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Sonntag, 12. August 2012

Morgen früh, wenn Gott will

Im Zuge der jüngsten Beschneidungsdebatte meldeten sich von atheistischer und/oder religionskritischer Seite verstärkt Stimmen zu Wort, die - unabhängig von der Frage körperlicher Eingriffe - jegliche Form von religiöser Kindererziehung (oder, wie es vielfach genannt wird, "religiöser Indoktrination" von Kindern) scharf kritisierten: Es sei nicht zu rechtfertigen, einem Kind, das noch nicht in der Lage ist, sich frei dafür oder dagegen zu entscheiden, eine religiöse Weltanschauung aufzuzwingen. - Wer Religion insgesamt nichts Positives abgewinnen kann, für den ist eine solche Einstellung zweifellos einigermaßen konsequent - wenngleich sie verkennt, dass Erziehung immer auch weltanschauliche Beeinflussung bedeutet: Wird dem Kind keine religiöse Anschauung "aufgezwungen", dann eben eine nicht- oder sogar antireligiöse; und selbst wenn die Eltern sich redlich bemühen, ihre Erziehung in diesem Punkt "neutral" zu halten, lässt sich ein gewisser Grad an Beinflussung in der Praxis gar nicht vermeiden (einmal ganz davon abgesehen, dass ein Bemühen um "Neutralität" auch ganz einfach in Verwirrung und Orientierungslosigkeit münden kann).

Kritik an religiöser - und speziell christlicher - Kindererziehung hat es selbstverständlich auch schon vor der Beschneidungsdebatte gegeben; und wenn es schon Eltern und Pädagogen gibt, die beispielsweise die Grimmschen Märchen aufgrund ihrer Grausamkeit und zuweilen fragwürdigen Moral als ungeeignet für Kinder ansehen, dann braucht man sich über die Argumente gegen die Vermittlung des christlichen Glaubens an Kinder nicht zu wundern. Das beginnt schon damit, dass im Zentrum der christlichen Erlösungslehre die Kreuzigung Christi steht - was dazu führt, dass ein antikes Folter- und Hinrichtungsgerät als Symbol dieser Religionsgemeinschaft fungiert und dass Kirchen, illustrierte Bibeln usw. voll sind mit Darstellungen eines geschundenen, blutüberströmten Christus. Kann man das einem Kind zumuten? Und die zahllosen Mord- und Totschlagsgeschichten in der Bibel, vor allem im Alten Testament? Und ist nicht die Vorstellung eines allmächtigen und allwissenden Gottes an sich schon geeignet, ein Kind zu traumatisieren? (Vgl. Friedrich Nietzsche, Nietzsche contra Wagner: "'Ist es wahr, daß der liebe Gott überall zugegen ist?' fragte ein kleines Mädchen seine Mutter: 'aber ich finde das unanständig'".)

Gehört hat man diese Argumente alle schon mal, und ich will mich hier nicht damit aufhalten, im Einzelnen auf sie zu antworten. Bemerkenswert finde ich es in diesem Zusammenhang jedoch, dass ich schon mehrfach von jungen Müttern Einwände gegen den Text des bekannten Kinderliedes "Guten Abend, gute Nacht" gehört habe, dessen erste Strophe lautet:

Guten Abend, gute Nacht
Mit Rosen bedacht
Mit Näglein besteckt
Schlupf unter die Deck
Morgen früh, wenn Gott will
Wirst du wieder geweckt.

Während der kryptische Vers "Mit Näglein besteckt" in der Regel allenfalls irritiertes Stirnrunzeln auslöst, entzündet sich die Kritik für gewöhnlich an den beiden letzten Versen. Wie brutal, Kinder damit zu konfrontieren, dass sie am nächsten Morgen womöglich nicht wieder aufwachen - und das auch noch mit Gott in Verbindung zu bringen! - Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass derselbe Gedanke in einem ebenfalls recht bekannten angloamerikanischen Kinder-Nachtgebet noch expliziter ausgesprochen wird:

Now I lay me down to sleep,
I pray the Lord my soul to keep,
If I shall die before I wake,
I pray the Lord my soul to take.

Konfrontiert man die hierüber empörten Mütter mit der Frage, was denn so falsch daran sei, Kindern frühzeitig ein Bewusstsein ihrer eigenen Sterblichkeit zu vermitteln, wird ihnen wohl erst einmal vor Schreck der Mund offen stehen. Dass man jeden Gedanken an den Tod, ja möglichst das Wissen um die bloße Existenz des Todes so weit und so lange wie möglich von Kindern fernhalten sollte, erscheint ihnen so evident, dass ihnen gar nicht einfiele, das irgendwie zu begründen. Wahrscheinlich kennen sie es aber auch nicht anders, weil sie selbst so erzogen wurden. Der Tod ist eine Art negativer Weihnachtsmann: Es gibt ihn zwar, aber das Kind soll das erst möglichst spät erfahren.

Wenn hierzulande ein Kind zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Tod konfrontiert wird, dann dürfte es sich in den meisten Fällen entweder um den Tod älterer Familienangehöriger - etwa der Großeltern - oder aber um den Tod von Haustieren handeln. Aber wie viele Kinder - gerade in Großstädten - haben noch regelmäßigen Kontakt zu ihren Großeltern? Oder umgekehrt, wie viele Senioren sterben heute noch im Kreis ihrer Familie? Gestorben wird heute im Krankenkhaus oder im Pflegeheim, und dahin müssen besorgte Eltern ihre Kinder ja nicht mitnehmen. Und was die Haustiere betrifft: Liegt der Hamster oder der Wellensittich eines Tages tot im Käfig, während das Kind im Kindergarten, in der Schule oder sonstwie außer Haus ist, dann kann ich mir gut vorstellen, dass viele Eltern den kleinen Kadaver stillschweigend entsorgen und dem Kind später weismachen, das Tier wäre davongelaufen oder -geflogen. Das ist für das Kind nicht unbedingt weniger traurig, aber es erspart den Eltern, das heikle Thema Tod ansprechen zu müssen.

Es liegt auf der Hand, dass Erwachsene, die ihren Kindern gegenüber die Existenz des Todes verleugnen, damit ihre eigene Angst vor dem Tod auf die Kinder projizieren, die diese Angst sonst vermutlich gar nicht hätten. Fragt man Erwachsene, wie sie gern sterben möchten, dann erhält man häufig zur Antwort: Am liebsten möchten sie ganz plötzlich, von einem Moment auf den anderen, tot umfallen. Ohne Vorwarnung mitten aus dem Leben gerissen zu werden, das gilt als guter Tod. Mit anderen Worten: Die Angst vor dem Tod ist so groß, dass die Leute ihm auch dann noch nicht ins Auge sehen wollen, wenn er schon unmittelbar bevorsteht. Sie wollen leben, als ob es keinen Tod gäbe - und das bis zuletzt.

Man muss gar nicht besonders religiös sein, um diese Haltung gegenüber dem Tod - die an das Verhalten kleiner Kinder erinnert, die glauben, wenn sie nur fest genug die Augen schließen, verschwinden die Dinge, vor denen sie Angst haben, von allein - unreif und ein bisschen lächerlich zu finden. Aus christlicher Perspektive kommen jedoch noch allerlei andere Aspekte hinzu. Für den Christen ist der Tod nicht nur ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens, sondern sogar ein ganz zentraler - der Übergang zu einem anderen, einem ewigen Leben. Daraus folgt nicht automatisch, dass der Christ mehr oder weniger Angst vor dem Tod hat als der Nichtchrist - denn einerseits erwartet er, dass er nach dem Tod für sein Tun und Lassen auf Erden gerichtet wird, andererseits vertraut er auf die Liebe und Barmherzigkeit Gottes -; in jedem Fall aber ist der Tod für den Christen ein allzu bedeutendes Ereignis, als dass er sich nicht darauf sollte vorbereiten wollen. Berühmt wurden die letzten Worte des Renaissancefürsten und Papstsohnes Cesare Borgia: "Ich habe für alles Vorsorge getroffen im Laufe meines Lebens, nur nicht für den Tod, und jetzt muss ich völlig unvorbereitet sterben." Das memento mori - die permanente Erinnerung daran, dass der Mensch sterben müsse - war vom Mittelalter bis ins Barock allgegenwärtig; so fanden sich Sinnsprüche, die den Gedanken an den Tod wach halten sollten, häufig auf Sonnenuhren, und so erklären sich auch häufige Abbildungen von Gerippen, Totenschädeln usw. in Kirchen, auf Gemälden, Reliefs und Siegeln. Gerade aus der Tatsache, dass der Tod gewiss, sein Zeitpunkt jedoch ungewiss ist, ergab sich nach damaligem Verständnis die Notwendigkeit, jederzeit auf den Tod vorbereitet zu sein. Wie wir gesehen haben, ist diese Auffassung - bedingt vielleicht zum Teil  durch eine stark gestiegene statistische Lebenserwartung, mindestens ebensosehr aber durch das Schwinden des Glaubens an ein Leben nach dem Tod - unmodern geworden. Das heißt aber nicht, dass sie deshalb weniger richtig und beherzigenswert wäre. So gesehen kann man es aus christlicher Sicht eigentlich nur begrüßen, wenn Kinder schon frühzeitig, wenn auch behutsam, an eine Auseinandersetzung mit dem Tod herangeführt werden, beispielsweise etwa durch Schlaflieder oder Nachtgebete wie die oben zitierten.

Ein interessantes Erlebnis in diesem Zusammenhang hatte ich am vergangenen Donnerstag in der St. Antonius-Kirche in Berlin-Friedrichshain. Dort fand eine Messe für Schulanfänger statt, gleichzeitig war es aber eben auch der Gedenktag der hl. Theresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein), und ich war sehr gespannt, wie Pfarrer Hans-Joachim Birkhahn das unter einen Hut bekommen würde. Tatsächlich gestaltete der Pfarrer dann seine Predigt als eine Art Frage-und-Antwort-Spiel mit den Kindern, und seine erste Frage war, warum er denn wohl heute ein rotes Gewand trage. Einige der anwesenden Kinder bewiesen für ihr Alter sehr beachtliche Kenntnisse, und so kam Pfarrer Birkhahn ganz zwanglos auf das Thema des Martyriums und auf die Vita der Heiligen des Tages zu sprechen. Wer gemeint hätte, solche Themen seien Kindern im Schulanfängeralter nicht zuzumuten, wurde hier eindrucksvoll eines Besseren belehrt.

