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Dienstag, 8. September 2015

Jubilate Deo - Teil III: Die mit der Gurke tanzt

Wie doch die Zeit vergeht: Schon haben wir September, und seit Anfang Juli bin ich meinen Lesern noch die Besprechung von 15 der 32 Liedtexte schuldig, die ich bei der Durchsicht des NGL-Liederbuchs "Jubilate Deo" in die Kategorie D - "Flieht, ihr Narren!" - eingeordnet hatte. Aber keine Sorge: Das aus der Kirche gemopste Buch habe ich längst wieder zurückerstattet. Nun muss ich nur noch meine Lesenotizen ordnen und mit ein paar hoffentlich erhellenden Hintergrundinformationen garnieren. 

Gleich zu Beginn eine gute Nachricht: Wenn ich nichts übersehen habe, dann hat es nur ein einziges der von mir in Kategorie D einsortierten Lieder in den Stammteil des neuen Gotteslobs geschafft. Es handelt sich um die Nr. 177 von "Jubilate Deo", im Gotteslob zu finden unter Nr. 458 und dort als "ökumenisch" gekennzeichnet: "Selig seid ihr" von Karl Friedrich Barth/Peter Horst (Text) und dem unvermeidlichen Peter Janssens (Musik). "Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt. Selig seid ihr, wenn ihr Lasten tragt..." - da könnte man fragen: Was ist nun daran so furchtbar verkehrt? Nun ja: Wie bei manch einem NGL ist auch hier das Problem nicht so sehr das, was im Text drinsteht, sondern was nicht drinsteht. Barth und Horst vollbringen hier nämlich das Kunststück, die Seligpreisungen aus der Bergpredigt so nachzudichten, dass ihnen jeglicher Gottesbezug fehlt. Zwar sind die originalen Seligpreisungen in der Nachdichtung noch mehr oder weniger gut wiedererkennbar; was jedoch völlig fehlt, sind die daran geknüpften Verheißungen ("Denn sie werden..."). Somit entsteht der Eindruck, die Seligkeit bestehe nicht in dem, was denjenigen Menschen, die den Seligpreisungen gemäß leben, verheißen wird, sondern bereits in den genannten Verhaltensweisen selbst. Dass die Seligpreisungen zudem in Form von Konditionalsätzen daherkommen ("Selig seid ihr, wenn..."), verstärkt noch den Eindruck, die Seligkeit sei etwas, das die Menschen aus eigener Kraft durch ihr Tun erreichen könnten - wie sollte es auch anders sein, wenn von Gott keine Rede ist. Das würde ich dann mal als entschieden häretisch bezeichnen - da kann die Vertonung von Peter Janssens noch so sakral tönen. 

Bleiben also noch 14 weitere Texte zu behandeln. Am Schluss meines vorigen NGL-Evaluations-Artikels - der solchen Liedtexten gewidmet war, in denen sich mehr oder weniger deutlich der Einfluss einer marxistisch inspirierten Befreiungstheologie widerspiegelt - hatte ich angekündigt, die Fortsetzung werde sich schwerpunktmäßig darum drehen, was aus der '68er Generation wurde, nachdem sie das Kiffen für sich entdeckt hatte. Nun wohl! Beginnen wir mit der Nr. 230 von "Jubilate Deo", "Ich will ein Narr sein" von der bereits im vorangegangenen Artikel erwähnten Christa Peikert-Flaspöhler (Text) und Reinhard Horn (Musik). Letzterer bezeichnet sich selbst als "Kinderliedermacher"; jedenfalls ist es das, was er heute tut. Wie Tante Wiki verrät, wurde er anno 1971 vom unvermeidlichen Peter Janssens und the one and only Ludger Edelkötter an das NGL-Genre herangeführt; keine weiteren Fragen, Euer Ehren. Das Lied "Ich will ein Narr sein" steht gewissermaßen an der Grenze zwischen politischem Aktivismus und Neuer Innerlichkeit, oder man könnte auch sagen: Es markiert den Punkt, an dem der politische Aktivismus der Nach-'68-Ära mit dem Gesicht voran in die Neue Innerlichkeit hineinkippt. Bei dem Titel mag man an das Wort des Apostels Paulus aus 1. Korinther 4,10 "Wir sind Narren um Christi willen" (so die sprichwörtlich gewordene Luther-Übersetzung) denken, aber damit täte man dem Liedtext schon zu viel der Ehre an. "Ich will ein Narr für das Leben sein und nicht ein Bürger für den Tod": Da klingt noch einmal das alte Hippie-Credo "Turn On, Tune In, Drop Out" an, die Verachtung des Bürgerlichen, der Ausstieg aus dem Hamsterrad der Leistungsgesellschaft; aber alsbald stellen sich grausam klischierte Sprachbilder aus dem Fundus der Neuen Innerlichkeit ein: "stromgegen im kleinen Boot" (Refrain), "Ich stimme für Kinder aller Rassen" (Strophe 1), "ich stimme für Tiere, Wasser, Gras" - Letzteres nun wahrlich keine Überraschung (Strophe 3), "Hoffnung, Freude, Mut" (Strophe 4). Was die Eignung des Liedtexts für den kirchlichen Gebrauch betrifft, so muss man anerkennen, dass ganz am Ende - dito in Strophe 4 - tatsächlich Gott erwähnt wird: "Gott bleibt uns jederzeit treu / ich bitte ihn: mache uns neu". Das ist ja schon einmal etwas, genügt aber nicht, um das Lied zu retten. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie auf den Ostermärschen der 80er Jahre Scharen junger Menschen beiderlei Geschlechts mit langen, fettigen Haaren, Pali-Tüchern und, ironischerweise, Bundeswehr-Parkas (allerdings mit sorgfältig herausgetrennten Hoheitszeichen) diese Verse trällerten. Voller Ergriffenheit, versteht sich. 

