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Mittwoch, 29. Oktober 2014

Grisu, der kleine Drache, will jetzt Pastoralreferent werden

Eins vorweg: Im Grunde betrachte ich mich gar nicht als einen besonders konservativen Katholiken. Ich empfinde mich selbst als recht moderat, in Einzelfragen finde ich mich manchmal sogar eher lax. Dennoch erfreue ich mich in manchen Kreisen, ganz besonders auf Twitter, zunehmend eines Rufs als extremer Dunkelkatholik, Fundi und Katholiban. Wie konnte es dazu kommen? 

Nun gut: Von entscheidender Bedeutung für solche Einordnungen ist es natürlich immer, woran man sich jeweils misst bzw. messen lässt. Hier höre ich nun schon wie von selbst den Einwand: Messen oder messen lassen sollte sich ein Christ in allererster Linie an Jesus. Schon wahr - aber an welchem Jesus? Dem sanften, gütigen, der allenthalben Dinge sagt wie "Lasset die Kindlein zu mir kommen" (Mk 10,14), "Auch ich verurteile dich nicht" (Joh 8,11), "Dein Glaube hat dir geholfen" (Lk 8,48) oder "Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein (Lk 23,43) - oder doch eher dem aufbrausenden Radikalen, der zur Geißel greift, um die Geldwechsler aus dem Tempel zu vertreiben (Joh 2,13-16), der die Pharisäer und Schriftgelehrten als "Schlangenbrut" beschimpft und ihnen das "Strafgericht der Hölle" androht (beides Mt 23,33) und der seine Jünger anweist "Wer aber kein Geld hat, soll seinen Mantel verkaufen und sich dafür ein Schwert kaufen" (Lk 22,36)? 

Im Ernst: Das Dilemma ist natürlich, dass beides derselbe Jesus ist. Und eine ganze Menge Streit, Zerwürfnis, Lagerdenken, Parteihader und Richtungsgezänk unter Christen lässt sich, wenn man es recht bedenkt, auf den fruchtlosen Versuch zurückführen, diese (vermeintlichen) "zwei Jesusse" gegeneinander auszuspielen. Wobei man es auch nicht selten erlebt, dass gerade diejenigen, deren Idol der softe Hippie-Jesus ist, plötzlich Gelüste verspüren, mit der Geißel auf ihre Kontrahenten loszugehen - aber darauf komme ich noch.

Wenn man es recht besieht, kann man allerdings den Eindruck bekommen, allerlei Meinungsverschiedenheiten und Richtungsstreitigkeiten unter Christen und solchen, die sich Christen nennen, bezögen sich nicht allein auf die Frage, welche der teilweise recht ambivalent anmutenden Verhaltensweisen Jesu man mehr und welche weniger als vorbildlich betrachten sollte - sondern viel grundlegender auf die Frage: Wer ist dieser Jesus überhaupt? - Die Evangelien berichten uns, dass die Meinungen hierüber schon zu Jesu Lebzeiten sehr geteilt waren. So lesen wir in Mt 16,13-16 davon, wie Jesus während eines Aufenthalts in Caesarea Philippi seine Jünger befragt:
"Für wen halten die Leute den Menschensohn?"
Die Jünger antworten:
"Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten."
Als Jesus jedoch weiterfragt
"Ihr aber, für wen haltet ihr mich?",
gibt der Apostel Petrus zur Antwort:
"Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!"
-- Wie soll man nun jemanden nennen, der auf diese Frage noch heute die Antwort des Petrus geben würde oder tatsächlich gibt? Spontan würde ich sagen, so jemanden nennt man "Christ"; aber ich gerate, vorzugsweise im Internet, immer wieder in Auseinandersetzungen, die mir den Eindruck vermitteln, die heute gebräuchliche Bezeichnung für jemanden, der so antwortet, sei "Fundamentalist". Wenn nicht Schlimmeres.

Vor einiger Zeit ging auf Twitter ein Blogartikel mit dem Titel "Die Kirche und ihre Trolle" rum und wurde heiß diskutiert. Primär ging es da um Evangelikale und deren angeblichen oder tatsächlichen Bestrebungen, ihre "Machtposition [...] innerhalb der evangelischen Kirche auszubauen". Die Katholische Kirche kommt in dem Text nicht vor, aber natürlich fehlte es in den Diskussionen, die dieser Blogbeitrag auf Twitter (und sicher auch anderswo) auslöste, nicht an Stimmen, die darauf hinwiesen, katholischerseits gebe es dieselben Phänomene selbstverständlich auch. Aber ganz unabhängig davon fand ich es interessant, welche Positionen der Evangelikalen es denn im Einzelnen sind, die der Autorin des Beitrags so sehr gegen den Strich gehen. So wirft sie den von ihr so betitelten "Trollen" vor, sie würden lehren, das "Wichtigste an Jesus" sei "nicht die von ihm vorgelebte Ethik und Lehre vom Reich Gottes, sondern dass er sich für uns hat ans Kreuz nageln lassen". -- Ach. Wer das glaubt, ist also ein fundamentalistischer Troll? - Manchmal, ja, manchmal wünsche ich mir für solche Fälle Hinweisschilder oder meinetwegen auch Lautsprecherdurchsagen mit dem Text:
"Achtung, Sie verlassen soeben den Boden des Christentums. Bitte achten Sie auf Ihr Gepäck."
Aber keine Bange, die besagte Bloggerin hat auf derartige Anwürfe eine unschlagbare Antwort parat. In einem weiteren Blogbeitrag erklärt sie die Frage, ob jemand Christ sei oder nicht, kurzerhand zur Ermessenssache des jeweiligen Jemandes selbst:
"Es gibt unter dem Label “Christentum” praktisch jede beliebige politische und sozialkulturelle Ansicht und Praxis. [...]  Alles, was sich so nennt, ist das Christentum, ob uns das passt oder nicht. Man darf der Versuchung nicht nachgeben, festlegen zu wollen, was rechtmäßig dazu gehört und was nicht."
-- Echt jetzt? Heißt das, wenn ich für mich selbst beschließe, Feuerwehrmann zu sein, gehöre ich dadurch automatisch der Feuerwehr an? Und wenn dann Leute kommen und behaupten, ich wäre gar kein echter Feuerwehrmann, darf ich mich dann lautstark beklagen, wie fundamentalistisch, engstirnig, anmaßend, ja: unfeuerwehrmännisch es sei, mir das Feuerwehrmannsein abzusprechen?

Tröstlich ist es, dass die Bloggerin - soweit ich es in Erfahrung habe bringen können - keine Theologin ist, auch wenn man diesen Eindruck haben könnte. Ich bin übrigens - nur um hier kein Missverständnis aufkommen zu lassen - ebenfalls kein Theologe, und manchmal bin ich sogar ganz froh darüber. Die Tendenz, den Begriff des Christlichen - und damit auch die Glaubensinhalte des Christentums - aufzuweichen bzw. auszuhöhlen, trifft man nämlich durchaus nicht selten bei Leuten an, die sehr wohl Theologie studiert haben. Und oft kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie genau das an der Uni gelernt haben. Besonders lästig daran ist, dass sie, wenn man ihnen widerspricht, stets darauf verweisen können (und das auch tun), dass sie einfach mehr von der Materie verstehen als man selbst, denn sie haben das schließlich studiert.

-- Nun ist es nicht so, dass ich diese Einstellung nicht nachvollziehen könnte. Ich zum Beispiel bin Germanist, und natürlich bilde ich mir ein, mehr von deutscher Sprache und Literatur zu verstehen als jemand, der sich nur "privat" mit diesen Dingen befasst. Aber selbst da kann alle akademische Bildung ein Grundverständnis dessen, worum es eigentlich geht, und einen persönlichen Zugang zum Thema weder schaffen noch ersetzen. Umso mehr gilt das für die "Rede von Gott" (so die wörtliche Übersetzung des Begriffs Theologie), die ihrer Natur nach erheblich mehr ist als eine geisteswissenschaftliche Disziplin. Theologische Bildung kann Glauben weder schaffen noch ersetzen - zu seiner Vertiefung, zu einem tieferen Verständnis beitragen kann sie zweifellos, aber sie tut das keinesfalls zwangsläufig und immer. Wie heißt es so treffend im Brief an die Halikarnasser: "Was hälfe bzw. hülfe es mir, wenn ich einen Master in Theologie erwürbe,  hätte aber den Glauben nicht?"

Und: Was soll aus denjenigen Uni-Absolventen werden, die zwar die historisch-kritische Exegese im Schlaf beherrschen und sich auch sonst in allerlei Teildisziplinen der theologischen Wissenschaft das Freischwimmerabzeichen redlich verdient haben, dabei aber das sentire cum ecclesia nicht erlernt haben und das Apostolische Glaubensbekenntnis allenfalls im metaphorischen Sinne gelten lassen? - Sollen die etwa Priester werden? Das wollen wir nicht hoffen. Im günstigsten Falle gehen sie zur FAZ (oder so) und werden dort Experten für Kirchenfragen. Im etwas weniger günstigen Falle werden sie Pastoralreferenten (oder -innen).

-- Keine Sorge: Es geht mir hier nicht um "Pastoral- und Gemeindereferent_inn_enbashing". Ich habe weder die Absicht noch stünde es mir zu, mit dieser Aussage ein Pauschalurteil über Pastoralreferenten (oder -innen) zu fällen. Dazu kenne ich auch viel zu wenige von ihnen. Dass ich mir unter dieser Berufsbezeichnung reflexartig Leute vorstelle, die so aussehen und so sprechen, als seien sie einem Grünen-Parteitag aus den 80er Jahren entsprungen, ist ziemlich sicher eine krude Klischeevorstellung. Aber auch die krudesten Klischeevorstellungen haben ja oft irgendeinen Anknüpfungspunkt in der Realität. Zugegeben, es sind nicht durchweg Pastoral- oder Gemeindereferenten, sondern auch nur ehrenamtliche "engagierte Laien"; aber es gibt sie, diese klischeehaften Kuschelchristen - und zwar, meiner persönlichen Erfahrung zufolge, in nahezu jeder Kirchengemeinde. Oft (aber nicht immer) erkennt man sie an ihrer Vorliebe für Norwegerpullis und Sandalen - bei den Herren gern mit einem Vollbart kombiniert, bei den Damen mit Batik-Halstuch und Doppelnamen. Gute Leute zumeist: fröhlich, herzlich und hilfsbereit, und absolut unbezahlbar, wenn man mal Hilfe beim Umzug braucht oder wenn es gilt, Kuchen oder Salate zum Gemeindefest beizusteuern. Sie haben im Grunde nur einen einzigen schwachen Punkt: Sie sind tolerant gegenüber Allem und Jedem, nur nicht gegenüber Leuten, deren Definition von Christentum sich enger an der Lehre der Kirche ausrichtet als ihr eigenes. Diese Leute sind in ihren Augen "Fundamentalisten" und/oder "Ewiggestrige"; wenn es solche Leute in der eigenen Kirchengemeinde gibt, muss man sie zwar notgedrungen und mit zusammengebissenen Zähnen dulden, tuschelt nur hinter vorgehaltener Hand über ihre "mittelalterlichen" Ansichten und gibt sich ansonsten möglichst wenig mit ihnen ab. Geht es jedoch nicht um das unmittelbare persönliche Umfeld, ist man bei der Kritik an "rückständigen" Positionen innerhalb der Kirche weniger zimperlich; da schlägt man schon mal einen Tonfall an, der demjenigen entschiedener Atheisten und Kirchengegner in nichts nachsteht. --  Wie man meinem Tonfall sicherlich anmerkt, habe ich mich seit meinen Teenagerjahren vielfach an dieser Sorte "engagierter Laien" gerieben. Und jetzt holen sie mich wieder ein. Vor allem auf Twitter.

