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Dienstag, 4. Juli 2017

Auf der Suche nach der laktosefreien Milchkuh

Kürzlich stolperte ich auf Twitter über die folgende hübsche Prosaminiatur
"Mutter fragt bei Kindergeburtstag auf Bauernhof, ob es die gerade gemolkene Milch auch laktosefrei gibt. Blick des Bauern: Unbezahlbar." 
Lustig? Durchaus. Aber noch lustiger fand ich es, dass ich diese Sätze gerade in dem Moment las, als ich parallel dazu auf Facebook eine Diskussion führte, zu der sie in gewissem Sinne ziemlich gut passten.

Diese Diskussion hat eine Vorgeschichte. Kurz vor Mitte Juni erschien auf dem Blog y-nachten, der sich selbst in der Titel-Unterzeile als "jung. hip. irgendwas" charakterisiert, ein Text eines jungen Theologiestudenten namens Max Pilger, in dem dieser sein Ringen mit der Frage schilderte, ob er eine Anstellung als Pastoralreferent anstreben solle oder lieber nicht. Der Artikel mit der wortspielerischen Überschrift "Pasti oder Antipasti?" wurde knapp eine Woche später von katholisch.de übernommen und erreichte so eine größere Öffentlichkeit. Die Probleme, die Max Pilger mit der Aussicht auf eine Tätigkeit im pastoralen Dienst der Katholischen Kirche hat, lassen sich im Wesentlichen in zwei Punkten zusammenfassen: 
  • Er möchte zwar Menschen erreichen, Jugendliche begeistern, Gruppen dabei unterstützen, sich zu organisieren, möchte Sozialräume schaffen und findet es attraktiv, "sich radikal auf die Seite der Schwachen und Ausgegrenzten stellen zu können" - aber mit dem ganzen Glaubens-"Kram", der in der Kirche ja schließlich auch eine gewisse Rolle spielt, kann er eingestandenermaßen eher nicht so viel anfangen. 
  • Es stört ihn, dass die Kirche von einem Mitarbeiter im pastoralen Dienst erwartet, auch sein Privatleben im Einklang mit den Werten zu gestalten, die die Kirche vertritt. 

Über den zweiten Punkt möchte ich gar nicht viel sagen, der ist für mein Empfinden eher banal und ergibt sich mehr oder weniger folgerichtig aus dem ersten. Aber: Pastoralreferent werden wollen, obwohl einem der Glaube der Kirche "nicht so viel sagt", das ist schon ein bisschen so, wie wenn man auf dem Bauernhof nach der Kuh sucht, die die laktosefreie Milch gibt, oder? 

Muh. (Bildquelle hier.) 
Folgerichtig erschienen auf mehreren Blogs Repliken auf Max Pilgers Text, die sich in der Schlussfolgerung einig waren, unter den von ihm selbst geschilderten Voraussetzungen solle der junge Mann vielleicht lieber nicht Pastoralreferent werden - und die im Übrigen sein Titel-Wortspiel dankbar aufgriffen: 

Die genannten Repliken setzen zum Teil durchaus unterschiedliche Schwerpunkte und beleuchten eine Vielzahl interessanter Aspekte des Themas, weshalb ich sie allesamt als ausgesprochen lesenswert betrachte. 

Nun aber ging die Debatte jüngst in die nächste Runde: Auf y-nachten antwortete ein Kollege Max Pilgers, Filip Friedrich, unter der Überschrift "Bitterer Beigeschmack" auf die beiden oben genannten Artikel des Blogs Katholisch ohne Furcht und Tadel. Das ist grundsätzlich begrüßenswert; als inhaltliche Erwiderung auf die Kritik der Bloggerin Mary of Magdala taugt Friedrichs Text allerdings kaum. Daraus macht der Autor auch keinen Hehl, sondern bezeichnet seine Replik vielmehr als Stilkritik. Nun kann man es durchaus tragikomisch finden, wenn jemand, der ein so zwanghaftes Verhältnis zum Gender-Star pflegt, dass er diesen sogar in eckigen Klammern in Zitate einfügt, andere über Stil belehren will. Aber das ist im Grunde nebensächlich. Entscheidender ist, dass Friedrich die Kritik der Bloggerin, anstatt sich inhaltlich mit ihr auseinanderzusetzen, prinzipiell zu delegitimieren versucht - und dabei permanent mit seiner Bildung protzt, indem er seiner Kontrahentin fortwährend aufs Brot schmiert, was sie erst mal alles lesen solle, bevor sie sich erdreistet, mitreden zu wollen. 

