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Montag, 12. August 2019

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (19. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Am vergangenen Montag war ich vor allem damit beschäftigt, sämtliche Bücher durchzulesen, mit denen ich in der Woche zuvor nicht ganz fertig geworden war; dazu weiter unten mehr. Die Gründungsversammlung des Vereins "Freunde der katholischen Kirche Herz Jesu Tegel" am Abend verlief - erwartungsgemäß, würde ich mal sagen - chaotisch, aber immerhin insofern erfolgreich, als ein Beschluss zur Vereinsgründung gefasst, eine Satzung (nach diversen Änderungen) verabschiedet und ein Vorstand gewählt wurde. Für den Vorsitz schlug ich meine Liebste vor, und dieser Vorschlag wurde einstimmig (!) angenommen; für mich selbst fiel hingegen kein Vorstandsposten ab, aber darüber bin ich im Grunde nicht unglücklich. -- Am Mittwoch kam Kollegin Claudia vorbei und widmete sich einige Stunden lang dem Sichten und Sortieren des Bücherbestandes unseres Büchereiprojekts; am Abend hatten wir wieder mal "Dinner mit Gott", die Beteiligung ließ - rein quantitativ - etwas zu wünschen übrig, aber schön war's trotzdem. Den Rest der Woche war ich hauptsächlich mit Lesen (s.u.) und mit meinem Kind beschäftigt, und zwischendurch trafen per Mail und Messenger-App allerlei Kontaktanfragen in Sachen #BenOp-"community building", Einladungen zu Vorträgen u.ä. ein -- ich bin noch gar nicht dazu gekommen, alle zu beantworten. Ach ja, und am Donnerstag saß ich in der S-Bahn einer Frau gegenüber, die in der Taschenbuch-Ausgabe der "Benedikt-Option" las; mit dieser Dame musste ich natürlich ein Gespräch anfangen und verpasste dadurch meine Ausstiegshaltestelle. 


Was ansteht: Feste Termine gibt es, soweit ich sehe, in dieser Woche nicht viele; irgendwann in der ersten Wochenhälfte werde ich allerdings einen Radiokommentar schreiben und aufnehmen müssen, der dann am Samstag im Wochenmagazin auf Radio Horeb gesendet werden soll. Am Donnerstag ist Mariae Himmelfahrt, und am Abend findet in St. Rita eine Informationsveranstaltung zum Thema Erstkommunionvorbereitung statt. Ich habe erwogen, dort mit Frau und Kind hinzugehen, obwohl unsere Tochter ja noch längst nicht im relevanten Alter ist; einfach nur, um sich mal anzuhören, was da so erzählt wird, andere Eltern kennenzulernen und gegebenenfalls etwas Unruhe und Irritation zu verbreiten. Andererseits könnte man es auch einfach lassen und stattdessen friedlich zur Abendmesse in St. Josef gehen; zur Frühmesse in Herz Jesu könnte meine Liebste nämlich nicht mit, da sie arbeiten muss. Und am Samstag ist mal wieder Krabbelbrunch. Meine Liebste hat neue Flyer gestaltet, und wir haben in den letzten Tagen schon einige davon unter die Leute gebracht. Mal sehen, wie sich das auswirkt. 

aktuelle Lektüre: Wie oben bereits erwähnt, habe ich die fünf Bücher, die zuletzt auf meinem Lektüreplan standen, sämtlich durchgelesen; nunmehr möchte ich ihre Besprechung mit einem bezeichnenden Zitat aus jedem dieser Bücher abschließen. 

