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Samstag, 21. Mai 2016

Der seltsame Fall der eingekerkerten Nonne, Teil 4

Wir erinnern uns: Ich hatte meine Analyse des Kolportageromans Barbara Ubryk oder die Geheimnisse des Karmeliter-Klosters in Krakau von Dr. A. Rode (München 1869) an einer Stelle unterbrochen, an der die Überschrift des XXI. Kapitels - "Nach fünf Jahren" - einen Zeitsprung in der Handlung in Aussicht stellte. Berücksichtigt man, dass die Handlung vor diesem Zeitsprung ungefähr im Frühjahr 1800 angesiedelt war, müsste man eigentlich davon ausgehen, dass sie nun ungefähr im Jahr 1805 weitergeht. Tatsächlich beginnt das XXI. Kapitel jedoch mit einem Exkurs zur polnischen Geschichte, der bis zum 4. Koalitionskrieg zwischen Frankreich, Preußen und Russland (1806/07) und zur Gründung des formal unabhängigen, tatsächlich aber unter der Hegemonie des Französischen Kaiserreichs stehenden Herzogtums Warschau durch Napoléon (1807) reicht und somit die Spanne von fünf Jahren deutlich überschreitet. An diese historischen Schilderungen schließen sich Reflexionen zum polnischen Nationalcharakter an, die mehr oder weniger unterschwellig andeuten, die Polen seien zu staatlicher Sebständigkeit unfähig. Diese Auffassung war damals in Deutschland recht populär; so schrieb Dr. Rodes weit erfolgreicherer (und, wie ich anmerken möchte, auch weit fähigerer) Autorenkollege Sir John Retcliffe (alias Hermann Goedsche) 1878 im VIII. Band seines Romanzyklus Biarritz über das polnische Volk:  
"Wer - auf welchem Standpunkt der Parteien er auch gestanden - hat nicht ein inniges Mitgefühl mit den Kämpfen und Zuckungen einer Nation gehabt, deren Nationalgefühl so exclusiv, deren Vaterlandsliebe so stark und zäh stets gewesen ist, wenn auch ihre anderen Eigenschaften ihre selbständige Existenz verhindern mußten" (S. 334f.). 
Als nach diesen Exkursen der Handlungsverlauf wieder aufgegriffen wird, geschieht dies nicht nach einem Zeitsprung über fünf Jahre, sondern annähernd da, wo die Handlung am Ende des vorigen Kapitels abgebrochen worden war. Bis "der Zeitpunkt" erreicht wird, "von welchem wir im Anfange des Kapitels gesprochen haben" (S. 224), füllt der Autor nochmals fast 20 Seiten. 

Zunächst erfährt man, dass die Gräfin Zolkiewicz in Krakau im Wochenbett gestorben ist; das Kind, das sie zur Welt gebracht hat, stirbt kurz darauf ebenfalls, womit die erstmalige Verwendung der in der Titel-Unterzeile des Romans genannten Stadt Krakau als Handlungsort ohne weitere Folgen bleibt. Hauptschauplatz ist im Folgenden erst einmal das Palais der Familie Zolkiewicz in Warschau. Der kleine Sohn des verstorbenen Grafen, dessen Name - Wratislaw - auf S. 208 erstmals genannt wird, befindet sich in der Obhut Rebinskys und soll dort bleiben, "bis er das Alter erreicht haben würde, wo er groß genug wäre, in ein Jesuitenkollegium in Rom geschickt zu werden" (S. 208). "Auch Elka bewohnte den Palast, stand jedoch nicht unter der direkten Leitung des Jesuiten. Diese hatte die Tante übernommen" (ebd.). Als Elkas Schwangerschaft voranschreitet, fährt ihre Tante mit ihr für einige Monate aufs Land, wo sie ihr Kind heimlich zur Welt bringt; als sie zurückkehrt, hat sich ihre frühere leidenschaftliche Liebe zu ihrem Verführer Rebinsky in bitteren Hass gewandelt. Rebinskys Hoffnung, an das frühere Liebesverhältnis zu Elka anknüpfen zu können, stößt somit auf unerwartete Hindernisse -- und der Jesuit, jetzt immerhin der Vormund seiner früheren Geliebten, greift zu einem radikalen Mittel, um sie gefügig zu machen. Nachdem er der Tante weisgemacht hat, er "fürchte sehr, daß das leichtsinnige Mädchen einen neuen Fehltritt begehe" (S. 214), eröffnet er ihr den Plan, Elka in ein Kloster zu bringen, wo sie bleiben soll "bis zu dem Augenblick, wo wir eine passende Partie für sie gefunden haben und sie sich verheirathen wird" (ebd.). Die Tante ist einverstanden und lockt Elka unter dem Vorwand des Besuchs einer Verwandten in ein  Benediktinerinnenkloster, wo die junge Comtesse zu ihrem Schrecken erfährt, dass man nicht beabsichtigt, sie so bald wieder gehen zu lassen. 