Das Lied "Leben ist mehr", Nr. 196 in "Jubilate Deo", stammt aus der Feder von Liedermacher Rolf Zuckowski. Das ist an und für sich nicht sonderlich schlimm, erklärt aber schon mal, dass und warum man nach einem spezifisch christlichen Gehalt gar nicht erst zu suchen anfangen muss. Aussagekräftig ist der Text jedoch allemal, ja, man könnte sagen, er sei paradigmatisch für die Neue Innerlichkeit, deren Siegeszug sich ja gerade dem existentiellen Ungenügen an der materialistischen Weltsicht des Marxismus verdankt. Das "Mehr", das der Liedtext einfordert, ist gerade das, was im rein materialistischen Zugriff auf die Realität schlicht nicht vorkommt: das Ideale, das Schöne, Emotion, Phantasie - kurz gesagt jenes Wesentliche, das für die Augen unsichtbar ist und das man nur mit dem Herzen gut sieht. Die inhärente Tendenz zur Sentimentalität versucht Zuckowskis Text durch eine an einigen Stellen gewollt rotzige Wortwahl zu kontern, wie etwa "Leben ist mehr als Kohle und Kies". Das alles ist ausgesprochen zeittypisch und somit von hohem dokumentarischem Wert - aber in einer Kirche, in einem Gottesdienst, hat es, so möchte ich meinen, nichts zu suchen.

Unter Nr. 251 findet der staunende Gesangbuchbenutzer Bettina Wegners "Kinder". Dieser Schmachtfetzen, der in gewollt niedlich-naivem Sprachduktus einen behutsamen Umgang mit Kindern anmahnt, war 1978, auf dem Höhepunkt der Neuen Innerlichkeit, die uns auch den Circus Roncalli, den Abenteuerspielplatz, Peter Lustig und den Tag, als Conny Kramer starb beschert hat, ein großer Hit, und in der hardcore-antiautoritären Norwegerpulli- und Birkenstocksandalenfraktion ist der Song womöglich noch heute beliebt. Dass er es aber in ein kirchliches Liederbuch geschafft hat, hat möglicherweise damit zu tun, dass eine quasi-religiöse Idealisierung des Kindes als vermeintlich "reiner Mensch" -  vorbereitet u.a. durch Ellen Keys "Das Jahrhundert des Kindes" (1900, dt. 1902) - sich in der Nach-'68-Ära zunehmend auch in den christlichen Kirchen breit machte; was einerseits zwar schlecht mit der Erbsündelehre zu vereinbaren war, andererseits aber an Matthäus 18,3 ("Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder...") und womöglich sogar an die volkstümlich-schwärmerische Verehrung des "Jesukindeleins" (parappapampam) anknüpfen konnte. Außer für ursprüngliche Reinheit und unverdorbene Natürlichkeit steht das Kind emblematisch auch für den Menschen der Zukunft, ja es personifiziert geradezu die kommenden Generationen und wird somit desto mehr zum Idol, je mehr die Verantwortung gegenüber letzteren an die Stelle der Verantwortung gegenüber Gott tritt. Diese Entwicklung zeigt sich in einem Slogan der Ökologiebewegung - "Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geliehen" - ebenso wie im Motto des Evangelischen Kirchentags 2005, "Wenn dein Kind dich morgen fragt...".

Aber ob mit oder ohne Berücksichtigung dieses kulturhistorischen Hintergrunds: Dass das Lied nicht gottesdiensttauglich ist, sollte sich eigentlich von selbst verstehen. Und das gilt auch für Kindergottesdienste! Mal ganz abgesehen davon ist das Lied auch an und für sich einfach unerträglich larmoyant. Die adäquate Antwort auf diese Kitschgranate hat bereits 1989 Otto Waalkes in seinem Film Otto - der Außerfriesische gegeben:


Nr. 329, "Jesus wohnt in unsrer Straße" von Rudolf Otto Wiemer (Text) und the one and only Ludger Edelkötter (Musik), steht in puncto Larmoyanz nicht weit hinter Bettina Wegners "Kinder" zurück, hat aber, wie schon der Titel verrät, immerhin einen klaren Bezug zum Christentum. Oder tut zumindest so. In fünf Strophen beschreibt das lyrische Ich des Liedtexts Begegnungen mit Menschen in seiner Straße - armen, alten, einsamen, vernachlässigten und ausgegrenzten Menschen, in denen das lyrische Ich Jesus erkennt. Das ist offenkundig an Matthäus 25,40 angelehnt, verzerrt die Aussage dieses Jesuswortes jedoch ins Rührselige und beraubt es damit seiner Brisanz. Um es mit den Worten Arno Schmidts zu sagen, dieser Liedtext ist ganz einfach erzabderitischer Kitsch. Meine "Lieblings"-Strophe ist die vierte:
"Jesus wohnt in uns'rer Straße,
Ist ein Schlüsselkind.
Gestern bin ich ihm begegnet,
Eiskalt pfiff der Wind.
Und es stand am Zaun und weinte,
Und es sah mich an und sprach:" 
Diese Strophe ist nicht nur unerträglich tränendrüsendrückerisch, sondern zudem hochgradig unlogisch; schließlich zeichnet sich ein Schlüsselkind dadurch aus, dass es einen eigenen Schlüssel fürs Haus bzw. die Wohnung hat. Also muss es nicht weinend im eiskalt pfeifenden Wind herumstehen, sondern kann nach Hause gehen, sich eine Portion Eintopf warm machen und anschließend mit den Füßen auf dem Wohnzimmertisch vor dem Fernseher Eiscreme schlabbern. So gut hatte Jesus es nicht.
(Wem übrigens die Originalvertonung von the one and only Ludger Edelkötter noch nicht schmalzig genug ist, für den gibt es übrigens eine Neuvertonung von Hanno Herbst, die einem endgültig die Amalgamfüllungen aus dem Zähnen herausschmilzt.)

