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Samstag, 12. März 2016

Wir haben ja Kabel!

Neulich verbrachte ich wieder einmal einen arbeitsfreien Tag bei und mit meiner Liebsten, und wir taten das, was man laut einschlägigen Beziehungsratgebern tunlichst nicht tun sollte: Wir tummelten uns gleichzeitig mit unseren mobilen Endgeräten im Internet. Soziale Netzwerke und so. Immerhin zeigten wir uns gegenseitig unsere Fundstücke und unterhielten uns darüber. Das ist nämlich etwas, was solche Beziehungsratgeber oft völlig ausblenden: dass es in einer Beziehung durchaus auch etwas so Erstaunliches geben kann wie gemeinsame Interessen. So amüsierten wir uns etwa gemeinsam über eine Karikatur, die einen wenig beachteten Nachteil moderner Flachbildfernseher gegenüber den guten alten Röhrenfernsehern hervorhob: Flachbildfernseher bieten keinen gemütlichen Liegeplatz für Katzen. Na gut, wir haben auch gar keine Katze. Trotzdem merkte ich an: "Eines Tages werden wir den guten alten Röhrenfernseher noch vermissen." - "Nein, werden wir nicht!", widersprach meine Liebste. "Wir haben nämlich noch einen!" 

Oh. Tatsächlich, da steht einer in der Wohnung. Hinter dem Wäscheständer. Im Prinzip wusste ich, dass der da steht. Hatte ich nur irgendwie ausgeblendet. Vermutlich, weil er nie benutzt wird. "Na ja", merkte ich an. "Solange er noch da ist, können wir ihn natürlich nicht vermissen." - "Aber er steht uns doch jetzt schon im Weg. Wir benutzen ihn ja sowieso nicht", erwiderte meine Liebste; worauf ich einwandte: "Ja, aber doch nur, weil er kaputt ist." - "Der ist nicht kaputt", widersprach meine Liebste. 

Diese Information durchzuckte mich wie ein Blitz. "Der ist nicht kaputt?" 
"Nein." 
"Der funktioniert?" 
"Ja." 
"Haben wir Kabel?!?" 
"Ja." 
"Ich gehe sofort los und kaufe eine Funk Uhr." 

Damit meinte ich natürlich die gleichnamige Fernsehzeitschrift, oder, wie meine Oma gesagt haben würde, Radiozeitung. Denn, so sagte ich mir: Für einen ollen, stiesieligen Röhrenfernseher braucht man auch eine olle, stieselige Radiozeitung. Nicht so diese neumodischen Hochglanzmagazine wie TV Movie, da stehen ja nur diese ganzen neumodischen HD-Sendungen drin, für die man einen Flachbildschirm braucht. Bilde ich mir jedenfalls ein. Zum Stichwort stieselig muss ich übrigens anmerken, dass ich dieses Wort spontan und völlig unabhängig davon, wie der Duden seine Bedeutung definiert, als ad-hoc-Übersetzung für das englische quaint herangezogen habe. Quaint im Sinne von "auf irgendwie rührende Weise altmodisch". Dafür gibt es nämlich meines Wissens kein brauchbares deutsches Äquivalent. Die Seite dict.cc bietet als Übersetzung für quaint u.a. an:  "idyllisch, malerisch, pittoresk, kurios, bizarr, reizend, originell, goldig, anheimelnd, drollig, wunderlich, schrullig, verschroben, urig". Da kann man mal sehen, was dieses eine Wort für ein Bedeutungsspektrum abdeckt. Wenn ich da ein weiteres Synonym hinzufüge - nämlich "stieselig" -, fällt das ja praktisch kaum auf.  

Tatsächlich hatte der Kaiser's-Supermarkt eine beträchtliche Auswahl an hinreichend altbacken wirkenden Fernsehzeitschriften zu bieten; da fiel die Auswahl nicht leicht, aber schließlich trug in puncto quaintness doch die "mein TV & ich" den Sieg davon, nicht zuletzt dank eines unschlagbaren Gimmicks: "100 nostalgische Oster-Sticker"! Das musste in den Einkaufskorb. 

An dieser Stelle übrigens ein Pro-Tipp: In einer glücklichen Beziehung zu leben, hat unter anderem auch den Vorteil, dass man sich im Supermarkt nicht unbedingt an der Schlange mit der jüngeren und hübscheren Kassiererin anstellen muss. Bei der anderen geht's nämlich zügiger, wahrscheinlich, weil sie mehr Berufserfahrung hat. Oder auch, weil sie nicht ständig von Kunden abgelenkt wird, die mit ihr flirten wollen. So konnte ich meinen Einkauf also recht schnell abschließen, und zwar obwohl vor mir eine alte Frau dran war, die, auf ihren Hackenporsche deutend, mit altfrauentypisch weinerlicher Stimme zur Kassiererin sagte: "Ich hab einen großen Beutel Erde im Wagen." Ich weiß, es ist nicht nett, aber ich dachte spontan: Die sorgt wohl für ihre Beerdigung vor. In meiner Kindheit gab es in Westdeutschland ja noch alte Schlesier, die sich Erde aus ihrem früheren Heimatort über die polnische Grenze schmuggeln ließen, um in Heimaterde begraben werden zu können. Das Heikle daran war, dass es in Polen verboten war, Erde außer Landes zu bringen. Diese Information habe ich, obwohl ich selbst väterlicherseits aus einer schlesischen Familie stamme, allerdings nur aus der Lindenstraße, aber deswegen zweifle ich trotzdem keine Sekunde daran, dass es stimmt. 

