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Dienstag, 22. März 2016

Zoff in Bogenhausen - (k)eine göttliche Dramödie

Knapp eine Woche hat's gedauert, aber am letzten Freitag habe ich mich schließlich doch dazu durchgerungen, die gute alte Braunsche Röhre in der Wohnung meiner Liebsten anzuschließen und in Betrieb zu nehmen. Den Anlass hierfür bot, wie sollte es anders sein, eine Diskussion in der Facebook-Gruppe Ein ungenanntes Bistum: Ein Gruppenmitglied postete einen Ausschnitt aus der TV Spielfilm, mit einem Hinweis auf einen TV-Film im Ersten am selbigen Abend: "Frau Pfarrer und Herr Priester". Schon der Titel provozierte kritische Anmerkungen: 
"'Frau Pfarrer' ist, wenn überhaupt, die Frau vom Pfarrer und 'Herr Priester' gibt es überhaupt nicht. Leutchen, macht eure Hausaufgaben! Wollt ihr mit eurem Titel irgendwas aussagen außer 'wir haben keine Ahnung und uns ist unser eigenes Thema gleich', für das es nicht auch 'Der Pater und die Pfarrerin' täte?" 
Die Frage wird man ehrlicherweise wohl mit "Nein" beantworten müssen, aber ich will mir nicht vorgreifen. "Evangelische Geistliche und katholischer Gottesmann raufen sich zusammen", fasst die TV Spielfilm das Thema des Fernsehspiels zusammen: "Pfarrerin Rieke", beschrieben als "kumpelhafte Alleinerziehende" (ja, so lieben wir unsere evangelischen Geistlichen!), "ist entsetzt,als sie erfährt, dass der katholische Gemeinderat das Jugendhaus abreißen will, das beide Konfessionen gemeinsam in München-Bogenhausen betreiben". Um dies abzuwenden, muss sie sich notgedrungen mit ihrem "neuen katholischen Amtskollegen Toni" auseinandersetzen, und die TV Spielfilm deutet an, dass diese Auseinandersetzung nicht frei von Komplikationen ist. "Langsam nähern sich die beiden Sturköpfe trotzdem an, als sie eine gemeinsame Spendenaktion für Riekes Patenkind Jessica starten, die an Leukämie erkrankt ist..."

Na hallo. Das Gesamturteil der TV Spielfilm über "Frau Pfarrer und Herr Priester" lautet: "Bis auf wenige Ausreißer ins Alberne trifft die Konfessionskomödie immer den richtigen Ton zwischen pointiertem Glaubens- und Geschlechterkrieg und bodenständigem Realismus." Eine Einschätzung, die Schlimmstes befürchten ließ - und davon musste ich mich selbstverständlich persönlich überzeugen. Darüber hinaus fand ich die Genrebezeichnung, die die Zeitschrift zur Kategorisierung dieses Film gewählt hatte, höchst bemerkenswert: Dramödie. Eine Mischung aus "Drama" und "Komödie" also offenbar. Na, immerhin besser als umgekehrt - dann hieße es nämlich Koma. Was allerdings auch irgendwie zur Handlung des Films gepasst hätte. Aber jetzt greife ich mir schon wieder vor.

Also mal der Reihe nach. In der evangelischen Nazarethkirche in München-Bogenhausen unterhält Pfarrerin Rieke sich mit ihrer besten Freundin, Putzfrau Petra, während diese Staub saugt. Worüber die beiden reden? Keine Ahnung, der Staubsauger ist so laut. Gleich darauf schwingt sich die Pfarrerin auf ihren Motorroller (yay, ein Motorroller!) und kachelt zu den Klängen von "Happy" (von, wie heißt er noch, ach ja, Pharrell Williams) zum Jugendzentrum. Typischer Beton-Flachbau, geschmückt mit Graffitti und anderen optischen Hinweisen auf eine Nutzung durch Jugendliche. Soll wohl cool aussehen, wirkt aber mehr so 80er-Jahre-cool. Im Inneren des Jugendzentrums tanzen Jugendliche, und zwar immer noch zu "Happy". Heiße Rhythmen und schwitzende junge Körper in eng anliegenden Sportklamotten bei bläulich schummrigem Licht - und dafür gibt die TV Spielfilm null Punkte im Bereich Erotik? Na ja, im Sinne des TV Spielfilm-Bewertungsschemas ist unter "Erotik" höchstwahrscheinlich Sex zu verstehen. Inklusive Nackichkeit. Und zwar vorzugsweise Sex zwischen den Hauptfiguren. Da kann man dann ja doch einigermaßen froh sein, dass dieser Film im Bereich Erotik null Punkte bekommen hat, denn sie ist eine Schreckschraube und er hat schließlich Zölibat. Doch dazu später. 