Ein anderes Beispiel: Zu meiner Erstkommunion vor nunmehr bald dreißig Jahren schenkte meine aus Schlesien stammende Großmutter mir das Buch Fromme Geschichten für kleine Leute von Josef Quadflieg (12. Auflage Düsseldorf 1977), das noch heute einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal hat. Viele der 46 Geschichten in diesem Band sind als moralische Beispielerzählungen angelegt, in anderen geht es ganz konkret um die katholische Sakramentenlehre - und in auffallend vielen geht es um den Tod. Gleich die erste Geschichte, "Gemeinschaft der Heiligen", die den Ausflug einer Schulklasse schildert, beginnt damit, dass die Schüler sich zum Beginn ihres Klassenausflugs am Grab eines ehemaligen Mitschülers versammeln. Der Lehrer erklärt:
"Wir sind seit seinem Tod schon oft an sein Grab gekommen, wenn wir dem Harald etwas sagen mußten, was wir auf dem Herzen hatten. Er gehört ja immer noch zu unserer Klasse, wenn er auch nicht mehr in unseren Bänken sitzt. Denn alle Christen, die Lebenden und die Toten, die im Fegefeuer und die im Himmel, sind eine große Familie, die man die Gemeinschaft der Heiligen nennt. Sie helfen einander und bitten füreinander. So hat Harald bei Gott für uns gebetet, als wir ihm vor drei Wochen erzählten, daß en Kind in unserer Klasse zum Dieb geworden war und ein Federmäppchen gestohlen hatte; und vorige Woche, als die Hannelore so schwer krank war. Alles, was wir dem Harald aus unserer Klasse erzählten, hat er dem lieben Gott weitererzählt." (S. 10)
Gegen Ende des Bandes folgt eine Geschichte, von der ich noch sehr wohl weiß, dass sie mich als Kind eher befremdet hat, die ich heute aber als eine der bewegendsten des Buches empfinde; sie trägt den Titel "Lebe täglich sterben". Darin geht es um einen Jungen, der während eines Familienurlaubs ertrinkt und in dessen Hosentasche man den Totengedenkzettel einer gewissen Frau Lindfart findet, der (auf Lateinisch) die Inschrift "Lerne täglich sterben; es ist die Kunst aller Künste!" trägt. Als die Eltern des verunglückten Knaben seinen Leichnam aus dem Leichenschauhaus abholen, sind sie verhältnismäßig gefasst. Angesichts des Totengedenkzettels erklärt der Vater:
"Die Frau Lindfart ist weder die Mutter noch die Großmutter des Kindes. Sie ist gar nicht mit uns verwandt. Der Junge hat den Zettel zufällig mal bekommen, als er in einer Totenmesse war. Es ging ihm nicht um den Zettel oder die tote Frau. Er hatte sich vielmehr den lateinischen Spruch von seinem Pastor übersetzen lassen. Seitdem hat er sich diesen Spruch als seinen Leitspruch überallhin mitgenommen. Er hat versucht, danach zu leben; so zu leben, daß Gott ihn täglich holen dürfte. Wir haben deshalb auch guten Mut und frohe Hoffnung, daß er wohl jetzt, wo wir diesen unglücklichen Ort verlassen, schon im Himmel ist." (S. 140f.)
Dass mir diese Geschichte kürzlich wieder in den Sinn kam, war bedingt durch die öffentliche Stellungnahme Kardinal Meisners zum aktuellen Gesetzentwurf zur Sterbehilfe. Darin äußerte der Kölner Erzbischof, "[d]as Christentum habe im Mittelalter den Begriff einer 'ars moriendi', der 'Kunst des guten Sterbens' noch gekannt, die immer auch eine Lebenskunst meine: weil sie den Tod nicht verschwiege und verdränge". Dass Kardinal Meisner sich gerade angesichts des Themas Sterbehilfe veranlasst sieht, an die Sterbekunst zu erinnern, die auch eine Lebenskunst sei, erscheint mir ausgesprochen bezeichnend: Die Sterbehilfe-Debatte zeigt, dass die Verleugnung des Todes, die Weigerung, sich dem Tod zu stellen und mit ihm auseinanderzusetzen, paradoxerweise gerade dazu führt, den Selbstmord und die Beihilfe zum Selbstmord konsensfähig zu machen. Anders ausgedrückt: Die Ausblendung des Todes beeinträchtigt auch den Respekt vor dem Leben - dem eigenen wie auch dem der Mitmenschen. Das entbehrt, wenn man einmal darüber nachdenkt, nicht einer gewissen Folgerichtigkeit: Die Unausweichlichkeit des Todes beinhaltet die ultimative Mahnung daran, dass das Leben nicht in der Verfügungsgewalt des Menschen liegt. Aus dem verzweifelten Versuch, diese Wahrheit zu leugnen, resultiert die Absicht, auch den Tod, wenn man ihm schon nicht entgehen kann, wenigstens selbst in die Hand zu nehmen. Für Christen ist dieses Streben des Menschen nach völliger Autonomie in Fragen des Lebens und des Todes (das, wie nur am Rande angemerkt sei, neben dem Thema Sterbehilfe auch das Thema Abtreibung betrifft) unannehmbar, und nicht zuletzt deshalb tun Christen gut daran, an dem so unpopulär gewordenen memento mori festzuhalten. Auch und gerade in der Kindererziehung.


Freitag, 10. August 2012

Frohe Ostern, Deutschland! - Teil 4: Durch Deutschland muss ein Rock gehen!

Zunächst einmal muss ich mich entschuldigen. Entschuldigen dafür, dass ich mich diesem Thema mit so erheblicher Verspätung zuwende. Die diesjährige Wallfahrt zum Heiligen Rock in Trier fand vom 13. April bis 13. Mai statt, und ich komme erst jetzt, im August, dazu, darüber zu schreiben. Nun gut, der Reihentitel verrät, dass ich einen Beitrag zu diesem Thema schon so ungefähr seit Ostern geplant hatte. Aber manche Dinge dauern eben etwas länger, als man es gern hätte; andere Themen haben sich zwischenzeitlich in den Vordergrund gedrängt, aber das soll nun kein Grund sein, den Beitrag über die Rockfahrt gänzlich fallen zu lassen, nur weil er nicht mehr ganz so "aktuell" ist.

Der Heilige Rock - ein Gewand, das Fragmente der Tunika Jesu Christi enthalten soll - dürfte die wohl berühmteste und bedeutendste Reliquie auf deutschem Boden sein. Nachdem das Gewand zuletzt 1996 öffentlich ausgestellt worden war, kündigte der Trierer Bischof Reinhard Marx im Jahr 2007 an, zum 500. Jubiläum der ersten Wallfahrt zum Heiligen Rock solle es 2012 erneut eine große Wallfahrt geben. Nicht lange nach dieser Ankündigung wurde Marx jedoch zum Erzbischof von München und Freising ernannt, sodass die Aufgabe, die Jubiläums-Rockfahrt zu organisieren, im Wesentlichen seinem Nachfolger auf dem bischöflichen Stuhl von Trier, Stephan Ackermann, zufiel. Es ist eine interessante, wenn auch letztlich müßige Frage, ob Bischof (jetzt Kardinal) Marx, wäre die Rockfahrt unter seiner Federführung veranstaltet worden, andere Schwerpunkte gesetzt hätte, als es sein Nachfolger Ackermann dann tat. Darauf wird noch zurückzukommen sein; wenden wir uns jedoch zunächst der Geschichte der illustren Reliquie zu.

Die enorme Bedeutung des Heiligen Rocks etwa im Vergleich zu den Sandalen Christi, die in der Sankt-Salvator-Basilika in Prüm aufbewahrt werden, leitet sich sehr wesentlich davon her, dass dieses Kleidungsstück im Kreuzigungsbericht des Johannesevangeliums ausdrücklich erwähnt und hervorgehoben wird. In Joh 19,23-24 ist zu lesen:
"Nachdem die Soldaten Jesus ans Kreuz geschlagen hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen. Sie nahmen auch sein Untergewand, das von oben her ganz durchgewebt und ohne Naht war. Sie sagten zueinander: Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte sich das Schriftwort erfüllen: Sie verteilten meine Kleider unter sich und warfen das Los um mein Gewand. Dies führten die Soldaten aus."
Bei dem Schriftwort, auf das der Evangelist hier verweist, handelt es sich um Psalm 22,19; der Evangelist hebt somit hier wie auch an vielen anderen Stellen Jesus Christus als denjenigen hervor, in dessen Person sich die Prophezeiungen des Alten Testaments erfüllen. - Am Rande sei erwähnt, dass die oben zitierte Passage aus dem Johannesevangelium den US-amerikanischen lutherischen Pfarrer und Romanautor Lloyd C. Douglas zu dem Roman The Robe (1942; dt. Das Gewand des Erlösers) inspirierte, in dem der weitere Lebensweg jenes römischen Soldaten beschrieben wird, der die Tunika Christi beim Würfelspiel gewinnt; der Roman wurde 1953 verfilmt, 1954 folgte eine Fortsetzung unter dem Titel Die Gladiatoren. Dass die Tunika Christi in Douglas' Roman und dessen Verfilmung nach Rom gelangt, steht allerdings im Widerspruch zu jener Überlieferung, die sich an den Heiligen Rock von Trier knüpft: Der Legende nach soll nämlich Kaiserin Helena, die Mutter Konstantins des Großen, auf einer Wallfahrt ins Heilige Land im Jahr 324 oder 325 Ausgrabungen veranlasst haben, bei denen sie neben dem Kreuz Christi und den Kreuzesnägeln auch noch zahlreiche andere Reliquien aufgefunden haben soll - darunter eben auch die Tunika, die Helena ihrer Heimatstadt Trier geschenkt haben soll. - Eine eher skurrile Variante der Auffindungsgeschichte erzählt das gegen Ende des 12. Jhs. entstandene Spielmannsepos Orendel: Darin soll der Titelheld, der Sohn des Königs von Trier, die Königin von Jerusalem heiraten, erleidet jedoch infolge des Zusammenstoßes mit einem Eisberg (!) Schiffbruch und findet den Rock Christi im Bauch eines Wals!

Urkundlich bezeugt ist die Aufbewahrung des Heiligen Rocks im Dom zu Trier ab dem Jahr 1196; die Reliquie blieb jedoch noch Jahrhunderte lang unter Verschluss, bis Kaiser Maximilian I. sie im Jahr 1512 zu sehen wünschte, als er anlässlich eines Reichstags in Trier war. Der eben erst in sein Amt eingeführte Trierer Erzbischof und Kurfürst Richard von Greiffenklau entsprach diesem Wunsch, wie es heißt, nur widerstrebend; nun aber verlangte auch das Volk den Leibrock Christi zu sehen, woraufhin die Reliquie 23 Tage öffentlich ausgestellt wurde. Damit war der Anstoß für die Wallfahrten zum Heiligen Rock gegeben, die in der Folgezeit jährlich stattfanden, bis Papst Leo X. im Jahr 1517 bestimmte, der Heilige Rock solle künftig nur noch alle sieben Jahre gezeigt werden. Weitere Rockfahrten fanden also in den Jahren 1524, 1531, 1538 und 1545 statt, danach wurde der Siebenjahreszyklus infolge kriegerischer Ereignisse und reformationsbedingter Unruhen ausgesetzt. Im Jahre 1628 wurde der Heilige Rock auf die Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz verbracht, wo er mit einigen Unterbrechungen insgesamt bis 1794 blieb; während dieser Zeit wurde er immerhin einmal, 1765, öffentlich ausgestellt und zum Ziel einer Wallfahrt. Der letzte Kurfürst von Trier, Clemens Wenzeslaus von Sachsen, nahm die Reliquie mit sich, als er infolge des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 sein Amt verlor und sich nach Augsburg zurückzog. 1810 kehrte der Heilige Rock jedoch nach Trier zurück, woraufhin dort auch die Wallfahrten wieder aufgenommen wurden - allerdings in erheblich größeren Zeitabständen als im 16. Jahrhundert.

