachen Desinformation und Propaganda, das die SZ da vorgelegt hat, scheint es mir angezeigt, erst einmal ein paar Fakten zum Colorado Springs Shooting zusammenzutragen, ehe ich mich den an die Lebensschutzbewegung insgesamt gerichteten Vorwürfen und Unterstellungen widme.

  • Der - wie man bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung sagen muss - mutmaßliche Täter, der 57jährige Robert Lewis Dear aus North Carolina, war in seinem Heimatort als Eigenbrötler und Wirrkopf bekannt, der in einer Hütte ohne Wasseranschluss hauste und, wenn er überhaupt einmal mit jemandem sprach, allerlei Verschwörungstheorien zitierte; hingegen zeigte er kein besonderes Interesse am Thema Abtreibung oder an Religion. Es besteht keine bekannte Verbindung zwischen Dear und irgendeiner Lebensschutz-Organisation -- oder einer Kirche. Dear war wegen verschiedener Delikte, darunter Voyeurismus, häusliche Gewalt und Tierquälerei, polizeibekannt. Ein typischer Abtreibungsgegner also? Na ja, aus Sicht der Gegner der Lebensschutzbewegung vermutlich schon. 
  • Laut Aussage der Polizei lässt sich aufgrund der unzusammenhängenden Aussagen des anscheinend geistig verwirrten Festgenommenen kein klares Motiv für die Tat feststellen. Es ist nicht einmal sicher, ob der Angriff überhaupt gezielt gegen die Planned Parenthood-Klinik gerichtet war. Die Schüsse wurden nicht in der Klinik, sondern außerhalb dieser abgefeuert.
  • Unter den drei Toten und neun Verletzten des Anschlags sind keine Mitarbeiter oder Patientinnen der Planned Parenthood-Klinik. 
  • Der bei der Schießerei getötete Polizist Garrett Swasey war Prediger in einer presbyterianischen Kirchengemeinde und entschiedener Abtreibungsgegner. 
  • Führende Lebensschutz-Organisationen der USA haben den Anschlag entschieden verurteilt und klargestellt, dass Gewalt gegen Menschen in klarem Widerspruch zu ihren Zielen steht; gleiches gilt für Lebensschutzinitiativen vor Ort in Colorado Springs
Das alles ändert freilich nichts daran, dass viele Beobachter - von Hillary Clinton über die PP-Geschäftsführerin Cecile Richards und diverse US-amerikanische und deutsche Medien bis hin zu zahlreichen Nutzern sozialer Netzwerke - mit ihrem Urteil über den Fall schnell fertig waren: Der Täter könne ja nur ein militanter Abtreibungsgegner gewesen sein, aufgehetzt durch die "manipulativen" Organhandel-Videos, und der Vorfall zeige exemplarisch den Extremismus der Lebensschutzbewegung. (Sogar die Katholische Nachrichtenagentur KNA ging dieser Deutung zumindest tendenziell auf den Leim.) Was für bizarre Blüten diese Auffassung trieb, zeigte sich wenige Tage später, als im kalifornischen San Bernardino zwei oder mehr schwer bewaffnete Personen die Betriebsfeier einer Sozialeinrichtung für Behinderte stürmten, 14 Menschen töteten und zahlreiche weitere verletzten. Kaum liefen die ersten Meldungen über eine Schießerei über die Newsticker, da suggerierte der Nachrichtensender CNN auch schon einen Zusammenhang mit dem Anschlag in Colorado Springs und warf die Frage auf, ob es in der Nähe des Tatorts etwa eine Planned Parenthood-Einrichtung gebe. Das Magazin Bloomberg Business beantwortete diese Frage via Twitter: Tatsächlich gebe es im Umkreis von zwei Meilen (ca. 3,2 Kilometer) um den Ort der Schießerei eine PP-Klinik. Aha. Da werden sich die Täter wohl verlaufen haben. Der Bloomberg-Tweet löste kontroverse Diskussionen aus, in deren Verlauf jemand anmerkte, nur eine Meile vom Tatort entfernt gebe es ein Starbucks-Café. Leider lenkt auch dieser Umstand den Verdacht abermals auf radikale Christen. (Nein, nicht wirklich.) Das Lebensschutz-Nachrichtenportal LifeNews.com bewies Galgenhumor, indem es - abermals einen Tag später - eine obskure Nachricht über ein bösartiges Eichhörnchen, das bereits acht Menschen verletzt habe, mit der Frage konterte: "Ist eine Planned Parenthood-Einrichtung in der Nähe?"

