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Mittwoch, 10. Dezember 2014

Sex, Gesang und Tanz oder Leben in Fülle

Neulich bin ich mal wieder in so eine Facebook-Diskussion hineingeraten... Eigentlich sollte es in dieser Diskussion um die Frage gehen, was auch hierzulande Jugendliche bzw. junge Erwachsene dazu treibt, sich von radikal-islamistischen Gruppierungen rekrutieren zu lassen und womöglich nach Syrien oder in den Irak zu gehen, um dort für den "Islamischen Staat" zu kämpfen. Allerdings zeigte die Diskussion praktisch vom Start weg die Tendenz zu verallgemeinernden Aussagen darüber, was "Religion" in den Köpfen von Menschen anrichtet. Wer öfter in Sozialen Netzwerken unterwegs ist, hat ja gewisse Erfahrungswerte, wie solche Diskussionen ablaufen können. Da wird von der Existenz eines gewaltbereiten religiösen Fanatismus bzw. eines religiös motivierten Terrorismus schnell mal auf die allgemeine Gefährlichkeit von Religion geschlossen - dass die große Mehrheit aller Menschen sich zu irgendeiner Religion bekennt, ohne deswegen Bomben zu basteln oder ihren nicht- bzw. andersgläubigen Mitmenschen die Köpfe abzuschneiden, kann man im vielfach atheistisch oder agnostisch dominierten Milieu der Sozialen Netzwerke wohl schon mal übersehen; wer diesen Umstand aber doch zur Kenntnis nimmt, unterscheidet gern zwischen "normalen Gläubigen" einerseits und Fundamentalisten bzw. Fanatikern andererseits - was jedoch interessanterweise i.d.R. nicht dazu führt, die Überzeugung, Religion sei prinzipiell gefährlich und tendiere zum Fanatismus, in Zweifel zu ziehen. So entsteht der Eindruck, unter "normalen Gläubigen" stellten sich jene, die diese Entscheidung vornehmen, solche Mitglieder von Religionsgemeinschaften vor, die ihren Glauben nicht allzu ernst bzw. wichtig nehmen.

Vielleicht ist es aus atheistischer und/oder agnostischer Sicht auch nur folgerichtig, das so zu sehen; denn dass jemand bereit ist, für seinen Glauben erhebliche Nachteile in Kauf zu nehmen, ja unter Umständen sogar sein Leben zu riskieren, muss jemandem, der einen solchen Glauben nicht hat, wohl schlechterdings befremdlich vorkommen. Das führt dann leicht zu Aussagen wie der folgenden:


Daran fand ich ja nun gleich Mehreres bemerkenswert - mit der Folge, dass ich es mir schlicht nicht verkneifen konnte, in die Debatte einzusteigen. Dabei unterließ ich es zunächst einmal, die Frage aufzuwerfen, inwiefern einem denn das Leben nach dem Tod, sofern man an ein solches glaubt, nicht wichtiger sein könnte als das irdische Leben. Stattdessen konzentrierte ich mich auf die Schlussfolgerung, der Glaube an ein Leben nach dem Tod führe "zu solchen Entscheidungen" - womit im Kontext der Debatte gemeint war: sich terroristischen Organisationen wie etwa dem IS anzuschließen. Ich warf daher ein, zwar liege es auf der Hand, dass der Glaube an ein Leben nach dem Tod die Bereitschaft erhöhen könne, für seinen Glauben zu sterben -- aber das sei doch etwas erheblich Anderes, als für seinen Glauben zu töten.

An dieser Stelle hätte man nun anfangen können zu räsonieren, ob die aus dem Glauben an ein Leben nach dem Tod resultierende Opferbereitschaft, statt den jeweiligen Gläubigen zu Selbstmordattentaten oder anderen terroristischen Akten zu motivieren, nicht auch zu etwas Gutem führen könne - zu selbstlosem sozial-caritativem Engagement etwa; man hätte auch Vermutungen darüber anstellen können, unter welchen Bedingungen Gläubige der einen oder anderen Religion eher zu Diesem oder zu Jenem neigen. Es kam anders, denn ein anderer Diskussionsteilnehmer grätschte dazwischen:



Aha - da haben wir sie, die "normalen Gläubigen". Diese erwarten also von einem jenseitigen Leben nichts signifikant Besseres als von ihrem Leben im Hier und Jetzt? Warum nicht? Weil ihr irdisches Leben eine einzige nicht enden wollende Geburtstagsparty mit Schampus und Sahnetorte ist? Weil sie hienieden weder Armut, Hunger noch Einsamkeit, weder Zahnschmerz noch Liebeskummer kennen? - Glaub' ich irgendwie nicht. Oder sollte die "Normalität" ihres Glaubens gerade darin bestehen, dass sie doch nicht so recht überzeugt davon sind, was sie im jenseits erwarten mag, und daher, wie es einst Hamlet formulierte, "die Übel, die wir haben, lieber / Ertragen als zu unbekannten flieh'n"?

Auf meine Erwiderung, das Leben nach dem Tod habe doch immerhin "die Perspektive, ewig zu sein", folgte, wenig überraschend, der Einwand, es habe "aber auch die Perspektive, gar nicht stattzufinden". Die in dieser Äußerung, wie mir schien, implizit anklingende Überzeugung, es sei besser, nicht an ein ewiges Leben zu glauben, wenn es dieses dann womöglich doch nicht gäbe, erinnerte mich unwillkürlich an Pascals Wette, deshalb antwortete ich schlicht mit einem Link auf den Wikipedia-Artikel zu selbiger.

Der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal (1623-1662) verglich in seinem Werk Gedanken über die Religion die Entscheidung, an Gott und ein ewiges Leben zu glauben oder nicht, mit einer Wette, deren Gewinnchancen und Verlustrisiken er gegeneinander abwog. Dabei kam er zu dem Ergebnis, es sei in jedem Fall besser, daran zu glauben; denn gebe es Gott und ewiges Leben nicht, dann könne man, gleich ob man zu Lebzeiten daran glaubt oder nicht, weder etwas gewinnen noch etwas verlieren; gibt es aber Gott und ewiges Leben, so kann man, wenn man daran glaubt, unendlich viel gewinnen, und wenn man nicht daran glaubt, unendlich viel verlieren.

Wohlgemerkt: An der Argumentation Pascals könnte man im Detail sicherlich das Eine oder Andere aussetzen. Der Punkt, auf den es mir in diesem Stadium der Diskussion einzig und allein ankam, stellt Pascal jedoch mit glänzender mathematischer Klarheit dar: Wenn es ein ewiges Leben nach dem Tod gibt, dann ist dessen Wert unendlich (im positiven Sinne, wenn es sich um ewige Seligkeit, im negativen, wenn es sich um ewige Verdammnis handelt). Im Vergleich zu dieser Unendlichkeit tendiert der Wert diesseitiger Freuden und Leiden gegen Null. Es ist also nur folgerichtig, dass die Aussicht auf ewige Seligkeit im Jenseits die Bereitschaft erhöht, im irdischen Leben Nachteile in Kauf zu nehmen oder, umgekehrt, auf Annehmlichkeiten zu verzichten.

Jenen Facebook-Nutzer, der zuerst die "normalen Gläubigen" ins Spiel gebracht hatte, überzeugte das allerdings ganz und gar nicht:


Da ich davon ausging, dass es sich bei dieser Religion, die Sex nur zur Fortpflanzung erlaubt und Tanz und Gesang verbietet, um ein willkürlich gewähltes, rein hypothetisches Beispiel handelte, verzichtete ich darauf, klarzustellen, meine Religion habe prinzipiell überhaupt nichts gegen Sex, Gesang und Tanz. Die zu erwartenden irritierten Nachfragen, zumal zu dem Punkt mit dem Sex, hätten vielleicht ganz spaßig werden können, hätten aber letztlich doch ein wenig vom Thema weggeführt. Oder von dem, was inzwischen zum Thema der Debatte geworden war.