"Jesus, wie wir ihn aus den Evangelien kennen, hat mich [...] stets beeindruckt. Im Gegensatz zu unseren Aktivisten rekrutierte er zunächst seine Anhänger und lehrte sie erst anschließend, so als ob er das Reich bereits erobert hätte. In der subversiven Kriegführung haben unsere besten Spezialisten noch nie eine solche Virtuosität entwickelt. Jesus sammelt seine Jünger um sich, ohne sie gegen einen Unterdrücker oder einen Feind aufzuwiegeln oder in ihnen Gier auf irgendeinen Lohn zu erwecken; er verlangte nur ihre totale, uneingeschränkte Zustimmung. Er argumentierte ganz anders als die Kirche, deren Taktik gelegentlich an die Mätzchen von Versicherungsgesellschaften erinnert. Jesus verlangte alles, und zwar sofort." (S  103)
"Die Jungmolche waren offenbar für den Fortschritt ohne Vorbehalte und Einschränkungen, und verkündeten, daß auch unter dem Meere die gesamte Bildung des Festlandes mit allem Drum und Dran, Fußball, Flirt, Faschismus und sexuelle Inversion nicht ausgenommen, nachgeholt werden müßte; die Altmolche dagegen schienen konservativ an dem natürlichen Molchtum zu hängen und wollten die alten guten tierischen Gewohnheiten und Instinkte nicht aufgeben; zweifelsohne verurteilten sie die fieberhafte Sucht nach Neuheiten und sahen darin eine Erscheinung des Niedergangs und den Verrät an den ererbten Molchidealen" (S. 208).
"'Glaubst du denn wirklich an Gott?' -- 'Ja', sage ich [...], 'ich glaube, es hilft, an ihn zu glauben.'" (S. 150)
"Es ist schon komisch [...], wie übersättigt dein Geist von der Religion ist, an die du nicht zu glauben behauptest." (S. 275)
"Ich bin Watchman Nee. Das ist eine für mich verläßliche Tatsache. Natürlich kann ich mein Gedächtnis verlieren oder träumen, ich sei jemand anders. Aber ob ich es fühle oder nicht, ob ich wache oder schlafe, ob ich mir bewußt bin oder es vergesse, ich bin immer Watchman Nee." (S. 46)
Zum "Verräter" muss ich übrigens noch anmerken, dass der Autor dem Leser ganz kurz vor Schluss nochmals eine überraschende Wendung auftischt -- eine, die mich eher irritiert hat; irgendwie gefällt mir das Buch besser, wenn ich mir vorstelle, der Inhalt der letzten Seiten sei lediglich eine Halluzination des Protagonisten, eine Art "Letzte Versuchung" im Sinne Nikos Kazantzakis' etwa. So oder so ein bemerkenswertes Buch, das sich den Büchereistempel redlich verdient hat, ebenso wie "Der Krieg mit den Molchen". Hingegen sind "Der Pater" und "Das normale Christenleben" eindeutig Giftschrankmaterial, aber ich werde sie vorläufig wohl noch behalten. "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann" behalte ich auf jeden Fall, aber "privat". In die Bücherei kommt es mir, wie schon letzte Woche begründet, nicht.

