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Dienstag, 16. September 2014

Bisch der Deifi?

Manchmal - nein, eigentlich sogar ziemlich oft - werden einem die Themen, über die man mal bloggen könnte, sollte oder müsste, ja geradezu auf dem Silbertablett serviert bzw. man wird mit der Nase draufgestoßen. So war die lange, abgesehen von einer aktiveren Phase im Juli praktisch von Februar bis August andauernde weitgehende Funkstille auf diesem Blog (die mir eine Nominierung für die Kategorie "Trägheit" beim diesjährigen Schwester-Robusta-Preis eingetragen hat) nicht etwa dadurch bedingt, dass ich nichts zu schreiben gewusst hätte; eher im Gegenteil: Es gab so Vieles, dass ich gar nicht wusste, wo ich anfangen sollte; dann bastelte ich mal an einem Entwurf, inzwischen kamen drei, vier neue Anregungen, ich skizzierte etwas dazu, frühere Entwürfe blieben liegen, und irgendwie war der konkrete Anlass, aus dem heraus ich den jeweiligen Artikel zu schreiben begonnen hatte, dann schon nicht mehr "aktuell". Das Ergebnis ist eine Ansammlung von teils mehr, teils weniger gelungenen Entwürfen, von denen ich mir jetzt überlege, ob ich Teile davon noch "retten" kann, indem ich sie in einen anderen, "aktuelleren" (oder aber aktualitäts-unabhängigen) Rahmen verpflanze. Inzwischen prasseln aber schon wieder neue Anregungen auf mich ein, und da sage ich mir: Besser, das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist. 

Gestern zum Beispiel. Ich hatte einen hübsch satirisch-polemischen Blogartikel von Kollegin Heike auf Facebook geteilt; einige Zeit später verfasste ein atheistischer Freund und Ex-Arbeitskollege einen Kommentar dazu, in dem er auf das "Manifest des evolutionären Humanismus" von Deutschlands Oberatheisten Michael Schmidt-Salomon verlinkte. Ich wog kurz ab, wie ich darauf reagieren sollte. Den Thesen eines Schmidt-Salomon mochte ich eigentlich kein Forum bieten. Also beschloss ich, von meinem Hausrecht auf meiner Facebook-Wall Gebrauch zu machen und den Link zu löschen - wobei es mir aber ein Gebot des Respekts meinem besagten atheistischen Freund gegenüber zu sein schien, dies nicht einfach stillschweigend zu tun. Daher verfasste ich meinerseits einen Kommentar, in dem ich die Löschung des Links mit dem etwas impulsiv hingerotzten Satz begründete: 
"Schmidt-Salomon dulde ich auf meiner Wall nicht. Der ist, meiner persönlichen Einschätzung zufolge, vom Teufel besessen."
Mein Freund antwortete: 

"Mir fehlen die Worte."

Am nächsten Morgen hatte er diese jedoch wiedergefunden und bat mich, ihm zu erklären, wie ich das meinte. Ich gab mir ein paar Stunden Bedenkzeit, dann antwortete ich dies:

"Hm, gar nicht so einfach. Ich schätze, die Frage, wie ich das gemeint habe, umfasst mindestens drei Aspekte:  
1. Was verstehe ich unter dem 'Teufel'?
2. Was verstehe ich unter 'vom Teufel besessen sein'?
3. Warum meine ich, dass Letzteres auf Schmidt-Salomon zutrifft?
Um das umfassend zu erklären, müsste ich fast buchstäblich bei Adam und Eva anfangen. Ich glaube aber, ich fange lieber bei Hans Christian Andersens 'Schneekönigin' an. -- Im ersten Kapitel der Schneekönigin geht es um den Spiegel des Satans - einen Zerrspiegel, in dem alles Gute böse erscheint und umgekehrt. Das hat Andersen, wie ich finde, sehr gut dargestellt: Das ist es, was der Teufel in der Welt tut - die Wahrheit in einem Zerrspiegel darstellen, das Gute als böse denunzieren und das Böse als gut tarnen.Im Märchen zerbricht der Spiegel zwar, als die Diener des Satans damit in den Himmel einzudringen versuchen; aber Splitter davon schwirren seither auf der Erde herum und setzen sich in den Augen und Herzen der Menschen fest.Das scheint mir, wie gesagt, eine sehr treffende Metapher für die ethische und, sagen wir mal, 'epistemologische' Verwirrung, die unter den Menschen herrscht und dazu führt, dass so viele Menschen das Böse für gut halten (und umgekehrt). Und Schmidt-Salomon gehört aus meiner Sicht - wie z.B. auch Richard Dawkins - zu denen, die diese ethische und epistemologische Verwirrung aktiv fördern und damit objektiv die Arbeit des Teufels verrichten.
Ich könnte das alles ausgiebig mit Zitaten aus der Bibel und aus Predigten des aktuellen Papstes untermauern, aber die habe ich gerade nicht zur Hand. Vielleicht sollte ich mal einen Blogbeitrag daraus machen.
Nachsatz: Ob Schmidt-Salomon tatsächlich 'besessen' ist, weiß ich natürlich nicht; das ist nur mein subjektiver Eindruck, wenn ich ihn im Fernsehen sehe. Zum Mindesten erscheint mir sein Hass auf Kirche und Religion ausgesprochen krankhaft."