Aber so lustig ist das Ganze ja in Wirklichkeit nicht. Dass die tödlichen Schüsse von Colorado Springs zum Anlass genommen werden, Abtreibungsgegner pauschal unter Terrorismusverdacht zu stellen, könnte man absurd finden ("Lebensschützer, die beten und Plakate hochhalten, sind für diese Schießerei genauso verantwortlich, wie die Beatles für die Gewalttaten Charles Mansons verantwortlich waren, und die meisten Leute wissen das", schrieb Ben Domenech am Montag in seinem Magazin The Federalist); aber Presseartikel wie derjenige der Süddeutschen Zeitung, die diese Mär unverdrossen weiterverbreiten und damit offenbar Zustimmung finden, beweisen, dass es Menschen gibt, die das ganz und gar nicht absurd finden. Eine umfassende Kritik solcher Thesen veröffentlichte der katholische Journalist und Blogger Pascal-Emmanuel Gobry am Dienstag im Magazin The Week; einige zentrale Aussagen dieses Texts möchte ich hier teils paraphrasieren, teils in freier Übersetzung zitieren.

Gobry bezeichnet die Strategie der Medien, die Lebensschutzbewegung für den Anschlag von Colorado Springs verantwortlich zu machen, als nicht nur "fernab der Realität", sondern auch "zutiefst betrüblich", da sie einen tief verwurzelten Mangel an Empathie verrate. Was den mutmaßlichen Schützen Robert Lewis Dear betreffe, so sei dieser allem Anschein nach geistesgestört. Das schließt nicht aus (auch wenn es, wie gesagt, keinesfalls sicher ist), dass er durch die Enthüllungen über die Organhandel-Machenschaften bei Planned Parenthood - oder allgemein durch eine kompromisslos ablehnende Haltung zum Thema Abtreibung - zu seiner Tat veranlasst wurde. Sehr wohl aber verbietet dieser Umstand es, ihn und sein Handeln als repräsentativ für die Lebensschutzbewegung zu betrachten. Ebensowenig - möchte man hinzufügen - sind andere Fälle von Gewaltakten gegen Abtreibungskliniken, deren Personal oder deren Patientinnen (wie sie etwa die Süddeutsche Zeitung anführt) repräsentativ für die Lebensschutzbewegung. Gobry betont, rund die Hälfte der US-Bevölkerung definiere sich als pro-life. Ziehe man in Betracht, dass Psychopathen rund 1% der Bevölkerung ausmachen, müsse man, so Gobry, davon ausgehen, dass es mit statistischer Wahrscheinlichkeit allein in den USA eineinhalb Millionen "Pro-Life-Psychopathen" gebe. Im Verhältnis zu dieser reinen Anzahl - bei der geistig gesunde, aber durch die Propaganda von Lebensschutzorganisation radikalisierte Menschen ja noch gar nicht mitgerechnet seien - sei die Zahl von Gewaltakten durch Lebensschützer doch bemerkenswert gering.

(Ziehen wir hier noch einmal den oben zitierten SZ-Artikel zu Rate, der für einen Zeitraum von 20 Jahren durchschnittlich 257 Fälle von Landfriedensbruch, Vandalismus und Brandstiftung pro Jahr errechnet. Das sind etwas mehr als 20 Fälle pro Monat in den gesamten USA, wo, wie gesagt, allein Planned Parenthood rund 700 Kliniken betreibt. Lassen wir die Tatsache, dass es auch noch andere Abtreibungskliniken gibt, für das Rechenexempel einmal unter den Tisch fallen, dann heißt das, dass im Durchschnitt jede PP-Klinik einmal in drei Jahren angegriffen wird, oder anders ausgedrückt, einmal pro 1.300 Abtreibungen. Man verstehe mich nicht falsch: Ich will keinen einzigen dieser Angriffe gutheißen oder auch nur verharmlosen. Aber aussagekräftig finde ich die Zahlenverhältnisse doch. Eine Aufstellung von "Straftaten mit rechts- und linksextremistisch motiviertem Hintergrund in Deutschland im Jahr 2013" weist für das genannte Jahr 744 rechts- und 867 linksextremistische Straftaten aus, darunter versuchte Tötungsdelikte, Körperverletzungen, Brandstiftungen, Sprengstoffanschläge, Landfriedensbruch, Freiheitsberaubung, Raub und Erpressung. In Deutschland, das nur rund ein Viertel der Einwohnerzahl der USA hat. Und jetzt rechne man mal.)

