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Mittwoch, 12. Oktober 2016

Wenn zwei das Gleiche tun...

...ist es noch lange nicht dasselbe, pflegte meine Mutter zu sagen, als meine Geschwister und ich noch Kinder waren. Wie sehr sie mit dieser Aussage Recht hatte, sieht man nirgends so deutlich wie in der Welt der Politik - oder, genauer gesagt, der medialen Repräsentanz von Politik. Man könnte hierfür eine Reihe von Beispielen aus dem inländischen wie aus dem internationalen Bereich anführen, aber ich will hier und jetzt auf einen ganz bestimmten Fall hinaus. 

Neulich war Tag der Deutschen Einheit, und der offizielle Festakt zu diesem Feiertag findet stets in demjenigen Bundesland statt, das jeweils gerade den Vorsitz im Bundesrat inne hat. In diesem Jahr also in Sachsen. Dass dieser Umstand zu Konflikten führen könnte, haben viele Beobachter vorausgesehen - schließlich ist Sachsens Landeshauptstadt Dresden die Wiege der rechtspopulistischen PEGIDA-Bewegung, und darüber hinaus hat das südöstlichste deutsche Bundesland in jüngerer Zeit mehr durch immigrantenfeindliche Gewaltverbrechen und sonstige rechtsgerichtete Ausschreitungen von sich reden gemacht als durch irgendetwas Anderes. Tatsächlich kam es dann im Umfeld des Festakts zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden zu aggressiven Protesten gegen die Regierung, zum Teil in Form äußerst grober Pöbeleien und Parolen aus dem Repertoire der NS-Ideologie. Nicht zuletzt wurde der ökumenische Festgottesdienst in der Frauenkirche lautstark gestört und ein dunkelhäutiger Gottesdienstbesucher rassistisch beleidigt. 

Ich muss wohl kaum betonen - tue es aber vorsichtshalber trotzdem -, dass rassistische Beschimpfungen unter keinen Umständen zu billigen sind; in diesem speziellen Fall könnte man hinzufügen, dass es doch sehr zu denken gibt, wenn Leute, die sich einer Bewegung zurechnen, die sich die Verteidigung des Abendlandes (ein historisch eng mit dem Christentum verbundener Begriff!) auf die Fahnen geschrieben hat, einen christlichen Gottesdienst stören und einen aufgrund seiner Hautfarbe als "fremd" identifizierten Menschen verbal attackieren, der an diesem Gottesdienst teilnehmen will. 

Die Empörung, die landauf, landab auf diese Pöbelszenen antwortete, betrachte ich daher als in der Sache vollkommen berechtigt; aber etwas fiel mir (und nicht nur mir) daran doch unangenehm auf: nämlich die Abwesenheit vergleichbarer Reaktionen in anderen, prinzipiell ähnlichen Fällen. 

Als exemplarisch für die öffentlichen Reaktionen auf die Dresdner Ereignisse möchte ich hier eine Stellungnahme des im "Bündnis für ein offenes Dresden" aktive Medizinprofessors Gerhard Ehninger zitieren, die eifrig über die Sozialen Netzwerke verbreitet wurde:
"Wann gab es das zuletzt, dass ein Gottesdienst mit Hass und Trillerpfeifen gestört wurde? Wann wurden zuletzt Gottesdienstbesucher beschimpft und angeschrien?" 
Hm. Wann gab es das zuletzt? Nun, beispielsweise etwas mehr als zwei Wochen zuvor in Berlin, beim ökumenischen Abschlussgottesdienst zum Marsch für das Leben, der von dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer zelebriert wurde und bei dem der evangelische Pastor Dr. Werner Neuer predigte. Die feindseligen Ausschreitungen gegen diesen Gottesdienst habe ich aus nächster Nähe mitbekommen. Der augenfälligste Unterschied zu den Dresdner Vorfällen bestand darin, dass die Gottesdienststörer hier "Linke" waren.

Aber okay, vielleicht wusste Prof. Ehninger davon nichts. Vielleicht hatte auch sonst niemand im Bündnis für ein offenes Dresden und niemand, der seine "Wann gab es das zuletzt...?"-Stellungnahme als Visual weiterverbreiteten, von den Ausschreitungen in Berlin gehört. Kann ja sein, ist ja nicht unbedingt ehrenrührig, das nicht zu wissen. Aber was jemand nicht weiß, darauf kann man ihn ja hinweisen.

Doch was passiert, wenn man in den Sozialen Netzwerken auf diesen Umstand hinweist? Man bekommt reflexartig den Vorwurf aufgetischt, man wolle mit diesem Hinweis die Ausschreitungen der Rechten in Dresden relativieren. Man mache eine "falsche Äquivalenz" auf, ja, man versuche, "das eine mit dem anderen zu rechtfertigen". -- Hoppla, was ist denn da kaputt? Bei alle Unterschieden des Kontexts kann man doch wohl festhalten, dass beide Vorfälle sich in einem Punkt gleichen: In beiden Fällen wurden Christen (konfessionsübergreifend: Es handelte sich in beiden Fällen um ökumenische Gottesdienste) in ihrem Recht auf ungestörte Religionsausübung verletzt. Wie kann man da auf die Idee kommen, der eine Fall würde den anderen rechtfertigen?