Die Reformatoren, die Wallfahrtswesen und Reliquienverehrung ablehnten, polemisierten heftig gegen die Wallfahrten zum Heiligen Rock, die zu ihrer Zeit noch ein sehr junges Phänomen waren; so wetterte Dr. Martin Luther in der ihm eigenen derben Wortwahl gegen die "Bescheißerei zu Trier, mit Christi Rock", wo "der Teufel großen Jahrmarkt gehalten" habe: "Und das noch das Allerärgest ist, daß sie die Leute hiemit verführet und von Christo gezogen haben, auf solche Lügen zu trauen und bauen...". Die ablehnende Haltung der protestantischen Kirchen gegen die Rockfahrten blieb auch nach deren Wiederaufnahme im 19. Jh. ungebrochen. Umso überraschender mag es anmuten, dass anlässlich der Rockfahrt 1996 der damalige Trierer Bischof Hermann Josef Spital den Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Peter Beier, zur Teilnahme einlud; dieser nahm die Einladung nicht nur an, sondern dichtete sogar ein Pilgerlied für die Wallfahrt. Die Rockfahrt 2012 wurde unter das betont ökumenisch ausgerichtete Motto "...und führe zusammen, was getrennt ist" gestellt; das Motto nahm Bezug auf die Rolle des aus einem Stück gewebten Leibrocks Christi als Symbol für die Einheit der Kirche. Ende 2011 erklärte dann die für Ökumene zuständige Oberkirchenrätin der Evangelischen Kirche im Rheinland, Barbara Rudolph, bei einer Pressekonferenz: "Auf Einladung von Bischof Stephan Ackermann beteiligen wir uns an der Heilig-Rock-Wallfahrt im Jahr 2012". Diese ökumenische Ausrichtung der Rockfahrt erforderte allerdings - angesichts bleibender Vorbehalte der Protestanten gegen ebenjene religiösen Praktiken, gegen die schon die Reformatoren Stellung bezogen hatten - auf katholischer Seite einige Kompromisse; so verzichtete Bischof Ackermann entgegen der gängigen Praxis darauf, anlässlich der Rockfahrt 2012 in Rom die Genehmigung eines Ablasses zu erbitten - um "die ökumenischen Beziehungen nicht zu konterkarieren". Man kann in der Tat davon ausgehen, dass die Gewährung eines Ablasses die Bereitschaft der evangelischen Kirche, an der Rockfahrt teilzunehmen, erheblich beeinträchtigt hätte - gilt doch der Kampf gegen den Ablass weithin als Initialzündung der lutherischen Reformation in Deutschland (wenngleich, dies nur am Rande, Luther sich in seinen 95 Thesen keinesfalls so prinzipiell gegen den Ablass positionierte, wie vielfach angenommen wird - Näheres dazu hier). Der Verzicht auf den Ablass wie auch insgesamt die ökumenische Ausrichtung der Wallfahrt sorgten allerdings wiederum auf katholischer Seite für Irritationen - besonders in traditionalistischen Kreisen, die Bischof Ackermann eine "Uminterpretation der Heilig-Rock-Wallfahrt" vorwarfen. Angesichts solcher Auseinandersetzungen ging die Tatsache, dass letztlich - im Anschluss an ein von dem emeritierten Kardinal Walter Brandmüller zelebriertes Pontifikalamt - doch noch ein Ablass zu den üblichen Bedingungen verkündet wurde, in der öffentlichen Wahrnehmung beinahe unter.

Im Großen und Ganzen gewährleistete die ökumenische Ausrichtung der Rockfahrt aber doch eine von konfessionellen Animositäten unbeeinträchtigte Atmosphäre; Misstöne kamen von anderer Seite. Atheistische Organisationen riefen - wieder einmal, und wieder einmal ohne nennenswerte Resonanz - zum massenhaften Kirchenaustritt auf; wie schon 1996 wurde als eine Art "Gegenreliquie" die (keinen Anspruch auf Authentizität erhebende) Unterhose von Karl Marx ausgestellt; und unter dem Motto "Papst trifft Hitler" zogen die Aktionskünstler Wolfram P. Kastner und Linus Heilig, verkleidet als Hitler und Papst Pius XII., durch Trier - womit sie darauf anspielten, dass die mit über zwei Millionen Teilnehmern größte Wallfahrt zum Heiligen Rock 1933 anlässlich des Abschlusses des Reichskonkordats zwischen Heiligem Stuhl und Deutschem Reich stattfand; über diese historische Tatsache hinaus zielte diese "Kunstaktion" erkennbar darauf ab, die verbreiteten Vor- und Fehlurteile über eine angebliche Affinität der katholischen Kirche und insbesondere Papst Pius' XII. zum Nationalsozialismus zu bestärken. Alles in allem kann man diese Protestaktionen wohl kaum anders als läppisch und albern nennen; sie entfalteten auch keinerlei Breitenwirkung - sehr im Gegensatz zu Protesten gegen frühere Rockfahrten, insbesondere jene des Jahres 1844, auf die ich hier etwas ausführlicher eingehen möchte.
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Heilig-Rock-Wallfahrt: „Papst trifft Hitler“ – Protestaktion empört Trier - weiter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/panorama/welt/parodie-auf-die-heilig-rock-wallfahrt-papst-trifft-hitler-protestaktion-empoert-trier_aid_737551.html

1810 hatte es anlässlich der Rückführung des Heiligen Rocks nach Trier erstmals seit Langem wieder eine Wallfahrt gegeben; die nächste folgte 1844 und wurde weithin als "gegen den preußischen Staat gerichtete Machtdemonstration" der katholischen Kirche wahrgenommen (vgl. Sylvia Paletschek, Frauen und Dissens. Frauen im Deutschkatholizismus und in den freien Gemeinden 1841-1852. Göttingen 1990, S. 20). Vom 18. August bis zum 6. Oktober 1844 pilgerten zwischen einer halben und einer Million Menschen zum Heiligen Rock in Trier – die mit Abstand größte Massendemonstration im deutschen Vormärz:

"Wunder geschahen, am bekanntesten wurde die 'Heilung' der gelähmten Gräfin von Droste-Vischering, die zwar nicht lange anhielt, jedoch […] nicht so schnell in Vergessenheit geriet. Die Gastwirte, Bilderhändler, die Verkäufer von geweihten Bändchen, Schärpen und ähnlichen Gegenständen machten gute Geschäfte, während im Dom die Pilger die Reliquie mit dem Stoßseufzer 'Heiliger Rock, bitt' für uns' anbeteten. Die Rockfahrt hinterließ in ganz Deutschland einen starken Eindruck, allein schon wegen ihrer hohen Teilnehmerzahl, die von Befürwortern wie Kritikern als sensationell empfunden wurde, zumal Massenveranstaltungen angesichts staatlicher Verbote, ungenügender Verkehrsverbindungen und geringem Organisationsgrad der Bevölkerung keine alltägliche Erscheinung waren." (Paletschek, S. 19)

Kritiker der Rockfahrt tadelten den anachronistischen Charakter dieser Reliquienverehrung sowie "den krassen Aberglauben und die Ausbeutung der ungebildeten und armen Pilger" (Paletschek, S. 20); der katholischen Kirche wurde vorgeworfen, "die religiösen Gefühle der Menschen irrezuleiten und sie materiell auszubeuten" (ebd.). Zu den prominentesten Kritikern der Wallfahrt zählte der suspendierte katholische Kaplan Johannes Ronge, der in der Folge zum Mitbegründer einer der bedeutendsten religiösen Oppositionsbewegungen seiner Zeit, des so genannten Deutschkatholizismus, wurde. Eine der ersten deutschkatholichen Gemeinden wurde 1845 in Breslau gegründet; sie beschloss bereits in ihren "konstituierenden Versammlungen [...] [die] Lossagung von Rom, demokratische Selbstverwaltung der Gemeinde und Wahl des Predigers, Abschaffung der Ohrenbeichte, der lateinischen Sprache im Gottesdienst, des Zölibats, der Ablässe, der Wallfahrten, der Heiligenverehrung und des Sakramentes der Ehe" (Paletschek, S. 24). Wem dieser Forderungskatalog irgendwie bekannt vorkommt, der mag sich einerseits die Frage stellen, wie "modern" und "zeitgemäß" die Programmatik heutiger kirchenkritischer Initiativen tatsächlich ist, möge sich aber darüber hinaus auch vor Augen halten, wie schnell im Falle der deutschkatholischen Gemeinden der Bruch mit dem Lehramt der katholischen Kirche und die Auffassung, dass "nur Bibel und Vernunft das Fundament des christlichen Glaubens" bilden sollten (ebd.), dazu führten, dass sämtliche spezifisch christliche Glaubensinhalte über Bord geworfen wurden. Schon rund ein Jahrzehnt nach ihrer Entstehung verschmolz die deutschkatholische Bewegung mit den von den evangelischen Landeskirchen abgespaltenen Freien Gemeinden zum Bund Freireligiöser Gemeinden, der als Dachverband verschiedener 'freidenkerischer' bzw. 'humanistischer' Organisationen noch heute besteht, dem es aber noch immer nicht gelungen ist, die christlichen Kirchen abzuschaffen bzw. zu ersetzen. Anlässlich der Rockfahrt 2012 erinnerten sich verschiedene freireligiöse Gemeinden und Gemeindeverbände der Pfalz, Württembergs und Rheinhessens wieder ihrer Entstehungsgeschichte und schmiedeten ein Aktionsbündnis, das ein Gegenprogramm zur Wallfahrt organisierte, damit aber auf weit weniger Resonanz stieß als die Altvorderen ihrer Bewegung.

Insgesamt nahmen rund 500.000 Pilger an der diesjährigen Wallfahrt zum Heiligen Rock teil. Das waren bedeutend weniger als noch 1996; dennoch zogen die Veranstalter eine positive Bilanz: Bischof Ackermann sprach von einer "vierwöchigen Festzeit" und von einem "Glaubensereignis"; es sei "spürbar geworden, dass die Heilig-Rock-Wallfahrt ein Bekenntnis zu Jesus und eine wirkliche Christuswallfahrt sein wolle". Wallfahrtsleiter Georg Bätzing erklärte, "das Pilgertreffen habe Kirche als lebendige, freundliche, hilfreiche, tröstliche und bestärkende Gemeinschaft konkret gemacht"; er sei "jetzt fester denn je davon überzeugt, dass der Heilige Rock ein echtes Bild Jesu Christi sei, das die Herzen von Menschen unmittelbar berühre". Letzteres ist allen Beteiligten nur zu wünschen; festzuhalten ist aber allemal, dass die Rockfahrt - wie schon der Papstbesuch im vorigen Jahr - angesichts eines der öffentlichen Religionsausübung im Allgemeinen und der katholischen Kirche im Besonderen zunehmend feindseligen Klimas ein weithin sichtbares Zeugnis für einen lebendigen Glauben gesetzt hat, allen öffentlichen Anfeindungen zum Trotz.