Nun aber zu meinen aktuellen, also in der vergangenen Woche begonnenen Lektüreprojekten:
  • Joseph Roth: Der Leviathan / Stationschef Fallmerayer 
Hier haben wir es mit einem Sonderfall zu tun: Von einer meiner jüngsten "Bücherrunden" habe ich ein Taschenbuch mit Novellen von Joseph Roth mitgebracht, mit dem Titel "Das falsche Gewicht". Dann fiel mir auf, dass es in den noch nicht ins Regal einsortierten Bücherspenden ein Buch mit demselben Titel gibt, aber es handelt sich um eine andere Ausgabe: Das frisch erbeutete Buch enthält neben dem titelgebenden Kurzroman "Das falsche Gewicht" und der ebenfalls in beiden Ausgaben enthaltenen "Legende vom heiligen Trinker" noch drei weitere Novellen - "Stationschef Fallmerayer", "Triumph der Schönheit" und "Die Büste des Kaisers" -, das schon länger unbeachtet im Karton gelegen habende hingegen nur noch eine andere, "Der Leviathan". Habe daher beschlossen, zunächst einmal diejenigen Erzählungen zu lesen, die nur in jeweils einem der beiden Bücher enthalten sind. Als erstes "Der Leviathan"; die gefiel mir so gut, dass ich fand, sie hänge die Messlatte für die anderen drei Texte sehr hoch. Dann las ich "Stationschef Fallmerayer" und stellte fest, dass die beiden Geschichten einige Parallelen aufweisen: In beiden geht es um einen vermeintlich "einfachen Mann", in dessen Herzen eine tiefe Sehnsucht nach etwas Großem schlummert und der schließlich seine solide, eintönige Existenz, einschließlich einer unbefriedigenden Ehe, aufgibt, um dem Objekt seiner Sehnsucht nachzujagen, und dabei zugrunde geht -- wobei dieses Zugrundegehen irgendwie doch als eine Art von Erfüllung erscheint. -- Ganz allgemein finde ich Joseph Roths Prosastil ausgesprochen ansprechend; im direkten Vergleich der beiden Texte liegt "Der Leviathan" weiterhin vorn, "Triumph der Schönheit" und "Die Büste des Kaisers" knöpfe ich mir dann demnächst vor.
Ehe jemand fragt: Ja, auch das habe ich aus einer Büchertelefonzelle. Natürlich war es praktisch nicht zu verkennen, dass es sich um ein Trivialfabrikat im Fahrwasser von Donna W. Cross' "Die Päpstin" handelt; es steht sogar hinten auf dem Buch drauf, in Form eines Zitats aus einer Buchkritik aus dem "Hamburger Abendblatt": "Wer den Roman 'Die Päpstin' von Donna Cross mochte, wird 'Die Herrin der Päpste' verschlingen!" In einer Leserrezension auf dem Portal lovelybooks.de heißt es: "Einer der besten hist. Romane, vergleichbar mit der Päpstin v. Cross". Nun denn. Zwar habe ich "Die Päpstin" nicht gelesen, verweise aber hilfsweise auf die mehrteilige Rezension von Bloggerkollegin Crescentia. Von diesem Roman habe ich schon mehrere Exemplare aus den Bücherspenden für unser Büchereiprojekt aussortieren müssen, und ich gehe davon aus, dass das auch in Zukunft noch mehrfach der Fall sein wird; diese Art von Büchern wächst nach.  Gegenüber dem Vorbild hat das Billig-Imitat von Eric Walz immerhin den Vorteil, auf einem echten historischen (und nicht bloß legendären) Stoff zu basieren: Die Titelfigur ist die römische Senatrix Marozia (auch wenn Walz sie beharrlich Marocia schreibt), die im frühen 10. Jahrhundert den Kirchenstaat und das Papsttum beherrschte. Okay, clevere Idee, einen historischen Stoff aus dem saeculum obscurum zu bearbeiten, wo die Quellenlage so dünn ist, dass überreichlich Leerstellen bleiben, die man mit seiner eigenen Phantasie ausfüllen kann. Sofern man welche hat, heißt das. Die Phantasie des Eric Walz erweist sich leider als dümmlich und primitiv. Das mag nach einem sehr harten Urteil klingen, aber wenn ich Passagen lese wie z.B.:
"In dieser Nacht schlief Marocia wie ein Stein. Sie hatte zwei eindeutige Angebote hinter sich, eines vom Geliebten ihrer Mutter, eines vom Papst, und das war viel für eine sechzehnjährige Frau, welche die Liebe bisher nur durch Schlüssellöcher beobachtet hatte" (S. 104)
-- dann stelle ich mir im Grunde nur zwei Fragen: Wie muss jemand drauf sein, um so etwas zu schreiben, und wie muss jemand drauf sein, um so etwas zu lesen und es gut zu finden?

