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Dienstag, 15. September 2015

Das Dienstagsgrauen III - Von Sch(m)erzpunkten und Kraft(w)orten

Der Ökumenische Pilgerweg für Klimagerechtigkeit, den ich in meinem letzten Beitrag am Wickel hatte, war zwei Tage später auch Thema bei katholisch.de - und hat mich daran erinnert, dass ich meinen Lesern noch die Fortsetzung meiner Rezension von Monika Peetz' Roman Die Dienstagsfrauen schuldig bin. Ich habe das Buch längst ausgelesen und habe mir gleich darauf einen weiteren postfeministischen Frauenroman vorgeknöpft, der auf dem Jakobsweg - diesmal sogar auf dem richtigen - spielt; blogtechnisch haben sich bei mir aber in den letzten Wochen andere Themen vorgedrängt, da kommt der aktuelle Anlass des gerade begonnenen Klimapilgerns gerade recht, um sich wieder auf die fünf Freundinnen aus Monika Peetz' Bestseller zu besinnen. Denn auch wenn deren Pilgertour weniger mit dem Klima als mit dem Klimakterium zu tun hat, ergeben sich doch gewisse Parallelen. Hier wie dort vermittelt sich die Botschaft: Pilgern ist alles, was sich so nennt - auch wenn es zu pilgerfremden Zwecken unternommen wird und das irgendwie spirituelle Element darin weniger genuin christlich als esoterisch-naturreligiös-pantheistisch gefärbt ist. Jedenfalls hat der Artikel auf katholisch.de meinen Verdacht, dass Letzteres auch beim Kimapilgern der Fall ist, entschieden erhärtet: 
"Auf dem Weg werden die Teilnehmer an sogenannte Schmerzpunkte gelangen. Dort wollen die Initiatoren auf Klima-Ungerechtigkeit aufmerksam machen. So wird das Braunkohleabbaugebiet im nordrheinischen Inden besucht, die Gruppe kommt an Flughäfen vorbei und macht einen Abstecher beim Opel-Werk in Rüsselsheim." 
Aber auf dem Pilgerweg liegen nicht nur Schmerzpunkte, sondern auch Kraftorte
"Die Pilger kommen an Solaranlagen vorbei, besuchen ökologische Landwirtschaftsbetriebe und werden etwas über Geothermie am Osnabrücker Dom erfahren." 
Na wie schön. In meiner dritten Leseetappe der Dienstagsfrauen - die ich, wie schon die beiden vorangegangenen, wieder auf rund 80 Seiten angelegt hatte - gelangen auch die Roman-Protagonistinnen an ihre jeweils ganz persönlichen Schmerzpunkte; die meisten Schmerzpunkte hält das Buch allerdings für den Leser bereit, aber zum Ausgleich dafür habe ich mich bemüht, auch die dazwischen verborgenen Scherzpunkte ausfindig zu machen. Lustig sind die zwar meist nur im Sinne von "Humor ist, wenn man trotzdem lacht"; aber das ist immer noch besser als nichts. 

Wir erinnern uns: Gegen Ende der letzten Leseetappe hatte sich Fräulein Eva, der Schwarm der Soldaten, von Igor - äh nein: Jacques - in die Auberge de la Paix entführen lassen; ebendort finden sich alsbald auch die vier anderen Freundinnen ein, und in deren Schlepptau Max, der verschmähte Jung-Lover von Dienstagsküken Kiki. Es liegt jedoch auf der Hand, dass vorerst weiterhin Eva im Mittelpunkt des Interesses steht. 

Zu Hause in Köln ist Eva ja glücklich verheiratet und geht gänzlich in ihrer Rolle als Hausfrau und vierfache Mutter auf; aber so etwas passt natürlich herzlich schlecht ins postfeministische Weltbild, und so erlebt der Leser in der ersten Hälfte der dritten Leseetappe "die Verwandlung von Eva" (S. 171; man beachte den Peetz-typischen Vonitiv). In der Auberge de la Paix lässt "der Mann neben ihr" - also Igor bzw. Jacques - Eva temporär "alles vergessen [...], was ihr Leben ausmachte": "Heute war sie dran" (S. 169). Merke: Zum postfeministischen Wellness-Komplettpaket gehört neben einem guten, "kalorientechnisch ganz und gar unverantwortlich[en]" Essen (ebd.) eben auch ein Mann, der "keinen Hehl daraus [macht], dass er Eva attraktiv [findet]" (S. 182). Als der Tag sich neigt, sinniert Eva darüber, dass sie und Jacques "den ganzen Tag [...] miteinander gekocht, gelacht und geflirtet" haben, und ist selbst beinahe schockiert, "dass sie hier in Frankreich stand und kein bisschen an Frido dachte" (ebd.) - eine etwas widersinnige Feststellung, denn genau in diesem Moment denkt sie ja eben doch an ihren Mann. So kommt es, dass Jacques, als unter den Pilgern in der Herberge der "Kampf ums beste Bett" (S. 179) ausbricht, vergeblich darauf hofft, Eva in das seine locken zu können: "Sein Interesse schmeichelte Eva. Und doch war eine Urlaubsaffäre das Letzte, was sie suchte. Sie wusste, wo sie hingehörte. Zu Frido, zu ihren Kindern" (S. 183). Das Maß der körperlichen Intimität zwischen Eva und Jacques geht folglich über einen mittelmäßig keuschen Gutenachtkuss (S. 184) nicht hinaus: "[N]icht jede Liebe musste man leben. Man konnte sie still im Herzen bewahren. Dort, wo sie kein Unheil anrichtete" (S. 183). 