Soweit also meine etwas improvisierte, möglichst kurz und schlicht gehaltene Antwort. Da ich mich nun aber schon mal daran gemacht habe, der Ankündigung, daraus einen Blogbeitrag zu machen, Taten folgen zu lassen, will ich es auch an der in Aussicht gestellten "Unterfütterung" meiner Thesen nicht fehlen lassen.

Zunächst einmal: Wen oder was bezeichnet der Begriff bzw. Name "Satan" / "Teufel"? Im Hebräischen bedeutet "Satan" zunächst nichts Anderes als "Gegner", "Widersacher", auch "Ankläger" (vor Gericht); das deutsche Wort "Teufel" ist abgeleitet vom altgriechischen diábolos, was wörtlich "Durcheinanderwerfer", im Sinne von "Verwirrer, Faktenverdreher, Verleumder", bedeutet.[...]Wo in der Bibel von einem "Satan" oder einem "Diábolos" die Rede ist, ist damit also nicht zwangsläufig und immer eine konkrete Gestalt gemeint, die diese Bezeichnung quasi als Namen trägt; in einigen prominenten Fällen aber sehr wohl. Seinen ersten großen Auftritt in der Bibel hat der als reale Person verstandene Satan im Buch Ijob. Die Geschichte dürfte in ihren Grundzügen auch vielen nicht ausgesprochen bibelfesten Zeitgenossen geläufig sein. Satan tritt im Gefolge Gottes, im Himmlischen Hofstaat gewissermaßen, auf und erwirkt Gottes Erlaubnis zu dem Versuch, Ijobs Vertrauen in Gott zu erschüttern. Zu diesem Zweck lässt Satan Ijobs Viehherden und seine Kinder umkommen und schlägt ihn selbst mit einer schweren Krankheit. Festzuhalten ist hier, dass Satan dies nur tun kann, weil Gott es ihm erlaubt. Satan ist kein Gegenspieler Gottes "auf Augenhöhe"; seine Macht reicht nur so weit, wie Gott ihn gewähren lässt. Hier mag man die Frage aufwerfen: Warum lässt Er ihn denn überhaupt gewähren? Ist dadurch nicht in letzter Konsequenz Gott selbst verantwortlich für all das Schlimme, das Ijob zustößt? - Damit sind wir mittendrin in der Theodizeefrage: Ist Gott schuld daran, dass es das Böse gibt? Mir fällt bei dieser Frage immer ein Bild von William Blake ein, auf dem Gott bei der Erschaffung Adams zugleich auch die Schlange erschafft.




Das Bild - bzw. das, was es wohl aussagen will - ist gar nicht dumm. Mit der Erschaffung des Menschen kommt auch das Böse in die Welt - und zwar als Potentialität im Menschen selbst. Nämlich deshalb, weil Gott den Menschen mit einem freien Willen ausgestattet hat. Gäbe es die Möglichkeit des Bösen nicht, wäre der Mensch nicht frei: er wäre nur deshalb "gut", weil er gar nicht anders könnte. Damit wäre das Gute aber nicht mehr "gut", sondern einfach selbstverständlich.

