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Montag, 23. Mai 2016

Der seltsame Fall der eingekerkerten Nonne, Teil 5

Schockschwerenot: Schon vier Blogartikel, diesen hier noch nicht mitgerechnet, habe ich meiner Analyse des Fortsetzungsromans Barbara Ubryk oder die Geheimnisse des Karmeliter-Klosters in Krakau gewidmet, und noch immer sind weder Barbara Ubryk noch der Krakauer Karmel in der Handlung des Romans in Erscheinung getreten! Um die Gefahr zu vermeiden, sich genauso im Stoff zu verheddern, wie es augenscheinlich der Autor tut, scheint es ratsam, in der sechsten von 20 angekündigten Lieferungen des Romans einmal innezuhalten und eine erste Zwischenbilanz zu ziehen. Fragen wir uns: Wie steht es um den Plan des Autors? Deutet die jüngst vollzogene Zusammenführung der Handlungsstränge darauf hin, dass der Autor inzwischen weiß, wo er mit seiner Geschichte hin will, und einen Plan hat, wie er dorthin gelangt? 

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Ausgangssituation: Ende Juli 1869 ging der Fall Barbara Ubryk durch die Medien, und die Kolportageverlage sahen sich mit der Aufgabe konfrontiert, schnellstmöglich einen Sensationsroman zu diesem Thema auf den Markt zu bringen. Zu dem Zeitpunkt, als die zeitgenössischen Leser das sechste Heft des Romans aufschlagen, ist das gerade mal drei Monate her, vielleicht etwas mehr, vielleicht sogar weniger. Wägen wir behutsam ab, wie viel Wahrheit wohl in den Werbebehauptungen des Verleger-Vorworts stecken mag, in dem es hieß, der Roman liege schon bei Beginn der Veröffentlichung abgeschlossen vor, dann ist es wohl am wahrscheinlichsten, dass man im Hause Neuburger & Kolb zunächst auf ein bereits vorliegendes und zumindest ansatzweise (Schauplatz Polen, antiklerikale Tendenz) zum Thema passendes Manuskript des Dr. Rode zurückgriff und den Autor beauftragte, im weiteren Verlauf der Handlung einen Bezug zum Fall Ubryk herzustellen. Aber: Ist es schon soweit? Sind wir in Lieferung 6 an dem Punkt angekommen, von dem aus der Autor planvoll und gezielt auf die Geschichte der "unglücklichen Nonne von Krakau" (so übrigens der Titel eines anderen, 1870/71 erschienenen Ubryk-Romans von Georg Füllborn, 1837-1902) zuschreibt, anstatt, wie bisher, nur hier und da mal eine Anspielung auf diese Affäre einzustreuen, um den Leser bei der Stange zu halten? Möglich wär's - einigermaßen Zeit hat er inzwischen ja gehabt, zudem bot sich der vorläufige Abschluss der auf Schloss Bielow spielenden Handlung ja dazu an, den weiteren Handlungsverlauf grundsätzlich neu zu überdenken. Auch die Verwandlung des (t)rotzigen Straßenbengels Kasimir Ubryk in einen schmucken Kavalier mit einem "allerliebsten Schnurrbärtchen" (S. 238) kommt ja recht unerwartet und sieht somit nach einer neuen Idee aus; und wenn die Kapitelüberschrift "Rebinsky's Hinrichtung" tatsächlich so zu verstehen ist, wie es den Anschein hat, dann passt der Umstand, dass der Autor es offenbar eilig hat, seinen bisherigen Protagonisten final loszuwerden, ebenfalls ins Bild einer umfassenden Neukonzeption. Andererseits ist der Autor aber immer noch sehr weit entfernt von seinem angestrebten Sujet - schon allein von der Handlungszeit her.

Für sehr wahrscheinlich halte ich es jedenfalls, dass die Rebinsky-Handlung bis zum Verlassen des Schlosses Bielow, eventuell sogar bis zu Elkas Verbringung ins Kloster (dazu in Kürze mehr), bereits zu einem Zeitpunkt fertig vorlag, als Dr. Rode und der Rest der Welt vom Fall Barbara Ubryk noch nichts wussten - und dass die Jaromir-Handlung nachträglich hineinmontiert wurde. Gleichzeitig erscheint mir die Annahme plausibel, dass zumindest diejenigen Teile der Jaromir-Handlung, die sich um die Kindsvertauschung drehen - also Kapitel IX und ein Großteil von Kapitel XV, dazu evtl. auch kleinere Teile von Kapitel XIV - ebenfalls zunächst unabhängig vom Barbara-Ubryk-Stoff entstanden sind und der Name Ubryk nachträglich eingefügt wurde. -- Für die Arbeitsweise von Kolportageromanautoren dürfte es nicht untypisch gewesen sein, an mehreren Fortsetzungsgeschichten gleichzeitig zu arbeiten; Karl May ist da ein illustratives Beispiel: In der Erstveröffentlichung seines Fortsetzungsromans Die Liebe des Ulanen (1883-85) findet sich im X. Kapitel, betitelt Ulane und Zouave, ein Fragment, das inhaltlich weder zur Kapitelüberschrift passt noch in den Kontext dieses Romas gehört und das der Autor somit wohl eigentlich für einen anderen zweck geschrieben hatte. Und auch zwischen dem Kapitel Der schwarze Capitain von Mays erstem (und enorm erfolgreichen) Kolportageroman Waldröschen (1882-84) und seiner wohl ungefähr gleichzeitig entstandenen Erzählung Robert Surcouf gibt es auffällige Parallelen, die ebenfalls darauf schließen lassen, dass dem Autor seine Manuskripte durcheinander geraten sein könnten.

