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Mittwoch, 23. Dezember 2015

Das Dienstagsgrauen IV: Judith hat einen Eisprung und Caroline platzt die Kniearterie

Siedend heiß fiel mir kürzlich ein bzw. auf, dass ich meinen Lesern immer noch den vierten und letzten Teil meiner Rezension von Monika Peetz' postfeministischem Pilgerroman Die Dienstagsfrauen schuldig bin. Und dass seit dem dritten Teil der Buchbesprechung schon über drei Monate ins Land gegangen sind. So geht das aber nicht! Bis Weihnachten muss ich damit durch sein! Also, frisch ans Werk. 

Theoretisch wären, wie schon bei den bisher verbloggten Leseetappen, nochmals etwa 80 Seiten des Peetz-Romans zu bewältigen. Tatsächlich handelt es sich bei den letzten 20 Seiten aber im Wesentlichen um einen ausgedehnten Epilog, der zwar die Voraussetzungen dafür schafft, dass die fünf Dienstagsfrauen nach Bewältigung ihres Lourdes-Abenteuers mehr oder weniger frohgemut zu neuen Ufern aufbrechen können (d.h. zur Verfilmung, zur Fortsetzung, zur Verfilmung der Fortsetzung etc. ad nauseam), aber für mein analyseleitendes Interesse sind diese letzten 20 Seiten weitestgehend überflüssig. Der logische Zielpunkt der Handlung ist Lourdes - und wie Caroline, "die Kluge" unter den Protagonistinnen, auf S. 279 so richtig reflektiert: "Es würde ein 'Vor Lourdes' und ein 'Nach Lourdes' geben". Das "Nach Lourdes" beginnt auf S. 299 und interessiert mich, von einzelnen Details abgesehen, nicht die Bohne. 

Auffallend an der vierten Leseetappe ist es, dass sich im Vergleich zu den drei vorangegangenen die Anzahl der parallelen Handlungsstränge erheblich reduziert - was zumindest teilweise erfreulich ist. Eva hat ihren persönlichen Handlungsstrang schon kurz nach Beginn von Leseetappe 3 vorläufig zum Abschluss gebracht, wieder aufgegriffen wird dieser erst "nach Lourdes"; bis dahin darf sie sich auf die Rolle der treuen Freundin von allen konzentrieren. Kiki hat ihre Abwehrhaltung gegen Max' Avancen kurz vor Ende von Etappe 3 endlich aufgegeben, folglich haben die beiden Hübschen fortan nicht mehr viel zu tun - außer natürlich, als frisch verliebtes Pärchen allen auf die Nerven zu gehen, am meisten aber dem Leser. Und Estelle schrumpft im letzten Viertel des Romans geradezu zur Randfigur - was schade ist, da über weite Strecken sie es war, die den Roman für den Leser erträglich gemacht hat. Nur noch ein paar wenige gelungene Gags bleiben ihr. Somit konzentriert sich die Handlung nunmehr weitestgehend auf Caroline und Judith. Und endlich, endlich wird nun das Geheimnis von Arne gelüftet, wobei sich - Achtung, Spoiler-Alarm! - herausstellt, dass dieses in Wirklichkeit das Geheimnis von Judith ist. 

Wir erinnern uns: Bei der Marienprozession im Dorf Les Angles hat Caroline einen Sanitäter getroffen, von dem sie erfahren hat, dass Arne seine letzten Urlaube bei jemandem namens Dominique verbracht hat. Obwohl es unklar ist, ob Dominique ein Männer- oder ein Frauenname ist, steht nun der Verdacht im Raum, Arne habe eine Affäre gehabt. Judith reagiert auf diese Mitteilung ihrer Freundinnen hysterisch und wirft Caroline an den Kopf, sie solle sich lieber Gedanken über ihre eigene Ehe machen.

Durch diese Andeutung verunsichert, ruft Caroline ihren Anwaltskollegen Paul Gassner an, da dieser bei seinem bislang einzigen Auftritt im 5. Kapitel (inzwischen sind wir bei Kapitel 59) ebenfalls undeutliche Anspielungen auf Carolines Eheleben hatte fallen lassen. Was Caroline bei diesem Telefonat erfährt, wird dem Leser aber vorerst nicht verraten.

Stattdessen taucht Judith mitten in der Nacht bei Eva auf, die vor Sorge wegen des Streits zwischen ihren Freundinnen sowieso nicht schlafen konnte, und überredet sie, zusammen mit ihr Dominique aufzusuchen (die Adresse hat Caroline von dem Sanitäter bekommen). "Es sind vier Kilometer. Wenn wir jetzt aufbrechen, sind wir zum Frühstück dort" (S. 245). Eva ist zunächst skeptisch, willigt aber ein. "Wenn Arne mich betrogen hat...", sinniert Judith unterwegs. "Ich will die Wahrheit wissen, Eva" (S. 249). Eva wiegelt ab: "Arne ist tot. Was ändert das?" - "Alles. Alles. Alles", erklärt Judith und klingt dabei "fast heiter" (ebd.).

