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Donnerstag, 18. Oktober 2012

Ein paar Kleinigkeiten zu Pius XII.

Meine Mutter erzählte mir mal, sie habe früher Angst vor Papst Pius XII. gehabt. Man muss allerdings dazu sagen, dass sie, als Pius XII. am 9. Oktober 1958 nach fast 20jährigem Pontifikat starb, noch keine zehn Jahre alt war. Jahrzehnte später - ich war elf - besuchten meine Eltern, meine Geschister und ich den Petersdom, und da fiel mir eine Statue Pius' XII. ins Auge, die mich tief beeindruckte. Scharfe Gesichtszüge, eine große runde Brille unter einer riesenhaften Mitra; eine lange, schmale Hand, die an unerwarteter Stelle aus dem Umhang hervorschaut; eine Haltung, die Wachsamkeit und Distanz ausdrückt. Dass eine solche Gestalt manchem Betrachter angst machen mag, konnte (und kann) ich durchaus verstehen; aber auf mich wirkte sie nicht beängstigend, sondern zutiefst faszinierend. Ich wusste damals kaum etwas über den Papst, den dieses Standbild darstellte, aber ich vergaß diesen Anblick nie.

Inzwischen weiß ich natürlich erheblich mehr über Pius XII. - und glücklicherweise nicht nur das, was man von kirchenkritischer Seite so hört oder liest. Unmittelbar nach dem Tod dieses Papstes erschienen in der internationalen Presse - auch in als ausgesprochen kirchenkritisch bekannten Blättern - sehr respektvolle Nachrufe, die ihn als bedeutende und ehrwürdige Persönlichkeit zeichneten; aber wenige Jahre später, 1963, erschien Rolf Hochhuths Drama Der Stellvertreter, dem der erstaunliche Erfolg beschieden war, einen schriftstellerisch nur mäßig begabten ehemaligen Buchhändler zum shooting star der dramatischen Literatur zu machen und gleichzeitig das Andenken Pius' XII. nachhaltig zu beschädigen. Fortan war er in den Augen einer breiten Öffentlichkeit nur noch "der Papst, der den Holocaust nicht verhindert hat". Über dieses Thema ist viel geschrieben und gestritten worden, und es ist wohl nicht notwendig, die Debatte darüber, was Pius XII. während der NS-Zeit tatsächlich getan und nicht getan hat, was er hätte tun können, tun sollen oder tun müssen, hier im Detail nachzuzeichnen; festzuhalten bleibt, dass sich trotz aller Gegenbeweise, die zum Teil schon lange, zum Teil aber auch - bedingt durch die Freigabefristen für Dokumente aus den Vatikan-Archiven - erst seit relativ kurzer Zeit vorliegen, bei vielen Menschen hartnäckig die Meinung hält, Pius XII. habe sich den Nazis gegenüber entweder feige und opportunistisch verhalten oder aber sogar mit ihnen sympathisiert.

Dass er es unterlassen habe, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um die europäischen Juden vor der Verfolgung und Ermordung durch die Nazis zu schützen, ist allerdings nicht das Einzige, was man Papst Pius XII. zu Unrecht vorwirft. In Hinblick auf innerkirchliche Fragen wird er vielfach als erzreaktionärer Hardliner dargestellt, der die Kirche in eine ideologische Erstarrung geführt habe, die erst von seinem bis heute enorm populären Nachfolger Johannes XXIII. aufgebrochen worden sei. Gerade anlässlich des aktuellen Jubiläums des II. Vatikanischen Konzils wird dieses Bild in den Medien gern wieder aufgewärmt, anstatt dass mal jemand darauf hinweisen würde, dass Pius XII. bedeutende Vorarbeiten für dieses Konzil geleistet hat.

Für Bewunderer und Verehrer Pius' XII. ist es natürlich schmerzlich - oder, weil man das alles irgendwann ja zur Genüge kennt, vielleicht auch einfach nur ermüdend - zu sehen, wie viel "schlechte Presse" er bis heute bekommt (was aber ja, beispielsweise, bei Benedikt XVI. auch nur graduell anders ist); umso schöner ist es dann aber, an Orten auf positive Würdigungen dieses großen Papstes zu stoßen, wo man es am wenigsten erwarten würde. Ein paar solcher Erlebnisse möchte ich hier gern mit meinen Lesern teilen.

