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Dienstag, 15. September 2015

Das Dienstagsgrauen III - Von Sch(m)erzpunkten und Kraft(w)orten

Der Ökumenische Pilgerweg für Klimagerechtigkeit, den ich in meinem letzten Beitrag am Wickel hatte, war zwei Tage später auch Thema bei katholisch.de - und hat mich daran erinnert, dass ich meinen Lesern noch die Fortsetzung meiner Rezension von Monika Peetz' Roman Die Dienstagsfrauen schuldig bin. Ich habe das Buch längst ausgelesen und habe mir gleich darauf einen weiteren postfeministischen Frauenroman vorgeknöpft, der auf dem Jakobsweg - diesmal sogar auf dem richtigen - spielt; blogtechnisch haben sich bei mir aber in den letzten Wochen andere Themen vorgedrängt, da kommt der aktuelle Anlass des gerade begonnenen Klimapilgerns gerade recht, um sich wieder auf die fünf Freundinnen aus Monika Peetz' Bestseller zu besinnen. Denn auch wenn deren Pilgertour weniger mit dem Klima als mit dem Klimakterium zu tun hat, ergeben sich doch gewisse Parallelen. Hier wie dort vermittelt sich die Botschaft: Pilgern ist alles, was sich so nennt - auch wenn es zu pilgerfremden Zwecken unternommen wird und das irgendwie spirituelle Element darin weniger genuin christlich als esoterisch-naturreligiös-pantheistisch gefärbt ist. Jedenfalls hat der Artikel auf katholisch.de meinen Verdacht, dass Letzteres auch beim Kimapilgern der Fall ist, entschieden erhärtet: 
"Auf dem Weg werden die Teilnehmer an sogenannte Schmerzpunkte gelangen. Dort wollen die Initiatoren auf Klima-Ungerechtigkeit aufmerksam machen. So wird das Braunkohleabbaugebiet im nordrheinischen Inden besucht, die Gruppe kommt an Flughäfen vorbei und macht einen Abstecher beim Opel-Werk in Rüsselsheim." 
Aber auf dem Pilgerweg liegen nicht nur Schmerzpunkte, sondern auch Kraftorte
"Die Pilger kommen an Solaranlagen vorbei, besuchen ökologische Landwirtschaftsbetriebe und werden etwas über Geothermie am Osnabrücker Dom erfahren." 
Na wie schön. In meiner dritten Leseetappe der Dienstagsfrauen - die ich, wie schon die beiden vorangegangenen, wieder auf rund 80 Seiten angelegt hatte - gelangen auch die Roman-Protagonistinnen an ihre jeweils ganz persönlichen Schmerzpunkte; die meisten Schmerzpunkte hält das Buch allerdings für den Leser bereit, aber zum Ausgleich dafür habe ich mich bemüht, auch die dazwischen verborgenen Scherzpunkte ausfindig zu machen. Lustig sind die zwar meist nur im Sinne von "Humor ist, wenn man trotzdem lacht"; aber das ist immer noch besser als nichts. 

Wir erinnern uns: Gegen Ende der letzten Leseetappe hatte sich Fräulein Eva, der Schwarm der Soldaten, von Igor - äh nein: Jacques - in die Auberge de la Paix entführen lassen; ebendort finden sich alsbald auch die vier anderen Freundinnen ein, und in deren Schlepptau Max, der verschmähte Jung-Lover von Dienstagsküken Kiki. Es liegt jedoch auf der Hand, dass vorerst weiterhin Eva im Mittelpunkt des Interesses steht. 

Zu Hause in Köln ist Eva ja glücklich verheiratet und geht gänzlich in ihrer Rolle als Hausfrau und vierfache Mutter auf; aber so etwas passt natürlich herzlich schlecht ins postfeministische Weltbild, und so erlebt der Leser in der ersten Hälfte der dritten Leseetappe "die Verwandlung von Eva" (S. 171; man beachte den Peetz-typischen Vonitiv). In der Auberge de la Paix lässt "der Mann neben ihr" - also Igor bzw. Jacques - Eva temporär "alles vergessen [...], was ihr Leben ausmachte": "Heute war sie dran" (S. 169). Merke: Zum postfeministischen Wellness-Komplettpaket gehört neben einem guten, "kalorientechnisch ganz und gar unverantwortlich[en]" Essen (ebd.) eben auch ein Mann, der "keinen Hehl daraus [macht], dass er Eva attraktiv [findet]" (S. 182). Als der Tag sich neigt, sinniert Eva darüber, dass sie und Jacques "den ganzen Tag [...] miteinander gekocht, gelacht und geflirtet" haben, und ist selbst beinahe schockiert, "dass sie hier in Frankreich stand und kein bisschen an Frido dachte" (ebd.) - eine etwas widersinnige Feststellung, denn genau in diesem Moment denkt sie ja eben doch an ihren Mann. So kommt es, dass Jacques, als unter den Pilgern in der Herberge der "Kampf ums beste Bett" (S. 179) ausbricht, vergeblich darauf hofft, Eva in das seine locken zu können: "Sein Interesse schmeichelte Eva. Und doch war eine Urlaubsaffäre das Letzte, was sie suchte. Sie wusste, wo sie hingehörte. Zu Frido, zu ihren Kindern" (S. 183). Das Maß der körperlichen Intimität zwischen Eva und Jacques geht folglich über einen mittelmäßig keuschen Gutenachtkuss (S. 184) nicht hinaus: "[N]icht jede Liebe musste man leben. Man konnte sie still im Herzen bewahren. Dort, wo sie kein Unheil anrichtete" (S. 183). 

Lassen wir das mal einen Moment lang sacken. Der Aussage, was man im Herzen bewahre, richte kein Unheil an, würde ein gewisser Jesus zwar widersprechen, aber man kann nicht erwarten, dass das die Dienstagsfrauen groß bekümmert, auch wenn Eva - als einzige der fünf Freundinnen - katholisch ist. Begnügen wir uns mit der Feststellung, dass die Autorin das Erwachen von Evas innerem Superweib, das bislang unter der Schale der biederen Hausfrau und Mutter schlummerte, in einem moralischen Kompromiss enden lässt, indem sie sich darauf beschränkt, Eva im Herzen Ehebruch begehen zu lassen. Aber das zumindest ist unverzichtbar für Evas "Emanzipation" im postfeministischen Sinne. Die belebende Wirkung, die dieses Abenteuer auf sie hat, ist unverkennbar: "[Z]um ersten Mal seit Jahren spüre ich mich wieder", bekennt sie (S. 194). Es fällt der Autorin nicht im Entferntesten ein, es sonderbar zu finden, dass Eva sich ausgerechnet beim Pilgern zum postfeministischen Credo "Man muss auch mal egoistisch sein" bekehrt; im Gegenteil: "Der heilige Jacques hat mich gerettet", haucht Eva (S. 183), und ihrer esoterik-affinen Freundin Judith schwärmt sie vor: "Das ist, was der Weg mit einem macht [...]. Selbst alltägliche Begegnungen bekommen etwas Magisches" (S. 182). 

Solcherart verwandelt, kann Eva auch ihrer Freundin Kiki gute Ratschläge geben, die mit ihren Gefühlen für Max hadert. "Willst du so enden wie ich?", fragt sie sie. "Mein Leben ist eine Ansammlung von Hättichnurs. [...] Trotz Frido nach Paris gehen, als Ärztin arbeiten, Frido am Haushalt beteiligen, ein eigenes Zimmer einfordern, den Kühlschrank in Ruhe lassen" (S. 208). Auf Kikis schnippische Erwiderung "Vielleicht brauchst du einen Liebhaber, Eva" (S. 209) erwidert sie jedoch: "Ich liebe Frido. Er ist die beste Entscheidung, die ich je gefällt habe." (Lassen wir uns diesen Satz mal kurz auf der Zunge zergehen. Frido ist eine Entscheidung, und Eva hat ihn gefällt.) "Es geht um das, was ich daraus gemacht habe. Ich brauche keinen Liebhaber. Aber vielleicht könnte ich anfangen, wieder Französisch zu lernen. Oder etwas anderes. Nur für mich" (ebd.). - Man sieht, aus dem Widerspruch zwischen "Ich liebe meine Familie und bin gerne Ehefrau und Mutter" und "Mein Leben ist verpfuscht", in den sie die Figur Eva hineinmanövriert hat, kommt die Autorin nicht mehr raus; am Ende bleibt nur noch die Volkshochschule als Hilfsschule der Selbstverwirklichung.

Kiki jedenfalls lässt sich nicht so leicht überzeugen, Max eine Chance zu geben, sondern bleibt zunächst dabei, ihn angestrengt zu ignorieren - "Kiki negierte (!) Max, so gut es ging", heißt es auf S. 169; der Gebrauch von Fremdwörtern will eben auch gelernt sein. Nach und nach gerät die Front der Abweisung zwar ins Bröckeln, aber wenn die beiden mal miteinander reden, dann kommt in der Regel Streit dabei heraus. "Ich kann nicht mit dir alt werden", hält Kiki Max vor. "Ich bin schon alt!" (S. 205) Wir erinnern uns: Kiki ist Mitte 30. - Zur entscheidenden Annäherung kommt es jedenfalls erst gegen Ende der dritten Leseetappe während des Aufenthalts in, wie sollte es anders sein, einem Kloster.
"Normalerweise beherbergte das Kloster weder Touristen noch Pilger, aber für die sechs durchgefrorenen Gestalten, die am späten Nachmittag schlotternd an der Pforte von St. Martin standen, hatte der Abt eine Ausnahme gemacht.
Sie hatten heißen Tee genossen und süßen Marmorkuchen. Die Schuhe waren mit christlicher Erbauungsliteratur ausgestopft" - 
- was dem Leser Zweierlei nahelegt: a) für was anderes ist christliche Erbauungsliteratur nicht gut und b) Zeitungen oder sonstige profane Druckerzeugnisse gibt es in einem Kloster nicht -
"und trockneten an einem bollernden Kachelofen in der Küche. Die heiße Dusche spülte den letzte Morast von den müden Gliedern. Kiki war eine der Letzten, die unter die Dusche schlüpfte. Es störte sie nicht, dass es auch hier nur Nasszellen gab, die notdürftig durch halbhohe Wände getrennt waren." 
Hier soll der Leser sich vorstellen, wie die sexuell ausgehungerten Mönche die schöne Kiki geifernd beim Duschen beobachten. Aber es kommt anders. 
"Ihr war es egal, dass neben ihr die Dusche anging. Bis ein eigentümlicher Duft aus der Nebenzelle zu ihr herüberzog. Ein herbes Duschgel, das ihr nur zu vertraut war." 
(Und Mönche benutzen so etwas natürlich nicht.)
"Ein verstohlener Blick unter der Trennwand hindurch zeigte, dass ihre Nase sie nicht getrogen hatte. In der Duschkabine nebenan lief Schaum um große nackte Männerfüße."
(Während Mönche selbstverständlich mit Sandalen duschen.)
"Kein Zweifel möglich: Max duschte neben ihr. Das war pure Absicht, da konnte er noch so unschuldig vor sich hin summen." (S. 229) 
Kiki ergreift also die Flucht - nur in ein Handtuch gehüllt. Und das in einem Kloster. Uiuiui, Herr von Bödefeld. Wäre natürlich halb so dramatisch, wenn sie rasch in ihrem Zimmer verschwinden könnte, aber nix da: "[D]as Zimmer, das sie mit Judith teilte, war verschlossen" (S. 230). So kann es nicht ausbleiben, dass Kiki in ihrem kaum bekleideten Zustand erneut auf Max trifft - und zwar "in einem imposanten Klostergang, der von Rundbögen getragen wurde" (S. 237). Wie soll man sich das vorstellen, von Rundbögen getragen? Heißt das, die Rundbögen sind unter dem Gang? Kann nicht sein, der Gang liegt ausdrücklich im Erdgeschoss. Na gut, darunter sind noch Kellergewölbe, die "ihre ewige Kälte direkt an den Erdgeschossboden" abgeben (ebd.) - weshalb Kiki friert, was Max zu einem Versuch nutzt, sie in sein Zimmer zu locken.
"Die Mönche, auf dem Weg zur letzten Messe des Tages" - 
- wie viele Messen werden in so einem Kloster wohl pro Tag gelesen? Oder meint die Autorin das Stundengebet? -
"verdrehten ihre Köpfe. Eine Frau, nur mit einem Handtuch bekleidet, und ein viel zu junger Mann, der um sie warb, das erlebten sie wahrlich nicht alle Tage in ihren heiligen Hallen. Sie schlurften extralangsam über die Klostergänge." (S. 237f.) 
Und damit die ollen Lustmolche auch richtig was zu sehen kriegen, kommt es, wie es kommen muss:
"Kiki tippelte in Richtung Max und trat dabei auf das Handtuch, das postwendend zu Boden ging." (S. 238). 
Also, Frau Peetz, bitte mal zur Regie. Wenn Kiki es hinkriegt, auf das Handtuch zu treten, mit dem sie ihre Blößen bedeckt, dann heißt das, dass das Handtuch in etwa bis zum Boden reicht. Das hatten wir uns aber anders vorgestellt! Um des kurzfristigen Effekts der spontanen Totalentblößung willen ruiniert die Autorin die zuvor aufgebaute erotische Spannung, die auf der Vorstellung basierte, Kiki irre halb nackt durch die Klostergänge. Weitaus gravierender ist, dass sie denselben Fauxpas auch in Hinblick auf das begeht, was doch eigentlich - auch wenn man es zwischenzeitlich fast vergessen könnte - der zentrale Punkt der ganzen Romanhandlung sein sollte: Das Geheimnis von Arne.