Nr. 178 des Liederbuchs, "Wo ist denn Gott" von Wilhelm Willms (Text) und abermals the one and only Ludger Edelkötter, macht schon allein vom Titel her misstrauisch. Die Antwort, die die erste Strophe auf die rhetorische Frage des Titels gibt - "siehst du ihn nicht, auf deines Nachbarn Angesicht" - legt wiederum eine Deutung im Sinne von Matthäus 25,40 nahe, aber im Ganzen wirkt der Liedtext ausgesprochen wirr. Strophe 2 ("Was kann denn Gott, was kann denn Gott / Er gibt das Land, er gibt das Land / in deine und in meine Hand") scheint auf Matthäus 5,5 anzuspielen, klingt dabei vage nach politischem Aktivismus nach Art von "Ein Kessel Rotes", aber Letzteres ist vielleicht schon Überinterpretation. Vollends verwirrend ist die letzte Strophe:
"Und wer bist du, und wer bist du
Du bist es nicht, du bist es nicht
Hast du nicht Gott im Angesicht" - 
- was wollen uns diese Verse sagen? Hat die erste Strophe in Anlehnung an das bereits genannte Jesuswort dazu aufgerufen, im Nächsten Gott zu erkennen, so scheint die letzte Strophe zu sagen: Erkennt man im anderen Menschen Gott nicht, dann ist dieser auch nicht der Nächste, dem man als Christ Liebe schuldet. Oder wie oder was? Letztlich kann man sich nicht einmal sicher sein, ob der Text kryptisch oder einfach banal ist, sprich: ob er eine verborgene Bedeutung hat oder etwa gar keine.

Nr. 39, "Alles was atmet" von Hans-Jürgen Netz (Text) und Christoph Lehmann (Musik), wäre an sich gar nicht so schlimm - wenn es nicht ausgerechnet in die Sanctus-Abteilung des Liederbuches eingeordnet worden wäre. "Alles was atmet, alles was lebt ist heilig vor dir, ist heilig für uns": Kann man so sagen, ist nicht direkt verkehrt, aaaber: Im Sanctus soll es um die Heiligkeit Gottes und seines Messias gehen. Wenn an dieser Stelle der Liturgie stattdessen die Heiligkeit allen Lebens besungen wird, dann entsteht allzu leicht der Eindruck einer Vergöttlichung der Schöpfung. Was auf einen bislang nur am Rande erwähnten Aspekt der Neuen Innerlichkeit verweist, nämlich eine mehr oder weniger stark pantheistisch angehauchte Öko-Romantik. Davon hat die Sammlung "Jubilate Deo" noch mehr zu bieten.

So zum Beispiel Nr. 183, "Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig". Der Sprachduktus des Texts erinnerte mich gleich auf den ersten Blick an gewisse Kalender- bzw. Postkartensprüche, wo immer "Indianische Weisheit" drunter steht, wo aber, wie Max Goldt einmal bissig anmerkte, genausogut auch "Indianische Doofheit" drunter stehen könnte. Und richtig: Der Liedtext ist ein Auszug aus der legendären Rede des Häuptlings Seattle - "legendär" auch insofern, als sie in wesentlichen Teilen gar nicht von dem Suquamish-Häuptling Seattle (ca. 1786-1866) stammt, dem sie zugeschrieben wird: Die Rede, die Seattle im Jahr 1854 vor dem Gouverneur des Washington-Territoriums hielt, wurde erst 1887 anhand von Notizen eines Zuhörers auszugsweise veröffentlicht; die Authentizität dieser Version ist naturgemäß fragwürdig, aber noch entscheidender ist, dass sie mit dem Text, der seit den 1970er Jahren unter dem Titel "Rede des Häuptlings Seattle" kolportiert wird und (ähnlich wie die hinsichtlich ihrer Authentizität mindestens ebenso fragwürdige Weissagung der Cree) einen modernen Mythos der Ökologiebewegung darstellt, nur wenig gemein hat. Besonders bezeichnend ist, dass in der Fassung von 1887 überhaupt keine Rede von Umweltzerstörung ist. Dass auch die oben schon erwähnte Weisheit, derzufolge wir die Erde nur von unseren Kindern geliehen hätten, zuweilen Häuptling Seattle zugeschrieben wird, sei nur am Rande erwähnt. Dagegen ist der Satz "Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig" durchaus bereits in der Fassung von 1887 enthalten, bezieht sich dort jedoch auf die Begräbnisplätze von Seattles Stamm und somit auf den Ahnen- und Totenkult der Indianer - was den Text für die Verwendung in christlichen Gottesdiensten nun nicht gerade geeigneter erscheinen lässt. Die Vertonung aus dem Jahr 1978 stammt von Stefan Vesper, dem heutigen Generalsekretär des "ZdK"; was wohl eine (wenn auch unbefriedigende) Antwort auf die Frage darstellt, wie dieses Lied es in ein kirchliches Liederbuch geschafft hat.