Vor einigen Jahren besuchte ich einmal einen ökumenisch ausgerichteten geselligen Abend "mit Programm" in einem von der katholischen Pfarrei Herz Jesu in Berlin-Prenzlauer Berg betriebenen Café; neben dem Pfarrer von Herz Jesu, Pater Gerold Jäger, wurde dort auch eine evangelische Diakonissin "interviewt" - ich hatte bis dahin gar nicht gewusst oder geahnt, dass es in den evangelischen Kirchen auch so etwas Ähnliches wie Ordensschwestern gibt. Die besagte Frau, Schwester Heidi, arbeitete damals an einem Projekt für "Kinder aus Problemfamilien" und machte einen außerordentlich sympathischen Eindruck; ich schätzte sie auf etwa 60 Jahre. Sie berichtete, wichtige Impulse für ihr Leben mit Gott habe sie dadurch erhalten, dass sie als Kind in einem katholischen Kinderheim in Freiburg gelebt habe. Einmal, so erzählte sie, habe sie es durchgesetzt, zusammen mit den katholischen Kindern aus ihrem Heim zu einer Maiandacht im Freiburger Münster gehen zu dürfen, die - man höre und staune - von Papst Pius XII. zelebriert wurde. Als die anwesenden Kinder vom Papst gesegnet werden sollten, wies die kleine Heidi schüchtern darauf hin, sie sei aber evangelisch; man beschied ihr jedoch, das "mache nichts". Die Begegnung mit dem Papst beeindruckte sie jedenfalls tief - so tief, dass sie hinterher ihre Betreuer aus dem Kinderheim fragte, ob das der liebe Gott gewesen sei...

Eine erstaunliche Erwähnung Pius' XII. entdeckte ich zudem in dem, wie ich glaube, unverdientermaßen ziemlich unbekannten Roman Pinocchios Nase von Jerome Charyn (deutsche Ausgabe Düsseldorf 1990). Der Autor stammt väterlicher- wie mütterlicherseits von in die USA emigrierten ukrainischen Juden ab, und dieses Herkunftsmilieu prägt in unterschiedlichem Maße auch alle Romane von ihm, die ich kenne; davon abgesehen kommt in seinen Büchern, auch in diesem, regelmäßig jede Menge Sex & Crime vor. Besondere Sympathien für die Katholische Kirche wird man von ihm nicht unbedingt erwarten. Die Handlung von Pinocchios Nase ist sehr komplex; ein zentraler Handlungsstrang dreht sich darum, dass der Ich-Erzähler, ein gescheiterter High-School-Lehrer und erfolgloser Romanautor, für seinen Cousin, den er von einer schweren Schreib- und Leseschwäche (Dyslexie) heilen soll, eine Version des Kinderklassikers Pinocchio erfindet, die im faschistischen Italien spielt. Im Verlauf der Handlung schlüpft der Ich-Erzähler dann selbst in die Rolle Pinocchios und erlebt aus dessen Perspektive die Endphase des II. Weltkriegs in Italien bis zur Ermordung Mussolinis mit. Im Zuge dessen schildert er einen alliierten Luftangriff auf den römischen Stadtteil San Lorenzo; unmittelbar daran schließt sich die folgende Passage an:
"Eine schwarze Limousine fuhr in die Trümmer, eine gelb-weiße Flagge am Stander. Ich wußte, zu welchem Emirat diese Flagge gehörte. Meine Kinder brauchten nicht in den Wagen zu starren.
'Ecco - il papa!'
Sie bedeckten ihre Brustwarzen mit den Händen, fanden es unanständig, unbekleidet vor dem schwarzen Mercedes zu stehen. Zwei Priester halfen einem Mann mit langer Nase aus dem Auto. Ich hätte schwören können, es war ein weiterer Pinocchio mit Goldrandbrille. Es war nur Pius.
Seine Heiligkeit segnete die Kinder für ihre Schufterei in den Ruinen; und daß ihnen die Hemden fehlten, störte ihn gar nicht. Er spazierte durch die Trümmer, Tränen unter dem Goldrand. Die beiden Priester verteilten Geld und kleine Essenspäckchen. Pius ging von Haufen zu Haufen und sprach jene los, die im Sterben lagen, seine weiße Soutane war mit Blut befleckt.
Ich mochte diesen anderen Pinocchio, Leute, auch wenn es il papa war, vor dem mich mein Babbo gewarnt hatte und den ich mißachten sollte. Pius war kein Fuzzi, der nur im Petersdom herumsaß. Er war der erste Soldat, der nach der Entwarnung in San Lorenzo eintraf." (S. 270f.)
Die Wirkung dieser Szene wird noch gesteigert dadurch, dass kurz nach dem Papst auch der König in San Lorenzo auftaucht, auch er begleitet von Untergebenen, die Spenden verteilen; aber im Gegensatz zu Pius wird Vittorio Emanuele von den Luftangriffsopfern beschimpft.

Im Kontext der Romanhandlung ist das nur eine Episode, hebt aber einen wenig gewürdigten Aspekt des Pontifikats Pius' XII. hervor: wie viel es für die Bevölkerung Roms bedeutete, dass der Papst trotz des Luftkriegs im Vatikan ausharrte, statt sich an einen sicheren Ort zurückzuziehen. Da wirkt es denn doch mehr als abwegig, ihm angesichts seines Verhaltens in der Zeit der faschistischen Diktatur und des II. Weltkriegs Feigheit und/oder Opportunismus zu unterstellen...

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