Nehmen wir mal die #Twomplet, das interaktive Abendgebet, das seit Mitte Januar jeden Abend um 21 Uhr stattfindet. Ich habe mich schon an anderer Stelle als ausgesprochener #Twomplet-Fan geoutet: Nach anfänglicher Skepsis gegenüber der Idee einer "virtuellen" Gebetsgemeinschaft war ich dann doch sehr schnell sehr begeistert von diesem Projekt, und seit Februar schlüpfe ich durchschnittlich drei- bis viermal pro Monat selbst in die Rolle des Vorbeters. Es wird niemanden überraschen, dass ich zu denjenigen #Twomplet-Vorbetern gehöre, die sich tendenziell enger an der traditionellen Form des Stundengebets orientieren als andere. Grundsätzlich stellt das auch kein Problem dar; zu einem gewissen Grad lebt das Projekt #Twomplet gerade von der Vielfalt der Formen und Stile. Ganz konfliktfrei lässt sich diese Vielfalt allerdings nicht immer verwirklichen. - Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft am Rande der #Twomplet der Text des Nunc dimittis bekrittelt wurde - weil dort von "Heiden" die Rede ist. Das sei doch respektlos gegenüber Andersgläubigen. Gelegentlich wird auch beanstandet, dass der Beter sich Gott gegenüber als "Knecht" bezeichnet: Diese Unterwürfigkeit sei doch gar nicht mehr zeitgemäß. Im Umkehrschluss  wird folgerichtig auch in Frage gestellt, ob es heutzutage noch tunlich sei, Jesus Christus als "Herr" anzusprechen. (Ich kenne übrigens auch einen katholischen Priester in Berlin-Neukölln, der in der Messe die Orationsformel "durch Christus, unseren Herrn" prinzipiell zu "durch Christus, unseren Freund" abwandelt. Aber das nur am Rande.)
Damit nicht genug: Zuweilen scheint es, man könne bei der #Twomplet kaum eine Fürbitte für verfolgte Christen formulieren, ohne dass jemand in vorwurfsvollem Ton anmerkt, man solle doch lieber für ALLE Verfolgten beten. - Man verstehe mich hier bitte nicht falsch: Ich finde es durchaus richtig, für alle Verfolgten, Unterdrückten und Erniedrigten zu beten. Aber: Sollten einem Christen nicht Diejenigen, die um Christi willen verfolgt werden, ein besonderes Anliegen sein? Heißt es nicht auch in Galater 6,10 "Darum wollen wir [...] allen Menschen Gutes tun, besonders aber denen, die mit uns im Glauben verbunden sind"? -- Nun, ich fürchte, auch das ist eine fundamentalistische Auffassung. Die nicht-fundamentalistische Auffassung besagt, wahre Christen zeichne es aus, dass das spezifisch Christliche bei ihnen hinter das allgemein Menschliche zurücktritt. -- Übertreibe ich? Vielleicht ein bisschen, aber nein, ich glaube eigentlich nicht. Als das Team einer Website namens gerne-katholisch.de einmal eine #Twomplet gestaltete, hagelte es Kritik wegen mangelnder Ökumene; als ich hingegen einmal - es war am Gründonnerstag - gegen die Verwendung von Texten des indischen Gurus Osho (formerly known as Bhagwan) protestierte, machte sich (bei Manchen) Entsetzen ob solcher Intoleranz breit. Das mag ein Extrembeispiel sein, aber die Auffassung, man solle die #Twomplet "interreligiöser" gestalten, regt sich immer mal wieder. Nun bin ich durchaus der Meinung, wer einen inter- oder multireligiösen Gebetskreis auf Twitter einrichten will, der soll das gerne tun - aber ein christlicher Gebetskreis sollte doch bitteschön christlich bleiben dürfen. Huch, jetzt ist es mir schon wieder passiert: Ich kann es einfach nicht lassen, den Begriff "christlich" in fundamentalistischer Weise einzuengen. Wie unchristlich von mir.

Nun geht es mir hier aber ganz und gar nicht darum, auf der #Twomplet-"Community" (oder Teilen davon) herumzuhacken; schließlich mag ich dieses Projekt sehr und komme mit der Mehrzahl der dort Mitwirkenden hervorragend aus. Die oben skizzierten Debatten, die da hin und wieder entstehen, sind ja kein Phänomen, das für die #Twomplet oder für Twitter oder überhaupt für Soziale Netzwerke spezifisch wäre, sondern sie spiegeln lediglich etwas wider, das im realen (Kirchen-)Leben genauso stattfindet. So oder so, ich kann mir nicht helfen: Die schon erwähnte Auffassung, das "wahre" (oder sagen wir: zeitgemäße) Christentum sei jenes, das möglichst wenig spezifisch Christliches an sich habe - woraus im Umkehrschluss folgt, das entschiedene Bekenntnis zu christlichen Glaubensinhalten sei unchristlich - macht mir einen Knoten ins Gehirn. Da komme ich einfach nicht mit. Erklären kann ich mir das höchstens als mehr oder weniger verzweifelten Versuch, einerseits Christ sein und andererseits trotzdem bei der sich zunehmend glaubensfeindlich gebärdenden Öffentlichkeit nicht anecken zu wollen. In einem Wort zusammengefasst könnte man diese Haltung Feigheit nennen, aber das möchte ich nicht tun, das wäre ja unchristlich. Zudem würde diese Deutung  unterstellen, dass die in diesen Kreisen häufig anzutreffende und so schlecht zu ihrer so gern herausgekehrten Sanftmut und Toleranz passende Aggressivität gegenüber konservativeren Glaubensbrüdern und -schwestern letztlich nur dazu dient, das eigene Bewusstsein dieser Feigheit und Inkonsequenz zu betäuben bzw. zu übertönen; und vor allem müsste ich mich dann fragen: Woher kommt diese Feigheit? In mehreren Ländern der Welt werden genau jetzt, während ich unbehelligt diese Zeilen tippe, Menschen für ihr Bekenntnis zu Christus aus ihren Wohnorten vertrieben, ins Gefängnis gesteckt oder ermordet. So etwas haben Christen hierzulande nicht zu fürchten. Sie werden vielleicht in Presse und Fernsehen veralbert und verleumdet, im Internet oder vielleicht sogar auf offener Straße auch mal persönlich beschimpft; vielleicht werden ihnen auch mal die Fensterscheiben eingeworfen, aber viel schlimmer wird's in unseren Breiten eigentlich kaum. Wieso nur ist gerade hierzulande - und gerade nicht da, wo das Bekenntnis zu Christus mit echter Gefahr verbunden ist - das Bedürfnis so ausgeprägt, das Christentum in etwas so Schwammiges, Harmloses, Inkonsequentes zu verwandeln, das niemanden provoziert und für niemanden eine Herausforderung darstellt?

Also, manchmal schäme ich mich richtig.

Freitag, 24. Oktober 2014

Robusta 2014: Jetzt brauche ich Eure Unterstützung!

Liebe Gemeinde,

ich erwähnte es bereits: Bei der diesjährigen Verleihung des "Schwester-Robusta-Preises der deutschsprachigen Blogoezese" ist mein niedlicher kleiner Blog für stolze fünf Preiskategorien nominiert! -- Nun läuft bereits seit Dienstag, und noch bis zum 15. November - die Abstimmungsphase; und folgerichtig liegt es nun an Euch, liebe Leser, ob ich tatsächlich den einen oder anderen der Preise, für die ich nominiert wurde, abgreife! Daher hier mal die direkten Links zu den einzelnen Abstimmungen: 






Ich kann es kurz machen: Wenn Ihr diesen Blog aufgrund seiner allgemeinen Qualität, seiner kulturell wertvollen Beiträge, seines Hangs zur Komik, seiner kein Blatt vor den Mund nehmenden Streitlust und/oder auch der Tatsache, dass hier ruhig noch mehr Beiträge erscheinen dürften, für preiswürdig erachtet, dann: einfach auf den Link zur jeweiligen Kategorie klicken, für "Huhn meets Ei" voten -- und fertich is die Laube! 

Ich danke Euch für Eure Unterstützung! 

Samstag, 18. Oktober 2014

Sex, Lügen und Audio

Dass die derzeit stattfindende Außerordentliche Bischofssynode zur Familienpastoral ein großes Aufregerthema werden würde, stand im Grunde schon im Vorfeld fest - spätestens nachdem der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper mit seiner vor dem Konsistorium gehaltenen, wenig später auch als Buch veröffentlichten Rede über "Das Evangelium von der Familie" gewissermaßen eine liberale Reformagenda für die Synode vorgestellt hatte und mehrere andere Kardinäle, darunter die hochrangigen Kurienkardinäle Müller, Burke und Pell, diesen Thesen vehement widersprochen hatten. Als Kaspers Gegner in dieser Debatte gemeinsam ein Buch mit dem Titel "In der Wahrheit Christi bleiben" veröffentlichten, fasste der frühere Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen (2001-2010) und noch frühere Bischof von Rottenburg-Stuttgart (1989-1999) dies geradezu als "Kriegserklärung" auf. Besondere Brisanz gewann diese Auseinandersetzung dadurch, dass Kasper teils implizit, teils explizit der Überzeugung Ausdruck gab, er habe den Papst auf seiner Seite. 

Nach diesem Vorspiel konnte es niemanden mehr überraschen, dass die Synode alsbald sowohl von der eher kirchenkritischen "weltlichen" Presse (soweit diese sich nicht darauf beschränkte, sich einfach darüber lustig zu machen, dass "Bischöfe über Sex diskutieren") als auch von katholischen Blogs und Nachrichtenseiten zu einer Richtungsentscheidung zwischen konservativen und liberalen Kräften innerhalb der Kirche hochgeschrieben wurde.

Diese gespannte Erwartung, verbunden mit den "früher" nicht im selben Maße gegebenen Möglichkeiten, via Internet (und hier besonders in den Sozialen Netzwerken) annähernd "in Echtzeit" zwar nicht unmittelbar aus der Synodenaula, aber immerhin so zu sagen aus deren Vorhöfen zu berichten, führte dazu, dass allerlei Äußerungen von Synodenteilnehmern oder aus deren Umfeld in der Öffentlichkeit so aufgenommen wurden, als handle es sich bereits um "Ergebnisse" - und dass diesen vermeintlichen Ergebnissen eine Bedeutung zugemessen wird, wie selbst die tatsächlichen Ergebnisse einer Außerordentlichen Bischofssynode sie ihrer Natur nach gar nicht haben können: 


Man könnte somit meinen, es wäre angemessen, allem, was man aus der Synode so hört bzw. liest, mit einer gewissen Gelassenheit zu begegnen; andererseits ist es wohl nicht von der Hand zu weisen, dass die "Synode der Medien" eine Eigendynamik zu entwickeln droht, die sich schlechterdings nicht mehr unter Kontrolle bringen lässt.