Zugegeben, jetzt greife ich mir vor, denn die Auflösung dieses Geheimnisses fällt natürlich erst in die vierte und letzte Leseetappe. Aber ganz am Anfang der dritten gibt es bereits eine massive Vorausdeutung - die man an dieser Stelle freilich noch nicht deuten kann und auch noch gar nicht deuten können soll. Caroline, die Kluge unter den fünf Freundinnen, telefoniert nämlich mit ihrem Mann Philipp, der während der "terminale[n] Krankheit von Arne" (S. 165; oh, dieser Vonitiv!) dessen behandelnder Arzt war, und hofft, von ihm etwas über den Verstorbenen zu erfahren, was sie noch nicht weiß. Aber Philipp ist sonderbar auskunftsunwillig und beruft sich seiner eigenen Frau gegenüber sogar auf seine Schweigepflicht (S. 162: "Caroline konnte es nicht fassen. Tausendmal hatte sie das Argument im Berufsleben gehört. Von Ärzten, die sie zu einer Aussage bewegen wollte, von gegnerischen Anwälten, von Priestern [!]. Aber nicht von ihrem eigenen Mann"). Garniert ist dieses scheinbar ergebnislose Telefonat mit Reflexionen Carolines über das Verhältnis zwischen Philipp und Arne, die Andeutungen enthalten, die für den Leser erst sehr viel später verständlich werden; und abschließend heißt es:
"In der Rückschau würde sie begreifen, dass das merkwürdige Gespräch mit Philipp ein wichtiges Puzzlestückchen lieferte. Noch wollte es sich nicht mit den anderen Puzzlestückchen zu einem Bild zusammensetzen. Das Teil lag isoliert, am falschen Ende. Noch." (S. 167) 
Tja: In der Rückschau wird es auch der Leser begreifen, aber erst dann. Und zwar deshalb, weil die Lösung so abwegig ist, dass man da gar nicht drauf kommen kann. Das ist, um bei der Puzzleteil-Metaphorik zu bleiben, in etwa so, wie wenn das Einsetzen des letzten Puzzleteils einem schlagartig vor Augen führt, dass das Puzzle ein völlig anderes Bild zeigt, als man die ganze Zeit gedacht hat. Aber dazu später.

Immerhin macht in diesem dritten Lektüreabschnitt die Aufdeckung des Geheimnisses, das das Tagebuch von Arne umgibt, schon mal ein paar Fortschritte - was vor allem Estelle zu verdanken ist, die übrigens mit ihrem unverwüstlichen Sarkasmus die weitaus meisten Scherzpunkte zum Roman beiträgt und so dem geplagten Leser mehr und mehr ans Herz wächst. Während des Essens in der Auberge de la Paix starrt Estelle "wie die Schlange auf das Kaninchen" auf den "offenen Rucksack von Judith" (Vonitiv!), in dem "obenauf das Tagebuch" liegt (S. 169); aber erst in der Nacht gelingt es ihr, der schlafenden Judith das Tagebuch zu entwenden. Und sie ist es auch, die bei der Lektüre von Arnes Pilgernotizen die entscheidende Entdeckung macht - und sie brühwarm, mitten in der Nacht, Caroline mitteilt: "Arne hat abgeschrieben! [...] Dieser Text ist identisch mit einer meiner Restaurantkritiken aus dem Internet. [...] Die Geschichte mit den Mönchen, die ihn mit offenen Armen empfangen haben: alles abgekupfert. Arne Nowak hat sich sein Tagebuch zusammengeklaut." (S. 190)

Stellen wir die diversen Fragen, die sich aus dieser Entdeckung ergeben, erst einmal zurück und fragen uns stattdessen: Kann es sein, dass Arnes aus fremden Quellen zusammengestückeltes Tagebuch gewissermaßen eine Metapher für das vorliegende Buch selbst, also für den Roman Die Dienstagsfrauen - dessen Autorin ihr Wissen über den Jakobsweg (oder Lourdes, for that matter) ja ebenfalls größtenteils aus zweiter Hand zu haben scheint - darstellt? Eine spätere Episode, in der Tausendsassa Max den Dienstagsfrauen das Speerfischen beibringt, scheint diese Lesart zu stützen: Auf Estelles Frage "Wo hast du das gelernt?" erwidert Max unbekümmert: "Nirgendwo. Alles angelesen. Bei Karl May" (S. 201). - Als ich bei meiner Erstlektüre an dieser Stelle angelangt war, hätte ich beinahe das Buch fallen gelassen: Hatte ich nicht in der vorigen Leseetappe eine Parallele zu Karl May gezogen? Und jetzt zieht die Autorin diese Parallele selbst - bzw. legt sie wiederum Estelle in den Mund:
"Karl May? [...] Der hat doch nur so getan, als hätte er seine Abenteuer selbst erlebt. Der hat alles erfunden, was in seinen Büchern steht" (ebd.) - 
- und das meint Estelle ganz dezidiert als Anspielung auf Arnes Tagebuch, auch Caroline versteht es so. (Die anderen Protagonistinnen ahnen zu diesem Zeitpunkt noch nichts von der nächtlichen Entdeckung ihrer Freundinnen.)

So oder so bleibt die Frage, warum Arne sich solche Mühe macht, ein Tagebuch zu fingieren, wenn dieses eigentlich gar niemand lesen soll: Selbst Judith, die es hütet wie ihren Augapfel (wenn sie nicht gerade schläft), hat es im Grunde gegen Arnes Willen in die Hände bekommen, ja, Arne hat noch auf dem Sterbebett darüber nachgedacht, wie er verhindern könnte, dass sie es liest. Wozu dann der ganze Aufwand? Darauf gibt der Roman keine Antwort, aber klar ist: Arne hatte etwas zu verbergen. Bei dem Ausmaß an Heimlichtuerei, das die Angelegenheit umgibt, könnte man fast auf die Idee kommen, Arne hätte in den Zeiträumen, in denen er vorgeblich gepilgert ist, als Kopf einer Schleuserbande Flüchtlinge ins Land geschafft und zur Sklavenarbeit auf französischen Gemüseplantagen weitervermittelt - was zumindest der Begegnung der Dienstagsfrauen mit den frommen Landarbeiterinnen "mit Migrationshintergrund" am Ende von Leseetappe 2 einen tieferen Sinn verleihen würde.

Für die weitere Handlung bedeutender als alles, was Arne aus fremden Quellen in sein Pilgertagebuch übertragen hat, ist allemal ein "Schmierzettel", den Estelle in "einer versteckten Lasche im Deckel des Tagebuchs" (S. 191; Houston, wir haben einen Genitiv!) findet; dieser Zettel trägt die Botschaft:
"Lieber Arne, Samu kommt um 17.00 Uhr aus Angles. D." (ebd.) 
"Angles ist kurz vor Lourdes [...]. Zwei Tagestouren von hier", weiß Estelle (ebd.). Nun gut, der Ort heißt eigentlich Les Angles ("Die Engel") und ist ein (immerhin malerisches) Kaff mit 125 Einwohnern, aber ansonsten stimmt alles. Die Freundinnen folgern, dass sie "Samu" und/oder "D." finden müssen, um hinter das Geheimnis von Arne zu kommen; just als sie Les Angles erreichen, hat Caroline die Eingebung, dass "Samu" - nach der Abkürzung S.A.M.U., "Service d'Aide Médicale d'Urgence" - ein umgangssprachliches Kurzwort für "Sanitäter" ist (S. 212), und tatsächlich trifft sie am Ort einen Sanitäter, der auch tatsächlich der Gesuchte ist. "Samu" ist wenig auskunftsfreudig, lässt sich aber die Aussage entlocken, dass Arne "seinen Urlaub bei Dominique [verbrachte]. So wie immer" (S. 217). Dominique ist also offenbar "D.", und da Caroline hartnäckig bleibt, rückt "Samu" schließlich sogar Dominiques Adresse heraus. - Obwohl "Dominique [...] genauso gut ein Männername sein" kann (S. 225), gehen die Mutmaßungen der Freundinnen infolge dieser Entdeckung vorzugsweise dahin, Arne habe eine Affäre gehabt: "Vielleicht hatte Arne eine zweite Familie, Kinder, ein mysteriöses Doppelleben", meint Estelle (S. 224). Als Caroline schließlich Judith von den Ergebnissen ihrer Nachforschungen informiert, bekommt diese einen Tobsuchtsanfall und hält Caroline vor: "An deiner Stelle würde ich mir lieber Gedanken über deine eigene Ehe machen" (S. 235). Gleich darauf scheint Judith "selbst entsetzt über das, was ihr rausgerutscht war" (ebd.); Caroline jedoch ist tief verunsichert und ruft einen Anwaltskollegen an, der über 200 Seiten zuvor ebenfalls kryptische Andeutungen über den Zustand ihrer Ehe hatte fallen lassen. Vom Inhalt dieses Telefonats erfährt der Leser vorerst nichts; und das nicht nur deshalb, weil an dieser Stelle die dritte Leseetappe endet.

Eng verknüpft mit dem Handlungsstrang um das Geheimnis von Arne sind die unvermeidlichen religiösen Einsprengsel der Romanhandlung. Das zumindest ist durchaus konsequent, schließlich hatte Arnes ausgeprägter Sinn für "Spiritualität" (in allen möglichen Erscheinungsformen) eine so wichtige Rolle in seiner Beziehung zu Judith gespielt und ist ja - auch wenn man das zwischendurch mal vergessen könnte - letztlich auch der Anlass dafür gewesen, dass die fünf Frauen sich jetzt auf dem Weg nach Lourdes befinden. Caroline etwa will ab einem bestimmten Punkt der Wanderung nur noch "[b]is Lourdes laufen, die Kerze von Arne" - handelt es sich nicht eigentlich eher um eine Kerze für Arne?- "bei der Grotte postieren und alles vergessen" (S. 202); nicht ganz unbegründet hält Judith Caroline vor: "Du hast Arne nie gemocht. Weil er nicht in dein rationales Weltbild passte" (S. 234); Caroline wiederum reflektiert darüber, dass ihr Mann Philipp "mit Arnes nebulösen Ideen über Gott, die Welt und alles, was dazwischen schwebte" (S. 166), nie viel anfangen konnte.

Der Leser hingegen muss es. Zu dem ganzen handelsüblichen Esoterik-Klumpatsch über die "Magie des Weges" und spirituelle Selbsterfahrung habe ich mich weiter oben und vor allem auch in den beiden Vorgänger-Artikeln bereits geäußert; aber es ist eine interessante Beobachtung, dass, je mehr man sich Lourdes nähert, der Katholizismus mehr und mehr die Oberhand gegenüber Yoga, Tantra und Vogelstimmendeutung gewinnt. Was nicht bedeutet, dass der Katholizismus etwa positiver dargestellt würde als zuvor.

