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Dienstag, 12. September 2017

Stell dir vor, es gibt keinen Himmel

Dass die Kirche in unseren Breiten, neben anderen Problemen, nicht zuletzt an einem eklatant mangelnden Glaubenswissen ihrer Mitglieder krankt, ist an und für sich keine besonders neue oder originelle Erkenntnis. Wenn man, sei es in Sozialen Netzwerken oder im "realen Leben", gern auch mal mit Leuten von außerhalb des eigenen engsten Freundes- und Bekanntenkreises diskutiert, kann man häufig die Erfahrung machen, dass Menschen, die sich selbst sehr überzeugt und ernsthaft als Christen betrachten, zuweilen sehr schwammige oder verzerrte Vorstellungen davon haben, was ihre eigene Konfession eigentlich tatsächlich lehrt. Nicht selten geht das so weit, dass ein Bekenntnis zu bestimmten eher unpopulären Aspekten der kirchlichen Lehre als "unchristlich" zurückgewiesen wird. Wieso? Weil Dogmen diskriminieren, und wir sollen uns doch alle lieb haben, und Gott hat uns schließlich so geschaffen, wie wir sind, und deshalb sind wir gut so, wie wir sind. 

In solchen Vorstellungen geht zumeist manches Richtige mit allerlei Falschem munter durcheinander, und das mal auseinanderzudröseln, zu sortieren und Begriffe zu klären (z.B.: was heißt eigentlich "Nächstenliebe"?), wäre eigentlich eine interessante und verdienstvolle Aufgabe für die kirchliche Medienarbeit. Gerade in den Sozialen Netzwerken. Erfreulicherweise gibt es da durchaus immer mal wieder gelungene Beispiele für die Vermittlung von Glaubenswissen, aber problematisch wird's, wenn in den betreffenden Redaktionen Leute sitzen, die selbst nur ein vages und eher emotional-assoziatives Verständnis vom christlichen Glauben haben. 

(Bildquelle: Pixabay.) 
Man sehe es mir bitte nach, dass ich schon wieder die Facebook-Seite des Bistums Münster als Beispiel heranziehe. Aber was soll ich machen, die ist nun mal unheimlich illustrativ für das hier beschriebene Problem. Neulich brachte diese Seite - aus Anlass des Internationalen Friedenstreffens der Gemeinschaft Sant' Egidio in Münster und Osnabrück - einen Beitrag mit mehr oder weniger ungelenk übersetzten Auszügen aus dem Text von John Lennons Imagine. Weil, Frieden und so. 

Nun ist mir schon öfter aufgefallen, dass diese pompös-schnulzige Klavierballade bei Menschen, die auf eine undogmatische, gefühlsbetonte Weise "irgendwie religiös" sind, eine Saite zum Schwingen bringt. Es wäre vielleicht ganz interessant, das mal empirisch zu untersuchen. Auffallend ist dieser Umstand aber vor allem deshalb, weil der Liedtext explizit und offensichtlich antireligiös ist. "Stell dir vor, es gibt keinen Himmel", heißt es gleich im ersten Vers; nun gut, vorstellen kann man sich ja so Einiges, aber was Lennon offenkundig meint, ist, dass die Verneinung des Glaubens an ein Jenseits eine Voraussetzung für ein besseres, harmonischeres Leben im Hier und Jetzt sei. Im weiteren Verlauf des Liedtexts wird der Ex-Beatle noch deutlicher: In einer Aufzählung von Dingen, die es in einer nach seinem Verständnis idealen Welt nicht geben sollte, heißt es "und auch keine Religion". 

Gewiss, just diese Textstellen haben die Münsteraner Facebook-Beauftragten in ihrer Übersetzung ausgelassen. Ganz blöd sind die ja auch nicht. Nur, die betreffenden Stellen stehen eben trotzdem in dem Lied drin. Das weiß erstens jeder, der das Lied kennt, und denkt es bei der Lektüre der anderen Textauszüge automatisch mit; und zweitens gehören sie nun mal wesentlich zu der von Lennon entworfenen Peace, Love & Harmony-Vision dazu. Es wäre arg oberflächlich, anzunehmen, man könnte dem Text seine antireligiöse und spezifisch antichristliche Ausrichtung dadurch nehmen, dass man jene Stellen, an denen diese Ausrichtung explizit zur Sprache kommt, verschweigt. 