Von der "(Pseudo-)Indianischen Weisheit" mit ihrem pantheistisch-naturreligiösen Grundton ist es kein weiter Weg zur manifesten Esoterik, aber auf diesem Weg müssen wir noch kurz bei einem Lied aus der Kategorie "Ich weiß nicht, was ich davon halten soll" Station machen: Nr. 164 von "Jubilate Deo", dort mit der Überschrift "Hier und da" versehen, ansonsten aber unter dem Titel "Einmal wurd es am Himmel hell" bekannt. Es stammt aus dem Musical "Ave Eva oder Der Fall Maria" von Wilhelm Willms (Text) und dem unvermeidlichen Peter Janssens (Musik) - was insofern schon mal recht, äh, interessant ist, als die Deutsche Bischofskonferenz 1973 ein Aufführungsverbot für dieses Musical ausgesprochen hat: Es stelle die Jungfrau Maria auf eine Weise dar, die nicht mit dem Glauben der Kirche vereinbar sei, hieß es zur Begründung. Aufgeführt wurde das Musical später aber doch, wobei es immer wieder zu Kontroversen kam - so etwa 1980 beim Katholikentag in Berlin und zuletzt 2004 beim "Mitteleuropäischen Katholikentag" in Mariazell. - Zum Text von "Einmal wurd es am Himmel hell" ist anzumerken, dass er womöglich verständlicher wäre, wenn man ihn im Gesamtzusammenhang der Musicalhandlung betrachten könnte. Für sich selbst genommen erscheint er zunächst als Aneinanderreihung von in kurzen Sätzen zusammengefassten Episoden der Schöpfungsgeschichte, um dann in der Mitte von Strophe 3 plötzlich in die Zukunft zu springen: Auf "Einmal kam" folgt "Einmal wird kommen". In den auf die Zukunft bezogenen Versen heißt es u.a. "Einmal wird einer auferstehn"; das ergibt wohl innerhalb des Musicals, das ja offenbar zur Zeit Jesu spielt, einen Sinn, aber außerhalb dessen macht es stutzig: Wieso, denkt man - IST der Eine nicht schon auferstanden? - Jeder Vers endet mit dem Kehrreim "hier und da", was auf die Dauer nicht nur enervierend redundant, sondern auch gehörig kryptisch wirkt: Zur Verwirrung der Zeitebenen gesellt sich die Verwirrung des Ortes, "hier und da" fallen ebenso in Eins wie Vergangenheit und Zukunft. Das sieht nach einem verborgenen, verschlüsselten Hintersinn aus, nach einer gnostischen Geheimlehre geradezu; dieser Eindruck mag trügen, aber dann wäre der Liedtext einfach nur banal und doof.

Nun aber - husch! - das Batik-Kleidchen übergestreift, Ringe an die Zehen gesteckt, Räucherstäbchen entzündet und die Klangschalen ausgepackt, denn mit Nr. 15, "Ich glaub an einen Gott, der singt" von Winfried Pilz (Text) und Noel Colombier (Musik) entführt die Liedersammlung den staunenden Leser in die Welt der von vermeintlicher oder tatsächlicher fernöstlicher Mystik inspirierten Hippie-Esoterik - und bietet diese Nummer allen Ernstes als Credo-Lied an! "Ich glaube, Gott ist Klang / Sein Wesen ist Gesang": Da würde manch ein Yogi und Hindu zustimmend nicken, kennt man doch schon aus den altindischen Veden den Begriff des Nada Brahma - "Die Welt ist Klang" oder "Alles ist Klang". Durch die Ursilbe OM wurde das Universum erschaffen, und seither ist die ganze Welt voll Musik - Gurus wie Osho, Swami Durchananda - nein, pardon: Sivananda - und Joachim Ernst Berendt können, man verzeihe mir den Kalauer, ein Lied davon singen. Dem modernen Menschen kommen solche Vorstellungen entgegen, da sie sich problemlos in ein naturwissenschaftliches Weltbild integrieren lassen ("Sauerstoffteilchen schwingen in C-Dur") und dennoch einen Hauch von Wunder und Geheimnis in die entzauberte Wirklichkeit zurückbringen. Da kann man dann staunend und raunend vor den Mysterien des Kosmos verharren und sich aufgehoben fühlen im Weltganzen - in der vierten Strophe des Liedes heißt es:
"Ich glaube auch das Weh'n
Des Geistes zu versteh'n
Er eint uns immerfort
Zum göttlichen Akkord" - 
- nur mit dem christlichen Glauben hat das alles nicht schrecklich viel zu tun, so sehr Textautor Pilz, seines Zeichens immerhin Priester im Erzbistum Köln, sich auch bemüht, christliche Begriffe hineinzumengen. Nebenbei bemerkt hat gerade in der zitierten Passage der Begriff "Glauben" einen gewissen spekulativen Unterton, es ist eher ein Glauben im Sinne von "Vermuten" als ein Glauben im christlichen Sinne, der im wesentlichen Vertrauen, An-vertrauen, Beziehung, Nachfolge ist. Aber das ist ja gerade das Praktische an dieser "Alles ist Eins"-Esoterik: Statt in alle Welt hinauszuziehen und das Evangelium zu verkünden, kann man auf seiner Bank sitzen bleiben und dem Kosmos beim Raunen zuhören.