Abgesehen von ein paar mehr oder weniger doofen Bemerkungen am Wegesrand wie "Petrus hatte sich gegen sie verschworen" (S. 223) als Kommentar zu einem Gewitter (anspielend auf den Volksglauben, der Hl. Petrus sei, da er die Schlüssel des Himmelreiches in Verwahrung hat, auch dafür verantwortlich, ob und wann es regnet - aber wie kann eine einzelne Person sich "verschwören"?) oder der Feststellung, Judith bewache Arnes Tagebuch, "als sei es der Heilige Gral" (S. 169), sind hier vor allem zwei längere Passagen von Interesse: ein Besuch Judiths in einer Kapelle unweit der Auberge de la Paix (Kapitel 41, S. 173-178) und die Marienprozession in Les Angles (Kapitel 50, S. 211-213, und 52, S. 217-220).
"Judith hatte es sich [...] zur Gewohnheit gemacht, am Abend gemeinsam mit Eva die lokale Kirche aufzusuchen. Für sie [!] gehörte das zu einem Pilgerweg dazu. Arne hatte es so gehalten und Judith wollte es ihm gleichtun. [...] Dabei war Judith nicht katholisch. Nie gewesen. Sie beneidete Eva um ihren fraglosen, selbstverständlichen Glauben, der sie trug. Sie selbst fühlte sich eher spirituell als religiös. Spirituell und suchend." (S. 173f.) 
Gähn. - In der Kapelle nahe der Auberge de la Paix empfängt Judith der "monotone Singsang einer französischen Pilgergruppe", die, wie es das Klischee will, "[o]hne jede Betonung [...] in einer Endlosschleife das 'Gegrüßet seist du, Maria' herunter[betet]" (S. 173). Hm. Da ist nicht zufällig hin und wieder mal ein Vaterunser und ein "Ehre sei dem Vater" dazwischen? Es handelt sich also nicht zufällig um den Rosenkranz? - Nun, solche Feinheiten darf man von der Autorin nicht erwarten, die ihre Ignoranz gegenüber der Materie auch dadurch dokumentiert, das sie das Gebet der Pilgergruppe mal als "Litanei" (ebd.), mal als "Sermon" (S. 176) tituliert. Wie dem auch sei, Judith drängen sich allerlei düstere Assoziationen auf:
"Vielleicht lag es an dieser Wallfahrtskapelle, die das Gefühl von Heilung und Seelenfrieden gar nicht erst aufkommen ließ. Ähnlich wie die Kathedrale von Mirepoix war auch diese Kirche mit üppigen Darstellungen von Kreuzigung, Marter und Tod ausgestattet. Schon als Kind hatte Judith das Morbide der katholischen Kirchen gefürchtet. Als einziges konfessionsloses Kind ihrer Jahrgangsstufe parkte man sie kurzerhand beim katholischen Religionsunterricht. Und dazu gehörten die verhassten Kirchenbesuche. [...] All die Darstellungen von Leiden in Stein, Marmor und Wandfarbe, die gruseligen Relikte vergangenen Lebens hinter Glas, die Gräber, Gruften und balsamierten Leichname" (S. 174f.). 
Tja, Katholizismus ist eben nichts für Weicheier, und man möchte der Autorin beinahe dankbar sein, dass sie den Kontrast zwischen dieser Religion und einer locker-flockigen, pastellfarbenen Wellness-Spiritualität so deutlich, wenn auch etwas böswillig, herausstellt. Ärgerlich ist es allerdings, dass sie - angesichts des näher rückenden Reiseziels Lourdes - auch die Hl. Bernadette Soubirous da hineinziehen muss:
"Von Misstrauen, Unverständnis und Anfeindungen geschwächt, war Bernadette an Knochentuberkulose erkrankt und mit nur fünfunddreißig Jahren gestorben. Was nutzte es ihr, dass sie 1934 heiliggesprochen wurde? Was nutzte es, dass siebenundsechzig der Tausenden Heilungen, die an der Quelle vonstattengingen, offiziell als Wunder anerkannt waren? Judith fand, dass der Preis, den Bernadette für ihre Begegnung mit Maria bezahlt hatte, zu hoch war. [...] 'Die Jungfrau Maria hat sich meiner bedient wie eines Besens', soll sie nüchtern konstatiert haben. Nach Gebrauch wurde der achtlos in die Ecke gestellt." (S. 175f.) 
Das Zitat ist authentisch, aber es ist tendenziös verkürzt. Tatsächlich sagte Bernadette nämlich:
"Sehen Sie, das ist meine Geschichte. Die heilige Jungfrau hat sich meiner bedient; dann wurde ich in eine Ecke gestellt. Das ist mein Platz, da bin ich glücklich und da bleibe ich." (Quelle: Werner Radspieler, Lourdes - Pilgerwege. Bamberg, 16. Aufl. 2006, S. 16) 
Mit dem Lebensgefühl des Postfeminismus, ja überhaupt mit dem Credo der "Selbstverwirklichung" ist das natürlich völlig unvereinbar. - Kurz nach dieser Reflexion manifestieren sich Judiths diffuse Ängste in der Gestalt eines unheimlichen Pilgers, der sie zunächst freundlich anspricht ("Kann ich etwas für dich tun, Schwester?"), ihr dann aber eindringlich ins Gewissen redet: "Der Pilgerweg ist wie Krieg mit sich selbst [...]. Blut, Schweiß und Tränen. Und nur du kannst den Kampf gewinnen. [...] Es geht um dich und deine Verfehlungen. [...] Ohne Beichte keine Erlösung" (S. 177f.). Judith reagiert - wie könnte es anders sein- trotzig: "Ich trauere falsch. Ich pilgere falsch. Wieso maßt sich jeder an, über mein Leben zu urteilen?" (S. 177). Genau das ist offenkundig der Unterschied zwischen Judiths suchender Spiritualität und Religion, und darin ist Judith wohl nicht untypisch für eine zeitgenössische Spezies von Sinnsuchern: Es wird vorausgesetzt, Jede(r) könne einen individuellen Weg zum Heil in sich selber finden; Religion dagegen erhebt den Anspruch über-individueller Gültigkeit, und das ist, ganz klar, Anmaßung. "Was bildete der Kerl sich ein? Was wusste er von ihr? Sie musste sich so etwas nicht anhören. Judith hastete überstürzt aus der Kirche" (S. 178). Als sie ihren Freundinnen von dieser Begegnung berichtet, zeigt Estelle sich überzeugt, der Mann müsse "[e]ine Art katholischer Taliban" gewesen sein: "Bei den Taliban geht es immer nur um das eine: Sünde und Strafe" (S. 181). Judith gibt sich mit dieser Erklärung jedoch nicht zufrieden: Seit der "Begegnung mit dem dämonischen Pilger" ist sie "überzeugt, dass die Ölmühle und die Kapelle ein unheilvoller Ort waren" (S. 193). Schon klar: Wer zu Umkehr und Buße aufruft, der kann ja nur Böses im Schilde führen.

Ein reichlich verzerrtes, ja verwirrtes Verständnis von Buße - und vom Beten - legt übrigens auch Caroline an den Tag, als sie im Schlafsaal der Auberge de la Paix "monotones Gemurmel von abendlichen Gebeten" vernimmt: "Was mochten diese Menschen auf dem Kerbholz haben, wenn die Rosenkränze in der Kirche nicht genug waren, die Schuld von sich abzubeten?" (S. 185f.) Nun gut: Caroline, die Anwältin, hat neben Estelle - die von sich selbst sagt, sie sei "tief innen ziemlich oberflächlich" (S. 171) - von allen fünf Dienstagsfrauen die am wenigsten ausgeprägte spirituelle Ader. Gegen Ende der Leseetappe tauchen jedoch Indizien dafür auf, dass sich das ändern wird - nämlich als die Freundinnen in Les Angles in eine Marienprozession hineingeraten.
"Der Wind wehte von ferne merkwürdige Klänge heran. Erst einzelne Töne, dann eine verstörend schräge Melodie. Es war eine aufgepeitschte, unheilschwangere Musik, die untermalt wurde durch stampfende Schritte. Es mussten viele Menschen sein, die in unheimlich langsamem Gleichmarsch näher kamen. [...] Der Blick öffnete sich auf eine Menschenmasse. Das gesamte Dorf - 
- ich erwähnte ja schon, dass es 125 Einwohner hat! -
"hatte sich zur Prozession versammelt. Eigentümlich die Musik, archaisch das Ritual. Begleitet von schräger Blasmusik trugen düster wirkende Männergestalten in seltsam wiegendem Gleichmarsch eine hölzerne Maria durch das Dorf." (S. 212) 
Da halten die Dienstagsfrauen lieber Abstand - bis auf Caroline, die inmitten der Prozession einen Sanitäter entdeckt - von dem sie (zu Recht, wie sich zeigt) annimmt, es sei jener "Samu", von dem sie Näheres über das Geheimnis von Arne erfahren könnte. Also stürzt sie sich ins Getümmel - zur Verblüffung ihrer Freundinnen: "Vielleicht ist sie spontan katholisch geworden?", mutmaßt Kiki (S. 214). Aber das ist sie natürlich nicht. Tatsächlich erweist es sich für Caroline sogar "als deutlicher Nachteil, nicht mit katholischen Ritualen vertraut zu sein" (S. 213); als sie den Sanitäter endlich zu fassen kriegt, fühlt dieser sich "in seiner religiösen Andacht extrem gestört" (S. 218): "Was glauben Sie, was das hier ist? [...] Die Parade von Disneyland, die wir für deutsche Touristen aufführen?" (ebd.)

Dann aber, nachdem Caroline vom Sanitäter einen Zettel mit Dominiques Adresse bekommen hat, geschieht "etwas Merkwürdiges":
"Die Prozession hatte einen Bogen um den Dorfplatz gedreht und kam frontal auf sie zu. Licht umstrahlte die goldene Marienfigur, die hoch über den Köpfen der Gläubigen schwebte. Eine geheimnisvolle Magie [!] ging von der Madonna aus. Für einen winzigen Augenblick waren sie miteinander verbunden. In diesem einen unerklärlichen Moment war es keine Statue aus Holz mehr, die ihr gegenüberstand. Caroline hätte geschworen, dass die Maria ihr direkt in die Augen sah" (S. 219). 
Nun, der Moment geht schnell vorüber, und die nüchterne Caroline schiebt ihr übernatürliches Erlebnis auf "Wahnvorstellungen" als Folge "körperlicher und seelischer Überforderung" (ebd.). Schon etliche Seiten zuvor hat die unverwüstliche Estelle gewitzelt: "Es ist in dieser Region normal, wenn man Stimmen hört. Gewöhnlich murmeln sie etwas wie 'Ich bin die unbefleckte Empfängnis'" (S. 197). Aber okay: Noch sind es sieben Kilometer bis Lourdes, der Höhepunkt des Pilgerwegs wie auch der Romanhandlung ist noch nicht erreicht. Werden sich die übernatürlichen Erscheinungen in der letzten, noch 77 Seiten umfassenden Leseetappe noch intensivieren?

Wir werden es erfahren.




Donnerstag, 10. September 2015

Pilgern fürs Klima, Strom sparen fürs Seelenheil?

Es ist Sommerschlussverkauf im Spiritualitätssupermarkt

Der neueste Schrei: Klimapilgern. Klingt komisch, is' aber so. Am 13. September beginnt in Flensburg der "Ökumenische Pilgerweg für Klimagerechtigkeit", der bis zum 27. November bis nach Paris führen soll. Warum Paris? Weil dort bald darauf, am 30. November, die 21. UN-Klimakonferenz beginnen soll. Aus diesem Anlass wollen die Initiatoren des Pilgerwegs ein "Bewusstsein für die Klimagerechtigkeit auf unserem Planeten" schaffen und "auf die globale Dimension des Klimawandels aufmerksam" machen. Der Münsteraner Weihbischof Dr. Stefan Zekorn wird auf der Facebook-Seite seines Bistums mit den Worten zitiert: "Wir wollen durch den Klimapilgerweg die Vorbereitung der sehr entscheidenden Weltklimakonferenz in Paris unterstützen, indem wir auf die Notwendigkeit eines entschiedenen Handelns der Staaten hinweisen". Weihbischof Zekorn werde daher, so heißt es auf der Seite, "ebenfalls ab Münster eine Etappe mitpilger[n]". 

Eigentlich hätte ich wenigstens von einem Bischof erwartet, dass er den Unterschied zwischen Demonstrieren und Pilgern kennt. Man kann ja, wie meine Liebste in einem Facebook-Kommentar sehr richtig feststellte, "auch auf ner Demo beten. Auch dafür gibt's historische Beispiele." Aber damit wird die Demo eben noch nicht zum Pilgerzug. 