Was Romane wie dieser allerdings immer wieder schlagend beweisen, ist, dass man mit einem "atheist mindset" schlichtweg unmöglich ist, das Mittelalter zu verstehen. Was ich mit "atheist mindset" meine, ist unabhängig davon, ob der Autor sich selbst als Atheist, als Agnostiker oder vielleicht als "säkularer Christ" (R. Habeck) versteht: Es ist eine Einstellung, der der Glaube an Gott so vollständig fremd ist, dass sie sich diesen auch bei anderen höchstens als eine abstrakte Idee, als ein gedankliches Konstrukt vorstellen kann, aber keinesfalls als gelebte Realität. Folglich gibt es im Italien des frühen 10. Jahrhunderts, wie Eric Walz es sich vorstellt, praktisch keine echten Christen. Die stadtrömische Oberschicht, aus der sich auch die Päpste rekrutieren, ist schlichtweg zu gebildet für einen so primitiven Glauben und pflegt ein bestenfalls formales Verhältnis zur Religion; anders ausgedrückt, diesen Leuten ist "Gott [...] gerade noch so viel wert, ihm eine Floskel zu widmen", wie es auf S. 148 explizit heißt. Marocia selbst wird eine "ironische Einstellung zu Gott" attestiert (S. 278), und die lateinische Weihnachtsliturgie bezeichnet sie als "verstaubte Formeln" (S. 156). Ernsthafter, unironischer Glaube scheint höchstens etwas  für "die Illiterates, die arbeitende ländliche Bevölkerung Italiens" zu sein, "der die Prälaten nicht mehr Verstand als einer Kuh zubilligten" (S. 185); gleichzeitig hält sich in dieser Bevölkerungsschicht aber auch hartnäckig ein heidnischer Aberglaube: So heißt es von den Einwohnern Spoletos, dass sie "den Neumond anriefen und ihm Mut zusprachen, damit er die Kraft fände, seinen vollen Glanz wiederzugewinnen" (S. 194). Letztendlich, so wird suggeriert, sind christlicher Glaube und volkstümlicher Aberglaube gleichwertig und austauschbar. Die (zumindest auf den ersten 330 Seiten, denn weiter bin ich noch nicht) einzige positiv dargestellte Romanfigur, die als gläubiger Christ beschrieben wird - Pater Bernard, "der in seiner schlichten braunen Kutte, den ledernen Sandalen und dem schmucklosen Holzkreuz um den Hals leicht als Geistlicher der alten Schule zu erkennen war" (S. 37) -, wird schließlich "vom Wahnsinn befallen", sodass "sogar anerkannte Ärzte" meinen, er sei "vom Teufel besessen" (S. 140).

Tatsächlich ist die Geschichte des Mittelalters voll von Menschen, die entschieden und sogar leidenschaftlich an Gott und an die Lehren der Kirche glaubten und dennoch zu schwersten Verbrechen, einschließlich Vergewaltigung, Gatten- oder Kindermord, fähig waren. Das hat nicht notwendigerweise etwas mit Heuchelei zu tun; vielfach waren die betreffenden Personen sich sehr wohl bewusst, dass sie schlimme Sünder waren. Einem relativistischen und emotivistischen Zeitgeist, der davon ausgeht, dass das Individuum sich die ethischen Maßstäbe seines Handelns selbst setzt, ist das gewiss schwer vermittelbar; aber wahrscheinlich beginnt das Missverständnis schon mit einer spätestens seit der Aufklärung grassierenden Tendenz zur Reduktion des Christentums auf seinen ethischen Gehalt -- einfacher ausgedrückt: Nicht mehr der Glaube, sondern der tugendhafte Lebenswandel wurde als Maßstab wahren Christseins angesehen. Mit einer solchen Vorstellung im Kopf kann man natürlich wie weiland Diogenes am helllichten Tage mit der Laterne auf dem Marktplatz herumgehen und im saeculum obscurum keinen echten Christen finden.