Als am vergangenen Montag ein von Peter Kardinal Erdö redigierter Zwischenbericht der Synode - die "Relatio post disceptationem" - veröffentlicht wurde, konzentrierte sich das mediale Echo weitestgehend auf diejenigen Passagen, die sich mit "irregulären" Familienverhältnissen befassen - also solchen, die außerhalb des Bandes der sakramentalen Ehe existieren -; und hier entstand der Eindruck, Kardinal Kaspers liberale Agenda feiere einen triumphalen Siegeszug unter den Synodalen. Besonderes Aufsehen erregten die Aussagen zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften; hier machte das Wort von einem "pastoralen Erdbeben" die Runde: "erstmals" sei hier "auch von 'positiven Aspekten' gleichgeschlechtlicher Beziehungen die Rede". Zwar wiesen besonnenere Kommentatoren darauf hin, dass hier allenfalls ein veränderter Tonfall zu konstatieren sei, während inhaltlich keine Abweichung gegenüber den Aussagen des Katechismus der Katholischen Kirche zur Homosexualität (vgl. KKK § 2357 u. § 2358) vorliege; aber was in der breiten Öffentlichkeit ankam, war der Eindruck einer - je nach Blickwinkel und Erwartungshaltung mehr oder weniger spektakulären - "Öffnung der Kirche gegenüber Homosexuellen". (Wobei mir die persönliche Anmerkung gestattet sei, dass ein homosexueller Bekannter von mir am Dienstagabend die betreffenden Passagen der Relatio sarkastisch-polemisch, aber für mein Empfinden nicht völlig unzutreffend mit den Worten paraphrasierte: "Schwule sind ja nicht nur schwul, sondern haben auch noch andere Eigenschaften und sind deshalb nicht nur Scheiße.")

Es dauerte nicht lange, bis das Bild einer liberalen Revolution in der Synodenaula erste Risse bekam. Mehrere Bischöfe meldeten sich mit scharfer Kritik an der Relatio zu Wort: Der Text gebe kein zutreffendes Meinungsbild der Synode wider. Diese Kritik bezog sich ausdrücklich nicht allein auf die Aussagen zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften; vielmehr wurde bemängelt, der gesamte Sprach- und Argumentationsduktus des Dokuments verwässere die Lehre der Kirche und lasse den Eindruck entstehen, "dass die kirchliche Lehre bisher unbarmherzig gewesen sei und als ob man erst jetzt beginne, die Barmherzigkeit zu lehren" (so Erzbischof Stanislaw Gadecki von Posen, Vorsitzender der polnischen Bischofskonferenz). Die Rede von Barmherzigkeit setze zudem das Vorhandensein von Sünde voraus; der Begriff der Sünde komme in dem Dokument jedoch kaum vor.  -- Zu den prominentesten Kritikern der Relatio gehörte der südafrikanische Kardinal Wilfrid Fox Napier, Erzbischof von Durban. Dieser beurteilte das Dokument als "nicht sehr hilfreich bei der Verkündigung der Lehre der Kirche" und betonte, "die Synode sei nicht einberufen worden, um über Verhütung, Abtreibung und gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu diskutieren, sondern über die Familie"

Am Mittwoch dann veröffentlichte die englischsprachige Ausgabe der katholischen Website zenit.org ein Aufsehen erregendes Interview mit Kardinal Kasper, von dem vor allem ein Satz einschlug wie eine Bombe: "Die Afrikaner sollen nicht zu sehr versuchen, uns zu sagen, was wir tun sollen." Unabhängig vom Kontext betrachtet, vermittelt dieser Satz den Eindruck einer so empörenden Arroganz, dass man sich selbst dann, wenn man Kardinal Kasper von vornherein nicht sonderlich wohlgesonnen war, nur ungläubig die Augen reiben konnte. Schauen wir uns die Aussage trotzdem mal im Kontext an. Danach befragt, wie die Synode denn so laufe, äußerte Kardinal Kasper sich zuversichtlich, dass man auf einem - aus seiner Sicht - guten Weg zur "Öffnung" sei; der Papst wolle diese Öffnung, und eine Mehrheit der Synodenväter unterstütze sie. Auf die Nachfrage, ob es denn nicht auch Widerstände gebe, kam Kardinal Kasper auf die afrikanischen Bischöfe zu sprechen: Mit denen könne man über bestimmte Themen einfach nicht reden - vor allem über Homosexualität, da diese in Afrika, wie auch in Teilen Asiens, vor allem in muslimisch geprägten Ländern, einfach ein Tabuthema sei. Diese Einschätzung gipfelte dann in der Aussage, "die Afrikaner" sollten "uns" nicht sagen, was "wir" zu tun hätten.

Ebenso wie viele andere zögerte auch ich nicht, via Twitter und Facebook meiner Empörung über dieses - wie ich es ad hoc formulierte - "besonders unschöne Zusammentreffen von Eurozentrismus und Egozentrismus" Ausdruck zu verleihen. Andere drückten sich - z.T. in Antworten auf meine Beiträge - noch deutlicher aus und klassifizierten Kardinal Kaspers Einlassungen unverhohlen als rassistisch (eine Einschätzung, die ich vorübergehend etwas unüberlegt übernahm, einen Facebook-Beitrag dieses Inhalts dann aber wieder zurückzog.). Andererseits fehlte es auch nicht an Stimmen, die den emeritierten Kurienkardinal in Schutz nahmen. Dass Homosexualität in Afrika ein Tabuthema sei, sei ja wohl kaum von der Hand zu weisen; zumindest sei es um die Akzeptanz von Homosexualität dort ohne Zweifel erheblich schlechter bestellt als hierzulande. Und wenn oder falls Kardinal Kasper mit seiner Interviewaussage nichts Anderes gemeint habe als "Dass Homosexualität in Afrika ein Tabuthema ist, kann und darf für die Synode kein Grund sein, sie ebenfalls als Tabuthema zu behandeln", dann habe er doch nicht so unrecht. - Darauf kann man im Grunde nur erwidern: Ein in sich richtiger Satz ist dennoch falsch, wenn er von falschen Prämissen ausgeht. Selbst wenn - was ich schon als eine äußerst wohlwollende Interpretation ansehen würde - Kardinal Kasper es so gemeint hätte, wäre es immer noch eine Unverschämtheit den afrikanischen Bischöfen gegenüber, ihre Einwände gegen die Relatio, oder auch insgesamt ihre Beiträge zur Synode, darauf zu reduzieren, dass sie einfach ein Problem mit dem Thema Homosexualität hätten. Damit werden die Stellungnahmen der afrikanischen Bischöfe pauschal delegitimiert, ihnen wird rundheraus die Diskussionsfähigkeit abgesprochen, die Ansichten der Afrikaner werden als irrelevant für die übrige Weltkirche dargestellt. Man kann die Interviewsätze hin und her wenden wie man will - diese implizite Aussage wird man nicht los.


Dass praktisch unmittelbar nach der Veröffentlichung dieses Interviews der schon erwähnte südafrikanische Kardinal Napier von Papst Franziskus in das Redaktionskomitee für das Abschlussdokument der Weltbischofssynode berufen wurde, sahen manche Beobachter als Reaktion des Papstes auf Kaspers Einlassungen. Mitten in solche Diskussionen hinein platzte jedoch die nächste Bombe: Kardinal Kasper dementierte die ihm zugeschriebenen Äußerungen. Er habe sich nie in solcher Weise über seine afrikanischen Mitbrüder im Bischofsamt geäußert und würde das auch nie tun, ja, er sei "schockiert", dass ihm solche Aussagen in den Mund gelegt würden. Einen Moment lang fand ich, diese scharfe Distanzierung von den umstrittenen Interviewaussagen müsste doch eigentlich extrem peinlich für diejenigen sein, die ebendiese Aussagen noch verteidigt hatten. Aber dieser Aspekt rückte völlig in den Hintergrund gegenüber einem anderen: Kardinal Kasper begnügte sich nicht damit, zu sagen, er wäre missverstanden oder tendenziös bzw. sinnentstellend zitiert worden, sondern erklärte, er habe das inkriminierte Interview überhaupt nicht gegeben. Plötzlich sah es nach einem handfesten Presseskandal aus, und zenit.org hatte den Schwarzen Peter. Dass das Interview kurz darauf offline gestellt wurde, sah zunächst einmal nach einem Schuldeingeständnis aus.

Stunden später stellte der Journalist Edward Pentin den auf seinem iPhone gespeicherten Audio-Mitschnitt seines Gesprächs mit Kardinal Kasper ins Netz. 

Anhand dieser Aufzeichnung konnte sich jeder Internet-Nutzer persönlich davon überzeugen, dass es sich bei dem Interview, wie es auf zenit.org erschienen war, um eine nur moderat sprächlich geglättete Wiedergabe des authentischen Wortlauts handelte - wobei die wenigen Formulierungen, die nicht wortwörtlich von Kasper stammten, sogar durch eckige Klammern kenntlich gemacht worden waren, was durchaus nicht selbstverständlich ist.
Gleichwohl ging aus Pentins Anmerkungen zu seiner Veröffentlichung des Audio-Mitschnitts hervor, dass Kardinal Kasper zumindest in einem Punkt seines Dementis die Wahrheit gesagt hatte: nämlich, dass er zenit.org kein Interview gegeben habe. Pentin hatte sich ihm - wie man am Anfang der Aufzeichnung hören kann - als Journalist vom National Catholic Register vorgestellt, ein Periodikum, für das er tatsächlich unter anderem auch schreibt. Laut eigener Aussage hat er erst später entschieden, das Gespräch nicht für einen Beitrag im Register zu verwenden, sondern in voller Länge auf zenit.org zu veröffentlichen. -- Offenkundig ist es weiterhin, dass es sich nicht um ein autorisiertes Interview, ja im klassischen Sinne überhaupt nicht um ein "Interview" handelt: Pentin und zwei Journalistenkollegen, eine Französin und ein Brite, waren auf Kardinal Kasper zugegangen, nachdem dieser die Synodenaula verlassen hatte, und hatten ihm in informellem Tonfall Fragen gestellt. Pentin beteuert jedoch, er habe das Gespräch nicht etwa heimlich, sondern offen erkennbar mit seinem iPhone aufgezeichnet; dies und die Tatsache, dass er und seine Begleiter sich als Journalisten zu erkennen gegeben haben, hätte es für Kardinal Kasper ersichtlich machen können oder müssen, dass seine Äußerungen veröffentlicht werden könnten. Hätte der Kardinal dies nicht gewollt, so argumentiert Pentin, dann hätte er das ausdrücklich sagen müssen. - Man mag hier argwöhnen, dass Pentin - der in den Äußerungen Kaspers, die er aufgezeichnet hatte, offensichtlich eine Sensation witterte, und wie sich gezeigt hat, zu Recht - sich absichtlich blauäugig gibt. Man kann der Auffassung sein, es sei nicht gerade die feine journalistische Art, einer Persönlichkeit von Rang und Einfluss auf offener Straße (man hört im Hintergrund Verkehrsgeräusche) einige unbedachte Äußerungen zu entlocken und diese dann als "Interview" zu veröffentlichen. Auf Facebook wurde gewitzelt, das seien ja geradezu "SPIEGEL-Methoden", und Kardinal Kasper sei "getebartzt" worden. Andererseits scheint Pentins Aussage "His Eminence appeared happy to talk with us" kaum von der Hand zu weisen - jedenfalls hört Kardinal Kasper sich auf der Aufnahme ganz danach an. Bei seinen despektierlichen Äußerungen über die afrikanischen Bischöfe lacht er sogar.