So gäbe es denn auch gegen diejenigen Textstellen, die das Team des Bistums Münster in ihrem Beitrag nicht verschweigt, schon genug einzuwenden. Das geht gleich los mit "Stell dir vor, es gäbe keinen Besitz!" Auch hier gilt wieder: Vorstellen kann man sich eine ganze Menge. Aber soll das etwas Gutes sein? Werfen wir einen Blick auf die katholische Soziallehre, können wir unschwer feststellen, dass diese das Recht auf Privateigentum sehr hochhält. Exemplarisch sei hier die bahnbrechende Sozialenzyklika "Rerum Novarum" (1891) von Papst Leo XIII. zitiert: 
"[D]ie Sozialisten [verbreiten], indem sie die Besitzlosen gegen die Reichen aufstacheln, die Behauptung, der private Besitz müsse aufhören, um einer Gemeinschaft der Güter Platz zu machen [...]. Sie wähnen, durch eine solche Übertragung alles Besitzes von den Individuen an die Gesamtheit die Missstände heben zu können, es müssten nur einmal das Vermögen und dessen Vorteile gleichmäßig unter den Staatsangehörigen verteilt sein.
Indessen dieses Programm ist weit entfernt, etwas zur Lösung der Frage beizutragen; es schädigt vielmehr die arbeitenden Klassen selbst; es ist ferner sehr ungerecht, indem es die rechtmäßigen Besitzer vergewaltigt, es ist endlich der staatlichen Aufgabe zuwider, ja führt die Staaten in völlige Auflösung." 
Auflösung von Staaten? Da ist John Lennon voll dabei! "Stell dir vor [...], es gäbe keine Länder", träumt er, und die FB-Redaktion des Bistums Münster träumt es mit ihm. Aber hören wir Papst Leo XIII. noch ein bisschen weiter zu: 
"Vor allem liegt nämlich klar auf der Hand, dass die Absicht, welche den Arbeiter bei der Übernahme seiner Mühe leitet, keine andere als die ist, dass er mit dem Lohn zu irgendeinem persönlichen Eigentum gelange. Indem er Kräfte und Fleiß einem andern leiht, will er für seinen eigenen Bedarf das Nötige erringen; er sucht also ein wahres und eigentliches Recht nicht bloß auf die Zahlung, sondern auch auf freie Verwendung derselben. [...] Wenn also die Sozialisten dahin streben, den Sonderbesitz in Gemeingut umzuwandeln, so ist klar, wie sie dadurch die Lage der arbeitenden Klassen nur ungünstiger machen. Sie entziehen denselben ja mit dem Eigentumsrechte die Vollmacht, ihren erworbenen Lohn nach Gutdünken anzulegen, sie rauben ihnen eben dadurch Aussicht und Fähigkeit, ihr kleines Vermögen zu vergrößern und sich durch Fleiß zu einer besseren Stellung empor zu bringen.
Aber, was schwerer wiegt, das von den Sozialisten empfohlene Heilmittel der Gesellschaft ist offenbar der Gerechtigkeit zuwider, denn das Recht zum Besitze privaten Eigentums hat der Mensch von der Natur erhalten." 
So viel einmal dazu. Bei den Peace, Love & Harmony-Visionen der Generation John Lennons darf man übrigens nicht vergessen, wie viele Drogen die Leute damals genommen haben. Und im zugedröhnten Kopp will man nichts davon hören, "sich durch Fleiß zu einer besseren Stellung empor zu bringen"; da will man, dass einem die gebratenen Hähnchen direkt in den Mund fliegen. Im Video zu John Lennons Ode an die Abschaffung des Privatbesitzes wird ausgiebig seine feudale Villa samt angeschlossenem Park gezeigt. Ob ihm die Ironie dieses Umstands bewusst war, sei mal dahingestellt. Man möchte es einerseits wohl annehmen, denn blöd war Lennon ja nicht; aber andererseits: die Drogen... 