"Jede Massenbewegung, so friedlich ihre Ziele und die Methoden ihrer Anführer auch sein mögen, hat ihre gewaltbereiten Splittergruppen", stellt Gobry fest. "Das liegt einfach in der menschlichen Natur." Allerdings scheinen, rein statistisch gesehen, die gewaltbereiten Splitter der Lebensschutzbewegung doch deutlich kleiner zu sein als diejenigen anderer Bewegungen. Tatsächlich, so Gobry, "zeichnet sich die Lebensschutzbewegung gerade dadurch aus, wie erstaunlich wenig Terrorismus sie hervorbringt". Schauen wir uns in diesem Zusammenhang ruhig auch einmal die Morde an Abtreibungsärzten an, von denen die Süddeutsche Zeitung schreibt, sie kämen "immer mal wieder" vor. "Immer mal wieder" ist natürlich keine besonders präzise Angabe. Also, wie viele waren es denn nun tatsächlich? -- Acht. Seit 1977. Sagt die National Abortion Federation, die wahrlich keinen Anlass hat, in dieser Hinsicht tiefzustapeln. Noch einmal: Ich will keinen einzigen dieser Fälle gutheißen oder auch nur beschönigen. Aber eine generelle Gewaltbereitschaft von Lebensschützern lässt sich an dieser Zahl nun nicht gerade ablesen. -- Dass es nicht wesentlich mehr solcher Fälle gibt - und das trotz der Tatsache, dass Jeder, der der Überzeugung ist, das menschliche Leben beginne bei der Zeugung und sei von Beginn an schützenswert, in Abtreibungskliniken wie denen von Planned Parenthood monströse Tötungsfabriken sehen muss -, hat natürlich einen ganz einfachen Grund: Wenn man für das bedingungslose Lebensrecht jedes Menschen eintritt, wäre es einfach hochgradig widersinnig, für dieses Ziel Menschen zu töten. Dass es vereinzelte Irrläufer gibt, die genau das eben doch tun, beweist nur, zu welch widersprüchlichem Verhalten Menschen fähig sind - aber mehr auch nicht.

Eher nebenbei spricht Gobry auch "den Elefanten im Raum" (ich liebe diese Redewendung!) an: den islamistischen Terrorismus. Nach jeder von fanatischen Muslimen verübten Gräueltat wird eindringlich - und zu Recht - darauf hingewiesen, dass dieser Extremismus nicht repräsentativ für den gesamten Islam sei und dass man die zahllosen friedfertigen Muslime nicht für den Terror radikaler Splittergruppen verantwortlich machen dürfe. Wieso gesteht man dasselbe eigentlich nicht auch der gewaltlos agierenden Mehrheit der Abtreibungsgegner zu?