Aber ach, mitten in der heißen Tanzszene fällt plötzlich der Strom im Jugendzentrum aus, woraufhin Solotänzerin Jessica - wie man später erfährt, die Tochter der Kirchenputzfrau, Patenkind der Pfarrerin und beste Freundin von deren Tochter - prompt umkippt, so als sei auch ihre Energieleitung gekappt worden. Merken wir uns diese Parallele vor, sie wird später noch wichtig. Pfarrerin Rieke trifft außerhalb des Jugendzentrums zwei Bauarbeiter an und stellt sie zur Rede: "Haben Sie was mit dem Stromausfall zu tun?" - "Ja. Wir richten hier Baustrom ein." Baustrom? Das lässt Schlimmes befürchten, also schwingt die Pfarrerin sich erneut auf ihren treuen Motorroller, um der Sache auf den Grund zu gehen. Zunächst steuert sie die örtliche katholische Kirche an - unschwer als solche erkennbar an einer Marienstatue. Was will Frau Pfarrerin dort? Sie sucht ihren katholischen Amtskollegen, und den sucht sie natürlich erst einmal in der Kirche, nicht etwa im Pfarrbüro oder so. Sehr löblich. Schließlich trifft sie ihn aber doch in seiner Dienstwohnung an, die er offenbar gerade erst bezogen hat: Die Einrichtung wirkt teils karg, teils chaotisch, überall stehen Heiligenfiguren herum. Der Priester - der tendenziell eher noch etwas jünger aussieht als die ach so hippe Pfarrerin - trägt übrigens tatsächlich Soutane - dazu allerdings einen Vacoped-Schuh und eine altertümliche Krücke, so eine, die man sich in die Achselhöhle klemmen muss. Offenbar eine Sprunggelenkverletzung. "Das waren meine Messdiener", erklärt er. "Die grätschen wie die Piusbrüder." 

Die Pfarrerin will mit ihrem Amtskollegen über das Jugendzentrum reden, aber er, der gerade ganz neu in der Pfarrei ist, weiß überhaupt nicht, worum es geht. Das ist praktisch, denn da sie ihm folglich erst einmal die Zusammenhänge erklären muss, erfährt der Zuschauer sie auch gleich. Das Jugendzentrum ist ein ökumenisches Projekt der besonderen Art: Die katholische Pfarrei trägt die Betriebskosten, und die Jugendlichen der evangelischen Gemeinde nutzen das Gebäude. Wofür, möchte der Priester (und mit ihm der Zuschauer) nun gern wissen. "Das bestimmen die Kinder weitgehend selbst", verrät die Pfarrerin. "Das Jugendzentrum ist offen für Alle und Alles." In den dunkelkatholischen Fernsehstuben knallen die Sektkorken, als der junge Priester dies als "antiautoritäres Allerlei" bespöttelt und anmerkt, er stelle sich unter kirchlicher Jugendarbeit etwas Anderes vor. "Bibelkreis und Frohlocken, oder was?", frotzelt die Pfarrerin zurück. 

