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Freitag, 20. Februar 2015

Kleines Senfkorn Kneipenapostolat

Praktisch jedesmal, wenn ich mich mit meiner lieben Freundin Kati treffe - der "besten Kati von allen", wie ich sie gern nenne -, und wir uns ein paar Stunden lang gegenseitig davon erzählen, was uns gerade so beschäftigt oder auch zu schaffen macht, kommt das Gespräch früher oder später irgendwie auf meinen Glauben. Und zwar ohne dass ich dieses Thema absichtlich forcieren würde.

-- Was Kati und mich verbindet, ist - wie es bei wirklich guten Freundschaften wohl allgemein zu sein pflegt - eine wohlabgewogene Mischung aus Gemeinsamkeiten und Dingen, die uns voneinander unterscheiden. Der Glaube ist etwas, das uns unterscheidet - und manchmal scheint mir sogar, dass er gerade an solchen Punkten, an denen wir uns im Großen und Ganzen sehr ähnlich sind, einen ganz entscheidenden Unterschied macht. Kati scheint das oft klarer zu sehen als ich selbst, und deshalb - so jedenfalls mein Eindruck - ist häufig sie es, die dieses Thema anschneidet.

Zu den Dingen, die Kati und ich gemeinsam haben, gehört es, dass wir beide tendenziell eher idealistisch als pragmatisch denken. Diese Gemeinsamkeit haben wir schon in einem sehr frühen Stadium unserer Bekanntschaft entdeckt. Ich erinnere mich da an einen Abend, der etwa fünf Jahre zurückliegen dürfte: Irgendwie waren wir mit ein paar jungen Männern ins Gespräch gekommen, die bei der Berliner Feuerwehr arbeiteten und uns ausgiebig davon vorschwärmten, wie toll es sei, Feuerwehrmann zu sein. Bemerkenswerterweise sprachen sie jedoch nicht davon, wie befriedigend es sei, einen Beruf auszuüben, der zur Sicherheit der Bevölkerung beiträgt und in dem man zuweilen Gelegenheit hat, Leben zu retten; sie sprachen ausschließlich davon, wie gut diese Arbeit bezahlt werde, bei recht überschaubaren Arbeitszeiten. Kurz und gut, was sie an ihrer Arbeit bei der Feuerwehr so toll fanden, war, dass sie viel Geld und gleichzeitig viel Freizeit hatten. Bei Kati und mir provozierte das jedoch lediglich die Nachfrage: "Und was macht ihr damit?"
Viel Geld und viel Freizeit, da waren wir uns unabgesprochen einig, sind doch kein Wert an sich. Sicher ist es schön, wenn man finanziell abgesichert ist und obendrein noch reichlich Zeit zur freien Verfügung hat - denn das verschafft einem ja einen gewissen Freiraum, sich den Dingen zu widmen, die einem wirklich am Herzen liegen. Aber da kam von den jungen Feuerwehrmännern nichts. Sie schienen nicht einmal die Frage zu verstehen.

Umgekehrt kann man nun natürlich fragen, wie man sich eine idealistische Haltung den Anforderungen des modernen Lebens gegenüber eigentlich leisten können soll, wenn man diesen Idealismus nicht durch einen gut bezahlten und wenig zeitaufwändigen Job "querfinanzieren" kann (oder einfach mit einem silbernen Löffel im Mund geboren wurde). - Nun ja: Ich würde darauf erwidern, das sei ja gerade das Wesen des Idealismus, dass man ihn sich eigentlich nicht leisten kann. Sonst wäre er ja nur ein Hobby. Aber natürlich lauert hier ein Dilemma: Wenn man sich erst einmal darum sorgen muss, Miete und Strom bezahlen können, nicht zu reden von Steuern, Versicherungsbeiträgen undsoweiter, und wenn man es bei all dem Stress noch schafft, morgens zwei farblich zueinander passende Socken anzuziehen, dann steht es doch sehr in Frage, wie viel Zeit und Energie einem noch bleibt, um die Welt zu retten.

Als Christ hat man da natürlich den Vorteil, darauf vertrauen zu können, dass die Welt in einem fundamentalen Sinne bereits gerettet ist. Dieses Bewusstsein bietet einen guten Schutz vor Überforderung. Der Christ braucht nicht das Gewicht der ganzen Welt auf seinen Schultern zu tragen - das hat bereits ein Anderer getan: Jesus Christus.