In der Tat ändert sich kurz darauf "Alles!", allerdings nicht so, wie Judith sich das gedacht hat. Dominiques Adresse entpuppt sich als eine Herberge für schwer kranke Lourdes-Pilger, und Dominique selbst ist nicht, wie Judith zunächst annimmt, die adrette Krankenschwester, die ihnen die Tür öffnet ("Die Frau brach in donnerndes Gelächter aus. Sie konnte sich kaum beruhigen, so absurd fand sie Judiths Idee"; S. 250) und die fortan "Nichtdominique" genannt wird (S. 252), sondern vielmehr "ein groß gewachsener Mann um die siebzig. Ein Kerl wie ein Baum mit kurz geschorenen grauen Stoppelhaaren, scharfen Linien im Gesicht und kraftvollen Bewegungen" (S. 253). Nicht gerade das, was Judith sich unter einer Nebenbuhlerin vorgestellt hat. Warum aber behandelt Dominique Judith, als diese sich als Arnes Witwe (bzw. als die Witwe von Arne, wie es in Peetz-Deutsch wohl heißen müsste) zu erkennen gibt, so betont schroff und abweisend - wenn es doch gar keine Affäre gab?

Nun ja, es gab eine.

Nur war nicht Arne derjenige, der sie hatte.

"Alles hat er seiner Frau verziehen", poltert Dominique. "Sogar den Liebhaber." Dieser sei obendrein "sein eigener Hausarzt" gewesen - was Eva schier nicht glauben kann, denn: "Arne war bei Philipp in Behandlung, dem Mann einer Freundin" - genau: Carolines Mann. "Philipp. Genau. So hieß der Mann", bestätigt Dominique ungerührt. Angesichts dieser Enthüllungen ergreift Judith die Flucht: "Sie knallte gegen eine Helferin mit einem Tablett. Tassen zerschellten auf dem Boden, Eier platzten" - stellen wir uns das einmal bildlich vor. Oder vielleicht doch lieber nicht. (Alle Zitate S. 255.)

Halten wir fest: Judith, die "Spirituelle" und "Suchende" der fünf Dienstagsfrauen, die trauernde Witwe, die verletztliche, zerbrechliche, reh- bzw. kuhäugige Judith, hat ihren todkranken Mann betrogen, und dies auch noch mit dem Mann ihrer besten Freundin, der zu allem Überfluss der behandelnde Arzt ihres Mannes war. Was für eine Sympathieträgerin! Treffend reflektiert Eva: "Das hier war nicht die Lösung ihrer Probleme. Das war der Supergau" (S. 255).

Übrigens auch für das Handlungsgerüst des Romans. Man fragt sich, in welchem Stadium des Schreibprozesses die Autorin auf diese abgefahrene "Lösung" verfallen ist. Denn der ursprüngliche Handlungsaufbau - Judith, in tiefer Trauer um ihren verstorbenen Mann, erhofft sich Trost, Seelenfrieden und Erleuchtung von einer spirituellen Reise auf den Spuren des Tagebuchs von Arne, will stellvertretend für ihn den Weg zu Ende gehen, den er selbst aufgrund seiner Krankheit nicht mehr vollenden konnte, und bringt ihre Freundinnen, allen voran Caroline, dazu, sie auf diese Reise zu begleiten - ergibt in der Rückschau plötzlich absolut keinen Sinn mehr. Und Arne? Der ist zumindest vor dem Ausbruch seiner tödlichen Krankheit tatsächlich gepilgert und hat dabei Dominique kennengelernt, einen "belgische[n] Exbanker" (S. 257), der sich das Pilgern zur neuen Lebensaufgabe gewählt hatte: "Zwei Deppen, die zwischen Rhein und Mosel Jakobsmuscheln suchten", erinnert Dominique sich grimmig. "Wir haben kein Wort miteinander geredet. Bis wir nach ein paar Tagen feststellten, dass wir im selben Tempo laufen" (S. 256). Dominique wollte, dass Arne mit ihm bis Santiago de Compostela geht; "Aber nein, er musste zu dieser Frau zurück" (S. 254). Und das Pilgertagebuch? "Arne wollte Judith zeigen, dass er noch immer der starke Mann ist, in den sie sich verliebt hatte", erklärt Dominique. "Am Anfang pilgerte er wirklich. Später tat er nur noch so, als setze er seine Pilgerreise unermüdlich fort" (S. 256). Nachdem Dominique nach der Rückkehr aus Santiago die Krankenherberge kurz vor Lourdes eröffnet oder übernommen hatte, in der sich diese Enthüllungen abspielen, verbrachte Arne seine Urlaube dort. Das fingierte Tagebuch hat er demnach nur für Judith geschrieben - und es trotzdem sorgsam vor ihr verborgen und sich noch auf dem Sterbebett den Kopf darüber zerbrochen, wie er verhindern könnte, dass es ihr in die Hände fällt?!?

Zugegeben: Menschen verhalten sich manchmal widersprüchlich und tun sinnlose Dinge. Im wirklichen Leben. Aber nicht alles, was im wirklichen Leben vorkommen kann, kann man in einer Romanhandlung als glaubwürdig durchgehen lassen. Okay, Judith hat Arne betrogen, Caroline hintergangen und auch ihre übrigen Freundinnen nach Strich und Faden angelogen. Aber Frau Peetz hat ihre Leser belogen, und das ist noch weit verwerflicher.