Dass Pilz in Strophe 3 dichtet "Ich glaub, dass Jesus Christ / Lied und auch Sänger ist", leitet übrigens sehr schön zu Lied Nr. 330 über, in dem Jesus außerdem auch noch Tänzer ist: "Herr des Tanzes" ist eine von Rüdiger Maschwitz verfasste Nachdichtung des englischen Songs "Lord of the Dance". Dieser wird gern für ein Traditional gehalten, aber das liegt nur an der Melodie, die von einem 1848 komponierten Lied Namens "Simple Gifts" übernommen wurde. Der Text hingegen wurde 1963 von Sydney Carter verfasst. Dem Wortlaut des Texts nach ist mit dem Herrn des Tanzes zwar Jesus Christus gemeint, aber seine Darstellung als Kosmischer Tänzer ist nun nicht gerade christliches Glaubensgut. Carter selbst gab an, er sei durch eine Statue der Hindu-Gottheit Nataraja (d.h. "König des Tanzes"), einer Erscheinungsform des Gottes Shiva, inspiriert worden. (Andererseits knüpft Carters Text offenbar auch an das schon 1833 veröffentlichte Lied "Tomorrow Shall be My Dancing Day" an, in dem Jesus in ich-Perspektive auf seine bevorstehende Passion vorausblickt und sie als Tanz beschreibt.) Carter äußerte sich überrascht, wie gut sein "Lord of the Dance" in kirchlichen Kreisen aufgenommen wurde; er habe angenommen, der Text würde als häretisch betrachtet werden. Na, da ist er zumindest bei mir an der richtigen Adresse. - Der Verfasser der deutschen Textfassung, Rüdiger Maschwitz, ist evangelischer Pfarrer und Pädagoge; seine Publikationsliste, die Werke wie "Phantasiereisen zum Sinn des Lebens" (München 1998) und "Aus der Mitte malen - heilsame Mandalas" (München 1996) umfasst, lässt darauf schließen, dass er ein gewisses Faible für esoterische Einflüsse hat. Auch nicht ganz uninteressant ist in diesem Zusammenhang das Tanz-Musical Lord Of The Dance von Michael Flatley (1996), dessen Handlung sich als "Nacherzählung einer alten irischen Legende vom Kampf der guten Mächte gegen die bösen Mächte" ausgibt; eine Instrumentalversion des gleichnamigen Liedes (bzw. eigentlich des Liedes "Simple Gifts", von dem die Melodie ja stammt - was den Machern des Musicals aber offenbar nicht bekannt war) beschließt dort den I. Akt.

Die Verknüpfung von Esoterik und Feminismus gelingt mühelos mit Nr. 344, "Mutter Geist" von Sybille Fritsch-Oppermann (Text) und dem unvermeidlichen Peter Janssens (Musik); hier wird der Heilige Geist als weiblich angesprochen:
"Mutter Geist, mit deiner guten Hand,
Mutter Geist, halt mich fest! [...]
Schwester Geist, mit deiner Fröhlichkeit,
Schwester Geist, mach mich stark. [...]
Freundin Geist, mit deiner Zärtlichkeit,
Freundin Geist, hüll mich ein." 
Das sieht auf den ersten Blick nach einer ganz modernen feministisch-esoterischen Häresie aus, aber wie schon Chesterton so treffend sagte: Neue Ideen sind in Wirklichkeit meist nur alte Irrtümer. Mit spekulativen Lehren der Art, dass der Heilige Geist, die dritte Person der Trinität, "Mutter des Sohnes und Gefährtin des Vaters" sei, musste sich schon der Heilige Augustinus herumschlagen. Die Gnostiker identifizierten die als weiblich verstandene Personifikation der Weisheit Gottes, genannt Sophia, sowohl mit der Braut Christi als auch mit dem Heiligen Geist. Auch auf feministisch-neuheidnischen Websites kann man zu dieser Heiligen Geistin so Einiges finden.
Bei der Autorin des Texts muss man sich übrigens über nichts wundern: Sybille Fritsch-Oppermann ist evangelische Pfarrerin, hat außer Theologie, Sozial- und Musikwissenschaften auch eineinhalb Jahre lang in Japan "Vergleichende Kulturwissenschaft" studiert und sich in dieser Zeit "in Theorie und Praxis dem Zen-Buddhismus" gewidmet: "Sie verbrachte vier Monate in einem Tempel, wo sie buddhistische schriften studierte und den religiösen Alltag miterlebte. In dieser Zeit habe sie viel Mut getankt für die folgende Vikariatszeit [...], sagt sie." Die "Forderung nach einer frauengerechten Sprache" in der Kirche verficht sie schon seit den 70er Jahren, "denn bis dahin wurden Frauen in den Gottesdiensten, Liedern und Gebeten totgeschwiegen." (Ach, wirklich?) Das Lied "Mutter Geist" ist somit erkennbar darauf ausgerichtet, dem (vermeintlich unterdrückten) "weiblichen Element" seinen Platz in der Kirche "zurückzugeben". Vermengt sich dieses Ansinnen mit esoterisch angehauchten Vorstellungen einer archaisch-chtonischen Weiblichkeit, muss man sich auch über Salz-und-Gurken-Rituale am Altar, die aussehen wie direkt aus dem Wicca-Kult übernommen, nicht mehr wundern.

Überhaupt ist der Heilige Geist ja ein Lieblingstier vieler Möchtegern-Kirchenreformer und -Revolutionäre; vor allem wohl, weil er laut Johannes 3,8 "weht, wo er will" - "souverän und frei, von keinem zu pachten", wie der Hamburger Weihbischof Jaschke es einmal ausdrückte. Ironischerweise versucht trotzdem so manches Grüppchen regelmäßig, ihn für sich zu "pachten" - besonders, wenn es gegen das kirchliche "Establishment" geht. Dahinter steckt mehr, als man zunächst denken möchte. Im 12. Jh. entwickelte der Zisterziensermönch Joachim von Fiore die Lehre der Drei Reiche, die mit den drei Personen der göttlichen Dreifaltigkeit korrespondierten: Das alttestamentarische Judentum sei das Reich des Vaters gewesen, dieses sei abgelöst worden durch das Christentum als Reich des Sohnes, das seinerseits wieder abgelöst werden werde durch ein Drittes Reich [sic!] - das des Heiligen Geistes nämlich. Joachim sagte den Beginn des Letzteren für das Jahr 1260 voraus; das Nichteintreffen seiner Voraussage hat er nicht mehr erlebt, aber die Hoffnung auf das Anbrechen eines Zeitalters des Heiligen Geistes, verstanden als ein Zeitalter universeller Harmonie, ist dennoch  nicht ausgestorben - und hat sich in neuerer Zeit verbunden mit astrologisch-esoterischen Vorstellungen, die den Anbruch eines neuen spirituellen Zeitalters an den Durchzug des so genannten "Frühlingspunkts" durch das Tierkreiszeichen des Wassermanns knüpft:


Das passt auch deshalb so gut, weil die Ära des Christentums - Joachims Reich des Sohnes - auf diese Weise mit dem astrologischen Zeitalter der Fische zusammenfällt - der Fisch ist ja ein traditionelles Christussymbol. Halten wir in diesem Zusammenhang auch fest, dass der Anbruch des Wassermann-Zeitalters in der Hippie-Esoterik ziemlich genau in jene Zeit fällt, in der auch das NGL-Genre entstand. Das über diesem Absatz eingebettete Video möge übrigens belegen, wie sehr das Musical Hair auch musikalisch auf das NGL eingewirkt hat; man vergleiche etwa diese Komposition des unvermeidlichen Peter Janssens.

Aber zurück zum Heiligen Geist: Nr. 345 von "Jubilate Deo", hier "Neuer Wein in neuen Schläuchen", sonst (nach den Anfangsworten) "Wenn der Geist sich regt" betitelt, von Norbert Weidinger (Text) und the one and only Ludger Edelkötter (Musik), wird besonders gern für Firmgottesdienste verwendet. Wenn man bedenkt, dass das Sakrament der Firmung laut Lumen Gentium 11 - auch zitiert im Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1285 - dazu dienen soll, die Getauften "vollkommener der Kirche" zu verbinden und "und mit der besonderen Kraft des Heiligen Geistes" auszustatten - "so sind sie noch strenger verpflichtet, den Glauben als wahre Zeugen Christi in Wort und Tat zugleich zu verbreiten und zu verteidigen" -, dann mutet es allerdings recht seltsam an, wie die Jugend in diesem Liedtext quasi zur innerkirchlichen Oppositionsbewegung stilisiert wird. Im Refrain wird dem Jesuswort "Auch füllt man nicht neuen Wein in alte Schläuche. Sonst reißen die Schläuche, der Wein läuft aus und die Schläuche sind unbrauchbar. Neuen Wein füllt man in neue Schläuche, dann bleibt beides erhalten" (Matthäus 9,17) eine betont aktivistische und anti-traditionalistische Wendung gegeben:
"Füllt den neuen Wein nicht in die alten Schläuche!
Zwängt die junge Kirche nicht in alte Bräuche!" 
Nun ist es, auch unter Berücksichtigung des Kontexts der oben genannten Bibelstelle, kaum zu leugnen, dass Jesus mit seinem Gleichnis in der Tat das revolutionär Neue seiner Lehre betonen wollte, das sich nicht dem von den Pharisäern und Schriftgelehrten verfochtenen zeremoniellen Gesetz des alten Judentums unterwerfen lasse. Aus Norbert Weidingers Liedtext spricht nun aber eine Haltung, die das Revolutionäre am Christentum im quasi-trotzkistischen Sinne als permanente Revolution auffasst: Die historisch "alt gewordene" Kirche rückt in dieser Sichtweise an die Stelle der alten Pharisäer und Schriftgelehrten, sodass ihre "alte[n] Bräuche" abermals der Kraft des Neuen weichen müssen. Als treibende Kraft dieser permanenten Revolution wird, hier wie auch sonst, der Heilige Geist angesehen; Strophe 2 wird diesbezüglich sehr deutlich:
"Wenn der Geist sich regt
Und Feuer legt
Und verbrennen will
Was ihr noch pflegt"...
...dann, ja dann wird - ganz ähnlich, wie ich es vor einiger Zeit bei einer Laienpredigt in der Stuttgarter Domkirche zu hören bekam - konservativen Katholiken rundheraus unterstellt, mit ihrem Festhalten an tradierten Bräuchen widersetzten sie sich dem Wirken des Heiligen Geistes. Zu fragen wäre da allerdings, ob nicht manch ein Neuerer in seinem (berufs-)jugendlichen Überschwang "seinen eigenen Vogel für den Heiligen Geist hält", wie Kardinal Meisner es gern ausdrückte.

Aber keine Sorge, es geht auch noch viel schlimmer.