Es ist sicher müßig, darüber zu spekulieren, warum Kardinal Kasper während des Gesprächs mit Pentin und dessen Kollegen offenbar der Meinung war, "unter Freunden" zu sein. Ob er vielleicht das National Catholic Register, als dessen Mitarbeiter Pentin sich ihm vorgestellt hatte, mit dem bekanntermaßen liberalen bis kirchenkritischen National Catholic Reporter verwechselt hatte. Darauf kommt es letztlich nicht an. Kaum glaublich erscheint es jedoch, dass der emeritierte Kurienkardinal innerhalb so kurzer Zeit vergessen haben sollte, dass er dieses Gespräch geführt und was er darin gesagt hat. Insofern erscheint sein Dementi vom Donnerstag als kaum begreiflicher grober Fehler. Wieso bestritt er, diese Aussagen getätigt zu haben, wenn er doch damit rechnen musste, dass es Beweismaterial gäbe? Wieso erklärte er nicht stattdessen, er sei schlicht missverstanden worden (was man ihm umso eher geglaubt hätte, als das Gespräch auf Englisch geführt worden war)? - Nun, dann hätte er erklären müssen, was er eigentlich gemeint hat. Und wie schwer es ist, darauf eine befriedigende Antwort zu finden, beweist sein jüngstes Interview mit Radio Vatikan. Unter dem Motto "Ich habe nichts gegen afrikanische Bischöfe, einige meiner besten Freunde sind afrikanische Bischöfe" wehrt er sich dort vor allem gegen den Vorwurf des Rassismus:
"Es liegt mir natürlich jeder Rassismus völlig fern. Ich war in 15 Ländern in Afrika, in manchen mehrfach [...]. Ich bin mit sehr vielen afrikanischen Bischöfen befreundet."
Dass Seine Eminenz den Vorwurf des Rassismus nicht auf sich sitzen lassen will, ist mehr als verständlich. Dieser Vorwurf ist auch tatsächlich überzogen bzw. geht am Kern der Sache vorbei. Schließlich spricht der Kardinal in dem umstrittenen Interview von kulturellen Unterschieden zwischen Afrika und der westlichen Welt, und nicht etwa davon, dass die Afrikaner von Natur aus diese oder jene Eigenarten hätten. Aber Rassismus hin oder her: Wie hat Kardinal Kasper seine Äußerungen über die afrikanischen Bischöfe denn nun wirklich gemeint?
"Ich würde sagen [...], dass wir uns nicht einmischen in Afrika und es natürlich für die Afrikaner schwierig ist, unsere Situation zu beurteilen." 
Na, das klingt ja gleich viel netter. Oberflächlich betrachtet jedenfalls. Trotzdem gibt es auch in dieser Version der Aussage noch ein "Wir" auf der einen Seite und "die Afrikaner" auf der anderen. Wer auch immer "wir" sind: die Afrikaner gehören nicht dazu. Halten wir in diesem Zusammenhang bitte fest, dass Kasper seine Aussagen nicht im Kontext einer Bischofssynode der westlichen Industrienationen getätigt hat, sondern im Kontext einer Weltbischofssynode. Trotzdem nimmt Kardinal Kasper als das eigentliche Subjekt dieser Synode ein "Wir" an, aus dem die Afrikaner ausgeschlossen bleiben. Die können ihre Angelegenheiten in ihren lokalen Bischofskonferenzen klären, aber hier, bei der Synode, haben "wir" das Sagen. -- Dieser bornierte Eurozentrismus klebt so unerbittlich an Kardinal Kaspers Sprache und Denken, dass er es selbst schon gar nicht mehr bemerkt. Gegenüber Radio Vatikan räumt er selbst ein:
"Nirgends ist die Kirche im letzten Jahrhundert so sehr gewachsen wie in Afrika. Sie haben recht, so aufzutreten. [...] Da ist lebendiger Glaube in Afrika. Da lebt das Christentum, mehr zum Teil als bei uns in Europa."
In der Tat: Schon jetzt lebt ein Sechstel aller Katholiken, das sind rund 171 Millionen Menschen, in Afrika; Schätzungen zufolge wird sich die Zahl der afrikanischen Katholiken bis zum Jahr 2030 verdoppeln und die der europäischen Katholiken übertreffen. Kann man diesen Umstand einerseits wahrnehmen und trotzdem Afrika nicht als gleichberechtigten Teil der Weltkirche akzeptieren wollen? Nein, kann man natürlich nicht. Daher stellt Kardinal Kasper gegenüber Radio Vatikan klar:
"Aber doch in keiner Weise würde ich sagen, dass die Afrikaner hier nichts zu melden hätten, das ist ja völlig unsinnig, das wäre gegen jede Kollegialität, die mir sehr am Herzen liegt."
Mit anderen Worten: Völlig undenkbar, dass er so etwas gesagt haben könnte. Aber er hat es eben doch gesagt. Dass er sich selbst über die Implikationen dessen, was er daherredet, nicht im Klaren ist, will ich ihm gern glauben, aber das macht die Sache eher schlimmer als besser. Und sein Beharren darauf, nicht gesagt zu haben, was er nachweislich gesagt hat, ist seiner Glaubwürdigkeit wohl kaum förderlich.

Eigentlich fast schade, dass er schon emeritiert ist und somit kein Amt mehr hat, von dem er zurücktreten könnte. 

Sonntag, 12. Oktober 2014

Wo Zirkus Raum gewinnt

Gestern war ich Döner essen, bei mir um die Ecke. In diesem Imbiss liegt gewöhnlich der Berliner Kurier aus - eine Zeitung, die ich sonst nicht zu lesen pflege, aber wo sie schon mal vor meiner Nase lag, blätterte ich doch ein wenig darin, während ich auf mein Essen wartete. Dabei fiel mir eine Kurznotiz ins Auge, die vom geplanten oder zumindest angedachten Umzug eines Kinder- und Jugendzirkus in eine "ungenutzte Kirche" berichtete. Was mich daran verblüffte, war der Umstand, dass es sich bei dieser "ungenutzten Kirche" um St. Pius in der Palisadenstraße in Friedrichshain handeln sollte - die aber, wie ich aus persönlicher Erfahrung weiß, durchaus nicht "ungenutzt" ist: ich gehe dort meist sonntags in die Frühmesse, gelegentlich auch mittwochs in die Abendmesse. Zunächst nahm ich daher an, es handle sich womöglich um eine Verwechslung. Eine kurze Internetrecherche ergab jedoch, dass u.a. auch die Berliner Zeitung, die Welt und der Focus von einem möglichen Umzug des Kinder- und Jugendzirkus Cabuwazi in die Kirche St. Pius berichteten. Und überall war von einer "leerstehenden" Kirche die rede. Nun gut: Offenbar hatten alle diese Blätter dieselbe Agenturmeldung übernommen. Aber etwas verwunderlich fand ich es dann doch, dass es nicht einmal vor Ort ansässigen Zeitungen aufgefallen war, dass es sich mitnichten um eine leerstehende Kirche handelt. 

St. Pius war auf dem Gebiet des heutigen Stadtteils Friedrichshain die erste katholische Kirche seit der Reformation: Angesichts des rapide ansteigenden katholischen Bevölkerungsanteils wurde 1873, ausgerechnet auf dem Höhepunkt des "Kulturkampfs" in Preußen, die zunächst noch der Domgemeinde St. Hedwig zugeordnete Pius-Kapelle errichtet - offiziell benannt nach dem Hl. Papst Pius V., aber es ist einigermaßen offensichtlich, dass die Namensgebung auch mit Blick auf den damals amtierenden Papst Pius IX. erfolgte. Ab 1888 war St. Pius eine selbständige Pfarrgemeinde; das heutige Kirchengebäude wurde ab 1889 am Standort der bisherigen Kapelle erbaut und 1894 eingeweiht. Der weithin sichtbare, ursprünglich stolze 96 Meter hohe Kirchturm wurde 1958/59 um 30 Meter gekürzt, damit er die neu errichteten Bauten der Stalinallee nicht überragt. 
Im Jahr 2003 wurde St. Pius mit der benachbarten Pfarrei St. Antonius zusammengelegt, behielt aber den Status der Pfarrkirche. Derzeit wird dort dreimal in der Woche die Heilige Messe gefeiert. 

Und was hat es nun mit der Meldung auf sich, dass ein Zirkus in diese altehrwürdige Kirche einziehen soll? - Wäre ich am 28. September beim Kirchweihfest gewesen, hätte ich schon früher davon erfahren; so aber musste ich heute nach der Frühmesse erst einmal ein paar Gespräche führen, um mich zu informieren. (Es ist daher möglich, dass meine Informationen unvollständig und ungenau sind; für Korrekturen und Ergänzungen wäre ich ausgesprochen dankbar.) -- Ganz simpel ausgedrückt, ist die Pfarrkirche schlichtweg zu groß für ihre kleine Gemeinde geworden - und das nicht nur hinsichtlich der Quadratmeterzahl: Die Pfarrei hat sich nicht mehr in der Lage gesehen, die Betriebskosten und den erheblichen Renovierungsbedarf der Kirche zu stemmen - die Rede ist von Kosten in Höhe von zwei Millionen Euro -, und hat das Gebäude samt Grundstück daher zum symbolischen Preis von einem Euro an das Erzbischöfliche Ordinariat verkauft. 

Derweil wurde dem seit 20 Jahren existierenden Kinder- und Jugendzirkus Cabuwazi sein Zeltstandort am Ostbahnhof gekündigt. Cabuwazi, 1994 in Berlin-Treptow aus einem zwei Jahre zuvor spontan ins Leben gerufenen Einrad-Workshop entstanden und mittlerweile an fünf Standorten in verschiedenen Berliner Stadtteilen aktiv, versteht sich als "Jugendkulturbetrieb mit sozialen und pädagogischen Zielen", der sich u.a. der Gewalt- und Suchtprävention, der sozialen Integration, kulturellen Bildung und der individuellen Gesundheitsförderung widmet und laut Agenturmeldung "jährlich [...] 5000 Kindern aus bildungsfernen Familien die Chance zum Mitmachen" bietet. Im Stadtteil Friedrichshain  hatte der Zirkus bis November 2013 einen pachtfreien Nutzungsvertrag für ein der Post AG gehörendes Gelände am Ostbahnhof, aber dann verkaufte die Post das Grundstück, und der neue Eigentümer ist nicht bereit, die bisherige Regelung weiterzuführen. Somit stand das Friedrichshainer Standbein des Zirkus Cabuwazi nach über fünf Jahren praktisch vor dem Aus. Aber dann hieß es, das Erzbischöfliche Ordinariat "überlege", dem Zirkus die Piuskirche samt Grundstück zur Verfügung zu stellen. 