Erstmals werden dem Leser also einige Einblicke ins Klosterleben geboten, auch wenn man sich vorerst nur bei den Benediktinerinnen befindet und nicht bei den sehr viel strengeren Unbeschuhten Karmelitinnen. Der Autor unterstreicht seinen dokumentarischen Anspruch, indem er auf S. 219f. die "Klosterregeln der Frauen des Ordens der heiligen Benediktinerinnen min. serv." wiedergibt - und in einer Fußnote beteuert: "Diese Regeln haben thatsächlich im Benediktinerinnenkloster existirt und sind hier wortgetreu wiedergegeben" (S. 219). Es handelt sich dabei nicht um eine vollständige Ordensregel - die zweifellos den Rahmen gesprengt haben würde -, sondern lediglich um eine Art "Stundenplan" zum Tagesablauf im Kloster; einzelne Details wecken zwar Zweifel an der Authentizität ("Nachmittags 3 Uhr: Abbetung der Terzia auf dem Chore", heißt es auf S. 220 - wäre im Chorgebet um drei Uhr nachmittags nicht eher die Non an der Reihe? Oder verstehe ich da was falsch?), aber im Großen und Ganzen wirkt diese Klosterordnung nicht unrealistisch - zumal sie nichts sonderlich Skandalöses enthält: Im Wesentlichen besteht der Tagesablauf der Benediktinerinnen aus Beten und Arbeiten. Für die temperamentvolle Elka ist das freilich schon schlimm genug: 
"Das also ist die Lebensweise in einem Kloster, und so soll ich meine Tage hinbringen? Morgens um 3 Uhr aufstehen, zur Uebung der Demuth die Arbeit einer gemeinen Magd verrichten, nicht sprechen dürfen, wenn es mir beliebt? Den ganzen Tag beten und die Augen niederschlagen? Nein, nein, ich muß fort von hier um jeden Preis." (S. 220f.) 
Folgerichtig verlangt sie ihren Vormund zu sprechen, doch der lässt sie erst einmal acht Tage lang schmoren, und als er dann erscheint, teilt er ihr unmissverständlich mit, sie werde nur aus dem Kloster herauskommen, wenn sie einwillige, wieder seine Geliebte zu werden. Da sie sich weigert, muss sie auf unbestimmte Zeit im Kloster bleiben; damit nicht genug, droht Rebinsky ihr, wenn sie sich nicht füge, könne man sie "als geisteskrank erklären" - das Wort ist gesperrt gedruckt und soll wohl eine assoziative Vorausdeutung auf den Fall Barbara Ubryk darstellen. 

Elka fügt sich also widerwillig in das Leben im Kloster; da sie sehr schön singen kann, wird sie Solistin im Chor und lockt durch ihren berückenden Gesang allsonntäglich zahlreiche Besucher in die Klosterkirche. Außerdem freundet sie sich mit einer anderen unfreiwilligen Pensionärin des Klosters an, der jungen Therese, die von ihren reichen Eltern ins Kloster gesteckt wurde, weil sie einen wesentlich ärmeren jungen Mann liebt und diesen heiraten wollte. Therese singt ebenfalls im Chor, und ihr Geliebter findet sich regelmäßig zur Messe ein, um ihre Stimme zu hören. Ein anderer junger Mann verliebt sich in Elkas Gesang, und da er ausnehmend hübsch ist, fühlt sich Elka auch ihrerseits zu ihm hingezogen. Die beiden Männer können ihre Angebeteten während der Messe zwar nicht sehen, da der Chor hinter einem Gitter verborgen ist, aber eines Sonntags gelingt es Elka und Therese, das Gitter vorübergehend zu öffnen und es wie einen Unfall aussehen zu lassen. Bald darauf können die beiden jungen Frauen mit Hilfe einer armen Bekannten von Thereses Familie, die regelmäßig zur Armenspeisung des Klosters erscheint, einen geheimen Briefwechsel mit ihren Anbetern organisieren, und schließlich lassen sie sich im Schutze der Nacht von den beiden jungen Männern aus dem Klostergarten entführen. 