Lassen wir das mal einen Moment lang sacken. Der Aussage, was man im Herzen bewahre, richte kein Unheil an, würde ein gewisser Jesus zwar widersprechen, aber man kann nicht erwarten, dass das die Dienstagsfrauen groß bekümmert, auch wenn Eva - als einzige der fünf Freundinnen - katholisch ist. Begnügen wir uns mit der Feststellung, dass die Autorin das Erwachen von Evas innerem Superweib, das bislang unter der Schale der biederen Hausfrau und Mutter schlummerte, in einem moralischen Kompromiss enden lässt, indem sie sich darauf beschränkt, Eva im Herzen Ehebruch begehen zu lassen. Aber das zumindest ist unverzichtbar für Evas "Emanzipation" im postfeministischen Sinne. Die belebende Wirkung, die dieses Abenteuer auf sie hat, ist unverkennbar: "[Z]um ersten Mal seit Jahren spüre ich mich wieder", bekennt sie (S. 194). Es fällt der Autorin nicht im Entferntesten ein, es sonderbar zu finden, dass Eva sich ausgerechnet beim Pilgern zum postfeministischen Credo "Man muss auch mal egoistisch sein" bekehrt; im Gegenteil: "Der heilige Jacques hat mich gerettet", haucht Eva (S. 183), und ihrer esoterik-affinen Freundin Judith schwärmt sie vor: "Das ist, was der Weg mit einem macht [...]. Selbst alltägliche Begegnungen bekommen etwas Magisches" (S. 182). 

Solcherart verwandelt, kann Eva auch ihrer Freundin Kiki gute Ratschläge geben, die mit ihren Gefühlen für Max hadert. "Willst du so enden wie ich?", fragt sie sie. "Mein Leben ist eine Ansammlung von Hättichnurs. [...] Trotz Frido nach Paris gehen, als Ärztin arbeiten, Frido am Haushalt beteiligen, ein eigenes Zimmer einfordern, den Kühlschrank in Ruhe lassen" (S. 208). Auf Kikis schnippische Erwiderung "Vielleicht brauchst du einen Liebhaber, Eva" (S. 209) erwidert sie jedoch: "Ich liebe Frido. Er ist die beste Entscheidung, die ich je gefällt habe." (Lassen wir uns diesen Satz mal kurz auf der Zunge zergehen. Frido ist eine Entscheidung, und Eva hat ihn gefällt.) "Es geht um das, was ich daraus gemacht habe. Ich brauche keinen Liebhaber. Aber vielleicht könnte ich anfangen, wieder Französisch zu lernen. Oder etwas anderes. Nur für mich" (ebd.). - Man sieht, aus dem Widerspruch zwischen "Ich liebe meine Familie und bin gerne Ehefrau und Mutter" und "Mein Leben ist verpfuscht", in den sie die Figur Eva hineinmanövriert hat, kommt die Autorin nicht mehr raus; am Ende bleibt nur noch die Volkshochschule als Hilfsschule der Selbstverwirklichung.