Was sich hier offenbart, ist ein bedenkliches Rechts-Links-Lagerdenken: Wenn "Rechte" etwas tun, ist das prinzipiell etwas völlig Anderes, als wenn "Linke" etwas tun, auch und gerade dann, wenn das, was sie tun, im wesentlichen das Gleiche ist. Ja, mehr noch: Wer etwas kritisiert, was "Linke" tun, setzt sich damit automatisch dem Verdacht aus, selbst irgendwie "rechts" zu sein, was dann leicht zu der Unterstellung führt, man müsse mit allem, was "Rechte" tun, zu einem gewissen Grad sympathisieren. Natürlich könnte man diesen Vorwurf auch umkehren, aber dadurch würde er erstens nicht richtiger, und zweitens würde das auch deshalb nichts nützen, weil die moralischen Gewichte ungleich verteilt sind. Es hat sich in Deutschland eingebürgert, alles, was irgendwie "rechts" ist oder von Anderen so eingeordnet wird, mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zu assoziieren, und deshalb ist der "Kampf gegen Rechts" so etwas wie ein gesellschaftlicher Grundkonsens. Wer versuchen wollte, alles, was irgendwie "links" ist, mit den Verbrechen des Stalinismus in Verbindung zu bringen, könnte sich auf lautstarken und empörten Widerspruch gefasst machen.

Hinzu kommt: Wenn "Linke" gegen etwas protestieren - auch wenn es ein Gottesdienst ist -, dann gehört dieser Protest zumindest aus deren eigener Sicht prinzipiell zum "Kampf gegen Rechts", und das macht es so schwer, ihn zu kritisieren. Man kann die Art und Weise des Protests unfein finden, aber damit hört es dann meist auch schon auf. Im Falle der Störaktionen gegen den Abschlussgottesdienst zum Marsch für das Leben kommt erschwerend hinzu, dass der Marsch für das Leben auch außerhalb explizit linksradikaler Kreise als "rechts" gilt. Diese Auffassung wird weithin mit einer solchen Selbstverständlichkeit vertreten, dass sie scheinbar kaum noch begründet oder erläutert zu werden braucht. Wer dieser Einschätzung dennoch widerspricht, bekommt gern lustige Diagramme aufgetischt, die die Verflechtungen zwischen dem Marsch für das Leben und der "Neuen Rechten" "belegen" sollen.

Symbolbild: Nichtssagende Diagramme. (Bildquelle hier.) 

Als ich unlängst auf Twitter die Dreistigkeit besaß, die beiden genannten Fälle von Gottesdienststörung miteinander zu vergleichen, wurde mir doch tatsächlich der Einwand präsentiert, "beim Klientel vom MfdL und Pegida" bestehe "mit Sicherheit eine nicht unwesentliche Schnittmenge". Diese - wie man wohl neuerdings sagt - "postfaktische" Einschätzung heimste dann auch direkt einige "gefällt mir"-Angaben ein. -- Nun gut, atmen wir einmal tief durch und erwägen wir: Dass es da eine gewisse Schnittmenge geben könnte, kann ich nicht ausschließen. Unter einer Regierung, die ihr Handeln als "alternativlos" darstellt und der keine nennenswerte parlamentarische Opposition gegenübersteht, bilden sich in den Kreisen derer, die sich politisch durch niemanden adäquat vertreten fühlen, zuweilen sehr sonderbare Allianzen. Für besonders signifikant möchte ich die (hypothetische) Schnittmenge zwischen MfdL und PEGIDA jedoch nicht halten, und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Ich bin zwar kein Soziologe, halte es aber für relativ offensichtlich, dass die PEGIDA-Bewegung in der Breite hauptsächlich von Leuten getragen wird, die im Grunde gern die DDR zurück hätten, nur mit Reisefreiheit und D-Mark (sic). Und diese Zielgruppe ist ganz bestimmt nicht gegen Abtreibung. Aber selbst wenn ich mit dieser quasi-soziologischen Einschätzung falsch liegen sollte: Für die Rechte von Schwachen und Wehrlosen einzutreten - als da wären Ungeborene, Behinderte und chronisch Kranke -, ist von den Anliegen von PEGIDA ja wohl so weit entfernt wie nur was.

