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Donnerstag, 26. November 2015

St. Willehad: "In Wirklichkeit gibt es nur Verlierer"


Kaum mehr als eine Woche ist vergangen seit meinem letzten Bericht über die Situation in der Pfarrei St. Willehad; aber diese neun Tage hatten es in sich. Am Dienstag letzter Woche fand im Anschluss an die 17-Uhr-Messe eine Verabschiedungsfeier für Pfarrer Torsten Jortzick statt; und noch am selben Abend, gegen 20:30 Uhr, postete die Kreiszeitung Wesermarsch (deren Redaktionsleiter Christoph Heilscher bei der Verabschiedung anwesend gewesen war) ein Foto auf Facebook - mit dem Begleittext: "Pfarrer Jortzick möchte nun doch bleiben". Nanu - bahnte sich hier etwa eine Sensation an, nachdem bisher doch alles danach ausgesehen hatte, als sei Pfarrer Jortzicks Abschied von St. Willehad unwiderruflich? Den Kreiszeitungs-Artikel zum Thema, der am nächsten Tag erschien, bekam ich dankenswerterweise aus Nordenham zugeschickt, und da las sich der Sachverhalt schon um Nuancen anders: 
"Gestern Abend [...] geriet die Verabschiedung des Pfarrers zu einer großen Sympathiekundgebung für Torsten Jortzick. Die Kirche war voll. Anschließend versammelten sich weit mehr als hundert Gemeindemitglieder im Pfarrhaus. Mehrere Redner würdigten die Arbeit von Pfarrer Jortzick. Herzliches Händeschütteln und viele Alliterationen Umarmungen prägten die Atmosphäre. Unter dem Eindruck dieses Wohlwollens sagte der Pfarrer im Gespräch mit der Kreiszeitung, dass er nun doch gerne in St. Willehad bleiben würde." 
Nun gut: Wie bereits dokumentiert, hat Pfarrer Jortzick in den letzten Wochen eine beispiellose Welle der Solidarität und Sympathie erfahren. Dass er daraufhin am Abend seiner Verabschiedung etwas sagt wie "Eigentlich würde ich ja doch gern hierbleiben", ist wohl mehr als verständlich - umso mehr, als Nordenham ja zunächst Pfarrer Jortzicks "Wunschort" war. Allerdings ist die Aussage "Ich würde gern bleiben" nicht gleichbedeutend mit "Ich will bleiben" - sondern kann durchaus auch im Sinne von "aber es geht leider nicht" verstanden werden. -- Tags darauf legte die Nordwest-Zeitung nach. "Pfarrer Jortzick möchte doch bleiben", las man dort als Überschrift; und weiter hieß es: 
"Ob der 52-jährige Priester tatsächlich für immer der Gemeinde den Rücken kehrt, ist [...] fraglich. Er hat gegenüber der NWZ deutlich gemacht, dass er gerne in Nordenham bleiben würde. 
Torsten Jortzick spricht von einer 'positiven Entwicklung der Gemeinde' und freut sich über den 'großen Rückhalt', den er in den vergangenen Wochen verspürt habe. [...] 
Formell kann Torsten Jortzick seinen bereits beurkundeten Rücktritt [...] jedoch nicht mehr zurücknehmen. 'Ich habe im Oktober meinen Abschied eingereicht', sagt er, 'über alles, was jetzt kommt, entscheidet der Bischof von Münster.'" 
Hm. Sollte es da also doch noch einen Spielraum dafür geben, dass Pfarrer Jortzick in St. Willehad bleiben bzw. - da ein Pfarrverwalter für die Zeit ab dem 23.11. ja bereits benannt war - nach einer Übergangszeit dorthin zurückkehren könnte? Bisher hatte ich diese Möglichkeit eigentlich nicht ernsthaft in Betracht gezogen; aber immerhin gab es da ja nun die Petition der Initiative "Wir sind Willehad" an Bischof Genn - mit einer wahrhaft beeindruckenden Zahl von Unterzeichnern, die noch dazu in der Berichterstattung der Lokalpresse immer weiter anstieg: Mir war am Tag der Übergabe der Petition die Zahl von 319 Unterzeichnern genannt worden, die NWZ schrieb am 18.11. von 309, die Kreiszeitung dagegen von 350 Unterschriften; am 19.11. erhöhte die NWZ dann auf "um die 400". Sollte eine derart breite Unterstützung für den Pfarrer das Bistum nicht dazu veranlassen, die Situation in der Pfarrei neu zu bewerten? 