Damit sind die Fronten geklärt -- und zwar genau so, wie man sich das schon vorstellen konnte: Die evangelische Kirche ist für die Menschen da, die Katholische für Gott. Was das für die Sympathieverteilung bedeutet, liegt auf der Hand. Als der Priester aus nicht ganz ersichtlichem Anlass erwähnt, die Teilnahme an der Heiligen Kommunion erfordere Gewissensprüfung und Umkehr, ätzt die Pfarrerin: "Ach, selber Piusbruder?" (Mit den Piusbrüdern kennt sie sich übrigens aus - also, die Darstellerin, meine ich. Die hat nämlich 2014 in dem Film "Kreuzweg" eine Lehrerin gespielt. Hab ich aber nicht gesehen.) "Ich bin Jesuit", korrigiert der Priester, woraufhin die Pfarrerin spottet: "Oh, die Speerspitze des Glaubens trifft aufs echte Leben." 

Halten wir fest: Der Film benötigt gerade mal sieben Minuten, um den Pater wegen seiner Glaubenstreue in ein schlechtes Licht zu rücken. Mal gar nicht davon zu reden, dass Pfarrerin Rieke und/oder die Drehbuchautoren Sylvia Leuker und Benedikt Röskau die Vorstellung, Jesuiten wären die "Speerspitze des Glaubens", vermutlich aus Schauerromanen des 19. Jhs. haben. Aber geschenkt. Pater Anton ("Toni") Seidl trifft sich als nächstes mit seinem "Gemeinderat", der offenbar Pfarrgemeinderat und Kirchenverwaltungsrat in einem ist und aus gerade mal vier Personen besteht. Pater Toni erklärt den Ratsmitgliedern, er wolle das bislang der evangelischen Nachbargemeinde überlassene Jugendzentrum für seine eigene Jugendarbeit mitbenutzen. An dieser Stelle hätte der Film interessant werden können. Aber der Gemeinderat ist dagegen. "Das ganze Gelände ist ein Schandfleck", heißt es. Schließlich rückt ein gewisser Herr Häusler, der wohl sowas wie der stellvertretende Vorsitzende des Gemeinderats sein soll (denn der Vorsitzende müsste doch wohl der Pfarrer selbst sein, oder?), damit heraus, dass man das Jugendzentrum sowieso abreißen wolle. Auf dem Grundstück - das nämlich ebenfalls der katholischen Pfarrei gehört - wolle "eine Stiftung eine exklusive Seniorenresidenz errichten". Tja, das ist demographischer Wandel. "Das Bistum ist von den Plänen begeistert", lässt Häusler den Pater wissen. Äh, Moment: Welches Bistum? Wir sind doch in München! Da müsste es dann doch wohl Erzbistum heißen. So viel Zeit muss sein! 

Derweil hat Pfarrerin Rieke Besuch von ihrer 19jährigen Tochter Leonie, die in Helsinki Pudding, äh nein, Forstwirtschaft studiert. Leider haben Mutter und Tochter nicht viel Zeit füreinander: Frau Pfarrerin muss eine Taufe vorbereiten, und Leonie will mit ihrer besten Freundin Jessica um die Häuser ziehen. Letztere hat jedoch kaum an der Tür der Pfarrerinnenwohnung geläutet, da bekommt sie auch schon heftiges Nasenbluten und bricht - schon zum zweiten Mal in nicht mal 15 Minuten Handlungszeit - zusammen. Die Pfarrerin fährt sie mit Blaulicht (nein, nicht wirklich) ins Krankenhaus, wobei es auffällt, dass sie einen Rosenkranz am Rückspiegel hängen hat. Was jedoch nichts an der niederschmetternden Diagnose ändert: Leukämie! 