Kiki jedenfalls lässt sich nicht so leicht überzeugen, Max eine Chance zu geben, sondern bleibt zunächst dabei, ihn angestrengt zu ignorieren - "Kiki negierte (!) Max, so gut es ging", heißt es auf S. 169; der Gebrauch von Fremdwörtern will eben auch gelernt sein. Nach und nach gerät die Front der Abweisung zwar ins Bröckeln, aber wenn die beiden mal miteinander reden, dann kommt in der Regel Streit dabei heraus. "Ich kann nicht mit dir alt werden", hält Kiki Max vor. "Ich bin schon alt!" (S. 205) Wir erinnern uns: Kiki ist Mitte 30. - Zur entscheidenden Annäherung kommt es jedenfalls erst gegen Ende der dritten Leseetappe während des Aufenthalts in, wie sollte es anders sein, einem Kloster.
"Normalerweise beherbergte das Kloster weder Touristen noch Pilger, aber für die sechs durchgefrorenen Gestalten, die am späten Nachmittag schlotternd an der Pforte von St. Martin standen, hatte der Abt eine Ausnahme gemacht.
Sie hatten heißen Tee genossen und süßen Marmorkuchen. Die Schuhe waren mit christlicher Erbauungsliteratur ausgestopft" - 
- was dem Leser Zweierlei nahelegt: a) für was anderes ist christliche Erbauungsliteratur nicht gut und b) Zeitungen oder sonstige profane Druckerzeugnisse gibt es in einem Kloster nicht -
"und trockneten an einem bollernden Kachelofen in der Küche. Die heiße Dusche spülte den letzte Morast von den müden Gliedern. Kiki war eine der Letzten, die unter die Dusche schlüpfte. Es störte sie nicht, dass es auch hier nur Nasszellen gab, die notdürftig durch halbhohe Wände getrennt waren." 
Hier soll der Leser sich vorstellen, wie die sexuell ausgehungerten Mönche die schöne Kiki geifernd beim Duschen beobachten. Aber es kommt anders. 
"Ihr war es egal, dass neben ihr die Dusche anging. Bis ein eigentümlicher Duft aus der Nebenzelle zu ihr herüberzog. Ein herbes Duschgel, das ihr nur zu vertraut war." 
(Und Mönche benutzen so etwas natürlich nicht.)
"Ein verstohlener Blick unter der Trennwand hindurch zeigte, dass ihre Nase sie nicht getrogen hatte. In der Duschkabine nebenan lief Schaum um große nackte Männerfüße."
(Während Mönche selbstverständlich mit Sandalen duschen.)
"Kein Zweifel möglich: Max duschte neben ihr. Das war pure Absicht, da konnte er noch so unschuldig vor sich hin summen." (S. 229) 
Kiki ergreift also die Flucht - nur in ein Handtuch gehüllt. Und das in einem Kloster. Uiuiui, Herr von Bödefeld. Wäre natürlich halb so dramatisch, wenn sie rasch in ihrem Zimmer verschwinden könnte, aber nix da: "[D]as Zimmer, das sie mit Judith teilte, war verschlossen" (S. 230). So kann es nicht ausbleiben, dass Kiki in ihrem kaum bekleideten Zustand erneut auf Max trifft - und zwar "in einem imposanten Klostergang, der von Rundbögen getragen wurde" (S. 237). Wie soll man sich das vorstellen, von Rundbögen getragen? Heißt das, die Rundbögen sind unter dem Gang? Kann nicht sein, der Gang liegt ausdrücklich im Erdgeschoss. Na gut, darunter sind noch Kellergewölbe, die "ihre ewige Kälte direkt an den Erdgeschossboden" abgeben (ebd.) - weshalb Kiki friert, was Max zu einem Versuch nutzt, sie in sein Zimmer zu locken.
"Die Mönche, auf dem Weg zur letzten Messe des Tages" - 
- wie viele Messen werden in so einem Kloster wohl pro Tag gelesen? Oder meint die Autorin das Stundengebet? -
"verdrehten ihre Köpfe. Eine Frau, nur mit einem Handtuch bekleidet, und ein viel zu junger Mann, der um sie warb, das erlebten sie wahrlich nicht alle Tage in ihren heiligen Hallen. Sie schlurften extralangsam über die Klostergänge." (S. 237f.) 
Und damit die ollen Lustmolche auch richtig was zu sehen kriegen, kommt es, wie es kommen muss:
"Kiki tippelte in Richtung Max und trat dabei auf das Handtuch, das postwendend zu Boden ging." (S. 238). 
Also, Frau Peetz, bitte mal zur Regie. Wenn Kiki es hinkriegt, auf das Handtuch zu treten, mit dem sie ihre Blößen bedeckt, dann heißt das, dass das Handtuch in etwa bis zum Boden reicht. Das hatten wir uns aber anders vorgestellt! Um des kurzfristigen Effekts der spontanen Totalentblößung willen ruiniert die Autorin die zuvor aufgebaute erotische Spannung, die auf der Vorstellung basierte, Kiki irre halb nackt durch die Klostergänge. Weitaus gravierender ist, dass sie denselben Fauxpas auch in Hinblick auf das begeht, was doch eigentlich - auch wenn man es zwischenzeitlich fast vergessen könnte - der zentrale Punkt der ganzen Romanhandlung sein sollte: Das Geheimnis von Arne.

