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Freitag, 13. November 2015

Wenn es "Wir sind Kirche" nicht schon gäbe...

...dann wäre es vielleicht mal an der Zeit, eine Initiative ins Leben zu rufen, die diesen Namen wirklich verdient. Eine Initiative für die 'einfachen Gemeindemitglieder' der vielen Pfarrgemeinden landauf und landab, die sich zwar einerseits nicht als betont konservativ oder traditionalistisch positionieren, andererseits aber auch nichts mit einer radikal-"reformkatholischen" Agenda am Hut haben; Gemeindemitglieder also, die gar nichts Anderes sein wollen als 'ganz normale Katholiken' -- und die sich gerade darin von niemandem repräsentiert fühlen.

Dass es diese Zielgruppe gibt, ja geben muss, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Rechenfreundlich gerundet, hat die Römisch-Katholische Kirche in Deutschland 25 Millionen Mitglieder; etwa 10% davon nehmen regelmäßig an der Heiligen Messe teil. Schwache Quote, aber in absoluten Zahlen immer noch zweieinhalb Millionen Menschen. Nun wird einem zwar gerne mal der Eindruck vermittelt, diese gehörten mehrheitlich dem liberalen Lager an, das innigst darauf hofft, die Lehre der Una Sancta möge sich endlich mal ihrer "Lebenswirklichkeit" anpassen. Aber denken wir doch mal logisch. Man kann natürlicherweise voraussetzen, dass es unter den 25 Millionen deutscher Katholiken solche gibt, die mehr, und solche, die weniger Wert auf die Lehre ihrer Kirche legen. Ebendiese Lehre schreibt u.a. auch - außer im Falle von Verhinderung durch triftige Gründe - den allsonntäglichen Besuch der Heiligen Messe vor. Daraus folgt: Je ernster jemand die Lehre der Heiligen Katholischen Kirche nimmt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man diesen Jemand sonntags in der Kirche antrifft.

Was nun aber, wenn solche lehramtstreuen Katholiken in ihrer Ortspfarrei ständig mit Gottesdiensten konfrontiert werden, in denen die katholische Messliturgie durch Ringelpiez mit oder ohne Anfassen ersetzt wird, wo weder das ordinarium noch das proprium zu seinem Recht kommt, sondern stattdessen die Werke Astrid Lindgrens (gegen die ich im Übrigen überhaupt nichts sagen will) oder Janoschs in den Rang Heiliger Schriften erhoben werden und bei denen unter freien Assoziationen über das Eucharistische Hochgebet Pita-Brot und Fruchtsaft "konsekriert" werden? (Ich wähle hier bewusst Extrembeispiele, die ich so selbst noch nicht erlebt habe, die es aber, wie man so hört, nichtdestoweniger geben soll.) Spekulieren wir: Angesichts solcher liturgischer Missbräuche werden die 'ganz normalen Katholiken' womöglich auf eine andere Pfarrei ausweichen - wenn sie können. Was aber, wenn es eine solche in erreichbarer Entfernung nicht gibt? Tja - dann werden sie entweder ganz wegbleiben und somit Teil der ca. 22,5 Millionen nicht-ausgetretener katholisch Getaufter in Deutschland werden, die nicht regelmäßig die Heilige Messe besuchen; oder sie werden trotzdem hingehen. Und leiden.