Allgemeiner gefragt: Woher kommt dieser Drang, gerade die Lebensschützer in ein möglichst schlechtes Licht zu rücken, sie als Extremisten, Terroristen, Mörder abzustempeln? Man könnte das für gezielte, interessegeleitete Verleumdung halten, und zum Teil ist es das wohl auch. Aber meine persönlichen Erfahrungen mit Lebensschutz-Gegnern haben mir den Eindruck vermittelt, dass viele von ihnen wirklich, ehrlich glauben, dass Lebensschützer böse sind. Man kann das vielleicht als eine Art psychologischen Schutzmechanismus betrachten: Wer von vornherein gar nicht in Erwägung zieht, dass die Lebensschützer Recht haben könnten, braucht sich mit ihren Argumenten gar nicht mehr inhaltlich auseinanderzusetzen und läuft somit nicht Gefahr, den eigenen Standpunkt in Frage zu stellen. Pascal-Emmanuel Gobry sieht das offenbar ähnlich: Auch er stellt fest, dass Lebensschützern von ihren Gegnern gern unlautere Motive unterstellt werden - und sieht darin ein Zeichen fehlender Empathiefähigkeit:
"Pro-Lifer glauben wirklich an das, wovon sie sagen, dass sie es glauben: Sie glauben, dass das Leben mit der Empfängnis beginnt und dass menschliches Leben wertvoll ist, und sie möchten es beschützen. Ihnen etwas Anderes zu unterstellen zeigt eine völlige Unfähigkeit, andere Standpunkte als den eigenen nachzuvollziehen." 
Den politischen Gegner als menschliches Wesen anzuerkennen und ihm prinzipiell gute Absichten zuzubilligen, fügt Gobry hinzu, sei ein Erfordernis staatsbürgerlichen Verhaltens - auch und besonders gegenüber Menschen und Standpunkten, bei denen einem das nicht leicht falle. Ich schätze, dies ist eine Mahnung, die sich Jeder, auf welcher Seite er auch stehen mag, immer mal wieder vor Augen führen und zu Herzen nehmen sollte. Nicht nur in Bezug auf das Thema Abtreibung. Aber da eben auch.


Donnerstag, 3. Dezember 2015

Let's talk about Reformverhinderung!

Gestern früh durfte ich im Domradio - live am Telefon - über das Tagesevangelium (Matthäus 15,19-37) sprechen, und im Zuge dessen fragte mich der Moderator, ob die Kirche heute noch in der Lage sei, Wunder zu wirken. Ich erwiderte, davon müsse man ausgehen, schließlich habe Jesus Christus die Kirche in Gestalt der Apostel persönlich eingesetzt und den Aposteln ausdrücklich die Vollmacht erteilt, in Seinem Namen Wunder zu wirken (vgl. Markus 16,17ff.). Freilich, fügte ich hinzu, könne man sich vielfach die Frage stellen, ob die Kirche heute eigentlich selbst noch an ihre Fähigkeit glaube, Wunder zu wirken; ob sie nicht, besonders hierzulande, allzu sehr in Strukturen verstrickt sei und den Mut und die Kraft, Wunder zu vollbringen, erst wiederfinden müsse. 

Nun ist es vermutlich etwas frech, in einem kirchensteuerfinanzierten Medium Kritik an kirchlichen Strukturen zu äußern; aber verkneifen konnte ich es mir dann doch nicht. Und bei der Gelegenheit habe ich mich dann daran erinnert, dass ich zu diesem Thema ohnehin noch was bloggen wollte.

In Hinblick darauf, was man in kirchensteuerfinanzierten Medien so alles mehr oder weniger ungestraft äußern kann, setzt bekanntermaßen immer wieder das im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz betriebene Online-Portal katholisch.de Maßstäbe. Internationales Aufsehen erreichte jüngst der Kommentar "Romantische, arme Kirche" von Redaktionsmitglied Björn Odendahl. Nun kann man wohl behaupten, über diesen überaus peinlichen Text sei schon so ziemlich alles gesagt, und wenn auch noch nicht von Jedem, so doch u.a. von Peter Winnemöller, Josef Bordat und nicht zuletzt von Leroy Huizenga in First Things, dem nach eigener Einschätzung einflussreichsten US-amerikanischen Magazin über Religion und Gesellschaft. Huizenga witterte in Odendahls Ausführungen über die Kirche in Afrika gar "sanften Rassismus". Nun ist der ausgerechnet bei betont "liberalen" oder "progressiven" Kirchenvertretern immer mal wieder zu beobachtende Hang zum Afrika-Bashing zweifellos ein interessantes Thema; noch interessanter finde ich den besagten katholisch.de-Kommentar allerdings in Hinblick darauf, was der Autor über die Kirche in Deutschland auszusagen beabsichtigt und was er tatsächlich darüber aussagt. Besonders wenn man dies im Zusammenhang mit einigen anderen aktuellen Wortmeldungen zum Zustand der deutschen Teilkirche betrachtet. Denn, wie gesagt, zu diesem einen Text ist ja an und für sich schon mehr als genug gesagt worden.