An dieser Stelle klingelte der Pizzabote an der Tür, und danach konnte ich mich dann auch nicht mehr dazu aufraffen, den Film so sorgfältig mitzuprotokollieren wie bisher. Hätte sich aber auch kaum gelohnt. Denn wie es scheint, haben an genau diesem Punkt der Filmhandlung die Drehbuchautoren den Faden verloren: Statt um das Jugendzentrum geht es fortan fast nur noch um Jessicas Leukämieerkrankung; die potentiell interessanten Konflikte um das Jugendzentrum, um die unterschiedlichen Vorstellungen der beiden Geistlichen von kirchlicher Jugendarbeit, treten völlig in den Hintergrund. Zugegeben, es wäre bedeutend anstrengender gewesen, diesem Handlungsstrang weiter zu folgen. Für die Macher, denen es abverlangt hätte, ihr Thema wirklich ernst zu nehmen; aber auch für die Zuschauer, die ihre Rundfunkgebühren schließlich nicht dafür zahlen, dass man sie zum Denken anregt. Das Leben ist schon kompliziert genug, da muss am Freitagabend zur Prime Time leichte Unterhaltung her. -- Äh, Moment mal: Wir reden hier von der potentiell tödlichen Erkrankung eines jungen Mädchens. Ist das Stoff für leichte Unterhaltung? Offenbar ja. Man kann das zynisch finden, aber wer hätte je behauptet, Mainstream-Fernsehunterhaltung wäre nicht zynisch? -- Denn natürlich hätte man auch diesen Handlungsstrang mit dem gebührenden Ernst behandeln können. Aus dem Umstand, dass im Mittelpunkt des Films zwei Geistliche unterschiedlicher Konfessionen stehen, hätte man ja auch und gerade in diesem Zusammenhang etwas machen können: Wie geht der christliche Glaube mit Leid um, was kann kirchliche Seelsorge für Todkranke und deren Angehörige tun, undundund. Doch der Film knüppelt jeden noch so schwachen Ansatz, der in diese Richtung geht, erbarmungslos tot. Pfarrerin Rieke wird zwar ausgiebig dabei gezeigt, wie sie Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld (!) freundschaftlich-mitmenschlichen Beistand zu leisten versucht; sobald aber jemand spezifisch geistlichen Beistand bei ihr sucht, versagt sie. So etwa, als ihre Tochter in die Kirche kommt, während die Pfarrerin gerade dabei ist, Spuren eines Wasserschadens zu beseitigen. "Wird Jessi sterben?", fragt Leonie anklagend - und fügt, mit Blick in Richtung Altar, hinzu: "Und Er schaut einfach zu? Das kann Er doch nicht machen, Mama!" Die evangelische Seelsorgerin erwidert darauf zunächst einmal gar nichts, und dann dies: "Solange Jessica am Leben ist, gibt Er uns die Zeit, etwas für sie zu tun. Das ist jetzt unsere Aufgabe. Daran glauben wir." Na fein. In der nächsten Szene besuchen Rieke und Leonie Jessica im Krankenhaus, und beim Betreten des Krankenzimmers merkt die Pastorentochter leicht spöttisch an: "Sag bloß, du hast in der Bibel gelesen." - "Es gibt hier ja sonst nichts", erwidert Jessica beinahe entschuldigend - und wendet sich sodann an die Pfarrerin: "Kannst du mir was empfehlen?" - "Klar", entgegnet diese - aber just in dem Moment klingelt ihr Handy... Als Pater Toni seine Amtskollegin darauf hinweist, es gebe "ohne Tod kein Leben", meint sie: "Da macht ihr Katholiken es euch aber verdammt einfach." - "Wir akzeptieren einfach nur das Unvermeidliche", beharrt der Jesuit. Als er ausführt "Wir wachsen durch Leid. Wir nehmen es an und schöpfen daraus Hoffnung", erwidert die Pfarrerin: "Ich schöpfe Hoffnung lieber aus einer neuen Therapie für Jessica." 

So eine Therapie kostet aber Geld, und Jessicas Eltern haben keins. Nachdem die Chemotherapie abgebrochen werden musste, weil Jessica sie nicht verträgt, schlägt der behandelnde Arzt eine teure Stammzellentherapie vor - die die Krankenkasse jedoch nicht übernehmen will, weil die Heilungschancen zu schlecht seien. Wie sich herausstellt, ist der zuständige Krankenkassendirektor kein Anderer als Herr Häusler vom katholischen Gemeinderat - derselbe, der das Jugendzentrum abreißen lassen will. Die Welt ist halt sehr klein, besonders in München-Bogenhausen.