Das mit ziemlichem Abstand scheußlichste Lied des Sammelbandes, bezeichnenderweise ein anonymes Werk, ist Nr. 197: "Ich möcht als Kirche". Schon der Titel und Liedanfang macht deutlich: "Wir sind Kirche" genügt nicht, vielmehr muss es heißen "Die Kirche bin ich". Und darum wird gefordert, dass die Schwarte kracht. Man will raus aus den Talaren, unter denen man den Muff aus 2000 Jahren wähnt:
"Ich möcht als Kirche mich bewegen,
Möcht' freier atmen und mich regen,"
und, jetzt kommt's:
"Nicht warten auf den höhern Segen" ! 
Weil, wer braucht sowas schon. Als Kirche. Was die neue Kirche offenbar auch nicht braucht, sind Sprachgefühl und Stilempfinden; und so geht es munter weiter:
"Die Frauen melden sich mit Power,
Sie werden stark so auf die Dauer..."
...mich aber überläuft ein Schauer. - Was aber wollen die kirchlichen Powerfrauen, bzw. was wollen sie nicht? "Sie wollen nicht länger zweite Wahl sein." das reimt sich zwar nicht, aber macht ja nichts. Endreime sind sowieso reaktionär und patriarchalisch. Oder so. Folgerichtig heißt es in der 3. Strophe:
"Aus Rom hör'n wir fast nur Ermahnung,
Von Freude bleibt da nur 'ne Ahnung." 
Ein klassisches Pubertätsdrama: man möchte sich Blumen ins Haar winden, seinen BH verbrennen und mit einem bärtigen Studienabbrecher nach Alaska ausbüxen, und womit kommen einem die Eltern? Mit nichts als Ermahnungen! Kreuzdonnerwetter! - In Strophe 4 wird noch eine Schippe draufgelegt:
"Das gute zweite Vatikanum
Erkannte an der Laien Ahnung
Doch ist gefährdet diese Planung" - 
dieser Mythos eines angeblichen konservativen Roll Back in der Kirche, der die Errungenschaften des II. Vatikanischen Konzils rückgängig machen wolle, datiert den Liedtext zielsicher in die 80er Jahre. Insofern könnte man sich fast darüber amüsieren, wie sehr die damaligen "Jungen Wilden" der Kirche inzwischen in die Jahre gekommen sind und dabei immer noch glauben, den Fortschritt zu verkörpern; das ist ein bisschen wie in der Spätzeit der DDR, wenn die ganzen Mümmelgreise des ZK der SED sangen "Wir sind die junge Garde des Proletariats"... Aber, na ja: Ganz so lustig ist es dann wohl doch nicht. Würden gewisse Leute, die sich immer auf das II. Vaticanum berufen, mal nachschauen, was in den Konzilsdokumenten tatsächlich drinsteht, würden sie vermutlich ganz schön lange Gesichter machen, aber das wäre ein Thema für sich.

Nicht einmal mehr mit Humor zu ertragen ist die Nr. 33 von "Jubilate Deo", aber erwähnt werden muss sie trotzdem, oder gerade deswegen. Die Herkunft des Texts habe ich nicht eruieren können, aber der Titel "Holländisches Hochgebet" legt nahe, dass er aus den Niederlanden stammt und dort, irgendwo dort zumindest, anstelle des Eucharistischen Hochgebets gesungen wird oder wurde oder jedenfalls dafür vorgesehen war. Das allein ist schon, um das Wenigste zu sagen, bedenklich. Was aber steht drin im Text? Erst einmal Geschwalle. "Der du weißt, was uns Menschen umtreibt, an Hoffnung, Zweifel, Dummheit [!], Freude, Zorn, Unsicherheit" - diese wortreiche Umschreibung Gottes ist ja an und für sich nicht falsch, erweckt aber den Verdacht, da würden viele Worte gemacht, weil man eine klarere, präzisere Benennung scheut. Und vor allem auch das Wort Gott scheut. Man fühlt sich erinnert an eine Szene der antiken griechischen Komödie Die Frösche von Aristophanes, in der der Tragiker Euripides auf die Aufforderung, den Göttern zu opfern, erwidert, er habe eigene Götter - und das folgende "Gebet" spricht:
"Luftraum, mein Weidegrund, du, Zungendrehling, auch,
Du, Scharfsinn, Nüstern, ihr, im Schnüffeln unerreicht,
Lasst mich die Reden zausen, die mein Zugriff fasst!"
(Übersetzung: Heinz Heubner) 
Und dann kommt - nicht etwa in den Fröschen, sondern im "Holländischen Hochgebet" - der Hammer:
"Doch nie hat jemand dich gesehn in diesem Weltall, du bist unhörbar, und tief in der Erde hallt deine Stimme nicht und auch nicht aus der Höhe." 
Gott ist also schlechthin unerkennbar; aber es kommt noch "besser":
"Und keiner, der je in den Tod gegangen ist, kehrte zurück um uns von dir zu künden." 
Wirklich keiner? Ach, Moment, da war doch noch was:
"Und darum denken wir an einen Namen und an Berichte, die uns überliefert sind, von einem Mann, erfüllt von deinem Leben, Jesus von Nazaret, der Jude war." 
Das sind, man beachte, Berichte und Überlieferungen, die von etwas künden, was vor langer Zeit in einem fernen Land geschah. Und was war jetzt das Besondere an diesem Jesus von Nazareth?
"Er ist dein Bild, dein Wort und deine Treue, ein Mensch aus Gott, ein Freund, ein Licht, ein Hirte, ein Mensch, der nicht sein eignes Wohlergehen suchte, der nicht vergeblich und fruchtlos starb." 
Na, das ist ja schon mal etwas, aber letztendlich doch ein bisschen wenig. Die Einsetzungsworte der Eucharistie werden auf eine Weise paraphrasiert, die noch relativ nah am approbierten Text ist, allerdings den Aspekt des Gedächtnisses ("denkt an mich") besonders stark betont - und im Anschluss heißt es:
"Und zum Gedächtnis nehmen wir darum das Brot und brechen es füreinander, damit wir wissen, was uns erwartet, wenn wir leben in seinem Geist!" 
Die Teilnahme am Gedächtnismahl wird also lediglich als Symbolhandlung der Nachfolge Christi gesehen; mit dem katholischen Eucharistieverständnis hat das rein gar nichts zu tun. Und zu schlechter Letzt wird auch noch die leibliche Auferstehung geleugnet:
"Weil du ihn aus dem Tod gerettet hast, Gott, weil er tot und begraben [!] doch bei dir lebt, so rett auch uns und führe uns zum Leben." 
Krasser Scheiß, wenn ich das mal so salopp sagen darf. Vergessen wir nicht, dass das Eucharistische Hochgebet Herzstück und Höhepunkt der gesamten Messliturgie ist. In der Instruktion Redemptionis Sacramentum heißt es unter Nr. 51:
"Man kann es nicht hinnehmen, dass einige Priester sich das Recht anmaßen, eucharistische Hochgebete zusammenzustellen oder die von der Kirche approbierten Texte zu ändern oder andere von Privatpersonen verfasste Hochgebete zu verwenden." 
Unter Nr. 173 wird hervorgehoben, dass Verstöße gegen diese Vorschrift zu den "schwerwiegenden Angelegenheiten" zählen. - Nun wissen viele meiner Leser vermutlich ebenso gut wie ich, dass diese Instruktion durchaus nicht von allen Priestern aller Pfarreien immer und überall eingehalten wird; aber eine so drastische Verballhornung des Hochgebets, wie dieser Text sie darstellt, habe ich noch in keiner Messe auch nur annähernd erlebt und hoffe auch in Zukunft davon verschont zu bleiben. Beim Pfarrer der Kirchengemeinde, aus deren Bestand ich mir das gelbe Liederbuch "geliehen" hatte, mache ich mir diesbezüglich auch gar keine Sorgen; dennoch stellt sich die Frage, was dieses Machwerk überhaupt in einem Liederbuch für katholische Gottesdienste zu suchen hat und wie es da hineingekommen ist. Dasselbe gilt auch für einige andere hier besprochene Liedtexte. In letzter Konsequenz verweist diese Frage natürlich auf ein Problem, das sehr viel mehr umfasst als nur das NGL-Genre oder überhaupt die Liedauswahl in der Gemeindemesse. Ähnliche Tendenzen, wie ich sie hier in diversen Liedtexten aufgezeigt habe, findet man schließlich auch in Predigten oder in Beiträgen auf Facebook-Seiten deutscher Bistümer. Wenn sich dann anhand von Umfragen, deren Ergebnisse der FOCUS (oder wer) unter Überschriften wie "Was die Deutschen wirklich glauben" publiziert, oder anhand von Kommentarschlachten auf der Facebook-Seite von katholisch.de herausstellt, dass im Kirchenvolk ein Glaube Raum gewinnt, der in Umrissen noch Ähnlichkeit mit dem Christentum hat, aber abgeschliffen, zurechtgestutzt, aufgeweicht, ausgehöhlt und mit substanziell ganz anderen Inhalten gefüllt wurde, muss man sich im Grunde nicht wundern. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es unter Nr. 1124: "Der Glaube der Kirche geht dem Glauben des einzelnen voraus, der aufgefordert wird, ihm zuzustimmen." Aber wie kann der Einzelne das, wenn man sich gar nicht erst die Mühe macht, ihm den Glauben der Kirche beizubringen? Der Fisch stinkt immer vom Kopf her.