Zugegeben, jetzt greife ich mir vor, denn die Auflösung dieses Geheimnisses fällt natürlich erst in die vierte und letzte Leseetappe. Aber ganz am Anfang der dritten gibt es bereits eine massive Vorausdeutung - die man an dieser Stelle freilich noch nicht deuten kann und auch noch gar nicht deuten können soll. Caroline, die Kluge unter den fünf Freundinnen, telefoniert nämlich mit ihrem Mann Philipp, der während der "terminale[n] Krankheit von Arne" (S. 165; oh, dieser Vonitiv!) dessen behandelnder Arzt war, und hofft, von ihm etwas über den Verstorbenen zu erfahren, was sie noch nicht weiß. Aber Philipp ist sonderbar auskunftsunwillig und beruft sich seiner eigenen Frau gegenüber sogar auf seine Schweigepflicht (S. 162: "Caroline konnte es nicht fassen. Tausendmal hatte sie das Argument im Berufsleben gehört. Von Ärzten, die sie zu einer Aussage bewegen wollte, von gegnerischen Anwälten, von Priestern [!]. Aber nicht von ihrem eigenen Mann"). Garniert ist dieses scheinbar ergebnislose Telefonat mit Reflexionen Carolines über das Verhältnis zwischen Philipp und Arne, die Andeutungen enthalten, die für den Leser erst sehr viel später verständlich werden; und abschließend heißt es:
"In der Rückschau würde sie begreifen, dass das merkwürdige Gespräch mit Philipp ein wichtiges Puzzlestückchen lieferte. Noch wollte es sich nicht mit den anderen Puzzlestückchen zu einem Bild zusammensetzen. Das Teil lag isoliert, am falschen Ende. Noch." (S. 167) 
Tja: In der Rückschau wird es auch der Leser begreifen, aber erst dann. Und zwar deshalb, weil die Lösung so abwegig ist, dass man da gar nicht drauf kommen kann. Das ist, um bei der Puzzleteil-Metaphorik zu bleiben, in etwa so, wie wenn das Einsetzen des letzten Puzzleteils einem schlagartig vor Augen führt, dass das Puzzle ein völlig anderes Bild zeigt, als man die ganze Zeit gedacht hat. Aber dazu später.

Immerhin macht in diesem dritten Lektüreabschnitt die Aufdeckung des Geheimnisses, das das Tagebuch von Arne umgibt, schon mal ein paar Fortschritte - was vor allem Estelle zu verdanken ist, die übrigens mit ihrem unverwüstlichen Sarkasmus die weitaus meisten Scherzpunkte zum Roman beiträgt und so dem geplagten Leser mehr und mehr ans Herz wächst. Während des Essens in der Auberge de la Paix starrt Estelle "wie die Schlange auf das Kaninchen" auf den "offenen Rucksack von Judith" (Vonitiv!), in dem "obenauf das Tagebuch" liegt (S. 169); aber erst in der Nacht gelingt es ihr, der schlafenden Judith das Tagebuch zu entwenden. Und sie ist es auch, die bei der Lektüre von Arnes Pilgernotizen die entscheidende Entdeckung macht - und sie brühwarm, mitten in der Nacht, Caroline mitteilt: "Arne hat abgeschrieben! [...] Dieser Text ist identisch mit einer meiner Restaurantkritiken aus dem Internet. [...] Die Geschichte mit den Mönchen, die ihn mit offenen Armen empfangen haben: alles abgekupfert. Arne Nowak hat sich sein Tagebuch zusammengeklaut." (S. 190)