Das Faszinierende daran ist, dass diese Überzeugung nicht etwa - wie man speziell aus nichtgläubiger Perspektive leicht annehmen könnte - dazu führt, die Hände in den Schoß zu legen und zu meinen, man müsse selbst gar nichts mehr für die Welt tun, da sie ja bereits in den bestmöglichen Händen sei. Oder sagen wir etwas vorsichtiger, diese Überzeugung führt nicht zwangsläufig zu einer solchen Haltung. Vielmehr kann sie den Menschen auch zum Handeln befreien. Auf diesen bemerkenswerten Umstand hat unlängst auch Josef Bordat hingewiesen: Wer darauf vertraut, dass in letzter Instanz nicht er selbst, sondern eben Gott die Dinge in der Hand hat, der kann umso zuversichtlicher sein Möglichstes tun - in dem Wissen, dass er zwar nie genug tun kann, das aber auch gar nicht muss: Was die eigenen Kräfte und Möglichkeiten übersteigt, dafür wird Gott sorgen. Und auch die Furcht vor einem möglichen Scheitern schwindet, wenn man sich vor Augen hält, dass man niemals tiefer fallen kann als in Gottes Hand. - Oder, wie es im Benedictus, dem Lobgesang des Zacharias aus dem Lukasevangelium, heißt:
"Er hat uns geschenkt, dass wir, aus Feindeshand befreit, Ihm furchtlos dienen
in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinem Angesicht all unsere Tage." (Lk 1, 74f.) 
Meine Freundin Kati ist - "von Haus aus", so zu sagen - nicht gläubig; sie ist, wie sie selbst sagt, atheistisch erzogen worden, hatte allerdings von Kindheit an gläubige Menschen - Christen wie auch Muslime - in ihrem Freundeskreis, hat in der Schule freiwillig am Religionsunterricht teilgenommen und sogar mal im Kirchenchor gesungen. Sie betrachtet Religion(en) mit Respekt und Interesse, zuweilen wohl sogar mit einer gewissen Faszination, und ich habe es mehr als einmal erlebt, dass sie in Diskussionen mit stereotypen Vulgäratheisten vehement den "religiösen Standpunkt" verteidigt hat - aber Glauben liegt ihr nicht, sagt sie. Trotzdem, oder möglicherweise gerade deswegen, scheint es mir manchmal, dass sie mich ein bisschen um meinen Glauben beneidet.

Kürzlich hatten wir mal wieder so eine Diskussion - über die Risiken des Idealismus in der modernen Welt. Ich sagte sinngemäß, wenn man für die Dinge eintritt, an die man glaubt, sollte man auch in der Lage sein, Schwierigkeiten und Nachteile, die einem daraus erwachsen, mit Würde zu ertragen. "Siehst du", erwiderte Kati, "genau das ist der Punkt: Du glaubst."

Zunächst einmal war ich ein wenig überrascht, dass sie das so entscheidend fand. Ich neige meinerseits zu der Ansicht, Kati sei das Paradebeispiel für die häufig zu hörende Überzeugung, man müsse nicht gläubig sein, um ein guter Mensch zu sein. Sie ist nämlich ganz entschieden einer, und von mir selbst würde ich das nicht mit derselben Entschiedenheit behaupten. Aber eines weiß ich: dass ich ohne meinen Glauben ein erheblich schlechterer Mensch wäre, als ich es bin. Und ich hoffe auch und bemühe mich - gerade jetzt in der Fastenzeit, aber auch sonst -, durch meinen Glauben und mit Hilfe meines Glaubens ein besserer Mensch zu werden, als ich es bin. Gleichwohl empfinde ich selbst meinen Glauben gar nicht als so besonders bewundernswert; im Gegenteil habe ich nicht selten das Gefühl, mein Glaube sei längst nicht so stark, so fest und so unerschütterlich, wie er eigentlich sein sollte. Aber in einem sozialen Umfeld, in dem bekennende und praktizierende Christen - erst recht katholische - eher dünn gesät sind, ist die Außenwirkung eben eine andere. Das gilt nicht nur für Kati, auch wenn sie mich sicherlich besser kennt als die meisten Anderen. Aber wie dem auch sei: Wenn mein Glaube etwas ist, das Anderen an mir auffällt, dann finde ich das im Prinzip gut. Wie schon der Apostel Paulus (frei nach dem Propheten Jeremia) sagt: "Wer sich also rühmen will, der rühme sich des Herrn" (2. Korinther 10,17; vgl. Jeremia 9,23). Was ich zuweilen halb scherzhaft als "Kneipenapostolat" bezeichne, ist im Grunde nicht viel mehr als dies: auch in vermeintlich "profanen" Alltagssituationen nicht mit meinem Christsein hinter den Berg halten, ansprechbar sein für Fragen, die sich daraus ergeben, und so ohne allzu aufdringlichen missionarischen Eifer demonstrieren, dass mein Christsein nicht einfach eine theoretische Weltanschauung ist, sondern dass es (und auf welche Weise es) mein alltägliches Sein und Tun ganz konkret und praktisch prägt. Und wenn ich sehe, dass selbst so ein kleiner, nicht gerade heroischer, allerlei Anfechtungen ausgesetzter Glaube wie der meine durchaus eine Wirkung auf Andere hat, dann denke ich oft, es muss doch etwas dran sein an der Aussage, ein Glaube, der nur so groß sei wie ein Senfkorn, könne Berge versetzen (vgl. Matthäus 17,20). Nun gut, einstweilen begnüge ich mich damit, hier und da mal ein kleines Berglein ein kleines Stückchen zu versetzen - und bete regelmäßig mit den Worten des seligen John Henry Newman:

Vom Glanz deines Lichtes beschienen, werde ich selber Licht, um Anderen zu leuchten. 
Ich bin nur wie ein Glas, durch das Du den Anderen scheinst. 
Lass mich zu Deinem Ruhm Deine Wahrheit und Deinen Willen verkünden - 
nicht durch viele Worte, sondern durch die stille Kraft der tätigen Liebe - 
wie deine Heiligen - 
durch meines Herzens aufrichtige Liebe zu Dir. 


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