Aus Sicht des Zirkus wäre dies eine ausgezeichnete Lösung, nicht zuletzt auch angesichts der Nähe zum bisherigen Standort: 
"Der große Vorteil an der Kirche als neuer [sic] Standort sei, dass die Kinder aus dem Viertel hinter dem Ostbahnhof weiter zu Fuß zum Zirkus-Training kommen könnten. Außerdem ließen sich die Kooperationen mit den umliegenden Schulen gut fortsetzen." 
Dass gerade die Katholische Kirche sich des Standortproblems von Cabuwazi annimmt, scheint keinesfalls von ungefähr zu kommen: Der Kinder- und Jugendzirkus arbeitet schon länger auf verschiedenen Ebenen mit kirchlichen Einrichtungen zusammen. So leben am bisherigen Friedrichshainer Cabuwazi-Standort vier Schwestern der Gemeinschaft der Kleinen Schwestern Jesu und widmen sich dort der Obdachlosen-Seelsorge; im Stadtteil Marzahn betreibt der Zirkus seit 2005 gemeinsam mit den Salesianern Don Boscos und den Schwestern der Hl, Maria Magdalena Posel (SMMP) ein Berufsqualifizierungs- und Orientierungsprojekt für Jugendliche

Ist der mögliche Einzug des Zirkus Cabuwazi in die Piuskirche somit "a match made in Heaven"? - Vielleicht, aber nicht unbedingt. Fragen bleiben bestehen, in erster Linie deshalb, weil St. Pius eben nicht, wie in der Presse fälschlich behauptet wurde, "leer steht". Es erscheint ungewiss, ob und in wieweit eine Nutzung der Kirchenräume durch den Zirkus sich mit der Nutzung durch die Pfarrgemeinde unter einen Hut bringen lässt. Wie man hört, könnte es darauf hinauslaufen, dass für die Feier der Heiligen Messe künftig nur noch eine kleine Seitenkapelle zur Verfügung steht. (Wobei man einräumen muss, dass genau dies in den Wintermonaten ohnehin bereits der Fall ist, da das Hauptschiff nicht beheizbar ist.) Zudem erscheint es unklar, ob das Erzbischöfliche Ordinariat während der Sedisvakanz des Erzbischöflichen Stuhls überhaupt befugt ist, über eine veränderte Nutzung der Kirche zu entscheiden. Nach meinem bisherigen Informationsstand ist es fraglich, ob der kürzlich verabschiedete Erzbischof Kardinal Woelki noch während seiner Amtszeit grünes Licht für eine solche Entscheidung gegeben hat. Ist dies nicht der Fall, wird wohl der künftige Erzbischof hier noch ein Wörtchen mitzureden haben. 

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Robusta 2014: Es wird ernst!

Es ist Preisverleihungssaison in der Blogoezese, und die Vorbereitungen schreiten wacker voran. Bereits am vergangenen Freitag - nach einer zweieinhalbtägigen Fristverlängerung - sind die Nominierungen für die 15 Preiskategorien des Schwester-Robusta-Preises der deutschsprachigen Blogoezese 2014  bekannt gegeben worden, außerdem wurden schon einige Sonderpreise vergeben. Und nun wartet die Blogoezese gebannt auf den Beginn der Abstimmungsphase! 

Insgesamt wurden 98 Blogs nominiert. Das sind weniger als bei der Robusta 2012, aber es ist immer noch eine ganz schön beachtliche Zahl. Darunter sind viele, von denen ich - wie ich gestehen muss - noch nie etwas gehört bzw. gelesen habe. Aber das lässt sich ja noch nachholen... 

Andererseits sind aber natürlich auch die "üblichen Verdächtigen" wieder stark vertreten. Während der Großteil der nominierten Blogs, nämlich 57 an der Zahl, "nur" in jeweils einer der Kategorien auftaucht (und 17 weitere in je zweien), haben drei Blogs gleich in jeweils sechs Kategorien die Nominierung geschafft: nämlich Geistbraus, der Thomasleser - und Erzblogger Alipius, der es mit seinem Geniestreich, im laufenden Jahr einen neuen Blog zu starten, sogar in die Newcomer-Kategorie "Frische" geschafft hat. Tja, ein altgedienter Blogger kennt alle Tricks! Zusätzlich zum bunten Strauß an Nominierungen haben Geistbraus und der Thomasleser auch noch jeweils einen Sonderpreis abgegriffen - und Alipius sogar deren zwei. Knapp hinter diesem Dreigestirn rangieren, was die Anzahl der Nominierungen in verschiedenen Kategorien angeht, drei weitere Blogs mit jeweils fünf Nominierungen. Und das sind: Invenimus Messiam, JoBo72's Weblog... und ich.

Ja ist es denn die Möglichkeit?

Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Bin ziemlich platt. Freue mich aber wie verrückt. Nun gut, jetzt gilt es natürlich die Abstimmungsergebnisse abzuwarten. Und ich muss zugeben, dass ich mich vor allem in der Kategorie "Qualität" neben Blogger-Größen wie Josef Bordat, Alipius, Cicero und dem Bloggerduo von Echo Romeo als krasser Außenseiter sehe. In der Kategorie "Zwerchfell", mit der ich zugegebenermaßen besonders liebäugle, ist die Konkurrenz nicht weniger stark (es ist sogar ziemlich weitgehend dieselbe...), und in der Kategorie "Großmaul" dürften neun der zehn Nominierten ohnehin bestenfalls um den zweiten und dritten Platz hinter Geistbraus konkurrieren. Aber warten wir's mal ab - das letzte Wort hat schließlich der Wähler...

(Also Ihr, liebe Leser!! :D )

Sobald die Stimmabgabe eröffnet wird, werde ich die Werbetrommel weiterrühren... 

Sonntag, 5. Oktober 2014

Vandalismus mit gutem Gewissen

Haben eigentlich in jüngster Zeit mal christliche Fundamentalisten und/oder andere "selbsternannte Lebensschützer" Apotheken verwüstet, weil dort die "Pille danach" verkauft wird? Könnte ja sein. Christlichen Fundamentalisten ist ja prinzipiell alles zuzutrauen. Die schießen ja auch aus dem Hinterhalt auf Ärzte, die Abtreibungen durchführen. Hab ich jedenfalls mal gehört. Belegen kann ich's nicht, aber im Internet ließe sich da sicher eine Quelle finden, und wenn nicht, auch nicht schlimm: Wenn man's nur mit genügend Überzeugung behauptet, wird's einem schon geglaubt werden. Denn, wie meine Freundin Kati neulich mal ironisch anmerkte: 
"Na klar, ihr seid Christen. Ihr hasst doch alle. Steht ja schon so in der Bibel: 'Hasse deinen Nächsten'!"
Nun aber mal im Ernst: Nein, ich habe nichts davon gehört, dass christliche Lebensschützer eine Apotheke verwüstet hätten, in der die "Pille danach" verkauft wird. Ich kann leider nicht ausschließen, dass so etwas passieren könnte. Christen und Lebensschützer sind schließlich auch nur Menschen, und Menschen ist so Einiges zuzutrauen, im Guten wie im Bösen. Deshalb distanziere ich mich lieber schon mal vorsorglich davon. Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ich würde eine solche Tat entschieden verurteilen. Ich fände sie falsch, verwerflich und völlig inakzeptabel. Ich glaube aber, wäre so etwas in jüngerer Zeit und hierzulande, womöglich sogar hierzustadt geschehen, hätte man sicher davon gehört. Das wäre doch ein Riesenskandal gewesen.

Wovon ich jedoch gehört habe und was interessanterweise kein Riesenskandal ist, ist der exakt umgekehrte Fall: In der Nacht vom 25. auf den 26. September wurde eine Apotheke in Berlin-Neukölln mit "Farbbomben" attackiert, und kurz darauf erschien auf der Online-Plattform antifa-berlin.info ein Bekennerschreiben
"der katholische eigentümer [...] ist der meinung 'aus gewissensgründen' die pille danach nicht verkaufen zu können. auch sonst tut er sich als fanatischer lebensschützer hervor. wer 'aus gewissensgründen' meint frauen das recht auf selbstbestimmung streitig machen zu müssen, darf sich nicht wundern, wenn er 'aus gewissensgründen' seinen laden demoliert bekommt."
Aha. Soso. Schon klar: Macht kaputt, was euch kaputt macht. Rund eine Woche zuvor hatte bereits die Herz-Jesu-Kirche in Prenzlauer Berg "nächtlichen Besuch" bekommen und wurde "mit Hammer und Farbe angegriffen", wie es im Bekennerschreiben einer so genannten "AG Savita Halappanawar" heißt. Genauer gesagt wurde dort eine Fensterscheibe eingeschlagen und zwei mit roter Farbe gefüllte Flaschen hineingeworfen, zudem wurde die Fassade mit Graffiti beschmiert. 






Der Farbflaschenanschlag traf nicht den eigentlichen Kirchenraum, sondern angrenzende Räumlichkeiten, die vom Bundesverband Lebensrecht - dem Veranstalter des in einschlägigen Kreisen berüchtigten Marschs für das Leben - und dem Verein KALEB genutzt werden. Das - wenn man so will - Ironische daran ist, dass die Räume, die durch die mit den Splittern der geborstenen Flaschen durchsetzte Lackfarbe unbrauchbar gemacht wurden, eine Beratungsstelle für Schwangere in Konfliktsituationen sowie eine Kleiderkammer mit Säuglingsausstattung beherbergten. Die "AG Savita Halappanawar" und ihre Gesinnungsgenoss_innen dürfte das allerdings kaum anfechten; kann es doch kaum in ihrem Sinne sein, wenn schwangere Frauen in Konfliktsituationen ausgerechnet bei den Lebensschützern Rat und Hilfe suchen. Die Schwangerenkonfliktberatung von KALEB und ähnlichen Vereinen zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass dort keine Beratungsscheine ausgestellt sind, die in Deutschland Voraussetzung für eine straffreie Abtreibung sind; ausdrückliches Ziel der Beratungstätigkeit dieser Vereine ist es, Abtreibungen zu verhindern. Aus Sicht ihrer Gegner ein massiver Verstoß gegen das "Selbstbestimmungsrecht der Frau" - eventuelle Rechte des ungeborenen Kindes kommen demgegenüber nicht in Betracht.

Der Fall des Neuköllner Apothekers liegt ähnlich. Dass dieser, ein gläubiger Katholik, die "Pille danach" wegen ihrer möglichen frühabtreibenden Wirkung ablehnt und es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, sie seinen Kunden zu verkaufen - und dass er diese Weigerung und seine Beweggründe dafür ganz offen kommuniziert, anstatt sich etwa immer dann, wenn jemand bei ihm nach dem betreffenden Medikament fragt, damit herauszureden, er habe es gerade nicht vorrätig -, macht ihn in gewissen Kreisen zum Freiwild: Seine Apotheke wurde in den letzten Jahren schon mehrfach und sogar mit einer gewissen Regelmäßigkeit Ziel von Anschlägen, vor allem im Vorfeld des Internationalen Frauentags bzw. "Frauenkampftags" am 8. März. Die Vorderfront der Apotheke mit (i.d.R. roter) Farbe zu besudeln, gehört bei diesen Anschlägen zum Standard; hin und wieder gehen auch Fensterscheiben zu Bruch. Der jeweils entstehende Sachschaden ist so oder so erheblich. Dass es im laufenden Jahr zusätzlich zur fast schon traditionellen Attacke im März noch eine weitere im September gab, stellen die Verfasser_innen des oben bereits zitierten Bekennerschreibens selbst in den Kontext der massiven Mobilisierung gegen den Marsch für das Leben:
"mit dieser kleinen aktion grüßen wir die proteste gegen den diesjährigen 'marsch für das leben'."
Was allerdings noch nicht direkt eine Antwort auf die Frage darstellt: Womit wird dieser Terror (ja, es IST Terror, ein passenderes Wort gibt es dafür nicht) gegen den Apotheker eigentlich begründet bzw. gerechtfertigt? 