Wieder zu Hause bei meiner Liebsten, zeigte sich, dass das Heft neben den Oster-Stickern noch weitere Highlights zu bieten hatte. So zum Beispiel "Die schnelle Nudel-Diät" ("Nudeln sind echte Schlankmacher: 50 g enthalten nur 180 kcal und 1 Gramm Fett") -- die allerdings, enttäuschenderweise, auf den zweiten Blick gar nicht so oll und stieselig ist, wie man hätte denken können: Als noch kalorienärmere Alternative zu echten Nudeln werden da sogar Zucchininudeln, sogenannte "Zoodles" (igitt!) empfohlen. Ein Glück, dass man sich ein paar Seiten später wieder vollfressen darf: mit leckeren Rezepten für den "Sonntags-Brunch" (z.B. "Osterschinken mit Meerrettich-Remoulade") und für "Köstliches Ostergebäck", z.B. "Erdbeer-Sahne-Torte mit Marzipan-Schafen"! Mäh!! Damit nicht genug, bietet das Heft dem geneigten Leser auch Beratung in Sachen Gesundheit ("Erkältungen sanft heilen"), Gartenarbeit ("Unser großer Garten-Planer für das ganze Jahr"), Recht ("Unser Mietrechts-Experte antwortet") und Familie ("Unter einem Dach mit der Schwiegermutter" - "Wir haben oft verschiedene Ansichten"). Die Radiozeitung als verlässlicher Begleiter in allen Lebenslagen - wie damals in den 80ern! Dass es sowas noch gibt! Ich bin ganz gerührt. Am Allerschönsten ist jedoch die Kolumne "Meine Familie, mein TV und ich - Geschichten aus dem wahren Männerleben". Die kommt natürlich nach dem Programmteil, ganz hinten im Heft - nur noch gefolgt von den Rätselseiten und dem Horoskop. In dieser Kolumne berichtet ein 'typischer Familienvater', den man mitsamt Frau Daniela ("47 Jahre, Lehrerin und einfach wunderbar"), Tochter Julia ("17 Jahre, Schülerin, Sonnenschein und Nervensäge") und Hund Dicki ("3 Jahre, ein clever-süßer Pudel-Mix") in den 80er Jahren kryogenisch eingefroren und 30 Jahre später wieder aufgetaut hat, über seine alltäglichen Erlebnisse. In der aktuellen Folge freut er sich, dass es ihm mit Hilfe des neuen "Tischröster[s]" gelungen ist, dem mit dem "Veganer-Wahnsinn" liebäugelnden Töchterlein ("Ich esse eben keine Tiere! Nichts, was Augen hat!") ein Thüringer Bratwürstchen schmackhaft zu machen: "[T]oll, so eine Veganer-Bekehrung. Das eigene Kind aus einer Sekte gerettet!" 

(Ich esse übrigens auch nichts, was Augen hat. Die lasse ich vom Fleischer meines Vertrauens fachkundig entfernen.) 

Ob die Qualität des Fernsehprogramms mit derjenigen der Zeitschrift mithalten kann, bleibt derweil zweifelhaft. Um das herauszufinden, müsste man (und "man" heißt mit hoher Wahrscheinlichkeit: ich) erst mal den guten alten Röhrenfernseher hinter dem Wäscheständer hervorziehen und mit der Kabelanschlussbuchse verbinden. Hm. Ach, vielleicht lese ich lieber doch erst noch ein bisschen in der Zeitschrift. -- Habe ich eigentlich mal erwähnt, dass ich im Alter von 5 Jahren mit Hilfe der Funk Uhr (und der Unterstützung meiner älteren Geschwister) das Lesen erlernt habe? 


Kommentare:

  1. Wunderbar.
    Ich würde quaint mit "altväterlich" übersetzen.
    Daß Du historische Informationen aus der "Lindenstraße" beziehst, bestürzt mich allerdings. Zutiefst.

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  2. Tipp:
    Die Apotheken-Umschau (=Rentner-Bravo) gibt's UMSONST (!) mit 14tägig empfehlen Fernsehprogramm.
    Das eingesparte Geld kann man sammeln und z.B. für die Stiftung "Ja zum Leben" spenden.

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    1. Die gibts aber nur dann umsonst, wenn man etwas aus der Apotheke braucht. Also nur unter eher doofen Umständen.

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    2. Na, ich brauche halt ab und an was aus der Apotheke und bin daher Stammkunde in ein und derselben Apotheke.
      So werde ich da auch behandelt und erhalte die Apotheken-Umschau eben auch dann, wenn ich mal sonst nichts kaufe.

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  3. klasse wieder mal-und meine braune Röhre für immer vor 7 Jahren entsorgt-ruhigeres friedlicheres Gebetsleben garantiert und gute Bücher gibt's en masse....

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