Die christliche Naturrechtslehre geht davon aus, dass dem Menschen - da Gott ihn als Sein Ebenbild erschaffen hat - von Natur aus die Fähigkeit innewohnt, das Gute als gut zu erkennen. Aber dass er die Fähigkeit dazu hat, heißt nicht automatisch, dass er das auch tatsächlich tut. Der Mensch ist nicht nur zum Guten fähig, sondern auch zum Bösen; nicht nur zur Erkenntnis der Wahrheit, sondern auch zum Irrtum. Und hier findet der Teufel - der Widersacher, der Versucher und Verwirrer - sein Betätigungsfeld. Mal treibt er den Menschen dazu an, das Böse zu tun, obwohl er weiß, dass es böse ist; und mal verblendet er den Menschen so, dass dieser Gut und Böse nicht mehr unterscheiden kann bzw. verwechselt. Letzteres ist das Thema, um das es mir hier in erster Linie geht.


Schauen wir uns hierzu den wohl bekanntesten (und sicherlich lehrreichsten) Auftritt des Satans in der Bibel an: die Versuchung Jesu in der Wüste. Der Satan versucht den Gottessohn dazu zu bewegen, Seine Göttlichkeit auf widergöttliche Weise einzusetzen. Dabei verlangt er nichts, was auf den ersten Blick eindeutig als böse zu erkennen wäre; im Gegenteil, er hat scheinbar gute Argumente für das, was er Jesus nahe legt. Wenn man es kann, scheint es vernünftig, Steine in Brot zu verwandeln, statt zu hungern. Marketingtechnisch scheint es eine ausgezeichnete Idee, dass Jesus Seine Göttlichkeit durch einen spektakulären Stunt, einen Sprung vom Dach des Tempels, zweifelsfrei unter Beweis stellen soll. Und könnte Er Seine Botschaft vom Reich Gottes nicht viel effizienter in konkrete Realität umsetzen, wenn Er die Herrschaft über alle Königreiche der Erde besäße? - Besonders bemerkenswert ist es, dass Satan, um Jesus zu überzeugen, sogar aus den Heiligen Schriften des Aten Bundes zitiert. Das heißt, er beruft sich auf etwas an und für sich Wahres und Gutes, deformiert es durch seine Auslegung aber so, dass etwas Falsches und Böses dabei herauskommt. Dies ist die Methode des Teufels bis zum heutigen Tag: Er verquickt Wahrheit und Lüge bis zur Ununterscheidbarkeit miteinander - oder, wie es in einem Gleichnis Jesu (Mt 13,24-30) heißt: Er sät Unkraut unter den Weizen, das sich nicht ausreißen lässt, ohne dass dabei auch viel guter Weizen vernichtet würde.


Hinsichtlich der nun wohl fälligen Frage, was das alles mit Michael Schmidt-Salomon (oder auch Richard Dawkins) zu tun haben soll, möchte ich nur exemplarisch auf ein Zitat verweisen, dass ich, wie das Leben so spielt, just heute beim Bloggerkollegen Cicero gefunden habe: Es handelt sich um eine Stellungnahme des Bundestagsabgeordneten Hubert Hüppe zum in Kürze anstehenden Marsch für das Leben. Hüppe weist darauf hin, dass zu den Initiatoren des "Bündnisses gegen den Marsch für das Leben" - eines Bündnisses, das den Einsatz für den Lebensschutz als antifeministisch, anti-emanzipatorisch und anti-wasnichtnochalles diffamiert und ein "Recht auf Abtreibung" fordert - an prominenter Stelle die von dem besagten Schmidt-Salomon gegründete Giordano Bruno Stiftung gehört, und führt aus:
"Die 'Giordano-Bruno-Stiftung' hatte 2011 ihren 'Ethik-Preis' an den australischen Tötungsphilosophen Peter Singer verliehen, der für die Tötung behinderter Neugeborener, Komapatienten und anderer schwer hirngeschädigter Menschen plädiert und einem ausgewachsenen Schwein mehr Lebensrecht zubilligt als einem behinderten Baby. 2007 hatte die 'Giordano-Bruno-Stiftung' dem Briten Richard Dawkins einen Preis verliehen – demselben Richard Dawkins, der vor wenigen Tagen weltweites Entsetzen auslöste mit seiner Erklärung, dass es aus seiner Sicht unmoralisch sei, ein Kind mit Down-Syndrom nicht abzutreiben."
"Solches Gedankengut", meint Hüppe, könne man "nur als monströs" bezeichnen. Man könnte aber auch sagen: teuflisch.

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