Fangen wir trotzdem erst einmal mit Afrika an. Genauer gesagt mit dem aus dem westafrikanischen Guinea stammenden Robert Kardinal Sarah, dem Odendahl attestiert, er gebe (allzu) "einfache Antworten auf schwierige (Glaubens)Fragen", die von den Afrikanern infolge ihres niedrigen Bildungsniveaus allzu leicht akzeptiert würden. Nicht uninteressant ist es, diese Einschätzung damit abzugleichen, was die deutschsprachige Wikipedia über Kardinal Sarah schreibt: Dieser gelte "als Speerspitze der Konservativen" und sei "für seine radikalen Aussagen bekannt" (eine Fußnote zu letzterer Einschätzung führt, schau mal einer kuck, zu einem Artikel auf katholisch.de). Insbesondere auf der "Familiensynode im Oktober 2015" habe sich Kardinal Sarah "als Wortführer afrikanischer römisch-katholischer Bischöfe" profiliert: "Er wollte dort Reformen verhindern."

Reformen verhindern, so so. Das klingt natürlich finster. Schließlich ist "Reform", trotz Hartz IV und manch anderen durchaus nicht einhellig mit Freude aufgenommenen "Reform"-Paketen aus dem politischen Bereich, ein grundsätzlich positiv besetzter Begriff. Stünde da, Kardinal Sarah habe eine Aufweichung oder Aushöhlung der katholische Sakramentenlehre verhindern wollen, würde das schon anders wirken; so sehr anders dann aber wohl auch wieder nicht, denn genau das stellen sich schließlich große Teile der säkularen Medienlandschaft, aber auch so manche Kreise innerhalb der Kirche unter Reformen vor. Die Art von Reform, die die Kirche dringend brauche, sei eine Anpassung an die Lebenswirklichkeit der Menschen, mithin der Verzicht auf vermeintlich oder tatsächlich unerfüllbare ethische Anforderungen. Überhaupt soll sie moderner, zeitgemäßer, "niederschwelliger" werden. Komisch nur, dass die Kirche in ihrer knapp 2000jährigen Geschichte unter Reform stets etwas ganz Anderes verstanden hat - und auch das kann man bemerkenswerterweise in der Wikipedia nachlesen. Von den Kirchenvätern über die diversen Kirchenreformen des Mittelalters bis hin zu den (aus protestantischer Sicht gern polemisch als "Gegenreformation" bezeichneten) Reformen des Konzils von Trient wurde "Reform" stets als Rückbesinnung, Läuterung, ja Umkehr begriffen - und Umkehr, das gehört nun wirklich zum kleinen Einmaleins des Christentums, hat immer etwas mit Buße zu tun. Reform im katholischen Sinne heißt nicht größeres laissez-faire, sondern strengere Disziplin (um nicht so ein altmodisches Wort wie "Zucht" zu verwenden); nicht Aufweichung der Lehre, sondern Bekräftigung der Lehre; nicht Angleichung an die Welt, sondern, mit einem von Benedikt XVI. geprägten Begriff gesagt, Entweltlichung.