(Immerhin hat sie aber eine Erklärung dafür parat, warum Judith die Konfrontation mit Dominique gesucht und so die Enthüllung des Geheimnisses forciert hat - und legt diese Erklärung Eva in den Mund: "Es hätte dir gefallen, wenn Arne eine Geliebte gehabt hätte. Es hätte deine Schuld kleiner gemacht" [S. 259].)

Doch zurück zum Handlungsverlauf. Nach der Begegnung mit Dominique fordert Eva kategorisch, Judith müsse Caroline die Wahrheit sagen. Ihre kläglichen Rechtfertigungsversuche unterbindet sie barsch: "Ich habe genug von deinem Selbstmitleid" (S. 260) - und spricht damit dem Leser aus der Seele. Caroline hat inzwischen durch ihr Telefonat mit dem Kollegen Gassner erfahren, dass ihr Mann eine Affäre hat - ahnt jedoch nicht, dass es sich dabei um Judith handelt. Und tatsächlich ist Judith offenbar nicht Philipps einzige Geliebte - denn wie Caroline in Erfahrung gebracht hat, verbringt er unter dem Vorwand eines Hausärzteseminars "ein paar romantische Tage mit seiner Tussi" (S. 266), während die Dienstagsfrauen pilgern. Da hat Judith ja nun ein Alibi. Diese doppelte Untreue Philipps führt dazu, dass Judiths erster zaghafter Versuch, sich mit Caroline auszusprechen, in slapstickhaftes Aneinandervorbeireden mündet - und gibt Judith obendrein Gelegenheit, wieder einmal das zu tun, was sie am besten kann: sich als Opfer zu fühlen. Sie ist "entsetzt", als ihr aus Carolines Worten klar wird, dass Philipp noch eine Andere hat: "Die Empörung, die sich in ihrem Bauch zu einer Riesenwut zusammenballte, war ehrlich und aufrichtig" (S. 266). "Dieses treulose Schwein", schimpft Judith (ebd.) und droht: "Ich bringe ihn um" (S. 267). Caroline missversteht diese eifersüchtige Wut als freundinnenhafte Solidarität und ist gerührt: "Ich danke dir, Judith. Ich bin froh, dass du meine Freundin bist". Und Judith hat doch tatsächlich die Stirn, darauf doppeldeutig zu erwidern: "Wir haben beide den Mann verloren. Das verbindet". - "Sie meinte jedes Wort, das sie sagte", betont die Autorin (ebd.).

In ihrem selbstgerechten Zorn geht Judith sogar so weit, Philipp am Telefon eine Szene zu machen:
"Du bist ein Arsch, Philipp [...]. Caroline verdient etwas Besseres als dich. Jede Frau verdient etwas Besseres als dich. Ich Idiot habe Arne beinahe verlassen. Um mit dir zu leben. Philipp, du kannst mich mal." (S. 271) 
Allerdings wird sie, als Fluch der bösen Tat, bei diesem Telefonat von Caroline belauscht. Und damit ist der Ofen dann natürlich aus. Im Folgenden wird der Leser, sofern er bis hierher noch nicht entnervt das Handtuch geworfen hat, staunend Zeuge, wie eheliche Untreue auf postfeministische Art verarbeitet wird. Und zwar von zwei Seiten, nämlich von Seiten der Betrogenen und der Betrügerin. Und, welche Überraschung: Eine verhält sich bescheuerter als die Andere.

Judith setzt zunächst einmal ganz darauf, von den Anderen Verständnis für ihre Situation einzufordern.  "Was hätte ich machen sollen?", erwidert sie auf Evas Vorwürfe. "Es ist passiert. Ich konnte niemandem die Wahrheit sagen. Arne war todkrank" (S. 259). Dann schiebt sie die Schuld auf Philipp:
"Wäre es nicht Philipps Aufgabe, Caroline die Wahrheit zu sagen? Er war mit Caroline verheiratet. Nicht sie. [...] Man weiß doch, dass Frauen in schwierigen Lebenssituationen empfänglich sind für jede kleine Aufmerksamkeit. Alle Frauen verlieben sich in ihren Arzt, Psychiater oder Friseur. [...] Philipp hatte ihre schwache Position ausgenutzt." (S. 262) 
Und schließlich schreibt sie sogar Caroline eine Mitschuld zu:
"Das mit Philipp tut mir aufrichtig leid. Aber ich bin nicht die Einzige, die gelogen hat. [...] Willst du mir erzählen, dass du nie gemerkt hast, dass deine Ehe in der Krise steckt? [...] Du hast dir was vorgemacht, Caroline. [...] Ich habe einen Fehler gemacht. Aber man kann nur in ein Haus eintreten, wenn die Tür offen ist." (S. 283) 
Unter solchen Umständen kann man es Caroline kaum verübeln, dass sie schlicht keine Lust hat, sich mit Judith auseinanderzusetzen:
"Sie konnte sich ausrechnen, wie so etwas ausging. Judith würde in Tränen ausbrechen und das verletzte hilfsbedürftige Reh geben. Und am Ende war sie es, die Judith trösten musste. [...] Judith war eine Serienlügnerin. Immer gewesen. Sie hatte Kai hintergangen, Arne betrogen und die Freundschaft der Dienstagsfrauen mit Füßen getreten. Und schaffte es gleichzeitig, sich als hilfloses Opfer zu verkaufen. [...] Nein, Caroline wollte nicht vernünftig sein. Sie hatte genug vom Terror der Schwachen, den Judith bis zur Perfektion beherrschte." (S. 277f.) 
So richtig das alles ist, macht es Caroline dennoch nicht sonderlich sympathisch, dass sie auf die Erkenntnis, von Judith betrogen worden zu sein, zunächst mit pubertärer Zickigkeit ("'Wusstet ihr eigentlich, dass Judith eine Affäre mit meinem Mann hat?', fragte Caroline im Plauderton und biss genussvoll in ihr Brötchen. [...] 'Noch jemand, der mit meinem Mann geschlafen hat?', erkundigte sie sich interessiert" - S. 274) und dann mit infantiler Regression reagiert: "Und jetzt wollte sie kindisch sein" (S. 277). Als Judith mit ihr zu reden versucht, hält sie sich "die Ohren zu" (S. 276) - sodass selbst Judith anmerkt: "Das ist kindisch, Caroline. Können wir nicht wie zwei Erwachsene miteinander reden?" (ebd.). Gleichzeitig ist Judith aber selbst kindisch genug, "[b]eleidigt" zu sein, dass sie kein "versöhnliches Zeichen" von Caroline empfängt (S. 279). "Gibt es eigentlich Seminare, in denen man aufarbeiten kann, dass man sich schlecht fühlt, weil man die Ehe der Freundin ruiniert hat?", spottet Caroline. "Ein Ehebrecherinnenseminar" (S. 282). Das klingt nach einer der vernünftigsten Ideen des ganzen Buches.