Donnerstag, 9. August 2012

In eigener Sache...


... möchte ich meine Leser darauf hinweisen, dass Huhn meets Ei (hey hey, my my) für einen Preis nominiert wurde -- nämlich für den "Schwester-Robusta-Preis der deutschsprachigen Blogoezese 2012", in der Newcomer-Kategorie ("Frische").

Nun ist die Nominierung an sich natürlich schon ein schöner Erfolg, aber noch schöner wäre natürlich ein einigermaßen achtbares Abschneiden beim Voting. Wer diesen Blog also nach eingehender oder auch nur punktueller Lektüre gut und unterstützenswert findet, der sei herzlich dazu aufgerufen, dies durch eine Stimmabgabe zu dokumentieren -- nämlich hier!


Das Voting läuft noch bis zum 17. August. Ich freue mich über jede Stimme!

Der nächste "richtige" Beitrag zu diesem Blog wird voraussichtlich in den nächsten Tagen folgen: die lange erwartete Fortsetzung der Reihe "Frohe Ostern, Deutschland!" - mit dem Titel "Durch Deutschland muss ein Rock gehen!"!

Sonntag, 5. August 2012

The Rabbit Diaries, Pt. II

Als meine Freundin Kati mich zwei Tage vor ihrer Abreise in die hohe Kunst der Kaninchenbetreuung einwies, sagte sie mir, der Stall müsse ungefähr alle drei Tage ausgemistet werden, "aber man riecht das dann auch". In dieser Hinsicht ist auf die lieben Tierchen wirklich Verlass: Als ich meinen Dienst als Kaninchensitter antrat, war die letzte Käfigreinigung gerade zwei Tage her; als ich am frühen Abend des nächsten Tages die Wohnung betrat, stellte ich schon im Flur fest: Oh ja, man riecht es.

Flockes und König Friedrichs luxuriöses Domizil besteht aus zwei baugleichen, miteinander verbundenen Käfigen; in dem einen schlafen sie, in dem anderen fressen und trinken sie und verrichten ihre Ausscheidungen. Das Gute daran ist, dass man den Käfig, in dem die Kaninchen schlafen, nicht putzen muss: Den halten sie selbst sauber. Allerdings frage ich mich, wie sie das hinkriegen. Besondere Intelligenz kann man den Kaninchen nämlich im Allgemeinen nicht nachsagen: Ständig fressen sie das Stroh, das eigentlich als Bodenbelag gedacht ist; Futter, das sie nicht mögen, versuchen sie zu vergraben; und andauernd verunreinigen sie ihr Trinkwasser, mit der Folge, dass sie es dann nicht mehr trinken mögen. Wobei, letzteres ist ja fast schon menschlich.

Glücklicherweise kommt Kaninchenkot in kompakten kleinen Kügelchen mit erfreulich niedrigem Ekelfaktor daher. Der Urin riecht dafür umso strenger. Aber das hat, wie gesagt, auch seine guten Seiten, denn auf diese Weise kann man schlechterdings nicht vergessen, dass der Käfig mal wieder ausgemistet werden muss. Und sich zweimal in der Woche zu dieser Arbeit aufzuraffen, ist so schlimm nun auch nicht. Allerdings unterlief mir bei meiner ersten Käfigausmistung gleich ein dämlicher Anfängerfehler: Ich hatte nicht beachtet, dass das Stroh beinahe alle war. Die beiden anderen Komponenten der Käfig-Innenausstattung - Streu und Heu - gibt's im Supermarkt, der von der Wohnung aus in zwei Minuten zu Fuß zu erreichen ist; aber ausgerechnet Stroh gibt es dort nicht. Auf Nachfrage erfuhr ich, dafür müsse ich in den Baumarkt. Um diesen sogleich aufzusuchen, war es aber schon zu spät, also beschloss ich, das als erste Amtshandlung am nächsten Morgen zu erledigen; eine Nacht, so hoffte ich, würden die lieben Kleinen es ja wohl ohne Stroh (bzw. nur mit einem kläglichen Rest) in ihrem Laufstall aushalten.

Ich stand also am nächsten Morgen extra früh auf, um am Baumarkt zu sein, sobald dieser die Pforten öffnete. Da ich in diesem riesigen Geschäft noch nie gewesen war und auf der Suche nach der Haustierabteilung nicht ewig herumirren wollte, dachte ich, frage ich doch einfach mal einen Mitarbeiter. Sprach gleich den ersten, der mir über den Weg lief, mit einem fröhlichen "Guten Morgen!" an; das war wohl die falsche Strategie, denn er zeigte keinerlei Reaktion und ging seiner Wege. Dann nicht, sagte ich mir und fand die Haustierabteilung tatsächlich auch ohne Hilfe recht schnell. Wünschte dennoch demonstrativ jedem und jeder Baumarktangestellten, der /die mir begegnete, einen guten Morgen, aber niemand reagierte. Auch die Kassiererin nicht. Man hat den Eindruck, die Arbeit in diesem Geschäft macht die Menschen nicht sonderlich froh. Der Besuch lohnte sich trotzdem, denn ich zog mit einem Kilo feinsten Bio-Strohs für nur zwei Euro nochwas von dannen. Wissen möchte ich aber mal, wie es zu verstehen sein soll, dass das Stroh (laut Packungsaufdruck) "nicht staubt". Wörtlich kann das nicht gemeint sein... hust! - Die gute Nachricht ist, dass die Kaninchen mir die verspätete Strohbeschaffung offensichtlich nicht übel genommen haben. Fühle mich von Tag zu Tag besser akzeptiert in ihrem Reich; am ersten Tag war ich da noch etwas skeptisch. Da kamen sie kaum aus ihrer Schlafhöhle heraus, und wenn doch, schlichen sie misstrauisch um die Kohlrabiblätter herum, die ich ihnen in ihre Fressecke gelegt hatte. Als ich dann aber - kurz bevor ich die Wohnung verließ, um wieder meine eigene aufzusuchen - beschloss, ihnen für alle Fälle noch etwas Trockenfutter zu geben, kamen Flocke und König Friedrich, kaum dass sie das Rascheln der Trockenfutterpackung hörten, angerannt und wackelten fröhlich mit den Ohren. Moral: Kaninchen sind wie Kinder. Da gibt man ihnen schönstes frisches Grünzeug, aber sie wollen Fast Food.

Nun gut, es mag bezeichnend sein, dass besonders das jüngere der beiden Kaninchen, König Friedrich, auf Fast Food steht. Das Schöne daran: Wenn er mit Fressen beschäftigt ist, lässt der sonst so scheue Friedrich sich manchmal sogar streicheln. Diese Erfahrung machte ich erstmals, als ich ihm ein paar Halme Heu aus dem Fell streichen wollte; ich war ausgesprochen gerührt, als er sich das ohne Murren gefallen ließ. Wenn man die Schale mit dem Trockenfutter von oben in den Käfig stellt, macht er manchmal sogar Männchen. Noch schöner ist es aber trotzdem, wenn die Kaninchen angehoppelt kommen, um das frische Gemüse zu fressen, das man ihnen in den Käfig legt. Klingt vielleicht banal, aber das hat etwas ausgesprochen Beglückendes.

Kurz, ich habe mich mit meiner vorübergehenden Lebensaufgabe ganz gut angefreundet - so gut, dass ich es fast schade fand, dass ich mich in den letzten Tagen gar nicht so viel um die Kaninchen habe kümmern müssen. Seit letztem Sonntagabend, und noch bis morgen früh, ist nämlich Logierbesuch aus Österreich in der Wohnung: eine junge Dame, die für eine Woche in Berlin Urlaub macht. Für die Dauer ihres Aufenthalts die Kaninchenbetreuung zu übernehmen, sei für sie kein Problem, sagte sie: Sie sei auf einem Bauernhof aufgewachsen und komme mit Tieren gut klar. Das hat sich als richtig erwiesen. Flocke und König Friedrich mögen sie so gern, da könnte man direkt eifersüchtig werden. Obwohl die lieben Tierchen somit in den besten Händen sind, bin ich ziemlich regelmäßig vorbeigekommen, um mal kurz nach dem Rechten zu sehen, und auch, damit die Kaninchen mich nicht gleich wieder vergessen. Ein bisschen stolz bin ich aber auch auf mich, dass ich - in Absprache mit Kati natürlich - das "Kaninchensitting" und die Bereitstellung einer kostenlosen Übernachtungsmöglichkeit für Katka so effizient unter einen Hut gebracht habe. Mal wieder zwei Leuten (plus zwei Kaninchen!) auf einmal geholfen! So etwas tue ich gern - ich weiß nicht, ist es meine Auffassung von praktiziertem Christentum, bin ich einfach nett, oder genieße ich es, gelegentlich mal ein Held sein zu dürfen? Wahrscheinlich ist es ein bisschen was von alledem.