Wie wir gesehen haben, gibt das Bekennerschreiben darauf eine lapidare Antwort: Mit seiner Weigerung, die "Pille danach" zu verkaufen, missachtet der Apotheker das Recht der Frauen auf körperliche Selbstbestimmung. Ein Recht, das, wie es scheint,  seine höchste Erfüllung darin findet, jederzeit Sex haben zu können, ohne dabei das Risiko in Kauf nehmen zu müssen, womöglich ein Kind zu bekommen. Vor diesem hehren Recht müssen alle anderen Rechte zurückstehen, das Lebensrecht eines eventuellen "versehentlich" gezeugten Kindes wie auch das Recht eines Apothekers, im Kreuzberg-Neuköllner Kiez unbehelligt sein Geschäft zu betreiben. Klingt einleuchtend, oder? 

Nun ja, vielleicht auch nicht. Der Fall des Apothekers, der dem wiederholten Terror gegen sein Geschäft trotzt und weder seine ablehnende Haltung zur "Pille danach" noch gar den Standort seiner Apotheke aufzugeben bereit ist, hat schon mehrfach öffentliche Beachtung gefunden. Josef Bordat widmete ihm ein Unterkapitel seines Buches Das Gewissen (und veröffentlichte diesen Auszug auch in seinem Blog); über eine Farbattacke in der Nacht vom 4. auf den 5. März 2014 berichteten u.a. die Berliner Zeitung, der Tagesspiegel, die Deutsche Apotheker Zeitung und das Branchenblatt apotheke adhoc. Wie man beispielsweise an den Leserkommentaren in den beiden Apothekenzeitschriften ablesen kann, sind die Meinungen über den Fall geteilt. Die Frage, ob es legitim sei, dem Apotheker den Laden zu demolieren, wird dabei kaum diskutiert - woraus man mit etwas gutem Willen schließen kann, es sei für die meisten Beobachter selbstverständlich, solche Gewaltmaßnahmen nicht gutzuheißen. (Wobei: Dann könnte oder müsste man sich eigentlich umso mehr darüber verwundern, wie kühl und quasi achselzuckend der Umstand aufgenommen wird, dass solche Gewalttaten eben doch verübt werden.) Erheblich kontroverser diskutiert wird die Frage, ob und inwieweit der Apotheker eigentlich tatsächlich im Unrecht ist. Diese Frage ist tatsächlich nicht so leicht zu beantworten. Handelte es sich um einen normalen Einzelhändler, wäre die Sachlage eindeutig: Ein solcher kann sich ganz nach eigenem Gutdünken dazu entscheiden, bestimmte Waren nicht in seinem Sortiment zu führen - das fällt unter die Vertragsfreiheit. Für Apotheker gilt das nicht in demselben Maße, denn diese sind dazu verpflichtet, die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Dennoch hat die Berliner Apothekerkammer bislang keine Veranlassung gesehen, gegen den Pille-danach-Verweigerer vorzugehen. Diesen Umstand kann man dahingehend interpretieren, dass im Sinne einer Rechtsgüterabwägung der Gewissensfreiheit des Apothekers das Übergewicht über seine Pflicht zur Gewährleistung der medizinischen Versorgung eingeräumt wird. Das sähe vermutlich anders aus, wenn er der einzige Apotheker am Ort wäre; tatsächlich weist das Branchenverzeichnis aber allein für den Bezirk Neukölln nicht weniger als 70 Apotheken aus. Die objektive Verschlechterung der medizinischen Versorgungslage, die dem Apotheker anzulasten wäre - und somit auch die ihm vorgeworfene Verletzung des "Rechts auf Selbstbestimmung" - beschränkt sich somit in der Praxis darauf, dass diejenigen Frauen, für die ausgerechnet diese Apotheke die am einfachsten erreichbare wäre, einen etwas weiteren Weg auf sich nehmen müssen, wenn sie die "Pille danach" benötigen. Im Grunde also eine Lappalie. Aber es ist ja recht offensichtlich, dass es darum gar nicht geht.

-- Sondern genau worum? - Darum, dass der Apotheker offen für das Anliegen des Lebensschutzes eintritt. Seine Haltung zur "Pille danach" begründet er auf einem Aushang im Schaufenster seines Geschäfts. Angeblich legt er auch denjenigen Verhütungsmitteln, die man bei ihm sehr wohl bekommen kann, Informationsblättchen bei, die die Lehre der Katholischen Kirche zum Thema Empfängnisverhütung erläutern. Kurz, er ist ein "christlicher Fanatiker" - und das ist gewissen Kreisen offensichtlich Grund genug, ihn in "ihrem Kiez" nicht dulden zu wollen. Einfach nichts bei ihm kaufen, womöglich auch zum Boykott seiner Apotheke aufrufen? - Genügt nicht, er muss aktiv bekämpft werden, um ein Zeichen gegen derart frauenverachtende Fundis zu setzen.

Die Parallelen zum Anschlag auf die Herz-Jesu-Kirche und zu den Störaktionen gegen den Marsch für das Leben wären auch dann offensichtlich, wenn das Bekennerschreiben zum Apotheken-Anschlag nicht ausdrücklich auf letztere Bezug nähme. Das gemeinsame Schema dieser Aktionen lautet: Wer Schwangerschaftskonfliktberatungen ohne Beratungsschein anbietet, die Abgabe der "Pille danach" ablehnt oder ganz allgemein der Auffassung ist, das menschliche Leben sei ab dem Moment der Zeugung prinzipiell schützenswert, ist ein "christlicher Fanatiker" bzw. "Fundamentalist", und wo diese sich sich anschicken, ihre Überzeugungen öffentlich zu vertreten, da erscheint es nicht nur legitim, sondern sogar geboten, sie gewaltsam daran zu hindern. Gern wird dabei sogar eine Art Notwehrsituation konstruiert: Die eigentlichen Aggressoren sind die, die das "Recht auf (körperliche und/oder sexuelle) Selbstbestimmung" nicht als das höchste aller Rechte anerkennen - "Fanatiker" und "Fundis" eben. Denen muss Einhalt geboten werden, mit allen Mitteln. Ein anonymer Kommentator meines Blogartikels zum diesjährigen Marsch für das Leben wies mich kürzlich darauf hin, dass es Menschen gebe, die sich von "Typen wie mir" "massivst bedroht fühlen". Gefühl ist da freilich alles - wohingegen man meinen könnte, Menschen, die die Fensterscheiben eingeworfen oder wahlweise mit roter Farbe zugeschmiert bekommen, hätten allen Grund, sich nicht nur bedroht zu fühlen. Aber, ich vergaß: Die sind ja selber schuld und verdienen es nicht besser.

Dass es einigen militante Gruppen von Lebensschutz-Gegnern so sehr an Unrechtsbewusstseins und am Sinn für Verhältnismäßigkeit  mangelt, dass sie öffentlich über Gewalttaten wie die oben geschilderten jubeln und triumphieren, finde ich fast noch schockierender als die Gewalttaten selbst. Die Täter und deren Gleichgesinnte fühlen sich offenkundig so sehr im Recht, dass ihnen gar nicht in den Sinn kommt, dass Rechte per definitionem etwas sind, was auch andere haben. Zuweilen scheint es mir, dass der politisch-ideologische Kontext, in den diese - sagen wir mal: Aktivist_innen - sich einordnen, lediglich eine vordergründige Legitimationsfunktion erfüllt; die dahinter stehende Geisteshaltung wirkt auf mich weniger politisch als vielmehr  egozentrisch und infantil - oder, wie ich es kürzlich in einem ebenfalls den Angriffen auf die Neuköllner Apotheke gewidmeten Blogbeitrag las: "nicht nazistisch, aber ungehemmt narzisstisch". Der eigene Egozentrismus wird zum "Recht auf Selbstbestimmung" aufgeblasen, demgegenüber kein anderes Recht Bestand haben kann und darf; und wer sich diesem entfesselten Selbstverwirklichungsdrang in den Weg stellt, hat selbst überhaupt keine Rechte mehr. Der ist einfach ein Feind und muss vernichtet werden.

Persönliches P.S.: 

Gestern Vormittag habe ich mich aufgemacht, dem angefeindeten Apotheker einen Solidaritätsbesuch abzustatten. Dabei habe ich mich übrigens davon überzeugen können, dass die betreffende Apotheke nur einen knapp fünfminütigen Fußweg von ZWEI anderen Apotheken entfernt liegt, aber wir haben ja schon festgestellt, dass es darum letztlich nicht geht. Die Apotheke zeigte nur noch relativ geringfügige Spuren des gut eine Woche zurückliegenden Farbanschlags; der finstere Fanatiker entpuppte sich als ein sehr freundlicher und zugänglicher Mensch und strahlte eine fast heitere Gelassenheit aus, die ich an jemandem, gegen den ein regelrechter Kleinkrieg geführt wird, recht beeindruckend fand. Als ich ihn auf den jüngsten Angriff auf sein Geschäft ansprach, erwiderte er, er hoffe natürlich, dass das irgendwann mal aufhöre, aber... Der Satz endete mit einem Achselzucken.
"Ich würde eigentlich gern mal mit diesen Leuten reden", fügte er hinzu.
"Wenn sie denn mit sich reden ließen", nickte ich.
Da ich augenblicklich keinen Bedarf an irgendwelchen Medikamenten hatte, dachte ich mir, kauf' ich mir wenigstens 'ne Rolle Traubenzuckerbonbons, wie früher in der Dorfapotheke meiner Kindheit. Der Apotheker bestand jedoch darauf, sie mir zu schenken.
So sind sie wohl, diese christlichen Fanatiker.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Dies ist dein Supermarkt, o Seele

Kann einem Blogger etwas Schöneres passieren, als dass er im Zuge einer Debatte in einem sozialen Netzwerk dazu aufgefordert bzw. darum gebeten wird, zu dem in Frage stehenden Thema etwas zu bloggen? -- Nun, wahrscheinlich schon; aber es gibt sicher Schlechteres. Auf jeden Fall hat mich diese vom Kollegen Christian Schröder von Manna-Magazin an mich herangetragene Aufforderung mit meinem Hader darüber versöhnt, dass ich es unlängst wieder mal nicht lassen konnte, auf Twitter eine kontroverse Diskussion vom Zaun zu brechen, während ich mich eigentlich auf die #Twomplet - das interaktive Twitter-Abendgebet, das ich an dem betreffenden Abend leiten sollte - hätte einstimmen sollen. Das innerliche "Umschalten" vom Debattiermodus zur andächtigen Stimmung gestaltete sich daraufhin nicht ganz komplikationsfrei, gelang aber letztlich doch.