Als Rebinsky vom Verschwinden seines Mündels aus dem Kloster erfährt, sieht er seine Felle (d.h. vor allem das Vermögen von Elkas verstorbenem Vater) davonschwimmen und veranlasst eine Fahndung nach den Entflohenen. Der Polizeimeister Krasnojeff, an den Rebinsky sich zunächst wendet, schaltet den "Chef der geheimen Polizei" (S. 234) ein - und dieser erweist sich als kein Anderer als Jaromir Ubryk, "welcher sich unterdessen zum Chef des geheimen Spürnasenthums aufgeschwungen hatte" (ebd.)! Endlich sind also, im XXII. Kapitel und mutmaßlich kurz vor Ende der 5. Lieferung, Haupt- und Nebenhandlung zusammengeführt; aber damit nicht genug: Auf S. 238 erfährt der Leser, dass Elkas Geliebter und Entführer Kasimir Ubryk ist, Jaromirs ältester Sohn! 

Dieser Knabe war, wenn auch zunächst ohne Nennung des Namens, schon auf S. 84 erstmals erwähnt worden: "Ein größerer Bursche mit trotziger wilder Miene kauerte auf einem der Strohsäcke". Auf S. 134 bringt er dem Vater die Nachricht vom Tod der Mutter; ausführlicher ist von ihm auf S. 146f. die Rede: 
"Der Junge war immer sehr störrig gewesen und hatte stets nur gethan, was er wollte. [...] Er liebte nur seine Mutter und diese allein hatte Macht über ihn gehabt.
Seitdem diese gestorben, war mit ihm nichts mehr anzufangen. Er lernte nichts, beschäftigte sich mit nichts, und trieb sich ganze Tage außer dem Hause herum. Manchmal blieb er auch die Nächte fort und kam wochenlang nicht heim." 
Und nun, einige Jahre später, ist er "ungefähr zwanzig Jahre alt", "sehr schön" und hat "schwarze krause Haare, sehr feurige Augen, blassen Teint und ein allerliebstes Schnurrbärtchen" (S. 225), kurz: ein "schöner Pole", wie er im Buche steht. Er entspricht damit einem Figurentypus, der in der deutschen Literatur bereits ab dem späten 18. Jh. verbreitet war, in geradezu idealtypischer Ausprägung in Wilhelm Hauffs Novelle Othello (1826) gestaltet und von Gottfried Keller in Kleider machen Leute (1874) persifliert wurde. Mit seinem früheren Erscheinungsbild hat Kasimir offenbar kaum mehr etwas gemein - außer vielleicht, dass sich seine Nichtsnutzigkeit - zumindest aus der Sicht des Vaters - in der Entführung einer jungen Adligen aus dem Kloster wohl noch potenziert. 

In der Schilderung der Flucht der Liebenden wirkt sich die irrige Annahme des Autors, Warschau habe schon zu diesem Zeitpunkt der Handlung zum russischen Teil Polens gehört (was tatsächlich erst ab 1815 der Fall war), in recht tragikomischer Weise aus: Elka, Therese und ihre jeweiligen Liebhaber wollen über die Grenze nach Preußen fliehen - und überqueren diese obendrein an einer Stelle, an der es zu keinem Zeitpunkt der polnischen Geschichte eine russisch-preußische Grenze gab, nämlich zwischen Sochaczew und Krośniewice. Schließlich finden sie Zuflucht in der preußischen Festungsstadt Thorn (heute Toruń), die "damals schon von den Franzosen besetzt" ist (S. 240) - was wiederum Probleme hinsichtlich der Chronologie bereitet: Thorn wurde im Zuge des 4. Koalitionskriegs am 18. Novemver 1806 von den Franzosen eingenommen. Demnach müssten seit Beginn der Romanhandlung bereits gut sieben Jahre vergangen sein - und das geht, so vage die Zeitangaben im Roman überwiegend auch sind, vorne wie hinten einfach nicht auf. 