Stellen wir die diversen Fragen, die sich aus dieser Entdeckung ergeben, erst einmal zurück und fragen uns stattdessen: Kann es sein, dass Arnes aus fremden Quellen zusammengestückeltes Tagebuch gewissermaßen eine Metapher für das vorliegende Buch selbst, also für den Roman Die Dienstagsfrauen - dessen Autorin ihr Wissen über den Jakobsweg (oder Lourdes, for that matter) ja ebenfalls größtenteils aus zweiter Hand zu haben scheint - darstellt? Eine spätere Episode, in der Tausendsassa Max den Dienstagsfrauen das Speerfischen beibringt, scheint diese Lesart zu stützen: Auf Estelles Frage "Wo hast du das gelernt?" erwidert Max unbekümmert: "Nirgendwo. Alles angelesen. Bei Karl May" (S. 201). - Als ich bei meiner Erstlektüre an dieser Stelle angelangt war, hätte ich beinahe das Buch fallen gelassen: Hatte ich nicht in der vorigen Leseetappe eine Parallele zu Karl May gezogen? Und jetzt zieht die Autorin diese Parallele selbst - bzw. legt sie wiederum Estelle in den Mund:
"Karl May? [...] Der hat doch nur so getan, als hätte er seine Abenteuer selbst erlebt. Der hat alles erfunden, was in seinen Büchern steht" (ebd.) - 
- und das meint Estelle ganz dezidiert als Anspielung auf Arnes Tagebuch, auch Caroline versteht es so. (Die anderen Protagonistinnen ahnen zu diesem Zeitpunkt noch nichts von der nächtlichen Entdeckung ihrer Freundinnen.)

So oder so bleibt die Frage, warum Arne sich solche Mühe macht, ein Tagebuch zu fingieren, wenn dieses eigentlich gar niemand lesen soll: Selbst Judith, die es hütet wie ihren Augapfel (wenn sie nicht gerade schläft), hat es im Grunde gegen Arnes Willen in die Hände bekommen, ja, Arne hat noch auf dem Sterbebett darüber nachgedacht, wie er verhindern könnte, dass sie es liest. Wozu dann der ganze Aufwand? Darauf gibt der Roman keine Antwort, aber klar ist: Arne hatte etwas zu verbergen. Bei dem Ausmaß an Heimlichtuerei, das die Angelegenheit umgibt, könnte man fast auf die Idee kommen, Arne hätte in den Zeiträumen, in denen er vorgeblich gepilgert ist, als Kopf einer Schleuserbande Flüchtlinge ins Land geschafft und zur Sklavenarbeit auf französischen Gemüseplantagen weitervermittelt - was zumindest der Begegnung der Dienstagsfrauen mit den frommen Landarbeiterinnen "mit Migrationshintergrund" am Ende von Leseetappe 2 einen tieferen Sinn verleihen würde.

Für die weitere Handlung bedeutender als alles, was Arne aus fremden Quellen in sein Pilgertagebuch übertragen hat, ist allemal ein "Schmierzettel", den Estelle in "einer versteckten Lasche im Deckel des Tagebuchs" (S. 191; Houston, wir haben einen Genitiv!) findet; dieser Zettel trägt die Botschaft:
"Lieber Arne, Samu kommt um 17.00 Uhr aus Angles. D." (ebd.) 
"Angles ist kurz vor Lourdes [...]. Zwei Tagestouren von hier", weiß Estelle (ebd.). Nun gut, der Ort heißt eigentlich Les Angles ("Die Engel") und ist ein (immerhin malerisches) Kaff mit 125 Einwohnern, aber ansonsten stimmt alles. Die Freundinnen folgern, dass sie "Samu" und/oder "D." finden müssen, um hinter das Geheimnis von Arne zu kommen; just als sie Les Angles erreichen, hat Caroline die Eingebung, dass "Samu" - nach der Abkürzung S.A.M.U., "Service d'Aide Médicale d'Urgence" - ein umgangssprachliches Kurzwort für "Sanitäter" ist (S. 212), und tatsächlich trifft sie am Ort einen Sanitäter, der auch tatsächlich der Gesuchte ist. "Samu" ist wenig auskunftsfreudig, lässt sich aber die Aussage entlocken, dass Arne "seinen Urlaub bei Dominique [verbrachte]. So wie immer" (S. 217). Dominique ist also offenbar "D.", und da Caroline hartnäckig bleibt, rückt "Samu" schließlich sogar Dominiques Adresse heraus. - Obwohl "Dominique [...] genauso gut ein Männername sein" kann (S. 225), gehen die Mutmaßungen der Freundinnen infolge dieser Entdeckung vorzugsweise dahin, Arne habe eine Affäre gehabt: "Vielleicht hatte Arne eine zweite Familie, Kinder, ein mysteriöses Doppelleben", meint Estelle (S. 224). Als Caroline schließlich Judith von den Ergebnissen ihrer Nachforschungen informiert, bekommt diese einen Tobsuchtsanfall und hält Caroline vor: "An deiner Stelle würde ich mir lieber Gedanken über deine eigene Ehe machen" (S. 235). Gleich darauf scheint Judith "selbst entsetzt über das, was ihr rausgerutscht war" (ebd.); Caroline jedoch ist tief verunsichert und ruft einen Anwaltskollegen an, der über 200 Seiten zuvor ebenfalls kryptische Andeutungen über den Zustand ihrer Ehe hatte fallen lassen. Vom Inhalt dieses Telefonats erfährt der Leser vorerst nichts; und das nicht nur deshalb, weil an dieser Stelle die dritte Leseetappe endet.