Derweil habe ich es mir natürlich auch nicht nehmen lassen, der Rolle des Kaninchens in der Literatur weiter nachzugehen. Ein Standardwerk wäre hier selbstverständlich Alice im Wunderland, aber das kennt man ja. Weitaus weniger bekannt ist dagegen der Roman Im Schillingshof der vielfach zu Unrecht als "Kitschtante" und Urmutter des trivialen Frauen- bzw. Liebesromans abgestempelten E. Marlitt (d.i. Eugenie John, 1825-1887); in diesem überraschend vielschichtigen und auch historisch interessanten Roman gibt es eine Sequenz, die womöglich von Alice im Wunderland beeinflusst ist (Im Schillingshof erschien 1879, zehn Jahre nach der ersten deutschsprachigen Ausgabe von Carrolls Roman): José Lucian, ein engelsgleicher Knabe, der mit Mutter, Schwester, Tante und zwei schwarzen Dienstboten aus dem Süden der USA nach Deutschland gekommen ist, spielt im Garten des Schillingshofs mit seinem weiße Kaninchen - "Er setzte das Tierchen behutsam in das Gras und kauerte sich daneben. Mit sanften Händen streichelte er das seidenweiche Fell; er sah entzückt in die seltsamen rotglühenden Augen und beobachtete aufmerksam das Spiel der Ohren" -, als der boshafte, tierquälende Nachbarsjunge Veit Wolfram, der durch die Hecke gekrochen ist, auftaucht und José verspottet:
"Ach, der dumme Kerl! Der Einfaktspinsel! er denkt Wunder was er hat - 's ist ja ein ganz gewöhnliches Karnickel - weißt du das denn nicht?"
Das Kaninchen ergreift prompt die Flucht; José will ihm nach, fühlt sich aber gleichzeitig auf fatale Weise von dem dämonischen Veit angezogen: "José hatte bis dahin nie einen Spielgefährten gehabt, und nun stand da plötzlich einer vor ihm, der wundervoll klettern konnte, der mir nichts dir nichts durch stachlige Zäune kroch und die imponierende Thatsache wußte, daß das Kaninchen eigentlich nur ein Karnickel war." So lässt sich José von Veit auf das Nachbargrundstück locken - "Ich will dir meine Lapins zeigen. Da wirst du gucken! Die sind freilich anders, als dein schauderhaftes Stallkarnickel" - und stellt fest: "Das war nun eine ganz andere Welt, jenseits des struppigen Zaunes". Ein Wunderland Carrollscher Qualität ist es freilich nicht; tatsächlich erwarten den kleinen José auf dem Dachboden des Nachbarhauses allerlei Schrecknisse: Die "wüste, sonnenheiße Dachkammer, in der alles aufgestapelt wurde, was sich als dienstuntauglich erwies", enthält neben allerlei teilweise Jahrhunderte altem Gerümpel "auch die halbentkleideten, kopflosen Puppenbälger, die einst die jüngsten Töchter des Wolframschen Hauses, die flachshaarigen Mägdlein der armen Frau Rätin, gewiegt und geherzt hatten"; der grausige Unterton, den diese Erinnerung an Wolframs unerwünschte Töchter, denen einst nur der Ausweg blieb, "sich vor dem gestrengen Vater in dunkle Winkel zu verkriechen, bis sie nach kurzem Dasein die hellockigen Köpfchen erlöst und friedfertig auf das weiße Kissen des Totenschreins betten durften", schon durch den verstümmelten Zustand der Puppen erhält, wird noch gesteigert dadurch, dass der boshafte Veit kurz zuvor angesichts eines Körbchens voller neugeborener Kätzchen erklärt hat: "Werd's gleich dem Papa sagen; Fritz muß sie heute noch ersäufen – das gibt allemal einen Hauptspaß!" (ISch, S. 182)

In dieser eindrucksvollen Romanpassage zeigt sich geradezu exemplarisch die symbolische Bedeutung des Dachbodens in der bürgerlichen Literatur, die Margret Rothe-Buddensieg in ihrer Studie Spuk im Bürgerhaus beschrieben hat - allerdings ohne dabei auf Im Schillingshof einzugehen:  Im bürgerlichen Haushalt ist der Dachboden,

"im Gegensatz zu dem durch die Lagerung von Speisen und Getränken noch mittelbar in die Nutzung einbezogenen Keller, nicht mehr Funktionsraum wie noch im Bauernhaus. Er ist Aufbewahrungsort für veraltetes Inventar, für mehr oder weniger ehrwürdige Ruinen eines abgelebten Lebens im Hause wie auch für Dinge, deren Erinnerung aus der Wohnsphäre des Hauses verdrängt wurde. Er ist eine Sphäre des Vergessens und des Vergessenen, das dort überdauert" (Rothe-Buddensieg, S. 3).

Was lernen wir nun daraus? Schwer zu sagen. Aber mitteilen wollte ich meine kaninchenbezogenen Lesefrüchte dann doch mal...

Ab morgen werde ich dann also wieder erheblich mehr Zeit mit den Kaninchen verbringen als in der zurückliegenden Woche, und ich bin gespannt, zu was sie mich noch so inspirieren werden. So oder so dürfte es demnächst aber mal wieder Zeit für einen Blogbeitrag mit religionspolitischem Inhalt sein...

Freitag, 3. August 2012

Margaritaville oder Das Evangelium der Ökonomie

Geldsorgen hat es, auch wenn die Erinnerung Manchem etwas anderes vorgaukeln mag, früher auch schon gegeben. "Arm ist [der Arbeiter] immer gewesen, meist sogar früher viel ärmer", stellte der konservative Sozialtheoretiker Wilhelm Heinrich Riehl schon 1851 fest. Daran, dass die meisten Menschen tendenziell eher zu wenig als zuviel Geld haben, hat sich seither nichts geändert; geändert hat sich etwas anderes. Wer früher kein Geld hatte, ließ beim Bäcker, beim Fleischer, beim Milchmann und nicht zuletzt beim Wirt anschreiben; heute nimmt er einen Kredit auf. Und wenn er dann mit den Raten in Verzug kommt, fühlt er sich gewissermaßen als Teil der internationalen Finanz- und Staatsschuldenkrise.

Irgendwie ist da ja auch was Wahres dran. Als ich unlängst im Freundeskreis die halb scherzhaft gemeinte Bemerkung fallen ließ, verglichen mit Griechenland gehe es mir finanziell noch relativ gut, löste ich zu meinem Erstaunen eine engagierte Diskussion aus, die sich in der Hauptsache darum drehte, dass man sich angesichts der Finanzkrise doch auch mal an die eigene Nase fassen solle, anstatt immer nur "die da oben" verantwortlich zu machen. Dass dieselbe Mentalität, die erst zur Immobilien-, dann zur Banken- und schließlich zur Staatsschuldenkrise geführt habe, auch schon in Privathaushalten zu beobachten sei; von mittelständischen Unternehmen ganz zu schweigen, die häufig - schon aus steuerlichen Gründen - bestrebt sind, möglichst wenig Gewinn zu erwirtschaften, die aber trotzdem ständig liquide sein müssen, was dann ja nur mit Hilfe von Krediten möglich ist. Irgendwann verlief die Diskussion mehr oder weniger im Sande, weil die Materie für alle Beteiligten zu kompliziert wurde; aber mir wurde noch der gute Rat mit auf den Weg gegeben, ich solle mir mal die South Park-Episode Margaritaville ansehen. Ich tat das gleich am nächsten Tag.

Die Cartoonserie South Park, kreiert von Matt Stone und Trey Parker (nebenbei bemerkt: zwei unzertrennliche Gefährten namens Stone und Parker, da schlägt das Herz des Karl-May-Fans höher! Fehlt nur noch Sam Hawkens...!), hat es seit 1997 auf 16 Staffeln mit insgesamt 237 Episoden gebracht und ist für ihren schlichten Zeichenstil und ihre fast schon primitiv zu nennende, an Handpuppenheater erinnernde (und somit wohl als bewusst eingesetztes Stilmittel anzusehende) Animation ebenso bekannt wie für ihren tiefschwarzen Humor. So war es bis zur 5. Staffel ein running gag der Serie, dass einer der Hauptcharaktere, Kenny, in annähernd jeder Folge auf möglichst bizarre Weise zu Tode kommt ("Oh mein Gott, sie haben Kenny getötet!" - "Ihr Schweine!"), in der nächsten Folge dann aber wieder quicklebendig mitspielt.

Es liegt auf der Hand, dass South Park nicht primär für Kinder konzipiert ist - obwohl die vier Hauptfiguren, Stan, Kyle, Cartman und eben Kenny, Grundschüler sind. Man tut der Serie wohl nicht zuviel Ehre an, wenn man konstatiert, dass sie als Gesellschaftssatire angelegt ist. Der Handlungsort, die fiktive Vorstadt South Park irgendwo im Mittleren Westen der USA, hat zwar beträchtliche Ähnlichkeit mit Littleton/Colorado, einem Vorort von Denver, wo der Co-Autor Matt Stone zur Schule gegangen ist (nämlich auf ebenjene Columbine High School, die 1999 durch den spektakulären Amoklauf zweier Schüler zu trauriger Berühmtheit gelangt ist), aber wahrscheinlich ähnelt sie genausosehr Hunderten anderer Vorstädte in den USA. Ständiges Thema der Serie sind die Lebenslügen und Verschrobenheiten des amerikanischen Durchschnittsspießers; dass die Protagonisten Drittklässler sind, trägt dazu bei, die vermeintliche Normalität der Erwachsenenwelt aus einer ungewohnten Perspektive heraus als Absurdität zu entlarven. "Reine Toren" sind die Kinder in South Park jedoch nicht; im Gegenteil werden sie, durchaus realistisch, als Produkte der Gesellschaft charakterisiert, in der sie aufwachsen. In besonderem Maße gilt dies für Eric Cartman, einen fetten, feigen, großmäuligen Stinkstiefel, der kaum etwas anderes äußert als Obszönitäten und chauvinistische, rassistische oder antisemitische Schmähungen.
Da die Serie häufig brisante politische, gesellschaftliche und auch religiöse Themen aufgreift und diese, nach dem Motto "Gib einem Kind einen Hammer, und es wird hämmern", mit einem ausgesprochen anarchischen und um Fragen des "guten Geschmacks" unbekümmerten Humor behandelt, kann es nicht ausbleiben, dass South Park in verschiedenen Kreisen immer wieder Empörung, Proteste und Forderungen nach Zensur provoziert. Auch die Folge Margaritaville, um die es hier im Folgenden gehen soll - die dritte Folge der 13. Staffel und damit insgesamt die 184. Episode der Serie - mag bei dem einen oder anderen Betrachter derartige Reaktionen auslösen. Dies nur einmal als Warnung vorausgeschickt.

Die im Jahr 2009 produzierte Folge zeigt, wie die Auswirkungen der Bankenkrise in South Park spürbar werden. Stan hat von seiner Oma 100 Dollar geschenkt bekommen, aber sein Vater besteht darauf, dass er das Geld zur Bank bringt, damit er Sinn und Wert des Sparens lernt. Tatsächlich lernt Stan dort aber etwas ganz Anderes: In Echtzeit erlebt er mit, wie sein Geld durch missglückte Spekulationen der Bank verloren geht. Direkt im Anschluss verzockt die Bank dann auch noch die Rente eines alten Muttchens sowie das Geld vom Konto von Stans Vater; für diesen ist damit das Maß voll. Am Abendbrottisch setzt er seiner Familie auseinander, worin er die Ursachen der Finanzkrise sieht: in ungezügeltem Hedonismus, in maßlosem Konsum unnützer Luxusartikel. Ironischerweise wird seine Rede größtenteils von den Betriebsgeräuschen eines elektrischen Cocktailmixers übertönt, in dem er sich gleichzeitig einen Margarita kredenzt.

