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Sonntag, 18. November 2012

Til Schweiger, ich will deine Organe nicht

Da ich in letzter Zeit wieder verstärkte Diskussionen über das Thema Organspende aufgeschnappt habe und man ja nun wohl verpflichtet werden soll, bei seiner Krankenkasse anzugeben, ob man im Todesfalle bereit ist, Organe zu spenden, habe ich einen kleinen Text ausgegraben, den ich anno 2010 zum Vortrag auf Lesebühnen geschrieben habe, und möchte ihn nun auch meinen Bloglesern vorstellen. An die Werbekampagne, die seinerzeit den Anlass zu diesem Text gab, wird sich wohl noch Mancher erinnern. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass auf der inhaltlichen Seite noch Manches zu ergänzen oder zu differenzieren wäre - so bin ich z.B. nicht auf die Problematik des Hirntodkriteriums eingegangen -, aber der Text ist ohnehin eher satirisch angelegt, und für sachliche Ergänzungen steht ja das Kommentarfeld weit offen... Also, Vorhang auf für:

Til Schweiger, ich will deine Organe nicht

Darf ich Sie mal etwas Persönliches fragen? – Was halten Sie eigentlich von Organspende? Oder, präziser gefragt: von der aktuell laufenden Werbekampagne zu diesem Thema? Ich muss gestehen, ich finde die ziemlich penetrant. Ich kann ja kaum zwei Stationen mit der U-Bahn fahren, ohne dass irgendein B-Prominenter via Bildschirm oder Plakat Anspruch auf meine Organe anmeldet. Außerdem hasse ich es, wenn Werbung mir ein schlechtes Gewissen einzureden versucht. „Schau dich um: Nur jedem Siebten hier ist dein Leben nicht egal.“ Das ist eine sonderbare Aussage. Wenn von den Menschen, die zufällig mit mir in der U-Bahn sitzen (oder stehen), tatsächlich jeder Siebte an meinem persönlichen Wohl und Wehe Anteil nähme, erschiene mir das schon sehr viel. Aber so ist es ja gar nicht gemeint. Gemeint ist vielmehr: Wer nicht im Besitz eines Organspenderausweises ist, beweist damit, dass seine Mitmenschen ihm scheißegal sind. Im Umkehrschluss wird damit unterstellt, die rund 14 Prozent der Bevölkerung, die einen Organspenderausweis haben, hätten tatsächlich ein genuines persönliches Interesse an mir. Eine irritierende Vorstellung, insbesondere wenn zu diesen 14 Prozent solche Knallchargen wie Til Schweiger gehören.

Davon, dass ein allzu ausgeprägtes Interesse am Leben derAnderen ja auch seine totalitären und/oder psychopathischen Züge haben kann, will ich hier gar nicht erst anfangen – schließlich geht es hier in Wirklichkeit weniger um das Leben als vielmehr um die Leber der Anderen. In den 70er und 80er Jahren gab es mal den Slogan „Mein Bauch gehört mir“ – womit gebärunwillige Frauen proklamierten: Wenn so ein kleines Wesen meint, es könnte sich ohne meine Einwilligung neun Monate lang mietfrei bei mir einquartieren, drohe ich mit Eigenbedarfskündigung. Das galt damals als fortschrittlich. Wer hingegen heute darauf besteht, seine Innereien für sich zu behalten und gegebenenfalls mit ins Grab zu nehmen, muss sich als reaktionär verschreien lassen. Unser Bauch gehört nicht mehr uns: Leber, Herz, Nieren – alles nur geliehen, gemietet, geleast. Von wem? – Von der „Allgemeinheit“. Das mag schwammig klingen, aber konkreter geht es nicht. Noch so ein Spruch aus den 80ern: „Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geliehen.“ Das fand ich schon als Kind bescheuert. Wieso von unseren Kindern? Wie können die uns etwas leihen, noch dazu etwas, was ihnen ja nun wohl auch bzw. erst recht nicht gehört? Ich hatte schon damals den Verdacht, diese Metapher mit den „Kindern“ sei nur ein Ausweichmanöver, um nicht von Gott sprechen zu müssen. Selbst der evangelischen Kirche scheint es ja heutzutage peinlich zu sein, von Gott zu sprechen. Aber ich schweife ab.