Als viel wesentlicher betrachtete ich allemal den Umstand, dass mein Kontrahent, der so großen Wert darauf legt, "am Leben im Jetzt Spaß [zu] haben", in seinem Einwand gegen Pascal offenbar einem Missverständnis aufgesessen ist, für das man ihn allerdings kaum verantwortlich machen kann, da es so verbreitet und so hartnäckig ist, dass es - unter der Zwischenüberschrift "Die Kosten des Glaubens" - auch in den oben erwähnten Wikipedia-Artikel Eingang gefunden hat:
"Es wird auch argumentiert, dass der Glaube Lebensfreude [!] kosten kann, weil die gläubige Person nicht an Aktivitäten [!] teilnehmen darf [!], die durch das Dogma [!] verboten werden."
Kurz gesagt wird hier der Eindruck erweckt, Glauben laufe auf eine Art Vertrag zwischen Gott und Mensch hinaus, bei dem der Mensch sich verpflichtet, auf bestimmte Dinge zu verzichten, die ihm Spaß machen würden, die Gott aber verboten hat - und zur Belohnung erhält er eine Eintrittskarte in den Himmel. Diese Auffassung mag ja durchaus verbreitet sein, womöglich auch unter Menschen, die sich selbst als gläubige Christen verstehen - sie ist aber im Kern nicht christlich, sondern bestenfalls pharisäisch. Man kann ihr nicht vehement genug widersprechen, denn "nach innen" fördert sie Selbstgerechtigkeit und etwas, das man auf Englisch "judgementalism" nennt (wie heißt das eigentlich auf Deutsch?), "nach außen" aber das Missverständnis von Religion als großer Spaßbremse.

Zu fragen wäre hier unter anderem: Wie wäre der Glaube an einen liebenden Gott mit der Vorstellung vereinbar, Gott gönne den Menschen keinen Spaß? - Nun, der entscheidende Punkt ist, dass Gott nicht nur, wie ein liebender Vater (oder eine liebende Mutter), das Beste für seine Kinder will, sondern als Schöpfer aller Dinge auch tatsächlich weiß, was das Beste für die Menschen ist - besser als die Menschen selbst es wissen. Und Spaß ist an sich gewiss nicht zwangsläufig etwas Schlechtes, aber das höchste aller Güter ist er auch nicht. Wie nun, wenn Gott für die Menschen etwas Besseres im Sinn hat als bloßen Spaß?

Jeder Mensch weiß aus eigener Erfahrung, dass das tägliche irdische Leben aus einer Vielzahl von Dingen besteht, die keinen Spaß machen. Umso verständlicher ist es, dass viele Menschen so versessen darauf sind, sich die Dinge, an denen sie Spaß haben - Sex ist hier zweifellos ein wichtiges Thema; daneben mag es für den Einen Gesang und Tanz sein, für den Anderen vielleicht Fußball, Computerspiele, Orchideenzucht, Motorradfahren, was auch immer - auf keinen Fall nehmen zu lassen; denn sie sagen sich: Wenn ich das nicht mehr hätte, was hätte ich dann noch vom Leben? Bei nicht Wenigen geht das so weit, dass sie meinen, wenn sie eines Tages - etwa aus gesundheitlichen Gründen - zu den Dingen, die ihnen Spaß machen, nicht mehr in der Lage sein sollten, würden sie sich lieber einschläfern lassen. (Ob sie das immer noch so sehen, wenn dieser Fall dann eintritt, oder ob sie dann doch mehr am Leben hängen als gedacht, ist eine andere Frage.)

Ich erinnere mich an eine Predigt, die ich in meiner Jugend gehört habe und in der der Pfarrer den oft gehörten Satz "Ich will schließlich etwas vom Leben haben" aufgriff. Seine Erwiderung lautete: Gott will nicht, dass wir etwas vom Leben haben, sondern dass wir Leben in Fülle haben (vgl. Joh 10,10). -- Spaß, ich wiederhole mich, ist sicher nicht prinzipiell etwas Schlechtes; in einer Welt voller Frustrationsquellen ist er wohl oft sogar ein notwendiges Ventil. Als primärer Lebenszweck ist er aber doch ein wenig banal. Zudem ist nicht alles, was Spaß macht, gut oder auch nur akzeptabel. Dinge, die Spaß machen, können dumm, gefährlich oder sogar grausam und egoistisch sein. Spaß kann man auf Kosten seiner Mitmenschen haben und auch auf Kosten der eigenen körperlichen, geistigen und seelischen Unversehrtheit.

Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang doch ganz hilfreich, auf das Sex-Beispiel von oben zurückzukommen. Die Auffassung, das Christentum - besonders in seiner katholischen Ausprägung - erlaube Sex nur zur Fortpflanzung, bekommt man ja immer mal wieder aufs Brot geschmiert, dabei müsste man nur mal in den Katechismus schauen, um festzustellen, dass das so nicht stimmt. Was da allerdings in der Tat drinsteht, ist, dass die Fortpflanzung ein zentraler, nicht wegzudenkender Aspekt von Sexualität ist. Das heißt, wer zwar Sex haben, sich dabei aber auf keinen Fall fortpflanzen will, beraubt die Sexualität einer ihrer wesentlichen Dimensionen; was er damit auslebt, ist eine reduzierte, man kann auch sagen: deformierte, beschädigte Form von Sexualität. Das gilt natürlich noch umso mehr, wenn man die Sexualität zudem auch noch anderer Aspekte entkleidet, die für sie ebenso wesentlich sind bzw. sein sollten - etwa derjenigen der liebevollen Hingabe an den Partner. Sex "nur zum Spaß" zu haben, bedeutet so gesehen geradezu eine Herabwürdigung der Größe und Schönheit dessen, was Sexualität sein soll, und es bedeutet, sich selbst und den jeweiligen Partner zu erniedrigen. Und das betrifft nicht allein die Sexualität; es lässt sich mehr oder weniger auf alle Dinge anwenden, die man in einer "uneigentlichen", reduzierten und somit letztlich korrumpierten Form konsumiert, weil man nur kurzfristige Befriedigung darin sucht.

Pascal spricht nicht ohne Grund von "verpesteten Freuden", die der gläubige Mensch "aufgeben" solle - ja, er argumentiert sogar, sie aufzugeben sei ein Weg, um gläubig zu werden. -- Also doch Verzicht auf Freuden? Nun wohl; aber eben nur auf "verpestete" Freuden, also solche, die einem letztlich selbst nicht gut tun. "Aber wirst du nicht andre Freuden haben?", fragt Pascal zu Recht.
"Was wird dir Uebeles widerfahren, wenn du dies Theil ergreifst? Du wirst treu sein, rechtschaffen, demüthig, dankbar, wohlthätig, aufrichtig, wahrhaftig. [...] Ich sage dir, du wirst gewinnen, noch in diesem Leben". 
Es ist bemerkenswert, dass in Diskussionen über Pascals Wette oder überhaupt über Sinn oder Unsinn des Glaubens gerade dieser Aspekt regelmäßig unter den Tisch fällt - wohl weil er so massiv der von Religionskritikern diverser Couleur geradezu dogmatisch verfochtenen Auffassung widerspricht, der Glaube an ein Leben nach dem Tod habe lediglich eine Vertröstungsfunktion und halte den Menschen somit objektiv in seinem Elend fest. Eben nicht!, möchte man da ausrufen; oder, mit den Worten Papst Benedikts XVI. aus der Predigt zu seiner Amtseinführung antworten:
"Habt keine Angst vor Christus! Er nimmt nichts, und er gibt alles. Wer sich ihm gibt, der erhält alles hundertfach zurück."
-- Und zwar, möchte man zur Verrdeutlichung hinzufügen: nicht erst im Jenseits. Zwar kann es die vollkommene Freude - vollkommen, weil sie a) durch kein Leid getrübt ist und b) kein Ende haben wird - erst nach dem Tod geben. Dennoch kann jeder, der auf Gott vertraut, schon in diesem Leben etwas von jenem "Leben in Fülle" erfahren, das Jesus Christus verheißt - eine Freude, zu der Jene, die nur der Befriedigung ihrer Leidenschaften im Hier und Jetzt nachjagen, keinen Zugang haben. Und so ist dem christlich Glaubenden jede Freude - jede echte, nicht "verpestete" Freude -, die er in diesem Leben erfährt, bereits ein Vorgeschmack auf den Himmel.

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