Inhaltlich interessant sind eigentlich nur zwei Passagen seines Artikels. Zunächst: 
"Außerdem führt Herr Pilger später aus, dass in vielen Diözesen, wer auf eine Anstellung bei der Kirche oder eine Zulassung zum Lehrberuf hofft, auch auf seinen Glauben hin 'befragt' wird. Diese Informationen fließen in die Bewertung und anschließende Freigabe mit ein. Je nachdem, an wen man da gerät, können, wenn es schlecht läuft, ernste Glaubensfragen oder -zweifel zum Fallstrick werden. Und was dann nach mindestens fünf Jahren Studium?" 
Die Frage ist ausgesprochen ernst zu nehmen. Was soll einer machen, dem im Laufe seines Theologiestudiums der Glaube abhanden kommt? Hat er dann etwa ganz umsonst studiert? Wie entschädigt man ihn für die dem Studium geopferte Lebenszeit? (Man könnte natürlich meinen, der Verlust des Glaubens an sich sei etwas viel Dramatischeres als der bloße Zeitverlust. Was sind schon fünf Jahre im Angesicht der Ewigkeit? Aber an der Stelle kommen wir vorläufig nicht weiter.) 

Kurz zuvor kontert Friedrich die von Mary of Magdala aufgeworfene Frage 
"Lieber Herr Pilger, haben Sie mal Jesus gefragt, ob er möchte, dass seine Kirche eine 'professionelle' Dienstleisterin ist? Ich meine das ganz ehrlich: Gehen Sie doch mal in die Anbetung und fragen Sie Jesus!" 
mit der "[k]urze[n] Gegenfrage": 
"Wurde Jesus mal gefragt, ob er möchte, dass seine Kirche Dogmen und unveränderliche Wahrheiten, unter welche man sich zu unterwerfen hat, kennt?" 
Da fällt einem ja erst mal nix mehr zu ein - außer, dass diese dummdreiste Replik ganz nebenbei zu erkennen gibt, dass Friedrich das Konzept, eine Glaubensfrage, mit der man sich innerlich plagt, in der Anbetung vor Christus zu bringen, nicht im Ansatz versteht. Und das sagt schon eine Menge aus. 

Im Kern haben wir es hier mit einem Problem zu tun, das weit über die persönlichen Anpassungsschwierigkeiten von Theologiestudenten wie Pilger und Friedrich hinaus geht. Dieses Problem besteht in dem schwindenden Verständnis dafür, dass die Kirche nicht einfach eine Organisationsform für menschliche Gemeinschaft und bestenfalls noch so etwas wie "Spiritualität" ist, sondern eine Glaubensgemeinschaft - und dass, wie es im Katechismus der Katholischen Kirche unter Nr. 1124 heißt, "[d]er Glaube der Kirche [...] dem Glauben des einzelnen voraus[geht], der aufgefordert wird, ihm zuzustimmen". Dazu eine Nebenbemerkung: Ich besuche recht regelmäßig den "Kreis junger Erwachsener" einer Berliner Pfarrei. Die jungen Leute, die den "harten Kern" dieser Gruppe bilden, würde ich größtenteils als überdurchschnittlich "kirchennah" einschätzen (sonst wären sie wohl auch nicht da). Viele von ihnen sind ehemalige oder noch aktive Messdiener. Sie können das Vaterunser und zum Teil auch das Magnificat auswendig, und es wird als selbstverständlich akzeptiert, dass jedes Treffen dieses Kreises mit einer Gebetszeit ausklingt. Aber selbst in diesem Kreis stelle ich in Diskussionen immer mal wieder fest, dass die Lehre der Kirche zu bestimmten Fragen entweder unbekannt ist oder zumindest als "nicht so wichtig" eingestuft wird - d.h. allenfalls als Denkanstoß für den Einzelnen, aber nicht als verbindlich. Da frage ich mich dann manchmal: Was ist mit den Leuten los? Sie meinen es ja nicht böse, sie wissen es bloß nicht besser. Was ist da in der Glaubensunterweisung schief gelaufen? 