Kaum weniger fragwürdig erscheint es, dass Walz seiner Heldin eine große politische Vision andichtet: Ihr ganzes Streben ist darauf gerichtet, Italien von der Oberhoheit des Byzantinischen Reiches zu befreien; darum sucht sie die Annäherung an das Ostfränkische (also deutsche) Reich und wird so zur Wegbereiterin des Heiligen Römischen Reiches. Abgesehen davon, dass diese Darstellung den tatsächlichen historischen Fakten kaum gerecht wird, verrät sie auch ein Geschichtsverständnis, das aus der Zeit der "Achse Berlin-Rom" stammen könnte. Damit will ich Autor Eric Walz keine Neigung zum Faschismus unterstellen; ich glaube eher, er hat das Weltbild eines durchschnittlichen Spiegel-Lesers. Kurz und gut, das ist wieder mal ein Buch, bei dem einem das Papier leid tut, auf dem es gedruckt ist.

Ein 1970 bei Rowohlt erschienener schmaler Auswahlband (136 Seiten inklusive editorischem Anhang) von justizkritischen Texten Tucholskys aus den Jahren 1913-32, dazu ein Vorwort von Franz Josef Degenhardt, in dem dieser (damals) aktuelle Bezüge etwa zu den Prozessen gegen den Kommunarden Fritz Teufel oder den "umherschweifenden Haschrebellen" Kalle Pawla herstellt. Somit geradezu in zweifacher Hinsicht ein interessantes zeithistorisches Dokument; aber was halte ich inhaltlich davon? Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Für Tucholskys scharfe Zunge und scharfen Verstand habe ich durchaus ein Faible, auch bin ich geneigt, ihm und Degenhardt darin Recht zu geben, dass ein gewisser Korpsgeist und Standesdünkel in der Juristenzunft tatsächlich zu einer Art "Klassenjustiz" führt, auch heute noch. Ärgerlich ist indes Tucholskys dogmatischer Marxismus, der ihn veranlasst, alle, aber auch alle gesellschaftlichen Konfliktfelder durch die Brille des "Klassengegensatzes" zu betrachten. Zum Beispiel also auch Fragen der Sexualmoral. Man könnte denken, die wären für das Thema dieses Buches gar nicht so relevant, aber er kommt doch immer wieder zumindest nebenbei darauf zu sprechen; jeder hat wohl so seine Themen, von denen er schlechterdings nicht schweigen kann. Bekanntermaßen war Tucholsky - ebenfalls aufgrund seines "Klassenstandpunkts" - auch Abtreibungsbefürworter, und auch darüber schweigt er in diesem Bändchen nicht. Ich weiß noch nicht recht, was ich mit dem Buch machen soll. Vielleicht nehme ich es vorläufig in den Büchereibestand auf, aber ohne Stempel. Mal sehen. 

Ein Beutestück eines meiner jüngsten Büchertausch-Streifzüge und der wohl prototypische Industrieroman der DDR. Bekannt ist ja vor allem die Verfilmung, nicht zuletzt wohl deshalb, weil sie verboten wurde. Worum geht's? Irgendwo in der sachsen-anhaltinischen Pampa soll ein riesiger Chemiekomplex hochgezogen werden, aber das Bauvorhaben krankt an sämtlichen Übeln der Planwirtschaft: Das Baumaterial ist nicht in ausreichender Menge zur rechten Zeit am rechten Ort, Entwürfe erweisen sich als fehlerhaft, Termin- und Budgetierungspläne hauen vorn und hinten nicht hin, die großen und teuren Baumaschinen können nicht effizient ausgelastet werden. Ein bisschen wie beim Flughafen BER also. Der Verfasser lässt zwar keinen Zweifel daran, dass er - ebenso wie die positiven Identifikationsfiguren unter seinen Romancharakteren - das Anliegen, den Sozialismus aufzubauen, voll und ganz unterstützt, aber er sieht eben auch die Probleme und ist in deren Darstellung so ehrlich, dass es aus propagandistischer Sicht unbequem wird. Bemerkenswert ist dabei natürlich, dass die Verfilmung verboten wurde, das Buch selbst jedoch nicht. Sicherlich gab es dafür verschiedene Gründe, aber zumindest einen kann ich mir gut vorstellen: Im Buch ist der junge, idealistische Parteisekretär als zentraler Sympathieträger angelegt; im Film hingegen wird der anarchische, aufmüpfige Zimmerer-Brigardier, der, wenn seine Brigade nichts zu arbeiten hat, schon mal Material klaut, das für einen anderen Bauabschnitt vorgesehen war, von none other than Manne Krug verkörpert, und dadurch gerät die sorgsam ausbalancierte Sympathielenkung in eine aus Sicht des Regimes problematische Schieflage.

