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Dienstag, 17. November 2020

Ernsthafte Frage an Experten für die Verteidigung gegen die Dunklen Künste

Der Advent steht vor der Tür, und aus diesem Grund habe ich unlängst begonnen, mich auf YouTube nach geeigneter Musik für eine adventliche Gestaltung der Lobpreisandachten umzuschauen, die meine Liebste und ich allwöchentlich in unserer Pfarrkirche abhalten. Im Zuge dessen bin ich auf eine eindrucksvolle Version des traditionellen Adventslieds "Maria durch ein Dornwald ging" gestoßen: gesungen von einem klassischen Tenor, aber unterlegt mit trippigen Beats, sphärischen Synthesizer-Klängen und sonstigen elektronischen Soundeffekten. Auch wenn ich in meinem privaten Musikgeschmack tendenziell eher "Team Stromgitarre" bin, war ich spontan begeistert und dachte: Krass, genau so etwas habe ich gesucht seit dem "Diva Dance" aus dem Film "Das fünfte Element" und "Prince Igor" von The Rapsody feat. Warren G. & Sissel Kyrkjebø. Also seit 1997. 

Okay. Wo ist der Haken? Nun ja: Dieses interessante Fundstück veranlasste mich, mal nachzusehen, was die Urheber dieser "Maria durch ein Dornwald ging"-Version denn sonst noch so zu bieten hätten; und das Ergebnis dieser Recherche war eher... irritierend. Der Gesangspart stammt, wie schon gesagt, von einem klassischen Tenor, Daniel Sans; für das Arrangement zeichnet hingegen ein Ein-Mann-Projekt namens Apoptose verantwortlich. Das mag ein cleveres Wortspiel sein, da die Silbe "Pop" drin vorkommt, aber zunächst einmal ist Apoptose ein biologischer Fachterminus für ein Phänomen, das man als "programmierten Zelltod" beschreiben kann. Das klingt ja nun einigermaßen finster. Seinen Musikstil bezeichnet Apoptose als "Dark Ambient"; ich hätte TripHop dazu gesagt, aber das ist wohl, ähnlich wie seinerzeit "Neue Deutsche Welle", ein Label, das im Wesentlichen von Musikjournalisten geprägt bzw. in Umlauf gebracht wurde und von den so etikettierten Interpreten eher abgelehnt wird. Na, sei's drum. Zu den Veröffentlichungen von Apoptose zählen Alben mit Titeln wie "Blutopfer", "Schattenmädchen" und "Bannwald"; Letzteres ist offenbar ein Konzeptalbum, das auf einer angeblich wahren Geschichte basiert: Drei Mädchen verlaufen sich im Wald und bleiben unauffindbar; "Jahrzehnte später tauchen drei mysteriöse Frauen in der Gegend auf, und die Einheimischen erinnern sich an das Verschwinden der Mädchen vor langer Zeit". Rezensenten sahen Parallelen zum pseudo-dokumentarischen Horrorfilm "The Blair Witch Project". Zudem ist auf dem Album "Bannwald" mit "May the Circle be open" ein Lied enthalten, das "unter Wicca-Anhängern sehr bekannt" ist und "mittlerweile wohl weltweit auf Hexenzusammenkünften gesungen" wird. Ich sag mal: Hm. Auch sonst scheint es, dass Apoptose sein Nischenpublikum zu einem nicht unwesentlichen Teil in esoterisch-neopaganen Zirkeln findet. Wie passt da ein Marienlied ins Bild? Man ahnt es fast: Im Begleittext zur Apoptose-Version von "Maria durch ein Dornwald ging" auf YouTube und auf dem Musikportal Bandcamp heißt es, "the words and the solemn melody evoke images of a goddess who cares for the eternal cycle of growth and decay" ("die Worte und die feierliche Melodie evozieren Bilder einer Göttin, die über den ewigen Kreislauf von Wachstum und Zerfall wacht"). Na sicher. 😒



Und nun bin ich mir unsicher, ob ich diese Version von "Maria durch ein Dornwald ging", so gut sie mir auch gefällt, guten Gewissens für eine Andacht in einer Kirche verwenden kann. -- Okay: Ich kenne - unter anderem, weil ich jahrelang im Berliner Gruselkabinett gearbeitet habe - einige auf dem Kunst- und Unterhaltungssektor tätige Leute, die sich auf Horror-Ästhetik spezialisiert haben, und habe auch darüber hinaus Freunde und Bekannte, die ein ausgeprägtes Faible für Makabres, Morbides und Mysteriöses haben, ohne deswegen Satanisten oder etwas Ähnliches zu sein. Und wie manche Leser sich erinnern werden, habe ich keinerlei Scheu an den Tag gelegt, mich mit Hexe Minerva und ihren Fans anzulegen, da ich den von dieser Dame kommerziell betriebenen neuheidnisch-naturmagischen Schnickschnack eher albern finde, als dass ich ihn für irgendwie bedrohlich hielte. Aber das Eine wie das Andere bedeutet ganz entschieden nicht, dass es nicht dennoch echte dämonische Mächte gäbe, mit denen ganz entschieden nicht zu spaßen ist. (Wer "an sowas nicht glaubt", der darf mich gerne auslachen -- und wird bis zum Ende des Artikels noch reichlich Gelegenheit dazu bekommen.) 

Womit haben wir es also hier zu tun? Hat sich der Künstler, der sich hinter dem Projektnamen Apoptose verbirgt, lediglich aus ästhetischer Faszination und/oder aus kommerziellen Erwägungen ein Image zugelegt, das mit Anmutungen von Hexerei und Schwarzer Magie spielt, handelt es sich um einen vielleicht etwas versponnenen, im Grunde aber harmlosen Möchtegern-Okkultisten, oder womöglich doch um jemanden, der seine Seele dem Bösen verschrieben hat? 