Bei alledem ist übrigens zu betonen, dass Trauer um den Verlust ihres Mannes in Carolines Reaktionen nicht die geringste Rolle spielt; es dreht sich alles nur um ihr gekränktes Ego. Was Reflexionen über ein eventuelles eigenes Versagen freilich nicht ausschließt: "Was habe ich falsch gemacht?" (S. 269). Als sie noch nicht weiß, dass ausgerechnet Judith die heimliche Geliebte ihres Mannes ist, versucht Caroline
"sich vorzustellen, wie die Frau war, mit der Philipp sich eingelassen hatte. Der Anwalt hatte sie als klein und zierlich beschrieben. Mädchenhaft fast. War es das, was Philipp angezogen hatte? Das Gefühl, als Beschützer gebraucht zu werden?" (S. 270) 
Auch nachdem sie Judiths Telefonat mit Philipp belauscht hat, macht sie sich insgeheim weiterhin ähnliche Gedanken:
"Warum waren sie noch zusammen? Was verband sie außer fünfundzwanzig Jahren Vergangenheit, einem Familienstammbuch, einer gemeinsamen Hypothek und einem Kühlschrank, der abwechselnd befüllt und gemeinschaftlich geleert wurde?" (S. 273) 
Man könnte meinen, das wäre ja schon Einiges, aber nach postfeministischer Auffassung fehlt da wohl die knisternde Spannung, das Abenteuer. Obwohl Caroline Wert auf die Feststellung legt, dass sie und Philipp "[a]nders als viele Ehepaare, die auf die Silberhochzeit zusteuerten", immer noch Sex miteinander haben (S. 272). Aber wie dem auch sei: Das Eheversprechen als solches ist offenkundig nicht viel wert. Von wegen "in guten wie in schlechten Tagen". Man muss dem Partner jederzeit etwas bieten können, muss für ihn attraktiv bleiben, sonst verliert man ihn. So stellt Caroline schließlich fest: "Judith hatte recht: Es hatte eine Tür gegeben, die offen stand" (S. 309).

Hat Caroline an diesem Punkt also ihren Frieden mit Judith gemacht, ist sie umso empörter, als ihr Mann beteuert, "[d]as mit Judith" habe ihm "nichts bedeutet" und er sei "wohl in der Midlife-Crisis" (ebd.):
"Judith hatte die Verantwortung übernommen. [Hat sie? Muss ich wohl verpasst haben.] Caroline war dabei, den eigenen Anteil am privaten Desaster einzugestehen. Und ihr Ehemann berief sich auf Hormone, denen ein Mann nach den besten Jahren hilflos ausgeliefert sei. Wenn es wenigstens Liebe gewesen wäre. Etwas Großes. Eine Naturgewalt. Aber Philipp kam mit der Midlife-Crisis." (ebd.) 
Merke: Wenn schon betrogen werden, dann aus einem großen, tragischen Motiv heraus. Liebe als Naturgewalt, als Springflut, die alle Dämme fortreißt, das ist eine Vorstellung, mit der die postfeministischen Superweiber etwas anfangen können, dafür würden sie selbst ohne mit der Wimper zu zucken Mann, Kinder, Freundinnen und Bausparvertrag im Stich lassen. Aber doch nicht für so etwas Banales wie die Midlife-Crisis! (Die im Übrigen mit Hormonen überhaupt nichts zu tun hat. Andererseits: Wenn Hormone keine Naturgewalt sind, was denn dann? Aber lassen wir das.) Im Übrigen triggert Philipps armseliges Verhalten Carolines weibliche Solidarität mit Judith an: "Es gefiel ihr nicht, wie er über ihre Freundin redete. Als ob Judith nicht zählte" (ebd.). Es bleiben letztlich die postfeministischen Kernsätze: Männer sind Schweine, man kann nicht mit ihnen und nicht ohne sie leben, beim nächsten Mann wird (hoffentlich) alles anders, wahre Freundschaft gibt es nur unter Frauen... Äh, war da was...? Egal. 