Worum ging's? Ein mir persönlich überhaupt nicht, "virtuell" auch nur vergleichsweise flüchtig bekannter Twitterer, der u.a. im BDKJ aktiv ist, nahm gerade an einer Klausurtagung der Jugendseelsorgekonferenz (Juseko) des Bistums Essen zum Thema Jugendpastoral teil und teilte seine Eindrücke mit. Dabei erwischte mich die - vermutlich einem bei dieser Klausurtagung gehaltenen Vortrag o.ä. entnommene - Aussage 
"Kirche muss sich auf dem Markt beweisen"
irgendwie auf dem falschen Fuß, und ich konnte es mir nicht versagen, darauf zu antworten - zunächst nur mit der kritischen Nachfrage 
"Muss sie das? Mir bereitet die Formulierung Bauchschmerzen."
Mein Debattenpartner beharrte: 
"Ich finde schon! Kirche muss relevant bleiben, darf sich dabei aber auf keinen Fall selbst verlieren."
Innerlich seufzend darüber, wie perfekt der junge Kollege bereits den leidigen Funktionärssprech des deutschen Gremienkatholizismus beherrscht, schritt ich zu einer gewissen Verschärfung des Tons:
"Hier von einem Markt zu sprechen, zeigt m.E. ein völlig falsches Verständnis dessen an, was Kirche ist und sein soll."
An dieser Stelle nun schalteten sich verschiedene andere Twitter-Accounts in die Diskussion ein. So warf der Account eines Pfarreienverbunds aus dem Ruhrgebiet die Frage auf, ob ich womöglich "ein verzerrtes Verständnis von Markt" hätte, und definierte "Markt" bei dieser Gelegenheit als "Raum von Angebot und Nachfrage, Verhandlung und Austausch". Ich erwiderte trocken:
"Dieser Definition von 'Markt' stimme ich zu, und genau das stört mich daran."
Der twitternde Pfarreienverbund wurde darauf prompt ein wenig pampig:
"Wir bleiben besser unter uns? Wir ignorieren, dass wir in vielfältigen Beziehungen leben?"
Ich meldete verhaltenen Protest gegen dieses (Miss-)Verständnis meines Standpunktes an; wenig später meldete sich dann der gute Christian vom Manna-Magazin zu Wort, auf seine zumeist wohltuend unaufgeregte Art. -- Mit diesem jungen Mann stehe ich schon seit längerer Zeit auf Twitter und auch auf Facebook in Kontakt; wir sind uns selten einig über irgendetwas, aber irgendwo ist da dennoch eine gegenseitige Sympathie, die es erleichtert, gegensätzliche Standpunkte "auszuhalten" - und auch überhaupt erst mal ernst zu nehmen. So auch hier. Christian merkte an, einen "religiösen Markt" gebe es seines Erachtens "faktisch, egal ob man das gut findet"; ich konterte erst einmal humorig mit dem Hegel zugeschriebenen Bonmot "Umso schlimmer für die Fakten", aber Christian ließ sich nicht beirren und argumentierte, es handle sich um ein Faktum, zu dem sich die Kirche nolens volens irgendwie "verhalten" müsse:
"Egal was Kirche tut, sie agiert auf dem religiösen Markt. Ich finde, dann sollte sie es auch gut machen." 
Da ich mich noch immer nicht überzeugt zeigte, merkte Christian an, er begegne solchen Vorbehalten oft und verstehe sie meist nicht so recht; vielleicht könne ich dazu ja mal was bloggen.
Tja, und jetzt hab ich den Salat.

Es ist ja oft gar nicht so einfach, etwas erklären zu sollen, wovon man selbst findet, es bedürfe gar keiner Erklärung. Aber gut ist es doch. Es hilft, den eigenen Standpunkt zu überprüfen und gegebenenfalls zu schärfen. Ich hatte mal im privaten Kreis eine Diskussion, in deren Verlauf meine Gesprächspartnerin die Kirche als einen "Anbieter von Spiritualität" bezeichnete - für mich das Signal, die Diskussion abzubrechen, mit dem Hinweis, wenn sie dieses Verständnis voraussetze, habe es keinen Sinn, mit ihr über die Kirche zu sprechen. Aber wenn ich hier und jetzt ein bisschen "übe", fällt mir ja vielleicht beim nächsten Mal mehr dazu ein.

Halten wir also erst einmal fest: Ein Markt setzt Angebot und Nachfrage voraus. Die Frage, ob dabei das Angebot oder die Nachfrage das Primäre ist, kann man wohl mit gutem Recht als das Chicken-Egg-Dilemma der Wirtschaftswissenschaften bezeichnen. Auf den "Markt der Religionen" bezogen würden eingefleischte Religions- und Kirchenkritiker, die überzeugt sind, dass Religionen einzig der Unterdrückung und Ausbeutung der Menschen dienen, sicherlich angebotsorientiert argumentieren: Das Angebot schaffe sich  seine Nachfrage selbst. Zieht man es hingegen vor, nachfrageorientiert zu argumentieren, dann kann man zunächst einmal die These aufstellen: Die Existenz eines "religiösen Marktes" beweist, dass die Menschen - sogar im super-aufgeklärten und fortschrittlichen 21. Jahrhundert noch - metaphysische Bedürfnisse haben: Bedürfnisse, die durch rein irdische Güter nicht gestillt werden können. Man könnte auch sagen, sie haben ein Bedürfnis nach Transzendenz - nach Überschreitung der eigenen Existenz. Selbst dem eingefleischtesten Hedonisten mag es zuweilen dämmern, dass'n schicket Haus, schicket Auto, schicke Klamotten, Cocktails trinken auf Dachterrassen, viermal im Jahr Urlaub mit allen Schikanen, Bungee-Jumping, Fallschirmspringen, Intimpiercing und Schönheits-OPs nicht Alles im Leben sein können, womöglich gar, dass sie letztlich nur unzureichend einen existentiellen Mangel überdecken. Und da die Frage nach dem Sinn des Lebens offenbar nicht totzukriegen ist, existiert in der Tat ein florierender Markt für Sinn- und Transzendenzangebote, von den Legionen an Glücksratgebern ("Sorge dich nicht, umarme einen Baum") über Horoskope, Traumdeutung und Meditationstechniken bis hin zu Selbstfindungs-Pauschaltourismus und allem möglichen sonstigen esoterischen Klumpatsch. Die Forderung, auch die Kirche(n) sollte(n) auf diesem Markt kräftig mitmischen, scheint auf der Hand zu liegen - liefe man doch sonst Gefahr, die große Masse der Sinnsuchenden an fernöstliche Gurus und/oder eher westlich daherkommende Motivationstrainer zu verlieren. Und das kann ja nun keiner wollen.

Das Dilemma an dieser nachfrageorientierten Auffassung des "religiösen Marktes" ist nun allerdings, dass sie dem nach Sinn, Orientierung und Transzendenzerfahrung suchenden Menschen die Rolle des Konsumenten zuweist und ihm somit geradezu nahelegt, die diversen "Angebote" dieses Marktes eben auch als Konsumangebote, als Dienstleistungen gewissermaßen, zu betrachten und zu bewerten. Der Kunde ist König, und als solcher sucht er sich aus den ihm zur Verfügung stehenden Angeboten das heraus, was ihm am besten passt.

Ein klassisches Beispiel für einen solchen "nachfrageorientierten" Zugang zum Phänomen des religiösen Glaubens kann man, wenn man denn möchte, in der berühmten Ausgangsfrage der Theologie Martin Luthers erkennen: "Wie finde ich einen gnädigen Gott?" Das klingt von der Formulierung her schon stark nach einer typischen Konsumentenfrage, die man sich auch gut in einem Werbespot vorstellen könnte:
Junger, von Zweifeln geplagter Augustinermönch im Baumarkt, beladen mit allerlei Baumarktartikeln.
Mönch (auf seine Einkaufsliste schielend): Und wo finde ich einen gnädigen Gott?
Baumarktmitarbeiter: Bei Eisen-Karl... Oder bei OBI.
oder:
Junger, von Zweifeln geplagter Augustinermönch im Kosmetikstudio von Palmolive-Werbeikone "Tilly".
Mönch (schwer seufzend): Wie finde ich einen gnädigen Gott?
Tilly (begütigend seinen Handrücken tätschelnd): Sie baden gerade Ihre Hände drin.

Man mag hier an die meines Wissens erstmals von Wilhelm Heinrich Riehl in Die bürgerliche Gesellschaft (1851) formulierte These denken, der Protestantismus stelle die bürgerlich-kapitalistische Ausprägung des Christentums dar, wohingegen der Katholizismus eher aristokratisch-feudal geprägt sei; aber es würde hier zu weit führen, diese These näher zu beleuchten und ggf. zu problematisieren. So viel wird man aber doch behaupten können, dass die Reformation der Entstehung eines "religiösen Marktes" in der christlich geprägten Welt erheblichen Vorschub geleistet hat. Nicht umsonst bildeten sich innerhalb des Protestantismus immer mehr unterschiedliche Glaubensrichtungen und -gemeinschaften heraus. Die Vorstellung, wer mit seiner Kirche nicht (mehr) zufrieden sei, könne sich ja eine andere suchen oder einfach eine eigene Gründen, scheint dem Protestantismus in gewissem Maße inhärent zu sein - was wiederum den nachfrageorientierten Charakter des religiösen Marktes unterstreicht und verstärkt: Konkurrenz belebt das Geschäft.

Eine Vorreiterrolle bei der Ausdifferenzierung des religiösen Marktes kommt von jeher, und keineswegs zufällig, den USA zu. Als ich mich an die Konzeption dieses Blogartikels machte, kam mir ein Bericht der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahre 2005 in den Sinn, auf den ich zugegebenermaßen jetzt nur deshalb zurückgreifen kann, weil ich schon damals, lange bevor ich das Bloggen für mich entdeckte, einige Gedanken dazu in ein Notizbuch (ein analoges, so mit Papier und so) gekritzelt hatte. In dem Bericht ging es um die so genannten "Megachurches" in den USA. Diese haben es offenbar als Marktvorteil erkannt, ihre Kirchen möglichst wenig nach "Kirche" aussehen zu lassen - nicht nur was die Gebäude angeht, aber das auch. "Wir wollen, dass unsere Kirchen wie Einkaufszentren aussehen", wird ein Prediger aus Arizona zitiert. "Wir wollen, dass die Leute hierher kommen und sagen 'hey, Junge, wo ist denn hier das Kino?'". Wer das bizarr findet, dem kann man nur sagen: Keine Sorge, es geht noch viel bizarrer. In der Saddleback Church in Lake Forest, Orange County/Kalifornien werden, wie die Süddeutsche zu berichten weiß, Brot und Wein beim Abendmahl in plastikverschweißten Portionspackungen gereicht. Lassen wir diese Aussage einmal auf uns wirken: Brot und Wein beim Abendmahl in plastikverschweißten Portionspackungen.
Man möchte das für einen Witz halten.
Es ist aber offenbar keiner.

Die Süddeutsche kommentiert: "Die neuen Kirchen Amerikas haben das Mystische der traditionellen Kirchen aufgegeben, sie haben die Gewänder abgelegt und die alten Riten, haben Gebetsbücher durch Videoclips ersetzt und Choräle durch Rock-, Pop- oder Punk-Songs mit Untertiteln, zum Mitsingen wie in Karaokebars. Über Jesus reden sie wie über einen Teenager-Schwarm."
Kein Wunder, dass diese neuen Kirchen, deren Prediger "weniger Geistliche als predigende Entertainer sind, die von ihren Bestsellern leben und von professioneller Pressearbeit", auch "Erfolgsprinzipien fürs Leben" anbieten: Dass Erfolg im Leben als Ausdruck göttlicher Erwähltheit zu betrachten sei, das ist ja schon traditionell amerikanische Frömmigkeit und hat dieses Land zur kapitalistischen Supermacht gemacht. Selig sind eben doch die Reichen.