Natürlich drängt sich hier die Frage auf, ob es einem ernstzunehmenden Okkultisten zuzutrauen wäre, ausgerechnet ein Marienlied zu veröffentlichen. Und ob die gewissermaßen nach Rechtfertigung klingende Behauptung, das Lied enthalte heidnische Untertöne, nicht eher Hexe-Minerva-Niveau hat. Ich meine, klar: Neuheiden glauben so etwas. Das moderne Neuheidentum baut praktisch zur Gänze auf der Vorstellung auf, christliches Brauchtum sei in Wirklichkeit uraltes heidnisches Brauchtum, das im Laufe des Mittelalters lediglich oberflächlich christlich übertüncht worden sei. Im vorliegenden Fall können sie da einer bestimmten Sorte evangelikaler Fundis die Hand reichen, die ebenfalls meinen, Marienverehrung sei in Wirklichkeit heidnischer Götzendienst. Aber muss man sich als Katholik von so etwas beeindrucken lassen? 

Ich würde sagen: Nee. Dass sich in irgendwelchen Kellerlöchern blass geschminkte Darkwave-Gothic-Neuheiden traditionelle Marienlieder anhören, weil sie meinen, es handle sich um Hymnen an die Große Mutter, sehe ich nicht als Problem -- das finde ich eher witzig. Weit mehr beschäftigt mich die Frage, ob Apoptose-Rüdiger (ja, er heißt wirklich Rüdiger) womöglich unterhalb der Hörgrenze irgendwelche satanistischen Beschwörungsformeln oder Ähnliches in sein Arrangement von "Maria durch ein Dornwald ging" hineingemixt hat. Ja, lach ruhig, Leser; ich mein's ernst

Aber andererseits: Ist Maria nicht der Schrecken der Dämonen? Ist sie es nicht, die der höllischen Schlange den Kopf zertritt? Nicht ohne Grund finden sich ja die Marianischen Antiphonen im neuen Gotteslob unter der ominösen Nummer 666. Sollte man da nicht annehmen, dass der Versuch, ausgerechnet ein Marienlied für dämonische Zwecke zu missbrauchen - wenn denn jemand einen solchen Versuch unternähme - von vornherein zum Scheitern verurteilt sein müsste? 

Ich weiß es wirklich nicht, Leser. Vielleicht hat ja jemand einen guten Rat für mich. Natürlich könnte ich einfach eine schön schlichte a-cappella-Version von "Maria durch ein Dornwald ging" verwenden, aber das wäre dann ja doch irgendwie langweilig. -- Bis zum Dienstag der zweiten Adventswoche will ich jedenfalls eine Entscheidung getroffen haben, denn da fällt unser wöchentlicher Lobpreis-Termin just auf das Hochfest Mariä Empfängnis. 

P.S.: Ich hatte diesen Artikel schon größtenteils zu Ende geschrieben, da stellte ich fest, dass es auf YouTube auch eine "Maria durch ein Dornwald ging"-Version von der Darkwave/Pop-Gruppe Chandeen gibt; im direkten Vergleich mit der Apoptose-Version klingt diese allerdings deutlich weniger spektakulär und ist davon abgesehen auch darum keine überzeugende Alternative, weil die Gruppe Chandeen offenbar ebenfalls einen esoterischen oder okkultistischen Hintergrund hat. -- Und die Version von Helene Fischer höre ich mir vorsichtshalber gar nicht erst an! 


Kommentare:

  1. Um beurteilen zu können, habe ich mir diese Interpretation von "Maria durch ein Dornwald ging" angehört. Hmm. Ich finde sie nicht schlecht, irgendwie eindrucksvoll - aber bei weitem nicht so gut wie die A-Capella-Version von Voces8. Voilà: https://www.youtube.com/watch?v=JRXhY5px9Hs
    Deine Bedenken bezüglich dieses Eso-Mutterkult-Blablas kann ich voll und ganz nachvollziehen.
    Übrigens, die Helene-Fischer-Version habe ich letztes Jahr mal angehört, einfach aus Neugier, und nach wenigen Sekunden weggeklickt. Sie ist schauderhaft, und es ist gut, daß Du davor zurückgescheut bist.

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  2. "Natürlich könnte ich einfach eine schön schlichte a-cappella-Version von "Maria durch ein Dornwald ging" verwenden, aber das wäre dann ja doch irgendwie langweilig."

    Was bedeutet in dem Zusammenhang langweilig? Ich kenn das Lied nur a-cappella (haben das in der Familie in der Kindheit öfter gesungen) ich hab so einige Gefühle dabei gehabt, Langeweile allerdings nicht.

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  3. Im Zweifel empfehle ich, Abstand von dem Abspielen dieser an sich durchaus gelungenen Version des Liedes im Rahmen einer kirchlichen Andacht zu nehmen.

    Woanders, z.B. im privaten Kreis, kann man sich's ja gerne anhören.

    Mir kommen da allerhand wertvolle Assoziationen zu der in dem Stück vorhandenen Spannung zwischen dem fromm gesungenen Liedtext und den instrumentalen Klängen:

    Das geht hin bis zum unerlösten "Großstadtdornwald" Berlin, in dem auch still und fromm Maria mit dem noch ungeborenen Christus hindurch schreiten und an manchem bis dahin trockenen Dornstrauch Rosenblüten zum Erblühen hervorbringen - ein Stück vorweggenommene Erlösung.

    Das allerdings fehlt mir in der Instrumentalmusik des betr. Stückes.

    Ich würde für eine Andacht doch auch lieber die von Claudia Sperlich mitgeteilte A Capella-Version von 8voces nehmen, denn sie ist sehr still und vor allem fromm und daher passend.

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