Gesonderte Erwähnung verdient es, dass Caroline sich auf dem Höhepunkt der Infantilitätsphase ihrer Auseinandersetzung mit Judith - in Kapitel 68 - eine dramatische Verletzung zuzieht. Judith, der in Sachen Selbstinfantilisierung so leicht niemand etwas vormacht, will zum Zwecke der Wiedergutmachung Carolines Rucksack tragen [*], doch die verweigert das: "Judith war nicht nett, sie wollte nett gefunden werden" (S. 278). Beim nun folgenden Gerangel um den Rucksack stolpert und fällt Caroline und schürft sich das Knie auf. "Das Blut quoll unaufhörlich hervor, färbte die Hose vom Knie bis zum Unterschenkel" (ebd.). Nun könnte man sagen, der Unterschenkel fängt ja direkt unter dem Knie an, also ist "vom Knie bis zum Unterschenkel" keine allzu weite Strecke, ja im Grunde sogar gar keine; aber die Formulierung klingt doch eher nach einem total blutdurchtränkten Hosenbein. Womit Frau Peetz gewissermaßen anatomisches Neuland betritt, denn bei einer so stark blutenden Wunde müsste schon eine Hauptarterie verletzt sein. Mir wäre aber nicht bekannt, dass eine solche am Knie verläuft. Nur gut, dass eine kundige Ärztin zur Stelle ist - nämlich Eva.

Überhaupt ist es immer wieder Eva, die in dieser Phase der Romanhandlung sowohl Caroline als auch Judith zur Seite steht - mal beratend, mal ermahnend und zurechtweisend, mal tröstend. Als vierfache Mutter hat sie zweifellos Erfahrung in solchen Dingen. Aber genau da liegt auch schon wieder eine heimliche Tücke des Romans. Eva entpuppt sich immer deutlicher als die einzige der fünf Protagonistinnen, die gleichermaßen über gesunden Menschenverstand verfügt als auch das Herz am rechten Fleck hat - aber die Autorin kann es nicht lassen, sie aufgrund ebendieser Eigenschaften immer und immer wieder als "langweiliges Hausmütterchen" (S. 284) zu karikieren. Eine gute Ehefrau, gute Mutter und gute Freundin zu sein, mag ja gut und schön sein, aber als alleiniger oder hauptsächlicher Lebensinhalt ist das, der Weltanschauung des Postfeminismus zufolge, uncool. Das finden auch und sogar besonders diejenigen, die von diesen Eigenschaften Evas profitieren - also ihre in emotionale Katastrophen verstrickten Freundinnen. Und, ja, auch die Autorin. Die braucht einen Charakter wie Eva zwar dringend, um ihre verkorkste Geschichte zu einem halbwegs befriedigenden Abschluss zu bringen, aber wirklich leiden kann sie sie nicht. War Evas durch den Flirt mit Igor bzw. Jacques angestoßene Bekehrung zum postfeministischen "Selbstverwirklichungs"-Credo von vornherein nur halbherzig gewesen, so gewinnt, je näher man Lourdes kommt, die "Biederkeit" in ihr wieder die Oberhand - eben weil genau diese Züge Evas erzähltechnische Funktion ausmachen. Es ist nur allzu bezeichnend, dass die Autorin ihr nach Lourdes, als es nicht mehr darauf ankommt, eine postfeministische Radikalkur verpasst: Evas ganze Familie tanzt an, um sie aus Lourdes abzuholen, und zunächst freut sie sich und verlebt "einen großartigen Tag mit ihrer Familie" (S. 303). Aber dann merkt sie: Das ist eine Falle. Ihr Mann und ihre Kinder wollen sie nur wieder für sich vereinnahmen, wieder ins Joch des Hausfrauendaseins sperren.
"Sie fühlte sich wie eine Alkoholikerin, die soeben aus der Reha entlassen worden war und nun ängstlich jede Versuchung aus dem Weg räumte. Es war alles zu frisch. Zu neu. Die veränderte Eva viel zu zerbrechlich. Wenn sie jetzt mit nach Hause kam, würde in drei Tagen alles beim Alten sein." (S. 305) 
Und das kann ja niemand wollen! Also entschließt sich Eva spontan, nicht mit ihrer Familie nach Hause zurückzukehren, sondern weiterzupilgern - allein, und diesmal sogar auf dem richtigen Jakobsweg, nach Santiago de Compostela und, wie man am Schluss erfährt, noch darüber hinaus bis zum Kap Finisterre. Von dort kommt im letzten Kapitel "eine adrette, frisch aussehende Eva" (S. 314) zurück: "Mit dem modischen Mantel und ohne nachlässigen Pferdeschwanz wirkte sie zehn Jahre jünger. [...] Sie hatte kein Gramm abgenommen, aber sie versteckte ihre Rundungen nicht mehr" (S. 315). Und siehe da, die "neue Eva" plant sogar einen Wiedereinstieg ins Berufsleben! Zwar hat sie seit 15 Jahren keine Berufspraxis, keine Fortbildungen mitgemacht etc., aber was macht das schon, wenn man Beziehungen hat: "Die Ärztin, du weißt schon, mit der ich die letzten hundertzwanzig Kilometer gepilgert bin" (ebd.). Merke: Für Manche, wie Dominique, besiegelt das Pilgern den Ausstieg aus Karriere und bürgerlicher Existenz, aber das heißt nicht, dass man es nicht auch als Einstieg benutzen könnte. So geht Postfeminismus, Baby: Tout est possible, nur langweilig darf man nicht sein.