Ich hatte an dieser Stelle eigentlich einen längeren Exkurs über das Verhältnis von Tradition und Innovation in der Kirche sowie über die Bedeutung des Begriffs "konservativ" im kirchlichen Kontext geplant, aber wissta was, da mach' ich vielleicht lieber mal einen eigenständigen Beitrag draus und bleibe jetzt und hier erst mal beim Begriff Entweltlichung. Unter diesem Leitwort skizzierte Benedikt XVI. in seiner Freiburger Konzerthausrede vom 25.09.2011 ein Reformprogramm für die Kirche, das ganz in der Tradition dessen steht, was die Katholische Kirche schon immer unter Reform verstanden hat. Ein Programm allerdings, das gerade die deutsche Teilkirche seither tapfer ignoriert.
"Die Kirche [...] hat nichts aus Eigenem gegenüber dem, der sie gestiftet hat [...]. Ihr Sinn besteht darin, Werkzeug der Erlösung zu sein, sich von Gott her mit seinem Wort durchdringen zu lassen und die Welt in die Einheit der Liebe mit Gott hineinzutragen. [...]
In der geschichtlichen Ausformung der Kirche zeigt sich jedoch auch eine gegenläufige Tendenz, dass die Kirche zufrieden wird mit sich selbst, sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenügsam ist und sich den Maßstäben der Welt angleicht. Sie gibt nicht selten Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zu der Offenheit auf Gott hin". 
Soweit also Benedikt XVI. vor gut vier Jahren. Eigentlich hätte jedes dieser Worte so manch einen deutschen Kirchenfunktionär ins Mark treffen müssen, aber das scheint nicht der Fall gewesen zu sein. Kürzlich nun waren die deutschen Bischöfe zum Ad-limina-Besuch in Rom - erstmals seit neun Jahren, obwohl diese Besuche eigentlich alle fünf Jahre stattfinden sollten. Und bei diesem Besuch präsentierte ihnen Papst Franziskus eine Analyse des Zustands der Kirche in Deutschland, die sich gewaschen hatte. Schonungslos diagnostizierte der Papst eine "Erosion des katholischen Glaubens in Deutschland": 
"Wo in den Sechziger Jahren noch weiträumig fast jeder zweite Gläubige regelmäßig sonntags zu heiligen Messe ging, sind es heute vielfach weniger als 10 %. Die Sakramente werden immer weniger in Anspruch genommen. Die Beichte ist vielfach verschwunden. Immer weniger Katholiken lassen sich firmen oder gehen das Sakrament der Ehe ein. Die Zahl der Berufungen für den Dienst des Priesters und für das gottgeweihte Leben haben drastisch abgenommen." 
"Das Gebot der Stunde", folgerte Franziskus, sei eine "pastorale Neuausrichtung": die "Strukturen der Kirche" müssten "missionarischer werden". In diesem Zusammenhang warnte der Papst, ganz im Sinne der Freiburger Rede seines Vorgängers, vor einer
"Tendenz zu fortschreitender Institutionalisierung der Kirche. Es werden immer neue Strukturen geschaffen, für die eigentlich die Gläubigen fehlen. Es handelt sich um eine Art neuer Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat." 
"Die Ansprache von Papst Franziskus an die deutschen Bischöfe zum Ad-Limina-Besuch war eine Klatsche", urteilt der Papsttreue Blog; der Papst habe den "Finger auf alle Wunden gelegt", heißt es auf katholon. Und wie geht man nun im deutschen Episkopat mit diesem gepfefferten Feedback um? -- Im Zweifel: erst einmal gar nicht. Gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur KNA erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, die Audienzen beim Ad-limina-Besuch seien "Gespräche auf Augenhöhe" gewesen - da fasst man sich doch an den Kopf, nicht nur wegen des widerwärtigen Sozialpädagogen-Sprechs, der Verlautbarungen deutscher Kirchenvertreter so hartnäckig anhaftet wie ein böser Schnupfen, sondern vor allem wegen der darin zum Ausdruck kommenden Haltung - derselben, die schon aus Kardinal Marx' berüchtigtem Diktum aus dem Februar dieses Jahres sprach, die Bischofskonferenzen seien "keine Filialen von Rom". Kurz gesagt: Der Papst kann uns gerne sagen, was er auf dem Herzen hat, aber wir wissen schon selber, was wir zu tun haben. Von der KNA zaghaft darauf angesprochen, die "abschließende Rede" des Papstes habe doch wohl "einige kritische Akzente" enthalten, wiegelte der Kardinal prompt ab: "Der Papst spricht damit nichts Neues an, mit diesen Fragen beschäftigen wir uns als Bischofskonferenz seit Jahren intensiv." Na klar. Die deutschen Diözesen haben ihre eigenen "Pastoralpläne" und "Zukunftsbilder", und da lassen sie sich auch nicht reinreden. Schon gar nicht von Päpsten, die offensichtlich etwas völlig Anderes wollen als man selber. Man hat es sich schließlich so schön eingerichtet in der Weltlichkeit. -- Übertreibe ich? Nun ja, wahrscheinlich teils, teils. Man kann nicht alle deutschen Bistümer über einen Kamm scheren und schon gar nicht alle kirchlichen Funktions- und Entscheidungsträger. Aber man braucht sich nur einmal anzusehen, was für Zukunftsvisionen etwa der Essener Generalvikar Monsignore Klaus Pfeffer hegt und verbreitet, um unschwer zu dem Schluss zu kommen, dass sich das kaum mit dem Projekt der Entweltlichung, der armen Kirche für die Armen auf einen Nenner bringen lässt. Vielmehr herrscht da der von Papst Franziskus so oft gescholtene Neo-Pelagianismus in Reinform.