Nun ja: Die Initiatoren weisen darauf hin, dass der Pilgerweg "spirituelle Besinnung mit politischem Engagement" verbinden solle: Es werde nicht nur "Workshops und politische Aktionen entlang des Wegs" geben, sondern auch "spirituelle Momente", die "von den Pilgerinnen und Pilgern und den Menschen vor Ort gemeinsam gestaltet" werden. "Eine grandiose Idee: spirituelles Wandern für eine bessere Welt, in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, denen das Überleben unseres einzigartigen Planeten besonders am Herzen liegt", jubelt Gerlinde Hoffmann vom Präsidium des Deutschen Naturschutzrings. Na klar. Spirituelles Wandern. Im Einklang mit der Natur. Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig, zwitschert der Ziegenmelkervogel, und in den Bäumen rauscht und raunt die Weissagung der Cree. Der Facebook-Account des Bistums Münster beantwortet jedwede Kritik an der Idee des "Klimapilgerwegs" gleichmütig mit der Einladung zum Mitpilgern: "Sicher eine gute Erfahrung für Sie!" - Sicher. Pilgern als Selbsterfahrungstrip, das Herzstück moderner Spiritualität. Auch auf der Klimapilgern-Website wird vom "Rhythmus des Gehens", der "Sinnlichkeit der Natur" und der "mystischen Aura der Tempel, Kirchen und Klöster" geraunt - und davon, dass "letztendlich [...] jeder für sich selbst identifizieren" müsse, was Pilgern für ihn bedeute. Ein Hauch von Dienstagsgrauen weht mich an...

Im Übrigen werden Kritiker des Klimapilgerwegs beharrlich auf die Enzyklika Laudato si' von Papst Franziskus verwiesen. Als hätte irgendwer behauptet, Einsatz für den Klimaschutz wäre per se etwas Schlechtes oder Unkatholisches. - Na gut, vereinzelt gibt es auch solche Stimmen, aber ignorieren wir das einfach mal und erklären forsch: Niemand wird bestreiten, dass das Thema Klimaschutz ein bedeutendes Anliegen der genannten Enzyklika ist. Auch schon für Franziskus' Vorgänger Benedikt XVI. war Ökologie ein wichtiges Thema. Man täte allerdings gut daran, die diesbezüglichen Aussagen der Päpste im größeren Zusammenhang zu betrachten, sonst landet man allzu schnell bei einseitig verzerrten Interpretationen; ich verweise hier nur mal exemplarisch auf Hillary Clinton, die die Enzyklika Laudato si' wegen der darin enthaltenen Aussagen zum Klimaschutz lobte, gleichzeitig aber in entschiedenem Widerspruch zu ebendieser Enzyklika vehement für ein "Recht auf Abtreibung" eintritt.

Aber davon mal ganz ab. Dass die Katholische Kirche sich zusammen mit anderen Konfessionen und nicht-religiösen Verbänden für den Klimaschutz einsetzt, ist im Grundsatz gut und fein, und wenn sie dabei ein paar katholische Akzente in Hinblick auf das Ökologieverständnis setzt (tut sie das?), dann ist das umso mehr zu begrüßen. Aber eine politische Demonstration, die mit ein paar irgendwie "spirituellen" Elementen aufgemotzt ist, sollte sie nicht als "Pilgern" bezeichnen. - Warum nicht? Weil - wie Facebook-Nutzer "Schlafbart der Seefahrer" (der vielleicht katholischste Freibeuter der Sieben Weltmeere) zu Recht hervorhob - zum Pilgern "neben dem gemeinsamen Unterwegssein die Bußgesinnung [und] das angemessene Ziel eines Gnadenbildes, eines Heiligengrabes oder einer heilsgeschichtlich bedeutsamen Stätte" gehören; und nicht zuletzt "sind mit dem Pilgerweg auch konkrete Ablässe verbunden" (was bei einem ökumenischen Pilgerweg allerdings wohl Probleme verursacht hätte).

Nun wäre die Beteiligung einiger katholischer Bistümer an diesem läpp'schen Ökumenischen Pilgerweg für Klimagerechtigkeit an und für sich etwas, das man mit einem Achselzucken übergehen könnte - wenn es nicht so bezeichnend wäre für eine Tendenz der öffentlichen Selbstdarstellung der Kirche(n). Neu ist das übrigens auch nicht. Der große Theologe Romano Guardini mahnte schon vor 80 Jahren die Besinnung auf die "Unterscheidung des Christlichen" an und forderte, "die christlichen Begriffe von all den An-Ähnlichungen, Abschwächungen und Überdeckungen, Fehlleitungen und Verzerrungen zu befreien, die sie seit dem Beginn der Neuzeit erfahren haben". Diese Forderung scheint heute unpopulärer denn je: "Kirche" scheint sich inmitten all dieser "An-Ähnlichungen" im Großen und Ganzen sauwohl zu fühlen und sich sehr zu bedenken, ehe sie mal den Kopf daraus hervorstreckt. Auf "christliche Werte" lässt sich gut pochen, insoweit sie - etwa beim Thema Klimaschutz oder auch bei der Hilfe für Flüchtlinge - mit dem gesellschaftlichen Mainstream sowieso übereinstimmen; wo christliches Bekenntnis es erfordern würde, gegen den Strom der öffentlichen Meinung zu schwimmen, hält man sich lieber bedeckt. Das Problem daran ist nicht nur, dass christliche Ethik wie ein Büffet behandelt wird, von dem man sich nur das auf den Teller schaufelt, was einem schmeckt, und den Rest liegen lässt; vielmehr ist es insgesamt problematisch, wenn mehr von "christlichen Werten" als vom christlichen Glauben die Rede ist - oder wenn dieser Glaube selbst vor allem als ein ethisches Programm aufgefasst und dargestellt wird: Wenn es beim Christentum nur darum ginge, sich nach besten Kräften zu bemühen, ein im ethischen Sinne "guter Mensch" zu sein, dann könnten viele Nichtchristen zu Recht darauf verweisen, dass sie das ebenfalls tun, und fragen, wozu denn dann der Glaube an einen Gott, geschweige denn an die Göttlichkeit Jesu (der ansonsten ja immer noch als vorbildlicher Mensch und großer Lehrer anerkannt werden könnte, etwa auf Augenhöhe mit Buddha oder Sokrates oder Mahatma Gandhi) nötig sei - wozu Gebet, wozu Sakramente, wozu Kirche? Welche Antworten hat die Kirche auf diese Fragen?

In den USA veröffentlichte das Medienunternehmen BuzzFeed jüngst ein Video mit Statements von sechs jungen Erwachsenen zum Thema "Ich bin Christ, aber...". Zumindest aus deutscher Sicht ist die strukturelle Ähnlichkeit zu Aussagen wie "Ich bin kein Nazi, aber..." ziemlich unverkennbar; und nicht zu Unrecht sagt man derartigen Statements nach, dass nach dem "aber" meist nichts Sinnvolles mehr kommt. Den jungen Menschen in besagtem BuzzFeed-Video kann man mit etwas gutem Willen die löbliche Absicht unterstellen, Vorurteile gegenüber Christen abzubauen, indem sie demonstrieren: Hey, wir sind auch Christen - aber wir sind gar nicht so, wie ihr euch Christen vorstellt! Allerdings hat dieser Ansatz gleich mehrere dicke Pferdefüße, auf die die Kolumnistin Mollie Hemingway - ihres Zeichens Angehörige der theologisch konservativen Lutheran Church-Missouri Synod - in einem Artikel hingewiesen hat, den ich hiermit wärmstens empfehlen möchte. Hervorheben möchte ich hier nur einen Punkt: Die Video-Statements sind darauf angelegt, den Zuschauern zu vermitteln, die Christen, die hier zu Wort kommen, seien im Grunde genau wie sie. An dieser Aussage ist zwar zunächst einmal nichts verkehrt: Natürlich sind Christen nicht ganz und gar anders als Nichtchristen. Ja, man kann durchaus sagen, Christen unterscheiden sich von Nichtchristen durch nichts außer durch ihren Glauben. Und genau deswegen sollte in einem Video, in dem Menschen sich als Christen vorstellen, von eben diesem Glauben die Rede sein. Indem der Schwerpunkt des Videos jedoch nicht auf dem "Ich bin Christ" liegt, sondern auf dem "aber", kommt die "Unterscheidung des Christlichen" im Sinne Guardinis hier nur negativ zur Sprache - nur als das, wovon man sich abgrenzt. Ein positives Interesse am Christentum kann man so nicht wecken. Das war vielleicht auch gar nicht die Absicht hinter diesem BuzzFeed-Video; aber die Absicht derer, die Öffentlichkeitsarbeit für die Kirche betreiben - beispielsweise auf den Facebook-Seiten deutscher Bistümer -, sollte es sehr wohl sein. Und die verfolgen leider nur allzu oft dieselbe Strategie.

Derweil freut sich das Bistum Aachen darüber, dass sein Dom eine schöne Kulisse für den Stabhochsprung abgibt. Die Frage, ob er daneben auch noch für etwas Anderes gut sein könnte, bleibt offen.

Dienstag, 8. September 2015

Jubilate Deo - Teil III: Die mit der Gurke tanzt

Wie doch die Zeit vergeht: Schon haben wir September, und seit Anfang Juli bin ich meinen Lesern noch die Besprechung von 15 der 32 Liedtexte schuldig, die ich bei der Durchsicht des NGL-Liederbuchs "Jubilate Deo" in die Kategorie D - "Flieht, ihr Narren!" - eingeordnet hatte. Aber keine Sorge: Das aus der Kirche gemopste Buch habe ich längst wieder zurückerstattet. Nun muss ich nur noch meine Lesenotizen ordnen und mit ein paar hoffentlich erhellenden Hintergrundinformationen garnieren. 

Gleich zu Beginn eine gute Nachricht: Wenn ich nichts übersehen habe, dann hat es nur ein einziges der von mir in Kategorie D einsortierten Lieder in den Stammteil des neuen Gotteslobs geschafft. Es handelt sich um die Nr. 177 von "Jubilate Deo", im Gotteslob zu finden unter Nr. 458 und dort als "ökumenisch" gekennzeichnet: "Selig seid ihr" von Karl Friedrich Barth/Peter Horst (Text) und dem unvermeidlichen Peter Janssens (Musik). "Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt. Selig seid ihr, wenn ihr Lasten tragt..." - da könnte man fragen: Was ist nun daran so furchtbar verkehrt? Nun ja: Wie bei manch einem NGL ist auch hier das Problem nicht so sehr das, was im Text drinsteht, sondern was nicht drinsteht. Barth und Horst vollbringen hier nämlich das Kunststück, die Seligpreisungen aus der Bergpredigt so nachzudichten, dass ihnen jeglicher Gottesbezug fehlt. Zwar sind die originalen Seligpreisungen in der Nachdichtung noch mehr oder weniger gut wiedererkennbar; was jedoch völlig fehlt, sind die daran geknüpften Verheißungen ("Denn sie werden..."). Somit entsteht der Eindruck, die Seligkeit bestehe nicht in dem, was denjenigen Menschen, die den Seligpreisungen gemäß leben, verheißen wird, sondern bereits in den genannten Verhaltensweisen selbst. Dass die Seligpreisungen zudem in Form von Konditionalsätzen daherkommen ("Selig seid ihr, wenn..."), verstärkt noch den Eindruck, die Seligkeit sei etwas, das die Menschen aus eigener Kraft durch ihr Tun erreichen könnten - wie sollte es auch anders sein, wenn von Gott keine Rede ist. Das würde ich dann mal als entschieden häretisch bezeichnen - da kann die Vertonung von Peter Janssens noch so sakral tönen. 