Wenn es also im Großen und Ganzen um weit mehr als nur um NGL-Liedtexte geht - die ja, als weiterer Beleg für die Aussage, dass der Fisch vom Kopf her stinkt, nicht selten von Priestern verfasst wurden; stellvertretend für viele andere seien hier nur mal Wilhelm Willms und Alois Albrecht genannt -, so sind diese dennoch nicht unerheblich. Es mag sein, dass über das gesungene Wort generell, oder zumindest von vielen Hörern, weniger reflektiert wird als über das gesprochene. Wenn dem so ist, dann macht das die Verwendung häretischer Liedtexte im Gottesdienst nicht weniger problematisch, sondern eher noch mehr: Worüber nicht reflektiert wird, das setzt sich umso hartnäckiger in den Gehirnen fest. - Die Generation der vom Geist von '68 geprägten Priester geht allmählich in den Ruhestand, und unter den Jüngeren scheint eine Tendenz zu beobachten zu sein, die Treue zur Lehre der Kirche, eine korrekte und würdige Liturgie und eine solide Katechese wieder ernster zu nehmen. Das ist natürlich oft nicht leicht in Pfarrgemeinden, die über Jahrzehnte hinweg von Hippe-Pfarrern geprägt wurden. Aber umso dringender wäre anzuraten, die diversen "Geister", die man aus den Gemeinden auszutreiben bemüht ist, nicht durch die Hintertür der Liedauswahl wieder hereinzulassen...


Kommentare:

  1. Zum Gloria vielleicht so:

    Stimmt an das NGL-Geträller,
    Ihr priesterlichen Pantheisten!
    Mit Jesus geht das Leben schneller!
    Und supernett sind wir als Christen!
    Wir folgen singend Jesu Spur
    so irgendwie in der Natur.

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  2. *grins* bei dem Gottesdienst im Dortmunder Zoo wo Reinhard Horn mit dabei war, war ich sogar dabei (Link zu seiner Homepage). Mit Glück findest Du mich auf einem der Fotos. :-)

    Ich enthalte mich allerdings eines Kommentars dazu.

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  3. Und der "Little Drummer Boy" ist zur Weihnachtszeit (sic!) das Paradestück jedes Männerchores, der was auf sich hält! Da laß ich nichts drauf kommen!

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  4. Zum Thema "Kinder": siehe übrigens auch

    https://www.youtube.com/watch?v=WzB9t8nXio4

    at 3:35

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  5. Ich habe Tränen in den Augen, allerdings sind die vom Lachen. ��
    Selten so eine gute Ausarbeitung gelesen über das ganze pseudo-christliche Liedgut.

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  6. "stammt aus der Feder von Liedermacher Rolf Zuckowski. Das ist an und für sich nicht sonderlich schlimm,"

    doch - genau DAS ist sonderlich schlimm!

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