Und dann gibt es ja auch noch das "ZdK", das von der Deutschen Bischofskonferenz als offizielle Laienvertretung anerkannt wird. Dieses Gremium hat gerade einen neuen Präsidenten gewählt: Thomas Sternberg, studierter Theologe und CDU-Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen. Jemand, der Sätze sagt wie z.B., dass das "ZdK" "nicht eine Sahnehaube auf irgendeinem Stück [...] und kein Zuckerwerk" sein solle, sondern "das Grundnahrungsmittel für unsere Gesellschaft".Würg! Dass auch das "ZdK" eine erheblich andere Vision für die Kirche hat als der Papst und seine Vorgänger, ist im Prinzip nichts Neues; aber in der Antrittsrede des neuen Vorsitzenden Sternberg wurde dies doch, wie Peter Winnemöller auf katholon bereits herausgestellt hat, exemplarisch deutlich. Nur zwei Tage, nachdem Papst Franziskus den deutschen Bischöfen ins Stammbuch geschrieben hatte, sie dürften "nie müde werden", sich für den Schutz des Lebens "von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod" einzusetzen, und dürften dabei "keine Kompromisse eingehen", brach "ZdK"-Präsident Sternberg eine Lanze für eine Organisation, deren ganze Existenzgrundlage darin besteht, beim Einsatz für den Lebensschutz Kompromisse einzugehen - den Verein Donum vitae nämlich.

So eine deutliche Opposition gegen einen Papst, der so lange als Liebling der Liberalen galt, überrascht erst einmal; aber das auch von den säkularen Medien gern bediente Bild von Franziskus als superliberalem "Papst zum Knutschen" ist wohl (noch) zu stabil, als dass solche Differenzen großartig auffielen. Solange der Papst etwas äußert, was einem ins Konzept passt (oder zu passen scheint), beruft man sich beim "ZdK" und in den Pressestellen der Bistümer weiterhin gern auf ihn; beim Klimapilgern zum Beispiel. Positioniert er sich konservativer, als man es von ihm erwarten würde, wird dies gern ausgeblendet. Wenn er aber den Aufruf seines Vorgängers zur Entweltlichung aufgreift und, wie es nun mal in seinem Naturell liegt, im Tonfall sogar noch verschärft, wird auf ihn ebenso wenig gehört wie auf den vermeintlichen "Hardliner" Benedikt. Letztlich liegt das aber wohl in der Natur der Sache: Konstatieren die Päpste, die Kirche in Deutschland kranke an einem Übermaß an Struktur und Institutionalisierung, dann wehrt sich der institutionelle Apparat der deutschen Kirche dagegen, denn es geht ihm an die Existenz

Wenn wir also von Reformverhinderung in der Kirche reden wollen - und das sollten wir wohl -, dann sollten wir über ebendiesen institutionellen Apparat reden, dessen Selbsterhaltungstrieb zwar wie gesagt ganz natürlich und verständlich ist, aber eben doch die Gefahr birgt, notwendige Reformen in der Kirche zu blockieren. Und da kommen wir dann eben auch wieder zu katholisch.de und jenem inkriminierten Kommentar, dessen Verfasser Björn Odendahl lediglich so agiert, wie man es von einem treuen Parteisoldaten erwarten darf: Er verteidigt den Apparat, dem er selbst angehört. Und da Angriff manchmal die beste Verteidigung ist, geht er dabei betont offensiv vor. Die Attacke gegen die Kirche in Afrika, die er sich nahezu eins zu eins bei dem belgischen Kardinal Danneels abgeschaut haben könnte, ist dabei nur Mittel zum Zweck: In erster Linie geht es darum, an der deutschen Kirche genau das zu loben, was der Papst an ihr kritisiert. Am Ende wirkt es aber etwas allzu trotzig, wenn Odendahl schreibt: "Die Kirche braucht auch einen Apparat und Geld, um Gutes zu tun."

Denn, wie schrieb schon Kurt Tucholsky: "Wat brauchst du Jrundsätze, wenn du'n Apparat hast!"