Bleiben also noch 14 weitere Texte zu behandeln. Am Schluss meines vorigen NGL-Evaluations-Artikels - der solchen Liedtexten gewidmet war, in denen sich mehr oder weniger deutlich der Einfluss einer marxistisch inspirierten Befreiungstheologie widerspiegelt - hatte ich angekündigt, die Fortsetzung werde sich schwerpunktmäßig darum drehen, was aus der '68er Generation wurde, nachdem sie das Kiffen für sich entdeckt hatte. Nun wohl! Beginnen wir mit der Nr. 230 von "Jubilate Deo", "Ich will ein Narr sein" von der bereits im vorangegangenen Artikel erwähnten Christa Peikert-Flaspöhler (Text) und Reinhard Horn (Musik). Letzterer bezeichnet sich selbst als "Kinderliedermacher"; jedenfalls ist es das, was er heute tut. Wie Tante Wiki verrät, wurde er anno 1971 vom unvermeidlichen Peter Janssens und the one and only Ludger Edelkötter an das NGL-Genre herangeführt; keine weiteren Fragen, Euer Ehren. Das Lied "Ich will ein Narr sein" steht gewissermaßen an der Grenze zwischen politischem Aktivismus und Neuer Innerlichkeit, oder man könnte auch sagen: Es markiert den Punkt, an dem der politische Aktivismus der Nach-'68-Ära mit dem Gesicht voran in die Neue Innerlichkeit hineinkippt. Bei dem Titel mag man an das Wort des Apostels Paulus aus 1. Korinther 4,10 "Wir sind Narren um Christi willen" (so die sprichwörtlich gewordene Luther-Übersetzung) denken, aber damit täte man dem Liedtext schon zu viel der Ehre an. "Ich will ein Narr für das Leben sein und nicht ein Bürger für den Tod": Da klingt noch einmal das alte Hippie-Credo "Turn On, Tune In, Drop Out" an, die Verachtung des Bürgerlichen, der Ausstieg aus dem Hamsterrad der Leistungsgesellschaft; aber alsbald stellen sich grausam klischierte Sprachbilder aus dem Fundus der Neuen Innerlichkeit ein: "stromgegen im kleinen Boot" (Refrain), "Ich stimme für Kinder aller Rassen" (Strophe 1), "ich stimme für Tiere, Wasser, Gras" - Letzteres nun wahrlich keine Überraschung (Strophe 3), "Hoffnung, Freude, Mut" (Strophe 4). Was die Eignung des Liedtexts für den kirchlichen Gebrauch betrifft, so muss man anerkennen, dass ganz am Ende - dito in Strophe 4 - tatsächlich Gott erwähnt wird: "Gott bleibt uns jederzeit treu / ich bitte ihn: mache uns neu". Das ist ja schon einmal etwas, genügt aber nicht, um das Lied zu retten. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie auf den Ostermärschen der 80er Jahre Scharen junger Menschen beiderlei Geschlechts mit langen, fettigen Haaren, Pali-Tüchern und, ironischerweise, Bundeswehr-Parkas (allerdings mit sorgfältig herausgetrennten Hoheitszeichen) diese Verse trällerten. Voller Ergriffenheit, versteht sich. 

Das Lied "Leben ist mehr", Nr. 196 in "Jubilate Deo", stammt aus der Feder von Liedermacher Rolf Zuckowski. Das ist an und für sich nicht sonderlich schlimm, erklärt aber schon mal, dass und warum man nach einem spezifisch christlichen Gehalt gar nicht erst zu suchen anfangen muss. Aussagekräftig ist der Text jedoch allemal, ja, man könnte sagen, er sei paradigmatisch für die Neue Innerlichkeit, deren Siegeszug sich ja gerade dem existentiellen Ungenügen an der materialistischen Weltsicht des Marxismus verdankt. Das "Mehr", das der Liedtext einfordert, ist gerade das, was im rein materialistischen Zugriff auf die Realität schlicht nicht vorkommt: das Ideale, das Schöne, Emotion, Phantasie - kurz gesagt jenes Wesentliche, das für die Augen unsichtbar ist und das man nur mit dem Herzen gut sieht. Die inhärente Tendenz zur Sentimentalität versucht Zuckowskis Text durch eine an einigen Stellen gewollt rotzige Wortwahl zu kontern, wie etwa "Leben ist mehr als Kohle und Kies". Das alles ist ausgesprochen zeittypisch und somit von hohem dokumentarischem Wert - aber in einer Kirche, in einem Gottesdienst, hat es, so möchte ich meinen, nichts zu suchen.

Unter Nr. 251 findet der staunende Gesangbuchbenutzer Bettina Wegners "Kinder". Dieser Schmachtfetzen, der in gewollt niedlich-naivem Sprachduktus einen behutsamen Umgang mit Kindern anmahnt, war 1978, auf dem Höhepunkt der Neuen Innerlichkeit, die uns auch den Circus Roncalli, den Abenteuerspielplatz, Peter Lustig und den Tag, als Conny Kramer starb beschert hat, ein großer Hit, und in der hardcore-antiautoritären Norwegerpulli- und Birkenstocksandalenfraktion ist der Song womöglich noch heute beliebt. Dass er es aber in ein kirchliches Liederbuch geschafft hat, hat möglicherweise damit zu tun, dass eine quasi-religiöse Idealisierung des Kindes als vermeintlich "reiner Mensch" -  vorbereitet u.a. durch Ellen Keys "Das Jahrhundert des Kindes" (1900, dt. 1902) - sich in der Nach-'68-Ära zunehmend auch in den christlichen Kirchen breit machte; was einerseits zwar schlecht mit der Erbsündelehre zu vereinbaren war, andererseits aber an Matthäus 18,3 ("Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder...") und womöglich sogar an die volkstümlich-schwärmerische Verehrung des "Jesukindeleins" (parappapampam) anknüpfen konnte. Außer für ursprüngliche Reinheit und unverdorbene Natürlichkeit steht das Kind emblematisch auch für den Menschen der Zukunft, ja es personifiziert geradezu die kommenden Generationen und wird somit desto mehr zum Idol, je mehr die Verantwortung gegenüber letzteren an die Stelle der Verantwortung gegenüber Gott tritt. Diese Entwicklung zeigt sich in einem Slogan der Ökologiebewegung - "Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geliehen" - ebenso wie im Motto des Evangelischen Kirchentags 2005, "Wenn dein Kind dich morgen fragt...".

Aber ob mit oder ohne Berücksichtigung dieses kulturhistorischen Hintergrunds: Dass das Lied nicht gottesdiensttauglich ist, sollte sich eigentlich von selbst verstehen. Und das gilt auch für Kindergottesdienste! Mal ganz abgesehen davon ist das Lied auch an und für sich einfach unerträglich larmoyant. Die adäquate Antwort auf diese Kitschgranate hat bereits 1989 Otto Waalkes in seinem Film Otto - der Außerfriesische gegeben:


Nr. 329, "Jesus wohnt in unsrer Straße" von Rudolf Otto Wiemer (Text) und the one and only Ludger Edelkötter (Musik), steht in puncto Larmoyanz nicht weit hinter Bettina Wegners "Kinder" zurück, hat aber, wie schon der Titel verrät, immerhin einen klaren Bezug zum Christentum. Oder tut zumindest so. In fünf Strophen beschreibt das lyrische Ich des Liedtexts Begegnungen mit Menschen in seiner Straße - armen, alten, einsamen, vernachlässigten und ausgegrenzten Menschen, in denen das lyrische Ich Jesus erkennt. Das ist offenkundig an Matthäus 25,40 angelehnt, verzerrt die Aussage dieses Jesuswortes jedoch ins Rührselige und beraubt es damit seiner Brisanz. Um es mit den Worten Arno Schmidts zu sagen, dieser Liedtext ist ganz einfach erzabderitischer Kitsch. Meine "Lieblings"-Strophe ist die vierte:
"Jesus wohnt in uns'rer Straße,
Ist ein Schlüsselkind.
Gestern bin ich ihm begegnet,
Eiskalt pfiff der Wind.
Und es stand am Zaun und weinte,
Und es sah mich an und sprach:" 
Diese Strophe ist nicht nur unerträglich tränendrüsendrückerisch, sondern zudem hochgradig unlogisch; schließlich zeichnet sich ein Schlüsselkind dadurch aus, dass es einen eigenen Schlüssel fürs Haus bzw. die Wohnung hat. Also muss es nicht weinend im eiskalt pfeifenden Wind herumstehen, sondern kann nach Hause gehen, sich eine Portion Eintopf warm machen und anschließend mit den Füßen auf dem Wohnzimmertisch vor dem Fernseher Eiscreme schlabbern. So gut hatte Jesus es nicht.
(Wem übrigens die Originalvertonung von the one and only Ludger Edelkötter noch nicht schmalzig genug ist, für den gibt es übrigens eine Neuvertonung von Hanno Herbst, die einem endgültig die Amalgamfüllungen aus dem Zähnen herausschmilzt.)

Nr. 178 des Liederbuchs, "Wo ist denn Gott" von Wilhelm Willms (Text) und abermals the one and only Ludger Edelkötter, macht schon allein vom Titel her misstrauisch. Die Antwort, die die erste Strophe auf die rhetorische Frage des Titels gibt - "siehst du ihn nicht, auf deines Nachbarn Angesicht" - legt wiederum eine Deutung im Sinne von Matthäus 25,40 nahe, aber im Ganzen wirkt der Liedtext ausgesprochen wirr. Strophe 2 ("Was kann denn Gott, was kann denn Gott / Er gibt das Land, er gibt das Land / in deine und in meine Hand") scheint auf Matthäus 5,5 anzuspielen, klingt dabei vage nach politischem Aktivismus nach Art von "Ein Kessel Rotes", aber Letzteres ist vielleicht schon Überinterpretation. Vollends verwirrend ist die letzte Strophe:
"Und wer bist du, und wer bist du
Du bist es nicht, du bist es nicht
Hast du nicht Gott im Angesicht" - 
- was wollen uns diese Verse sagen? Hat die erste Strophe in Anlehnung an das bereits genannte Jesuswort dazu aufgerufen, im Nächsten Gott zu erkennen, so scheint die letzte Strophe zu sagen: Erkennt man im anderen Menschen Gott nicht, dann ist dieser auch nicht der Nächste, dem man als Christ Liebe schuldet. Oder wie oder was? Letztlich kann man sich nicht einmal sicher sein, ob der Text kryptisch oder einfach banal ist, sprich: ob er eine verborgene Bedeutung hat oder etwa gar keine.

Nr. 39, "Alles was atmet" von Hans-Jürgen Netz (Text) und Christoph Lehmann (Musik), wäre an sich gar nicht so schlimm - wenn es nicht ausgerechnet in die Sanctus-Abteilung des Liederbuches eingeordnet worden wäre. "Alles was atmet, alles was lebt ist heilig vor dir, ist heilig für uns": Kann man so sagen, ist nicht direkt verkehrt, aaaber: Im Sanctus soll es um die Heiligkeit Gottes und seines Messias gehen. Wenn an dieser Stelle der Liturgie stattdessen die Heiligkeit allen Lebens besungen wird, dann entsteht allzu leicht der Eindruck einer Vergöttlichung der Schöpfung. Was auf einen bislang nur am Rande erwähnten Aspekt der Neuen Innerlichkeit verweist, nämlich eine mehr oder weniger stark pantheistisch angehauchte Öko-Romantik. Davon hat die Sammlung "Jubilate Deo" noch mehr zu bieten.

So zum Beispiel Nr. 183, "Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig". Der Sprachduktus des Texts erinnerte mich gleich auf den ersten Blick an gewisse Kalender- bzw. Postkartensprüche, wo immer "Indianische Weisheit" drunter steht, wo aber, wie Max Goldt einmal bissig anmerkte, genausogut auch "Indianische Doofheit" drunter stehen könnte. Und richtig: Der Liedtext ist ein Auszug aus der legendären Rede des Häuptlings Seattle - "legendär" auch insofern, als sie in wesentlichen Teilen gar nicht von dem Suquamish-Häuptling Seattle (ca. 1786-1866) stammt, dem sie zugeschrieben wird: Die Rede, die Seattle im Jahr 1854 vor dem Gouverneur des Washington-Territoriums hielt, wurde erst 1887 anhand von Notizen eines Zuhörers auszugsweise veröffentlicht; die Authentizität dieser Version ist naturgemäß fragwürdig, aber noch entscheidender ist, dass sie mit dem Text, der seit den 1970er Jahren unter dem Titel "Rede des Häuptlings Seattle" kolportiert wird und (ähnlich wie die hinsichtlich ihrer Authentizität mindestens ebenso fragwürdige Weissagung der Cree) einen modernen Mythos der Ökologiebewegung darstellt, nur wenig gemein hat. Besonders bezeichnend ist, dass in der Fassung von 1887 überhaupt keine Rede von Umweltzerstörung ist. Dass auch die oben schon erwähnte Weisheit, derzufolge wir die Erde nur von unseren Kindern geliehen hätten, zuweilen Häuptling Seattle zugeschrieben wird, sei nur am Rande erwähnt. Dagegen ist der Satz "Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig" durchaus bereits in der Fassung von 1887 enthalten, bezieht sich dort jedoch auf die Begräbnisplätze von Seattles Stamm und somit auf den Ahnen- und Totenkult der Indianer - was den Text für die Verwendung in christlichen Gottesdiensten nun nicht gerade geeigneter erscheinen lässt. Die Vertonung aus dem Jahr 1978 stammt von Stefan Vesper, dem heutigen Generalsekretär des "ZdK"; was wohl eine (wenn auch unbefriedigende) Antwort auf die Frage darstellt, wie dieses Lied es in ein kirchliches Liederbuch geschafft hat.