Doch noch einmal zurück zu Judith. Wir sind es aus den vorangegangenen Leseetappen bereits gewöhnt, dass die Fährnisse der Esoterik-Expertin unter den fünf Dienstagsfrauen stets deutlich religiös oder zumindest "spirituell" grundiert sind. Und dies gilt natürlich auch und erst recht, wenn es um Judiths Schuld geht. So wird ihr spiritueller Selbsterfahrungstrip nach Lourdes nachträglich zum Bußgang uminterpretiert: "Das ist die Schuld, Eva. Die Schuld, die ich hier ablaufe" (S. 259). Auch an die Begegnung mit dem "dämonische[n] Pilger" (S. 293) aus Kapitel 41 wird erneut erinnert: "Inzwischen hatte sie begriffen, dass sie keine Angst vor dem Pilger hatte, sondern vor ihren eigenen Geheimnissen" (S. 294). Nur steckt auch hier schon wieder ein Widerspruch. Wenn Judith sich - aus Angst "vor ihren eigenen Geheimnissen" - ihrer Schuld nicht gestellt hat, dann konnte die Pilgerreise nach Lourdes auch kein Bußgang sein. Tatsächlich haben wir es hier mit einem ganz zentralen Problem zu tun. "Ohne Beichte keine Erlösung", hatte der unheimliche Pilger Judith eingeschärft (S. 178); nun resümiert sie: "Sie hatte gebeichtet. Doch die Erlösung war nicht gekommen" (S. 294). Interessant. Hat sie gebeichtet? Nun gut, es ist nicht auszuschließen, dass sie zwischen der Ankunft in Lourdes und dem Besuch der Grotte einen Priester konsultiert hat, aber aller Wahrscheinlichkeit nach ist das so nicht gemeint. Sondern vielmehr, dass sie Caroline gegenüber "reinen Tisch gemacht" hat (S. 293). Aber das ist nicht nur formal keine Beichte, sondern auch von der geistigen Haltung her nicht. Denn wie wir oben gesehen haben, hat Judith Caroline gegenüber hauptsächlich darauf gesetzt, sich zu rechtfertigen - sich also zu ent-schuldigen in dem Sinne, dass sie ihre Schuld relativiert, anstatt sie vorbehaltlos anzuerkennen. So wird ihr natürlich keine "Absolution" (S. 286) zuteil. Ganz am Ende, nach Lourdes, findet Judith dann doch noch einen adäquaten Weg der Buße für ihre Verfehlungen - sie arbeitet mehrere Monate lang ehrenamtlich in Dominiques Krankenherberge -, und so wird dann schließlich auch alles gut, und Judith wird wieder in den Kreis der Dienstagsfrauen aufgenommen. Dennoch bleibt der Eindruck bestehen, dass nicht allein Judith, sondern auch die Autorin den Unterschied zwischen Selbstrechtfertigung und Bitte um Vergebung nicht verstanden hat (und viele Leser ihn ebenfalls nicht verstehen werden). Es scheint heutzutage ein verbreitetes, kaum hinterfragtes Verständnis von "Entschuldigung" zu sein, dass man Schuld, und damit auch die Verantwortung für sein eigenes Tun, tendenziell leugnet: Ich habe das eigentlich gar nicht gewollt, ich konnte nicht anders, ich bin da so reingerutscht ("hineingeschlittert, S. 264), ich hatte eine schwere Kindheit. Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen (Genesis 3,13). Man vergleiche dies mit der Haltung des Verlorenen Sohnes: "Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein" (Lukas 15,18f.). Diese Haltung besagt: Ich erkenne meine Schuld an, ich weiß, dass ich keine Vergebung verdiene, ich kann nur um sie bitten. Wie ich schon an anderer Stelle schrieb: Das Bedürfnis, die eigene Schuld zu relativieren oder zu leugnen, ist eine natürliche, vielleicht unvermeidliche Konsequenz, wenn man an die Möglichkeit unverdienter Vergebung, also Gnade, nicht glaubt. "Solche Zweifel", sagte Pater Jacek Mleczko einmal bei einer Predigt in der Herz-Jesu-Kirche in Prenzlauer Berg, "kommen vom Teufel."