Die Berichte der Kreiszeitung und der Nordwest-Zeitung erweckten den Eindruck, dass das Bischöflich Münstersche Offizialat in Vechta sich in dieser Frage auffällig bedeckt hielt. "Wir gehen davon aus [!], dass es bei der getroffenen Entscheidung bleiben wird", zitierte die Kreiszeitung den Pressesprecher des Offizialats, Ludger Heuer; und in der NWZ hieß es: "Zu der neuen Entwicklung konnte sich der Pressesprecher [...] am Mittwoch noch nicht äußern. Nach dem derzeitigen Stand der Dinge werde an dem bisherigen Plan festgehalten". 

Pfarrer Torsten Jortzick (rechts) und Diakon Christoph Richter (links) bei der Hl. Messe in St. Willehad am 17.11.2015 (Bildquelle hier.)

Ich wartete ein paar Tage ab, ehe ich meinerseits eine Anfrage ans Offizialat richtete. Es dauerte nicht lange, bis ich eine Antwort bekam - und zwar nicht von der Pressestelle, sondern vom für den Bereich Seelsorge zuständigen Offizialatsrat Monsignore Bernd Winter persönlich. Zunächst teilte er mir mit, im Offizialat in Vechta lese man meine Beiträge "seit längerer Zeit" - das hatte ich schon mal nicht unbedingt erwartet. Sodann stellte Monsignore Winter allerdings klar: 
"Die Amtszeit von Herrn Pfarrer Jortzick endet definitiv mit Ablauf des 22. November 2015. Und es wird für ihn ebenso definitiv keine weitere Amtszeit in Nordenham geben." 
Dasselbe meldet heute auch die NWZ, sodass ich mich denjenigen Gemeindemitgliedern gegenüber, die sich so vehement für Pfarrer Jortzick eingesetzt haben, wenigstens nicht in der unangenehmen Rolle des Überbringers schlechter Nachrichten sehen muss. Zudem ist es wohl nicht zu bestreiten, dass die Konflikte in der Pfarrei einen Neuanfang - und zwar mit einem neuen Pfarrer - zwingend erfordern. Was umgekehrt aber natürlich nicht heißt, dass diese Konflikte sich mit dem Abschied des Pfarrers plötzlich in Luft auflösen. Monsignore Winter schrieb mir: 
"Entgegen manchen Beteuerungen ist die Gemeinde längst gespalten, und ich nehme ein gehöriges Maß an Zerrüttung wahr. [...] Es gibt heftigste Vorwürfe aus ganz unterschiedlichen Richtungen an ganz unterschiedliche Adressaten. Es gibt Intrigen und Unlauterkeiten, es gibt verstecktes Taktieren, es gibt ganz ehrliche Sorgen und erschütterte Anteilnahme. Es gibt Aggressionen und Ratlosigkeit. Es gibt bitterböses Schweigen und lautes Fordern. [...] Es gibt Legendenbildungen, es gibt Halbwahrheiten und Wissensdefizite. Es gibt aber auch Menschen, die einfach Kirche sein möchten, und es gibt solche, die sich für 'die' Gemeinde in Nordenham halten. [...] 
Manche Menschen in Nordenham glauben, es gebe Gewinner und Verlierer. In Wirklichkeit aber gibt es nur Verlierer." 
Das sind ernste und zum Teil recht harte Worte, aber sie zeigen, dass die Konflikte in der Pfarrei weitaus tiefer gehen und weitaus mehr betreffen als die Personalie Torsten Jortzick. Was in der Pfarrei im Einzelnen alles vorgefallen ist, kann wohl keine einzelne Person komplett überblicken, und ich kann es schon gar nicht; es steht jedoch zu vermuten, dass die Ursachen für die von Monsignore Winter beschriebene "Zerrüttung" zum Teil schon weit zurückreichen - mindestens bis zur Fusion der Pfarrgemeinden Herz Jesu/Herz Mariae und St. Willehad/St. Josef im Jahr 2010. Manche Kontroversen blieben wohl noch weitgehend im Verborgenen, solange Pfarrer Kordecki und Pfarrer Bögershausen gemeinsam im Amt waren und jeder von ihnen weiterhin "seinen" Teil der fusionierten Pfarrei betreute. Ich habe schon in den letzten Jahren mehrfach davon gehört, dass Gemeindemitglieder, die mit Pfarrer Bögershausens Amtsführung unzufrieden waren, nach Einswarden zu Pfarrer Kordecki "ausgewichen" sind, und den umgekehrten Fall mag es ebenso gegeben haben; aber in dem Moment, als Pfarrer Jortzick als einziger Priester die fusionierte Pfarrei übernommen hat, gab es solche Ausweichmöglichkeiten eben nicht mehr. 