Was also tun, wenn die Eltern die Behandlung nicht bezahlen können und die Krankenkasse sie nicht bezahlen will? -- Dann muss die Kirche einspringen. Dafür ist sie schließlich da, oder? Folglich widmet Pfarrerin Rieke nicht nur die Kollekte des sonntäglichen Gottesdienstes Jessicas Behandlungskosten, sondern gestaltet zu diesem Zweck auch gleich ihre Predigt als Spendenaufruf. Und Pater Toni tut gleichzeitig in seiner Kirche dasselbe. Aus ökumenischer Solidarität, und weil die evangelische Kirchengemeinde zu arm ist, um das Geld allein aufzubringen. Die katholische Gemeinde dagegen ist reich. Natürlich. -- "Was soll ich denn tun?", fragt Rieke Toni einmal, wenn auch in anderem Zusammenhang. "Weißt du, wie viele Kirchenaustritte ich im Jahr hab? Keine Kohle, aber immer mehr Bedürftige!" - "Dann musst du mal überlegen, was vielleicht bei euch grundsätzlich so net stimmt", erwidert der Pater; darauf nennt sie ihn ein "arrogantes Arschloch" und tritt im Gehen seine an eine Kirchenbank gelehnte Krücke um.

Unterstellt wird aber, dass nicht nur die evangelische Kirchengemeinde insgesamt ärmer ist als die katholische, sondern auch die einzelnen Mitglieder. Deshalb, zum Beispiel, braucht man für die evangelischen Jugendlichen ein Jugendzentrum, damit sie nicht auf der Straße versumpfen, während die Katholiken es verschmähen, ihre Sprösslinge in diese Bruchbude zu schicken, und ihnen vermutlich lieber Klavierstunden oder Tennisunterricht spendieren.

Da fragt man sich natürlich: Ist es realistisch, dass innerhalb desselben Stadtteils ein solches soziales Gefälle zwischen den Konfessionen herrscht? -- Interessanterweise gibt es die beiden Kirchen, die in dem Film eine Rolle spielen, im Münchner Stadtteil Bogenhausen tatsächlich, und sie heißen auch wirklich so wie im Film. Dadurch lässt sich feststellen, dass die Nazarethkirche in einem Neubaugebiet, der Parkstadt Bogenhausen, steht; und trotz des offenbar absichtsvoll idyllisch wirkenden Namens scheint es sich dabei tatsächlich um eine Ansammlung recht trostloser Wohnsilos zu handeln. Nicht unbedingt vergleichbar mit Berlin-Marzahn oder dem Märkischen Viertel, aber für Münchner Verhältnisse wohl doch vergleichsweise ärmlich. Eine katholische Kirche - St. Johann von Capistran - gibt es in der "Parkstadt" auch, aber die würde sich schon rein baulich nicht gut als Kontrast zur Nazareth-Kirche eignen. Also haben die Macher des Films auf die schmucke Rokoko-Kirche St. Georg zurückgegriffen, die im "besseren" Teil von Bogenhausen steht - allerdings schon seit 1934, anders als im Film dargestellt, keine Pfarrkirche mehr ist, sondern eine Filiale von Heilig Blut. Dort haben übrigens einstmals zwei bedeutende Vertreter des katholischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus, Pater Alfred Delp SJ und Hermann Josef Wehrle, gewirkt, und 1951/52 war der junge Jospeh Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., dort Kaplan; aber das mal nur ganzganz am Rande.