Eng verknüpft mit dem Handlungsstrang um das Geheimnis von Arne sind die unvermeidlichen religiösen Einsprengsel der Romanhandlung. Das zumindest ist durchaus konsequent, schließlich hatte Arnes ausgeprägter Sinn für "Spiritualität" (in allen möglichen Erscheinungsformen) eine so wichtige Rolle in seiner Beziehung zu Judith gespielt und ist ja - auch wenn man das zwischendurch mal vergessen könnte - letztlich auch der Anlass dafür gewesen, dass die fünf Frauen sich jetzt auf dem Weg nach Lourdes befinden. Caroline etwa will ab einem bestimmten Punkt der Wanderung nur noch "[b]is Lourdes laufen, die Kerze von Arne" - handelt es sich nicht eigentlich eher um eine Kerze für Arne?- "bei der Grotte postieren und alles vergessen" (S. 202); nicht ganz unbegründet hält Judith Caroline vor: "Du hast Arne nie gemocht. Weil er nicht in dein rationales Weltbild passte" (S. 234); Caroline wiederum reflektiert darüber, dass ihr Mann Philipp "mit Arnes nebulösen Ideen über Gott, die Welt und alles, was dazwischen schwebte" (S. 166), nie viel anfangen konnte.

Der Leser hingegen muss es. Zu dem ganzen handelsüblichen Esoterik-Klumpatsch über die "Magie des Weges" und spirituelle Selbsterfahrung habe ich mich weiter oben und vor allem auch in den beiden Vorgänger-Artikeln bereits geäußert; aber es ist eine interessante Beobachtung, dass, je mehr man sich Lourdes nähert, der Katholizismus mehr und mehr die Oberhand gegenüber Yoga, Tantra und Vogelstimmendeutung gewinnt. Was nicht bedeutet, dass der Katholizismus etwa positiver dargestellt würde als zuvor.