Übrigens finde ich das Buch nicht zuletzt deshalb so interessant, weil mir zuweilen scheint, in ihrer Eigenschaft als bürokratische Institution habe die Kirche eine gewisse Ähnlichkeit mit der DDR.

Wer von Plass nur das "Tagebuch eines frommen Chaoten" kennt, dürfte überrascht sein: Zwar schimmert der Humor des Autors auch in diesem Buch - das ich aus der von meinem Bruder zusammengestellten Bücherkiste habe - immer wieder durch, aber im Ganzen ist es kein lustiges Buch. Es handelt sich um die Biographie eines anglikanischen Priesters namens Philip Ilott, der zwar, wie Plass in seinem Vorwort schreibt, an und für sich keine besonders prominente Persönlichkeit ist oder war, aber nach Meinung des Autors ein eindrucksvolles Beispiel dafür abgibt, wie die Liebe Gottes das Leben eines Menschen verwandeln kann. Ich habe das Buch zu gut einem Viertel durch und bin äußerst angetan -- so sehr, dass ich ihm am liebsten sofort einen Büchereistempel geben würde. Dagegen spräche allenfalls, dass es fremdsprachig ist und man angesichts des begrenzten Platzes in den Regalen vielleicht erwägen sollte, deutschsprachigen Büchern den Vorrang zu geben. 


Linktipps: 

Diesem Thema wollte ich mich eigentlich schon letzte Woche widmen, aber dann kam mir Magnus Striet mit seinen Thesen zur Neuevangelisation dazwischen. Dann also jetzt: Der evangelikale Buchautor  und Megachurch-Pastor Joshua Harris hat via Instagram (!) bekannt gegeben, dass er sich nach 21 Jahren Ehe von seiner Frau trennt. Wenige Tage später folgte die Mitteilung, er betrachte sich nicht länger als Christ. Ich gestehe, dass ich zuvor noch nie etwas von Joshua Harris gehört hatte; wieso also interessiert mich dieser Fall jetzt? Die simple Antwort lautet: Weil es eben ein Fall ist. Ein "fall from grace", wie der Angloamerikaner sagt. Harris war bekannt als entschiedener "Kein Sex vor der Ehe"-Verfechter, sein Buch "I Kissed Dating Goodbye" von 1997 (auf Deutsch ein Jahr später unter dem etwas zwanghaft witzigen Titel "Ungeküsst und doch kein Frosch" erschienen) war in evangelikalen Kreisen geradezu ein Standardwerk der Jugendpastoral in Sachen Sex. Kein Wunder, dass die Apologeten der sexuellen Revolution, von erklärten Atheisten bis hin zu "liberalen Christen", über Harris' "Bekehrung" jubeln. Freund Rod merkt auf seinem Blog zweierlei dazu an: nämlich einerseits, dass eine rein negative Sexualmoral - ein bloßes "Du sollst nicht" - keine adäquate christliche Antwort auf die Herausforderungen der sexuellen Revolution ist; und andererseits, dass der Umstand, dass Harris nun gleich ganz mit dem christlichen Glauben gebrochen hat, auf die Unvereinbarkeit von christlichem Bekenntnis und sexueller Libertinage verweist. Insofern, meint Rod, habe er vor Joshua Harris entschieden mehr Respekt als vor gewissen "progressiven" Theologen, die die christliche Lehre so lange verbiegen, bis sie einem ungezügelten Ausleben individueller sexueller Begierden keine Schranken mehr setzt.