Durch Vermittlung von Pater Toni sammelt schließlich auch noch die örtliche jüdische Gemeinde Geld für Jessicas Therapie; als Gegenleistung soll die Pfarrerin dem Rabbiner Schafkopf beibringen. Allmählich fragt man sich, ob es in ganz Bogenhausen eigentlich keine anderen krebskranken Kinder bzw. Jugendlichen oder sonstwie besonders hilfsbedürftige Personen gibt. Aber wahrscheinlich haben die einfach Pech gehabt, weil sie nicht das Patenkind der Pfarrerin und zugleich die Tochter ihrer besten Freundin und beste Freundin ihrer Tochter sind. The needs of the few outweigh the needs the many, sagte schon Captain Kirk zu Mister Spock; und folglich muss auch die Rettung des Jugendzentrums hinter der Finanzierung der Stammzellentherapie für Jessica zurückstehen. Immerhin kommt das Jugendzentrum am Rande noch ein paarmal vor. Im Zuge dessen behauptet Pater Toni einmal, er habe in dieser Angelegenheit "mit dem Bischof telefoniert". Na klar. Mit Kardinal Marx. Als ob der wegen so einer Lappalie persönlich ans Telefon gehen würde. -- Und überhaupt: Das Grundstück gehört doch der Pfarrei - inwiefern also geht der Fall die Erzdiözese an? Nun wäre ich wohl nicht der Tobi, wenn ich dieser Frage nicht gleich Montag früh mal nachgegangen wäre. Die Telefonnummer des Erzbistums München-Freising steht schließlich im Internet.
"Guten Morgen. Ich bin Blogger und recherchiere gerade für eine Fernsehkritik. Ich hätte da folgende Frage: Angenommen, eine Pfarrei wollte ein Jugendzentrum auf einem ihr gehörenden Grundstück abreißen und stattdessen eine Seniorenresidenz bauen lassen..."  
-- "Da bin ich nicht zuständig", münchnerte die Dame in der Zentrale. "Einen Augenblick, ich verbinde Sie weiter." 
Sekunden später hatte ich die Pressestelle am Rohr und durfte dort meine Frage ohne Unterbrechung zu Ende formulieren:
"...wäre in so einem Fall die Erzdiözese überhaupt involviert, und wenn ja, wer wäre da zuständig?" 
Bei der Pressestelle teilte man mir mit, dergleichen sei ein Fall für das Ressort 2 des Erzbischöflichen Ordinariats, "Bauwesen und Kunst". Dieses Ressort wird geleitet von einem Ordinariatsdirektor, der ein Diplom von einer Fachhochschule sein eigen nennt. Darauf, diesen Herrn anzurufen und ihm den hypothetischen Fall des Jugendzentrums und der Seniorenresidenz zu schildern, verzichtete ich dann aber doch. Ich glaube auch so behaupten zu können, dass ich mit meinem Anliegen nicht bis zum Kardinal weiterverbunden worden wäre.

Der Film selbst ist derweil jedoch sogar bis zum Papst vorgedrungen: Der Darsteller des Paters Toni, Martin Gruber, hat "Papst Franziskus bei einer Generalaudienz in Rom [den] Film auf DVD überreicht". Das erfährt man aus einem Interview, das die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) mit den Hauptdarstellern geführt hat und das auf der Website des Kölner Domradios veröffentlicht wurde. Schauspieler Gruber findet, der Papst habe "echte Rockstar-Qualitäten. Es war fast wie bei einem Konzert mit Robbie Williams - außer, dass keine Schlüpfer flogen, sondern Rosenkränze.". Ob Franziskus den Film jedoch tatsächlich angesehen hat, vermag Gruber jedoch nicht zu sagen. Na, hoffen wir mal das Beste für den sicherlich auch ohnedies schon genug geplagten Heiligen Vater.

Aber ich habe noch gar nicht verraten, wie der Film ausgeht. Das ist schnell erzählt: Jessica bekommt ihre Scheiß-Stammzellentherapie, und das Scheiß-Jugendzentrum wird scheiß-abgerissen. In der letzten Szene wird die interreligiöse Schafkopf-Runde wieder aufgenommen, und diesmal ist, weil man zum Schafkopfen ja eigentlich vier Mitspieler braucht, auch noch der örtliche Imam dabei. "Warum dieses Ende?", fragt die KNA, und Pfarrerinnen-Darstellerin Birge Schade gibt zu Protokoll: "Es ist eine Utopie des Regisseurs." Kollege Gruber sekundiert:  "Ja, es ist das Prinzip Hoffnung: Dass verschiedene Religionsvertreter [...] an einem Tisch sitzen und friedfertig miteinander spielen, das ist doch ein Schritt, von dem die ganze Menschheit im Moment träumt." So, tut sie das. Die Menschheit scheint sehr bescheiden geworden zu sein.