Die französischen Truppen in Thorn nehmen sich der beiden Liebespaare ausgesprochen freundlich an; Elka und Therese möchten ihre Liebhaber möglichst sofort heiraten, damit man sie nicht wieder von ihnen trennen und sie ins Kloster zurückbringen kann. Allerdings ist eine legale Eheschließung eigentlich nicht möglich, da Elka und Therese noch nicht mündig sind und außerdem alle vier keine amtlichen Papiere besitzen. Der Leutnant Villard überredet jedoch einen Feldkaplan, die beiden Paare trotzdem zu trauen. -- Es ist bezeichnend für die antiklerikale Tendenz des Romans, dass dieser Feldkaplan, obwohl er doch eine positive Handlungsfunktion einnimmt, als nichts weniger als ehrwürdig dargestellt wird: 
"Er war ein jovialer, aufgeweckter, sehr liebenswürdiger Mann, der durchaus nichts Pfäffisches an sich hatte. Er liebte die Gesellschaft, die Freuden der Tafel, und es gingen auch allerlei Gerüchte, daß er den schönen Töchtern Evas durchaus nicht abhold sei. Wo es einen Spaß gab, war er sicher dabei, und hatte namentlich dem Weine den Krieg erklärt; es war merkwürdig, mit welcher Ausdauer er jeden tag einer großen Anzahl Flaschen den Hals brach. Elka's schöne Augen m[o]chten wohl einen tiefen Eindruck auf den galanten Kaplan gemacht haben" (S. 244f.). 
Wie dem auch sei, Elka heiratet also Kasimir Ubryk und Therese ihren Wroblewsky; die Doppelhochzeit findet "in einem Gasthause vor der Festung am Ufer der Weichsel" (S. 246) statt, unter reger Beteiligung der französischen Garnison. (Thorn bzw. Toruń liegt übrigens wirklich an der Weichsel, ich habe es überprüft.) Während der Hochzeitsfeier taucht überraschend Rebinsky am Ort des Geschehens auf - damit endet das XXIII. Kapitel, und das XXIV. trägt den ominösen Titel "Rebinsky's Hinrichtung"! -- Ehe ich mir das vorknöpfe, stelle ich lieber erst mal ein paar Betrachtungen über die Entwicklung der Handlung an; schließlich befinden wir uns bereits in der 6. Lieferung, womit schon mehr als ein Viertel des ursprünglich vorgesehenen Umfangs erreicht ist. 

Dass die Comtesse Elka Zolkiewicz einen Ubryk heiratet, eröffnet für den weiteren Handlungsverlauf natürlich allerlei Möglichkeiten. Die Titelheldin des Romans könnte zum Beispiel - auch wenn bis zum Zeitpunkt ihrer Geburt wohl noch eine ganze Menge Wasser die Weichsel 'runterfließen wird - ihre Tochter sein, und somit die rechtmäßige Erbin des Zolkiewicz-Vermögens. Auf diese Weise könnte es dem Autor also tatsächlich gelingen, die bisherige Haupthandlung seines Romans halbwegs glaubhaft als relevante Vorgeschichte der Barbara-Ubryk-Affäre zu verkaufen und gleichzeitig aus den Bestrebungen des Jesuitenordens, sich dieses Vermögen unter den Nagel zu reißen, ein fiktives Motiv für die Einsperrung Barbaras im Kloster zu konstruieren. Was die diversen anderen losen Fäden der Romanhandlung betrifft - etwa, dass Jaromir Ubryks jüngster Sohn einem Grafen untergeschoben wurde; dass Jaromir Mitglied in einem revolutionären Geheimbund ist; dass Elka ein uneheliches Kind mit Rebinsky hat -, so würde ich es einem Sir John Retcliffe durchaus zutrauen, sie im weiteren Verlauf der Handlung sämtlich wieder zusammenzuknüpfen; dem Dr. Rode traue ich es eher nicht zu, aber lassen wir uns mal überraschen. 

(Fortsetzung folgt!) 



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