Nun, gegen die Macht des Teufels haben wir Katholiken ja eine mächtige Fürsprecherin in Gestalt der Allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria, auf deren "Territorium", wenn man so will, sich die Romanhandlung mehr und mehr zubewegt. Nur sind die Dienstagsfrauen eben nicht katholisch - bis auf Eva, die, als sie in Kapitel 60 vor Sorge nicht schlafen kann, im Lourdes-Magazin liest:
"Die Zeitschrift für Wallfahrende des dritten Jahrtausends hatte nur ein Thema. Das historische Lourdes zu Zeiten der Erscheinungen, die Visionen der Bernadette, Wunderheilungen und Pilgerströme. [...] Eva zweifelte keine Sekunde daran, dass die Geschichte sich so zugetragen haben musste. Warum sollte das Mädchen die Unwahrheit sagen? Wer sollte ihr den komplizierten Satz der sechzehnten Erscheinung eingeflüstert haben: 'Que soy era Immaculada Councepciou'. So was dachte sich kein ungebildetes Arbeiterkind aus. Das Wasser von Lourdes hatte Menschen geheilt. An Leib und Seele. Die Magie [!] des Ortes würde ihre Herzen erreichen. Hoffte sie." (S. 244) 
Es ist der Autorin leider zuzutrauen, dass sie mit dieser Passage lediglich die Naivität der biederen Eva illustrieren will. Jedenfalls gibt es schon auf der nächsten Seite einen nahezu blasphemischen Kontrapunkt zu diesen Betrachtungen:
"Im Türrahmen stand eine mysteriöse Dame. Sie trug ein weißes Kleid und einen weißen Schleier. Das flatternde Gewand war in der Taille mit einem Gürtel festgezurrt.
'Ich bin's', flüsterte die Mariengestalt. Das klang eher nach Judith als nach der unbefleckten Empfängnis. Sie war in ein weißes Bettlaken gehüllt. [...]
'Ich dachte, ich hätte eine Erscheinung', empörte sich Eva. 'Tu das nie wieder.'" (S. 245) 
Einen besonders bemerkenswerten "Draht" zur heiligen Jungfrau entwickelt jedoch ausgerechnet die kühle, nüchterne, religiös unmusikalische Caroline. Das hatte sich gegen Ende der dritten Leseetappe, bei der Marienprozession in Les Angles, bereits angekündigt und setzt sich nun fort. "Nur eine verwitterte Mariengestalt aus Stein war Zeuge ihrer Verwirrung", heißt es auf S. 240, und diese Marienstatue ist es auch, die Caroline dazu veranlasst, ihren Anwaltskollegen anzurufen: "Die Mariengestalt nickte ihr beinahe unmerklich zu. Caroline beschloss, dass es egal war, ob es eine banale Lichtreflexion oder reine Einbildung war. Die Frau aus Stein hatte recht" (S. 241). Als Caroline, nachdem sie die Nummer bereits gewählt hat, doch wieder Zweifel bekommt, heißt es fast trotzig: "Caroline bemühte sich, nicht in Richtung Maria zu sehen. Sie brauchte kein göttliches Zeichen, um zu wissen, dass es richtig war, sich und anderen Fragen zu stellen" (S. 242). Weitere übernatürliche Erscheinungen bleiben zunächst aus; aber das ist im Grunde nicht schlimm, da es bereits feststeht, dass die Dienstagsfrauen zum Abschluss ihrer Reise ein Date mit der Allerseligsten Gottesmutter haben:
"Sie würden bei der allabendlichen Lichterprozession im Wallfahrtsbezirk ihrem Pilgerweg ein feierliches Ende setzen. 'Ihr sollt in Prozessionen kommen', hatte Maria durch Bernadette wissen lassen. Und die Dienstagsfrauen würden kommen." (S. 289) 
Der Eindruck, den der Wallfahrtsort auf Carolines Freundinnen macht, ist allerdings ausgesprochen gemischt. Für Lästerzunge Estelle ist Lourdes schlicht das "Disneyland der Katholiken" (S. 290) - eine Einschätzung, die durch allerlei erwartbare Schilderungen von Devotionalienkitsch und Kommerz untermauert wird. Zudem fühlt Estelle sich durch den Anblick der zahlreichen schwer kranken bzw. behinderten Pilger unangenehm berührt: "Man fühlt sich fast schon schuldig, wenn man nicht wenigstens am Stock geht" (S. 292). Küken Kiki fragt ihren Stecher Max unschlüssig: "Sollen wir das heilige Wasser holen?", und der erwidert flapsig: "Du fragst einen Atheisten. Im Flugzeug glaube ich an Gott. Nach der Landung erheblich weniger." Worauf Kiki salomonisch beschließt: "Wenn es nicht hilft, schaden kann es auch nicht" (S. 291). Eine populäre Einstellung, zweifellos, aber sogar Judith bemerkt, dass das Quatsch ist. Die weiß nämlich, dass Wunder nur dem begegnen, der an sie glaubt. In der Grotte von Lourdes trifft sie ein schwerbehindertes Mädchen und dessen Eltern wieder, denen sie schon in Dominiques Pilgerherberge begegnet war - und stellt fest:
"Das Ehepaar wirkte ganz anders als vor ein paar Tagen [...]. Das Graue war aus ihren Gesichtern verschwunden. Sie sahen entspannt aus, beinahe fröhlich. Der Gesundheitszustand des Kindes hatte sich kein bisschen verändert. Und trotzdem wirkten ihre Mienen heller." (S. 295) 
Ein 'Wunder light' also, keine spektakuläre Krankenheilung, aber irgendwie besser geht's den Eltern eben doch, wenn schon nicht dem kranken Kind. - Unmittelbar zuvor hatte Judith sich noch gefragt,
"warum Maria sie nach Lourdes geholt hatte. Maria, die aus ihrer Nische in der Felswand auf Wallfahrer und schaulustige Touristen herabsah, blieb stumm, so wie sie den ganzen Weg stumm geblieben war. Die spirituelle Erhebung des Pilgers blieb ihr auch in der Grotte von Lourdes versagt." (S. 294) 
Nicht so Caroline:
"Caroline war ergriffen von dem zarten Marienlied, das aus den Lautsprechern klang. [...] Das verhaltene Marienlied schwoll an zu einem mächtigen Chor [...]. Beim Refrain reckten sich die abertausend Kerzen [...] in den sternenlosen Abendhimmel.
Caroline verschmolz im Lichtermeer der Kerzen und in dem Lied, das sie warm umfing. Sie konnte es nicht verleugnen: Sie, die nie hatte pilgern wollen und die mit dem Katholizismus nichts am Hut hatte, war ergriffen von der Stimmung des Abends und der Magie [!] des Platzes um die große Basilika. [...]
Und da war wieder die Mariengestalt, die durch die Menge getragen wurde. Und diesmal schien sie Caroline offen zuzulächeln. Tränen liefen über Carolines Gesicht. [...] Sie weinte und lachte gleichzeitig.
Es war egal, was an der Geschichte von den Visionen der Bernadette stimmt. Es war egal, was die Souvenirgeschäfte um den heiligen Bezirk aus Bernadette und Maria machten. Das, was sie an diesem Abend auf dem Platz erlebte, hatte seine eigene Wahrhaftigkeit. Hier ging es nicht um unverständliche Dogmen und spektakuläre Heilungen. Hier ging es um die kleinen Gesten der Menschlichkeit. [...] Vielleicht waren das die wirklichen Wunder, die man mit nach Hause trug." (S. 297f.) 
Tja - alte Fußballerweisheit: Was zählt, is' auf'm Platz. Dogmen, Wunder, was soll's: Das Erlebnis ist entscheidend. Deswegen nimmt Caroline aus Lourdes als "wichtigste[s] Mitbringsel" "eine hölzerne Marienstatue" mit nach Hause,
"wie sie in Lourdes tausendfach und billig zu kaufen war. Massenware made in Fernost. Und doch ging ein magischer [!] Glanz von ihr aus, der das dunkle Zimmer erhellte. Beweisbar war das nicht. Aber das war Caroline denkbar egal. Maria hatte sich in ihre Biografie eingeschrieben. Und dafür musste sie weder glauben noch katholisch sein." (S. 310) 
Nun ja: Mit "weder...noch..." bezeichnet man eigentlich Gegensätze, aber ich will Frau Peetz hier nicht unterstellen, dass sie "glauben" und "katholisch sein" tatsächlich als Gegensätze sieht. Ich unterstelle vielmehr, dass sie eigentlich meinte "dafür musste sie nicht glauben, geschweige denn katholisch sein". Aber dass ihr für solche sprachlichen Feinheiten das Gespür fehlt, hat sie ja schon vielfach bewiesen. Weiterhin unterstelle ich, dass die Ironie, die darin liegt, dass Caroline ihre persönliche, auf den individuellen Bedarf zugeschnittene Do-It-Yourself-Alltagsspiritualität mit Hilfe von "Massenware made in Fernost" verwirklicht, der Autorin komplett entgangen ist. In der Welt der Dienstagsfrauen kommt es schließlich nicht darauf an, woran man glaubt; Hauptsache, es bringt ein bisschen "Magie" in ein ansonsten dunkles Zimmer. Oder Leben.