"Immerhin bleibt offen, ob das Mädel wieder gesund wird", sagte ich zu meiner Liebsten, als der Film nach 88 Minuten gnädigerweise zu Ende war; aber meine Liebste war nicht zufrieden. "Das einzige, was den Film hätte retten können, wäre gewesen, wenn sie vor laufender Kamera gestorben wäre." - "Das einzige, was den Film hätte retten können, wäre gewesen, wenn der Imam beim Schafkopfen gegen die Pfarrerin verloren und ihr daraufhin den Stuhl über die Rübe gezogen hätte", entgegnete ich, woraufhin mein Schatz resümierte: "Das einzige, was den Film hätte retten können, wäre gewesen, wenn das Drehbuch nie geschrieben worden wäre."

Dabei muss man anmerken, dass der Film längst nicht so schlimm war, wie er theoretisch hätte sein können. Beinahe erfrischend für eine TV-Produktion dieser Art war es beispielsweise, dass Pater Toni trotz seines nach schwierigem Start zunehmend guten Verhältnisses zu Pfarrerin Rieke in keinerlei Konflikte mit dem Zölibatsgelübde gerät - wenngleich es durchaus ein bisschen "knistert", wie die KNA meint. Fast noch bemerkenswerter ist der Verzicht auf allzu plumpe Schwarzweißmalerei. Selbst Kirchenratsmitglied und Krankenkassendirektor Häusler ist - obwohl strukturell ganz klar der Antagonist - durchaus kein Bösewicht; er hat vernünftige Argumente für seinen Standpunkt und schafft es am Ende sogar, auf eine Weise einzulenken, durch die er nicht sein Gesicht verliert oder als Charakter unglaubwürdig wird. Aber das fällt vermutlich nur den Zuschauern auf, denen auch auffällt, dass Pater Toni in den unvermeidlichen Kabbeleien der beiden Geistlichen über konfessionelle Unterschiede durchweg die überzeugendere Figur macht - und die sich nicht von der verqueren Pseudo-Moral des Drehbuchs einlullen lassen.

Alles in allem würde ich sagen, evangelische Christen müssten von dem Film noch weit mehr angekotzt sein als Katholiken - so, wie ihre Konfession da dargestellt wird... Pfarrerin Rieke jedenfalls - die, wie am Rande erwähnt wird, aus der ehemaligen DDR stammt und bei den Jungen Pionieren war; das passt ins Bild - verkörpert einen Typus evangelischer Geistlicher, die offenbar gar nicht auf die Idee kommen, etwas Anderes sein zu können oder zu sollen als Sozialarbeiter im Talar (bzw. meistens ohne). Die Drehbuchautoren scheinen diese Berufsauffassung aber ganz richtig, ja sogar vorbildlich zu finden und erwarten dies offenbar auch von ihren Zuschauern. Dass der eher konservative Pater Toni dennoch vergleichsweise gut wegkommt, ist ein Tröpfchen Balsam für die dunkelkatholische Seele, aber mal ehrlich: Wenn das so mehr oder minder das Optimum an positiver Darstellung eines konservativen katholischen Glaubensverständnisses ist, das das öffentlich-rechtliche Fernsehen gerade noch hinkriegt, dann möchte ich bitte meine GEZ-Gebühren von der Kirchensteuer absetzen dürfen. Oder umgekehrt.


P.S.: Wem das oben verlinkte KNA-Interview zu blöd ist (und wem wäre es das nicht?), der sei darauf hingewiesen, dass die deutschsprachige Website der Catholic News Agency (CNA) ebenfalls ein Interview mit Darsteller Martin Gruber zu bieten hat - und das ist erheblich lesenswerter. So einen Unterschied kann ein einziger Buchstabe machen...