Zurück zum Thema: Ein ganz eigenes Dilemma bei der Organspende ist ja, dass man, um ein geeigneter Spender zu sein, möglichst gesund sterben müsste. Und wer will schon gesund sterben? Eine tödliche Krankheit ist vielleicht nicht sehr schön, aber gesund sterben erscheint so sinnlos: Solange man gesund ist, könnte man doch auch am Leben bleiben. - „Na, für dich ist es vielleicht sinnlos, wenn du gesund stirbst“, höre ich den Chor der Organspende-Propagandisten rufen, „aber nicht für die Allgemeinheit!“ Da ist sie wieder: meine alte Freundin, die Allgemeinheit.
Man könnte ja fast vermuten, die Organspende-Lobby stecke auch hinter dem Rauchverbot. Wann sehen wir die erste Zigarettenschachtel mit dem Aufdruck „Rauchen fügt Ihnen und späteren Nutzern Ihrer Organe erheblichen Schaden zu“? Auch bei alkoholischen Getränken wäre so ein Warnhinweis nicht schlecht: „Schonen Sie Ihre Leber – sie wird noch gebraucht!“
Zum Beispiel, womöglich, von Til Schweiger. Aber der ist dafür ja auch bereit, seine eigenen Organe auf den Markt zu werfen, wenn ihm die Stunde schlägt. Anders als viele andere: „Obwohl die meisten Menschen im Falle eines Falles ein Spenderorgan akzeptieren würden“, heißt es in der Kampagne, „ist nur jeder Siebte bereit, nach seinem Tod selbst Organspender zu sein.“ Na gut: Es wäre ja durchaus diskutabel, eine Regelung einzuführen, dass Menschen, die selbst Organspender sind, bei der Zuteilung lebenswichtiger Spenderorgane bevorzugt behandelt werden. Das hätte dann auch den Vorteil, dass man ein und dasselbe Organ mehrmals hintereinander transplantieren könnte. Wie viele Menschen können wohl nacheinander dasselbe Organ benutzen, ehe es kaputt geht? Drei, vier, fünf? Da gewinnt der Begriff „Wanderniere“ eine ganz neue Bedeutung!

Was ich mich jedoch frage: Kann ich auch irgendwo unterschreiben, dass ich im Ernstfall keinesfalls ein Organ von Til Schweiger eingepflanzt bekommen möchte? Ich fürchte nämlich, das würde heftige Abstoßungsreaktionen meines restlichen Körpers auslösen. Und wenn nicht – wenn, umgekehrt, das Schweiger-Organ sich durchsetzt und meinen gesamten Organismus unterwandert? Fange ich dann an zu nuscheln und nur noch zwei verschiedene Gesichtsausdrücke zu beherrschen?

Noch etwas, was mich an dieser Kampagne ärgert, ist ihr Name: „Pro“. Einfach nur „Pro“, ohne Zusätze. „Pro“ irgendwas will ja heutzutage jeder sein. In den USA lautet der Slogan der Abtreibungsbefürworter „Pro Choice“, derjenige der Abtreibungsgegner „Pro Life“. In Berlin gab’s vor ein paart Jahren „Pro Reli“, und die Gegenkampagne nannte sich nicht etwa „Anti Reli“, was sachlich korrekt gewesen wäre, aber einen schlechten Eindruck gemacht hätte, sondern „Pro Ethik“. So ist das heutzutage: Wer mit seinem Anliegen ernst genommen werden will, muss nicht gegen etwas sein, sondern für etwas. Ist man nicht für das eine, dann ist man für das andere. Indem die Organspende-Befürworter sich aber einfach nur „Pro“ nennen, lassen sie ihren Gegnern nur die Möglichkeit, einfach nur „Anti“ zu sein.

Aber sehen wir den Tatsachen ins Auge: Da ist was Wahres dran. Es gibt keine Argumente gegen Organspende. Sogar der Papst befürwortet sie, was mir jede Möglichkeit nimmt, zu behaupten, ich wäre aus religiösen Gründen dagegen. Da müsste ich schon Zeuge Jehovas werden, und davon möchte ich ja nun doch lieber absehen. Nein, wirklich: Organspende rettet Leben und schadet niemandem. Dagegen zu sein, ist tatsächlich eine reine Anti-Haltung. Mit anderen Worten: Gegen Organspende zu sein, ist Punk. Die pure Negation, ohne positive Alternativen zu bieten. Eine stolze, eine schöne Haltung, wenn auch vielleicht ein wenig asozial. Ich sollte Johnny Rotten anrufen und ihn fragen, ob er einen Organspenderausweis besitzt. Und wenn er „Ja“ sagt, verstehe ich die Welt nicht mehr.

Kommentare:

  1. Ob Organspende niemandem schadet (z.B. hinterbliebenen Eltern eines Unfallopfers, die ihr Kind nicht bis zuletzt im Arm halten durften), ist noch sehr die Frage. Und definitiv gibt es Gründe, sie abzulehen.
    http://kalliopevorleserin.wordpress.com/2012/03/27/warum-ich-keine-organe-spende/

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    1. Danke! Genau solche ergänzenden Hinweise habe ich mir gewünscht. Der Text braucht sie.

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