Aber dieses Leiden der 'ganz normalen Katholiken' an den Zuständen in ihrer jeweiligen Pfarrei muss sich nicht allein auf die Liturgie beziehen. Es kann auch die Katechese sein, die im Argen liegt. Es kann sein, dass Gemeindemitglieder sich wünschen würden, ihr Pfarrer hätte mehr Zeit für Beichte, Seelsorgegespräche oder z.B. Krankensalbungen, anstatt dauernd in Aktivitäten eingespannt zu sein, die mit dem priesterlichen Dienst bestenfalls am Rande zu tun haben. Es könnte sein, dass sie den Wunsch verspüren, die räumlichen, zeitlichen und personellen Kapazitäten ihrer Pfarrgemeinde würden tendenziell etwas mehr für Gebet, Andacht, Exerzitien etc. genutzt als für links und/oder grün orientierten Agitprop, Yoga-Kurse und Fair-Trade-Basare mit veganem Kuchenbüffet. Oder dass zu Diskussionsveranstaltungen Referenten eingeladen werden, die den Glauben der Kirche bejahen, und nicht (oder nicht nur) solche, die ihn in Zweifel ziehen.

Genauso können es aber auch unterschiedlichste ortsspezifische Konflikte sein, die sich einer Einordnung in das gute alte böse alte innerkirchliche Lagerdenken völlig entziehen, die aber nichtsdestoweniger dazu führen, dass zahlreiche 'ganz normale Katholiken' sich aus dem kirchlichen Leben ihrer Pfarrgemeinden herausgedrängt fühlen, weil kleine Gruppen von großkopferten 'Erzlaien' alles unter ihre Kontrolle bringen. Und diese zählen ja - so jedenfalls mein Eindruck - tatsächlich meist zu den super-liberalen 'Reformkatholiken'. Aus dem einfachen Grund, dass die nun mal ein besonderes Talent dafür haben, als erste "Hier!" zu schreien, wenn es ein Ehrenamt zu verteilen gibt, und daher auf allen Ebenen, vom Pfarrgemeinderat bis rauf zum "ZdK", jene Gremien dominieren, die für sich beanspruchen, das Laienapostolat zu verkörpern.

Wie gesagt: Von der Theorie her liegt es auf der Hand, dass es diese Zielgruppe der enttäuschten, marginalisierten 'ganz normalen Katholiken' geben muss. Dass es sie auch in der Praxis tatsächlich gibt und darauf wartet, zur Kenntnis genommen zu werden, das hat mir zuvörderst mein Engagement in Sachen "Pfarrervergrämung in St. Willehad" vor Augen geführt. Ich sage offen, ich hatte mit dem Echo, das ich darauf bekam, nicht gerechnet. Es hätte mich weit weniger überrascht, wenn ich von den Einheimischen mehrheitlich oder ausschließlich Reaktionen à la "Was mischt dieser Berliner Dunkelkatholik sich da ein, der hat ja gar keine Ahnung" geerntet hätte. (Solche Reaktionen gab es auch, aber sie waren insgesamt deutlich in der Minderheit.) Tatsächlich ging die große Mehrzahl der Reaktionen, die ich von Gemeindemitgliedern von St. Willehad bekommen habe (und das waren nicht wenige), in die Richtung "Endlich sagt's mal einer".

Und, nun ja: Ist es nicht irgendwo auch Aufgabe von uns Bloggern, "endlich zu sagen", was Andere nicht zu sagen wagen? Aussagen wie "Das scheint es überall zu geben" erreichten mich auch aus anderen Orten. Da scheint es also erhebliches Potential zu geben, Veränderungen in den Pfarrgemeinden anzustoßen - einfach dadurch, dass man den an den Rand gedrängten 'ganz normalen Katholiken' eine Stimme gibt, ihnen das Bewusstsein vermittelt, nicht allein zu sein. Ich bin ja auch nicht der Erste, der so etwas macht. Der Blog Pulchra ut Luna etwa hat über Jahre hinweg Missstände in der katholischen Gemeinde in Weimar dokumentiert und zur Diskussion gestellt - ich gestehe gern, das hat mich inspiriert. Im Blog katholon wurde ausführlich über Konflikte in der saarländischen Gemeinde Beckingen berichtet.  Ich würde mal behaupten, das ist noch ausbaufähig.

Jedenfalls nehme ich diesen Gedanken mal mit zum heute Abend beginnenden Bloggertreffen... 


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