Kommentare:

  1. Großartiger Artikel! Chapeau! Danke fürs Anschauen und darüber bloggen.

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  2. Danke für die äußerst genaue Rezension! Ich habe mir den Film aufgrund des CNA Interviews und v.a. wegen der Tweets von Monsg. Kolfhaus über dessen Begegnungen mit dem Schauspieler angesehen. Er hat ihm sozusagen einen Crash Kurs in Sachen "korrektes Benehmen eines katholischen Priesters" gegeben. Dank der Regie dürfte von diesen Tipps aber kein einziger notwendig gewesen sein.
    Und was für mich besonders ärgerlich war: Bei jedem Krimi oder Thriller schaffe ich es, irgendwann mittendrunter selig einzuschlummern, bei dieser tendenziösen Schmonzette bin ich munter geblieben und war mir am Ende nicht sicher, ob es das jetzt war oder ob es -Gott bewahre- womöglich auch noch eine Serie werden könnte.

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  3. Nur mal so eine Frage: geht es auch ein bisschen kürzer? Da ist ja die Rezension länger als das ganze Drehbuch des Films...

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    1. Dabei habe ich mich schon redlich bemüht, mich (einigermaßen)kurz zu fassen... ;)
      Danke für Ihre Geduld!

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  4. Es ist noch Hoffnung vorhanden, dass sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen doch noch ab und zu differenzierter als in der Vergangenheit mit bestimmten auch den christlichen Glauben berührenden Themen auseinandersetzt.
    Beispie:
    Der gestern im 1. Programm ausgestrahlte Film "Nur eine Handvoll Leben" um die Problematik einer Früherkennung eines fehlgebildeten Kindes während der 22. Schwangerschaftswoche. Das Ganze in einer Patchworkfamilie und mit allen typischen Problematiken und Aufzeigen verschiedenster Lösungen - natürlich gerade auch Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch ohne aber zu verschweigen, was das genau beinhaltet, nämlich eingeleitete Früh-tod-geburt bis zur 22. Schwangerschaftswoche, danach vorheriges Totspritzen des Babys im Mutterleib und danach Totgebähren.
    Die Mutter entschließt sich schließlich in voller Kenntnis der kurzen Lebensprognose des Babys von nur wenigen Tagen zum Austragen und die Familie trägt das schließlich mit.
    Das Baby erhält die christliche Taufe, wenngleich die Begründung der kleinen Tochter dafür glaubensmäßig etwas zu wünschen übrig lässt.
    Schließlich stirbt nachweisen Tagen das Baby im Kreis und quasi in den Armen der um es versammelten und miteinander und dem Schicksal ausgesöhnten Familie...
    Ein wie gesagt wertvoller und differenziert-behutsamer Film, der zum eigenen Nach- und Umdenken anregen kann.
    So geht's also auch...

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  5. Irgendwer hat mal definiert, was ein Drama ist: Ein Theaterstück, bei dem zuletzt alle tot auf der Bühne liegen, dann aber auf wunderbare Weise auferstehen und sich vor dem Vorhang verbeugen. Den Film hatte ich - zunehmend gelangweilt - an der Stelle ausgeschaltet, wo die Pfarrerin völlig unmotiviert keinen Krankenwagen ruft, sondern mit einem Auto, das ihr nicht gehört (Woher hatte sie den Zündschlüssel?), die Erkrankte ins Krankenhaus fährt.
    Immerhin habe ich aus der Rezension hier gelernt: Eine Dramödie ist ein Film, in dem die Pfarrerin aus der ehemaligen DDR stammt und bei den Jungen Pionieren war - oder so ähnlich.
    Übrigens: Man sollte Filmregisseuren dringend raten, zu lesen, was Immanuel Kant über die Notwendigkeit geschrieben hat, daß der dramatische Held stirbt (Oder war es Lessing, der das ge-/erklärt hatte?).

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