Abgesehen von ein paar mehr oder weniger doofen Bemerkungen am Wegesrand wie "Petrus hatte sich gegen sie verschworen" (S. 223) als Kommentar zu einem Gewitter (anspielend auf den Volksglauben, der Hl. Petrus sei, da er die Schlüssel des Himmelreiches in Verwahrung hat, auch dafür verantwortlich, ob und wann es regnet - aber wie kann eine einzelne Person sich "verschwören"?) oder der Feststellung, Judith bewache Arnes Tagebuch, "als sei es der Heilige Gral" (S. 169), sind hier vor allem zwei längere Passagen von Interesse: ein Besuch Judiths in einer Kapelle unweit der Auberge de la Paix (Kapitel 41, S. 173-178) und die Marienprozession in Les Angles (Kapitel 50, S. 211-213, und 52, S. 217-220).
"Judith hatte es sich [...] zur Gewohnheit gemacht, am Abend gemeinsam mit Eva die lokale Kirche aufzusuchen. Für sie [!] gehörte das zu einem Pilgerweg dazu. Arne hatte es so gehalten und Judith wollte es ihm gleichtun. [...] Dabei war Judith nicht katholisch. Nie gewesen. Sie beneidete Eva um ihren fraglosen, selbstverständlichen Glauben, der sie trug. Sie selbst fühlte sich eher spirituell als religiös. Spirituell und suchend." (S. 173f.) 
Gähn. - In der Kapelle nahe der Auberge de la Paix empfängt Judith der "monotone Singsang einer französischen Pilgergruppe", die, wie es das Klischee will, "[o]hne jede Betonung [...] in einer Endlosschleife das 'Gegrüßet seist du, Maria' herunter[betet]" (S. 173). Hm. Da ist nicht zufällig hin und wieder mal ein Vaterunser und ein "Ehre sei dem Vater" dazwischen? Es handelt sich also nicht zufällig um den Rosenkranz? - Nun, solche Feinheiten darf man von der Autorin nicht erwarten, die ihre Ignoranz gegenüber der Materie auch dadurch dokumentiert, das sie das Gebet der Pilgergruppe mal als "Litanei" (ebd.), mal als "Sermon" (S. 176) tituliert. Wie dem auch sei, Judith drängen sich allerlei düstere Assoziationen auf:
"Vielleicht lag es an dieser Wallfahrtskapelle, die das Gefühl von Heilung und Seelenfrieden gar nicht erst aufkommen ließ. Ähnlich wie die Kathedrale von Mirepoix war auch diese Kirche mit üppigen Darstellungen von Kreuzigung, Marter und Tod ausgestattet. Schon als Kind hatte Judith das Morbide der katholischen Kirchen gefürchtet. Als einziges konfessionsloses Kind ihrer Jahrgangsstufe parkte man sie kurzerhand beim katholischen Religionsunterricht. Und dazu gehörten die verhassten Kirchenbesuche. [...] All die Darstellungen von Leiden in Stein, Marmor und Wandfarbe, die gruseligen Relikte vergangenen Lebens hinter Glas, die Gräber, Gruften und balsamierten Leichname" (S. 174f.). 
Tja, Katholizismus ist eben nichts für Weicheier, und man möchte der Autorin beinahe dankbar sein, dass sie den Kontrast zwischen dieser Religion und einer locker-flockigen, pastellfarbenen Wellness-Spiritualität so deutlich, wenn auch etwas böswillig, herausstellt. Ärgerlich ist es allerdings, dass sie - angesichts des näher rückenden Reiseziels Lourdes - auch die Hl. Bernadette Soubirous da hineinziehen muss:
"Von Misstrauen, Unverständnis und Anfeindungen geschwächt, war Bernadette an Knochentuberkulose erkrankt und mit nur fünfunddreißig Jahren gestorben. Was nutzte es ihr, dass sie 1934 heiliggesprochen wurde? Was nutzte es, dass siebenundsechzig der Tausenden Heilungen, die an der Quelle vonstattengingen, offiziell als Wunder anerkannt waren? Judith fand, dass der Preis, den Bernadette für ihre Begegnung mit Maria bezahlt hatte, zu hoch war. [...] 'Die Jungfrau Maria hat sich meiner bedient wie eines Besens', soll sie nüchtern konstatiert haben. Nach Gebrauch wurde der achtlos in die Ecke gestellt." (S. 175f.) 
Das Zitat ist authentisch, aber es ist tendenziös verkürzt. Tatsächlich sagte Bernadette nämlich:
"Sehen Sie, das ist meine Geschichte. Die heilige Jungfrau hat sich meiner bedient; dann wurde ich in eine Ecke gestellt. Das ist mein Platz, da bin ich glücklich und da bleibe ich." (Quelle: Werner Radspieler, Lourdes - Pilgerwege. Bamberg, 16. Aufl. 2006, S. 16) 
Mit dem Lebensgefühl des Postfeminismus, ja überhaupt mit dem Credo der "Selbstverwirklichung" ist das natürlich völlig unvereinbar. - Kurz nach dieser Reflexion manifestieren sich Judiths diffuse Ängste in der Gestalt eines unheimlichen Pilgers, der sie zunächst freundlich anspricht ("Kann ich etwas für dich tun, Schwester?"), ihr dann aber eindringlich ins Gewissen redet: "Der Pilgerweg ist wie Krieg mit sich selbst [...]. Blut, Schweiß und Tränen. Und nur du kannst den Kampf gewinnen. [...] Es geht um dich und deine Verfehlungen. [...] Ohne Beichte keine Erlösung" (S. 177f.). Judith reagiert - wie könnte es anders sein- trotzig: "Ich trauere falsch. Ich pilgere falsch. Wieso maßt sich jeder an, über mein Leben zu urteilen?" (S. 177). Genau das ist offenkundig der Unterschied zwischen Judiths suchender Spiritualität und Religion, und darin ist Judith wohl nicht untypisch für eine zeitgenössische Spezies von Sinnsuchern: Es wird vorausgesetzt, Jede(r) könne einen individuellen Weg zum Heil in sich selber finden; Religion dagegen erhebt den Anspruch über-individueller Gültigkeit, und das ist, ganz klar, Anmaßung. "Was bildete der Kerl sich ein? Was wusste er von ihr? Sie musste sich so etwas nicht anhören. Judith hastete überstürzt aus der Kirche" (S. 178). Als sie ihren Freundinnen von dieser Begegnung berichtet, zeigt Estelle sich überzeugt, der Mann müsse "[e]ine Art katholischer Taliban" gewesen sein: "Bei den Taliban geht es immer nur um das eine: Sünde und Strafe" (S. 181). Judith gibt sich mit dieser Erklärung jedoch nicht zufrieden: Seit der "Begegnung mit dem dämonischen Pilger" ist sie "überzeugt, dass die Ölmühle und die Kapelle ein unheilvoller Ort waren" (S. 193). Schon klar: Wer zu Umkehr und Buße aufruft, der kann ja nur Böses im Schilde führen.