Der weitere Verlauf der Episode ist von zwei Handlungssträngen geprägt, die parallel zueinander erzählt werden. In dem einen Strang zieht Stan aus der konsumkritischen Rede seines Vaters die Konsequenz, dessen elektrischen Margaritamixer zurückzugeben - der Beginn einer Odyssee, in deren Verlauf Stan den Hintergründen der Finankrise auf die Spur kommt. Das Geschäft, in dem das Gerät gekauft wurde, weigert sich, es zurückzunehmen, weil der Kauf über eine externe Finanzierungsgesellschaft abgewickelt wurde; Stan muss sich also an diese wenden, aber dort verweist man ihn weiter -- an die Wall Street, da die Finanzierung dieses einen Cocktailmixers "mit Tausenden anderen [Finanzierungen] in eine große Bürgschaft zusammengefasst wurde". An der Börse erfährt Stan jedoch, dass die Regierung die Bürgschaften aufgekauft hat, um die Banken zu retten. So wendet er sich an das Finanzministerium, wo er zu seiner Verblüffung erfährt, dass der Cocktailmixer 90 Billionen Dollar wert sei; kurz darauf wird jedoch enthüllt, auf welche bizarre Weise die Ministeriumsmitarbeiter zu dieser Einschätzung gelangt sind: Auf einem "Diagramm", das ähnlich wie ein Glücksrad aufgebaut ist und dessen einzelne Felder mit "Rettungsplan", "Bankrott", "Versuch's nochmal" usw. beschriftet sind, lassen sie ein geköpftes Huhn herumlaufen, bis es tot umfällt -- eine makabere Metapher für die oft undurchschaubar und willkürlich wirkenden Entscheidungen des Finanzministeriums während der Wirtschaftskrise (wovon man auch in Deutschland ein Lied singen kann, wo es insbesondere um die Frage, ob der Staat Opel retten solle, erhitzte Debatten gab).

Der andere Handlungsstrang beginnt mit einer Szene, die - vielleicht nicht ganz zufällig - stark an Monty Pythons Das Leben des Brian erinnert: Im Zentrum von South Park treten verschiedene Endzeitpropheten auf, die mehr oder weniger wirre Predigten über die Finanzkrise halten; einer von ihnen ist Stans Vater, der, in ein zur Toga gewickeltes Bettlaken gehüllt, radikalen Konsumverzicht predigt. Als eine Art Mischung aus Johannes dem Täufer und Mahatma Gandhi ruft er seine Mitbürger dazu auf, Bettlaken zu tragen, statt Kleidung zu kaufen, und ihre Ausgaben auch sonst "auf das Lebensnotwendigste" zu reduzieren: "Nur Wasser und Brot und Margaritas!" Damit soll "die wütende Wirtschaft" besänftigt werden: "Wir haben unsere Wirtschaft verspottet, und nun rächt sich die Wirtschaft an uns allen." Stans Vater deutet die Finanzkrise also quasi-religiös; er betrachtet "die Wirtschaft" als eine Art höheres Wesen - ein überaus launisches obendrein -, und dies überzeugt die Bürger von South Park weit mehr als alle Analysen von Wirtschaftsexperten und Politikern. Nahezu die ganze Gemeinde folgt dem Aufruf dieses sonderbaren ökonomischen Bußpredigers; nur Kyle, der jüdische Schulfreund seines Sohnes, erkennt den Unsinn der rigorosen Sparpolitik: "Wir sollten eigentlich Geld ausgeben, denn Ausgaben helfen der Wirtschaft." Bald sammeln sich auch um Kyle Anhänger - durchweg Kinder -, während die Erwachsenen argwöhnisch beobachten, "dass ein kleiner Judenjunge der Wirtschaft gegenüber Ketzerei betreibt". Als der Lehrer Garrison von fanatisierten Mitbürgern mit Eichhörnchen beworfen wird, weil er einen Stabmixer kaufen wollte, greift Kyle ein: "Wer von euch noch nie etwas Unnötiges gekauft hat, der werfe das erste Eichhörnchen!" Bald darauf beginnt Kyle öffentlich zu predigen; man munkelt, er sei "der einzige Sohn der Wirtschaft und wurde geschickt, uns zu retten". Als die Anhänger von Stans Vater beschließen, sie müssten gegen Kyle vorgehen, bietet Cartman - der von Anfang an den Juden die Schuld an der Finanzkrise gegeben hat ("Sie haben unser Geld geklaut und horten es nun für sich selbst! Sie verstecken das Geld in einer geheimen Judenhöhle!") - an, ihn auszuliefern; als Lohn dafür verlangt er ein gerade neu erschienenes Konsolenspiel. - Beim Pizzaessen mit seinen Freunden prophezeit Kyle, dass einer der Anwesenden ihn verraten werde, und kündigt für den nächsten Tag eine bedeutende Tat an, mit der er "den Glauben der Menschen wiederherstellen" will. Diese große Tat besteht darin, dass Kyle mittels einer AMEX-Platin-Kreditkarte ohne Limit "die Schulden von allen Leuten" bezahlt, obwohl seine Mutter versucht, ihn davon abzuhalten. Schließlich bricht er vor Entkräftung leblos zusammen.

Die zahlreichen Anspielungen auf die Evangelien, die diesen Handlungsstrang von Margaritaville prägen, mögen manchem Christen unter den Zuschauern mehr oder minder blasphemisch vorkommen. Für einige Details gilt das in besonderem Maße: Wenn Kyle betont, "die Wirtschaft" sei kein höheres Wesen, sondern von Menschen geschaffen, hat er zwar ohne Zweifel Recht - darauf komme ich noch zurück -, aber im Kontext dieses von biblischen Motiven nur so strotzenden Handlungsstrangs erinnert diese Aussage doch stark an die Religionskritik Ludwig Feuerbachs ("Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde"). Ebenso lässt der Umstand, dass Kyle, als er zusammenbricht und zunächst für tot gehalten wird, tatsächlich nur ohnmächtig ist - was im Kontext der Serie natürlich so sein muss, denn Kyle ist ja nicht Kenny - an die schon seit dem späten 18. Jh. von rationalistischen Theologen vertretene Deutung der Auferstehung Christi als Erwachen vom Scheintod denken.

Bei alledem ist jedoch zu berücksichtigen, dass einzelne Aspekte der Episode zwar unschwer als Kritik an bzw. als Verspottung der Anfälligkeit vieler US-Amerikaner für religiösen Fanatismus zu erkennen sind, dass die Hauptkritik jedoch einer Vergötzung der Wirtschaft gilt, einer Auffassung, die "die Wirtschaft" tatsächlich als eine quasi-göttliche, übermenschliche Macht gleichermaße fürchtet wie verehrt und die somit im Kern selbst bzw. erst recht blasphemisch ist. Anders ausgedrückt, die Folge Margaritaville richtet sich gegen das "Evangelium der Ökonomie", das Novalis schon in der Frühzeit des Kapitalismus als Geist der Zeit erkannte uns gegen das er und andere Vertreter der Romantik entschieden Stellung bezogen. Gleichzeitig wird in der Figur Cartmans auch der politisch-ökonomische Antisemitismus, der historisch häufig mit dem romantischen Antikapitalismus in Verbindung gebracht wird, scharf karikiert. Nicht zuletzt verweist die Gegenüberstellung der in religiöse Sprachmuster gekleideten Standpunkte von Stans Vater und Kyle auch auf konkurrierende finanz- und wirtschaftspolitische Konzepte, wobei Kyle eine vereinfachte Version des Keynesianismus vertritt: Gerade in der Krise müsse Geld ausgegeben werden, um die Konjunktur anzukurbeln - eine Auffassung, die in den USA unter der Regierung Barack Obamas eine Renaissance erlebt hat. Umso mehr ist zu betonen, dass in Margaritaville nicht nur die "Religiösen Rechten" ihr Fett abbekommen, sondern auch die Gegenseite: Als Kyle sich am Ende der Episode von seinem Schwächeanfall erholt hat und die Medien Anzeichen für einen neuen Wirtschaftsaufschwung vermelden, muss er konsterniert feststellen, dass dieser Erfolg nicht ihm und seiner erlösenden Tat, sondern eben Barack Obama zugeschrieben wird - eine wohlgezielte Kritik an der geradezu messianischen Verehrung, die dem US-Präsidenten zumindest zu Beginn seiner Amtszeit (und davor) von Teilen seiner Anhängerschaft entgegengebracht wurde.

Alles in allem erweist sich Margaritaville somit als weit vielschichtiger, als man es einer nur rund 20 Minuten langen Episode einer Cartoonserie eigentlich zutrauen würde; die bleibende, vielleicht sogar wachsende Aktualität der hier angesprochen Probleme macht die Folge, die 2009 mit einem Emmy Award in der Kategorie "Bestes animiertes Programm (weniger als eine Stunde)" ausgezeichnet wurde, auch über drei Jahre nach ihrer Erstausstrahlung noch sehenswert und diskussionswürdig -- auch wenn der christliche Betrachter womöglich an der einen oder anderen Stelle schwer schlucken muss.

Sonntag, 29. Juli 2012

Was ist denn bloß in Passau los?


Hand aufs Herz: Wie viele meiner Leser wüssten aus dem Stand, ohne nachzuzählen, wie viele Diözesanbischöfe die katholische Kirche in Deutschland hat? Ich muss gestehen, ich hätte mich da ganz erheblich verschätzt. Auch beim Versuch, die deutschen Bistümer im Kopf durchzuzählen, bekam ich nicht alle zusammen; schließlich musste ich es nachlesen. Die Auflösung: 25 Diözesanbischöfe gibt es zur Zeit in Deutschland – eigentlich wären es sogar 27, aber die Bischofsstühle von Dresden-Meißen und Regensburg sind derzeit vakant.

Angesichts von rund 24,5 Mio. Katholiken in Deutschland erscheint die Anzahl von 27 Diözesen nicht gerade übertrieben hoch; dass ich dennoch überrascht über die Zahl der deutschen Bischöfe war, dürfte in erster Linie daran liegen, dass man von den meisten von ihnen so gut wie nie etwas hört.

Wen kennt man denn so aus dem deutschen Episkopat? – Zu den bekanntesten deutschen Bischöfen zählen sicherlich die vier Kardinäle unter ihnen: der Bischof von Mainz, Karl Kardinal Lehmann, der als langjähriger  Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (1997-2008) sowie als Träger schier zahlloser Ehrendoktortitel, Honorarprofessuren, Ehrenbüger- und -mitgliedschaften und Verdienstorden geradezu als elder statesman gelten kann, um den es in den letzten Jahren jedoch, seit seinem gesundheitlich bedingten Rücktritt vom Vorsitz der DBK, etwas ruhiger geworden ist; sein Antipode Joachim Kardinal Meisner,  Erzbischof von Köln seit 1989, zuvor neun Jahre in Berlin, Kardinal seit 1983 und dank seiner gern in provokante Äußerungen gekleideten kompromisslosen Bekenntnisse zur katholischen Glaubens- und Sittenlehre eine Art Lieblingsfeind von Kirchengegnern und 'Reformkatholiken' - vom Grünen-Politiker Volker Beck wurde er schon mal als 'Hassprediger' tituliert -; Reinhard Kardinal Marx, als Erzbischof von München-Freising (seit 2007) quasi Oberhirte des kirchlichen Bayern und schon vor seiner Kardinalserhebung als 'shooting star' des deutschen Episkopats gehandelt; und schließlich der mit 55 Jahren weltweit jüngste Kardinal Rainer Maria Woelki, der vor bzw. bei seinem Amtsantritt als Erzbischof von Berlin als erzkonservativer Hardliner verschrieen war und dem enge Kontakte zum Opus Dei nachgesagt wurden (worunter sich speziell jene, die das Opus Dei nur aus Dan Browns Da Vinci Code kennen, natürlich etwas ganz Furchtbares vorstellen), der aber seitdem durch seine lockere, sympathische und kommunikative Art die Herzen vieler Berliner im Sturm erobert hat. -- Neben oder z.T. auch noch vor diesen vier Kardinälen kommt natürlich dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz - seit 2008 Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg - eine Schlüsselrolle für die öffentliche Repräsentation der katholischen Kirche in Deutschland zu.