Von der "(Pseudo-)Indianischen Weisheit" mit ihrem pantheistisch-naturreligiösen Grundton ist es kein weiter Weg zur manifesten Esoterik, aber auf diesem Weg müssen wir noch kurz bei einem Lied aus der Kategorie "Ich weiß nicht, was ich davon halten soll" Station machen: Nr. 164 von "Jubilate Deo", dort mit der Überschrift "Hier und da" versehen, ansonsten aber unter dem Titel "Einmal wurd es am Himmel hell" bekannt. Es stammt aus dem Musical "Ave Eva oder Der Fall Maria" von Wilhelm Willms (Text) und dem unvermeidlichen Peter Janssens (Musik) - was insofern schon mal recht, äh, interessant ist, als die Deutsche Bischofskonferenz 1973 ein Aufführungsverbot für dieses Musical ausgesprochen hat: Es stelle die Jungfrau Maria auf eine Weise dar, die nicht mit dem Glauben der Kirche vereinbar sei, hieß es zur Begründung. Aufgeführt wurde das Musical später aber doch, wobei es immer wieder zu Kontroversen kam - so etwa 1980 beim Katholikentag in Berlin und zuletzt 2004 beim "Mitteleuropäischen Katholikentag" in Mariazell. - Zum Text von "Einmal wurd es am Himmel hell" ist anzumerken, dass er womöglich verständlicher wäre, wenn man ihn im Gesamtzusammenhang der Musicalhandlung betrachten könnte. Für sich selbst genommen erscheint er zunächst als Aneinanderreihung von in kurzen Sätzen zusammengefassten Episoden der Schöpfungsgeschichte, um dann in der Mitte von Strophe 3 plötzlich in die Zukunft zu springen: Auf "Einmal kam" folgt "Einmal wird kommen". In den auf die Zukunft bezogenen Versen heißt es u.a. "Einmal wird einer auferstehn"; das ergibt wohl innerhalb des Musicals, das ja offenbar zur Zeit Jesu spielt, einen Sinn, aber außerhalb dessen macht es stutzig: Wieso, denkt man - IST der Eine nicht schon auferstanden? - Jeder Vers endet mit dem Kehrreim "hier und da", was auf die Dauer nicht nur enervierend redundant, sondern auch gehörig kryptisch wirkt: Zur Verwirrung der Zeitebenen gesellt sich die Verwirrung des Ortes, "hier und da" fallen ebenso in Eins wie Vergangenheit und Zukunft. Das sieht nach einem verborgenen, verschlüsselten Hintersinn aus, nach einer gnostischen Geheimlehre geradezu; dieser Eindruck mag trügen, aber dann wäre der Liedtext einfach nur banal und doof.

Nun aber - husch! - das Batik-Kleidchen übergestreift, Ringe an die Zehen gesteckt, Räucherstäbchen entzündet und die Klangschalen ausgepackt, denn mit Nr. 15, "Ich glaub an einen Gott, der singt" von Winfried Pilz (Text) und Noel Colombier (Musik) entführt die Liedersammlung den staunenden Leser in die Welt der von vermeintlicher oder tatsächlicher fernöstlicher Mystik inspirierten Hippie-Esoterik - und bietet diese Nummer allen Ernstes als Credo-Lied an! "Ich glaube, Gott ist Klang / Sein Wesen ist Gesang": Da würde manch ein Yogi und Hindu zustimmend nicken, kennt man doch schon aus den altindischen Veden den Begriff des Nada Brahma - "Die Welt ist Klang" oder "Alles ist Klang". Durch die Ursilbe OM wurde das Universum erschaffen, und seither ist die ganze Welt voll Musik - Gurus wie Osho, Swami Durchananda - nein, pardon: Sivananda - und Joachim Ernst Berendt können, man verzeihe mir den Kalauer, ein Lied davon singen. Dem modernen Menschen kommen solche Vorstellungen entgegen, da sie sich problemlos in ein naturwissenschaftliches Weltbild integrieren lassen ("Sauerstoffteilchen schwingen in C-Dur") und dennoch einen Hauch von Wunder und Geheimnis in die entzauberte Wirklichkeit zurückbringen. Da kann man dann staunend und raunend vor den Mysterien des Kosmos verharren und sich aufgehoben fühlen im Weltganzen - in der vierten Strophe des Liedes heißt es:
"Ich glaube auch das Weh'n
Des Geistes zu versteh'n
Er eint uns immerfort
Zum göttlichen Akkord" - 
- nur mit dem christlichen Glauben hat das alles nicht schrecklich viel zu tun, so sehr Textautor Pilz, seines Zeichens immerhin Priester im Erzbistum Köln, sich auch bemüht, christliche Begriffe hineinzumengen. Nebenbei bemerkt hat gerade in der zitierten Passage der Begriff "Glauben" einen gewissen spekulativen Unterton, es ist eher ein Glauben im Sinne von "Vermuten" als ein Glauben im christlichen Sinne, der im wesentlichen Vertrauen, An-vertrauen, Beziehung, Nachfolge ist. Aber das ist ja gerade das Praktische an dieser "Alles ist Eins"-Esoterik: Statt in alle Welt hinauszuziehen und das Evangelium zu verkünden, kann man auf seiner Bank sitzen bleiben und dem Kosmos beim Raunen zuhören.

Dass Pilz in Strophe 3 dichtet "Ich glaub, dass Jesus Christ / Lied und auch Sänger ist", leitet übrigens sehr schön zu Lied Nr. 330 über, in dem Jesus außerdem auch noch Tänzer ist: "Herr des Tanzes" ist eine von Rüdiger Maschwitz verfasste Nachdichtung des englischen Songs "Lord of the Dance". Dieser wird gern für ein Traditional gehalten, aber das liegt nur an der Melodie, die von einem 1848 komponierten Lied Namens "Simple Gifts" übernommen wurde. Der Text hingegen wurde 1963 von Sydney Carter verfasst. Dem Wortlaut des Texts nach ist mit dem Herrn des Tanzes zwar Jesus Christus gemeint, aber seine Darstellung als Kosmischer Tänzer ist nun nicht gerade christliches Glaubensgut. Carter selbst gab an, er sei durch eine Statue der Hindu-Gottheit Nataraja (d.h. "König des Tanzes"), einer Erscheinungsform des Gottes Shiva, inspiriert worden. (Andererseits knüpft Carters Text offenbar auch an das schon 1833 veröffentlichte Lied "Tomorrow Shall be My Dancing Day" an, in dem Jesus in ich-Perspektive auf seine bevorstehende Passion vorausblickt und sie als Tanz beschreibt.) Carter äußerte sich überrascht, wie gut sein "Lord of the Dance" in kirchlichen Kreisen aufgenommen wurde; er habe angenommen, der Text würde als häretisch betrachtet werden. Na, da ist er zumindest bei mir an der richtigen Adresse. - Der Verfasser der deutschen Textfassung, Rüdiger Maschwitz, ist evangelischer Pfarrer und Pädagoge; seine Publikationsliste, die Werke wie "Phantasiereisen zum Sinn des Lebens" (München 1998) und "Aus der Mitte malen - heilsame Mandalas" (München 1996) umfasst, lässt darauf schließen, dass er ein gewisses Faible für esoterische Einflüsse hat. Auch nicht ganz uninteressant ist in diesem Zusammenhang das Tanz-Musical Lord Of The Dance von Michael Flatley (1996), dessen Handlung sich als "Nacherzählung einer alten irischen Legende vom Kampf der guten Mächte gegen die bösen Mächte" ausgibt; eine Instrumentalversion des gleichnamigen Liedes (bzw. eigentlich des Liedes "Simple Gifts", von dem die Melodie ja stammt - was den Machern des Musicals aber offenbar nicht bekannt war) beschließt dort den I. Akt.

Die Verknüpfung von Esoterik und Feminismus gelingt mühelos mit Nr. 344, "Mutter Geist" von Sybille Fritsch-Oppermann (Text) und dem unvermeidlichen Peter Janssens (Musik); hier wird der Heilige Geist als weiblich angesprochen:
"Mutter Geist, mit deiner guten Hand,
Mutter Geist, halt mich fest! [...]
Schwester Geist, mit deiner Fröhlichkeit,
Schwester Geist, mach mich stark. [...]
Freundin Geist, mit deiner Zärtlichkeit,
Freundin Geist, hüll mich ein." 
Das sieht auf den ersten Blick nach einer ganz modernen feministisch-esoterischen Häresie aus, aber wie schon Chesterton so treffend sagte: Neue Ideen sind in Wirklichkeit meist nur alte Irrtümer. Mit spekulativen Lehren der Art, dass der Heilige Geist, die dritte Person der Trinität, "Mutter des Sohnes und Gefährtin des Vaters" sei, musste sich schon der Heilige Augustinus herumschlagen. Die Gnostiker identifizierten die als weiblich verstandene Personifikation der Weisheit Gottes, genannt Sophia, sowohl mit der Braut Christi als auch mit dem Heiligen Geist. Auch auf feministisch-neuheidnischen Websites kann man zu dieser Heiligen Geistin so Einiges finden.
Bei der Autorin des Texts muss man sich übrigens über nichts wundern: Sybille Fritsch-Oppermann ist evangelische Pfarrerin, hat außer Theologie, Sozial- und Musikwissenschaften auch eineinhalb Jahre lang in Japan "Vergleichende Kulturwissenschaft" studiert und sich in dieser Zeit "in Theorie und Praxis dem Zen-Buddhismus" gewidmet: "Sie verbrachte vier Monate in einem Tempel, wo sie buddhistische schriften studierte und den religiösen Alltag miterlebte. In dieser Zeit habe sie viel Mut getankt für die folgende Vikariatszeit [...], sagt sie." Die "Forderung nach einer frauengerechten Sprache" in der Kirche verficht sie schon seit den 70er Jahren, "denn bis dahin wurden Frauen in den Gottesdiensten, Liedern und Gebeten totgeschwiegen." (Ach, wirklich?) Das Lied "Mutter Geist" ist somit erkennbar darauf ausgerichtet, dem (vermeintlich unterdrückten) "weiblichen Element" seinen Platz in der Kirche "zurückzugeben". Vermengt sich dieses Ansinnen mit esoterisch angehauchten Vorstellungen einer archaisch-chtonischen Weiblichkeit, muss man sich auch über Salz-und-Gurken-Rituale am Altar, die aussehen wie direkt aus dem Wicca-Kult übernommen, nicht mehr wundern.

Überhaupt ist der Heilige Geist ja ein Lieblingstier vieler Möchtegern-Kirchenreformer und -Revolutionäre; vor allem wohl, weil er laut Johannes 3,8 "weht, wo er will" - "souverän und frei, von keinem zu pachten", wie der Hamburger Weihbischof Jaschke es einmal ausdrückte. Ironischerweise versucht trotzdem so manches Grüppchen regelmäßig, ihn für sich zu "pachten" - besonders, wenn es gegen das kirchliche "Establishment" geht. Dahinter steckt mehr, als man zunächst denken möchte. Im 12. Jh. entwickelte der Zisterziensermönch Joachim von Fiore die Lehre der Drei Reiche, die mit den drei Personen der göttlichen Dreifaltigkeit korrespondierten: Das alttestamentliche Judentum sei das Reich des Vaters gewesen, dieses sei abgelöst worden durch das Christentum als Reich des Sohnes, das seinerseits wieder abgelöst werden werde durch ein Drittes Reich [sic!] - das des Heiligen Geistes nämlich. Joachim sagte den Beginn des Letzteren für das Jahr 1260 voraus; das Nichteintreffen seiner Voraussage hat er nicht mehr erlebt, aber die Hoffnung auf das Anbrechen eines Zeitalters des Heiligen Geistes, verstanden als ein Zeitalter universeller Harmonie, ist dennoch  nicht ausgestorben - und hat sich in neuerer Zeit verbunden mit astrologisch-esoterischen Vorstellungen, die den Anbruch eines neuen spirituellen Zeitalters an den Durchzug des so genannten "Frühlingspunkts" durch das Tierkreiszeichen des Wassermanns knüpft:


Das passt auch deshalb so gut, weil die Ära des Christentums - Joachims Reich des Sohnes - auf diese Weise mit dem astrologischen Zeitalter der Fische zusammenfällt - der Fisch ist ja ein traditionelles Christussymbol. Halten wir in diesem Zusammenhang auch fest, dass der Anbruch des Wassermann-Zeitalters in der Hippie-Esoterik ziemlich genau in jene Zeit fällt, in der auch das NGL-Genre entstand. Das über diesem Absatz eingebettete Video möge übrigens belegen, wie sehr das Musical Hair auch musikalisch auf das NGL eingewirkt hat; man vergleiche etwa diese Komposition des unvermeidlichen Peter Janssens.