Aus der Sicht eines festgefügten Rechts-Links-Lagerdenkens stellt sich das jedoch anders dar. Beide, MfdL und PEGIDA, werden von der eigenen Warte aus als "rechts" verortet, also MUSS es da ja einen Zusammenhang geben. Was aber offensichtlich Quatsch ist. -- Ich habe schon an anderer Stelle darüber räsonniert, ob die aus dem 19. Jh. stammenden Kategorien "rechts" und "links" heutzutage überhaupt noch dazu geeignet sind, das politische Meinungsspektrum abzubilden. Aber selbst wenn man der Meinung ist, solange diese Begriffe noch allgemein üblich seien, müsse man auch mit ihnen arbeiten, ist es ein unschwer einzusehender Irrtum, anzunehmen, die radikale Linke und die radikale Rechte, oder sagen wir: rechter und linker Populismus, seien Gegensätze. Wäre das so, wie wollte man erklären, dass Zehntausende von AfD-Wählern in den neuen Bundesländern in den vorigen Wahlperioden noch Die Linke gewählt haben? Wie wollte man erklären, dass in einer Umfrage jeder dritte AfD-Wähler Die Linke als Zweitpräferenz angegeben hat? Man kann sich auch mal das zweifelhafte Vergnügen machen, auf Facebook die Profile von Nutzern aufzurufen, die in den Kommentarschlachten unter den Beiträgen von Tagesschau, SPIEGEL oder anderen großen Nachrichtenmedien durch besonders ruppige Äußerungen gegen die Regierung, die etablierten Parteien oder gegen Migranten auffallen. Diese Leute haben vielfach eine ausgeprägte Tendenz, viele Beiträge öffentlich zu teilen, sodass sich ein recht buntes Bild ergibt. Auf nicht wenigen solcher Facebook-Profile findet sich Populistisches jeglicher Couleur, von Lutz Bachmann, Björn Höcke und Akif Pirinçci bis hin zu Oskar Lafontaine, Sahra Wagenknecht und Volker Pispers, einträchtig neben- bzw. untereinander.

Was man in den Sozialen Netzwerken ebenfalls sehr gut beobachten kann - und damit komme ich zum Thema "Gottesdienststörung" zurück -, ist, dass man eine tiefe Verachtung gegenüber Religion im Allgemeinen und den christlichen Kirchen im Besonderen ebenso bei Rechtspopulisten und -extremisten findet wie in weiten Teilen des linken Spektrums. Hier wie dort grassieren derselbe Vulgäratheismus, dieselben "Schwarzen Legenden" aus dem Bereich der Kirchengeschichte und sonstige gut abgehangene Vorurteile gegen gläubige Menschen und religiöse Institutionen. Das ist auch kein Wunder, denn religiöser Glaube im Allgemeinen und christlicher Glaube im Besonderen stehen dem Totalitätsanspruch "rechter" wie "linker" Ideologien nun einmal prinzipiell im Weg. Da passt es dann schon irgendwie ins Bild, wenn beide Seiten sich ausgerechnet Gottesdienste als Angriffsziel aussuchen.

Dass es dennoch nicht wenige konservative Christen gibt, die in der herrschenden Atmosphäre des grassierenden Populismus mit rechtsgerichteten politischen Kräften sympathisieren, weil diese ihnen gegenüber den Linken als das geringere Übel erscheinen, ist letztlich demselben Lagerdenken geschuldet, das ich oben von der anderen Seite her beschrieben habe. Ich halte dieses Lagerdenken für falsch und gefährlich -- und auch und nicht zuletzt hierfür könnten und sollten die Dresdner Krawalle vom 3. Oktober eine Lehre sein.



Kommentare:

  1. Es heißt übrigens nicht A - B, das gibt es auch und ist was anderes, sondern A \ B (lies "A ohne B"). Außer vielleicht bei Tastaturproblemen oder im betriebswirtschaftlichen Rechnungswesen...

    Übrigens halte ich es durchaus nicht für verkehrt, als Katholik mit rechten Kräften zu sympathisieren. Nur gehört ein linker Pöbel (links, mag er auch in einigen stark publizierten Fragen vom Mainstream der linken Aristokraten abweichen), der auf jeden Lösungsansatz mit dem Wutgebrüll reagiert, man wolle lieber das Problem nicht zur Kenntnis nehmen, und für den jeder Ansatz von Klugheit, bei den Alten die spezielle Tugend der Regierenden, schonmal von vornherein unter dem Generalverdacht des Vaterlandsverrats steht (was sage ich Generalverdacht: man betrachtet es dort für eine bewiesene Tatsache), durchaus nicht zu den solchen.

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  2. Nix weiter. Nur: danke und volle Zustimmung!

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  3. Leider keine neue Erkenntnis, wenngleich sie dadurch nicht weniger richtig wird.

    "Wir sind das Volk!"-Rufe und Sprechchöre mit "Lügenpack!" waren (sind?) auch Bestandteil der Demonstrationen gegen den geplanten unterirdischen Bahnhof einer größeren südwestdeutschen Stadt. Ich kann mich allerdings nicht entsinnen, dass diese Tatsache ein größeres (kritisches) mediales Echo fand.

    Es kommt eben nicht entscheidend darauf an, wie sich Demonstranten, Randalierer oder "Aktivisten" sich verhalten, sondern wofür/wogegen sie sich "engagieren".

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