Relativ bekannt ist auch der Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck; nicht nur, weil er gleichzeitig Militärbischof für die Bundeswehr ist oder weil er mal bei Anne Will zu Gast war, sondern nicht zuletzt auch, weil sein Bistum eine sehr rege Öffentlichkeitsarbeit unter intensiver Einbeziehung sozialer Netzwerke wie Facebook und Twitter betreibt. Dem jungen Bischof von Trier, Stephan Ackermann, wird eine gewisse mediale Aufmerksamkeit dadurch zuteil, dass er die wenig beneidenswerte Position des "Missbrauchsbeauftragten" (ein grässliches Wort) der deutschen Bischofskonferenz innehat und gleichzeitig wiederholt mit Missbrauchsfällen in seiner eigenen Diözese konfrontiert wurde. -- Darüber hinaus wird man von praktizierenden Katholiken erwarten dürfen, dass sie den Bischof ihrer jeweiligen Diözese namentlich kennen – mindestens mit Vornamen, da sie allsonntäglich dazu angehalten werden, für ihn zu beten.

Da bleibt aber immer noch eine beträchtliche Anzahl von Bischöfen, die zumindest außerhalb ihrer Diözese weitestgehend unbekannt sind; größere Aufmerksamkeit ziehen sie in der Regel nur dann auf sich, wenn es Proteste gegen sie gibt, denn so etwas interessiert die Medien natürlich immer. So ging es Konrad Zdarsa, dem Nachfolger des skandalumwitterten Walter Mixa auf dem bischöflichen Stuhl von Augsburg, als er eine tief greifende Strukturreform in seinem Bistum in Angriff nahm; und so ergeht es derzeit Wilhelm Schraml, dem 84. Bischof von Passau. – Passau hat von allen deutschen Diözesen den höchsten katholischen Bevölkerungsanteil: Rund 89% der Einwohner gehören hier der katholischen Kirche an. Man könnte also meinen, im Bistum Passau sei die katholische Welt noch in Ordnung; jüngste Ereignisse dort zeichnen jedoch ein entschieden anderes Bild.

So fand am Sonntag, dem 22. Juli 2012, vor dem Passauer Dom - in dem währenddessen rund 100 Gläubige die Heilige Messe feierten - eine Demonstration mit rund 500 Teilnehmern statt, bei der der Bischof unmissverständlich zum Rücktritt aufgefordert wurde: "Herr Schraml, machen Sie eine Neuanfang, schnell und weit weg!"; Jugendliche warfen "wütend Ministrantenkutten vor die Tür des Bischöflichen Ordinariats".

Auslöser dieser Proteste war die Abberufung des bei seiner Gemeinde sehr beliebten Pfarrers von Ruhstorf, Andreas Artinger. – Nun ist es ja grundsätzlich schön und begrüßenswert, wenn eine Gemeinde solidarisch hinter ihrem Pfarrer steht, und wenn die Ruhstorfer so sehr an ihrem Pfarrer hängen, dass sie auf die Straße gehen, um lautstark für seinen Verbleib in der Gemeinde zu demonstrieren, dann wird man wohl unterstellen dürfen, dass Hochwürden Artinger in seiner Amtsführung als Gemeindepfarrer einiges gut und richtig gemacht hat. Dass er einiges aber auch falsch gemacht hat, liegt indes auf der Hand:

Im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Passau gegen die ehemalige Leiterin des Kirchlichen Jugendbüros Ruhstorf wegen Veruntreuung von Kirchengeldern geriet Pfarrer Artinger als Mitschuldiger ins Visier der Ermittlungsbehörden: Da er die fingierten Rechnungen der Mitarbeiterin hatte gegenzeichnen müssen, wären deren Betrügereien ohne seine Duldung bzw. Mithilfe gar nicht möglich gewesen; die Folge war ein Strafbefehl wegen Beihilfe zur Untreue in 15 (!) Fällen. Nun mag es durchaus sein, dass der Pfarrer - der beteuert hat, sich in dieser Affäre nicht persönlich bereichert zu haben - seiner Mitarbeiterin gegenüber lediglich etwas zu vertrauensselig gewesen ist. Das ändert aber nichts daran, dass er mit dieser Missachtung seiner Verantwortung für die Finanzen seiner Pfarrgemeinde der Kirche erheblichen Schaden zugefügt hat - was als Grund für eine Entfernung Artingers von seinem Posten eigentlich schon hinreichend sein sollte. Zusätzliche Brisanz gewinnt der Fall allerdings dadurch, dass die besagte Mitarbeiterin laut eigener Aussage sieben Jahre lang Pfarrer Artingers Geliebte gewesen ist und davon fünf Jahre lang mit ihm zusammengelebt hat. Verbrechen aus Liebe also? Und schuld an allem ist letzten Endes wieder einmal der böse, böse Zölibat? -- Ehe wir Tränen der Rührung in die Augen bekommen, sei daran erinnert, dass wir hier nicht bei den Dornenvögeln sind, sondern es mit einem Betrugsfall zu tun haben. Auch wenn wir einmal ganz davon absehen, dass Pfarrer Artingers Verstoß gegen das Keuschheitsgelübde aus Sicht seiner Vorgesetzten eher als strafverschärfend angesehen werden dürfte: Die Tatsache, dass Haupttäterin und Mittäter dieser Veruntreuungsaffäre ein Pärchen waren, lässt dann wohl doch den Verdacht aufkommen, dass es sich eher um bewusste Komplizenschaft gehandelt hat als um bloße Fahrlässigkeit seitens des Pfarrers; und wenn die beiden in einer Art Gütergemeinschaft miteinander gelebt haben, relativieren sich auch Hochwürden Artingers Beteuerungen, er habe sich nicht persönlich bereichert.

Es dürfte so ziemlich außer Zweifel stehen, dass für jedes Unternehmen, jeden Verein oder Verband, jede öffentliche Einrichtung solche Verfehlungen eines Mitarbeiters Grund genug gewesen wären, diesen zu entlassen. Was also hätte Bischof Schraml anderes tun sollen, tun können? Man kann sich ausmalen, was für ein Geschrei in der Öffentlichkeit, sprich: den Medien erhoben worden wäre, hätte der Passauer Oberhirte dieses schwarze Schaf in seiner Herde ungeschoren lassen wollen. Der Aussage der Bistumsleitung, zur Suspendierung Pfarrer Artingers habe es schlicht und ergreifend keine Alternative gegeben, ist ohne Einschränkung zuzustimmen. Der Geist der öffentlichen Sympathie jedoch weht, wo er will – so erlangte ja auch die ehemalige Bischöfin der evangelischen Landeskirche Hannover, Margot Käßmann, den Zenit ihrer Popularität, nachdem sie einen Strafbefehl wegen Trunkenheit am Steuer kassiert hatte. Kleine Sünden, so scheint es, machen einen Geistlichen nur umso menschlicher; und wie groß eine solche „kleine Sünde“ gerade noch sein darf, das entscheidet die öffentliche Meinung von Fall zu Fall Pi mal Daumen.

Im Fall Artinger scheint aber noch mehr dahinter zu stecken. Unter den rebellierenden Katholiken im Bistum Passau hält sich hartnäckig die Theorie, die Veruntreuungsaffäre sei nur ein willkommener Vorwand gewesen, Pfarrer Artinger kaltzustellen; in Wirklichkeit sei er dem Bistum wegen seiner liberalen Ansichten ein Dorn im Auge gewesen.

Tatsächlich hatte Hochwürden Artinger mit seiner demonstrativen Unterstützung des "Aufrufs zum Ungehorsam" der österreichischen Pfarrerinitiative Aufsehen erregt. Doch damit ist er kein Einzelfall. Der österreichischen Pfarrerinitiative gehören rund 400 Geistliche an, und im Erzbistum Freiburg haben bereits mehrere Hundert Priester und Diakone die den Anliegen der Pfarrerinitiative nahe stehende Freiburger Erklärung unterzeichnet. Natürlich kann man die nicht alle aus ihren Ämtern entfernen; sie wären einfach nicht zu ersetzen, schon gar nicht in Zeiten grassierenden Priestermangels. Hat das Bistum Passau also die Ruhstorfer Veruntreuungsaffäre lediglich zum Anlass genommen, um an Pfarrer Artinger ein Exempel zu statuieren?

Es riecht ein wenig nach Verschwörungsdenken, wenn angesichts eines so offenkundigen Suspendierungsgrundes, wie ein 15facher Strafbefehl wegen Beihilfe zum Betrug es ist, noch nach verborgenen Motiven gesucht wird; aber nehmen wir einmal an, es wäre so gewesen. -- Nun stelle man sich einen Moment lang vor, ein Mitarbeiter irgendeines Unternehmens, Vereins, Verbandes, irgendeiner Organisation würde sich gegen die Unternehmenshierarchie auflehnen und nicht nur gegen dienstliche Vorschriften und gegen Wertvorstellungen verstoßen, die seine 'Firma' in der Öffentlichkeit vertritt und die zu ihrer corporate identity gehören, sondern würde sogar öffentlich erkläen, er lehne diese Vorschriften und Wertvorstellungen ab. Wäre das ein Kündigungsgrund? -- In der Tat; es würde sogar eine fristlose Kündigung rechtfertigen. In unserem Fall geht es aber nicht um irgendeinen Mitarbeiter irgendeiner Firma, sondern um einen geweihten Priester der katholischen Kirche, der bei seiner Weihe dem Bischof Gehorsam gelobt hat. Ein Akt des Ungehorsams bedeutet mithin den Bruch eines Gelübdes, ein Aufruf zum Ungehorsam geradezu einen schismatischen Akt, einen Angriff auf die Einheit der Kirche. Vor diesem Hintergrund gesehen belegt der Umstand, dass Maßregelungen rebellischer Priester insgesamt die Ausnahme sind, eindrucksvoll die außergewöhnliche Langmut und Toleranz der katholischen Kirche gegenüber internen Kritikern bzw. Abweichlern - auch wenn vielfach das Gegenteil behauptet wird: Man kann durchaus behaupten - und ein Bekannter von mir, der in einer katholischen Erwachsenenbildungs-Einrichtung tätig ist, hat mir das aus eigener Erfahrung ausdrücklich bestätigt -, dass kaum jemand so relativ gefahrlos gegen seinen eigenen Arbeitgeber opponieren kann wie Kirchenmitarbeiter.