Dieses Problem betrifft wohlgemerkt nicht nur junge Christen. Vielleicht sogar nicht einmal hauptsächlich. Kann ja auch gar nicht - irgendwoher müssen sie es ja haben. Natürlich könnte man an dieser Stelle lang und breit über allgemeine gesellschaftlich-kulturelle Trends fachsimpeln, die der Auffassung Vorschub leisten, Wahrheit müsse jeder für sich selbst definieren; aber bleiben wir mal bei kircheninternen Faktoren. Ich sehe da - ohne Anspruch auf Richtigkeit und Vollständigkeit meiner Einschätzung - zwei wichtige Gesichtspunkte. Der eine ist der sogenannte Geist des Konzils - bzw. die aus diesem geborene (irrige) Annahme, die Kirche werde ihre Lehre früher oder später sowieso ändern, und zwar ausgerechnet in den Punkten, mit denen man nicht einverstanden ist. Man müsse seinen Dissens also nur lange genug durchhalten, dann werde man irgendwann einmal Recht bekommen. Diese Auffassung ist zweifellos von diversen Angehörigen der "Konzilsgeneration", die haupt- oder ehrenamtlich in der Kirche tätig gewesen sind oder immer noch sind, an die jüngeren Generationen weitergegeben worden. 

Der zweite Gesichtspunkt dürfte jener der vielbeschworenen "Niederschwelligkeit" sein: In Zeiten, in denen die Kirche ohnehin immer weniger Menschen erreicht, fürchtet man sich davor, die wenigen, die noch da sind, auch noch zu vergraulen, wenn man ihnen zu viel zumutet. Was im Endergebnis allerdings heißt: Anstatt, wie im Pastoralsprech so gern gesagt wird, "die Leute da abzuholen, wo sie stehen", lässt man sie einfach dort stehen. Oder eben da hingehen, wohin sie wollen. Das wird aber der Verantwortung der Kirche für das Seelenheil der Menschen nicht gerecht. 

Was also ist zu tun? - Man erwarte bitte keine Patentlösungen von mir, aber eines scheint mir klar: Die Kirche braucht Mut. Und zwar den Mut, sich auch da zu der Wahrheit ihres depositum fidei zu bekennen, wo es unpopulär ist und wo sie Gefahr läuft, dass ihr deswegen die Leute weglaufen. Auch wenn es sich bei diesen Leuten um potentielle Pastoralreferenten mit fünf Jahren Studium auf dem Buckel handelt. Oder gerade dann. 

Übrigens: Mit "Kirche" meine ich hier nicht nur die Hierarchie der Amtsträger. Sondern die gesamte Gemeinschaft der Gläubigen. Dass man sich als einzelnes Mitglied dieser Gemeinschaft mit der einen oder anderen Lehre der Kirche mal schwer tut, das kann freilich jedem mal passieren. Das ist auch an und für sich nichts Ehrenrühriges. Aber es gibt Möglichkeiten, mit solchen Zweifeln fertig zu werden. Hier eine Liste mit Vorschlägen. Spoiler: Die von Mary of Magdala vorgeschlagene Lösung, Jesus zu fragen - in der Anbetung - gehört auch dazu... 


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