National Review-Kolumnist David French kommt in seiner Bewertung des Falles Joshua Harris zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie Rod, allerdings ist sein Schwerpunkt ein anderer -- was nicht zuletzt daran liegt, dass French just zu der Zeit, als Harris' oben erwähntes Buch auf dem Höhepunkt seines Erfolges war, als Aushilfs-Jugendseelsorger in einer kleinen Gemeinde in Kentucky war und so aus erster Hand miterlebte, was Harris'  Vorstellungen von "sexueller Reinheit" bei den Jugendlichen anrichteten. Der entscheidende Fehler jenes typisch evangelikalen Konzepts von "Reinheit", für das Joshua Harris' berühmtes Buch prototypisch ist und das man außer auf Sex beispielsweise auch auf Alkohol und Drogen beziehen kann, besteht laut French in der Fixierung auf Sünde als Befleckung -- eine Befleckung, die nie mehr gänzlich getilgt werden könne, was in eklatantem Widerspruch zur zentralen christlichen Lehre von der Vergebung der Sünden steht. In der Praxis führen solche Anschauungen nicht selten dazu, dass der, der einmal gegen das beschworene "Reinheits"-Ideal verstoßen hat, direkt und ungebremst ins andere Extrem fällt, da er denkt, nun sei ja sowieso schon alles egal. Man könnte den Eindruck haben, Joshua Harris selbst sei hierfür ein gutes Fallbeispiel. 


Heilige der Woche: 

Heute, Montag, 12. August: Hl. Johanna Franziska von Chantal (1572-1641), Ordensgründerin. Wenn das Klischee stimmt, ist sie die Namenspatronin zahlreicher Kinder aus dem Prekariat; zu Lebzeiten hingegen war die früh verwitwete sechsfache Mutter bedeutend als geistliche Gefährtin des Hl. Franz von Sales, mit dem sie in regem Briefverkehr stand, den Orden der Schwestern von der Heimsuchung Mariens mitbegründete und dessen Nachlass sie herausgab. 

Dienstag, 13. August: Hll. Pontianus und Hippolyt, Märtyrer. Dieser gemeinsame Gedenktag für zwei Männer, die zu Lebzeiten zumindest zeitweilig in gegnerischen "kirchenpolitischen Lagern" standen, ist, wie ich finde, ein schönes Zeichen dafür, dass "Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreiben kann". Hippolyt war ein Schüler des Kirchenvaters Irenäus von Lyon und auch selbst ein bedeutender Kirchenschriftsteller; als profilierter Kritiker des Papstes Calixt I., dem er eine allzu unentschiedene Haltung gegenüber Irrlehren und vor allem einen zu laxen Umgang mit Todsündern vorwarf, wurde er ca. 217 zum ersten Gegenpapst der Kirchengeschichte erhoben und behielt diese Position auch unter Calixts Nachfolgern Urban I. (222-230) und eben Pontianus (ab 230) bei. Im Jahr 235 beendete der neue römische Kaiser Maximinus Thrax dieses Schisma, indem er sowohl Pontianus als auch Hippolyt zur Deportation nach Sardinien und zur Zwangsarbeit in einem Bergwerk verurteilte. Der infolge dieses Verbannungsurteilsam 28. September 235 erfolgte Rücktritt des Pontianus von seinem Amt  gilt übrigens als das früheste exakt datierbare Ereignis in der Geschichte des Papsttums. In der gemeinsamen Verbannung sollen Pontianus und Hippolyt sich miteinander ausgesöhnt und infolge der Strapazen der Zwangsarbeit den Tod gefunden haben, weshalb beide als Märtyrer verehrt werden. 