Aber zurück zum Heiligen Geist: Nr. 345 von "Jubilate Deo", hier "Neuer Wein in neuen Schläuchen", sonst (nach den Anfangsworten) "Wenn der Geist sich regt" betitelt, von Norbert Weidinger (Text) und the one and only Ludger Edelkötter (Musik), wird besonders gern für Firmgottesdienste verwendet. Wenn man bedenkt, dass das Sakrament der Firmung laut Lumen Gentium 11 - auch zitiert im Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1285 - dazu dienen soll, die Getauften "vollkommener der Kirche" zu verbinden und "und mit der besonderen Kraft des Heiligen Geistes" auszustatten - "so sind sie noch strenger verpflichtet, den Glauben als wahre Zeugen Christi in Wort und Tat zugleich zu verbreiten und zu verteidigen" -, dann mutet es allerdings recht seltsam an, wie die Jugend in diesem Liedtext quasi zur innerkirchlichen Oppositionsbewegung stilisiert wird. Im Refrain wird dem Jesuswort "Auch füllt man nicht neuen Wein in alte Schläuche. Sonst reißen die Schläuche, der Wein läuft aus und die Schläuche sind unbrauchbar. Neuen Wein füllt man in neue Schläuche, dann bleibt beides erhalten" (Matthäus 9,17) eine betont aktivistische und anti-traditionalistische Wendung gegeben:
"Füllt den neuen Wein nicht in die alten Schläuche!
Zwängt die junge Kirche nicht in alte Bräuche!" 
Nun ist es, auch unter Berücksichtigung des Kontexts der oben genannten Bibelstelle, kaum zu leugnen, dass Jesus mit seinem Gleichnis in der Tat das revolutionär Neue seiner Lehre betonen wollte, das sich nicht dem von den Pharisäern und Schriftgelehrten verfochtenen zeremoniellen Gesetz des alten Judentums unterwerfen lasse. Aus Norbert Weidingers Liedtext spricht nun aber eine Haltung, die das Revolutionäre am Christentum im quasi-trotzkistischen Sinne als permanente Revolution auffasst: Die historisch "alt gewordene" Kirche rückt in dieser Sichtweise an die Stelle der alten Pharisäer und Schriftgelehrten, sodass ihre "alte[n] Bräuche" abermals der Kraft des Neuen weichen müssen. Als treibende Kraft dieser permanenten Revolution wird, hier wie auch sonst, der Heilige Geist angesehen; Strophe 2 wird diesbezüglich sehr deutlich:
"Wenn der Geist sich regt
Und Feuer legt
Und verbrennen will
Was ihr noch pflegt"...
...dann, ja dann wird - ganz ähnlich, wie ich es vor einiger Zeit bei einer Laienpredigt in der Stuttgarter Domkirche zu hören bekam - konservativen Katholiken rundheraus unterstellt, mit ihrem Festhalten an tradierten Bräuchen widersetzten sie sich dem Wirken des Heiligen Geistes. Zu fragen wäre da allerdings, ob nicht manch ein Neuerer in seinem (berufs-)jugendlichen Überschwang "seinen eigenen Vogel für den Heiligen Geist hält", wie Kardinal Meisner es gern ausdrückte.

Aber keine Sorge, es geht auch noch viel schlimmer.

Das mit ziemlichem Abstand scheußlichste Lied des Sammelbandes, bezeichnenderweise ein anonymes Werk, ist Nr. 197: "Ich möcht als Kirche". Schon der Titel und Liedanfang macht deutlich: "Wir sind Kirche" genügt nicht, vielmehr muss es heißen "Die Kirche bin ich". Und darum wird gefordert, dass die Schwarte kracht. Man will raus aus den Talaren, unter denen man den Muff aus 2000 Jahren wähnt:
"Ich möcht als Kirche mich bewegen,
Möcht' freier atmen und mich regen,"
und, jetzt kommt's:
"Nicht warten auf den höhern Segen" ! 
Weil, wer braucht sowas schon. Als Kirche. Was die neue Kirche offenbar auch nicht braucht, sind Sprachgefühl und Stilempfinden; und so geht es munter weiter:
"Die Frauen melden sich mit Power,
Sie werden stark so auf die Dauer..."
...mich aber überläuft ein Schauer. - Was aber wollen die kirchlichen Powerfrauen, bzw. was wollen sie nicht? "Sie wollen nicht länger zweite Wahl sein." das reimt sich zwar nicht, aber macht ja nichts. Endreime sind sowieso reaktionär und patriarchalisch. Oder so. Folgerichtig heißt es in der 3. Strophe:
"Aus Rom hör'n wir fast nur Ermahnung,
Von Freude bleibt da nur 'ne Ahnung." 
Ein klassisches Pubertätsdrama: man möchte sich Blumen ins Haar winden, seinen BH verbrennen und mit einem bärtigen Studienabbrecher nach Alaska ausbüxen, und womit kommen einem die Eltern? Mit nichts als Ermahnungen! Kreuzdonnerwetter! - In Strophe 4 wird noch eine Schippe draufgelegt:
"Das gute zweite Vatikanum
Erkannte an der Laien Ahnung
Doch ist gefährdet diese Planung" - 
dieser Mythos eines angeblichen konservativen Roll Back in der Kirche, der die Errungenschaften des II. Vatikanischen Konzils rückgängig machen wolle, datiert den Liedtext zielsicher in die 80er Jahre. Insofern könnte man sich fast darüber amüsieren, wie sehr die damaligen "Jungen Wilden" der Kirche inzwischen in die Jahre gekommen sind und dabei immer noch glauben, den Fortschritt zu verkörpern; das ist ein bisschen wie in der Spätzeit der DDR, wenn die ganzen Mümmelgreise des ZK der SED sangen "Wir sind die junge Garde des Proletariats"... Aber, na ja: Ganz so lustig ist es dann wohl doch nicht. Würden gewisse Leute, die sich immer auf das II. Vaticanum berufen, mal nachschauen, was in den Konzilsdokumenten tatsächlich drinsteht, würden sie vermutlich ganz schön lange Gesichter machen, aber das wäre ein Thema für sich.

Nicht einmal mehr mit Humor zu ertragen ist die Nr. 33 von "Jubilate Deo", aber erwähnt werden muss sie trotzdem, oder gerade deswegen. Die Herkunft des Texts habe ich nicht eruieren können, aber der Titel "Holländisches Hochgebet" legt nahe, dass er aus den Niederlanden stammt und dort, irgendwo dort zumindest, anstelle des Eucharistischen Hochgebets gesungen wird oder wurde oder jedenfalls dafür vorgesehen war. Das allein ist schon, um das Wenigste zu sagen, bedenklich. Was aber steht drin im Text? Erst einmal Geschwalle. "Der du weißt, was uns Menschen umtreibt, an Hoffnung, Zweifel, Dummheit [!], Freude, Zorn, Unsicherheit" - diese wortreiche Umschreibung Gottes ist ja an und für sich nicht falsch, erweckt aber den Verdacht, da würden viele Worte gemacht, weil man eine klarere, präzisere Benennung scheut. Und vor allem auch das Wort Gott scheut. Man fühlt sich erinnert an eine Szene der antiken griechischen Komödie Die Frösche von Aristophanes, in der der Tragiker Euripides auf die Aufforderung, den Göttern zu opfern, erwidert, er habe eigene Götter - und das folgende "Gebet" spricht:
"Luftraum, mein Weidegrund, du, Zungendrehling, auch,
Du, Scharfsinn, Nüstern, ihr, im Schnüffeln unerreicht,
Lasst mich die Reden zausen, die mein Zugriff fasst!"
(Übersetzung: Heinz Heubner) 
Und dann kommt - nicht etwa in den Fröschen, sondern im "Holländischen Hochgebet" - der Hammer:
"Doch nie hat jemand dich gesehn in diesem Weltall, du bist unhörbar, und tief in der Erde hallt deine Stimme nicht und auch nicht aus der Höhe." 
Gott ist also schlechthin unerkennbar; aber es kommt noch "besser":
"Und keiner, der je in den Tod gegangen ist, kehrte zurück um uns von dir zu künden." 
Wirklich keiner? Ach, Moment, da war doch noch was:
"Und darum denken wir an einen Namen und an Berichte, die uns überliefert sind, von einem Mann, erfüllt von deinem Leben, Jesus von Nazaret, der Jude war." 
Das sind, man beachte, Berichte und Überlieferungen, die von etwas künden, was vor langer Zeit in einem fernen Land geschah. Und was war jetzt das Besondere an diesem Jesus von Nazareth?
"Er ist dein Bild, dein Wort und deine Treue, ein Mensch aus Gott, ein Freund, ein Licht, ein Hirte, ein Mensch, der nicht sein eignes Wohlergehen suchte, der nicht vergeblich und fruchtlos starb." 
Na, das ist ja schon mal etwas, aber letztendlich doch ein bisschen wenig. Die Einsetzungsworte der Eucharistie werden auf eine Weise paraphrasiert, die noch relativ nah am approbierten Text ist, allerdings den Aspekt des Gedächtnisses ("denkt an mich") besonders stark betont - und im Anschluss heißt es:
"Und zum Gedächtnis nehmen wir darum das Brot und brechen es füreinander, damit wir wissen, was uns erwartet, wenn wir leben in seinem Geist!" 
Die Teilnahme am Gedächtnismahl wird also lediglich als Symbolhandlung der Nachfolge Christi gesehen; mit dem katholischen Eucharistieverständnis hat das rein gar nichts zu tun. Und zu schlechter Letzt wird auch noch die leibliche Auferstehung geleugnet:
"Weil du ihn aus dem Tod gerettet hast, Gott, weil er tot und begraben [!] doch bei dir lebt, so rett auch uns und führe uns zum Leben." 
Krasser Scheiß, wenn ich das mal so salopp sagen darf. Vergessen wir nicht, dass das Eucharistische Hochgebet Herzstück und Höhepunkt der gesamten Messliturgie ist. In der Instruktion Redemptionis Sacramentum heißt es unter Nr. 51:
"Man kann es nicht hinnehmen, dass einige Priester sich das Recht anmaßen, eucharistische Hochgebete zusammenzustellen oder die von der Kirche approbierten Texte zu ändern oder andere von Privatpersonen verfasste Hochgebete zu verwenden." 
Unter Nr. 173 wird hervorgehoben, dass Verstöße gegen diese Vorschrift zu den "schwerwiegenden Angelegenheiten" zählen. - Nun wissen viele meiner Leser vermutlich ebenso gut wie ich, dass diese Instruktion durchaus nicht von allen Priestern aller Pfarreien immer und überall eingehalten wird; aber eine so drastische Verballhornung des Hochgebets, wie dieser Text sie darstellt, habe ich noch in keiner Messe auch nur annähernd erlebt und hoffe auch in Zukunft davon verschont zu bleiben. Beim Pfarrer der Kirchengemeinde, aus deren Bestand ich mir das gelbe Liederbuch "geliehen" hatte, mache ich mir diesbezüglich auch gar keine Sorgen; dennoch stellt sich die Frage, was dieses Machwerk überhaupt in einem Liederbuch für katholische Gottesdienste zu suchen hat und wie es da hineingekommen ist. Dasselbe gilt auch für einige andere hier besprochene Liedtexte. In letzter Konsequenz verweist diese Frage natürlich auf ein Problem, das sehr viel mehr umfasst als nur das NGL-Genre oder überhaupt die Liedauswahl in der Gemeindemesse. Ähnliche Tendenzen, wie ich sie hier in diversen Liedtexten aufgezeigt habe, findet man schließlich auch in Predigten oder in Beiträgen auf Facebook-Seiten deutscher Bistümer. Wenn sich dann anhand von Umfragen, deren Ergebnisse der FOCUS (oder wer) unter Überschriften wie "Was die Deutschen wirklich glauben" publiziert, oder anhand von Kommentarschlachten auf der Facebook-Seite von katholisch.de herausstellt, dass im Kirchenvolk ein Glaube Raum gewinnt, der in Umrissen noch Ähnlichkeit mit dem Christentum hat, aber abgeschliffen, zurechtgestutzt, aufgeweicht, ausgehöhlt und mit substanziell ganz anderen Inhalten gefüllt wurde, muss man sich im Grunde nicht wundern. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es unter Nr. 1124: "Der Glaube der Kirche geht dem Glauben des einzelnen voraus, der aufgefordert wird, ihm zuzustimmen." Aber wie kann der Einzelne das, wenn man sich gar nicht erst die Mühe macht, ihm den Glauben der Kirche beizubringen? Der Fisch stinkt immer vom Kopf her.