Andererseits: Hat man eine Position inne, in der man auf ein gewisses Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit rechnen kann, dann lohnt sich das Rebellieren gegen die eigenen Leute immer. Zwar wird man vielleicht gefeuert, aber dafür kommt man in die Zeitung und wird in Talkshows eingeladen. Die Medien - und, so muss man demnach annehmen, auch die Medienkonsumenten - lieben den maverick, den unbeugsamen Nonkonformisten und Einzelkämpfer, der sich nicht scheut, anzuecken, auch und schon gar nicht in den eigenen Reihen. Ungehorsam wirkt sexy, so scheint es. Rebellion gegen Autoritäten erzeugt Sympathie, unabhängig davon, worum es inhaltlich geht. Man fragt sich, was das eigentlich über unsere Gesellschaft aussagt. Bei Teenagern wäre eine solche Einstellung - Rebellion aus Prinzip - verständlich, wahrscheinlich sogar eine notwendige Entwicklungsphase; wobei man schon aus Standardwerken wie dem James-Dean-Klassiker Denn sie wissen nicht, was sie tun (Rebel Without A Cause, 1955) lernen kann, dass sich hinter der pubertären Rebellen-Attitüde oft nur die Sehnsucht nach einer legitimen Autorität verbirgt: Mit ihren Provokationen wollen die Heranwachsenden letztlich nur die - leiblichen oder auch metaphorischen - Väter dazu treiben, ihrer Rolle gerecht zu werden. Gilt das auch für die ungehorsamen Priester in Österreich, Freiburg, Passau und anderswo? Sehnen auch die sich womöglich nur nach jemandem, der ihnen mal zünftig den Hosenboden versohlt?

Nun, ganz so simpel ist es wohl doch nicht. Selbstverständlich hat die Rebellion der österreichischen Pfarrerinitiative und ihrer deutschen Gesinnungsgenossen auch eine inhaltliche Seite, die man vielleicht nicht ganz vernächlässigen sollte. Schaut man sich die Forderungen der aufrührerischen Pfarrer an, entsteht allerdings der Eindruck, es handle sich in allererster Linie um eine Klage über die vom Priestermangel geprägten Arbeitsbedingungen: etwa darüber, dass der einzelne Pfarrer in Folge von  Schließungen bzw. Zusammenlegungen von Pfarreien mehrere Gemeinden nebeneinander betreuen oder "liturgische Gastspielreisen" in vakante Pfarreien unternehmen muss. Wo sich die Forderungen der Pfarrerinitiative mit denen von 'reformorientierten' Laieninitiativen und professionellen Kirchenkritikern aus dem Bereich der akademischen Theologie berühren - in Stichworten: Stärkung der Rolle von Laien in der Kirche, Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt -, da ist dies seitens der Pfarrerinitiative offenbar dadurch motiviert, dass man sich von solchen Maßnahmen eine Verringerung der Arbeitsbelastung erhofft. Ein einziger Punkt der Agenda von Pfarrerinitiative wie Freiburger Erklärung fällt in dieser Hinsicht aus dem Rahmen und hat vielleicht deshalb besonders große Breitenwirkung entfalten können: die Frage der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion. Im "Aufruf zum Ungehorsam" heißt es: "Wir werden gutwilligen Gläubigen grundsätzlich die Eucharistie nicht verweigern. Das gilt besonders für Geschieden-Wiederverheiratete, für Mitglieder anderer christlicher Kirchen und fallweise auch für Ausgetretene." Klingt mutig, nicht? Dieser Eindruck relativiert sich allerdings erheblich, wenn man bedenkt, dass es gängige pastorale Praxis ist, niemandem die Kommunion zu verweigern, der um sie bittet; so hat es auch Papst Benedikt XVI. gehalten, als der zum zweiten Mal verheiratete Horst Seehofer bei ihm zur Kommunion ging - worüber es anschließend allerlei Diskussionen gab. Erst recht erregt es aber Aufsehen, wenn tatsächlich mal ein Priester jemandem die Kommunion verweigert. In der Praxis dürfte das schon allein deshalb selten vorkommen, weil ein Pfarrer ja nicht unbedingt alle, die bei ihm zur Kommunion gehen, so genau kennt, dass er weiß, wer theoretisch von der Kommunion auszuschließen wäre. Der Erklärung der Pfarrerinitiative haftet somit etwas unverkennbar Populistisches an, und sie wird weder den erheblichen theologischen und kirchenrechtlichen Komplikationen der Frage gerecht, unter welchen Bedingungen ein Pfarrer jemandem die Kommunion verweigern kann oder muss, noch auch der Tatsache, dass der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen auf allen Ebenen der kirchlichen Hierarchie intensiv diskutiert wird: Erzbischof Zollitsch sprach das Thema im Vorfeld des letztjährigen Papstebesuchs in Deutschland - mit Blick auf den damaligen Bundespräsidenten Wulff - an; der Papst selbst thematisierte es anlässlich des internationalen Familientreffens in Mailand; auch die Kardinäle Marx und Woelki mahnten einen offeneren Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen an. Das Thema steht also unübersehbar auf der Agenda - aber den rebellischen Priestern genügt das nicht: Mit ihrem "Aufruf zum Ungehorsam" dokumentieren sie, dass sie den - wie sie es sehen - 'Reformstau' in der Kirche satt haben, dass sie nicht mehr auf eine Lösung dieser und anderer Fragen und Probleme 'von oben', 'von Rom aus' warten, sondern selbst Tatsachen schaffen wollen. Anders ausgedrückt, sie dokumentieren damit die Überzeugung, dass sie besser wüssten, welchen Kurs die Kirche zu steuern habe, als Papst, Kurie und Bischöfe zusammen. Man müsste diesen Grad an Vermessenheit verblüffend nennen, wäre man dergleichen nicht bereits von einigen Laieninitiativen gewöhnt - die sich beispielsweise Wir sind Kirche nennen, worin ja nur allzu deutlich mitschwingt: "und ihr nicht."

Dass sich im Fall Artinger der Protest von Gemeindemitgliedern gegen die Amtsenthebung eines straffällig gewordenen Priesters mit allgemeinen Forderungen nach 'Modernisierung' der Kirche verbindet, dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, dass dieser Fall auch über die Grenzen der kleinen niederbayerischen Gemeinde Ruhstorf hinaus auf Interesse stößt; so waren auf der oben erwähnten Demonstration Transparente zu sehen, auf denen beispielsweise die Zulassung von Frauen zum Priesteramt gefordert wurde, und ein Schüler hatte auf sein Plakat geschrieben, die Kirche brauche dringend ein 'Update'. Diese Beobachtungen ändern jedoch nichts daran, dass es den Ruhstorfern selbst offenbar tatsächlich in allererster Linie um die Person 'ihres' Pfarrers Andreas Artinger geht. An der Auffassung, dieser sei dem Bischof gerade wegen seiner Beliebtheit ein Dorn im Auge gewesen, mag durchaus etwas Wahres sein - womit durchaus nicht gesagt sein soll, dass der Passauer Oberhirte von Missgunst oder Neid auf Artingers Popularität getrieben gewesen wäre. Tatsächlich stellt der Fall Artinger ein illustratives Beispiel dafür dar, dass allzu große Beliebtheit eines Pfarrers bei seiner Gemeinde auch ihre prolematischen Aspekte haben kann. Bezeichnend hierfür ist ein auf der Passauer Demonstration gezeigtes Plakat mit der Aufschrift "Andreas ist der Weinstock für uns Reben, ohne ihn dürren wir aus" - eine unverkennbare Anspielung auf Joh 15,5, wo allerdings Jesus Christus von sich selbst sagt: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen". Dass die Ruhstorfer nun ihren abgesetzten Pfarrer mit dem Heiland verwechseln und ihn zu demjenigen erklären, ohne den sie "nichts vollbrigen" können, grenzt nicht nur an Blasphemie, es überschreitet diese Grenze bereits. In Ruhstorf selbst wurde ein vier mal vier Meter großes Transparent aufgestellt, dessen Inschrift in dieselbe Richtung weist: "Wir beten für alle Schramls dieser Welt: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (vgl. Lk 23,34).

Dafür, dass Hochwürden Artinger sich in der ihm von den Ruhstorfern zugewiesenen messianischen Rolle recht wohl fühlte, spricht u.a. der Umstand, dass er am 24.96.12 eine Heilige Messe dazu nutzte, vor rund 800 Gemeindemitgliedern zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen und zu seiner persönlichen Zukunft Stellung zu nehmen. "Genau genommen handelte es sich [...] um keinen Gottesdienst, sondern um eine Demonstration für einen Mann, der weder selbst gehen will, noch möchte seine Gemeinde ihn ziehen lassen."-- Als Margarethe Schreinemakers am 22.08.1996 ihre Sendung Schreinemakers live dazu nutzen wollte, zu dem gegen sie erhobenen Vorwurf der Steuerhinterziehung Stellung zu nehmen, wurde ihr dies seitens des Senders untersagt, und als sie sich anschickte, dieses Verbot zu missachten, brach Sat1 die Live-Übertragung der Sendung ab. Dergleichen war in der Ruhstorfer Pfarrkirche natürlich schwer möglich, aber dennoch, und so sehr sich die Aufgaben eines Priesters auch von denen eines TV-Moderators unterscheiden, ist der Vergleich erhellend. Sat1 hatte begriffen, was für die Kirche erst recht gelten sollte: Wer das Wort seines Herrn zu verkünden hat, der soll nicht seine eigene Person in den Vordergrund stellen. An jenem 24. Juni machte Pfarrer Artinger sich selbst zu seiner eigenen Botschaft, inszenierte die Heilige Messe zu seiner ganz persönlichen Passion, und die Gemeinde reagierte entsprechend: Auf die Ankündigung des Pfarrers hin, er gebe sein Amt mit Wirkung zum 1. September auf, um einem Amtsenthebungsverfahren zuvor zu kommen, trat der Ruhstorfer Kirchenvorstand geschlossen zurück.

Wie es im Blog Klosterneuburger Marginalien treffend auf den Punkt gebracht wurde, stellt dieses Verhalten der Ruhstorfer geradezu ein Paradebeispiel für solche vermeintlich 'kritischen' und 'aufgeklärten' Katholiken dar, die nicht etwa "keinen Hirten haben möchten, sondern [...] sich ihren Hirten entweder selber backen möchten oder - wenn er ihnen gestellt wird - ihn wenigstens so zurechtschrauben wollen, daß er IHNEN immer gibt, was SIE wollen". Wenn ein einfacher und - auch wenn das zynisch klingen mag - in Hinblick auf seine Funktion in der Kirche prinzipiell austauschbarer Gemeindepfarrer in seiner Gemeinde so sehr verehrt wird, dass die Person dieses Pfarrers den Gemeindemitgliedern letztlich wichtiger ist als die ganze Kirche, dann liegt die Gefahr des Schismas und der Sektenbildung offen zu Tage; denn eine solche Verehrung lässt den Priester nur allzu leicht vergessen, dass er sein Amt nicht aus eigener Machtvollkommenheit, sondern allein aufgrund der ihm von der Kirche im Namen Jesu Christi übertragenen Autorität ausübt. Und dies allein wäre schon Grund genug, den betreffenden Pfarrer aus seiner Gemeinde abzuberufen - auch zu seinem eigenen Besten.