Aber so typisch amerikanisch das alles auch anmuten mag: In Ansätzen finden sich manche der hier geschilderten Charakteristika auch hierzulande in christlichen Gemeinden - kennen gelernt habe ich dergleichen bislang hauptsächlich in Freikirchen, aber der Stimmen sind nicht wenige, die einem erklären, auch und gerade die "großen" Kirchen könnten dringend etwas frischen Wind aus dieser Richtung gebrauchen. Während die Anhänger der Megachurches in den USA politisch als strikt konservativ bis reaktionär gelten - der zitierte SZ-Artikel schreibt ihnen einen großen Anteil an der Wiederwahl George W. Bushs im Jahr 2004 zu -, dürften die Befürworter eines trendigeren, poppigeren Auftretens der Kirche hierzulande tendenziell eher links bzw. grün orientiert sein - Plastikverpackungen gäbe es bei denen also wohl eher nicht. Eine gewisse MTVisierung der Frömmigkeitsformen ist aber hier und da doch zu beobachten.

Nun kann man natürlich fragen, was daran schlecht sein soll. Kirche (gern ohne den bestimmten Artikel verwendet!) muss schließlich irgendwie die Leute erreichen, das wird umso deutlicher, je weniger sie "von alleine" kommen; ist es da nicht irgendwo sinnvoll, die Leute "da abzuholen, wo sie stehen"? - Nun wohl, aber ob es dazu der beste Weg ist, sich ein marktkonformes, trendig-poppigeres und möglichst wenig "kirchlich" anmutendes Aussehen zu geben, sich also zumindest im Erscheinungsbild "der Welt anzugleichen" (vgl. Röm 12,2) - das darf wohl bezweifelt werden. Zumal ich mir, strukturkonservativ wie ich von Haus aus nun mal bin, die Überzeugung nicht so leicht ausreden lasse, dass eine Banalisierung der Formen mehr oder minder zwangsläufig auch eine Banalisierung der Inhalte nach sich zieht. Das hat ja, aus Sicht des "Konsumenten", auch eine gewisse Logik, denn der müsste sich ja verarscht fühlen, wenn er in der bunt-poppigen Verpackung dieselben alten Inhalte vorfände, die ihn bisher immer von der Kirche abgeschreckt oder gar aus ihr vertrieben haben. Mehr noch: Wem sich die Kirche mit dem Gestus des Dienstleisters nähert, dem kann man kaum verdenken, dass er von ihr erwartet, sie solle ihm das geben, was er will - und nichts das, was sie will. Da muss man sich auch nicht mehr wundern, wenn allerorten Ansprüche an die Kirche gestellt werden, sie solle ihre Lehre gefälligst der "Lebenswirklichkeit" der Menschen anpassen.

Was mich übrigens daran erinnert, dass ich ungefähr zur selben Zeit wie den Artikel über die "Megachurches", und ebenfalls in der SZ, eine Kurznotiz über Willi Weber entdeckte - den man wohl hauptsächlich als Manager der beiden rennfahrenden Schumacher-Brüder kennt oder kannte, der aber, wie ich nebenbei erfuhr, auch Berater von Fernsehpfarrer Jürgen Fliege ist oder war. Fliege, auch so ein Kronzeuge für eine selbstgebastelte synkretistische Wohlfühl-Religion. Aber reden wir nicht davon; interessant an der besagten Kurznotiz über Willi Weber fand ich vor allem die Information, dass er Buddhist sei. Zunächst überraschte mich das. Ich hatte immer gedacht, der Buddhismus lehre "Leben und leben lassen" oder so ähnlich, jedenfalls eine friedliche und genügsame Lebenseinstellung, und nicht "get rich or die tryin'". Bezeichnend war allerdings der Grund, weshalb der ehemalige Katholik Weber sich von der Kirche abgewandt hatte: "Die Aussicht, in der Hölle landen zu können, empfand er als ständige Bedrohung." Na, das allerdings glaube ich ihm aufs Wort.

Aber auch wenn wir uns persönliche Invektiven gegen den wegen seiner Geschäftspraktiken berüchtigten und wegen mehrerer Fälle von Untreue zu Haftstrafen auf Bewährung und Geldstrafen in einer Gesamthöhe von über einer Million Euro verurteilten Herrn Weber mal verkneifen: Ist es nicht reichlich infantil, wenn man beschließt, nicht an die Hölle zu glauben, weil man nicht will, dass es sie gebe? Wer das tut, der glaubt wohl auch, er würde unsichtbar, wenn er sich die Augen zuhält. Aber im Ernst: Unterscheidet sich das wirklich so sehr von der Haltung, die jemand an den Tag legt, der (beispielsweise) einen Fragebogen zur Sexualmoral ausfüllt und dann erwartet, dass die Kirche ihre Lehre an die Ergebnisse dieser Fragebogenaktion anpasst? - Mir persönlich erscheint die Vorstellung, man könne sich aussuchen, woran man glauben möchte, völlig absurd: Das ist in meinen Augen kein Glaube, jedenfalls keiner, der ernsthaft diesen Namen verdient. Weil ihm die Dimension der Wahrheit fehlt. Wie heißt es so schön: Wahrheit ist das, was sich nicht ändert, nur weil es dir nicht gefällt. Trotzdem ist Willi Webers Konversion vom Katholizismus zum Buddhismus nur eines von vielen Beispielen dafür, dass "die Leute" eben doch meinen, sie könnten sich den Glauben aussuchen, der ihnen am besten gefällt bzw. passt. Und wie soll man ihnen das verübeln, wenn ein nachfrageorientierter religiöser Markt ihnen genau das suggeriert?

Nun sollte ich aber langsam mal zum Schluss kommen. Also gut: Vor ein paar Wochen hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem mir zuvor so gut wie Unbekannten, der verriet, er sei von Haus aus katholisch, und wenngleich er persönlich nicht besonders gläubig sei, so schätze er doch die Kirche. Das fand ich interessant, denn mir scheint, häufiger bekommt man das Gegenteil zu hören: dass Menschen sich selbst als ausgesprochen gläubig betrachten und bezeichnen, der Kirche jedoch distanziert bis ablehnend gegenüberstehen. -- Mein Gesprächspartner hob hervor, er schätze an der Kirche nicht zuletzt das Unzeitgemäße - ihre Weigerung, sich dem Zeitgeist anzubequemen, oder anders ausgedrückt: ihr Beharren auf dem Ewigen, das die Zeiten und Moden überdauere. Ganz im Sinne des berühmten Satzes Chestertons also, allein die Kirche bewahre den Menschen "vor der erniedrigenden Sklaverei, Kind seiner Zeit zu sein". Weiter führte mein Gegenüber aus, die Kirche sei die einzige große und bedeutende Institution, die sich überzeugend und glaubwürdig der Logik des Kapitalismus verweigere - insofern, als sie nichts anbiete. Diese Formulierung machte mich erst einmal stutzig: Wie, die Kirche bietet nichts an? Aber mir leuchtete dann doch recht bald an, dass "Angebot" hier im marktwirtschaftlichen Sinne zu verstehen ist: Die Kirche bietet keine Waren oder Dienstleistungen an, die man gegen einen festgesetzten oder verhandelbaren Preis erwerben könnte. --- Zugestanden, die Kirche als Institution, als Körperschaft, umfasst durchaus Untergliederungen, die in ihrer Tätigkeit sehr wohl wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegen, aber im Ganzen ist sie kein Wirtschaftsunternehmen; denn das, was man ihr "Kerngeschäft" nennen könnte, ist eben kein "Geschäft". Ganz schlicht könnte man sagen: Das, was die Kirche in letzter Konsequenz "anbietet", ist das Heil. Dieses ist aber kein Artikel, den man erwerben und zu all seinen anderen Besitztümern ins Regal stellen könnte. Man kann es sich nur schenken lassen - aber dieses Geschenk anzunehmen bedeutet zugleich, sich selbst ganz und gar, mit Leib und Seele, an dieses Geschenk hinzugeben. Das ist eine Transaktion, die sich der Logik des Marktes prinzipiell entzieht; und das kann in einer Gesellschaft, die daran gewöhnt ist, buchstäblich Alles unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten, gar nicht deutlich genug betont werden.

Festzuhalten bleibt bei alledem natürlich, dass die Kirche, will sie ihrem missionarischen Auftrag gerecht werden, in irgendeiner Form auf die Menschen zugehen muss. Und da kann man durchaus der Auffassung sein, in einer so sehr vom Markt bestimmten Gesellschaft wie der unseren komme die Kirche gar nicht umhin, sich auch "auf den Marktplatz zu stellen". Tatsächlich ist ja auch schon in der Bibel die Rede davon - allerdings nicht oft: Die Einheitsübersetzung weist ganze 17 Fundstellen für "Markt" auf, darunter sieben für "Marktplatz". Recht geläufig dürfte etwa das Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16) sein, in dem der Gutsherr ja auch auf den Marktplatz geht, um Arbeiter anzuwerben. (In der Luther-Übersetzung hat übrigens sogar das himmlische Jerusalem einen Marktplatz; vgl. Offb. 21,21.) Andererseits darf man wohl mahnend an die ebenfalls nicht wenig bekannte Episode von der Vertreibung der Händler aus dem Tempel erinnern, in der Jesus den Taubenhändlern zuruft: "Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!" (Joh 2,16).

Ich bin weder studierter Theologe noch Altphilologe und habe den Originaltext nicht überprüft, würde aber mal spekulieren, dass im Neuen Testament (und womöglich auch in der Septuaginta) dort, wo in der deutschen Übersetzung "Markt" oder "Marktplatz" steht, das Wort ágorá zu Grunde liegt. Die Agora der alten Griechen war aber nicht nur Marktplatz, sondern zugleich auch zentraler Versammlungsort der polis - Ähnliches gilt für das Forum der Römer. Insofern, als offenbar schon in der Antike alle Angelegenheiten von öffentlichem Belang quasi auf dem Marktplatz ausgetragen wurden, sind wir den alten Griechen und Römern offenbar gar nicht so unähnlich. Insofern stimmt es schon irgendwie, dass auch die Kirche sich auf den Marktplatz begeben muss, wenn sie - nein, ich verkneife mir jetzt die Funktionärsfloskel von der "gesellschaftlichen Relevanz" und sage lieber: wenn sie ihren missionarischen Auftrag erfüllen will. Umso wichtiger ist es aber, dass sie sich in einer Weise präsentiert, dass man sie nicht mit den Geldwechslern und Taubenhändlern verwechselt. Und, machen wir uns nichts vor: Das ist eine schwierige Gratwanderung. Das muss man erst mal bringen - sich zwischen all die "Anbieter von Spiritualität" auf dem "Markt der Religionen" zu stellen und zu rufen:
"Wir haben nichts zu verkaufen. Unsere Sakramente sind keine Dienstleistungen. Wir wollen nur deine Seele."