Auch zu dem Vers "nichts, wofür man morden oder sterben müsste" ("nothing to kill or die for") gäbe es Mancherlei zu sagen, und einige Kommentatoren des besagten Facebook-Beitrags haben das auch ausgiebig getan. Nicht morden, damit kann man sich als Christ leicht anfreunden. Zehn Gebote und so. Aber nichts zu haben, das es wert wäre, dafür zu sterben, das ist schon etwas Anderes. Dazu dürften zahllose christliche Märtyrer aus allen Zeiten und Weltteilen ein Wörtchen zu sagen haben - was John Lennon nicht groß kümmern muss, aber das Bistum Münster sollte es durchaus kümmern. 

Nun haben wir es in der Vergangenheit ja schon öfter erlebt, dass sich die FB-Redaktion des Bistums Münster, wenn sie mit einem Beitrag einen so richtig kapitalen Bock geschossen hat, sehr schwer damit tut, das einzugestehen. Lieber verteidigt man noch den beklopptesten Beitrag mit Zähnen und Klauen bzw. mit allerlei an den Haaren herbeigezogenen Argumenten. Das Hauptproblem scheint mir dabei indes zu sein, dass in dieser Redaktion (und denen einiger anderer Bistümer oder sonstiger kirchlicher Dienststellen ebenso) allem Anschein nach Leute sitzen, die tatsächlich nicht begreifen, dass nicht alles, was irgendwie mit "Liebe" und "Frieden" zu tun hat - und ebenso auch nicht alles, was irgendwie "spirituell"-lebensphilosophisch-tiefsinnig daherkommt - mit der christlichen Heilsbotschaft kompatibel ist. Und wenn die Redakteure selbst es nicht begreifen, wie soll man dann erwarten, dass ihr Publikum das tut? 

So breitet sich eine schwammige, voller innerer Widersprüche steckende, sich aber "irgendwie gut anfühlende" Multispiritualität immer weiter aus und vernebelt zusehends die Wahrnehmung ihrer Opfer. Was man natürlich irgendwo als allgemeines Zeitsymptom betrachten kann. Wäre angesichts dieses allgemeinen Trends zur Schwammigkeit die gedankliche Klarheit und Schärfe der authentischen christlichen Lehre nicht eigentlich ein attraktives Alleinstellungsmerkmal? -- Von großen Teilen der kirchlichen Medienarbeit jedenfalls würde man sich zumindest ein bisschen mehr von dieser Klarheit wünschen... 


Kommentare:

  1. "aus Gründen" einmal die Anmerkung:

    "nichts, für das man morden [...] müßte" ist hier bei Dir falsch übersetzt, beim Bistum Münster mW sogar richtig; im Original steht "kill" und das heißt "töten" oder "umbringen". Morden heißt "murder" oder "assassinate", und das macht durchaus einen Unterschied aus.

    Denn ohne Klarnamen kann ich's ja sagen: nicht nur eine Welt, in der sich für nichts zu sterben lohnt, sondern *auch* eine Welt, in der sich für nichts zu töten lohnt ("gar nichts" heißt ja auch "nicht einmal das Leben der Mitmenschen, auch nicht, wenn es unmittelbar angegriffen wird") wäre eine traurige Welt.

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    1. Die Übersetzung habe ich bewusst so aus dem Münsteraner FB-Beitrag übernommen. Trotzdem danke für die Differenzierung!

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  2. Interessant und vielsagend auch eine Reaktion des Bistums auf die Kommentare in Facebook:
    "Eines der zentralen Anliegen des Christentums (auch anderer Religionen) ist der Frieden. Von daher teilen wir den bekannten Songtext sehr gerne. Ihnen und allen Usern wünschen wir Frieden."
    Könnte es sein, dass die Grube mittlerweile mit Blinden gut gefüllt ist? Schaut her, die Religion will Frieden. Was muss man rauchen um sowas zu schreiben? Schade, dass wir den guten alten John hier nicht mehr fragen können. Wahrscheinlich weiß er es jetzt besser.

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