Wenn es also im Großen und Ganzen um weit mehr als nur um NGL-Liedtexte geht - die ja, als weiterer Beleg für die Aussage, dass der Fisch vom Kopf her stinkt, nicht selten von Priestern verfasst wurden; stellvertretend für viele andere seien hier nur mal Wilhelm Willms und Alois Albrecht genannt -, so sind diese dennoch nicht unerheblich. Es mag sein, dass über das gesungene Wort generell, oder zumindest von vielen Hörern, weniger reflektiert wird als über das gesprochene. Wenn dem so ist, dann macht das die Verwendung häretischer Liedtexte im Gottesdienst nicht weniger problematisch, sondern eher noch mehr: Worüber nicht reflektiert wird, das setzt sich umso hartnäckiger in den Gehirnen fest. - Die Generation der vom Geist von '68 geprägten Priester geht allmählich in den Ruhestand, und unter den Jüngeren scheint eine Tendenz zu beobachten zu sein, die Treue zur Lehre der Kirche, eine korrekte und würdige Liturgie und eine solide Katechese wieder ernster zu nehmen. Das ist natürlich oft nicht leicht in Pfarrgemeinden, die über Jahrzehnte hinweg von Hippe-Pfarrern geprägt wurden. Aber umso dringender wäre anzuraten, die diversen "Geister", die man aus den Gemeinden auszutreiben bemüht ist, nicht durch die Hintertür der Liedauswahl wieder hereinzulassen...


Montag, 7. September 2015

Kirche der Reinen oder Kirche der Sünder?

"Die moderne Welt ist nicht böse; in mancher Hinsicht ist sie entschieden zu gut. Sie ist voll wüster und vergeudeter Tugenden. Wenn ein religiöses System zertrümmert wird (wie das mit dem Christentum in der Reformation geschah), dann führt das nicht nur zu einer Entfesselung der Laster. Keine Frage, dass die Laster entfesselt werden; sie streifen umher und stiften Schaden. Aber auch die Tugenden werden entfesselt, und sie streifen noch haltloser umher und richten noch schrecklicheren Schaden an. Die heutige Welt steckt voll von alten christlichen Tugenden, die durchgedreht sind. Sie sind durchgedreht, weil sie auseinandergerissen wurden und allein umherstreifen." 
(G.K. Chesterton, Orthodoxie
Seit einigen Tagen macht eine Predigt eines katholischen Pfarrers Furore in den Sozialen Netzwerken. Das ist ja an sich schon ein bemerkenswerter Umstand und mag Manchem als ein Indiz dafür erscheinen, dass die in Zeiten galoppierender Kirchenaustritte nicht selten mit einer gewissen Bangigkeit geäußerte Frage, ob die Kirche den Menschen noch etwas zu sagen habe, doch zu bejahen sei. Auf jeden Fall hat die Predigt, gehalten am 22. Sonntag im Jahreskreis in der Kirche St. Marien in Lingen-Biene (Emsland) von Pfarrer Jens Brandebusemeyer, offenbar einen Nerv getroffen. 

Das lag sicherlich zunächst einmal am Thema: Pfarrer Brandebusemeyer sprach über Flüchtlinge, genauer gesagt über die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland; insbesondere wandte er sich scharf gegen die Feindseligkeit, die Flüchtlingen mancherorts in Deutschland entgegenschlägt, prangerte rassistische Vorurteile, hasserfüllte Parolen, Drohungen und Gewalt gegen Asylsuchende und deren Unterkünfte an, und betonte, "dass Solidarität mit den Armen, den Flüchtlingen und Bedrängten stets und zu jeder Zeit Aufgabe der Kirche waren, sind und bleiben". Darin ist ihm unbedingt zuzustimmen. Rassismus ist unvereinbar mit dem christlichen Menschenbild, das in jedem Menschen, unabhängig von seiner Herkunft, seiner Muttersprache, seiner Hautfarbe, ja sogar unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit ein geliebtes Kind Gottes sieht; und die Bibel verpflichtet die Gläubigen wiederholt und nachdrücklich zur Gastfreundschaft gegenüber Fremden - von Leviticus 19,33f. ("Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen") bis hin zu Matthäus 25,35c.40b ("ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen... Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan"). Angesichts der Herausforderungen, die der Zustrom Hunderttausender Flüchtlinge nach Deutschland an die Gesellschaft stellt, tun Repräsentanten der Kirche entschieden recht daran, zu betonen, dass Christen in besonderem Maße zu Hilfe und Beistand für die Armen, Verfolgten und Heimatlosen aufgerufen sind. Und ein paar scharfe Worte an die Adresse von Menschen, die sich als Christen definieren und sich dennoch fremdenfeindlich gebärden, sind durchaus auch mal am Platz.

Trotzdem hätte ich ann Pfarrer Brandebusemeyers Predigt Verschiedenes auszusetzen, aber ich will da gar nicht allzu sehr ins Detail gehen. Das wirklich Bemerkenswerte an dieser Predigt ist schließlich das große öffentliche Echo, das sie weit über die Grenzen der Lingener Pfarreiengemeinschaft hinaus findet, obwohl sie ja nun wahrhaftig nicht die einzige Äußerung eines Kirchenvertreters ist, die Solidarität mit Flüchtlingen anmahnt. Was gerade an dieser Predigt so besonders großes Aufsehen erregt, dürfte in erster Linie ein Satz sein, der auch in diversen Presseberichten - so in der Neuen Osnabrücker Zeitung, der Westdeutschen Allgemeinen, dem FOCUS und dem Online-Portal katholisch.de - hervorgehoben wird und dort zu Überschriften Anlass gibt wie "Pfarrer ruft Rassisten zum Kirchenaustritt auf"

Echt jetzt? 

Ja, echt jetzt. Pfarrer Brandebusemeyer sagte wörtlich:
"Sollte jemand in diesem Punkt grundsätzlich anderer Meinung sein, bitte ich ihn oder sie erstmals öffentlich, aus der Kirche auszutreten."
Das wirft ein, sagen wir mal, interessantes Licht auf das Amtsverständnis des Pfarrers; noch mehr aber auf die Leute, die so eine Aussage aus dem Mund eines Geistlichen toll finden. Aber mal der Reihe nach. Sehen wir einmal davon ab, dass der Kirchenaustritt lediglich die Mitgliedschaft in einer Körperschaft des öffentlichen Rechts betrifft und in erster Linie steuerliche Auswirkungen hat, das Kanonische Recht hingegen nicht berührt. Die Zugehörigkeit zur Kirche in ihrer Eigenschaft als mystischer Leib Christi ist durch die Taufe gegeben und als solche unaufhebbar. Die Kirche kennt als äußeres Zeichen des Verlusts der Gemeinschaft mit der Kirche zwar die Exkommunikation, aber diese hebt die Zugehörigkeit zur Kirche nicht auf - und sie zu verhängen liegt zudem nicht in der Befugnis eines einfachen Priesters.

So gesehen ist die Aufforderung zum Kirchenaustritt erst einmal schlicht unsinnig, und man dürfte von einem Priester wohl erwarten, dass er das weiß. Wenn er eine solche Aufforderung dennoch ausspricht, dann sagt das natürlich etwas aus. Diejenigen, die in den Sozialen Netzwerken die "klaren Worte" Pfarrer Brandebusemeyers bejubeln - darunter viele Nichtkatholiken und/oder kirchenferne Personen -, sind vielleicht weniger im Bilde darüber, was ein Kirchenaustritt bedeutet und was er nicht bedeutet, aber ihre begeisterte Zustimmung sagt dennoch ebenfalls etwas aus. Und zwar nichts Gutes. Wiederholen wir ruhig noch einmal: Es trifft zu, dass Rassismus und fremdenfeindliches Verhalten dem christlichen Glauben widersprechen. Mit einem heutzutage nicht mehr besonders populären Begriff könnte man hier von Sünde sprechen. Und welchen Umgang mit den Sündern empfiehlt der Lingener Pfarrer seiner Gemeinde? Ruft er dazu auf, für ihre Bekehrung zu beten, Gott zu bitten, dass er ihre verhärteten Herzen erweichen möge? Ermahnt er diejenigen Sünder, die an diesem Sonntag vielleicht in der Kirche anwesend sind, zu Umkehr und Buße? Nein, er weist ihnen einfach die Tür. Und bekommt dafür auch noch hundertfachen Applaus.

Wohlgemerkt gilt diese Unerbittlichkeit nicht allen Sündern, sondern nur jenen, die der Sünde des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit schuldig sind. Man stelle sich nur mal die Reaktionen vor, wenn ein Pfarrer mit ähnlicher Vehemenz gegen Abtreibung oder, schlimmer noch, gegen die "Ehe für alle" predigen würde. Oder man stelle sich vor, ein katholischer Priester würde all jene zum Kirchenaustritt auffordern, die nicht an die Realpräsenz Christi in der Eucharistie glauben. - Es ist schon komisch: Wenn zivilrechtlich wiederverheiratete Geschiedene vom Empfang der Kommunion ausgeschlossen werden, dann gilt das als "unbarmherzig", und wenn ein Bischof anregt, sie könnten statt der Kommunion einen Segen erhalten, wird das als "public shaming" aufgefasst. Aber wenn es um Menschen geht, die Vorurteile gegen Fremde hegen, dann kann die Kirche auf einmal gar nicht unbarmherzig genug sein.

Die weit überwiegende Mehrheit der Deutschen ist Asylsuchenden gegenüber wohlwollend und hilfsbereit. Das ist erfreulich, aber weniger erfreulich ist, dass sich in der begeisterten Zustimmung zur Predigt des Lingener Pfarrers wie auch zu anderen öffentlichen Wutreden gegen Ausländerfeinde nicht selten eine irritierende Lust am Ausgrenzen und Verdammen Bahn bricht, die in (fast) jedem anderen Zusammenhang aus guten Gründen verpönt wäre. Zuweilen kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass solche Wortmeldungen nicht zuletzt auch der Selbstvergewisserung dienen sollen, dass man zu den Guten gehört.

In der Kirche ist so etwas besonders ärgerlich. Hetze und Gewalt gegen Flüchtlinge, gegen Fremde, gegen Notleidende sind zu verurteilen, ganz klar. Aber was ist eigentlich aus dem christlichen Grundsatz geworden, die Sünde zu hassen, nicht aber den Sünder? Aus der in der Lingener Kirche an die Ausländerfeinde gerichtete Aufforderung zum Kirchenaustritt mag man die Worte Jesu aus Matthäus 7,23 - "Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes!" - heraushören; aber diese Worte auszusprechen, ist eben Jesus vorbehalten, und zwar beim Jüngsten Gericht. Bis dahin sollte sich die Kirche darauf besinnen, dass sie ein Netz mit guten und mit faulen Fischen (Matthäus 13, 47-50) ist, ein Acker, auf dem Weizen und Unkraut wachsen ("Lasst beides wachsen bis zur Ernte" - Matthäus 13,30) - und dass nicht die Gesunden den Arzt brauchen, sondern die Kranken (Matthäus 9,12). Auch das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner (Lukas 18,9-14) wäre jenen als Lektüre zu empfehlen, die sich über den Rauswurf Anderer aus der Kirche freuen.

Unabhängig vom konkreten Anlass ist es fatal, wenn "Kirche" (ohne bestimmten Artikel) sich einbildet, eine Gemeinschaft der Reinen zu sein. Das ist sie nicht. Die Kirche ist eine Gemeinschaft von Sündern. Wäre dem nicht so, dann hätte Jesus Christus nicht für unsere Sünden sterben müssen.

Letzteres - dass Jesus Christus für unsere Sünden gestorben ist - wäre übrigens etwas, wovon in der Kirche ruhig öfter gesprochen werden dürfte. Auch in Predigten.