Ein reichlich verzerrtes, ja verwirrtes Verständnis von Buße - und vom Beten - legt übrigens auch Caroline an den Tag, als sie im Schlafsaal der Auberge de la Paix "monotones Gemurmel von abendlichen Gebeten" vernimmt: "Was mochten diese Menschen auf dem Kerbholz haben, wenn die Rosenkränze in der Kirche nicht genug waren, die Schuld von sich abzubeten?" (S. 185f.) Nun gut: Caroline, die Anwältin, hat neben Estelle - die von sich selbst sagt, sie sei "tief innen ziemlich oberflächlich" (S. 171) - von allen fünf Dienstagsfrauen die am wenigsten ausgeprägte spirituelle Ader. Gegen Ende der Leseetappe tauchen jedoch Indizien dafür auf, dass sich das ändern wird - nämlich als die Freundinnen in Les Angles in eine Marienprozession hineingeraten.
"Der Wind wehte von ferne merkwürdige Klänge heran. Erst einzelne Töne, dann eine verstörend schräge Melodie. Es war eine aufgepeitschte, unheilschwangere Musik, die untermalt wurde durch stampfende Schritte. Es mussten viele Menschen sein, die in unheimlich langsamem Gleichmarsch näher kamen. [...] Der Blick öffnete sich auf eine Menschenmasse. Das gesamte Dorf - 
- ich erwähnte ja schon, dass es 125 Einwohner hat! -
"hatte sich zur Prozession versammelt. Eigentümlich die Musik, archaisch das Ritual. Begleitet von schräger Blasmusik trugen düster wirkende Männergestalten in seltsam wiegendem Gleichmarsch eine hölzerne Maria durch das Dorf." (S. 212) 
Da halten die Dienstagsfrauen lieber Abstand - bis auf Caroline, die inmitten der Prozession einen Sanitäter entdeckt - von dem sie (zu Recht, wie sich zeigt) annimmt, es sei jener "Samu", von dem sie Näheres über das Geheimnis von Arne erfahren könnte. Also stürzt sie sich ins Getümmel - zur Verblüffung ihrer Freundinnen: "Vielleicht ist sie spontan katholisch geworden?", mutmaßt Kiki (S. 214). Aber das ist sie natürlich nicht. Tatsächlich erweist es sich für Caroline sogar "als deutlicher Nachteil, nicht mit katholischen Ritualen vertraut zu sein" (S. 213); als sie den Sanitäter endlich zu fassen kriegt, fühlt dieser sich "in seiner religiösen Andacht extrem gestört" (S. 218): "Was glauben Sie, was das hier ist? [...] Die Parade von Disneyland, die wir für deutsche Touristen aufführen?" (ebd.)

Dann aber, nachdem Caroline vom Sanitäter einen Zettel mit Dominiques Adresse bekommen hat, geschieht "etwas Merkwürdiges":
"Die Prozession hatte einen Bogen um den Dorfplatz gedreht und kam frontal auf sie zu. Licht umstrahlte die goldene Marienfigur, die hoch über den Köpfen der Gläubigen schwebte. Eine geheimnisvolle Magie [!] ging von der Madonna aus. Für einen winzigen Augenblick waren sie miteinander verbunden. In diesem einen unerklärlichen Moment war es keine Statue aus Holz mehr, die ihr gegenüberstand. Caroline hätte geschworen, dass die Maria ihr direkt in die Augen sah" (S. 219). 
Nun, der Moment geht schnell vorüber, und die nüchterne Caroline schiebt ihr übernatürliches Erlebnis auf "Wahnvorstellungen" als Folge "körperlicher und seelischer Überforderung" (ebd.). Schon etliche Seiten zuvor hat die unverwüstliche Estelle gewitzelt: "Es ist in dieser Region normal, wenn man Stimmen hört. Gewöhnlich murmeln sie etwas wie 'Ich bin die unbefleckte Empfängnis'" (S. 197). Aber okay: Noch sind es sieben Kilometer bis Lourdes, der Höhepunkt des Pilgerwegs wie auch der Romanhandlung ist noch nicht erreicht. Werden sich die übernatürlichen Erscheinungen in der letzten, noch 77 Seiten umfassenden Leseetappe noch intensivieren?

Wir werden es erfahren.




1 Kommentar:

  1. 1) "mit christlicher Erbauungsliteratur ausgestopft" - sieht so aus, als hätten sie alte Ausgaben von "Christ und Welt" einem sinnvollen Zweck zugeführt. So what?

    2) Natürlich ist Petrus für's Wetter zuständig!

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