Mittwoch, 14. August: Hl. Maximilian Kolbe (1894-1941), Ordenspriester und Märtyrer. Am bekanntesten dürfte der Franziskanerpater Kolbe für sein Martyrium im Konzentrationslager Auschwitz sein: Als einige willkürlich ausgewählte Gefangene in den Hungerbunker gesperrt werden sollten, meldete sich Kolbe anstelle eines jungen Familienvaters freiwillig; nachdem er 14 Tage im Hungerbunker überlebt und seine Mitgefangenen seelsorgerisch betreut hatte, wurde er mittels einer Giftspritze ermordet. Näheres über sein früheres Leben erfuhr ich erst durch eine Ausstellung in Lourdes, die ich im Sommer 2017 in Lourdes besuchte: Nachdem Kolbe eine Vision der Allerseligsten Jungfrau Maria gehabt hatte, trat er im Alter von 16 Jahren in den Orden der Franziskaner-Konventualen ein und wurde 1918 in Rom zum Priester geweiht; mit der von ihm 1917 gegründeten Vereinigung "Militia Immaculatae" widmete er sich besonders der Jugend- und Pressearbeit, gab eine Monatszeitschrift heraus, ging von 1930-36 als Missionar nach Japan und baute nach seiner Rückkehr die 1927 von ihm gegründete Ordensniederlassung Niepokalanów bei Warschau zu einer regelrechten kleinen Stadt mit Bahnhof, Flugplatz und Radiostation aus. Wenn der Mann kein Vorbild für die #BenOp ist, dann weiß ich auch nicht! Nach Auschwitz kam Kolbe übrigens unter anderem deshalb, weil er in Niepokalanów mehreren tausend Juden und anderen vom NS-Regime Verfolgten Zuflucht gewährt hatte. Heiliger Maximilian Kolbe, bitte für uns! 

Freitag, 16. August: Hl. Stephan (István) I. (969-1038), König, Staatsgründer und Nationalheiliger Ungarns. Wurde 985 von Hl. Adalbert von Prag getauft, erhielt im Jahr 1000 mit Unterstützung Kaiser Ottos III. von Papst Silvester II. den Königstitel. Trieb die Christianisierung seines Landes voran und wird darum als "apostelgleicher Heiliger" verehrt. 


Aus dem Stundenbuch: 

Am Ende der Tage wird es geschehen: † Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; * er überragt alle Hügel. (Jesaja 2,2)



Kommentare:

  1. Wie bereits im Post vom 1. August 2018 kommentiert: Die Benedikt-Option wirkt manchmal anders als vermutet... Der Heilige Maximilian Kolbe macht´s möglich!
    Im Wochen-Briefing wird übrigens auf Kontaktanfragen in Sachen BenOp-Community-Building per Mail hingewiesen. Wahrscheinlich habe ich sie übersehen - aber, wo könnte ich denn eine Mail-Anschrift zwecks Vernetzung finden?

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  2. Zum christlichen Büchereiprojekt:
    Gerne erinnere ich mich an die zahlreichen Karl May Bände in unserer Pfarrbücherei, die ich mir noch als Jugendlicher gerne auslieh, weil es sich um eher seltenere Bücher handelte, die nicht als preiswerte Taschenbuch-Ausgabe damals erschienen waren.
    Neben der spannenden Action in den Büchern faszinierten mich aber bereits damals u.a. die zahlreichen apologetischen Dispute über das Christentum im Vergleich zu andereren Weltanschauungen; besonders den Islam, über den ich durch die Lektüre dieser Bücher viel gelernt und erfahren habe. Aber auch über Auseinandersetzungen mit Atheisten.

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  3. Bzgl. Walz' Roman: Das ist mir auch bei vielen neueren historischen Romanen und insbesondere bei fast jeglicher Fantasyliteratur, die (erfundene) Religionen verwendet, aufgefallen. Die Autoren sind nicht in der Lage zu verstehen, dass jemand wirklich religiös sein kann und noch weniger, dass eine ganze Kultur und ein Zeitalter hingebungsvoll religiös sein konnte.

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