Nehmen wir also an, Dr. Rode hatte den Anfang einer Kindsvertauschungsgeschichte in der Schublade, von der ihm vielleicht selbst noch nicht ganz klar war, wie sie weitergehen sollte, und fügte sie kurzerhand in die 2. Lieferung seines Ubryk-Romans ein. Das verschaffte ihm gleich mehrere Vorteile: Er gewann Zeit; die Unterbrechung der Haupthandlung erzeugte Spannung und sorgte für Abwechslung; und indem er Jaromir kurzerhand den Nachnamen Ubryk verpasste, konnte er dem Leser die Illusion eines Zusammenhangs mit dem Fall Barbara Ubryk vermitteln, der in der bisherigen Haupthandlung so auffallend fehlte.

Da die Kindsvertauschungsgeschichte als solche aber keine sinnvolle Verknüpfung mit dem realen Fall Ubryk ermöglichte - selbst die sonst allgegenwärtige antiklerikale Tendenz ist in diesem Teil der Handlung auffallend abwesend -, könnte der Autor diesen Handlungsstrang auf die Schnelle um die Mitgliedschaft Jaromirs in einem politischen Geheimbund erweitert haben; für diese Annahme spricht es auch, dass gerade diese Passagen des Romans - also den Großteil von Kapitel XIV und das ganze Kapitel XVI - besonders schlampig und unbeholfen geschrieben wirken. Aber immerhin treten in diesem Handungsstrang intrigante Geistliche, insbesondere Jesuiten, auf, was eine assoziative Annäherung an die Rebinsky-Handlung bewirkt; außerdem eröffnet er dem Autor eine Möglichkeit, den als tumben Säufer eingeführten Jaromir später als Chef der geheimen Polizei von Warschau "wiederzuverwenden".

Nun zu den Gründen für meine oben angedeutete  Annahme, dass Elkas Verbringung ins Kloster noch mit zur "ersten Schicht" der Entstehungsgeschichte des Romans gehört. Hierzu gilt es das Einleitungskapitel "Die beiden Mauscripte" ins Auge zu fassen. Wie der aufmerksame Leser sich erinnern wird, spielt das Kapitel rund drei Jahre vor der Befreiung Barbara Ubryks aus dem Kloster, und die Manuskripte, die der Erzähler in Paris und London erwirbt und die angeblich die Quellen für die Romanhandlung sein sollen, haben offenbar schon einige Jahre auf dem Buckel. Es spricht kaum etwas dafür, dass der Autor beim Schreiben dieses Kapitels bereits den Fall Ubryk vor Augen gehabt haben sollte; die Erwähnung des "Karmeliterordens" auf S. 14 könnte ein späterer Zusatz sein. Zu beachten ist auch, dass in der Rebinsky-Handlung - und nur in dieser - mehrfach auf die Manuskriptfiktion aus dem I. Kapitel Bezug genommen wird. Hauptthema der fiktiven Manuskripte soll aber "die (geheime) Geschichte eines Klosters" sein (S. 13); diese Ankündigung ist in den bisherigen Kapiteln noch nicht eingelöst worden.

Es liegt ja einigermaßen auf der Hand, dass ein Roman, der den Titel "Barbara Ubryk oder die Geheimnisse des Karmeliter-Klosters in Krakau" trägt, dem Leser allerlei Klostergräuel bieten muss; und der Verleger würde in der Vorrede wohl kaum behauptet haben "Das ganze Werk liegt bereits fertig vor uns" (S. 3), wenn in dem ihm vorliegenden Romanmanuskript nichts derartiges enthalten gewesen wäre. ja, vermutlich wäre er dann nicht einmal auf die Idee gekommen, das Werk zu einem Roman über Barbara Ubryk umfrisieren zu lassen. Wir dürfen uns also im weiteren Verlauf des Romangeschehens wohl auf einige sensationell-schaurige Einblicke ins Klosterleben gefasst machen, die im wesentlichen bereits der "ersten Schicht" des Entstehungsprozesses angehören; nur dass sie in der ursprünglichen Fassung - natürlich - nicht im Zusammenhang mit Barbara Ubryk standen, sondern, so kann man spekulieren, mit Elkas unfreiwilligem Klosteraufenthalt. Die Umarbeitung des Manuskripts zu einem Roman über Barbara Ubryk erforderte nun natürlich erhebliche Änderungen, schon allein, weil deren Klosteraufenthalt ja mehrere Jahrzehnte später stattfand. Also musste der Autor Elka erst einmal wieder aus dem Kloster "befreien", um später Barbara darin einzusperren - oder, genauer gesagt, in ein anderes Kloster. Elkas Verbringung ins Kloster dennoch nicht gänzlich aus der Handlung zu tilgen, bot sich an, weil es einen "Motivreim" - ein beliebtes erzähltechnisches Mittel der Kolportage - ermöglichte und das Klosterthema so immerhin schon einmal angeschnitten wird, bevor die Handlungszeit so weit fortgeschritten ist, dass man die Titelheldin auf der Bildfläche erscheinen lassen kann.

Können wir somit davon ausgehen, dass wir mit Elkas Flucht aus dem Kloster - oder, genauer gesagt, den Ereignissen, die zu dieser Flucht führen - eine Nahtstelle erreicht haben und dass die folgende Handlung einer neuen, mittlerweile dritten oder sogar vierten "Schicht" des Entstehungsprozesses angehört, mit deren Konzeption der Autor erst nach Bekanntwerden des Falles Barbara Ubryk beginnen konnte? Dass der Autor also, kurz gesagt, endlich mal anfängt, zu Potte zu kommen? -- Nun, wir werden sehen.

(Fortsetzung folgt!) 



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