-- Was soll man nun abschließend zu diesem Buch sagen? Es ist grottenschlecht geschrieben, sprachlich wie auch erzähltechnisch; es offenbart eine abscheuliche Gesinnung, eine tief verwurzelte Feindschaft gegenüber dem gesunden Menschenverstand sowie einen völligen Mangel an Verständnis für den katholischen Glauben oder für Religion im Allgemeinen. Es ist ein Fall für die Altpapiertonne. Und ich werde ganz gewiss kein weiteres dieser Autorin lesen.



[* Immerhin scheint sich Judith hier an ihren katholischen Religionsunterricht zu erinnern, den sie, obwohl konfessionslos, zwangsweise mitmachen musste (wie man auf S. 174 erfahren hat). Für jemand anderen den Rucksack zu tragen wird nämlich in einer Geschichte des für die Erstkommunionkatechese konzipierten Kinderbuchs "Fromme Geschichten für kleine Leute" von Josef Quadflieg, Düsseldorf 1956, als Bußübung erwähnt.] 

Kommentare:

  1. Ich bin froh um jedes Buch, das zu lesen ich nicht einmal wünschen kann; mein virtueller Bücherstapel (also die Bücher, von denen ich finde, ich müßte sie endlich lesen, dazu aber erst einmal kaufen) ist schon turmhoch.

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  2. Das Grauenvollste, was Du jemans geschrieben hast. Viel zu lang, viel zu traumatisch.

    Vorsatzvorschlag für's neue Jahr: die "Dienstagsfrauen" in gerechter... ähhhh .... Guter Sprache umschreiben und verlegen. Das wird der Knaller!

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