Während nun einige Gemeindemitglieder Pfarrer Jortzick vorwerfen, er habe die Gemeinde gespalten, erklären viele andere, er habe ganz im Gegenteil viel dafür getan, bestehende Spaltungen zu überwinden. Wo meine persönlichen Sympathien liegen, ist aus meinen bisherigen Beiträgen zum Thema wohl deutlich genug geworden, und daran hat sich im Grundsatz auch nichts geändert. Dennoch ist es, so absurd das auf den ersten Blick scheinen mag, nicht zu leugnen, dass zu einem gewissen Grad beide Seiten mit ihrer Einschätzung Recht haben. Wenn Gemeindemitglieder, die sich zuvor ausgegrenzt und an den Rand gedrängt gefühlt haben, heute von sich sagen "Wir sind Willehad" und erklären, sie hätten dies wesentlich Pfarrer Jortzick zu verdanken - wie es aus diversen Stellungnahmen in der Presse, aus Rückmeldungen, die ich auf meine Blogartikel erhalten habe, und nicht zuletzt aus der oben erwähnten Petition an den Bischof hervorgeht -, dann hat Pfarrer Jortzick offensichtlich Einiges richtig gemacht; solange es aber umgekehrt andere Gemeindemitglieder gibt, die sich nun ihrerseits ausgegrenzt und an den Rand gedrängt fühlen, ist de facto eine Spaltung vorhanden - und damit kann man sich nicht zufrieden geben. Auch diese Personen müssen ihren Platz in der Gemeinde (wieder)finden - wo sollten sie schließlich sonst hin? -- Gleichzeitig hoffe ich und wünsche ich mir aber auch, dass diejenigen Gemeindemitglieder, die Pfarrer Jortzick gern behalten hätten, sich jetzt nicht entmutigen lassen, sondern die Energie, die sie in den letzten Wochen entwickelt haben, auch weiterhin ins Gemeindeleben einbringen.

Monsignore Winter schreibt: 
"Es wird einen Prozess brauchen, der Versöhnungsarbeit leistet und Gemeindebildung ganz neu auf den Weg bringt. [...] Und das wollen wir [...] bewusst fördern und begleiten. […] Und wir brauchen in Nordenham für die Zukunft einen neuen Pfarrer, der Erfahrung mitbringt, der fachlich und persönlich fähig und bereit ist, sich mitten in diese schwierige Situation zu stellen, und der für einen solchen Prozess der Versöhnung, der neuen Gemeindebildung und der pastoralen Konzeption in Geduld und mit Ausdauer und Kraft werben kann." 
Bis ein solcher Pfarrer gefunden wird, hat erst einmal Pfarrer Manfred Janßen aus Varel die Pfarrverwaltung inne; den priesterlichen Dienst vor Ort wird jedoch, wie ich schon vermutet habe, zur Gänze Kaplan Alex Mathew übernehmen, der zukünftig auch in Nordenham wohnen wird - das meldete die Pfarrei St. Willehad am 23. November auf ihrer Facebook-Seite. Ich denke mir, ein junger indischer Ordenspriester, der bislang an einem Marienwallfahrtsort tätig war, dürfte im Gemeindeleben interessante Akzente setzen. Die NWZ hebt zudem hervor, an seinem bisherigen Wirkungsort sei er besonders für "sein freundliches und verbindliches Wesen im Umgang mit den Mitmenschen" geschätzt worden. "Zudem sei sein fröhliches Lachen ansteckend." Angesichts der schwierigen Situation in St. Willehad kann dies zweifellos nur von Vorteil sein. Ich wünsche ihm jedenfalls viel Glück und Gottes Beistand für seine neue Aufgabe und freue mich darauf, ihn persönlich kennenzulernen, wenn ich bei Gelegenheit mal wieder in Nordenham bin... 

Für den Moment bleibt mir eigentlich nur noch, diejenige Passage aus Monsignore Winters Mail zu zitieren, die mich am meisten bewegt und beeindruckt hat: 
"In all dem hoffe, ich, dass Gottes guter Geist uns und alle Beteiligten und Betroffenen nicht verlassen, sondern uns alle im Guten stärken und allem Ungeist wehren wird. Vielleicht ist der kommende Advent eine Chance abzurüsten, still zu werden, zu er-hören, was Gott uns sagen will mit dem Wort, das er uns schenkt, und das Fleisch wird als unser Bruder. Vielleicht können wir gerade im kommenden Advent durch den häufigen und innigen Empfang der Sakramente wieder innerlich geschmeidiger werden in der ehrlichen Absicht, in den Spuren unseres menschgewordenen Gottes zu gehen – bewusst nicht nur neben, sondern gemeinsam mit allen unseren Schwestern und Brüdern, die uns ganz konkret in unserem Lebensumfeld geschenkt sind. Ich wünsche unseren Glaubensgeschwistern in Nordenham so sehr, dass das in Zukunft neu gelingt!"
Diesem Wunsch kann ich mich nur anschließen. Und natürlich werde ich die Entwicklung in St. Willehad weiterhin aufmerksam verfolgen - und meine Leser weiter auf dem Laufenden halten! 


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